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Freitag, 25. Oktober 2019

Fire And Fighting Are The Flowers of Edo

Höflichkeit, Respekt, Disziplin, Pünktlichkeit - das alles sind Werte, die wir auch in unserer japanischen Kampfkunst Karate leben. Torsten und ich haben grade zwei Wochen Japan erleben dürfen - und wir sind wieder einmal beeindruckt von der gelebten japanischen Kultur!

Die Höflichkeit und die Disziplin beim Schlangestehen an den Zügen haben mir wieder sehr imponiert - kein Schubsen, kein Drängeln - und wenn man mal aus Versehen jemanden anrempelt, dann wird sich fünfmal entschuldigt! Respektvoll wird älteren Menschen oder Eltern mit kleinen Kindern der Sitzplatz angeboten.

Erst aktuell bei meinem dritten Japanaufenthalt, habe ich es erlebt, dass Schnellzüge (Shinkansen) einmal ausgefallen bzw. deren Betrieb eingestellt wurden - Grund war ein angekündigter Taifun, der schwerste, der seit rund 50 Jahren auf die Insel treffen sollte! Am Folgetag hatten die Schnellzüge im Schnitt 5 Minuten Verspätung! In Deutschland hätte so eine Naturkatastrophe vermutlich wochenlang für Ausfälle und Verspätungen gesorgt!

Zudem sind die Stadtbilder von Sauberkeit geprägt - kein Müll liegt herum. Und das, obgleich es in der Öffentlichkeit kaum Mülleimer gibt! Besucher von Sportstätten wie z. B. dem Budokan in Naha auf Okinawa werden gebeten, ihren (Verpackungs)Müll mit nach Hause zu nehmen. An den Häuserwänden gibt es keine Graffiti oder Schmierereien, es liegen keine Zigarettenstummel auf den Bürgersteigen herum. Wenn man ein privates Haus betritt, werden die Schuhe ausgezogen (im Übrigen gilt das auch für einige öffentliche Gebäude, wie das Budokan), damit kein Dreck hinein getragen wird.

All dies wird häufig begleitet von großer Achtsamkeit - beim Bezahlen im Geschäft werden Kreditkarte oder Geldschein mit beiden Händen angereicht und das Bezahlen wird mit einer kleinen Verbeugung begleitet.

Für Unannehmlichkeiten wird sich vielfach entschuldigt - wie z. B. auch an einer Baustelle auf Okinawa gesehen:

Am Tag unserer Anreise fegte grade Taifun Hagibis über die Insel - und am nächsten Morgen sah man in den Straßen Tokios - nichts! Alles lief zumindest augenscheinlich wie immer! Ich kann mir vorstellen, dass dieses Land so wie es ist, nur funktioniert, wenn viele Menschen viel arbeiten und ich habe bereits eine Ahnung davon, dass dies nicht immer so gewertschätzt wird, wie wir dies in Europa kennen und wünschen. Dennoch habe ich hier nie ein Klagen vernommen und niemand scheint sich aufzulehnen oder zu murren. Man tut halt, was zu tun ist, damit die Gemeinschaft funktioniert. 

Vielleicht hat diese Lebenshaltung - kombiniert mit den oben erwähnten Werten - etwas mit der Geschichte des Landes zu tun, speziell mit der Edo Zeit! 

Als Edo Epoche wird die Zeit von ca. 1600 bis zur Meji Restauration Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Das Land wurde vom Tokugawa-Clan regiert, einem Shogunat, begründet durch Tokugawa Ieyasu. Die Samurai, welche bis zum Beginn der Edo-Zeit ausschließlich Krieger waren, wurden nun Höflinge, Bürokraten und Administratoren. Es wurde erwartet, dass ein Samurai diesen neuen Aufgaben mit derselben Hingabe, Intensität und Loyalität nachkam, wie zuvor dem Kriegshandwerk. Zudem gehörten Dichtung, Malerei, Kaligraphie und andere Künste zu den "To-Dos" der adeligen Kriegerkaste. 
Diese gelebte Hingabe an alltägliche Tätigkeiten und der Anspruch an Ästhetik sehe ich auch im japanischen Alltag mit beeindruckender Deutlichkeit. 

