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Dienstag, 27. Juni 2023

Sicherheit für Ihr Kind - vom Sinn und Unsinn der "Passwort-Regel"

 Warum sich Familien nicht auf die "Passwort-Regel" verlassen sollten ...

In meinem Kurs "Zivilhelden" in Coerde mit Müttern und Kindern ging es unter anderem auch um das Thema "Steig nicht in (fremde) Autos ein". bzw. "Gehe nicht mit (fremden) Personen mit". Hier weiche ich in meinen Kursen vermutlich von einigen populären Methoden ab.

1. Wer ist "fremd"? Fremd ist ganz unbestritten wohl eine Person, die ein Kind noch nie gesehen hat. Als fremd kann man auch Personen bezeichnen, deren Namen man nicht kennt oder die man nur selten sieht. Oder man definiert als fremd alle Personen, die nicht zur Familie gehören. Ich halte auch das für zu ungenau - zumal der größte Teil der Gewalttaten gegen Kinder durch Personen geschieht, die zur Familie oder zum engeren Bekanntenkreis gehören. Ich empfehle hier daher, dass in der Familie klar definiert wird, mit wem ein Kind mitfahren oder mitgehen darf. Dies können "nur Mama und Papa" sein. Oder "auch Oma". Oder vielleicht "Kinderfrau Judith", die das Kind wochentäglich betreut. "Und was ist, wenn das Kind mal mit einem befreundeten Kind im Auto dessen Mutter mitfahren will?" - Dann sollte man das vorher besprechen und für das eine Mal vereinbaren.
2. "Passwort-Regel": Immer wieder lese ich den Ratschlag, dass Eltern mit ihren Kindern ein Passwort vereinbaren sollen: Kommt dann z.B. jemand in die Kita und fordert das Kind auf, mitzukommen oder ins Auto zu steigen, muss das Kind nach dem zwischen ihm und den Eltern vereinbarten "Passwort" fragen. Nur wer das richtige Passwort nennen kann, ist vertrauenswürdig (offenbar egal, ob die Person dem Kind bekannt ist oder nicht) und mit der Person darf und soll das Kind dann mitgehen.
Ich überlege immer wieder, für welchen Fall diese Regelung geeignet ist. Wenn schon beim Wegbringen in die Kita oder Schule klar ist, dass die gewohnte Bezugsperson das Kind nicht selbst abholen kann, dann kann man das bereits zu diesem Zeitpunkt mit Kind und Erzieher*innen / Lehrer*innen besprechen. Sollte es sich um einen Notfall handeln (Mama hatte einen Unfall und ist im Krankenhaus), ist es m.E. zweifelhaft, ob die Mutter noch der abholenden Person das passende Passwort hat sagen können. Und das Kind? Sagt man dem Kind: "Mama hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus", was geht dann wohl in dem Kind vor? Stress und Angst mischen sich zu einem Cocktail, der aller Erfahrung nach das Denken erschwert. Kann sich ein Kind dann noch an die Passwortregel erinnern? Oder an das richtige Passwort? Oder möchte es nur schnell Mama sehen?

Wie oft will man das üben und wiederholen, bis man sicher gehen kann, dass die Regel bei allen Stellen erinnert wird? Wird das Kind auch beim von der Mutter getrennt lebenden Vater nach dem Passwort fragen, wenn er es ohne Absprache von der Kita abholt? Oder beim netten Nachbarn, der das Kind mal "ausnahmsweise" abholen will?
Sollte man die Energie, die in die Passwort-Geschichte aufgewandt wird, nicht besser in andere Strategien investieren, die wirklich wirken? Meiner Meinung nach wiegt diese Idee Eltern und Kinder fälschlicherweise in Sicherheit.
Im Kurs "Zivilhelden" sprach ich dann auch das Thema "Nicht mitgehen/nicht einsteigen" an. Eine Mutter winkte gleich ab: "Ach, da haben wir ja die Passwortregel, nicht wahr (zum Kind)?" Das Kind nickte eifrig. Die Mutter zu den anderen Müttern: "Wenn jemand will, dass meine Tochter mitgeht, fragt meine Tochter nach dem Passwort und nur wenn das richtige Passwort genannt wird, geht sie mit." Tochter nickt wieder. Pause. "Mama?" "Ja?" "Wie ist denn nochmal das Passwort?"


Mittwoch, 13. Oktober 2021

Traumatherapie und Systemisches Aggressionsmanagement (SAM)

Was hat die Verarbeitung von Traumata mit dem Systemischen Aggressionsmanagement (SAM) zu tun? - Erstaunlich viel! 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Schutz vor und der Entstehung von Gewalt. Als Karateka, Karatelehrerin und Trainerin für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung wurde mir schnell deutlich, dass Eigenschutztraining reduziert auf körperliche Selbstverteidigung sehr eindimensional ist und unter Umständen mehr schaden kann als zu nützen. Im Jahr 2013 - fast zeitgleich mit der Gründung der eigenen Karateschule - sah ich in einer TV-Talkshow den Deeskalationstrainer Ralf Bongartz. Ich kontaktierte ihn und ließ mich durch ihn zur Fachpädagogin für Konfliktkommunikation ausbilden - ein Fachbereich, in dem die körperliche Abwehr hinter deeskalierenden Methoden zurück tritt. Durch Ralf erfuhr ich zum ersten Mal von SAM, dem Systemischen Aggressionsmangement, welches von Dirk Schöwe in Rostock entwickelt und vermittelt wird. SAM beschäftigt sich nicht nur mit dem Schutz vor Aggressionen und Gewalt, sondern vor allem auch mit der Entstehung: Das Modell der "Aggressions-Acht" veranschaulicht quasi "kinderleicht", dass Aggressionen und Gewalt grundsätzlich unerfüllte Bedürfnisse vorangehen. 

Aggressions-Acht nach Dirk Schöwe

Ziel ist es nach SAM, bei sich selbst und bei anderen Personen zu erkennen, an welcher Stelle der "Acht" wir oder andere uns bzw. sich in einer Krisensituation befinden - und zu versuchen, die kritische Hemmschwelle in der Mitte zwischen den beiden Aggressions-Kreisen nicht zu überschreiten. Andererseits ist es ggf. möglich, durch Bewusstmachen des Modells auch aus dem kritischen Kreis (auf der Grafik in rot dargestellt) wieder heraus zu kommen oder unser Gegenüber dort herauszuführen - wenn es möglich ist, die eigenen unter der Wut liegenden Bedürfnisse oder die des Gegenübers zu sehen und zumindest ein stückweit anzuerkennen. Mit diesem Bild lässt sich sehr gut in verschiedenen Kontexten arbeiten - wegen der Anschaulichkeit des Modells sogar - wie schon oben angedeutet - bereits mit Kindern. 

Ein Ziel, mit gewalttätigem Verhalten umzugehen könnte bei der Arbeit mit der "Acht" sein, Aggressionen kontrolliert auszuagieren - z. B. durch das Schlagen gegen Schlagkissen, statt gegen andere Gegenstände oder gegen Personen. Dies kann ggf. für eine kurze Entspannung sorgen und wie eine Art "Aggressions-Blitzableiter" wirken. Es sollte aber nicht ausschließlich beim Ausagieren bleiben - denn wenn die unerfüllten Wünsche und Bedürnisse unter der Wut nicht erkannt werden, können Wut und Aggression immer wieder zu Gewalt führen. 

Aus psychotraumatologischer Sicht ist hier z. B. das Modell von Sabine Lehmann (FifaP) hilfreich: Sabine entwickelte das Modell "vom Fühlhirn und vom Denkhirn" - auch dies ist vor allem bereits bei der Arbeit mit Kindern sehr hilfreich, da schon Kinder im Vorschulalter hier Methoden erlernen, aus dem diffusen Emotionsstrudel, der die akute Gewaltsituation auslösen kann, herauszukommen: Durch ein Stoppen der eskalierten Situation ist es möglich, kurz innezuhalten und der Ursache der aktuellen Wut auf den Grund zu gehen. Wenn dies regelmäßig praktiziert wird, können auf kognitiver Ebene Strategien entwickelt werden, um künftig mit Wut und Aggressionen umzugehen, ohne dass die Hemmschwelle überschritten und Gewalt ausgeübt wird. 

Wer sich mit Selbstverteidigung, Eigenschutz oder Konfliktkommunikation beschäftigt, sollte meiner Meinung nach eine gewisse Vorstellung des Themas Trauma haben. Zum einen weil ein Großteil der Menschen, die Selbstverteidigung erlernen wollen, bereits in der Vergangenheit Gewalt erfahren haben und nun lernen wollen, sich vor neuer Gewalt zu schützen. Es muss daher damit gerechnet werden, dass Menschen im Training getriggert oder gar retraumatisiert werden. Dies erfordert einerseits eine besondere Sensibilität hinsichtlich der Übungen und auf der anderen Seite sollten wir wissen, wie wir  z. B. mit einer/m dissoziierten Teilnehmer/in im Training umgehen können. Auch die Absicht, mit der Personen Selbstverteidigung lernen möchten, kann hellhörig machen: Menschen, die bereits im Unterricht durchblicken lassen, dass sie von dem Wunsch nach Rache oder Heimzahlung angetrieben werden, sollten wir möglichst nicht konventionell unterrichten. 

