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Dienstag, 14. März 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gedanken zum eigenen Budo und Kulturvergleich

In der Ausbildung zur Budopädagogin/zum Budopädagogen wurden uns die Elemente des Budo vorgestellt: Bu, Do, Dojo, Reigi, Shitei, Zen. Gegenüber einigen Budo-Elementen empfinde ich Widerstand und würde sie abwandeln. Aber darf ich das? Muss Budo nicht unveränderlich sein, weil es eine Kultur ist und alten Traditionen entspricht? Es lohnt sich m.E., in diesem Zusammenhang die Frage zu stellen, was genau Kultur ist. Interessant ist es weiter, einen Blick auf die japanische Kultur zu werfen und einen Vergleich mit der bei uns gelebten Kultur heranzuziehen. 

Kultur ist „…ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist es ein Mittel, unterschiede u anderen Kulturen auszudrücken und festzulegen.“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 6). Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 7). Über diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. 

Die japanische Kultur ist unter anderem geprägt durch konfuzianische Ethik. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27)

  • hohe Machtdistanz
  • Maskulinität
  • starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe Langzeitorientierung
  • Kollektivismus  

Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch die klare Hierarchie und Strenge wider.  Da ich mit Karate aufgewachsen bin, kann ich mich dieser Form des Budo bis zu einem gewissen Grad … jetzt fehlen mir die Worte … ist es wirklich ein Unterwerfen? Ist es ein Ausliefern? Vermutlich müsste es genau eines dieser beiden Worte sein. Ich kann mich also bis zu einem gewissen Grad unterwerfen, wenn ich weiß, dass die Machtposition des Meisters (hier bleibe ich bewusst bei der männlichen Form, weil ich diese Machtdominanz von weiblichen Sensei noch nie so gespürt habe) nicht missbraucht wird und die Forderungen nicht willkürlich sind. Ich muss einen gewissen Sinn und ein Wohlwollen hinter den Forderungen erkennen oder zumindest ahnen und spüren.

Und die Hierarchie endet bei mir mit Ende der Übungsstunde. Ich habe wahrgenommen, dass dies nach der in der Ausbildung vorgestellten Budo-Idee anders ist und zum Beispiel auch beim abendlichen Bier am Lagerfeuer auf Hierarchien gepocht wird („Der Schüler muss sich sein Bier selbst holen, ein Meister-Schüler darf es ihm nicht bringen.“). Dies passt gut zur japanischen Kultur und vermutlich auch zu anderen asiatischen Kulturen – eben überall dorthin, wo die Kultur eine hohe Machtdistanz aufweist. Mir persönlich geht dies zu weit und ich empfinde dies als übergriffig in meinen privaten Bereich hinein – sowohl als Sensei, als auch als Schülerin. Eine starke Hierarchie und strenge Regeln können bis zu einem gewissen Grad den Charakter von Schülerinnen und Schülern fördern, Wertevermittlung unterstützen, für Klarheit und Ordnung sorgen – sie können aber auch zerstören und zu Gewalt und Missbrauch führen. Ich hatte in eine beruflichen Weiterbildung, die ich leitete, kürzlich unter den Teilnehmenden einen jungen japanischen Mann. Wir sprachen in der Gruppe über Gewalterfahrungen und er erzählte, dass er in seiner Kindheit und Jugend in der Schule in Osaka regelmäßig von Lehrern geschlagen wurde. Diese „Züchtigung“ habe zum Unterricht „dazu gehört“ und er habe darunter sehr gelitten. Mit seinen Eltern habe er darüber nicht sprechen können – die hätten ohnehin wohl das Verhalten des Lehrers unterstützt. Hohe Machtdistanz geht meist mit einem autoritären Führungsstil einher. Dieser „zeichnet sich durch direktives, autokratisches, hierarchisches und autoritäres Verhalten der Führungskraft“ aus (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 54). Diesem Führungsstil liegt die Idee zugrunde, dass Menschen ungleich sind und dass die bestimmende Person die klügste ist mit den effektivsten Methoden. Im Extremfall kann dies zu einem Absolutismus führen. Hierarchie bedeutet im beruflichen Alltag Japans auch, dass Angestellte vor dem Boss im Büro erscheinen und es nicht vor diesem verlassen dürfen. Das Verlassen erfolgt dann oftmals gemeinsam und zwar in Richtung einer Bar, in der die Angestellten ihre „Qualitäten“ unter Beweis stellen müssen, in dem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken (eigene Beobachtungen am Bahnhof in Oita und weiteren Orten in Japan). So eine Kultur kann und will ich nicht leben.  

Die japanische Kultur ist zudem geprägt von Maskulinität. Diese zeichnet sich durch ein hohes Durchsetzungsvermögen aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. Beide Kulturen können Gemeinwohl und Fürsorge zum Inhalt haben aber in maskulinen Kulturen ist dies stark den Geschlechterrollen zugeordnet (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Dies hat z.B. in Japan zur Folge, dass Frauen sich auch heute noch – trotz Schulausbildung und Studium – nach einer Heirat in erster Linie um den Haushalt eines Paares kümmern müssen, um die Pflege der Kinder und der alten Eltern (Scott Langley, 2014, S 127). Ich hatte es bereits bei der Abschlussrunde des zweiten Moduls erwähnt, dass ich einen streng maskulinen Führungsstil unpassend finde und daher kann ich diesen Stil für mein Budo nicht kopieren. Für mich als Frau muss ein anderer Budo-Führungsweg möglich sein, bei dem ich mit weiblicher Konsequenz und Autorität anleiten und führen kann, so dass ich als Sensei authentisch bin. Ich denke, dass ich in meinem Dojo hier schon ein gutes Konzept lebe. Leider habe ich bisher Budo-Literatur ausschließlich von männlichen Autoren gefunden, so dass mir hier wissenschaftliche/literarische Inspiration fehlt. Ich bin daher sehr gespannt auf die weibliche Budopädagogin Jeannine Schröder beim Schweden-Modul. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen haben Probleme damit, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Personen, die im Gegensatz dazu in Kulturen mit niedriger Unsicherheitsvermeidung aufgewachsen sind, haben eher eine „hohe Ambiguitätstoleranz und Improvisationstalent“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Sie benötigen nicht viele Regeln, sind eher gewohnt, selbst zu entscheiden und zu improvisieren. Regeln werden oftmals als einengend empfunden und erzeugen ggf. sogar Misstrauen gegenüber den Personen oder Institutionen, die die Regeln aufgestellt haben und die Durchführung überwachen, Verstöße sanktionieren. Ich persönlich habe eher eine niedrige Unsicherheitsvermeidung. Meine Eltern gehörten der Kriegs- und Flüchtlingsgeneration an und waren schon deshalb wahre Improvisationstalente. Gleichwohl weiß ich klare Regeln und Strukturen zu schätzen und bin der Ansicht, dass es einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat, wenn Strukturen und Regeln sowie entsprechende Konsequenzen bei Verstößen den Alltag gestalten. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen – vor allem auch Kinder oder traumatisierte Personen – sehr dankbar sind über einen strukturierten Budo-Unterricht mit gleichförmigen Abläufen und verlässlichen Regeln. Die im Budo aufgestellten Regeln sollten m. E. klar definiert und nachvollziehbar sein. Sie dürfen m.E. aber aber auf keinen Fall schikanieren oder erniedrigen. 