Wie auch grade an den Auswirkungen des Taifuns Hagibis erlebt, war und sind die Menschen in Japan regelmäßig Opfer verheerender Naturkatastrophen wie Stürmen, Sturmfluten, Taifunen, Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Früher noch mehr als heute brachten viele dieser Ereignisse auch starke Feuersbrünste mit sich, die Häuser und Ernten vernichteten, Menschenleben kosteten. Bereits in vergangenen Epochen hat dies aber die meisten Menschen, die hier leben, nicht verzagt, sondern offenbar für großen Zusammenhalt gesorgt, der zur Folge hatte und hat, dass Schäden schnell beseitigt und das normale Leben wieder aufgenommen werden konnten. 

In einer heute besuchten Ausstellung im Edo-Tokio-Museum fand ich den Satz "Fire And Fighting Are The Flowers Of Edo" - wie bizarr auf den ersten Blick und wie beeindruckend auf den zweiten! Aus Katastrophen stark werden, zusammenhalten zu können und eine von vielen Werten geprägte Gemeinschaft zu gestalten - das finde ich wundervoll! 

Sonntag, 17. Mai 2015

Technik Details Samurasi Spirit und Osterlehrgang


Freitag, 1. Mai (zwei Einheiten von 16 bis 19 Uhr mit einer Stunde Pause zwischendurch) und Samstag, 2. Mai (vier Einheiten von 10 bis 18 Uhr mit Pausen)

Malcolm: Schwerpunkt auf anwendungs- und selbstverteidigungsbasiertes Karate - wie man es in Johannesburg braucht! Drop and execute - Schwerpunkt senken und angreifen. Weiterer Schwerpunkt: Maximale Hüft-Rotation (sehr ungewohnt, weil fast schon zu viel für unseren Geschmack, vielleicht sogar schon etwas "gegen die Bewegung"). Ganzheitliches Karate-Konzept, das funktioniert und in allen Bewegungsmustern wiederzufinden ist, sei es im Kihon, in der Kata oder im Kumite

Freitagabend: Einleitung mit einem Mondo.
Richtiger ZK: hüftbreiter Stand, vorderer Fuß leicht nach innen gedreht, hinterer Fuß möglichst weit nach vorne, Winkel nach außen maximal 20 Grad. Vorderes Knie über dem großen Zeh. Spannung nach innen und unten.

Beim Gyaku Tsuki noch deutlichere Spannung nach innen, ohne das Knie nach innen fallen zu lassen.  Malcolm möchte aber nicht, dass die Schulter nach vorne ragt - auch beim Gyaku Tsuki soll die vordere Faust nicht weiter rausragen, als die andere, wenn wir zur Kontrolle den anderen Arm strecken.

Bei allen Uke Bewegungen, z. B. auch beim Gedan Barei, soll das Hikite, die Vorspannung, so groß sein, dass der Oberkörper fast 90 Grad zur Laufrichtung einnimmt. Das hintere Knie kann ruhig gebeugt sein, es muss aber nach vorne, in Laufrichtung zeigen.

Übung Selbstverteidigung: kein Tsuki, sondern Haken von außen - ich hatte einen sehr großen, starken Karateka als Partner (Helmut aus Siegen). Sensei wollte auswechseln, aber ich wollte bei meinem Partner bleiben, da mir diese Konstellation (für mich) realistisch erschien. Mein Dickkopf urde mit starken Hämatomen "belohnt"... Aber realistisch war es wohl ;-)

Übung: Schwinger mit rechts und mit links. Tori dreht sich maximal zur Hamni Seite ein und blockt auf Kopfhöhe mit beiden Armen, Handflächen offen (mein Partner hatte leider immer mit den Handkanten geblockt, was in der Selbstverteidigung sicherlich effektiver ist - man sollte es aber im Partnertraining nicht zu oft üben....). Dann maximale Drehung zur anderen Seite mit demselben Block und dann Konter mit rechts. Die zweite Drehung kann auch gesprungen werden.