Ich selber habe mich erstmals im Zusammenhang mit dem Studiengang "Geprüfte/r Trainer*in für Selbstverteidigung" bei Armin Hutter an der ILS-Akademie intensiver mit dem Thema Trauma beschäftigt. Hutter hatte das Thema im Zusammenhang mit den Fight-, Flight-, Freeze-Reaktionen im Rahmen der Selbstverteidigung tiefer beleuchtet. Nachdem mein Interesse daran, das Thema tiefer zu erforschen, geweckt war, absolvierte ich zunächst im Anschluss an den Studiengang eine Ausbildung zur Traumapädagogin/Traumafachberaterin (FifaP). Anschließend erlernte ich die EMDR-Technik zur Traumaverarbeitung und begann an der UTA-Akademie in Köln eine zweijährige Ausbildung in der NARM Traumatherapie. NARM beleuchtet Entwicklungstraumata, die - je nachdem, in welchem Alter die stärksten Belastungen stattfanden - verschiedene Ausprägungen annehmen können. Nach der Betrachtungsweise von NARM besteht ein ganz elementarer Zusammenhang zwischen Wut/Aggressionen und einem tief liegenden Schmerz, einer ganz "alten" und tief liegenden Trauer. Ob Erlebtes hier ins Gewicht fällt, um uns zu prägen, dauerhaft zu belasten und "Glaubenssätze" in uns zu verankern, ist ganz individuell. Ganz unbestritten kann erlebte oder beobachtete familiäre Gewalt, können Missbrauch und Vernachlässigung hier die Saat für Entwicklungstraumata setzen. Manchmal reichen aber auch besondere Lebensumstände (z. B. schwere körperliche oder psychische Krankheit eines Elternteils oder eines anderen Familienmitglieds, ein besonders rigider Erziehungsstil oder der Wunsch der Eltern, das Kind könne stellvertretend für Vater oder Mutter eine Sportskanone, eine Eislaufprinzessin oder ein zweiter Mozart werden) aus, um in unserem Alltag als Erwachsene einen Widerhall zu finden und uns vielleicht ein Leben lang zu belasten. Da wir den Ursprung der Belastungen oft im Unterbewusstsein versteckt haben oder die Erlebnisse zwar noch abrufen - den Zusammenhang zu unseren aktuellen emotionalen Disbalancen aber oft nicht erkennen, können die alten Wunden und Schmerzen im Alltag zum Gefühl unerfüllter Bedürfnisse werden und den Verlauf der Aggressions-Acht in Gang setzen. 

Durch das NARM-Coaching können alte Wunden, versteckter Schmerz, verdeckte Trauer angesehen und aufkommende Wut gehalten werden. Sie muss dann nicht mehr ausagiert werden. Es kann gelingen, die Aggressionen im "grünen" Bereich der Aggressions-Acht zu belassen und frühzeitig aufzulösen. Dies ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil effektiven Eigenschutzes, da durch den NARM-Ansatz die Möglichkeit, sich deeskalierend zu verhalten und in Diskussionen und Auseinandersetzungen nicht auf die "Status-Wippe" zu springen, deutlich verbessert wird. 






Sonntag, 7. März 2021

Warum hilft denn keiner? - Gründe für (unterlassene) Hilfeleistung

 Warum hilft denn keiner?

 

Wegschauen und weitergehen: Viele Menschen reagieren in Notsituationen falsch und kneifen, wo Hilfe dringend nötig ist. Doch "unterlassene Hilfeleistung" ist kein Kavaliersdelikt. Angst und Ekel zählen nicht als Ausrede.

 

Wie lässt es sich erklären, dass immer wieder Unfälle oder Verbrechen geschehen, ohne dass anwesende Zeug*innen helfend eingreifen?

 

Zuschauer*innen-Effekt / Bystander-Effekt (Aronson/Wilson/Akert) 

-       Situative Faktoren beeinflussen in bestimmten Fällen das Verhalten von Zuschauer*innen in Notsituationen

-       Hierbei sind drei Phänomene zu unterscheiden: 

o   Pluralistische Ignoranz: Zuschauer*innen nehmen an, dass es sich bei dem beobachteten Vorfall nicht um einen Notfall handelt, weil auch von den anderen anwesenden Personen niemand besorgt wirkt und aktiv wird. Die Untätigkeit wird so interpretiert, dass keine Reaktion notwendig sei.

o   Verantwortungsdiffusion: Hierbei handelt es sich um das Phänomen, dass bei Zuschauer*innen in Notfällen das persönliche Gefühl, für eine Hilfeleistung verantwortlich zu sein, abnimmt, je mehr Personen anwesend sind. 

o   Bewertungsangst / Hemmung: Einzelne Personen greifen im Notfall nicht ein, weil sie fürchten, etwas falsch machen zu können (z. B. bei Erster Hilfe). Je unvertrauter die Situation ist, desto größer ist die Hemmung. Diese Bewertungsangst oder Hemmung kann auch durch die Angst ausgelöst werden, sich vor anderen anwesenden Personen zu blamieren, wenn die Hilfeleistung nicht erfolgreich ist. 

 

Kosten-Nutzen-Modell (Aronson/Wilson/Akert) 

-       Das Leid einer anderen Person kann Zuschauenden unangenehme Gefühle verursachen. Durch Hilfeleistung können diese Gefühle abgebaut werden. In diesem Fall hat die Hilfeleistung einen Nutzen: Die helfende Person fühlt sich nach erfolgter Hilfeleistung besser. 

-       Demgegenüber verursacht die Hilfeleistung häufig einen Aufwand (Überwinden-müssen, Zeitverlust, sich selbst in Gefahr bringen etc.).

-       Die Abwägung zwischen dem guten Gefühl nach einer Hilfeleistung und dem erforderlichen Aufwand ist nach Aronson/Wilson/Akert ausschlaggebend dafür, wie eine Person in einer Notfall-Aktion reagiert. 

-       Die Hilfeleistung geschieht demnach auch aus Eigeninteresse: wenn der Nutzen (das „gute Gefühl“) größer ist als der Aufwand. 

 

Prosoziales Verhalten

-       Umfasst alle Formen zwischenmenschlicher Unterstützung 

-       Urban-Overload-Hypothese (Milgram): Hilfsbereitschaft ist in der reizüberfluteten Umgebung einer Stadt geringer als auf dem Land

 

Warum helfen wir überhaupt? – drei prosoziale Normen im gelebten Alltag (Werth und Mayer)

-       Wir helfen aufgrund von sozialer Verantwortung.

-       Wir helfen aus dem Bedürfnis der Gerechtigkeit heraus.

-       Wir helfen besonders denen, die uns auch helfen würden. 

 

Lässt sich Hilfsbereitschaft lernen? 

Die oben beschriebenen Phänomene sind uns vermutlich allen mehr oder weniger vertraut. Das Wissen darüber kann helfen, in einem entscheidenden Moment nicht tatenlos zu bleiben. Folgende Schritte können uns helfen, Notsituationen einzuschätzen: 

 

1.     Ereignis bemerken: Achtsamkeit im öffentlichen Raum, Menschen und Umgebung mit entspannter Aufmerksamkeit betrachten und auf diese Weise z. B. bemerken, dass eine Person in Not sein könnte

2.     Ereignis als Notfall erkennen: lieber zweimal hinschauen, als wegzuschauen! 

Wenn möglich, die hilfsbedürftige Person fragen, ob sie Hilfe benötigt („Auftrag abholen“) oder andere umstehende Personen fragen, ob sie das Ereignis auch als Notfall wahrnehmen (und vielleicht gemeinsam mit Ihnen eingreifen würden)

3.     Übernahme der Verantwortung: sich nicht darauf verlassen, dass andere helfen und die eigene Unterstützung nicht erforderlich ist

4.     Kompetenz für Notfälle erlangen: Besuchen eines Erste-Hilfe-Kurses, Rettungschwimmer-Kurs belegen, Fort- und Weiterbildungen besuchen, Informations-Angebote der Polizei wahrnehmen; im Zweifel kann fast immer die Polizei per Handy angerufen werden. Wichtig ist, nichts zu unternehmen, was Helfende selbst in Gefahr brächte! 

5.     Bewertungsängste und Hemmungen abbauen: Durch das Wissen über die eigene Kompetenz schwinden Bewertungsangst und Hemmung. Die Kosten-Nutzen-Abwägung wird mit zunehmender Notfall-Kompetenz aller Wahrscheinlichkeit nach zugunsten einer Hilfeleistung ausfallen. 

 

Dienstag, 23. Februar 2021

Selbstverteidigung top down oder bottom up - Teil II

Warum Frauen sich nicht (allein) auf Luisa verlassen sollten...


Ist Luisa hier? Es ist eine einfache Frage, die aber in einer schwierigen Situation helfen soll: Wenn Frauen sich beim Ausgehen sexuell belästigt fühlen. Ist Luisa hier?

