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Samstag, 27. Oktober 2018

Street Combatives - realitätsbasierende Messerabwehr

.....bzw. Abwehr scharfkantiger Gegenstände.

Carsten Zimmermann von Street Combatives war bereits zum dritten Mal bei uns zu Gast. Die ersten beiden Male hatten wir uns mit dem Basis-Programm von Street Combatives beschäftigt. Aber jetzt war ich mal gespannt darauf, was SC im Bereich der Messerabwehr zu bieten hatte. „Wir nennen es ungern Messerabwehr“, so Carsten im gut einstündigen Theorie-Intro, „sondern Abwehr scharfkantiger Gegenstände.“ Denn eine Schere, ein Schraubenzieher, eine kaputt geschlagene Flasche – all das kann genauso verletzen wie die verschiedenen Messertypen, die Carsten zu Anschauungszwecken mitgebracht hatte. Wir sollten jetzt also Abwehr gegen diese fiesen, zum Teil zu hohem Blutverlust führenden Angriffe erlernen. Ob das auch in der Realität funktioniert? Ist das Training realistisch? „Wenn wir realistisch trainieren wollten, müssten wir Andrea bitten, uns zu sagen, wo wir in Münster die Niederlassung der Hells Angels finden,“ so Carsten weiter. Da sich die Zustimmung in der Trainingsgruppe zu diesem Vorschlag in Grenzen hielt und ich zudem auch gar nicht gewusst hätte, wohin ich die Jungs und Mädels hätte führen müssen, trainierten wir eben dann doch „nur“ realitätsbasierend, also so nah an der Realität, wie unter diesen Umständen möglich. 

Wie gewohnt führte Carsten uns durch einen abwechslungsreichen, methodisch und didaktisch optimal strukturierten Theorie- und Praxismix. Die Praxis startete mit einem Lauf-Warmup und danach ging es zunächst an die Pratzen, um Reaktions- und Konzentrationsvermögen zu schulen. Schließlich kamen dann aber auch Übungsmesser und Messerattrappen ins Spiel. 

Die praktischen Übungen bestanden den ganzen Nachmittag über eigentlich aus einem einzigen Prinzip, das etwas variiert und ausgebaut wurde. Zudem leitete Carsten uns durch verschiedene Bedrohungsszenarien: vom stakkatoartigen Zustechen auf Bauchhöhe über die Forderung zur Herausgabe von Geld und Wertgegenständen mit vorgehaltener Waffe bis hin zur Situation, bei der uns das Messer buchstäblich am Hals stand. Besonders realitätsbasierend finde ich persönlich den Trainingsansatz, nach der erfolgreichen Abwehr vom Tatort wegzulaufen, einen Bodycheck vorzunehmen („Bin ich verletzt, wenn ja, wie schwer?“) und die Polizei zu informieren (immer zuerst das „Wo“ nennen). „Pfeffer“ gab es für uns in Übungssequenzen, bei denen körperlicher Stress durch 30 sekündiges Sprinten auf der Stelle gefolgt von 30 Sekunden Liegestützen und weiteren 30 Sekunden drehen des eigenen Körpers auf der Stelle (vorn übergebeugt und mit zugehaltener Nase) simuliert wurde, bevor der Angriff und die dazugehörige Abwehr starteten. Ebenfalls spannend eine Partner/innen-Übung, bei der in der Mitte der Halle ein „Messer“ ausgelegt wurde und die beiden Übungsparteien sich je am Rand der Halle auf den Boden legen sollten. Auf Kommando wurde „zur Waffe“ gesprintet und wer sie zuerst in den Händen hatte, wurde Angreifer/in, der/die andere musste abwehren. Besonderes Highlight war dann aber wohl für alle ein Szenario mit Kunstblut, bei dem wir zu spüren bekamen, was Kämpfen für eine glitschige und eklige Angelegenheit sein kann, wenn Körperflüssigkeiten im Spiel sind J

Carsten schaffte es wieder einmal hervorragend, die 15 Teilnehmenden – zum Teil bereits SC-erfahren, zum Teil aus dem Karate aber vereinzelt auch ohne jegliche Vorkenntnisse – fünf Stunden lang unter einen Hut zu bringen, gemeinsam anzuleiten und trainieren zu lassen. Ein klasse Nachmittag, bei dem die Gruppe super zusammen passte und es keine Berührungsängste gab. Wir waren uns alle einig, dass das SC-Konzept großartig und eine super Ergänzung zu verschiedenen Kampf(kunst)konzepten ist. Alle wünschten sich unbedingt mehr Carsten und mehr Street Combatives!