Später: Konter Gyaku Tsuki mit Gedan Uke und gleichzeitigem Konter Chudan

Übungen von Malcolm mit Yahara-Style: Angriff Tsuki Chudan, Block Soto Uke, Drehung (mit Drehung des kompletten vorderen Fußes!) und Uraken und nochmal Drehung zurück mit Uraken

Hieraus wurde dann Okuri-Kumite-Übung zu fünft: Angriff jeweils Tsuki Chudan - erster Block der Doppelblock von eben, zweiter Angreifer ist im Uhrzeigersinn der nächste - dafür Drehung hinten rum um 270 Grad mit Yoko Geri sofort um die eigene Achse drehen, Knie des tretenden Beins oben lassen, der nächste Angreifer steht in 180 Grad vom vorigen (auf "neun Uhr" vom ersten Angreifer aus gesehen). Tsuki mit Mae Tobi Geri stoppen, dann Drehung links rum auf "6 Uhr" und Block mit Soto Uke und weit ausgedrehter Hüfte - Vorspannung - und dann nach vorne schnellen zum Gyaku Tsuki.

Thomas Schulze:
Schrittfolgen von Thomas und Kumite von Thomas: Tori Angriff Tsuki Chudan, dann Druck auf vorderes Bein und 45 Grad rausgleiten mit demselben Arm Gedan Barei, dann Gyaku Tsuki

Variante: Tori Angriff Tsuki Chudan, vorderes Bein schräg nach hinten ziehen und mit dem anderen Arm Gedan Barei, Gyaku Tsuki.

Das dann mit Partner, wobei der Partner nur zurück geht mit Soto Uke und kontert
Die zweite Tori-Kombination war erheblich schwieriger am Partner auszuführen, da die Distanz meist nicht optimal war. Habe mir ein schönes Ründchen mit Vladi gegönnt ;-)

In der letzten Einheit: gab es direktere Konter, mehr auf dem Weg zum Freikampf hin: Angriff Kizami Tsuki, Block Soto Uke Jodan mit Gewichtsverlagerung und direkt mit demselben Arm rausschießen Kizami Tsuki und Gyaku Tsuki



Schrittfolgen Emanuele vom Osterlehrgang (alle 8 bei uns üblichen Bewegungsrichtungen enthalten):

li vor stehend:
1. vorgleiten Suri Ashi
2. zurück
3. einen Schritt vor im Zk
4. zurück
5. nach rechts hinten raus mit Tai Sabaki und Suri Ashi
6. das gleiche auf der Stelle gedreht rückwärts
7. einen Schritt rückwärts
8. einen Schritt vor und dabei um 180 Grad drehen
Wieder ausrichten nach vorne mit dem anderen Bein nach vorne

Sonntag, 3. Mai 2015

Samurai Spirit In Siegen 2015

Im Mai 2015 lud der Bushido Siegen e. V. zum dritten mal dazu ein, im Rahmen eines zweitägigen Karate-Lehrgangs den Geist der Samurai kennenzulernen: Unter dem Titel Samurai Spirit boten unser Nationalcoach Sensei Thomas Schulze (5. Dan) und sein Karatemeister, der aus Johannesburg in Südafrika stammende Shihan Malcolm Dorfman (8. Dan), einen erstklassigen Lehrgang. Eine Besonderheit für meinen Karatepartner Torsten Uhlemann und mich: Etwa vier Wochen vor dem Lehrgang meldete sich ein neues Mitglied bei unserer Karateschule an - der aus Südafrika und aus dem Dojo Malcolm Senseis stammende George! Auch unter diesem Aspekt war die Teilnahme am Lehrgang für uns und George natürlich "Pflicht"!

