Mittwoch, 13. Juni 2007

Back to the Basics - Grundlagentraining bei Sensei Michael

Gestern war ein chaotischer Tag: meine Tochter Johanna konnte morgens wegen 40 Grad Fiebers nicht zur Schule und war den ganzen Tag sehr anhänglich und leidend. Kein Problem Dank Tele-Arbeitsplatz. Umso froher war ich dann aber auch darüber, abends zum Dojo fahren und Karate trainieren zu dürfen. Jetzt mal wieder so richtig auspowern und mit viel Körperkontakt beim "Hauen und Stechen" spüren, dass man "noch da ist"! Zu meiner Überraschung war Sensei Michael bereits rechtzeitig da, um auch schon das Aufwärmtraining zu geben. Meist schafft er es erst, mit ca. 30-minütiger Verspätung zu erscheinen, da er nach der Arbeit noch extra aus Wesel anreist. Das Aufwärmtraining ist bei ihm schon immer eine echte Herausforderung. Warum? Weil es von dem "üblichen" Aufwärmen abweicht. Da werden Körperregionen gedehnt, von deren Vorhandensein selbst erfahrene Karatekas bislang nicht wussten! Es ist fantastisch! Gut eine halbe Stunde lang wurde der Körper schweigend und ächzend gedehnt und auch durch Kraftübungen aufgewärmt. Dann ging ein "aufwärmendes" Grundschultraining los. Zenkutsu Dachi. Michael wies uns auf die Feinheiten dieser Basisstellung hin: hinterer Fuß nach vorne, Gewicht schön tief und beim Vorwärtsgehen zuerst das vordere Knie vorschieben und dann das hintere Bein abdrücken und im Halbkreis nach vorne führen. Anfängerlehrgang! Anfängerlehrgang? Ja - und nein! Was die Übung so speziell machte, war nicht die Technik oder Art und Weise des Vorgehens, sondern die Kleinigkeiten, auf die Michael Wert legte. Noch spezieller wurde die Trainingssequenz, als wir uns anschließend im Zenkutsu Dachi rückwärts bewegen sollten, wie der Uke in einer Kihon-Partnerübung. Wir sollten bei dieser Übung unsere Arme ausstrecken: den Arm der Seite des vorderen Beins nach vorne und oben, den anderen rückwärts und nach unten. Beim Rückwärtsgehen sollte uns diese Zusatzübung dabei helfen, das Gewicht trotz rückwärtiger Bewegung vorne zu lassen und auch als Uke in einem sauberen Zenkutsu-Dachi zu stehen. Häufig ist es ja so, dass man als Abwehrender den Zenkutsu-Dachi kürzer macht als beim Vorwärtsgehen und auch schmaler steht. Auch die Füße verdienten Beachtung: nicht nur das Nach-Vorne-Zeigen des hinteren Fußes war wichtig, noch mehr von Bedeutung war vielmehr, dass beide Füße gleich belastet wurden. Zudem sollte das Gewicht gleichmäßig auf die vollständigen Fußflächen verteilt sein, die Füße also mit der ganzen Fläche auf dem Boden stehen. Beim Rückwärtsgehen sollte jetzt auf keinen Fall zuerst die hintere Ferse angehoben werden! Vielmehr sollten wir das hintere Bein bei vollständig aufgestelltem Fuß einbeugen. Dies funktioniert nur, wenn man die Hüfte zur Seite drehte, sonst kommt man unweigerlich hoch oder neigt den Oberkörper. Anschließend sollte dann das nach hinten zu führende Bein schnell und stark zurück gezogen und hinten in den Boden gedrückt werden. Der Impuls dieser Bewegung kommt wieder aus der Hüfte, die hierfür kraftvoll ausgedreht wird. Schließlich sollten wir noch den Oberkörper so weit abdrehen, dass zwar noch sofort eine effetkive Kontertechnik möglich war, dem Gegner aber möglichst wenig Angriffsfläche geboten wurde.