Kulturen mit Langzeitorientierung streben langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies passt m.E. sehr gut zur in der Weiterbildung vorgestellten Art des Budo, da hier der Lernprozess zählt und nicht der schnelle Graduierungs- oder Wettkampferfolg. Diese unserem schnelllebigen Alltag entgegenstehende Ausrichtung sehe ich als sehr positiv im Hinblick auf den Do an. In diese Langzeitorientierung passt auch die Praxis der Zen-Meditation, bei der man vollkommen absichtslos einfach „nichts“ tut, bei der der Geist zur Ruhe kommen kann. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf. Menschen, die versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, fallen auf und werden sanktioniert. In Japan ist die Kultur kollektivistisch ausgeprägt. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit nach einem Erdbeben und Taifun die Menschen mit anpacken, damit am nächsten Morgen die Züge wieder pünktlich (!) fahren und der Alltag in weiten Teilen des Landes scheinbar unbeeinträchtigt weiter geht (eigene Beobachtung nach dem Taifun Hagibis im Oktober 2019). Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die durch Budo vermittelt werden können. Allerdings hat zu einem hohen Grad ausgelebter Kollektivismus auch seinen Preis: Burnout und Depressionen sowie das Ausleben der Abweichungen von der Norm in Subkulturen sind in Japan an der Tagesordnung. Aus dem Leben allein für die Gemeinschaft wird im Geheimen ausgebrochen, weil der psychologische Drang zur Selbstverwirklichung Raum finden muss. Die Suizidrate liegt vielleicht auch aus diesem Grund in Japan im weltweiten Vergleich auf Rang 26 (Deutschland: 42) (Wikipedia, Suzidrate nach Ländern, 2023). Der auch im Budo gelebte Kollektivismus sollte daher achtsam gelebt werden. Vor dem Ein- und Unterordnen sollte die Persönlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin stark genug sein, um den Kampf mit dem Ego aufzunehmen und das „kleine Ich“ zugunsten der Gemeinschaft möglichst klein zu halten. Das Unterordnen sollte aus freien Stücken und mit Freude geschehen. Dies kann sich in stark ausgeprägten Hierarchien schwierig gestalten, da dann möglicherweise nicht alle Gruppenmitglieder füreinander da sind, sondern z.B. Niedriggraduierte den Höhergraduierten „zu Diensten“ sein müssen. In meinem Dojo achte ich daher darauf, dass ich mich z.B. bei anstehenden Arbeiten nicht herausnehme, sondern mich beim gemeinsamen Soji oder anderen Aufgaben beteilige. Dies ist m.E. eine deutliche Abweichung der ursprünglichen Budo-Idee, die meiner Meinung nach aber notwendig ist, um diesen Aspekt authentisch umzusetzen. Zusammenfassend sieht mein Budo unter Berücksichtigung der fünf Kulturdimensionen daher so aus: 

  • Eine Machtdistanz, die geprägt ist durch Hierarchie und Strenge bzw. Konsequenz, die aber nicht autoritär ist und ohne Willkür/Unterdrückung auskommt. Die hierarchischen Strukturen gelten für die Dauer der Übungsstunden. Abseits davon gelten die unserer Gesellschaft üblichen Respekt- und Höflichkeitsregeln. Unter den Aspekt der Machtdistanz fallen vor allem die Rollen Routinen und Regeln des Reigi.
  • Abkehr vom rein maskulinen Führungsstil! – Als Frau muss ich weiblichen Budo gehen und leben dürfen. 
  • Unsicherheitsvermeidung durch Regeln und Strukturen, die klar definiert und nachvollziehbar sind und nicht schikanieren oder erniedrigen - die vier R des Reigi (Rollen, Regeln, Routinen und Rituale) bilden hier die feste Grundlage.
  • Langzeitorientierung, die den Geist zur Ruhe bringt – hier kommen Prozessorientierung und meditative Aspekte des Budo zur Geltung 
  • Kollektivismus mit gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung, die alle Mitglieder einbezieht und freiwillig und mit Freude geschieht - hierdurch ergibt sich die Möglichkeit zu wachsen, um anschließend freiwillig den Kampf mit dem eigenen Ego aufzunehmen, um dies zugunsten der Gemeinschaft klein zu halten 



Literatur: 

Kumbruck und Derboven. (2015). Interkulturelles Training (3. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg.

 

Scott Langley. (2014). Karate Stupid. Amazon Distribution.


Werner Lind. (2004). Der geistige Weg der Kampfkünste (5. Aufl.). Barth Verlag.


Wikipedia, Suzid nach Ländern. (2023). Abgerufen 14. März 2023, von https://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_Ländern

 



Mittwoch, 22. April 2020

Tokugawa Tsunayoshi - der Hunde-Shogun

Foto: Wikipedia
In der Dojo-freien Corona-Zeit beschäftige ich mich grade über verschiedene Medien mit dem Leben der Samurai. Hierzu habe ich mir ein E-Book zugelegt (Die Samurai von Wolfgang Schwentker, Beck-Verlag) und es gibt eine kurzweilige, dreiteilige Doku bei ZDF Info via youtube Doku Samurai 2015 - Japans Krieger. Hier wird in Teil drei der Shogun Tokugawa Tsunayoshi erwähnt, der von seinen Zeitgenossen den Spitznamen "Hunde-Shogun" erhielt.

Tsunayoshi war ein Urenkel des Dynastie-Begründers Tokugawa Ieyasu, der nach dem Sieg bei der Schlacht von Sekigahara im Jahre 1600 Japan von der so genannten Sengoku-Zeit ("Zeit der kriegführenden Lande") in die Edo-Zeit überführte (benannt nach der Hauptstadt Edo, heute Tokio). Die Edo-Zeit beinhaltet die längste Friedenszeit der japanischen Geschichte, die über 250 Jahre andauerte. Die Kultur der Samurai änderte sich in diesen 250 Jahren grundlegend, da kriegerische Einsätze nur noch sehr selten vorkamen. Gleichwohl war es üblich, dass die Tokugawa Shogune eine Samurai-Ausbildung erhielten - so auch Tsunayoshis älterer Bruder, der für das Amt des Shogun vorgesehen war. Tsunayoshi selbst wurde nicht kriegerisch ausgebildet und nicht auf politische Ämter vorbereitet, sondern genoss eine allgemeinere Schulbildung, geprägt von den Lehren des Buddhismus und des Konfuzianismus.

Als Tsunayoshi nach dem frühen Tod seines Bruders das Amt des Shogun übernahm, führte dies daher zu einem Wandel der japanischen Gesellschaft: Tsunayoshi waren Bildung und Kultur wichtiger als kriegerische Heldentaten und Kriegsherren, die seine Gunst erringen wollten, konnten sich eher durch die Förderung der Künste und des Buchdrucks hervortun, als durch martialisches Kräftemessen. Die Regentschaft Tsunayoshis wurde somit zu einer Zeit der kulturellen Blüte Japans.

Auch wenn er einerseits durchaus ein machtbewusster Politiker war, der nicht davor zurückscheute, intrigante Einflussgeber beseitigen zu lassen, verurteilte Tokugawa Tsunayoshi bedingt durch seine Erziehung Gewalt grundsätzlich. So erließ er unter anderem die "Gesetze zum Mitleid gegenüber Lebewesen" (Shōrui Awaremi no Rei). Dieses Gesetz schützte erstmals z. B. auch Menschen aus den unteren Schichten, speziell auch Kinder. Zur damaligen Zeit war es nicht unüblich, dass Familien, Kinder, die sie nicht ernähren konnten, aussetzen. Diesen Kindern drohte meist ein hartes Schicksal, oftmals mussten sie schlichtweg verhungern! Tsunayoshi verfügte, dass sich Beamte um die Kinder sorgen und ihnen ein neues Zuhause finden mussten.