Südafrika, Johannesburg - ein raues Pflaster mit einer extrem hohen Kriminalitätsrate! So ist es kein Wunder, dass Malcolm Sensei seine Zeit nicht auf "schönes" Karate verschwendet, sondern sich darauf konzentriert, wie die Techniken "auf der Straße" funktionieren. Im Dojo mag man für seine nächste Gürtelprüfung trainieren - als Wettkämpfer für Medaillen oder Pokale ... aber all das nützt nichts, wenn man um sein Leben kämpfen muss. Zum Glück leben wir in unserer beschaulichen Westfalenmetropole ja grundsätzlich sehr friedlich und Münster ist sicher kein Vergleich zu Johannesburg. Aber dennoch sollten wir die Grundidee des Karate, "Ikken Hissatsu", nicht aus den Augen verlieren und immer so trainieren, als käme es jetzt auf genau diese eine Technik an, die wir grade ausführen!

Karate zum Überleben - aber auch: Karate ein Leben lang! Malcolm Sensei achtete penibel auf Bewegungsmuster, die es uns ermöglichen sollen, möglichst lange und ohne übermäßige Verschleißerscheinungen zu trainieren. Dies war ihm offenbar so wichtig, dass er zu Beginn des Lehrgangs ein etwa einstündiges Mondo mit uns abhielt, bei dem er uns auf die korrekte Ausführung verschiedener Techniken und die Stellung bzw. Haltung unserer Beine und Arme hinwies.

Das meiste ist jedem, der viele Jahre trainiert, wohl schon bekannt, aber eine Auffrischung in dieser Runde war sehr interessant, zumal man dann anschließend im Training wieder einen neuen Fokus auf die korrekten Bewegungen legte: Das Knie des vorderen Beins sollte über dem großen Zeh stehen, der hintere Fuß sollte maximal 20 Grad ausgedreht sein. Bei der Hanmi-Stellung kann das hintere Knie gebeugt werden, sollte aber dennoch in die Bewegungsrichtung zeigen. Auch auf die korrekte Gewichtsverteilung bei unseren Basis-Ständen Zenkutsu Dachi und Kokotsu Dachi wies der Shihan hin. Wichtig war ihm, dass wir den Körper beim Start einer Technik oder eines Angriffs im Rahmen einer Selbstverteidigungssituation zunächst ein wenig absenken: "drop and execute", so lautete seine Botschaft.

Sein Hauptaugenmerk lag aber mit Sicherheit auf dem korrekten - und für meine Begriffe: extremen  Hüfteinsatz. Die Hüfte sollte jeweils "bis zum Anschlag" ein- bzw. ausgedreht werden, so dass man z. B. bei der Hanmi-Stellung den Oberkörper im Winkel von 90 Grad zur Bewegungsrichtung ausgerichtet hat. Auch wenn ich diese Anweisung im vergangenen Jahr bereits vernommen hatte, so ist sie mir immer noch ungewohnt und scheint mir sehr extrem. Aber ich muss zugeben, dass Malcolms Techniken sehr präzise und stark wirken und mit Sicherheit durch seinen ausgeprägten Hüfteinsatz unterstützt werden.

Auch bei unserem Nationalcoach Sensei Thomas Schulze stand das konsequente und direkte Partnertraining ohne Schnörkel und Kompromisse im Vordergrund. Wir starteten mit auf den ersten Blick recht vertraut wirkenden Bewegungsmustern: vor mit Tsuki Chudan, dann Druck auf das vordere Bein und 45 Grad zurück rausgleiten und mit demselben Arm (dem, der grade den Tsuki gemacht hatte) Gedan Barei gefolgt von Gyaku Tsuki. Variante: Tsuki Chudan, vorderes Bein schräg nach hinten ziehen und mit dem anderen Arm Gedan Barei, Gyaku Tsuki. Dies wurde hinterher zu einer Partnerübung ausgebaut. Mir fiel hierbei die zweite Variante - die, bei der das vordere Bein schräg nach hinten gezogen wurde - erheblich schwerer! Zahlreiche Partnerwechsel hielten den Geist wach und erforderten eine erhöhte Aufmerksamkeit und Flexibilität. 