Alleine funktionierte die Ausführung der Übungen ganz gut - zumindest hatte ich ein gutes "Karate-Gefühl". Anschließend, mit Partner, gestaltete sich das Ganze schon etwas anspruchsvoller. Das Hauptproblem bestand darin, dass Tori beim Gohon-Kumite stets innen stehen soll. Beim mehrmaligen Zurückgehen wurde der Stand dann zunehmend schmaler, so dass man schließlich bald auf einer Linie und sehr instabil stand. Zu Übungszwecken sollten Tori und Uke sich zudem nach Ausführung der Bewegung Knie-an-Knie berühren und an dieser Stelle eine Spannung aufbauen. Glücklicher Weise hatte ich einen etwa gleich großen Partner, so dass mir diesmal diese Übung keine große Schwierigkeiten bereitete. Bei "Einsachzigtypen" habe ich da immer meine Schwierigkeiten und es muss dann nach jedem Angriff/Konter die Distanz überprüft werden.

Nachdem Michael mit unserem Zenkutsu-Dachi einigermaßen zufrieden war, ging es weiter mit dem Kiba-Dachi. Michael erklärte, dass in vielen Kampfsportarten oder Karatestilen diese Ausgangsstellung bevorzugt würde. Grund: die schmale Angriffsfläche für den Gegner. Wir sollten jetzt beim Vorgehen darauf achten, dass wir eine Innen- und Außenspannung der Beine aufbauten: mit Innenspannung die Beine zueinander führen und übersetzen und dann mit starker Außenspannung im Kiba-Dachi absetzen. Zur Verstärkung wurden die Arme eingesetzt, ähnlich wie in Tekki-Katas. Auch dies wurde mit Partner geübt: zwei Karatekas standen mit Blick in dieselbe Richtung nebeneinander. Tori war jetzt der, der die Richtung vorgab und den anderen quasi "durch die Halle trieb". Der andere musste zusehen, dass er "Land gewinnt" und so schnell wie möglich weg. Sobald die Arme zur Verstärkung eingesezt wurden, gab es jedes Mal ein großes Hallo, wenn die Arme mit voller Wucht gegeneinander knallten!

Auch im Zenkutsu-Dachi übten wir mit Partner und im Ansatz konnten wir wohl umsetzen, was Michael von uns verlangte. Dann hieß es zum Ende der Stunde "schnell und stark". Nur vier Bahnen. Kein Problem eigentlich. Oder? Leider doch: Schon während der Ausführung der Abwehrtechniken merkte ich, dass plötzlich alles soeben Erlernte wieder weg war! Ich ärgerte mich über mich selbst, denn ich machte die Übungen nicht wie angeordnet, sondern einfach "wie immer". Als ich mal kurz versuchte, mich zu konzentrieren und das Einstudierte umzusetzen, wurde ich mit einem sauberen Ippon am Kinn erwischt! Offenbar ging es den anderen Paaren nicht anders: Nach dem Abgrüßen raufte sich Michael symbolisch die Haare und schickte uns mit einem leicht verzweifelten Gesichtsausdruck und einem Schulterzucken zu den Duschen.

Vermutlich dachte er in diesem Moment wie ich: Optimal wäre jetzt ein Wochenend-Trainingslager, bei dem man diese Feinheiten stundenlang einschleifen und wiederholen könnte! Ich jedenfalls habe wieder viele Denkansätze erhalten und auch wenn es nicht das ursprünglich gewünschte "Hauen und Stechen" war, so fuhr ich doch von den intensiven Standübungen redlich erschöpft und ausgepowert nach Hause.

Sonntag, 3. Juni 2007

3. Bunkai-Lehrgang mit Jörg Gantert 2.6.2007

Karate hat bekanntlich viele Seiten: Kihon, Kata, Kumite - es gibt schon reichlich zu tun, wenn allein diese drei Aspekte gelernt werden sollen. Kata ist "codiertes Karate", wie mein erster Sensei Jochen Glass mich einst aufklärte. Es ist klar, dass Kata nicht nur "schön" aussehen soll, sondern eben auch "Kampf" ist. Um zu verstehen, welche Bedeutungen die einzelnen Techniken haben, gibt es Kata Bunkai. Und dies war auch der Schwerpunkt dieses Lehrgangs von Sensei Jörg Gantert (3. Dan).