Samstag, 16. Dezember 2017

Street Combatives Erlensee, Tag 4

Immer, wenn man meint, es geht nicht mehr, kommt eine Pyramide daher!

Mit Schmerzen in der rechten Schulter aufgewacht (kein Muskelkater...) und mich gefragt, wie ich durch die letzten beiden Tage kommen soll....wie ich meinen Pullover anziehen soll...

Zum Warmup gab es drei Pyramiden: Handballen, Knie und Hammerfaust - und fast waren die Schulterschmerzen vergessen.

Heute stand der horizontale Straßenclinch auf dem Programm - also Groundpower, wie mein Karatefreund Harald vermutlich sagen würde ;-)

1. Übung:
Fallen ohne abzuschlagen! Abschlagen ist toll, wenn man auf einem Mattenboden trainiert! Aber draußen, auf hartem Boden, ist das nicht so praktisch!
Wir sollten zunächst das Kinn zur Brust ziehen und uns dann rückwärtig auf den Po fallen lassen - totaler Panda-Style, ich musste schmunzeln bei dem Gedanken, was Torsten dazu wohl sagen würde :-)

Auf dem Boden liegend sollten wir möglichst auf die Seite rollen, damit wir auf diese Art unsere Angriffsfläche verkleinern. Jetzt das obere Bein aufstellen, das untere ablegen, aber leicht anwinkeln.

Wenn der Angreifer vor einem steht und jetzt um einen herum läuft, kann man sich rückwärts ziehen - immer so, dass man dem Angreifer nicht den Rücken zuwendet, ggf. muss man mal die Liegeseite wechseln.

Mit dem unteren, gestreckten Bein kann man den Angreifer treten - Fuß hierbei parallel zum Boden.

Vielleicht trifft man den Angreifer hierbei und kann ihn so vertreiben. Dann will man wieder aufstehen - aber wie?

2. Übung:
Aufstehen in Etappen (falls der Angreifer sich wieder nähert und einen erneut angreifen will - wenn wir in Etappen aufstehen, können wir selber entscheiden, ob wir uns ggf. wieder zu Boden fallen lassen. Das ist mit Sicherheit kontrollierter, als wenn uns der andere schmeißt.)

Zuerst zieht man aus der Seitlage heraus den unteren Arm heran und legt den Ellenbogen auf, stütz den Oberarm senkrecht, die flache Hand liegt jetzt am Boden. Jetzt dreht man den Unterarm mit der offenen Hand um eine Vierteldrehung nach hinten, dann den Unterarm aufstellen (hochdrücken). Mit dem Unterschenkel des unteren Beins "Scheibenwischer" nach hinten machen, hochdrücken und aufstehen, Zanshin halten!

3. Übung:
Wenn uns der Angreifer in der Rückenlage erwischen sollte, heben wir die Füße an und drücken damit gegen die Hüfte des Angreifers. halten ihn so auf Distanz.

4. Übung:
Der andere will zwischen die Beine dringen und beginnt, auf unseren Kopf einzuschlagen (oder in die Richtung). Wir drücken die Knie zusammen, so dass wir eine Schere bilden und klemmen den Aggressor ein. Kopf schützen! Auf fortgesetzten Druck machen wir uns ganz steif und drehen uns etwas seitlich, so dass wir mit einer Schulter aufliegen.

5. Übung:
Der Aggressor drückt die Beine auseinander und kommt doch dazwischen und geht auf die Knie zwischen unsere Beine, schlägt weiter auf uns ein. Kopf schützen! Und den anderen zu sich ran ziehen. Einen Arm greifen und quer lang ziehen, auf der anderen Seite das eigene Bein streckenund mit einem starken Hüftimpuls den anderen rüber rollen und drauf setzen.