Thomas Sensei baute die Übungen dann mehr und mehr Richtung Freikampf aus, so dass wir in der allerletzten Einheit am Samstagnachmittag trotz unserer zum Teil schon recht großen Erschöpfung nochmal alle Sinne und Kraftreserven mobilisieren mussten, damit wir gegen unsere Partner bestehen konnten. Das sah nämlich dann z. B. so aus: Angriff Kizami Tsuki, Block Soto Uke Jodan mit Gewichtsverlagerung und direkt mit demselben Arm rausschießen Kizami Tsuki und Gyaku Tsuki - der andere hatte den Kizami zu blocken und konterte Gyaku Tuki Jodan. Ich stand hier der gesamten Siegener Karate-Elite gegenüber, die zum Teil auf Nationalkaderniveau trainieren. Da ging es gut zur Sache und ich durfte mir keine Unkonzentriertheiten erlauben!

Bei Malcolm Sensei erfolgte für mich persönlich der Trainings-Spannungsbogen nicht linear nach oben, sondern in Wellenbewegungen quasi in die Spitze und manchmal auch wieder etwas herunter in Phasen, bei denen ich kurz die Ressourcen schonen konnte. Wir starteten nämlich mit einer "Straßenkampf"-Übung, bei der nicht mit Karatetechniken angegriffen wurde, sondern mit zwei klassischen Schwingern von außen. Hier sollten wir als Uke den Oberkörper weit zur Seite drehen, wie es ja der Trainingslehre des Shihan entspricht. Dabei sollten wir den Angriff jeweils mit unseren Handflächen zur Seite wischen. Bei der Ansage, dass jetzt eine realistische Übung folgen würde, war ich froh, grade jetzt einem Karateka mit sicher 1,90 m Körpergröße und einer furchteinflößenden Statur gegenüber zu stehen. Denn: Wie würde in der Realität im schlimmsten Fall mein Angreifer aussehen? Genau SO! Versuche eines Gehilfen des Senseis, mich einem anderen Trainierenden meiner Größe oder vielleicht einer weiblichen Karateka zuzuweisen, schlug ich daher ziemlich mutig in den Wind. Mein Ungehorsam sollte dann ordentlich bestraft werden, denn ich bezog zwar nicht über Gebühr Schläge - meine Haken wurden allerdings mit Übermaß abgeblockt, und zwar erfolgte die Abwehr nicht wischend und mit den Handflächen, sondern wurden mit den Handkanten abgestoppt. Im Realitätsfall weiß ich jetzt, was ich machen muss, damit es dem anderen den Spaß verdirbt, mich anzugreifen - aber die Übung sollte schon anders aussehen und so trug ich durch die festen Handkantenschläge gegen meine Oberarme im Laufe des Tages zunächst vor allem an der rechten Seite große Schmerzen davon und wurde in den nächsten Tagen mit einem den kompletten Unterarm bedeckenden, in schillernden Farben leuchtenden Hämatom "belohnt".