Die Idee: Wenn eine Frau bedrängt wird, kann sie sich an die Mitarbeiter wenden und nach der imaginären Luisa fragen. Das Barpersonal soll dann helfen. Ein Taxi rufen, zum Beispiel. Oder an einem ruhigen Ort das weitere Vorgehen besprechen. Diese Idee ist zurückzuführen auf eine Kampagne des Frauennotrufs Münster, die Ende 2016 ins Leben gerufen wurde. Natürlich überlegte ich, ob ich das Luisa-Konzept in meine Eigenschutz-Kurse mit einbeziehen könnte. Ich entschied mich dagegen. Und dies aus folgenden Gründen: 

Die Methode ist für Frauen gedacht, die auf einer öffentlichen Party oder Disco, vielleicht auch beim Stadt-, Schützen- oder Betriebsfest belästigt werden. Dies ist meiner Meinung nach nur ein kleiner Bereich, in dem Frauen Schutz benötigen könnten - ich denke, es macht mehr Sinn, Lösungen anzubieten, die breiter, situationsübergreifend oder sogar grundsätzlich wirksam sind. 

Die Frau müsste in jedem Fall erst einmal die Gelegenheit bekommen, in die Nähe einer Theke zu gelangen, um das Barpersonal anzusprechen. Das wird vermutlich nicht immer möglich sein - vor allem nicht bei größeren Veranstaltungen oder wenn sich z. B. bei einem Stadtfest lange Schlangen an der Getränketheke gebildet haben.

Das Barpersonal muss geschult sein. Laut Seite des Frauennotrufs Münster sind bereits in zahlreichen Städten in Deutschland und auch in der Schweiz einige Lokale an der Aktion beteiligt. Aber was ist, wenn die Frau sich in einem anderen Lokal befindet oder z. B. auf einem Stadtfest? Bei der hohen Fluktuation des Personals im Gastgewerbe ist es vermutlich auch in den teilnehmenden Lokalen nicht immer möglich, ständig alle Personen über die Kampagne zu informieren. Schlimmstenfalls heißt es dann "Luisa? - Nee, kenn ich nicht." 

Oder die Bedienung hinter dem Tresen kennt die Kampagne, hat aber gerade drei Bestellungen zu erledigen und ist bemüht, den Überblick zu behalten - nicht immer kann dann sofort reagiert werden. Hat die Frau dann keine andere Möglichkeit erlernt, sich zu helfen, wäre das eine sehr unglückliche Situation. 

Ist zudem noch Alkohol im Spiel oder empfindet die Frau Angst, so kann dies Stress auslösen und die Abruffähigkeit vermindern, so dass der Frau vielleicht der Name Luisa nicht einfällt. 

Zudem haben ja inzwischen durch die groß angelegte Kampagne auch Männer von dem "Luisa-Code" gehört und das, was ja ursprünglich bezweckt worden war, nämlich, dass eine Frau unbemerkt und quasi auch in Gegenwart des Belästigers durch Nennung des "Codes" um Hilfe bitten kann, kann dann zumindest nicht mehr unbemerkt funktionieren. 

Ich denke daher, dass es sinnvoller ist, Frauen ein breiteres Repertoire für ihren Eigenschutz zur Verfügung zu stellen. Sie sollen in meinen Angeboten lernen,

- ihrer inneren Stimme zu folgen und ihrem Bauchgefühl zu vertrauen, wenn sie sich in Gegenwart eines Mannes (es kann natürlich auch eine Frau sein) nicht wohl fühlen 

- erwünschte Annäherung von Belästigung zu unterscheiden und ihre eigenen Grenzen zu definieren 

- die Fähigkeit zu entwickeln, sich abzugrenzen und in diesem Prozess kreativ zu sein 

- klar zu formulieren, was sie wollen und was sie nicht wollen

- ein sicheres Auftreten zu erlangen durch eine starke Stimme und eine selbstsichere Körperhaltung 

- einen Gefahrenradar zu entwickeln und zu wissen, in welchen Situationen sich welches Maß an Aufmerksamkeit empfiehlt 

- ihr Freizeitverhalten so zu gestalten und ggf. zu planen, dass sie sich weitgehend sicher fühlen (z. B. rechtzeitig zu überlegen, wie sie zu einer Party hinkommen und vor allem: nachts wieder zurück nach Hause)

- intuitive Selbstverteidigungs-Handlungen zu entwickeln

Die "Luisa-Kampagne" ist ganz unbestritten eine gute Gelegenheit, um auf den Umstand der sexuellen Belästigung im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen - für den effektiven Eigenschutz ist sie m. E. aber nur sehr begrenzt einsetzbar. Es ist zudem ein "top down"-Konzept und damit sehr Kopf-gesteuert, da die Frauen in einer bestimmten, brenzligen Situation, die möglicherweise mit Angst und Stress behaftet ist, einen bestimmten Satz abrufen sollen. Aus meiner Sicht sollte Eigenschutz möglichst intuitiv und damit "bottom up" - als quasi "aus dem Bauch heraus" erfolgen. 

Ähnlich geht es mir mit dem Konzept aus Kinder-Kursen, bei dem ein "Passwort" zwischen Eltern und Kindern vereinbart werden soll, damit die Kinder nicht mit fremden Personen mitgehen. Die Personen sollten dann durch das Kind nach dem Passwort gefragt werden und nur wenn das richtige Passwort gesagt wird, geht das Kind mit. Ganz ehrlich? - Als Kind hätte ich in einer Situation, in der ich Angst habe, weil mich z. B. ein fremder Erwachsener anspricht, bestimmt nicht an so eine Frage gedacht! Und leider geschehen die meisten Übergriff auf Kinder nicht durch wildfremde Personen - sondern z. B. durch Verwandte, Lehrer*innen, Priester etc. Ich bezweifle, dass hier eine Passwort-Regel funktioniert. Es ist demnach wieder eine "top down"-Regel, die ich für unpraktisch halte. Meine Empfehlung: Das Kind geht grundsätzlich nicht mit fremden Personen mit. Sollte es Ausnahmen geben, müssen diese EINZELFÄLLE im Familienkontext vereinbart werden. 

Selbstverteidigung "top down" oder "bottom up"? - Teil I

In der Karateschule Fuji San Münster verfolgen wir ein ganzheitliches Eigenschutz-Konzept, das weit über die körperliche Selbstverteidigung hinaus geht. Wie es der Name der Schule vermuten lässt, liegt unser Ursprung im Karate. Karate ist eine asiatische Kampfkunst, die ihre Wurzeln in der Selbstverteidigung hat. Als Kampfkunst beinhaltet sie Basistechniken, Partner*innen-Training und Formenläufe (Kata). Dadurch unterscheidet sich Karate von Systemen, die ausschließlich den Verteidigungsaspekt fokussieren. Gelegentlich führt dies dazu, dass Karateka bei der Begegnung mit Personen, die in den Verteidigungssystemen zu Hause sind, belächelt werden, da unsere Techniken für die Verteidigung nicht wirklich tauglich seien. Von außen betrachtet mag dieser Eindruck nachvollziehbar sein. 

Im traditionellen Karatetraining liegt der Fokus zunächst auf dem Erlernen der Grundtechniken. Hier bietet Karate eine reiche Technikvielfalt an, die es ermöglicht, zu lernen, wie beinahe jeder Teil des Körpers im Verteidigungsfall als Waffe eingesetzt werden kann. Anschließend werden Grundtechniken in Kata (Formen) zusammengefügt, so dass eine Art Kampfkunst-Choreografie entsteht.  Das Partner*innen-Training ist anfangs stark stilisiert, so dass ein offenkundiger Bezug zur realen Selbstverteidigung schwerfallen mag. Die Kata können in einzelne Elemente zerlegt und zu für die Selbstverteidigung nützlichen Sequenzen zusammengefügt werden. Diese anwendungsorientierte Formen-Analyse steht bei Anhänger*innen von reinen Kampfsystemen gelegentlich in der Kritik: Es wird unterstellt, Karateka konstruierten sich die Realität passend zur festgelegten Abfolge der Form. Diese Vorgehensweise wäre dann komplett kopfgesteuert, also "top down" (von oben - vom Kopf - nach unten - in die Anwendung, in die Realität oder auch in die Intuition). Es ist tatsächlich ziemlich unwahrscheinlich, dass ein realer Angreifer einige Angriffstechniken so platziert, dass sie z. B. zu den (stilisierten) Techniken Nr. 1-5 aus der Kata Bassai Dai passen. Gleichwohl werden mögliche Bewegungsfolgen durch diese Trainingsform eingeübt, die es ermöglichen, in einer körperlichen Auseinandersetzung einen "Flow" zu entwickeln, der nicht nach einer Technik aufhört. Zweifellos darf das Einüben möglicher Abfolgen nicht dazu führen, dass ausschließlich bestimmte Techniksequenzen automatisiert werden und nichts anderes in Frage kommt! Dies würde genau das Gegenteil dessen auslösen, wofür meiner Meinung nach das aus den Kata generierte freiere Training gedacht ist - es würde Flexibilität einschränken, statt sie zu erweitern! 