Tsunayoshi war im Jahr des Hundes geboren. Ob dies nun den Ausschlag gab, dass ihm besonders auch das Wohl der Hunde am Herzen lag? Jedenfalls erließ der Schogun auch ein striktes - und für damalige Zeiten vermutlich höchst ungewöhnliches - Gesetz zum Schutz von (und vor) Hunden: Viele der Samurai hielten nämlich zahlreiche Hunde in ihren Palästen. Oftmals entliefen die Tiere oder wurden ausgesetzt, so dass eine große Anzahl frei herumlaufender Hunde Edo unsicher machte und vor allem auch schutzlose Kinder angriffen und verletzten. Manch anderer Herrscher hätte die Tiere vermutlich einfangen und töten lassen, um der Plage Herr zu werden. Nicht so Tsunayoshi: Er verfügte, dass die Tiere eingesammelt und in Heimen für Hunde untergebracht und gefüttert werden sollten. Die Daimyo Edos mussten für die Kosten aufkommen. Wenn Hunde starben, so sollten sie in die Berge gebracht und dort begraben werden - nicht weniger aufwendig als Menschen. Der Legende nach beschwerte sich einst ein Bauer, der seinen Hund beschwerlich in die Berge tragen musste, darüber gegenüber seinem Nachbarn. Dieser soll geantwortet haben: "Sei froh, dass der Shogun im Jahr des Hundes geboren ist! Wäre er im Jahr des Pferdes geboren, hättest Du noch viel schwerer zu tragen." Dieses für damalige Zeiten ungewöhnliche Gesetz zum Wohle der Hunde brachte Tokugawa Tsunayoshi den Spitznamen Hunde-Shogun (Inu Kubō) ein.

Der Schutz der Schwachen hatte aber ihren Preis und so stiegen die Staatsausgaben unter Tokugawa Tsunayoshi weiter an. Das Shogunat hatte ohnehin schon mit hohen Ausgaben zu kämpfen, da das Aufrechterhalten der Kriegerkaste, die aus Mangel an kriegerischen Auseinandersetzungen im Grunde überflüssig geworden war und nur zum Teil durch Verwaltungsaufgaben beschäftigt werden konnte, immense Kosten verursachte. Brände, Missernten und Erdbeben belasteten Japan in dieser Epoche zusätzlich. In die Zeit der Regentschaft Tokugawa Tsunayoshis fielen übrigens auch die Ereignisse der 47 Ronin, die im buddhistischen Tempel Sengaku-ji in Tokio begraben sind.

Samstag, 2. November 2019

Kids als Katastrophen-Manager - Kindertraining Karate

Nach unserer Japan-Fortbildung unter den Eindrücken der japanischen Gesellschaft - dem Taifun und Erdbeben und aktuell dem Feuer auf Shori Jo

Kindern von Japan erzählen und von drei regelmäßigen Katastrophen: Tsunami, Feuersbrünste und Überschwemmungen

1. Tsunami: Man muss am besten so hoch wie möglich sein, einen Hügel, eine Anhöhe erklimmen! Die Kinder sollen "Hügel" im Dojo bauen durch die großen Pratzen, Teile des Plyo-Turms etc. Dann durch die Halle laufen und auf Kommando "Tsunami" auf eine der Anhöhen stellen - gerne auch im Team - unterstützend, zu mehreren auf einer Anhöhe. Dreimal durchgehen.

2. Feuer: Auf eine festgelegte (Matten)Fläche gehen lassen und einige Matten vor der Fläche bereit legen. Erklären, dass man eine Brandschutzmauer bauen kann durch Aufrechtstellen der Matten. Versuchen lassen. Dann durch die Halle laufen und auf Kommando Feuer in Sicherheit gegen (auf die Fläche) und die Brandschutzmauer errichten. Dreimal durchgehen.

3. Überschwemmung: Fragerunde - was macht man bei einer Überschwemmung - Wasser abschöpfen! Mit Seilen zwei parallele "Ufer" abstecken, etwa zwei Meter Platz dazwischen lassen. an eine Kante die kleinen Kissen legen lassen als "Eimer" - auf Kommando "Überschwemmung" die Kissen von einem Ufer zum anderen tragen und symbolisch Wasser schöpfen, zweimal wiederholen, dann durch die Halle laufen, auf Kommando Überschwemmung zum Ufer laufen und Wasser schöpfen, drei Durchgänge

Dann erklären, dass sich in Japan diese Katastrophen ja immer abwechseln und man weiß nie, was als nächstes kommt! Darum jetzt durch die Halle laufen und auf mein Kommando entweder Feuer löschen, vor dem Tsunami retten oder Wasser schöpfen

Freitag, 11. Oktober 2019

Fujis Trainer trotzen dem Taifun

Für Torsten und mich stand im Oktober 2019 wieder eine wichtige Fortbildung in Japan an. Wir planten, zunächst bei André Bertel Sensei in Oita in sehr persönlicher 1:2-Kombination zu trainieren, um anschließend weiter nach Okinawa zu reisen – der Keimzelle unserer Kampfkunst! Die Reise ging wie immer über Tokio, Zielflughafen Narita.

Kurz vor Reisebeginn verfolgten wir Berichte von Freunden, die ebenfalls grade in Japan waren. Von einer Sorge darüber, ob die geplante Rückreise stattfinden könne, war die Rede – schließlich würde doch am kommenden Wochenende der Taifun Hagibis in Japan – speziell auch in Tokio – erwartet. Es sollte in diesem Jahr bereits der 19. Taifun sein – und es war zu erwarten, dass dieser alle voran gegangenen übertreffen sollte! Wie bitte? Taifun? Ohje – schnell stand fest, dass der Taifun vermutlich exakt mit unserer Ankunft zusammentreffen sollte! In erster Linie sorgten wir uns um unsere japanischen Freunde und auch unsere Freunde und Bekannten, die sich grade in Japan aufhielten: Aktuell fand schließlich das JKA-Autumn-Camp im Honbu Dojo statt, an dem auch unsere DJKB-Trainerriege, bestehend aus Thomas Schulze Sensei, Toribio Osterkamp Sensei und Markus Rues Sensei teilnahm. Japan würde sich für den Taifun wappnen: Ab unserem Ankunfttag sollten viele Flüge gestrichen und der öffentliche Nah- und Fernverkehr sollte eingestellt werden, alle Menschen wurden gebeten, sich mit Nahrungsmitteln für ein paar Tage einzudecken und ab Samstagmittag möglichst das Haus nicht mehr zu verlassen. 



Anfragen bei der Fluggesellschaft, die uns nach Japan bringen sollte, brachten zunächst Entwarnung: Von Besonderheiten bezüglich unserer Anreise, Flugstorni oder ähnlichem war nichts bekannt. Der Pilot, der den Flieger nach Tokio steuerte, kündigte dann auch lediglich an, es könne ggf. Tubulenzen beim Anflug geben. Taifun Hagibs würde erst am Nachmittag, also nach unserer Ankunft, Tokio erreichen. Letztlich war es wohl der ruhigste und entspannteste Flug, den Torsten und ich jemals hatten! 


Vielleicht hat mein Glücksbringer tatsächlich Glück gebracht :-) 


Allerdings gingen unsere persönlichen „Turbulenzen“ im Anschluss los! Wir hatten ursprünglich geplant, direkt am Ankunftstag per Shinkansen weiter nach Oita zu fahren, wo uns an den folgenden Tagen André Bertel Sensei erwarten würde. Aber nun war ja wegen des Taifuns der Shinkansen-Betrieb eingestellt und die Weiterfahrt unmöglich. Vom Flugzeug aus versuchten wir dann, kurzfristig ein Hotelzimmer zu buchen. Wegen der aktuell stattfindenden Großereignisse (Rugby-WM und Formel-1-Rennen) war das allerdings alles andere als ein Kinderspiel! Dennoch hatten wir Erfolg: Ein kleines Appartement in Shinjuku sollte es sein! Beruhigt verfolgten wir die Landung und ließen die nachfolgenden Einreiseprozeduren über uns ergehen. 