Dass bei diesem Lehrgang das Thema Kata nicht im Vordergrund stehen würde, hatte ich mir fast gedacht. Dennoch nahm sich Malcolm Sensei mit der Gojushiho Sho eine unserer höchsten Katas vor. Demonstrieren durfte sie kein Geringerer als unser Bundesjugendwart Tobias Prüfert, der mit dieser Kata bereits zahlreiche Wettkämpfe - darunter auch die Deutsche Meisterschaft - gewonnen hatte. Dass auch die besten Karateka gelegentlich korrigiert werden, tröstet vielleicht den ein oder anderen Anfänger - die Korrekturen der Kata von Tobias bezogen sich allerdings lediglich auf die realitätisbezogene Ausführung: Weglassen überflüssiger Schnörkel, die auf einem Wettkampf überzeugen mögen, in der Realität aber wertvolle Sekunden kosten, schnellere Drehungen, um einen Angriff abzublocken etc. pp. Es war sehr beeindruckend, was Tobias mit Malcolm Senseis Hilfe im Laufe der Einheit aus der Kata herausschälen konnte! Wir anderen waren natürlich aufgefordert, ihm nachzutun, was uns vermutlich nur ansatzweise gelang. 

Später folgten dann Übungen im Stile Shiahn Yaharas mit den für ihn typischen Rotations-Kombinationen: Angriff Tsuki Chudan, Block Soto Uke, Drehung (mit Drehung des kompletten vorderen Fußes!) und Uraken und nochmal Drehung zurück mit Uraken Chudan. Die zweite Drehung konnte dann wahlweise auch gesprungen werden, wobei man echt gut aufpassen musste, dass man dem anderen nicht die Faust vor den Kopf schleudert! Es war auf jeden Fall sehr gut nachvollziehbar, dass diese Rotationskraft immensen Schaden anrichten kann! 

Später entwickelten wir dann noch eine Okuri-Kumite-Übung zu fünft - Uke stand in der Mitte und die vier Angreifer außen, jeweils auf 12, 3, 6 und 9 Uhr. Angriff jeweils Tsuki Chudan - erste Uke-Reaktion: Gedan Uke mit gleichzeitigem Chudan Konter; zweiter Angreifer war der im Uhrzeigersinn Nächste: Für Abwehr und Konter musste sich Uke 270 Grad hinten herum drehen und den Angriff mit Yoko Geri Kekomi abstoppen. Das tretende Bein wurde zurück gezogen, Knie oben lassen, denn der nächste Angreifer steht in 180 Grad vom vorigen (auf "neun Uhr" vom ersten Angreifer aus gesehen). Dessen Tsuki sollte mit Mae Tobi Geri gestoppt werden, dann Drehung links rum auf "6 Uhr" und Block des letzten Angriffs mit Soto Uke und weit ausgedrehter Hüfte - Vorspannung - mit abschließendem, nach vorne schnellenden Gyaku Tsuki.

Nach vielen Monaten und Jahren verletzungsbedingter Schonung im Training war ich unendlich dankbar, alle Einheiten des Samurai Spirit Seminars mitnehmen zu können. Allerdings gebe ich zu, dass Torsten und ich kurz vor Ende der letzten Einheit einen schwachen Impuls verspürten, vorzeitig die Heimfahrt anzutreten - eineinhalb Tage Vollgas mit anwendungsorientiertem Karate, vielen Kumite-Sequenzen und zudem ja auch noch einer recht weiten Anreise pro Trainingstag hatten doch ihre Spuren (nicht nur in Form blauer Flecke) hinterlassen. Da aber unser Schüler George noch gut gelaunt und scheinbar top fit zwischen seinen verehrten Senseis hin und her schlenderte und keinerlei Anzeichen von Müdigkeit erkennen ließ, hielten es auch Torsten und ich für unsere Pflicht, bei der letzten Einheit unseren "Mann" zu stehen. Denn - gehört nicht auch dieses Kämpfen um die letzten Kraftreserven, dieser absolute Wille, etwas zu Ende zu bringen zum "Geist eines Samurai"? Ich denke schon und so hielten wir durch und kämpften und überlebten und zumindest ich für meinen Teil kann sagen, dass ich ziemlich stolz am späten Abend meine Pizza genießen konnte, bevor ich total verausgabt in die Daunen sank! 