Allerdings hat das Kampfkunst-Training noch einige andere Elemente, die einen möglichen top-down-Charakter ausgleichen oder zumindest ergänzen können. Viele Karate Dojos bieten zusätzlich zu ihren Karate-Trainings gesonderte Selbstverteidigungs-Trainings an. Leider haben diese dann meistens gar keinen Bezug zu dem Technik-Repertoire in den Karate-Stunden! Diese Diskrepanz tritt umso mehr auf, je mehr das Training in den Dojos auf das reine Absolvieren von Prüfungsprogrammen beschränkt ist. Darum ist es meiner Meinung nach wichtig, möglichst in jedem Training einen direkten Bezug zwischen der stilisierten Trainingsform und der Realität herzustellen. Ich persönlich achte regelmäßig darauf und setze ein hohes Augenmerk auf den Transfer zwischen Kampfkunst und Realität. Dies geschieht unter anderem auch durch Schlagkissentraining und Trainingselemente zur Abhärtung des Körpers, aber auch taktische Trainingselemente wie "niemals am Boden liegen bleiben", Flucht üben nach einer erfolgreichen Abwehr etc. Und ganz besonders üben wir, auf die Intuition zu achten - was wäre mein erster Impuls und warum? Wie schaffe ich es vielleicht, Angst in konstruktive Aggression umzuwandeln und eine Schreck-Starre zu verhindern? Trainingselemente wie diese sorgen dafür, dass das Training auch "bottom-up" funktioniert - also vom Bauchgefühl in die Technik. 

Als Fazit lässt sich aus meiner Sicht zusammenfassen, dass Karate sehr gute Voraussetzungen für effektive Selbstverteidigung bietet - wenn in den Trainings neben dem reinen "top down"-Techniktraining auch regelmäßig und ausreichend "bottom up" trainiert wird. Regelmäßiges und intensives Karate-Training bietet mit diesem ausgewogenen Mix aus "top down" und "bottom up" gute Voraussetzungen für ein selbstsicheres Auftreten und für die Möglichkeit, sich zu schützen. Zugleich ist Karate durch die Trainingsdisziplin und die permanente Arbeit an sich selbst ein Lebensweg, der die Fähigkeit der Selbstreflexion stärkt und für Ausgeglichenheit sorgt und auf diesem Weg die Fähigkeiten, mit Konflikten konstruktiv um zugehen und sie ohne Gewalt zu lösen, stärkt. 

Wer sich allerdings - z. B. aus beruflichen Gründen - schnell und gezielt auf spezielle Selbstverteidigungssituationen vorbereiten will oder muss, dem könnte das traditionelle Shotokan-Karate-Training nicht zielgerichtet genug sein und der Erfolg mag zu lange auf sich warten lassen. Da bieten sich vielleicht eher Konzepte wie Street Combatives an, welches ich sehr empfehlen kann. Allerdings stellt sich auch hier der Erfolg nicht auf Knopfdruck ein und es muss regelmäßig und konsequent trainiert werden. 





Freitag, 31. Januar 2020

Stärken Sie Ihre Abwehrkräfte!

Karate ist bekannt als eine asiatische Kampfkunst, als eine traditionelle Form der Selbstverteidigung. Unter Selbstverteidigung wird allgemein zunächst eine Abwehr gegen körperliche Angriffe verstanden. Zum Glück begegnen den meisten Menschen körperliche Angriffe eher selten. Dennoch besteht oftmals der Wunsch, vorbereitet zu sein, falls es mal zu einem Übergriff kommt. In erster Linie denkt man vielleicht an einen Raubüberfall, falls man einmal spätabends oder nachts in der Stadt unterwegs ist oder öffentliche Verkehrsmittel nutzt, an einsamen Haltestellen auf Bus oder Bahn warten muss. Speziell Frauen wünschen sich Techniken, um übergriffigen Männern zu begegnen oder sich vor einer Vergewaltigung zu schützen oder sich im Falle einer solchen effektiv wehren zu können.  

Als Karatelehrerin mit langjähriger Erfahrung als Trainierende und Trainerin bin ich davon überzeugt, dass unsere Kampfkunst viele gute Ansätze für effektiven Eigenschutz bietet. Hier ist zunächst das disziplinierte Training, die Körperschule, die verlangt, dass wir aus uns herausgehen, dass wir uns erlauben, eine gesunde Aggression auszustrahlen und kontrolliert im Training auszuagieren. Wir erarbeiten uns eine Körperlichkeit, die dafür sorgt, dass sich unsere Physis verbessert, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene muskulös und athletisch werden, Seniorinnen und Senioren es bleiben. Des weiteren wird im Umgang mit der ausagierten Kraft der TrainingspartnerInnen mentale Stärke verlangt und erarbeitet, die es ermöglicht, auch im Ernstfall „auf der Straße“ mit Überraschungen, Schmerz und Schock umgehen zu können, ohne zwangsläufig zu erstarren. 

Die traditionellen Trainingselemente unserer Kampfkunst erweitern in Verbindung mit unserem ganzheitlich-methodischen Trainingsansatz den Eigenschutzeffekt um wirkungsvolle Handlungsoptionen. 

Wir arbeiten nicht mit Angstszenarien. In unseren Kinderkursen werden keine Ängste vor dem „bösen, fremden Mann im weißen Kastenwagen“ geschürt, der die Kinder einfängt und mitnimmt. Wir vermitteln hier ein grundsätzliches Verständnis von Grenzen und Rechten, die auch schon kleine Kinder einfordern dürfen. Zudem verschweigen wir auch in den Kinderkursen nicht, dass die häufigsten Übergriffe innerhalb des Familienkreises, in der Nachbarschaft, im Bekanntenkreis, Sportverein etc. stattfinden und selbstverständlich ermutigen wir zur Abgrenzung und vermitteln, dass das Melden solcher Übergriffe gegenüber den Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen etc. kein „Petzen“ ist und absolut in Ordnung! 

Auch im Bereich der Jugendlichen und Erwachsenen räumen wir auf mit „Räuberpistolen“ und klären auf, welche Orte tatsächlich gefährlich sind, welche Personengruppen potenziell eher von Täterinnen und Tätern ausgewählt werden. Wir überlegen gemeinsam, ob und in welchen Situationen es sinnvoll (und erlaubt) sein kann, sich zum Eigenschutz zu bewaffnen (Messer, Pfefferspray, Elektroshocker). Welchen Sinn machen Schläge und Tritte im Eigenschutz und wie ist da überhaupt die Rechtslage, wenn ich den oder die AngreiferInnen verletze? Wann machen Gelenkhebel Sinn und ist es ratsam, in einem Angriffszenario zu Boden zu gehen? 

Sind Sie bereit, unter Anstrengungen zu trainieren, sich im Training an Ihre physischen und mentalen Grenzen führen zu lassen? Wollen Sie Ihre produktiven Aggressionen kennenlernen und spüren, welche Kraft in Ihnen steckt? Kurz gesagt: Wollen Sie Ihre Abwehrkräfte stärken (oder die Ihres Kindes?)? Dann vereinbaren Sie einen Termin für ein Probetraining unter andreahaeusler@t-online.de oder 0179 545 1228 (bitte ggf. auf die Mailbox sprechen, ich rufe zurück).
Für Fragen stehen mein Team und ich jederzeit zur Verfügung!

Andrea Haeusler

Inhaberin der Karateschule Fuji San Münster 
(anerkannter Schulbetrieb, Bezirksregierung Münster)
4. Dan Shotokan Karate
Geprüfte Trainerin für Selbstverteidigung (ILS Akademie Hamburg)
Fachpädagogin für Konfliktkommunikation (Via Nova Akademie Itzehoe)
Traumafachberaterin / Traumapädagogin 

Donnerstag, 28. November 2019

Aus fünf mach sechs: sechs Stufen für den Eigenschutz

Seit einigen Jahren bereits arbeite ich im Eigenschutzbereich mit einem Mehrstufenkonzept. Bisher waren es diese fünf Stufen:

1. Aufmerksamkeit
2. Kommunikation
3. Deeskalation
4. Abgrenzung / Selbstbehauptung
5. technischer Eigenschutz / "Selbstverteidigung"

Im Laufe der Zeit kam mir aber der Gedanke, dass die vier aktiven Stufen 2-5 alle von der tatsächlichen Entwicklung oder dem Vorhandensein eines Konflikts ausgehen.

Wäre es nicht viel einfacher, einen Konflikt gar nicht erst entstehen zu lassen, ihm von vornherein aus dem Weg zu gehen? Dieser Umstand liegt offenbar so sehr auf der Hand, dass er m. E. zu wenig thematisiert und trainiert wird!

Besonders im Zusammenhang mit meiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wurde mir in der letzten Zeit deutlich, dass viele Konflikt-Trainings tatsächlich erst beim Konflikt beginnen. Wie wirkt es sich wohl aus, wenn wir auch in den Trainings einfach schon vorher anfangen?

"Weglaufen ist die beste Verteidigung" - so lernen es bei uns schon die Allerkleinsten. Und ich möchte jetzt noch aktiver daran arbeiten, Kinder, Jugendliche und Erwachsene dafür zu sensibilisieren, dass Konflikte, Streit, Gewalt in vielen Fällen bereits im Vorfeld vermieden werden können.

Der Begriff Vermeidung kann hier vielfältig ausgelegt werden, z. B. durch
- Weglaufen, Weggehen, Wegdrehen
- Weghören bei Beleidigungen
- das Vermeiden eines Aufenthalt an sozialen Brennpunkten
- Vermeidung selbstgefährdenden Verhaltens (hoher Alkoholkonsum, Drogenkonsum etc.)
Ich werde das in den nächsten Wochen und Monaten für mich noch weiter ausarbeiten. 

