Such A Shame! - Lehrgang auf der Reservebank
Im März 2019 stand für mich der bereits fünfte Lehrgang mit André Bertel Sensei in Deutschland an. Leider hatte ich unter den ungeplant ungünstigen Folgen eines kleinen chirurgischen Eingriffs zu leiden, so dass ich froh war, von meiner Ärztin grünes Licht für "ein Wochenende in Dresden" bekommen zu haben. Nach Karatetraining zu fragen hatte ich irgendwie vergessen - aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich den Gi auch nur "vorsichtshalber" mitgenommen, falls ich am Hallenrand mal ein paar Tsuki mitmachen wollte. Schließlich hatte ich die Lehrgangsgebühr ja bereits bezahlt! :-)Ich sollte also mehr oder weniger nur auf der Reservebank sitzen und mich entspannen.
Relax - Don't Do It! - Die Kunst der Entspannung
Entspannung war dann in der Tat auch ein wichtiges Thema des Lehrgangs - oder André`s Karate insgesamt: Neben den uns schon von anderen Meistern bekannten Prinzipien zur Effektivitätssteigerung unserer Karatetechniken (Schwerkraft, Rotation, Kompression und Schwerpunktverlagerung) kam bei diesem Lehrgang auch ganz besonders wieder die "Entspannung" unseres Körpers in den Fokus. Durch Lockersein sollten unsere Techniken an Geschwindigkeit gewinnen und an Dynamik. Zudem - das hat André Sensei zwar so im Training nicht beschrieben, aber mir kommt der Gedanke grade - kommen die "lockeren", peitschenartigen Techniken aus André`s bzw. aus Asai Senseis Konzept auch wie aus dem Nichts und sind in der Lage, den Gegner zu überraschen.You Spin Me Round (Like A Rekord)! - Kihon Training völlig abgedreht
André Bertel Senseis Karate weicht in vielen Aspekten von anderen traditionellen Karate-Trainings ab: Schon zu Beginn der Einheiten gibt es nicht die klassischen Kihon-Bahnen mit verschiedenen Technik-Kombinationen. Auf beinahe allen bisherigen Bertel-Lehrgängen hatten Choku-Tsuki-Variationen (in verschiedene Richtungen, mit halber, viertel oder ganzer Körperdrehung) einen wichtigen Platz - André Sensei räumt diesen Koordinationsübungen einen großen Stellenwert ein, da wir durch das regelmäßige Üben dieser Sequenzen Stabilität und "Groundpower" generieren können und dennoch dabei locker sein müssen (sonst kann man z. B. keine 180- oder 360-Grad-Drehung ausüben). Tsuki KihonDo You Really Want To Hurt Me? - Kihon mit dem Partner
Zu André Senseis Karate-Konzept gehören selbstverständlich in großem Umfang auch PartnerInnen-Übungen: Interessant fand ich seine Erklärung, dass seiner Meinung nach die Kihon-Kumite-Formen (Kihon-Ippon-Kumite, Gohon- oder Sanbon-Kumite) kein Kumite im engeren Sinne sind, sondern "Kihon mit einem Partner". Das geht ja in die Richtung, wie auch Risto Sensei es beschreibt, wenn er sagt: "Wir machen jetzt Tsuki Bunkai" und damit Impact-Training meint. Wie es auch unser Trainer und Freund Andreas Klein beschreibt, so verlangt auch André Sensei von uns, dass wir nicht nur Arme und Beine gleichzeitig ins Ziel bringen, sondern die Arme noch etwas eher auf den Weg schicken können. So hat man z. B. beim Gohon Kumite mit Angriff Tsuki Chudan eine erheblich höhere Trefferchance bzw. für den Abwehrenden ist es viel schwerer, zu blocken. Dasselbe Prinzip behandelt ja auch der "direkte Gyaku Tsuki" aus dem Hause Kiiskilä: Der Fuß setzt vor dem Bein ab und die Technik gewinnt dann an Dynamik.Beat It! - Selbstverteidigung aus Kata-Sequenzen
Auch wenn die Kihon-Kumite-Sequenzen bei André Sensei mit hoher Intensität geübt werden (kurze Distanz vor dem ersten Angriff, voller Fokus als Tori und Präzision als Uke), so werden die richtig interessanten PartnerInnen-Übungen eigentlich alle aus Kata-Sequenzen abgeleitet. Anders als bei speziellen Kata-Workshops, bei denen zunächst eine Kata vom Ablauf her einstudiert wird, bevor daraus Anwendungen abgeleitet werden, streut André Sensei auf seinen Lehrgängen immer mal wieder Gegenwehr-Kombinationen ein und nimmt dabei eher beiläufig Bezug auf bestimmte Kata-Technikabfolgen. Das hat den Vorteil, dass auch Karateka aus anderen Stilrichtungen mithalten können, obwohl die kompletten Kata-Abläufe unbekannt bleiben. Beim Lehrgang in Freital hatten wir uns am Beginn der Kata Enpi auszuprobieren und auch der Anfang der Bassai Dai wurde zu einem schmerzvoll-effektiven Event! Aus der Jion nahmen wir uns zwei Abfolgen vor, unter anderem hier die Schlusssequenz. Empi TorstenHighway To Hell - Was zur Hölle ist eigentlich Budo-Karate?