Sonntag, 4. Mai 2014

Samurai Spirit in Siegen

Anfang Mai 2014 lud das Bushido Dojo Siegen zu einem Karate-Event mit dem vielversprechenden Namen Samurai Spirit Seminar nach Siegen ein. Torsten und ich folgten der Einladung gerne, auch wenn ich selber leider wegen des Trainings in der eigenen Karateschule nur an zwei Einheiten des Seminars teilnehmen konnte.

Bei den Trainern, die uns den Geist der Samurai näher bringen sollten, handelte es sich um keine geringeren, als unseren Bundestrainer Sensei Thomas Schulze (5. Dan) und seinen langjährigen Ausbilder, den aus Johannesburg stammenden Shihan Malcolm Dorfman (8. Dan).

Bereits am Freitagabend freuten sich die Ausrichter über eine gut gefüllte Halle - mit rund 90 Teilnehmern verschiedener Graduierungen deutete sich schon in der ersten Einheit an, das das Seminar ein echter Trainingsmagnet werden würde.

Ich war zunächst davon ausgegangen, dass ich ausschließlich die Einheit am Freitag würde besuchen können, da am Samstag zahlreiche kleine Pandas, Füchse und Tiger in der eigenen Karateschule darauf warten sollten, von mir unterrichtet zu werden. Umso größer war daher meine Freude darüber, dass wir bereits am Freitagabend das Vergnügen hatten, von beiden Senseis unterrichtet zu werden.

Malcolm Shihan hat eine unglaublich motivierende und sympathische Art, seine Karatelehre zu vermitteln. Er hielt uns am Freitagabend zunächst einen kleinen Vortrag über verschiedene Karateverbände, -stile und Trainingsmethoden und darüber, dass sie letztlich alle dasselbe Ziel hätten: Den eigenen Körper zu einer wirkungsvollen Waffe auszubilden. Der südafrikanische Großmeister wies darauf hin, dass er sich und seinen Karate-Do nicht über alles stellen wollte, was wir bisher gehört haben. Er wolle uns nur einen Stück von seinem Karate-Weg anbieten und würde sich freuen, wenn uns das etwas weiter bringt.

Viele der Schwarzgurte, die sich bei dem Seminar mit uns inspirieren ließen, hatten auch wie wir schon unzählige Lehrgänge besucht und zahlreichen Meistern gelauscht. Für mich ist ein Karatelehrgang immer dann besonders wirkungsvoll, wenn mir neue Feinheiten vermittelt werden, die sich mit meinem bisherigen Karateweg zu einer Einheit verbinden. Meine wichtigsten Einflüsse hatte ich ganz unbestritten in den letzten Jahren von Sensei Risto Kiiskilä erhalten und daher war es für mich und auch wohl für Torsten sehr interessant und inspirierend, dass auch die Karatelegende vom Südzipfel der Welt ganz ähnlich erklärte, wie unser Meister aus dem hohen Norden!

Wie oft hatten wir schon gehört, dass das hintere Bein durch eine extreme Gewichtsverlagerung zum "Sitzbein" wird? Die Hüfte liegt auch bei Shihan Malcolm "im Oberschenkel" - auch wenn er das etwas anders beschrieben hat. "Compression and expansion" sind das südafrikanische Äquivalent für "Belasten und Benutzen" (Dank an Torsten für diese Ergänzung ;-) ). Auch viele trainingsphilosophische Inhalte hatten wir so oder ganz ähnlich schon gehört!