Mich hat hier vor allem meine Ausbildung zur geprüften Trainerin für Selbstverteidigung bei Armin Hutter dafür sensibilisiert, meinen Blick für den Aspekt der Vermeidung zu schärfen, denn auch in dem Studiengang wird ein großer Fokus auf diesen Bereich gelegt. Mir ist dieses Thema inzwischen so wichtig, dass es schon frühzeitig beachtet werden sollte.

Mein neues Konzept wird daher künftig so aussehen:

1. Aufmerksamkeit
2. Vermeidung
3. Kommunikation
4. Deeskalation
5. Abgrenzung - Selbstbehauptung
6. technischer Eigenschutz / "Selbstverteidigung"

Samstag, 27. Oktober 2018

Street Combatives - realitätsbasierende Messerabwehr

.....bzw. Abwehr scharfkantiger Gegenstände.

Carsten Zimmermann von Street Combatives war bereits zum dritten Mal bei uns zu Gast. Die ersten beiden Male hatten wir uns mit dem Basis-Programm von Street Combatives beschäftigt. Aber jetzt war ich mal gespannt darauf, was SC im Bereich der Messerabwehr zu bieten hatte. „Wir nennen es ungern Messerabwehr“, so Carsten im gut einstündigen Theorie-Intro, „sondern Abwehr scharfkantiger Gegenstände.“ Denn eine Schere, ein Schraubenzieher, eine kaputt geschlagene Flasche – all das kann genauso verletzen wie die verschiedenen Messertypen, die Carsten zu Anschauungszwecken mitgebracht hatte. Wir sollten jetzt also Abwehr gegen diese fiesen, zum Teil zu hohem Blutverlust führenden Angriffe erlernen. Ob das auch in der Realität funktioniert? Ist das Training realistisch? „Wenn wir realistisch trainieren wollten, müssten wir Andrea bitten, uns zu sagen, wo wir in Münster die Niederlassung der Hells Angels finden,“ so Carsten weiter. Da sich die Zustimmung in der Trainingsgruppe zu diesem Vorschlag in Grenzen hielt und ich zudem auch gar nicht gewusst hätte, wohin ich die Jungs und Mädels hätte führen müssen, trainierten wir eben dann doch „nur“ realitätsbasierend, also so nah an der Realität, wie unter diesen Umständen möglich. 

Wie gewohnt führte Carsten uns durch einen abwechslungsreichen, methodisch und didaktisch optimal strukturierten Theorie- und Praxismix. Die Praxis startete mit einem Lauf-Warmup und danach ging es zunächst an die Pratzen, um Reaktions- und Konzentrationsvermögen zu schulen. Schließlich kamen dann aber auch Übungsmesser und Messerattrappen ins Spiel. 

Die praktischen Übungen bestanden den ganzen Nachmittag über eigentlich aus einem einzigen Prinzip, das etwas variiert und ausgebaut wurde. Zudem leitete Carsten uns durch verschiedene Bedrohungsszenarien: vom stakkatoartigen Zustechen auf Bauchhöhe über die Forderung zur Herausgabe von Geld und Wertgegenständen mit vorgehaltener Waffe bis hin zur Situation, bei der uns das Messer buchstäblich am Hals stand. Besonders realitätsbasierend finde ich persönlich den Trainingsansatz, nach der erfolgreichen Abwehr vom Tatort wegzulaufen, einen Bodycheck vorzunehmen („Bin ich verletzt, wenn ja, wie schwer?“) und die Polizei zu informieren (immer zuerst das „Wo“ nennen). „Pfeffer“ gab es für uns in Übungssequenzen, bei denen körperlicher Stress durch 30 sekündiges Sprinten auf der Stelle gefolgt von 30 Sekunden Liegestützen und weiteren 30 Sekunden drehen des eigenen Körpers auf der Stelle (vorn übergebeugt und mit zugehaltener Nase) simuliert wurde, bevor der Angriff und die dazugehörige Abwehr starteten. Ebenfalls spannend eine Partner/innen-Übung, bei der in der Mitte der Halle ein „Messer“ ausgelegt wurde und die beiden Übungsparteien sich je am Rand der Halle auf den Boden legen sollten. Auf Kommando wurde „zur Waffe“ gesprintet und wer sie zuerst in den Händen hatte, wurde Angreifer/in, der/die andere musste abwehren. Besonderes Highlight war dann aber wohl für alle ein Szenario mit Kunstblut, bei dem wir zu spüren bekamen, was Kämpfen für eine glitschige und eklige Angelegenheit sein kann, wenn Körperflüssigkeiten im Spiel sind J

Carsten schaffte es wieder einmal hervorragend, die 15 Teilnehmenden – zum Teil bereits SC-erfahren, zum Teil aus dem Karate aber vereinzelt auch ohne jegliche Vorkenntnisse – fünf Stunden lang unter einen Hut zu bringen, gemeinsam anzuleiten und trainieren zu lassen. Ein klasse Nachmittag, bei dem die Gruppe super zusammen passte und es keine Berührungsängste gab. Wir waren uns alle einig, dass das SC-Konzept großartig und eine super Ergänzung zu verschiedenen Kampf(kunst)konzepten ist. Alle wünschten sich unbedingt mehr Carsten und mehr Street Combatives!

Freitag, 7. September 2018

Kinder Selbstbehauptung und Selbstverteidigung

Die Übung, bei der mehrere im Kreis stehen und einer sich in der Mitte befindet, der versuchen soll auszubrechen, so umwandeln, dass ein Kind außen ist und versuchen soll, in den Kreis hinein zu kommen. Diese Übung auch als Mobbing-Übung verstehen: Was ist das für ein Gefühl, wenn man nicht in den Kreis kommen kann?
Die Kids im Kreis können sich wahlweise mit dem Gesicht nach außen oder nach innen drehen.

Donnerstag, 23. August 2018

Bunkai Heian Shodan

Bunkai Heian Shodan

1. Anfang:
1.1 Tori steht im 90 Grad Winkel vor Uke (Ukes linke Schulter zeigt zu Tori)
Tori steht links vor im Gedan Barei, Kamae
Angriff Mae Geri mit dem rechten Bein, vorne absetzen
Uke blockt, indem er etwas seitlich und nach hinten ausweicht, so dass Toris offene Seite zugänglich ist, Blocktechnik Gedan Barei
Dann einen Schritt vor mit Tsuki Jodan, wenn man zu nah dran steht, fast einen überlaufenen Gyaku Tsuki machen und beim Absetzen des Beines den Tsuki schon wieder zurück schnappen, Tori beinahe überrennen

1.2 Tori steht wie oben vor Uke, aber mit rechts vor, Angriff mit links
Uke weicht aus wie oben, und geht auch wieder vor, aber nicht mit der Absicht, Tori mit dem Tsuki zu treffen, sondern mit dem Hintergrund, sein vorderes, rechtes Bein unter den Schwerpunkt von Tori zu setzen. Den "Tsuki"-Arm als Hebel nehmen und Tori über das vordere Bein werfen.

1.3 Tori steht wieder seitlich von Uke, aber dicht dran und greift Uke am Kragen. Uke fasst mit der linken Hand eine der Greif-Hände von Tori und mit der rechten stößt er die Ausholbewegung für den Gedan Barei vor den Bauch des Tori. Dann Gedan Barei ausführen und dabei den linken Fuß. Dann einen Schritt vor setzen und den Partner zu Boden bringen.

2.1 Tori steht hinter Uke, will seinen Kopf treffen
Uke dreht sich um, fängt mit der linken, offenen Hand den Schlag ab und stößt mit der rechten Faust in Richtung Tori (vielleicht treffend, vielleicht als Abstandhalter) - alternativ den rechten Arm schützend vor den Rumpf halten. Dann kommt ein chudan Angriff von Tori, den Uke mit Gedan Barei und leicht nach hinten gleitend aufnimmt. Dann Schritt vor mit Tsuki

3.1 Tori greift an mit Tsuki Jodan
Uke geht nen Schritt zurück, greift den Arm und einen Schritt vor mit Age Uke unter den Arm des Angreifers,

3.2 dann den Angreifer nochmal packen, seitlich drehen und mit einem Age Uke oder vielleicht auch Ellbogenstoß seitlich zu Boden bringen

4. Kokotsu Dachi
4.1 Tori steht li vor, Angriff Tsuki Chudan mit rechts
Uke weicht nach rechts hinten aus mit KK Shuto Uke, dann Kiri Kaeshi und KK Shuto Uke vor zum Konter vor die Halsschlagader, mit der rechten Hand am Kragen greifen, linkes Bein vorsetzen und mit dem rechten Arm den Tori über das vordere Bein werfen

4.2 Tori greift an mit einem Schwinger von links, Uke kauert sich zusammen, zieht reflexartig den linken Arm vor die Kopfseite und den rechten vor den Körper, so dass die Arme wie ein Korb schützend um den Körper gelegt sind. Anschließend mit dem rechten Arm den Torso von Tori zu fassen versuchen und mit der linken Hand eine Backpfeife erteilen, ggf. noch einmal auf der Stelle wechseln


