Mittwoch, 28. Mai 2008

Leserbrief WN Bäderschließung in Münster

Mit Schrecken erinnere ich mich an einen Besuch im Maxi-Mare in Hamm: Adipöse 10-jährige mit Schwimmflügeln ließen sich im Solebecken treiben, während ihre Mütter perfekt pedikürt in der Unterwasserliege weilten. Anschließend ließ man sich in einem Sprudelbecken von der Strömung um die Kurve tragen. Das einzige Becken, in dem gähnende Leere herrschte, war das 50-Meter Schwimmbecken. Aber wenigstens gibt es in Hamm ein ordentliches 50-Meter Schwimmbecken!

Wie genau die Planung des Ostbades aussieht, entzieht sich derzeit meiner Kenntnis. Tatsache ist, dass bereits jetzt, seit der durchgeführten Bäderschließung, ein wirkliches Schwimmen kaum mehr möglich ist. Künftig soll auch das Bad Stapelskotten nur noch über zwei, bestenfalls drei Schwimmerbahnen verfügen. Da wird nicht nur bei schönem Wetter der Schwimm-Platz eng! Wenn sich jetzt auch noch im Ostbad der Wandel von der Sportstätte zum Wellnesstempel vollzieht, kann man die Chlorbrille wohl demnächst gleich zu Hause lassen.

Heute entnehme ich der Presse, dass 15 % der Kinder übergewichtig sind und 6,3 % adipös. Kein Wunder – der Trend geht offenbar zum Bewegen-Lassen, statt zur Bewegung!
Es ist wirklich zu begrüßen, dass Münsters Bäderlandschaft attraktiver gestaltet werden soll. Fraglich ist allerdings, ob damit tatsächlich mehr Badegäste angelockt werden. Denn wer schon zu bequem ist zum Schwimmen, der bleibt doch wohl lieber gleich daheim.

Freitag, 16. Mai 2008

Entwurf Artikel für Rengas, Zeitung der deutsch-finnischen Gemeinde

„Es heißt die leere Hand und nicht der leere Kopf!“
Der finnische „Karate-Professor“ Risto Kiiskilä in Frankfurt/Main


Im Jahr 1985 entdeckte ich für mich die Kampfkunst Karate. Schnell konnte ich mich als 16-jährige mit jugendlichem Enthusiasmus für Karate begeistern und war dankbar für eine Freizeitbeschäftigung in einem geselligen Verein, die mich so richtig auspowerte.

Karate oder Karate-do, was direkt übersetzt "leere Hand" bzw. "der Weg der leeren Hand" bedeutet, ist eine grundsätzlich waffenlose Kampfkunst. Man lernt Abwehr- und Angriffsmethoden und stärkt den Körper durch ausgiebiges Training mit vielen Gymnastik- und Krafttraining-Elementen. Karate dient jedoch auch der Charakterbildung: Die Karate-Philosophie lehrt Respekt, Disziplin und Verständnis. Irgendwann auf dem Weg zum „schwarzen Gürtel“ wurde dann auch für mich Karate zu einem wichtigen Lebensinhalt, den ich mir heute gar nicht mehr wegdenken kann. Und dann lernte ich Risto Kiiskilä kennen!

Ich hatte grade eine „Babypause“ hinter mir, als ich im Jahr 2002 einen Karatelehrgang in meiner Heimatstadt Münster/Westfalen besuchte. Der Name des Trainers war mir bekannt, schließlich war Risto auch damals schon einer der wichtigsten Karate-Trainer Deutschlands. Trainiert hatte ich bei ihm allerdings bislang noch nicht. Ich sah mich um und bemerkte viele bekannte Gesichter. Männer und Frauen, jung und alt. „Schön, dass sich auch noch ältere Herrschaften hier hertrauen“, dachte ich bei mir. Denn einer der Karateka war sichtlich angegraut, mit Schnäuzer und bestimmt über 50 Jahre alt.

Ich staunte nicht schlecht, als dieser Herr sich dann vor dem Training nicht bei uns einreihte, sondern für die Kurz-Meditation uns gegenüber abkniete: es war Risto Kiskilä! Dass ein fortgeschrittenes Alter keinen Verlust von Ausstrahlung, Kampfgeist oder Fitness bedeuten muss, merkte ich dann sehr schnell! Der Lehrgang bestand aus drei Trainingseinheiten á 90 Minuten und ca. 260 Minuten lang hatte ich nicht viel mehr als lauter Fragezeichen im Kopf! Was will mir dieser Trainer sagen? Anfangs war ich recht frustriert – wieso versteh´ ich, immerhin als Trägerin des „braunen Gürtels“ keine Anfängerin mehr, nur „Bahnhof“? Zehn Minuten vor Schluss des Lehrgangs purzelten dann die Erkenntnis-Münzen bei mir und es stellte sich ein großes AHA-Erlebnis ein!