6. Übung: wenn der andere auf einem drauf ist, den Kopf ran ziehen und Overhook (in Bodenlage ist Overhook King!). Auf die Seite legen und Hüfte seitlich rausschieben (Rausshrimpen), bis wir mit unserem Fuß auf das Knie des anderen kommen. Dann sein Bein wegschieben - wenn das nicht auf Anhieb klappt, dynamisch in Bewegung bleiben und irgendwann funktioniert es. Dann den anderen rum rollen und drauf setzen.

Danach Teach Back

Nach der Mittagspause zwei Pyramiden der besonderen Art: Handballenschlag oder Hammerschlag aus der Bodenlage - einmal hält der obere Partner die Pratzen und einmal der untere. Sehr anstrengend und anspruchsvoll, vor allem die Schläge von unten nach oben!

7. Übung
Bodenlage, der Obere sitzt auf einem drauf. Der untere zieht den oberen an sich heran, dann Overhook rechts (z. B.) mit dem linken Arm den anderen schlagen. Wenn der andere hoch/weg will, in dem Moment, wo der sich aufrichtet, den linken Arm aufstellen und den anderen rum drehen.

8. Übung
Ausgangslage wie 7. und dann um den Kopf des anderen herum greifen, Nase verbiegen, Augen treffen (Bowlingkugel), mit der anderen Hand am Kiefer unterstützen, den anderen umdrehen und wenn der seitlich liegt, den Kopf fest auf den Boden drücken, der andere sollte so auf der Seite liegen, dass er uns den Rücken zuwendet. Wir fixieren den Kopf, stehen auf und entfernen uns.

9. Übung
Wenn der andere auf einem sitzt (auf dem Bauch, also zwischen Oberkörper und unseren Beinen), dann mit einem starken Hüftimplus oder mit dem Hochreißen eines Knies den anderen nach vorne schubsen, so dass er quasi uns entgegen fällt. Er wird sich automatisch mit den Armen am Boden abstützen wollen. Das nutzen wir aus, um seine Arme zu blockieren - wir nehmen unsere Arme außen seitlich an seinen Armen hoch und klappen unsere Unterarme ein, so dass die Ellenbogen des anderen dazwischen eingeklemmt sind. Der andere kommt uns dadurch ein bisschen entgegen (runter). Jetzt einen Fuß vor ein Knie des anderen stellen und es blockieren. Jetzt Hüfte seitlich hoch (Bridge) und den Angreifer über die Seite rollen.

Wenn man dann oben sitzt und der andere uns mit seinen Beinen einklemmt, mehrfach hart in die Genitalien schlagen (der andere kann zum Schutz die beiden Pratzen davor halten).

Alternative: rechten Arm vor strecken und mit dem Finger in die Ferne zeigen, dann mit aller Wucht den Ellenbogen zurückreißen, so dass dieser auf den Oberschenkelmuskel des anderen trifft.

Der andere wird in beiden Fällen seine Beinfixierung lösen.

Grundsatz: Immer wieder versuchen, als unterer in die Gate-Position zu kommen, also so, dass wir den anderen zwischen unseren Beinen haben.

Bezeichnung der Position, wenn der andere mittig auf uns sitzt: Mount

10. Übung
Situation, wenn wir an einer Wand in Bodenlage gekommen sind - hier an einer großen Weichmatte, die an der Wand lehnt, simuliert
Wir liegen unten auf dem Boden, den Nacken/Kopf gegen die Matte, Rücken auf dem Boden, Beine gegen die Hüfte des anderen gestemmt. Der kommt näher und schlägt uns.
Wir strecken das rechte Bein unter dem anderen durch, winkeln das linke Bein so an, dass wir damit außen neben dem rechten Fuß des Angreifers knien.
Jetzt mit der linken Hand das rechte Bein des Aggressors fassen, mit der anderen Hand dazu, Gable Griff, jetzt mit dem linken Bein Scheibenwischer, hierbei den Druck am Bein des Aggressors nicht lösen, sonst kann er wieder verstärkt schlagen oder anders aktiv werden.
Jetzt aus der Hüfte hochdrücken, dabei am Bein hochziehen - superschwer. Muss ich üben, mich aus der Hüfte hochzudrücken!