Mittwoch, 11. Juli 2018

Czech Gasshuku 2018

Ich ahne: Dies wird eine Tekki-Woche! Wir starteten heute früh um acht mit einem Training bei Richard Ruzicka Sensei und Tekki Shodan, bei dem keine didaktischen und methodischen Wünsche offen blieben! Sehr gut und dekuji, Richard Sensei! 
Es folgte Okuma Sensei mit Tekki Shodan und Tekki Sandan. Die Tekki Nidan hatte er nur am Rande gestreift mit dem Hinweis, dass wir diese bei Naka Sensei noch ausführlich thematisieren würden. Okuma Sensei legte zunächst mal einen großen Fokus auf die Verbindung zwischen Ober- und Unterkörper. Wir übten zunächst Kizami Tsuki / Gyaku Tsuki in einem verkürzten Zenkutsu Dachi - also in relativ bequemem Stand mit Fokus auf die Armtechiken. Später forderte Okuma Sensei allerdings von uns auch sehr intensiv Tachi Waza und hier vor allem den für die Tekkis typischen Kiba Dachi: Wir führten mehrere Durchgänge Tekki I und III im Wechsel und ohne Pause im Kiba Dachi aus, wobei wir die Füße an der Stelle ließen, uns nur auf Arme, Rumpf, Hüfte und Blick konzentrieren sollten. Etwas verwirrend fand ich zuweilen die Zählweise, weil wir ja keine Schritte ausführten, jeder in den Kata vorkommende Schritt aber mit einer Zählzeit bedacht wurde. Es konnte also sein, dass 1-2-3 gezählt wurde, ohne dass wir uns bewegten. Am Ende entwickelte Okuma Sensei mit uns noch eine Partner/innen-Übung aus Tekki-Kombinationen, bei der die Gleichzeitigkeit von Block und Konter im Vordergrund stand: Tori griff an mit Oi Tsuki aus größerer Distanz und Uke zog den vorderen Fuß kurz zurück (Kiri Kaeshi), um dann einen Schritt nach vorne zu gehen mit links Gyaku Haiwan Nagashi Uke Jodan und gleichzeitigem Oi Tsuki (Höhe relativ egal, zunächst Chudan, aber auch Jodan möglich, in der Kata eher Gedan). Wichtig war dem Sensei, dass wir nicht seitlich auswichen, sondern gradeaus in die Gegnerin / den Gegner rein gingen. Diese Übung bauten wir noch aus mit dem Gedanken, dass Folgetechniken immer eine Option sein sollten: Nach dem Konter wieder kurz zurück in Kamae und Gewicht etwas nach hinten verlagern, dann einen neuen Angriff von derjenigen oder demjenigen, die/der vorher abgewehrt und gekontert hatte.

Hier gibt es ein kleines Video von Davide Galli: Czech Gasshuku Trainingsimpressionen

Ohne Iki läuft nix :-)
Das war heute mal eine schöne neue Erkenntnis im Training bei Naka Sensei! Es war bereits das dritte Training dieses Tages und ich hätte ja auf eine weitere Tekki-Einheit gewettet! Gut, dass ich es nicht getan habe, denn ich hätte wohl verloren. Zwar starteten wir mit Seitwärtsbewegungen im Kiba Dachi - aber das war dann Tekki-mäßig auch schon der größte gemeinsame Nenner. Offensichtlich war der Meister nicht mit unseren Bewegungen einverstanden, denn nach ein paar "Runden" ließ er uns zusammen kommen und enthüllte uns den Kern der heutigen Einheit: Wir sollten bei allen Karatebewegungen den Fokus legen auf Körperhaltung, Atmung und Schwerpunktverlagerung. 
Zur Körperhaltung wiederholten wir einige der Übungen, die Naka Sensei auch bei anderen Lehrgängen bereits angeleitet hatte - und die mit jedem Mal mehr Sinn ergeben, besser funktionieren: Angefangen mit dem achtsamen Niederknien, dem sorgfältigen Verbeugen und dem korrekten Sitz im Seiza - wenn das Becken in der korrekten Position ist, kann man sich erheben, obwohl jemand von oben mit großer Kraft auf die Schultern drückt. 
Es folgte eine Überleitung zum Neko Ashi Dachi, bei dem wir vorwärts gehen sollten, in dem wir den Fuß zunächst mit der Ferse aufsetzen. Das war sehr ungewöhnlich und als wir damit die Taikyoku Shodan ausführten, musste ich ganz schön überlegen! Diese Art, sich zu bewegen, also über das vorzeitige Absetzen der Ferse einen guten Stand und eine gute Haltung zu generieren, übertrugen wir dann nochmal auf die Kiba-Dachi-Seitwärtsbewegung und achteten hierbei auf die korrekte Schwerpunktverlagerung. Haltung hat aber nicht nur etwas mit Körperkraft zu tun, sondern auch etwas mit der inneren Einstellung. Es sei wichtig, diese innere Einstellung in der äußeren Haltung wiederzuspiegeln, so der Sensei. 
Einen großen Einfluss auf die Haltung hat schließlich auch die Atmung. Ich muss gestehen, dass mir der japanische Name für Atem bis heute nicht bekannt war: Iki! Wie schön! Ich weiß nicht, wieviele meiner heutigen Karatefreunde es wissen, aber Atem auf japanisch klingt genauso wie mein Spitzname aus Jugendzeiten und meinem ersten und zweiten Karateleben, der sich allerdings Icky schreibt. Erst in den letzten Jahren habe ich mich mehr und mehr von diesem Namen verabschiedet und mich mit Andrea vorgestellt bzw. wurde einfach "Pandachen" genannt ^^ ;-) Eins steht fest, den japanischen Namen für Atem werde ich jetzt nicht mehr vergessen :-)
Naka Sensei ließ uns die drei Prinzipien dieses Nachmittags dann noch ausgiebig mit der Kata - nein, keine Tekki, sondern: Gojushiho Dai üben.

Tekki Nidan mit Naka Sensei
Wie von Okuma Sensei bereits angekündigt gab sich heute Naka Sensei mit Tekki Nidan die Ehre. Zu Beginn der Einheit griff Naka Sensei thematisch den roten Faden des Vortages wieder auf, in dem er uns im Kiba Dachi seitwärts bewegen ließ, mit Fokus auf die Schwerpunkverlagerung durch das Absetzen der (hinteren) Ferse, also der Ferse des übersetzenden Fußes. Anschließend führten wir die Seitwärtsbewegung mit hochgezogenem Knie aus. Beim Übersetzen des Fußes sollten wir darauf achten, zunächst den Ballen aufzusetzen, nicht die Fußaußenkante. Mit dem Absetzen der Ferse folgt dann wieder die Schwerpunktverlagerung. 
Zur Kata gab es zahlreiche interessante Details: So sollten wir als dritte Armbewegung nach dem Hasami Uke beide Arme im Bogen seitlich in den Chudan Block bzw. Kage Tsuki bewegen. Intuitiv hätte ich beide Techniken bisher eher seitlich gestoßen. Eine Anwendung für den Empi, der in dieser Kata über die Mittelachse des Körpers gestoßen wird, übten wir später als Gelenkhebel. An mehreren Stellen kommen in der Tekki Nidan durch einen zweiten Arm unterstützte Blocktechniken vor. Hier wies uns Naka Sensei an, mehr Kraft in den unterstützenden Arm zu geben. Es war ein klasse Effekt, der sich daraus generieren ließ! Ist ein Arm zur Unterstützung am anderen angelegt, so kann dies auch eine Vorbereitung für eine Angriffstechnik sein, da der unterstützende Arm ja schon „fast im Ziel“ ist. So übten wir seitliches Herausgleiten mit Uchi Uke, unterstützt vom anderen Arm, der mit der flachen Hand am Unterarm angelegt war und ließen den angelegten Arm anschließend zum Tsuki „ausfahren“. In der Folge wurde der Angriffsarm des Gegners gepackt und gedreht, der Angreifend zu Fall gebracht. Naka Sensei demonstrierte dies zur offenen Körperseite des Angreifers hin aus. Meiner Meinung nach ist aber da der andere Arm des Angreifers noch zu gefährlich. Vielleicht kann man auch zur geschlossenen Seite rausgehen, dann ist keine Gefahr mehr im Verzug. Torsten und ich haben hier beides ausprobiert und fanden die zweite Variante sicherer. 
Wenn Blicke töten können – dann war vielleicht eine starke Blickwendung im Spiel! Durch die Blickwendung kann man nämlich die Körperenergie maßgeblich beeinflussen! Hierzu sollen wir nicht nur "aus den Augenwinkeln" zur Seite blicken, sondern den Kopf möglichst weit zur Seite drehen. Ich hatte mich schon gefragt, warum abweichend von dem, was ich früher gelernt habe, in den meisten Kata keine Blickwendungen mehr trainiert werden, mit Ausnahme der Kata aus der Tekki Gruppe! Es ist tatsächlich so, dass die Körperspannung besser ist, wenn der Kopf deutlich zu der Seite gedreht ist, zu der sich der Körperschwerpunkt verlagern soll!