Häufig noch war ich zunächst ratlos zu Beginn eines Lehrgangs oder einer Trainingseinheit. Dann aber wurde ich von Risto aufgeklärt: "Das ist alles ganz einfach - da steckt ein System hinter". Und es stimmt - richtig betrachtet werden alle Übungen, die Risto in seinem Training verwendet, nach einem bestimmten System entwickelt.

Seitdem versuche ich, möglichst oft bei Risto zu trainieren. Sei es bei einem Lehrgang hier in Münster, bei meinen Karatefreunden in Berlin, in Ristos eigenem Verein in Frankfurt oder aber auch bei seinen Sommer- und Winterlehrgängen in Finnland. Zwar lehrt Risto traditionelles Shotokan-Karate, er hat jedoch seine eigene Herangehensweise.

Wer dieses System einmal entschlüsselt hat, der kann fast alle Techniken und Bewegungen für sich selber daraus ableiten. "Das System ist einfach, die Entwicklung war es nicht." Das glaube ich gerne. Denn die Logik, die dahinter steckt, beruht nicht nur auf dem Ableiten von Theorien aus bekannten Lehrbüchern. Es ist vielmehr eine Art System-Baukasten, mit dem man sich selber sein eigenes Karate "konstruieren" kann. Und „Professor“ Risto ist der Karate-Ingenieur. Alles ist auf wissenschaftlichem Niveau durchdacht. „Das heißt die leere Hand und nicht der leere Kopf!“, rief Risto dann auch einmal im Training, als wir eine Übung so gar nicht verstehen wollten. Zudem werden alle Techniken und Theorien auch von Risto persönlich „qualitätsgesichert“ – am eigenen Sandsack im Karate-Dojo. Denn: „Im Sandsack liegt die Wahrheit.“ Funktioniert hier die Technik mit der richtigen Kraftübertragung und allen anderen wichtigen Einzelheiten, so ist sie auch im Freikampf effektiv.

Wer also Karate nur als Ausgleichssport betreibt, der ist bei Risto falsch. Bei Risto wird „trainiert, worauf es ankommt“ – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Karate ist hier nicht nur für den Körper anstrengend, sondern erfordert auch echtes Mitdenken.

Eine japanische Kampfkunst in Deutschland mit einem finnischen Trainer – Risto zeigt, dass sich dies durchaus verbinden lässt. So hat er unter anderem auch eine eigene Kata entwickelt, eine Art Form oder „Kampfkunst-Choreografie“. Er nannte sie Hokkyokuo. Das ist japanisch und bedeutet Polarlicht!

Risto wurde am 04.05.1047 im südfinnischen Lahti geboren. Er begann sein Karatetraining 1970 während seines Studiums in Frankfurt/M. Sein erster Trainer, Shinzuke Takano, war ein Perfektionist und selten mit seinen Schülern zufrieden. Kihon (Grundschule) war am Anfang der Schwerpunkt des Trainings und wurde monatelang geschliffen. Ein Bambustock war damals als wichtiger Bestandteil zur Motivation bei jedem Training mit dabei. 1973 wurde Risto vom Karate-Bundestrainer Shihan Ochi in den Nationalkader berufen und krönte seine siebenjährige Wettkampfkarriere mit dem Vize-Weltmeistertitel (Tokio 1977). In den Jahren 1977 bis –79 war er Deutscher Meister. Schließlich machte Risto Karate zu seinem Beruf. Es folgten Trainingsaufenthalte in Japan, in der berühmten Takushoku Universität und in Süd-Afrika (Johannesburg und Kapstadt). Der Austausch mit weltbesten Karatekas ergänzten seine Ansichten über Karate und bestimmte seinen zukünftigen Weg. Er war tätig als Landestrainer in West-Berlin, Technischer Berater für Karate in der damaligen DDR, Honorar- und Jugendtrainer im Deutschen Karate Verband und Trainer des Stützpunktes Ost.
Heute ist er als Verbands-Trainer und Instructor des Deutsch-Japanischen-Karatebundes (JKA) unter Bundestrainer Shihan Hideo Ochi tätig. Er ist ständig bundesweit als Trainer unterwegs, aber auch in Estland und natürlich in Finnland. Von montags bis freitags unterrichtet er in seiner eigenen Karateschule Dojo Ippon Frankfurt/Main, Alt Nied 6, 65934 Frankfurt/M., Tel: 0171-4212428.
Erwachsene Anfänger trainieren montags um 19.00 Uhr. Kinder können dienstags und freitags um 16 Uhr vorbeikommen. Weitere Informationen gibt’s unter www.kd-ippon.de


Ristorismen:
o Man kann die Dinge auch gleich richtig machen - es ist die gleiche Arbeit
o Den Weg zu gehen, ist das Ziel
o Wer tritt ist langsam, wer trifft ist schnell
o Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein

Andrea Haeusler, Münster

Mittwoch, 14. Mai 2008

Karneval der Kulturen - Suomi meets Nippon

Pfingstlehrgang in Berlin
10.-12. Mai 2008

Bericht von Sensei Jürgen Mosler, 3. Dan, Bushido Dojo Berlin

Wieder einmal hatte das Bushido-Dojo zum interkulturellen Tsukiaustausch nach Berlin geladen. Während im Herzen der City der Karneval der Kulturen tobte, lieferten sich in einer Marzahner Sporthalle Karate-Enthusiasten aus 7 Bundesländern über die Pfingsttage einen Wettstreit der Kulturen. Der Preis für die weiteste Anreise ging an unsere 5 Karatefreunde aus Estland. Als Trainer durften wir auch dieses Jahr wieder Sensei Kiiskilä vom Frankfurter Ippon Dojo sowie Sensei Akita aus England begrüßen. Obwohl man bei genauer Betrachtungsweise große Unterschiede in der Lehrauffassung dieser Trainer feststellen konnte, hat dies der eigenen Horizonterweiterung und dem Hinterfragen manch heiliger Gebote überhaupt nicht geschadet. Ganz im Gegenteil.

Während Sensei Akita sein Augenmerk auf eine korrekte Ausführung der Grundtechniken, einen festen und ausbalancierten Stand legte, erweckte Risto in bekannter Manier die Grundschule zum Leben. 30 minütige Aufwärmgymnastik und Stretching meets Hüft- und Koordinationsbewegungen mit Suri Ashi bis die Sohle qualmt. Standübungen zur Festigung der Körperbalance vs. dynamische Schwerpunktverlagerung mit Ganzkörpereinsatz. Rotation und Haraspannung contra Belasten und Abdrücken, Beschleunigung aus den verlängerten Hüften mit den 5 Zehen dran. Zwei konträre Ansatzpunkte möchte man meinen. Doch eigentlich ist Letzterer nur die konsequente Umsetzung der von allen gleich erlernten Grundschule.

Was nutzt die schönste Kata oder die sauberste Grundschule, wenn sie zum Kämpfen nichts taugt? Wozu all diese Übungen, wenn sie beim Kumite nicht funktionieren oder ich keine Schlagkraft entwickeln kann? Laut Ristos Auffassung sollten Kata und Grundschule den eigenen Kampfstil schulen, prägen und vor allem voran bringen. Dazu gehört meines Erachtens auch, mal unkonventionelle Wege oder Methoden zu benutzen, auszuprobieren und eben auch zu lehren. Aber der Weg in den Siebten Karatehimmel ist ja bekanntlich steil und steinig und wahrscheinlich auch mit dem einen oder anderen Irrweg verbunden. Getreu dem Motto das Ziel bestimmt den Weg sollten wir daher alle den einen oder anderen Stein aus dem Weg räumen, um unserem Ziel ein Stück näher zu kommen und die Tradition unseres Shotokan mit Leben zu füllen. In diesem Sinne war dieser Kulturaustausch sehr produktiv und inspirierend.

Auch die kulturellen, sinnlichen und kulinarischen Genüsse kamen an diesem Wochenende nicht zu kurz. Der Anspruch der sonnabendlichen Freizeitgestaltung pendelte zwischen Saunaaufgusskelle, flüssiger, zart gegrillter und variantenreich angerichteter Gaumenverführungen sowie visueller Videoanimation am großen Flat Screen. Der Sonntag war einem Ausflug ins Berliner Umland vorbehalten. Nach dem letzten Training verteilten wir unsere Gäste auf mehrere Autos und ab ging die Post an die Woltersdorfer Schleuse. Der kurze, steile Aufstieg durch üppige Vegetation hinauf zum Aussichtsturm auf dem Kranichsberg wurde mit einer fantastischen Sicht auf die umliegenden Seen und Wälder bis hinein nach Berlin belohnt.

Das anschließende Abendbrot im Biergarten an der Schleuse war auch für die unzähligen Mücken ein geselliges Beisammensein. Die phonetisch, linguistische Vielfalt der illusteren Runde bescherte uns am Abend so manch tränendes Auge. So wollten unsere estnischen Freunde Forelle „Müllerin Art“ probieren und bestellten glatt die Müllerin (vielleicht danach noch was zum Essen…). Auf eine Anfrage unserer Freunde aus Leipsch, ob se Ihr Rumstääk dorsch ham könn, gab die Kellnerin zu verstehen, daß Dorsch nicht auf der Speisekarte sei. Tja, wie man sieht, auch hier im normalen Leben gibt es Wirrungen und Missverstände. Aber wie gesagt, es irrt der Mensch so lang er strebt und wer aufgehört hat Fehler zu machen der hat aufgehört zu streben.

Oss, der Jürschen

Senseis, Sightseeing und Sanssouci - Pfingsten 2008 in Berlin