Übung hierzu: ein Bein gestreckt, eins vor dem Körper eng angewinkelt, jetzt hochdrücken und hinten Scheibenwischer zum Wechseln der Beine.

Anschließend wilden Partnerwechsel bis zur totalen Erschöpfung! Habe noch viel aus dem Rückenmark funktioniert - aber meist HAT es irgendwie funktioniert! :-)

Da bei mir viele Erkenntnisse in den Anfängerschuhen stecken, habe ich von einer Zertifizierung Abstand genommen.

Somit liegen jetzt noch drei Trainingsstunden vor mir und dann werde ich wohl bei den Prüfungen unterstützen, falls erforderlich und gewünscht.

Street Combatives Erlensee - Tag 3

Für den Vormittag war das Thema Kontaktmanagement angesetzt - und ich glaube, wir waren alle ganz dankbar für diese Zäsur im Kampfmodus der Fortbildung. Sicherlich war nicht nur ich mit einem ordentlichen Muskelkater im Oberkörper aufgewacht :-)

Joe hatte in der Trainingshalle eine Präsentation aus Powerpoint und Videos vorbereitet. 

Analog zu meinem fünfteiligen Eigenschutz-Konzept hat Street Combatives ein dreiteiliges System aufgestellt: 
Gefahrenmanagement 
Kontaktmanagement
Gewaltmanagement

Unter Gewaltmanagement versteht man z. B. die Entscheidung, nachts aus einer Frankfurter Disco als Frau nicht mit einem öffentlichen Verkehrsmittel nach Hause zu fahren, sondern lieber ein Taxi zu nehmen. 

Gewaltmanagement ist die "Stufe 5" meines Konzepts: der physische/technische Eigenschutz.

Kontaktmanagement setzt bereits bei der Wahrnehmung kritischer Situationen an. So lange ich noch einen großen Bogen um mir nicht geheuer erscheinende Menschen machen kann, tu ich das auch - wechsele z. B. die Straßenseite. 

Natürlich gehören auch kommunikative und deeskalierende Maßnahmen zum Kontaktmanagement. 

Auch Joe berichtete (wie in vorigen Kursen auch Ralf Bongartz) über den tragischen Tod Tugce Albayraks, die medial zu zivilcouragierten Heldin hochstilisiert wurde. Joe ist sicherlich durch seine berufliche Tätigkeit im Frankfurter Raum noch näher dran am Thema. So berichtete er gleich zuvor: Der Tatort war das Mc Donalds Restaurant Offenbach Kaiserlei - ein Ort, der sich schon tagsüber nicht für ein lauschiges Picknick eignet. Und nachts schon gar nicht. Was zwei minderjährige Mädchen dort alleine nachts auf der Toilette zu suchen hatten, sei zumindest verwunderlich. Wie ich schon aus Fortbildungen bei Ralf wusste, war es keinesfalls ausschließlich der nach außen propagierte tragische Todesfall einer mutigen jungen Frau. Vielmehr hatte sich hier die Gewalt im System hochgeschaukelt und es waren auf beiden Seiten Drogen im Spiel (zumindest reichlich Alkohol). Auch wenn es für den ein oder anderen verwerflich erscheint, diese tragische Situation im Nachhinein zu bewerten, und wenn jede Gewaltromantik hier fehl am Platze ist, so muss gesagt werden, dass der Todesfall gegebenen Falls hätte verhindert werden können. Dies war anhand einer Videoaufzeichung auf dem Parkplatz von Mc Donalds deutlich zu erkennen. Gegenseitige Beschimpfungen und Beleidigungen führten schließlich zu dem einen tödlichen Stoß. 

Es ist immer wichtig, Situationen gut wahrzunehmen. 
Visuell, akustisch oder über Nase, Zunge, Haut (die drei letzten spielen eher untergeordnete Rollen). 