Als ich nachfolgend die konkrete Anschrift der Unterkunft ermitteln wollte, sah ich, dass man zuvor Kontakt mit dem Inhaber aufnehmen sollte, um den Schlüssel zu bekommen. Leider erhielt ich schnell folgende Info: „Sorry! Because of Taifun Hagibis we are not able to organize the key – you cannot sleep in this appartement!” Oh je – und jetzt? Eine schnelle Recherche ergab, dass der Markt der Unterkünfte inzwischen noch schmaler geworden war: Es gab einige Kapsel-Hotels (kleine „Schubladen“, in denen man sich zum Schlafen hineinlegen kann), ausreichend viele Hotelzimmer mit einem Preis oberhalb der 1000-Euro-Grenze – und noch einige Unterkünfte an der Bucht von Tokio. Hm – ein Zimmer mit „Meeresblick“ ist ja grundsätzlich verlockend – nicht aber im Anblick der sicher 20-Meter hohen Wellen, die angekündigt worden waren! 

Inzwischen waren wir im öffentlichen S-Bahn-Netz Tokios angelangt und empfanden die Atmosphäre als immer bedrohlicher. Die Weltmetropolo Tokio – eine Millionenstadt – wirkte wie ausgestorben! Die Straßen waren wie leer gefegt, in den S-Bahnen kaum ein Mensch, beinahe alle Geschäfte geschlossen! An einer S-Bahn-Station sprach ich eine Bahn-Angestellte an und fragte, ob sie eine Idee hätte, wie wir noch an ein Hotelzimmer kommen könnten. Ruckzuck kamen drei ihrer Kolleginnen dazu, die eigentlich dort eine Fahrkartenauskunft betreuen sollten, und versuchten sehr emsig, uns zu helfen! Sie sahen im Internet nach und riefen bei verschiedenen Hotels an - aber auch alle Unterkünfte, bei denen sie anfragten, waren ausgebucht! Letztlich beschlossen wir dann, doch ein Hotel an der Bucht zu nehmen – es blieb uns einfach nichts anderes übrig! 

Mit einem einzelnen Mann im Abteil fuhren wir per Yamanote Line Richtung Hotel. In der S-Bahn kam immer wieder die Ansage, dass auch diese Bahn wegen des nahenden Taifuns bald den Betrieb einstellen würde und es könne länger dauern, bis die Bahn wieder fahren könnte, da große Schäden erwartet würden. Oh Mann - das Szenario wurde immer bedrohlicher! 

An der Station angekommen, peitschte direkt der Regen auf uns los! Von Sturm war noch nicht viel zu spüren, aber Regen, Regen, Regen! Ruckzuck war auch meine Regenjacke schon durchweicht, die Schuhe von oben mit Regen gefüllt! In dem S-Bahnhof herrschte gähnende Leere! Erst, als wir die Treppe hoch auf die Straße nahmen, kam uns jemand entgegen, den wir auch direkt nach dem Weg fragten. Hilfsbereit, wie wir es in Japan von jedermann gewohnt wind, wurde uns sofort der Weg gezeigt. Zu unserem großen Glück fuhr zufällig grade ein Taxi vorbei, welches auch direkt für uns anhielt. Der Taxifahrer tat mir etwas Leid, da wir mit unserer inzwischen schon tropfnasser Kleidung und unserem nassen, sperrigen Gepäck in sein blitzsauberes Taxi sprangen - und dann auch nicht sehr weit fuhren, bis wir am Hotel waren! 

Neben dem Hotel hatte doch tatsächlich noch ein 7/11-Geschäft geöffnet - allerdings waren die Regale schon sehr geplündert! Wir konnten uns mit ein paar Kleinigkeiten eindecken, bevor wir ins Hotel gingen. 

Bis zum Bezug der Zimmer mussten wir etwa zwei Stunden im Foyer verharren. Der Regen wurde immer heftiger und am Hintereingang des Hotels hatte man bereits kleine Wassersperren errichtet, damit kein Wasser von der abschüssigen Garage ins Haus fließen konnte. 

Dann bezogen wir unser Zimmer - im 13. Stockwerk! Ausgerechnet! Von da aus hatten wir natürlich eine großartige Aussicht - auf viele andere Hochhäuser und die Straße unten. Die Bucht konnten wir nicht direkt sehen. Aber viel Regen, Regen, Regen....




 



Irgendwann am Nachmittag meinte Torsten etwas enttäuscht: "Mensch, für das Geld (immerhin umgerechnet etwa 350 Euro die Nacht für ein Doppelzimmer) hätte ich jetzt etwas mehr Action erwartet! Da ist ja Münster bei jedem Herbstregen spannender!" Ich muss gestehen, dass ich selber sehr froh war, dass alles draußen irgendwie noch normal wirkte....so suchte ich gegen 17 Uhr den Hotel-Onsen (ein aus heißen Quellen gespeistes Bad) auf. 


Als ich gegen halb sieben wieder auf dem Zimmer war, legte ich mich aufs Bett, um etwas zu entspannen. Ich blickte zufällig in Richtung Fenster und bemerkte, dass der Seilzug der Jalousie sich bewegte. Komisch! Es ging doch kein Luftzug durchs Fenster, oder? "Guck mal Torsten - komisch - der Seilzug wackelt! Wie kann das sein?" "Hm - weiß nicht. Wackelt halt," war die wenig hilfreiche Antwort. Nun erklang im Hotelflur eine Art Gong mit der Melodie von Big Ben. Wir hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte! Plötzlich erklangen von draußen, also von der Straße, Ansagen über Lautsprecher - allerdings auf Japanisch, so dass wir kein Wort verstehen konnten! Schließlich erschien noch wie von Geisterhand auf unseren Handy-Displays ein mit japanischen Schriftzeichen verfasster Text, dessen Inhalt uns ebenfalls ein Rätsel war - und der verschwand, sobald wir die Handys entsperrt hatten! 

Das war mir alles sehr gruselig und so fuhr ich mit dem Aufzug zum Empfang runter und fragte nach, was das alles zu bedeuten hätte! Der Mensch am Empfang sprach nicht sehr gut Englisch und verkündete nur, dass die Warnung "nicht für diese Region" gewesen sei. Mir war immer noch nicht klar, um was für eine Warnung es sich gehandelt haben könnte. Ich fuhr wieder hoch - noch nicht so richtig beruhigt - und legte mich wieder aufs Bett. Via facebook hatte ich eine Nachricht von meiner Freundin Barbara aus Wilhelmshaven erhalten: "Wie war denn das Erdbeben vorhin?" Das WAAAAAS? Nun machte alles einen Sinn - der wackelnde Seilzug, der Big-Ben-Alarm, die Ansage draußen und auch die Schriftzeichen auf den Handy-Displays! Ein Erdbeben! Später erfuhren wir, dass das Epizentrum des recht leichten Bebens etwa 50 km entfernt, in der Region Chiba gelgegen hatte. 

Um 21.30 ging dann der Sturm los – und zwar so, dass das ganze Hochhaus ins Wanken geriet! Natürlich weiß ich, dass es wichtig und gewollt ist, dass Hochhäuser sich bei Sturm bewegen! Aber wenn man dann oben im 13 Stock ist, ist das trotzdem recht furchteinflößend! Unten auf der Straße waren immer wieder Feuerwehr-Fahrzeuge zu sehen und gegen 22 Uhr fuhren dort sicher 12 dieser Fahrzeuge Streife! Sie hatten offenbar die nahe Bucht im Blick - denn der Höhepunkt des Taifuns sollte auch noch mit der Flut zusammentreffen! Und gegen 23 Uhr war dann der Ganze Spuk vorbei! "Weißt Du, was jetzt passiert?", fragte ich Torsten. "Jetzt stehen alle Bahnbediensteten auf und fahren zur Arbeit, bringen alles in Ordnung, damit morgen früh um 6 Uhr alle Züge wieder fahren." So ist Japan! Aber wir konnten jetzt erstmal: Schlafen!