André Sensei hat seinen Schwerpunkt auf dem Budo-Karate. Es lohnt sich, sich die Frage zu stellen, was genau Budo-Karate ist - was macht es aus? Klar dürfte sein, dass es im Gegensatz zum Sportkarate beim Budo nicht darum geht, Trefferpunkte zu erzielen, die von einem Gremium festgelegt und von einer Jury bewertet werden. Es geht auch nicht um Ästhetik oder Athletik. Budo-Karate zeichnet sich m. E. durch die Effektivität der einzelnen Techniken aus und zwar in Bezug auf die Frage, ob sie denjenigen, den ich abwehren möchte, so ausschalten, dass kein weiterer Angriff zu befürchten ist (Ippon-Gedanke oder Ikken Hissatsu). Weiteres Kriterium des Budo-Karate ist m. E. eine relativ kurze Kampf-Distanz. Während beim Sport-Karate vom Angreifer versucht werden muss, die Distanz vor einem Angriff zu verkürzen, um eine effektive und wertbare Technik zu platzieren, so geht man beim Budo-Karate m. E. davon aus, dass die Distanz schon vor der ersten Aktion so kurz ist, dass man unmittelbar am Gegner/Partner agieren muss/kann. Wenn wir Budo unter Selbstverteidigungsaspekten betrachten, dann würde die Distanz, aus der im Sportkarate heraus agiert wird, wohl noch eine Möglichkeit eröffnen, einen Konflikt auf andere Weise zu beenden (etwa durch Flucht, oder Deeskalation). Beim Sportkarate wird daher eine Dynamik verlangt, die es ermöglicht, große Distanzen schnell zu überbrücken. Die Kraft-Generierungsprinzipien der Rotation, Kompression, Schwerkraft und Schwerpunktverlagerung kommen dabei so gut wie gar nicht zum Ausdruck. Zudem ist beim klassischen Sportkarate die Technikvarianz stark eingeschränkt: Kizami Tsuki, Gyaku Tsuki, Mae Geri, Mawashi Geri, vielleicht noch Ushiro Geri und Ashi Barei - viel mehr wird doch in Wahrheit nicht eingesetzt. Im Budo dagegen können wir die große Vielfalt unserer Kampfkunst-Techniken einsetzen. Nicht falsch verstehen: Ich denke, dass beide Trainingsformen ihre Bedeutung und ihren Reiz haben - für mich persönlich merke ich aber auch: Beides hat seine Zeit! Als junger Mensch mit 15, 20, 30 Jahren ist Sportkarate total reizvoll und spannend. Wer wie ich das große Glück hat, Karate über mehrere Jahrzehnte hinweg zu praktizieren, für den bedeutet das Sport- oder nennen wir es besser: Wettkampfkarate auf Dauer einen zu hohen körperlichen Verschleiß (speziell Kumite-Wettkampf). Budo-Karate hingegen lässt sich (hoffentlich) ein Leben lang ausführen! Tsuki BudoConfusion - Standhaft bleiben bei Orientierungslosigkeit
Wer eine breite Masse an Menschen mit seinem Training erreichen möchte, muss sich bei einem Lehrgang auf wenige Aspekte beschränken. Mich beeindruckt daher immer sehr, wenn ich erkenne, dass André Sensei (und natürlich andere TrainerInnen auch!) uns noch viel, viel mehr zeigen und erklären könnten! Ich bin vor allem beeindruckt von André Senseis stetem Fokus auf der Selbstschutzwirksamkeit des Karate. Wie kaum ein anderer Trainer integriert er auch nicht-technische Aspekte in das Lehrgangskonzept, die ich sonst eher z. B. aus dem Street-Combatives-Training kenne: So wird z. B. durch eine vorgegebene Anzahl an Körperdrehungen das Bewusstsein getrübt und dann im Anschluss verlangt, dass man stabil auf der Stelle stehen kann. Übertragen würde das für mich bedeuten, z. B. in einem Gerangel die Orientierung zu verlieren und dennoch anschließend gezielt agieren zu können. Einen derartigen Realitätsbezug erkenne ich aktuell sonst beinahe ausschließlich noch in den Trainings mit unserem Leistungstrainer und Freund Andreas Klein Sensei. Der einzige Vorschlag Sensei Andrés, den ich für mich nicht passend finde, ist der Ansatz, im Fall einer Bodenlage zu versuchen, sich den Angreifer mit ausgestreckten Armen vom Leibe zu halten. André Sensei argumentierte, dass der Angreifer dann nicht weiter ins Gesicht schlagen könne, da die Fäuste dieses nicht mehr erreichen könnten. Das mag wie im Video anbei unter etwa gleichstarken Männern funktionieren - wenn ich aber von einem größeren und stärkeren Mann angegriffen und zu Boden gebracht würde, so würde ich wohl eher seinen Kopf an mich ziehen, dann drum herum in Auge und Nase zu greifen ("Bowlingkugel") - auch auf diese Weise hat der Angreifer keine Möglichkeit mehr, mein Gesicht zu treffen und ich komme mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm los. SV am BodenKnockin' On Heavens Door - Eine Öffnungstechnik zum Auftakt