Naka Sensei bleibt seinem Thema treu: Heute Nachmittag ging es wieder um das Thema der optimalen Schwerpunktverlagerung bzw. Kraftübertragung. Wir starteten mit einer Kihon-Vorübung im Stand, bei der wir Choku Tsuki auf einem Bein ausführten - das Bein auf der Seite des Tsuki stand fest am Boden und auf der Hikite-Seite hatten wir das Knie hochgezogen. Dies übten wir auch in der Vorwärtsbewegung, wobei Naka Sensei erneut die Methode, mit der Ferse zuerst aufzusetzen empfahl: Der Stand sei anschließend fester und kompakter, so der Sensei. Wichtig war hierbei auch, den Rumpf in der Horizontalachse zu komprimieren. 
Geht's noch kompakter? Aber ja! Und zwar im Kosa Dachi! wir sollten aus Zenkutsu Dachi mit Gedan Barei vorwärts gehen und mit Oi Tsuki im Kosa Dachi landen. Vorwärtsgehen auch hier wieder mit der Ferse zuerst. 
Diese Übung wurde ausgebaut zu Oi Tsuki in Kosa Dachi, anschließend den hinteren Fuß zurück setzen und Gyaku Tsuki. Hierbei war wichtig, dass wir den Druck vorne ließen (Sensei Naka zog zum Vergleich den Anfang der Kata Jion heran). Ging man jetzt mit dem nächsten Oi Tsuki vor, hieß es, den Gyaku Tsuki Arm kurz zurück zu ziehen und dann wieder für den nächsten Tsuki zu benutzen. Eigentlich wie immer bei Oi- und Gyaku-Tsuki-Kombinationen, vielleicht fiel es mir wegen der ungewohnten Tachi Waza in diesem Zusammenhang schwerer als sonst. Die erste Bahn (Kosa Dachi mit rechts vorne und Oi Tsuki mit rechts) bekam ich immer ganz gut hin, auf der Bahn zurück kam ich meistens durcheinander. Eine schöne Übung, die ich sicher im Dojo aufgreifen werde! 
Doch wir waren noch nicht fertig mit dieser Kombination! Es folgte ein Oi Tsuki mit Kiri Kaeshi, wobei wir die Instabilität nutzen sollten, um mehr Geschwindigkeit zu generieren! Insgesamt also: vor mit Kosa Dachi und Oi Tsuki, hinteren Fuß zurück mit Gyaku Tsuki, Kiri Kaeshi und Oi Tsuki. 
Dann ging es zum Partner/zur Partnerin: Zunächst wurden wir in Zweierreihen aufgestellt. Etwas ungewöhnlich war der Start: Die Reihen 1, 3, 5 und 7 sollten sich abknien und die Partner/innen sollten Mae Geri treten. Wohin - war nicht ganz klar - und vielleicht auch egal. Der kniende Partner bzw. die Partnerin sollte zunächst nicht als Ziel fungieren, vielmehr sollten sich die anderen wohl einfach ein bisschen "einschießen". Dann gabs natürlich auch einen Wechsel. In der Folge dann Kumite aus links vor Kamae mit Angriff Mae Geri, der/die andere ging raus mit Tai Sabaki / Suri Ashi und Gedan Barei, Konter Gyaku Tsuki. In der Folge hängten wir noch Kiri Kaeshi mit Oi Tsuki Jodan an. Später wurde aus dem Oi Tsuki ein Uraken und letztlich rundeten wir mit einem weiteren Gyaku Tsuki ab. Für den letzten Gyaku Tsuki passte die Distanz bei Torsten und mir leider nicht. Wir hatten halt versucht, das zuvor Gelernte umzusetzen und den Druck immer weiter nach vorne auszuüben. Entweder sitzt dann der erste Gyaku Tsuki und für den Rest ist man zu nah dran - oder für den Block mit dem ersten Gyaku Tsuki gleitet man weiter raus - dann passen zwar die letzten Techniken, aber der erste Gyaku Tsuki ist "verschenkt". Ich denke, wenn der Erst-Angreifer nach dem ersten Gyaku Tsuki etwas zurückweicht (was ja vielleicht auch ein normaler Reflex wäre), würde der Rest auch noch von der Distanz her passen. 
Naka Sensei rundete die Einheit noch mit einer Viertelstunde Enpi ab, so dass heute Nachmittag vermutlich alle auf ihre Kosten kamen 


"Last year wie did Jitte, this year we do ....." (Jitte 😉 ) Mit diesem Satz pflegte uns Okuma Sensei häufig zu motivieren aber in diesem Jahr ging das Gerücht, dass diese Kata von Ogane Sensei präsentiert würde. Dieser hatte nämlich das Pech, bei den All Japan Championships zwei Techniken zu vergessen und disqualifiziert zu werden. Und so kam es auch: Ogane Sensei startete mit einigen Kihon-Bahnen und zwar Oi Tsuki im Zenkutsu Dachi, Oi Tsuki im Kokotsu Dachi und Oi Tsuki im Kiba Dachi, um uns auf die Bewegungsbahn in der Jitte mit Kiba Dachi und Teisho vorzubereiten. Ogane Sensei führte dann den Beginn der 24 Zählzeiten umfassenden Kata so aus, wie wir es von Okuma Sensei schon kannten, nämlich die Hüfte erst Hanmi und dann Shomen. Wir sollten große Bewegungen machen, vor allem bei den ersten beiden Sequezen der Kata. Mit Partner/in übten wir die Kombination des Fumikumi in Verbindung mit Yama Uke (Uchi), wobei der Partner/die Partnerin darauf achten sollten, dass wir den Schwerpunkt möglichst spät drehten und nach vorne brachten. Ebenfalls mit Partner/in übten wir das korrekte Zählen der Kata. Schließlich wies uns Ogame Sensei noch auf die beiden "wichtigsten" Techniken der Kata hin: Manji Uke vor den abschließenden Age Uke - am "Wichtigsten" vor allem für ihn deshalb, weil das die beiden Techniken waren, die er beim Wettkampf vergessen hatte 🙂 Ich fand das sehr sympathisch und erfrischend, dass er diese Anekdote mit uns teilte. Zum Abschluss führten wir die Kata in zwei Gruppen und einmal gemeinsam aus. Kurzum: eine schöne Einheit mit einer weniger schönen Kata  

Okuma Sensei lässt es krachen!
In der Pause munkelten wir schon, dass es jetzt aber mal Zeit sei für Kumite! Und das hatte sich wohl auch Okuma Sensei gedacht, denn abgesehen von einigen einleitenden Kihon-Bahnen gab es nun Partner/innen-Training! Zunächst ging es je fünfmal vorwärts mit Tsuki Jodan und rückwärts mit Age Uke und eigentlich sollte daraus Gohon Kumite werden. Aus Platzgründen ließ uns der Sensei dann aber nur Sanbon Kumite ausführen. Torsten und ich versuchten zunächst miteinander unser aktuelles Thema umzusetzen, nämlich den Tsuki gleichzeitig mit der Hüfte in Bewegung zu setzen. Dadurch kommt er schneller ins Ziel - optimaler Weise exakt mit dem Absetzen des vorderen Beines - oder vielleicht sogar ein Ideechen früher. Dann gab es fortwährend Partner/innenwechsel und es war mal wieder schön, so eine Vielfalt an Partner/innen erleben zu können mit allen Stärken und Schwächen, sich schnell auf neue Personen - größer, kleiner, schneller, langsamer, jünger, älter etc. - einstellen zu müssen. Häufig passte leider von Beginn an die Distanz gar nicht richtig, da die Partner/innen meist aus zu großer Entfernung angriffen. Ein Block war dabei eigentlich gar nicht nötig. Unsere Block-Konter-Reaktion sollte go-no-sen sein, also erst blocken, dann kontern. Als Kontertechnik bot Okuma Sensei uns Gyaku Tsuki und später auch Mae Geri an, wobei beim Mae Geri die Distanz bei vielen wohl nicht passte, was Okuma Sensei zum Anlass nahm, uns Tipps zu geben: Zur Vorbereitung des Mae Geri musste das vordere Bein gut belastbar sein (beim Gyaku Tsuki natürlich das hintere), wir sollten für den Tritt nicht hochkommen und falls wir das Gefühl hatten, für den Tritt zu nah dran zu sein, sollten wir versuchen, dies beim letzten Schritt zurück schon mit einer Art Suri Ashi auszugleichen und nicht - wie ich es bis dahin gemacht hatte - durch Zurückziehen des vorderen Fußes unmittelbar vor dem Tritt (wobei ich gestehen muss, dass das auch ganz gut funktioniert hatte 😉 ).
Als nächstes führte uns Okuma Sensei in die Welt der Samurai! Wir sollten uns vorstellen, der Angreifer/die Angreiferin habe eine Machete in der Hand, mit wir von oben herab geschlagen würden. Jetzt sollten wir versuchen, so schnell auf den Gegner / die Gegnerin zu reagieren, dass wir mit unserer Aktion den Angriff verhinderten, also mindestsens sen-no-sen. Hierzu sollten wir aus dem Shizen Tai den nahenden Gegner / die nahende Gegnerin z. B. mit Kizami Tsuki abschießen oder mit einem kraftvollen Mae Geri oder Yoko Geri. Mein Partner war eineinhalb Köpfe größer als ich und ich versuchte mit aller Kraft, ihn zu stoppen, was gelegentlich auch ganz gut gelang - hätte er aber echt eine Machete in der Hand gehalten, wäre ich vermutlich um zwei Arme und einen Kopf ärmer - ich würde sagen, wir hätten uns auf unentschieden einigen können 😉
Zum Ende der Einheit hin steigerte sich die Trainingsintensität noch einmal, als wir mit neuem Partner / neuer Partnerin folgende Übung ausführen sollten: vor mit Oi Tsuki und Gyaku Tsuki, Uke sollte den ersten Tsuki Jodan seitlich weg blocken und den Gyaku Tsuki von oben nach unten und nicht seitlich weg á la Gedan Barei. Ist ja einfach, dachte ich erst, aber ich erwischte mich doch tatsächlich dabei, wie ich den einen oder anderen Gyaku Tsuki zur Seite wegblockte. Also mehr Konzentration - und mehr Groundpower á la Andre Bertel Sensei! Und siehe da: Das Blocken der Gyaku Tsuki klappte immer besser! Etwas weiter wurde die Kombination final noch ausgebaut, als wir nach Oi Tsuki und Gyaku Tsuki noch Kizami Tsuki und Gyaku Tsuki angreifen sollten. Schade, dass dies schon ziemlich am Schluss der Einheit geschah und wir nicht mehr viel Zeit hatten! Bei vielen meiner Partner - und wohl auch bei mir - waren die Angriffe nicht mehr so präzise, es war häufig mehr ein Vorwärtsstolpern. Ziemlichen Respekt hatte ich vor der Begegnung mit Tobias Prüfert als Partner, den ich aus den Augenwinkeln schon hatte agieren sehen - schnell, stark und präzise! Aber in unserer Begegnung hat er mich netter Weise leben lassen, danke dafür 😉 
Jetzt gleich gehts auf zur dritten Runde für heute. Mal schauen, was uns jetzt erwartet..... :-)