Am nächsten morgen sah man auf den Straßen Tokios – nichts! Und die Bahnen fuhren tatsächlich auch wieder – allerdings mit sage und schreibe 5 Minuten Verspätung! Als wäre dies an diesem Morgen die normalste Sache der Welt, buchten wir Sitzplätze in Zügen, die uns nach Oita bringen sollten und wir waren nach gut 7 Stunden dort und konnten dort unser Hotel beziehen.




Rückblickend hatten wir wohl richtig Glück gehabt! Der Höhepunkt des Taifuns war nämlich nicht - wie befürchtet - an der Küste zum Tragen gekommen, sondern etwa weiter landeinwärts. Insgesamt hatte Hagibis 88 Menschen das Leben gekostet! Und ein Drittel der Shinkansen-Flotte ist buchstäblich abgesoffen! 


Donnerstag, 20. April 2017

Amazing Japan

Metro, Bus und Bahn beinahe immer mega pünktlichTarifsystem der Metro erschließt sich nicht auf den ersten Blick, da viele Linien, viele Zonen und verschiedene Anbieter (u. a. JR-Line, die nicht zu den städtischen Linien zählt). Manchmal muss man dann beim Ausgang aus einer Metro-Station nachlösen. Die Höhe der Nachlösesumme hat sich mir nicht erschlossen. Ratschlag: Vor Lösen eines Tickets das Endziel angeben und dann den entsprechenden Betrag einlösen, dann klappt es meistens

Kein Diebstahlrisiko

Viele Türen unverschlossen bzw. es steckt sogar von außen ein Schlüssel drin! Wenn jemandem etwas aus der Tasche fällt, bücken sich gleich fünf Passanten, um darauf aufmerksam zu machen oder den Gegenstand hinterher zu bringen. In Großstädten findet man zudem an jeder Ecke eine police-box, ein kleines Büro, in dem die Polizei Präsenz zeigt - vielleicht mit dem klassischen Streifenpolizisten vergleichbar. 

Sauberkeit und Ordnung in öffentlichen Bereichen
Auffällig war, dass Japan sehr sauber ist! Dies beziehe ich auf alle öffentlichen Bereiche. Selbst in Metrostationen, auf Bahnhöfen - Bereiche, die in westlichen Ländern häufig total vermüllt sind und - zumindest dem Geruch nach - gerne mal als "Gelegenheitstoilette" benutzt werden, sind in Japan auffallend sauber! Kein Müll, kein Unrat, kein unangenehmer Geruch beleidigen Auge und Nase und weit und breit ist niemand zu sehen, der bedrohlich wirken könnte oder in irgendeiner Form bettelt oder "abhängt". 

Rauchen
Ein bisschen schade fanden es Torsten und ich, dass in japanischen Restaurants und auch in Hotels das Rauchen Gang und Gäbe ist! Das hat uns so manches Mal den Genuss des Essens verdorben oder verkürzt oder sogar komplett vom Betreten einer Lokalität abgehalten. Verfügte ein Restaurant über einen Nichtraucherbereich, so war dieser allenfalls durch eine hüfthohe Trennwand vom Raucherbereich abgetrennt und gerne in eine fensterlose Ecke verbannt! Hotelzimmer für Nichtraucher waren gerne in den allerobersten Stockwerken und meist gelangte durch die Lüftungsanlage dann doch noch der Qualm aus anderen Zimmern in die eigene Schlafstätte. 
Witziger Weise ist auf der Straße das Rauchen meist strickt verboten! Klar, so hält man die Stadt ja auch sauber! Wer draußen rauchen möchte, muss sich dort eine spezielle Raucherzone suchen. In Zügen, Metrowaggons etc. ist das Rauchen zum Glück auch verboten. 

Kein Trinkgeld
Das Geben oder Empfangen von Trinkgeld ist nicht nur unüblich, sondern kann sogar als Beleidigung aufgefasst werden. Selbst 3 Yen wurden mir erstattet (100 Yen = 1 Euro)! 

Häufiger Schuhwechsel
Beim Betreten einer Wohnung Straßenschuhe ausziehen und Hausschuhe an,  beim Betreten des Wohn/Schlafbereichs auch Hausschuhe aus (auf Tatamis auf Socken oder barfuß laufen); vor Betreten des Badezimmers / der Toilette, Hausschuhe ausziehen und "Kloschuhe" anziehen! Mit dem Kloschuhen niemals die übrige Wohnung betreten!!!

Die Badeanstalt
Hotelzimmer ohne Duschen sind in westlichen Ländern dem Low-Budget-Reisen vorbehalten. In Japan nicht. In Kyoto hatten wir etwa eine sehr schöne Unterkunft, allerdings nur mit Toilette und Waschbecken. Die Körperreinigung führte man in dem angeschlossenen Onsen durch - einem (in diesem Fall: öffentlichen) Badehaus, in dem nach Geschlechtern getrennt gebadet wird. Der Begriff "Badeanstalt" wird hier also noch seiner ursprünglichen Bedeutung gerecht! Den Weg vom Hotelzimmer zum Onsen beschreitet man in einem Yukata (einfacher Hausmantel), den man im Hotelzimmer vorfindet (und meist bekommt man jeden Morgen einen frischen Yukata). Man betritt die nach Geschlechtern getrennten Umkleideräume mit Schrankfächern oder Plastikkörben, in denen man seine Kleidung und Habseligkeiten (auch Zimmerschlüssel etc., denn es klaut ja keiner!) verstaut und betritt unbekleidet und am Besten auch komplett ohne Handtuch o. ä. den Baderaum. 

Hier  befinden sich zahlreiche Waschtische mit Waschbecken und Brausekopf, vor denen man sich auf einem Plastikhocker niederlässt. Duschdas, Shampoo und Conditioner stehen ausreichend (und für meine Begriffe in guter Qualität) zur Verfügung, braucht man also alles nicht mitzuschleppen. Hier wird erwartet, dass man sich mindestens 15-20 min ausgiebig reinigt (mit Haarewaschen etc.), bevor man das große Badebecken betritt. Das Badewasser ist zuweilen sehr warm! Es entspringt (immer?) Thermalquellen, die in Japan allgegenwärtig sind. Meist gibt es Massagedüsen oder -brausen im Wasser, die man nutzen kann. Die Badehäuser sind ein Treffpunkt der Nationen, der Generationen, der Kulturen und eine schöne Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Manchmal gibt es auch noch eine Sauna. Ruheliegen oder Außenbereiche habe ich nirgends entdecken können. Die Stätte dient wohl tatsächlich in erster Linie der Körperreinigung. Nach dem Bad findet man im Umkleideraum Handtücher in Hülle und Fülle, die man nutzt und dann in einen aufgestellten Behälter wirft. Ein Traumort für diese Onsen soll der Ort Beppu auf der Halbinsel Kyushu sein. Leider konnten wir diesmal dort keine Unterkunft bekommen, sonst hätten wir das gerne ausprobiert. 

Verbeugen, verbeugen, verbeugen

Das wird einem als Karateka ziemlich schnell zur Routine, so dass ich jetzt zu Hause aufpassen muss, es hier nicht weiter zu pflegen und meine Mitmenschen zu irritieren :-) Gelegentlich bietet jemand einen Händedruck an (Menschen mit viel Kontakt zu "Westlern"). Sehr selten gibt es mal eine freundschaftliche Umarmung. Körperkontakt in der Öffentlichkeit kommt beinahe nicht vor (außer zwischen Eltern und ihren kleineren Kindern). Das Verbeugen kann, wenn man es sehr "japanisch" betrachtet, recht kompliziert werden, da unter anderem die soziale Stellung darüber entscheidet, wie lange und wie tief man sich verbeugen soll, darf, muss. Als Faustregel gilt: je tiefer, desto ehrerbietiger. Ein Beugewinkel von 45 Grad ist z. B. für einen Schrein- oder Tempelbesuch, die Entschuldigung schwerwiegender Fehler oder besonders wichtiger Personen vorbehalten. Ein Winkel von 30 Grad ist bei einer förmlichen Bitte angebracht, gegenüber dem Boss, einem Lehrer (oder Karate-Sensei) oder einer deutlich älteren Person. Neutral werden Gleichgestellte, Kollegen, Freunde und Familienmitglieder begrüßt (Beugewinkel etwa 15 Grad) und für alle anderen reicht eine Oberkörperbeugung von 5 Grad aus. Japaner lernen das Verbeugen von Kindesbeinen an und haben es tief verinnerlicht. So ist es nicht ungewöhnlich, wenn man Japaner beobachtet, die sich während eines Telefonats mehrfach verbeugen (beim Entgegennehmen eines Telefonats meldet man sich übrigens mit "moshi, moshi"). 