Das Prinzip "Iriguchi Waza" - auf Deutsch etwa "Eingangs- oder Öffnungstechnik"- spielt bei André Sensei ebenfalls eine große Rolle. Iriguchi Waza dient z. B. dazu, einen kleinen zeitlichen Vorteil zu verschaffen, in dem wir den Angreifer vor Ausführung der Kontertechnik kurz ablenken. Oder wir können durch die geeignete Eingangstechnik dafür sorgen, dass sich ein viel größerer Angreifer (vor Schmerz) beugen muss und "kleiner" bzw. "handlicher" wird. Selbstverständlich kann man mit einer gezielten Eröffnungstechnik (André Sensei empfiehlt Schläge vor die Augen, den Hals oder den Genitalbereich) einen ersten Schmerz und Schock setzen, so dass ein eventuell weiterer Angriff von der anderen Seite schwächer ausfällt, als geplant. Also ein weiterer taktischer Selbstverteidigungsansatz, den ich gerne mit aufnehme in meine eigenen Trainingsgedanken.Cranes In The Sky - Kakuyoku Shodan
Besonders gefreut hat es mich für meinen Katamann Torsten, dass die Kata Kakuyoku Shodan einen weiteren Lehrgangsschwerpunkt bildete. Er hatte sie vor einigen Jahren in einem Privattraining mit André Sensei bei unserem Karatefreund Frank in dessen Haus-Dojo kennen gelernt und wir haben sie seither auch in unserem regelmäßigen Dojo-Kataplan aufgenommen. Torsten kann sie daher quasi im Schlaf. Und so konnte er auch mit einigen anderen Karatefreunden einige Male diese schöne Kata vorführen. Wir anderen lernten den Ablauf in mehreren Sequenzen und ich hoffe, sie bleibt mir jetzt wieder eine Weile im Gedächtnis :-) Kakuyoku ShodanTalk Talk - Ganz nebenbei war es auch noch sehr nett!
Eins vorneweg: Das von mir ausgesuchte Quality Hotel Dresden kann ich nicht empfehlen! Bitte, geht dort nicht hin, es sei denn, ihr möchtet günstig wohnen (denn das war es wirklich!) - In einem Gespräch kam mir die Idee "Quality Hotel Dresden - jedes Wort eine Lüge" (von Qualität keine Spur, Wohnen in einem ehemaligen Stasi-Bunker und die Lage mitten in einem Industriegebiet ließen Gedanken an die Semper-Oper oder die Frauenkirche schnell verblassen! Ein schöner Nebeneffekt, in diesem Hotel untergekommen zu sein, war allerdings die gemeinsame Zeit mit unserem Karatefreund Punito, mit dem wir endlos fachsimpeln konnten!Auch zwischen den Einheiten konnten wir uns im hervorragend organisierten Pausensaal des Dojos Freital nicht nur stärken, sondern auch viele intensive Gespräche mit vielen netten Karatemenschen führen.
Besonders gut gefallen hatte mir diesmal aber auch die Lehrgangsparty. Sie fand wieder einmal in dem Feldschlösschen-Stammhaus statt, in dem wir bereits anlässlich eines Takudai-Lehrgangs waren. Besonders schön finde ich es bei Lehrgängen bei André Sensei immer, dass er es sich nicht nehmen lässt, persönlich vermutlich jeden Gast anzusprechen und sich auszutauschen! So etwas habe ich sonst noch nie erlebt! André wartet hierbei nicht, bis die Karateka zu ihm kommen, sondern er geht von Tisch zu Tisch und lernt die Menschen kennen. Und bei dem Lehrgang in Freital haben sich hinsichtlich dieser Geste auch die Ausrichter angeschlossen: Auch sie gingen im Lokal herum und blieben bei uns sicher eine halbe Stunde sitzen - wir kamen hier weit über den Smalltalk hinaus!
Einen ganz herzlichen Dank an dieser Stelle an André Sensei und an das Dojo Freital für ein unvergessliches Wochenende! Osu!