Ogane Sensei, die Zweite!
Nach der Mittagspause überraschte uns Ogane Sensei mit einer weiteren Einheit! Wir starteten mit einigen Kihon Bahnen, bei denen wir unter anderem Gyaku Tsui aus Kokotsu Dachi und Kiba Dachi ausführen sollten. Danach ging es vor mit Mae Geri, absetzen mit Oi Tsuki, später zusätzlich Gyaku Tsuki. Vor dem Gyaku Tsuki sollten wir das Gewicht deutlich auf das hintere Bein verlagern. Die Bahn zurück ging es rückwärts mit Gedan Barei in Zenkutsu Dachi, selber Arm Age Uke, später auch noch Soto Uke. Diese Kombinationen setzten wir anschließend im Partner/innen-Training um, wobei wir als Angreifer/in weit vor- und als Abwehrende weit zurück gleiten sollten.
Anschließend folgte ein ziemlicher Paradigmenwechsel mit Kata Gankaku! Diese übten wir am Stück, in Etappen, gaaanz laaaangsam und ganz schnell (einschließlich der eigentlich langsamen Passagen). Auch Partner/innen-Übungen generierten wir aus der Kata, speziell aus den Anfangssequenzen bis zum Gyaku Tsuki und aus der Sequenz bis zur Drehung im Tsuro Ashi Dachi. Abschließend wurde die Kata noch in Gruppen und einmal gemeinsam ausgeführt.
Fazit: schöne, intensive Einheit!

TEKKISHODANTEKKINIDANTEKKISANDANTEKKISHODANTEKKINIDANTEKKISANDANTEKKISHODANTEKKINIDANTEKKISANDANTEKKISHODANTEKKINIDANTEKKISANDANTEKKISHODANTEKKINIDANTEKKISANDAN .... alles im Kiba Dachi, ohne Übersetzschritte, so trainierten wir es bei Okuma Sensei am Nachmittag. Ich wusste es doch, dass es eine Tekki-Woche wird und dieser Eindruck hat sich auch zwischendurch immer wieder bestätigt! Heute Nachmittag ließ uns der Sensei dann mal unsere Oberschenkelmuskeln kräftigen durch eine gute halbe Stunde den eisernen Reiter spielen und auf dem imaginären Ross hocken! Die Tekki I-III wurden - ohne die Ausgangsstellung im Kiba Dachi zu ändern - mehrfach am Stück ausgeführt. Dann ging es - wie im Video sehr schön zu sehen - mit Partner/in weiter, wobei eine/r von beiden "student" war und der/die andere "master": "student" sollte die Kata "richtig rum" ausführen und "master" seitenverkehrt. Im nächsten Durchgang wurden die Rollen getauscht und getauscht und getauscht und noch einmal und immer wieder! Insgesamt war einschließlich Warmup über die Hälfte der Einheit herum, als wir ein neues Thema begannen. Aber das sei noch gar nichts, so Okuma Sensei! Er mache das sehr oft 10 Minuten, 30 Minuten oder auch mal eine Stunde lang am Stück (also nicht wie bei uns jetzt mit Hochkommen, Seitenwechsel etc.!). Das präge die Oberschenkelmuskulatur aus und sorge für Stabilität und einen guten Stand! Glaub ich gerne, jetzt wo ich es mal live im Ansatz ausprobieren durfte 😉  Hier einige Impressionen von dem Tekki-Training: https://www.youtube.com/watch?v=U0tD6RVO9hU

Damit wir aber in der Reiterstellung nicht nur die Arme bewegten, sondern auch ohne die Beine zu versetzen Ganzkörpertechniken ausführten, sei es wichtig, vor allem Rumpf und Hüfte mit einzusetzen. Und das war eine gute Überleitung für die anschließenden Partnerübungen, die auch "Zeilen" aus Sochin, Heian Sandan und Enpi "zitierte": Tori greift an mit Tsuki Jodan, Uke geht vor - ähnlich wie in der Sochin beim ersten Kiai - mit Block Nagashi Uke Jodan und gleichzeitigem Konter Uraken (oder auch Tsuki, wichtig war halt, zeitgleich mit dem Angriff vor und in den Gegner/die Gegnerin rein zu gehen, die Distanz zu verkürzen). Im weiteren Verlauf sollte Uke den Partner/die Partnerin am Schlag-Arm packen (am Besten vorne, Nähe Handgelenk und kurz vor der Schulter am Oberarm), den hinteren Fuß 90 Grad hinten rum versetzen (ähnlich wie bei der vorletzten Technik der Heian Sandan) und wie in Enpi landen - mit "Groundpower"! 
Zum Abschluss der Einheit griff Okuma Sensei noch einmal den Tekki-Faden auf und spulte daraus eine Partner/innenübung ab, bei der der/die Abwehrende nur einen Arm für Block und Konter nutzen sollte: Tori greift an mit Kizami Tsuki, Uke blockt mit dem vorderen Arm den Schlag zur Seite und kontert direkt mit demselben Arm. Es folgt Chudan Gyaku Tsuki, Uke blockt den Schlag mit Hüfteinsatz (das vordere Bein wird dabei ein Stück herangezogen) nach unten weg und kontert wieder mit dem selben Arm. Hier war für mich leider wieder die Trainingszeit zu knapp, das hätte ich gerne noch etwas intensiver geübt. Aber man kann ja alle Übungen mit nach Hause nehmen und da intensiver trainieren. 
Jetzt gibts morgen für uns noch eine Einheit Kata am Morgen. Was es wohl gibt? Naka Sensei? Und die Nijushiho hatten wir noch gar nicht 

Jitte, Ji‘in, Jion - das waren die Kata des letzten Morgens beim diesjährigen Czech Gasshuku in Kadan. Die Reihen hatten sich schon deutlich gelichtet, als Naka Sensei heute mit Heian Sandan begann, die zu dem Kata-Triplet passt, da sie ähnliche Bewegungsmuster enthält. Der erste Fokus der Einheit lag dann auf der Ji‘in, die aktuell nicht mehr zum offiziellen Repertoire der JKA gehört. Bei der Bahn im Kiba Dachi mit Shuto Uchi schlug Naka Sensei vor, alternativ auch Teisho auszuprobieren. Ich meine mich zu erinnern, dass Naka Sensei vor zwei oder drei Jahren noch auf Teisho bestanden und uns nicht die Wahl gelassen hatte. Aber offenbar wird uns Karateka mehr und mehr Verantwortung übertragen, Techniken zu studieren und den Sinn dahinter zu erkennen. Ähnlich verhielt es sich nämlich bei der Frage, ob wir den Tetsui Uchi an der Schulter oder unter dem Arm ausholen: Beides scheint „erlaubt“ zu sein und hat Vor- und Nachteile - an der Schulter ausgeholt ist die Technik schneller, unterm Arm stärker. 
Nachdem wir die Ji‘in in groben Zügen durchgegangen waren, ging es zur Jitte und schließlich zur Jion über. Naka Sensei klärte uns auf, dass die Jion ursprünglich die höchste dieser drei Kata gewesen sei und die Jitte am Anfang der Skala gestanden habe. Die Jitte ist mit 24 Zählzeiten die kürzeste Kata dieser Gruppe, gefolgt von Ji‘in (35) und Jion (47). Alle drei Kata übten wir dann noch in Fünfergruppen, wobei auch auf das korrekte Zählen geachtet werden sollte. 
Zum Abschluss gab es noch zwei Durchgänge Ji‘in, bevor wir den Heimweg antraten.