Japanische Küche
Es wäre vermessen von mir, hierüber etwas zu schreiben, das den Anspruch auf Vollständigkeit erfüllt! Ich kann nur so viel sagen: lecker, lecker, lecker, meist sehr sättigend und sehr, sehr frisch! Wir haben sehr viele Speisen getestet, die mit unserer fleischlosen Ernährung kompatibel waren (und manchmal auch nicht ganz, das hat man dann erst beim Essen gemerkt ;-) ). Sushi war allgegenwärtig, aber dadurch, dass wir das hier in Deutschland auch in Hülle und Fülle genießen können, nicht spektakulär. Die Verpflegung während des JKA-Spring Camps (musste bei der Anmeldung bestellt werden) erfolgte mittels Bento-Boxen, in denen sich Sprossen, Fisch und Gemüse tummelten. Beim Frühstücksbuffet war die "Delikatesse" Natto allgegenwärtig, eine kleine Portion vergorener Bohnen, die beim Essen schleimige Fäden zieht und "gewöhnungsbedürftig" riecht und schmeckt. Nach allem, was ich im Vorfeld darüber gelesen hatte, fiel der Schritt, es auszuprobieren, sehr schwer! Aber ich habe es getan (anders als Torsten, der sich nicht getraut hat ;-) ). Und es war nicht sooooo schlimm :-) Wann mal einen Blick auf die Tabletts der japanischen Hotelgäste warf, sah man überall die kleinen Natto-Töpfchen, die vor dem Verzehr der Paste luftdicht mit Folie überzogen sind. 

Tee in zahlreichen Variationen gehören zum japanischen Alltag und kosteten mich einiges an Überwindung. Aber irgendwann freut man sich nach einem langen Tag des Ansehens und Umherlaufens oder Trainierens im Appartement doch über eine Tasse frisch aufgebrühten grünen Tees! Zum Glück gibt es aber an Frühstücksbuffets und in zahlreichen Cafés (Caffees) ausreichend koffeinhaltige Heiß- oder Kaltgetränke (Eiskaffee ist wohl sehr populär!). 

Das geilste Sashimi (roher Fisch) hatten wir wohl in Kyoto, in einer kleinen Eckkneipe unweit unseres Hotels - daumendicke Stücke Thunfisch und Lachs, Oktopus und weitere Fischarten, die ich nicht zuordnen konnte, verwöhnten unsere Gaumen. Noch vor wenigen Wochen hätte ich nicht geglaubt, jemals so große Stücke rohen Fisches verspeisen - und genießen! - zu können! In dieser kleinen Restaurant-Kneipe lernte ich Ochazuke kennen: Reis vom Vortag (oder auch nicht) kann mit heißem grünen Tee aufgewärmt werden. Hinzufügen kann man alles, was Spaß macht: Tofu, Lachs, Reiscracker, Algen .... da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt! 

Eine weitere Spezialität war Okonomiyaki: Okonomi bedeutet „Geschmack“, „Belieben“ im Sinne von „was du willst“; yaki bedeutet „gebraten“ oder „gegrillt“.Traditionell wird Okonomiyaki am Tisch auf einer heißen Eisenplatte (jap. Teppan) mithilfe eines Spatels gebraten. Die Grundzutaten sind WasserKohlMehlEi und Dashi (Fischsud). Weitere Zutaten werden nach Belieben hinzugefügt; sie variieren je nach Region Japans. Dafür eignen sich unter anderem alle Fleisch- und FischsortenGemüseMochi oder Käse. Man mischt die Zutaten in einer Schüssel und leert diese auf den heißen, gefetteten Teppan, wo der Fladen durchgebraten wird. Okonomiyaki haben in etwa die Form eines Eierkuchens. Gewürzt wird mit einer speziellen Okonomiyaki-Sauce und Katsuobushi (getrockneter und zerriebener Thunfisch). Aufgrund der Zubereitungsweise und den variablen Zutaten wird das Gericht auch Japanische Pizza genannt, allerdings hat das Gericht sonst keine Ähnlichkeit mit Pizza. Bei der Version aus Hiroshima (wo wir das Gericht aßen) auch Hiroshima-yaki (広島焼き) genannt, wird zuerst ebenfalls eine Art Crêpe auf dem Teppan zubereitet. Auf diesem wird der in feine Streifen geschnittene Kohl und die Gewürze, darauf klein geschnittenes Fleisch und Meeresfrüchte geschichtet und zusammen gegart. Während dessen werden gekochte Soba (Buchweizennudeln) gesondert auf dem Teppan gebraten und anschließend auf dem Fladen verteilt. Das Ganze wird auf der Platte gewendet und mit den Nudeln nach unten weiter gebacken. Dann wird das Okonomiyaki auf ein extra vorbereitetes Ei gelegt, gebraten und anschließend noch einmal umgedreht. Die Portionen werden mit einem Spachtel portionsweise abgestochen und auf das eigene Essgeschirr gelegt und mit Okonomiyaki-Sauce verzehrt.

Sanitäre Sauberkeit
Aus dem Reiseführer kannten wir schon das ausgeklügelte Toilettensystem: In Japan nutzt man traditionell Toiletten, bei denen man sich für das große und kleine "Geschäft" abhocken muss. Diese Variante wird größtenteils inzwischen durch "westliche" Toiletten-Modelle abgelöst. Für "Anfänger" ist auf den "Hock-Toiletten" meist noch eine piktografische Anleitung vorhanden. 
Auch die "westlichen" Toiletten sind meist etwas "anders", als wir sie kennen: Sie verfügen größtenteils über eine oder mehrere Bidet-Funktionen, bei denen man zum Teil nicht nur die Sprüh-Funktion wählen kann, sondern auch die Temperatur und meist noch weitere Attribute. In der japanischen Kultur sind Körpergeräusche aller Art verpönt und daher ertönt meist bei der Toilettenbenutzung so einer High-Tech-Toilette ein Wasserplätschern vom Band oder Musik, die eigene Körpergeräusche übertönt. Fanden wir diese Toilettenarten am Anfang vielleicht befremdlich oder witzig, so gewöhnten wir uns doch schnell daran und lernten sie zu schätzen. Aber: immer schön an die Klo-Schuhe denken :-)

Mundschutz
Viele Japaner tragen einen Mundschutz und Mundschützer sind in allen Supermärkten in Hülle und Fülle erhältlich! Grund ist zum Einen eine panische Angst vor Infektionen aller Art! Zum Anderen dient der Schutz auch der Verbreitung eigener Keime. In Japan ist z. B. Naseputzen verpönt. Es gibt auch keine Tempotaschentücher zu kaufen. Statt dessen wird die Nase hinter dem Mundschutz verborgen. 

Kirschblüte
Torsten und ich hatten das große Glück, zur Zeit der Kirschblüte in Japan zu sein. Die Kirschblüte, Sakura genannt, verzaubert das Land und bedeutet für Japan eine ähnlich festliche Zeit wie bei uns die Adventszeit! Die ganze Welt scheint in ein rosarotes Blütenmeer getaucht zu sein! Menschen fotografieren einander oder sich selbst vor, unter, zwischen Kirschblüten und wer Zeit hat, veranstaltet ein Hanami, ein Picknick unter Kirschbäumen! Herrlich!