Nun war es aber kein Risto-Lehrgang, sondern ein Lehrgang mit Malcolm Shihan und Sensei Thomas Schulze. Und so blieb es uns allen auch nicht erspart, trotz vieler Trainingsaspekte, die einige von uns vielleicht auch beinahe "im Schlaf" hätten ausführen können, an den Feinheiten zu arbeiten. Malcolm und Thomas gaben uns spezielle Bewegungsmuster vor, die uns doch dann in der Umsetzung ein großes Maß an Konzentration abverlangten. So wurde nach einer Technik am Partner nicht zunächst das vordere Bein wieder heran gezogen, um in eine erneute Kamae-Haltung zu gehen, sondern immer zuerst das hintere Bein. Die Absicht, die dahinter steckte, passte zu der unabdingbaren Konsequenz und Fokussierung, die uns Malcolm Shihan vermitteln wollte: Nach dem Angriff sollten wir uns auf keinen Fall darauf verlassen, dass der Gegner ausgeschaltet sei - auch bei größter Anstrengung sei es ja möglich, jederzeit von einem Gegenangriff überrascht zu werden. Daher sollten wir durch das weitere Vorgleiten nach dem Angriff den Gegner unter Kontrolle halten und erst anschließend - sozusagen nach Sichergehen des K.O. - in die Kamae-Haltung wechseln.

Da mich das Training der beiden Senseis dermaßen begeistert hatte, beschloss ich kurzer Hand, auch am Samstag noch für eine nur einstündige Einheit den weiten Weg nach Siegen auf mich zu nehmen. Und ich wurde nicht enttäuscht! Zwar war auch diese Einheit wieder eine für alle Graduierungen, Malcolm Shihan gab uns aber direkt anspruchsvolle Kumite-Kombinationen vor, die sogar zahlreiche der Schwarzgurte auch mental ins Schwitzen brachten. Der Grundgedanke war, mit Tai Sabaki auszuweichen: Nach links oder rechts oder auch diagonal dem Angriff entgegen und knapp am Partner vorbei. Dies noch in Verbindung mit den am Vortag gelernten und zum Teil immer noch ungewohnten Bewegungsmustern (speziell: nach dem Angriff zunächst nicht das vordere, sondern das hintere Bein heranzuziehen und den Druck nach vorne zu halten), machten diese eine Trainingsstunde zu einer besonders kniffligen Lektion! Es war sehr beeindruckend, was Malcolm Dorfman in diesen knapp 60 Minuten aus uns herauskitzeln konnte! Drei verschiedene Abläufe, die dann noch mit verschiedenen Fußfeger-Optionen oder Tritten in die Kniegelenke der Gegner ausgebaut wurden - in Verbindung mit höchster Konsequenz beim Konter bis hin zur vollkommenen Kontrolle am Boden. Unsere Arbeit wurde aufgelockert durch Unterweisungssequenzen des Shihan mit seinen Trainingsassistenten Marco und Lars, die zuweilen nicht nur sehr anschaulich, sondern auch unterhaltsam waren, speziell, wenn es um Anspielungen auf die Körperfülle beider Assistenten ging, die beide recht stattlich sind und über reichlich Hara verfügen :-)

Leider hatte ich das Training von Sensei Thomas Schulze am Samstag verpasst. Aber Torsten berichtete mir, dass es auch hier reichlich "Kopfarbeit" gab bei verschiedenen Kumite-Kombinationen. Ich hoffe, dass ich diese Trainingsinhalte im November bei seinem Lehrgang in Münster oder vielleicht schon vorher auf einem anderen Karate-Event zu "spüren" bekomme und nachholen kann.

Unabdingbare Konsequenz unter dem Aspekt des Ikken Hissatsu, des Töten-Wollen-mit einer einzigen Technik - das ist, so kam es für mich über, der Geist des Samurai! Vermutlich muss man im rauen Umfeld von Johannesburg wohnen, um diesen Geist so intensiv in sich aufzunehmen und vielleicht werden wir anderen, die im wohl behüteten Umfeld deutscher (Groß)Städte aufwachsen, ihn nie wirklich nachempfinden können, aber für die Dauer der Trainingseinheiten in Siegen war der Geist wirklich spürbar und Torsten und ich werden versuchen, dieses Gefühl in unserer Karateschule weiter zu geben.