Die Kata Jitte hatte er sich ausgewählt - allein vom Ablauf her schon sicherlich nicht jedem der Lehrgangsteilnehmer vom Weißgurt bis zum hohen Danträger vertraut. Aber auch die Übungen hatten es in sich! Einige Bunkai-Übungen wurden "am Partner" praktiziert. Aber die eigentliche Besonderheit dieses Lehrgangs waren die Übungen mit Han-Bos. Man merkte gleich zu Beginn, dass der überwiegende Teil der Lehrgangsteilnehmer nicht mit dem Umgang dieser Stöcke vertraut war. Jedoch nahm Sensei Jörg sich ausreichend Zeit, um allen Teilnehmern mit viel Geduld die einzelnen Übungen zu erklären. Zunächst demonstrierte er uns die Kata-Anwendungen mit einem Partner. Anschließend ging Jörg durch die Halle und gab den Übenden Hinweise, falls die Durchführung noch zu verbessern war. Mir persönlich hat das Training mit den Han-Bos sehr viel Spaß gemacht. Hatte man erst einmal die Hemmschwelle überwunden, mit dem Stock auf den Partner "einzuschlagen" und wusste man, dass man auf die Effektivität der gegnerischen Abwehrtechniken vertrauen konnte, gab es (fast) kein Halten mehr! Die Übungen konnten gut nachvollzogen werden, so dass bald "ein Hauch von Hollywood" in der Hallenluft lag und die Kampfeslust in den Augen meiner Partner blitzte. Nach mehrmaligem Üben begannen einige erfahrene Karatekas dann auch eigenständig, die vorgegebene Übung zu variieren und bauten Fußfeger, Tsukis oder sonstige Abwandlungen ein. Gewöhnlich tue ich mich leider immer etwas schwer mit der Umsetzung von Übungen dieser Art. Aber Dank der guten Erklärungen von Jörg und Dank meiner rücksichtsvollen und verständnisvollen Partner "fluppten" die Abfolgen bald "wie geschmiert"! Lediglich die Übungsanteile, bei denen es darum ging, den Partner duch Verdrehen der Hand auf den Boden zu befördern, bedurften bei mir verstärkter "Nachhilfe". Ich wusste einfach nie spontan, wie ich die gegnerische Hand richtig packen und in welche Richtung ich sie verdrehen sollte! Viel zu lange musste ich jeweils überlegen - für den "Ernstfall" natürlich undenkbar! Wenn es dann aber mal funktionierte und sogar manch gestandenes Mannsbild plötzlich vor mir auf dem Boden lag, dann war mein innerlicher Triumph groß!

Bereits die Aufwärmübungen des Lehrgangs, der aus zwei Einheiten à 90 Minuten bestand, hatten es in sich: Zu Beginn war Reaktion und Ausweich-Flexibilität gefordert, als ein Partner versuchen sollte, den anderen mit dem Gürtel zu treffen. Hier habe ich mich schon mal tüchtig blamiert, als ich gegen einen, vor einigen Jahren dem Nationalkader angehörenden Schwarzgurt ganz schlecht aussah! Bei anderen Reaktionsübungen, wie z. B. zu Anfang der zweiten Einheit, befand ich mich nur allzu häufig auf den Fäusten im Liegestütz, weil ich nicht schnell genug ausgewichen war. Aber dennoch haben bereits diese Übungen viel Spaß gemacht.

Die Gis trieften bereits nach dem Warming-Up nicht nur wegen der angenehmen frühsommerlichen Außentemperaturen. Jörg forderte von uns ein hohes Maß an Ausdauer und Muskelkraft, da er uns unterschiedliche Bahnen der Kata ohne Pause wiederholt laufen ließ. So war es kein Wunder, dass die Konzentration und auch Kondition der meisten Teilnehmer schon kurz vor Ende der zweiten Einheit merklich nachließ. Ein Yame vor Ende des Lehrgangs wollte sich dennoch niemand erlauben. Viel zu interessant waren Jörgs Interpretationen der Kata.

So sind neben einigen blauen Flecken von der Bekanntschaft mit dem Han-Bo und einigen Prellungen vom Bodenkontakt viele Eindrücke geblieben, die wohl allen Lehrgangsteilnehmern helfen, die Kata Jitte demnächst in einem anderen Licht zu sehen und vor allem auch beim Katatraining nicht zu vergessen: Kata ist Kampf!

Oss, Icky