Montag, 17. April 2017

Gedanken zum Training beim Spring Camp

Gruppe 3. und 4. Dan

Sehr viel Basics! Körperspannung, korrekter Einsatz der Hüfte, hintere Ferse am Boden, Kraftlinie durch den ganzen Körper!

Kihon mit Fokus auf Festigkeit

(Fast) Ausschließlich Kihon-Kumite-Formen (Gohon-, Sanbon- und Kihon-Ippon-Kumite), einmal Jiyu-Ippon-Kumite

Kumite-Training mit Harmonie, ohne "Absicht", der Geist muss frei sein, dann kann der andere nicht erkennen, was kommen könnte

Ist in der Gruppe kein (kontrollierter!) Kontakt chudan gewünscht? Wann soll man denn dann damit anfangen? Gar nicht? Wie soll man es dann üben? (Ich wurde von einem japanischen Trainingsteilnehmer ermahnt, meinen Partner beim Kumite nicht zu treffen)

Gruppen international - welches Niveau herrscht in den anderen Ländern? Wie sind die organisiert? Ich wurde in der ersten Einheit bewundernd angesehen, weil ich eine Bunkai-Übung früher verstanden hatte, als mein Partner. Ausgerechnet ICH! Wenn ich hier schon die Leuchte bin, was sind dann die anderen?

Übergang vom Kihon-Kumite zum Freikampf (beinahe) ohne Zwischenstopp beim Jiyu-Ippon-Kumite! Voraussetzungen schaffen durch Kihon und Kihon-Kumite!

Angriffe beim Kihon-Kumite nur Jodan und Chudan, kein Mae Geri

André San: Kihon-Ippon-Kumite immer grade rückwärts rausgehen! Wer hier Tai-Sabaki macht, hat im JKA-Honbu-Dojo verloren! Auch Mae und Yoko Geri grade raus blocken! Mae Geri mit der Rückseite des Unterarms, nach dem Kontakt erst weiter drehen.

Soto Uke: nach vorne schlagen, wie einen Angriff denken!

Auf Abstand achten (André San ... im Honbu-Dojo hatte da beinahe keiner drauf geachtet und sich alle erschrocken, wenn man aus dem richtigen Abstand heraus angegriffen hat!)

Mehr aufwärmen mit Karate! (kein Hampelmann ;-) )

Japaner wärmen sich VOR dem Training auf oder mit Karate. Die Warm-Up-Phase im Training ist ein Witz! (außer bei Naka im Dojo! Das mit den Bändern war recht effektiv!)


Tag 15 - Shopping (last day)

Zum Frühstück die letzte große kulinarische Herausforderung: nach Apfelsaft mit Spinat, den ich schon seit zwei Tagen morgens trinke, nun Natto - vergorene Bohnen, die beim Essen Fäden ziehen und laut Reiseführer furchtbar (nach Ammoniak) stinken sollen! Bei jedem Frühstücksbuffet sind sie mit von der Partie, aber immer schön in Bechern abgepackt mit einer Folie drauf! Heute also der große Schritt! Würde ich mich übergeben? Nein, das tat ich nicht! Der Geschmack war - nunja, nicht grade lecker, aber auch nicht furchtbar oder ekelig. Das Fädenziehen schon eher und Torsten (der Feigling, der weder den Saft, noch Natto versucht hat!) machte sich derbe lustig darüber! Naja, aber ich aß alles auf und bin stolz auf mich :-) Morgen wieder? Mal sehen.... ;-)

Anschließend fackelten wir nicht lange und gingen auf unseren letzten Kreuzzug durch die Hauptstadt Japans. Erstes Ziel war Shibuja - und dort der Yoyogi-Park und dort der Meji-Jinga-Tempel. Der Tempel oder Schrein war leider "under construction", so dass wir nur drum herum laufen konnten. Das gute Wetter war uns noch hold - es war warm und trocken, während wir durch den herrlichen Park stromerten!

Dann ging es nach einem kleinen Kaffeepäuschen (Torsten achtet inzwischen gut darauf, dass der Panda ausreichend versorgt wird ;-) )gingen wir außerhalb des Parks in Shibuya shoppen! Wow, was für Geschäfte! Echt klasse! Im "Oriental Bazar" gab es Souvenirs und Antikes - für uns (fast) nur zum Ansehen. Aber in den Boutiquen rundherum wurden wir fündig!

Nach einer kleinen Pause bei Mäcces setzten wir uns in den Zug und fuhren Richtung Asakusa, da wir unbedingt noch auf den Skytree wollten! Trotz des inzwischen verhangenen Himmels hat es sich voll gelohnt! Was für eine Aussicht!

Fast war es schon zu spät für die Buden in Asakusa! Aber wir konnten auch dort noch ein wenig herumstöbern und ich fand einen Geta-Laden, in dem ich mir Getas anfertigen ließ. Stolzer Preis, aber man gönnt sich ja sonst nix!

Richtig Bock, essen zu gehen hatten wir nicht. Zudem hatte es inzwischen begonnen zu regnen und wir mussten ja auch noch die vielen Souvenirs und Einkäufe mit unseren Gis und anderen Klamotten irgendwie in unsere Rucksäcke und Taschen bekommen! Würde das ohne zusätzlichen Koffer überhaupt gehen?

Wir haben inzwischen festgestellt, dass wir nächstes Mal folgende Sachen getrost zu Hause lassen können, wenn wir nach Japan fliegen:
- zweiten Gi (vermutlich wird eh ein neuer hier gekauft, oder man wäscht halt mal)
- Handtücher (vielleicht eines für den Notfall)
- Shampoo und Conditioner, Duschdas (gibts alles hier in den Hotels oder Onsen - und nichtmal schlecht!)
- vielleicht ein oder zwei T-Shirts weniger
- weniger Bücher (braucht man eigentlich gar nicht, vielleicht eine kleine Lektüre)

Um Wlan muss man sich keinen Kopp machen - gibts (wenn auch nicht immer in Top-Qualität) in jedem Hotel und in vielen Restaurants

Japan Rail Pass unbedingt wieder buchen, war super!



Freitag, 14. April 2017

Tag 11 - und Tag 1 JKA Spring Camp

Schnelles Frühstück im Hotel - zu Fuß und im Gi zum Honbu Dojo. Dort Trainingskarte abgeholt und feststellen müssen, dass wohl unsere Lehrgangsgebühr noch nicht abgebucht war! Vermutlich muss ich bitten, nochmal meine Kreditkarte zu belasten - oder nächste Woche nochmal überweisen!

Um 09.00 Uhr begann die Eröffnungszeremonie, gehalten unter anderem von Shihan Ueki. Thema war vor allem die Verbindung von Körper und Geist im Karate und das Ziel, durch Karate und durch die gelebte Dojo Kun ein Mensch zu werden, der Respekt und Wertschätzung ausstrahlt und dafür sorge, dass die Welt ein besserer Ort werden kann.

Anschließend ging es los mit der ersten Einheit bei Kurasako Shihan, von dem ich bisher ehrlich gesagt noch nichts gehört hatte! Ich schätze ihn auf ca. 70 Jahre. Seine Themen waren die Kata Tekki Nidan und Sandan. Wir starteten zunächst mit Kiba Dachi-Vorübungen - wie steht man? Vor allem: Wie steht man stabil? Das Geheimnis ist die Innenspannung trotz der außen stehenden Knie! Wir übten dann mit dem KB seitwärts zu gleiten und dann seitwärts zu gehen. Dann aus dem Shizen Tai heraus in den KB mit Hüfteinsatz (musste hierbei an André Sensei denken und an das, was er hierzu erklärt hatte). Dann KB mit Drehung um die rechte bzw um die linke Körperachse.

Zur Nidan gab es dann zwei nette Partnerübngen: Tori Angriff Ts Chudan, Uke steht 90 Grad mit der rechten Schulter zum Tor und geht mit dem linken Fuß zurück in KB, Block Moroto Uchi Uke .... (Torsten fragen...)

Tekki Nidan übten wir ebenfalls zunächst in Sequenzen, dann am Stück. Kurasako Sensei bat uns, die Kata nicht so durchzuhasten, sondern Technik für Technik bewusst und stark zu machen. Auch hier gab es Bunkai: Tori greift an mit Ts Chudan, Uke geht rechts raus in KB, blockt mit li Arm Uchi Uke, dann Tori Gyaku Tsuki, Uke anderer Arm Uchi Uke, dann geht Tori etwas zurück, greift an mit doppeltem Tsuki, Uke legt die Unterarme aufeinander und blockt damit den Schlag ab, dann mit re Uraken oder Ura Tsuki

In der Pause gab es für jeden, der bestellt hatte, Bento-Boxen, sehr lecker, aber eigentlich noch nicht nötig!

Danach Naka Sensei! Auf dem Programm standen Kihon Kumite Formen. Wir starteten aber mit Basis Kihon:

Beim Kihon lag der Fokus auf der „Budo Stärke“ – Budo Stärke bedeutet, Kraft nicht aus der Muskulatur zu erzielen, sondern durch Atmung, Einsatz des ganzen Körpers und Absenken des Körperschwerpunktes.

Wir starteten mit Choko Tsuki im Hachi Dachi (Shizen Tai)
Anschließend Tsuki aus dieser Position mit einer Vorwärtsbewegung. Hierbei erklärte Naka Sensei, dass wir zuerst mit der Ferse auftreten und dann den Fuß zum Ballen hin abrollen sollten. Den anderen Fuß sollten wir sofort nachziehen. Der Tsuki sollte bereits beim Aufsetzen des ersten Fußes erfolgen. Ich habe in Erinnerung, dass wir das bisher häufig anders geübt hatten, nämlich so, dass der Tsuki mit dem „Schließen“, also mit dem Ranziehen des zweiten Fußes erfolgt. Ich muss nochmal ausprobieren, ob die eine Version stärker ist als die andere, ob beide gleich stark sind – oder in wieweit sie sich ansonsten unterscheiden.

Weiter ging es mit Gohon Kumite. Wir starteten mit der klassischen Version. Ich hatte hier einen Partner von „irgendwoher“, keine Ahnung. Es war kein Japaner, seinen Attitüden nach zu urteilen hatte er ein Problem damit, mit einer Frau zu trainieren, die auch noch beherzt angreift. Er „wechselte“ mich dann auch später bei einer Übung aus, bei der wir einander von hinten um die Taille umfassen und hochheben sollten (Unterschied erspüren, ob wir „normal“ stehen oder mit der Atmung „schwer“ werden). Ich bekam dann eine Frau als Partnerin von ihm „zugeteilt“.  

Das Kumite war so aufgebaut, dass wir nicht versuchen sollten, einander zu treffen, also einen Punkt zu machen / den anderen zu überraschen o. ä. – wir sollten uns vielmehr „harmonisch“ bewegen und miteinander arbeiten. Das hört sich so einfach an, war es dann aber irgendwie doch nicht, denn sobald ich im „Kumite-Modus“ bin, habe ich auch irgendwie immer eine „Absicht“ – und genau das sollten wir jetzt abschalten.

Ich übte – wie gesagt – zunächst mit dem Mann. Es war schwierig, denn er wählte von vornherein einen zu großen Abstand und wir kamen so im wahrsten Sinne des Wortes nicht zueinander. War ich mit dem Angriff dran, wich er zurück, nachdem ich den Abstand gewählt hatte. Passte also dann auch nicht. Aber er wählte ja dann ohnehin einen anderen Partner und ich bekam meine neue Partnerin zugeteilt.

Zwischendurch demonstrierte Naka Sensei mit einer Assistentin die Wirksamkeit des Angriffs ohne offenkundige Absicht: Die Assistentin streckte ihre geöffnete Handfläche Naka Sensei entgegen und der Sensei hob den rechten Arm, offenkundig mit der Absicht, aus der Hand „einen 500-Yen-Schein“ zu greifen. Die Assistentin schloss rechtzeitig die Faust, so dass Naka Sensei nichts hätte entnehmen können. Anschließend demonstrierte er, wie es wirkt, wenn man „absichtslos“ und ganz langsam – wie zufällig – in die Hand greift ... und bei jeder dieser Demonstrationen gelang ihm der Griff in die Hand! „Slowly but fast“ bekundete er uns. Und der absichtsvolle Griff war „fast but slowly“.

Hiernach wurde weiter geübt und wir gingen über zum Sanbon Kumite. Ich bekam wieder meinen ersten Partner zugeteilt. Im Sanbon Kumite übten wir zunächst „klassisch“ Jodan und Chudan. Dann sollte Tori den Konter des Uke wiederum blocken und erneut kontern – wahlweise mit Tai Sabaki und Gedanbarei, anschl. Gyaku Tsuki – oder (wohl bei Angriff Chudan gemeint, aber es funktionierten im Grunde beide Reaktionen bei beiden ursprünglichen Angriffsstufen, denn der Konter war ja immer Chudan Gyaku Tsuki) Tai Sabaki und Block und dann reingleiten im KB mit Yoko Empi.

Eine weitere Ausbau-Stufe war dann Sanbon-Kumite mit „Kiri Kaeshi“, wobei ich unter Kiri Kaeschi eigentlich immer eine Bewegung auf der Stelle verstanden habe, also Heranziehen des vorderen Beins und direkt wieder vor mit dem anderen Bein. Aber Naka Sensei erklärte es so, dass nach dem dritten Angriff durch den ersten Angreifer der andere einen Schritt vor geht (das Paar also die Richtung ändert) und seinerseits mit derselben Technik angreift. Nun sollte der ursprüngliche Angreifer blocken und kontern. (So eine ähnliche Übung hatten wir bei Toribio Sensei auf dem Gasshuku auch schon gemacht.) Wir übten dies mit zahlreichen Partnerwechseln, so dass es noch einmal anspruchsvoller wurde, da man sich nicht auf einen Partner „einschießen“ konnte.

Zuletzt übten wir Jiyu Ippon Kumite – direkt mit einem neuen Partner und gleich im ersten Durchgang Tsuki Jodan, Chudan, Mae Geri Chudan, Mawashi Jodan – aber ohne „announce“, also ohne Anzusagen. Hier kam es einem jetzt zugute, wenn man den Geist wirklich frei hatte, wenn man wirklich nicht versuchte, zu erahnen, was der andere vorhatte, das „Leer“ des Begriffes Karate auf den Geist bezogen! Herrlich! Und es hat auch noch geklappt J

Anschließend gingen wir direkt ins Hotel zurück und duschten. Danach legte sich Torsten ins Bett (um 15 Uhr) und ist bisher (nächster Tag 08.30 Uhr) nicht wieder aufgestanden – die Erkältung, die ihn seit ein paar Tagen plagt, hat sich wohl durch das Training derart manifestiert, dass er heute nicht trainieren wird. Ach, Mist! Der Arme!


Ich selbst bin auf der Suche nach einer Fußpflege nachmittags etwas durch die Gegend gestromert, habe dem Tokyo Dome Hotel einen Besuch abgestattet, bin durch Nebenstraßen flaniert und habe abends für Torsten und mich im 7/11 ein Abendessen besorgt: u. ä. Instant-Miso-Suppe mit Tofu – gar nicht schlecht! Man kann auch preiswert essen in Japan J