Wir wurden noch einmal in das Modell des Ooda Loop eingeführt: observation, orientation, decision, action - insgesamt eine Verknüpfung von Wahrnehmung und Erfahrung. 

Man sollte auch im Training möglichst den Block / die Verteidigung dem Angriff anpassen und nicht umgekehrt.

ORI Loop: Observation - Recoginition - Improvisation
Improvisation geht nur mit Erfahrung. Daher ist es gut, vorher einen Plan zu haben. Die gelingt nur, wenn man vorher im Kopf vergleichbare Situationen durchgespielt hat oder wenn man kurz vor einer Gefahreneskalation schon überlegt hat, was man machen könnte. Man sollte immer gedanklich hoch einsteigen, dann hat man das Ende geplant und wird nicht von der Härte des Angriffs überrascht. Gedanklich hoch planen und in der Ausführung niedrig beginnen - das sei optimal, so Joe.

Video herald sun (Mann mit nacktem Oberkörper in U-Bahn-Station)

U-Bahn-Station Frankfurt Oper - Überfall, bei dem Senior hinter dem Angreifer her geschleift wird.

Täterinterview: Lage checken durch Ansprechen

Täter schlagen meist nur mit einem Arm, wechseln dann ggf. - beidseitige Angriffe im Wechsel sind die absolute Ausnahme! Es macht kaum Sinn, so was zu trainieren. Man sollte besser einen Weg durch die Deckung suchen und sich dann "freiballern".

In einer Klopperei geht man "zurück in die Höhle": Selbst Profiboxer nutzen Colaflaschen und Schrimfständer als "Waffen"

Nonverbale Anzeichen für Gewalt:
- grooming ("Zurechtmachen" -> Übersprungshandlung; Versuch, sich zu legitimieren; kein direkter Blickkontakt; bewusst auffällig unauffällig verhalten
- Scannen des Umfelds (Zeugen, Menschen, die dem Opfer beistehen könnten, Polizei?)
- Gewichtsverlagerung, um einen effektiven Schlag oder Tritt ausführen zu können, hier kann man ideal mit dem Cover Crash Counter einem Angriff zuvor kommen)
- Griff in die Tasche, Verbergen der Hände (Waffe holen?)
- Fäuste ballen
- durchgehendes Nichtbefolgen von Anweisungen
- Ausziehen der Kleidung
- wenn Angreifer (mindestens) zu zweit sind: taktisches Positionieren
- versteckte Kommunikation mit "Freunden" (Muttersprache Türkisch o. ä., Geheimzeichen...)
- Stimmungsschwankungen
- "aggressiv wirkende Kleidung"
- leerer Blick (Gegner schon im "Tunnel")
- gewalttätige Vita
- Brüsten -> zeigt alle verletzlichen Punkte (Adern, Kehlkopf etc.)
- Fingerzeig auf Opfer
- sichtbare, angeschwollene Adern (Blut schießt in die Muskeln)
- Atemfrequenz erhöht (Sauerstoff in den Körper pumpen)

Verbale Anzeichen:
- versteckte oder offene Drohungen ("Ich stech Dich ab!")
- offensive und beleidigende Worte
- Schreien, Kreischen
- unverständliche Aussprache
- schnelle Aussprache

Achtung: Nicht an die Sprechweise des anderen anpassen! Wenn der schnell wird, und laut, nicht auch so sprechen, sondern ruhig und möglichst mit normaler Lautstärke weiter.
Nicht beleidigen! Ggf. nur noch einsilbige Antworten geben.

Manchmal kann ein falsches Wort ausreichen. So sagte ein Polizist zu einem Aggressor, um diesen zu beruhigen: "Ey, komm runter! Das ist doch gar nicht Dein Niveau!" Der Angesprochene rastete total aus, weil er nicht wusste, was Niveau ist.

Kontaktmanagement Polizei: Als erstes Handschuhe anziehen

Es ist sinnvoll, mit einem konkreten Selbstverteidigungsplan in die Situation zu gehen - man kann dann ja reden und "runterhandeln". Das verschafft Handlungsspielräume. Wenn man so in eine Situation geht, kann man improvisieren, statt nur zu reagieren. Kopfkino kann helfen.

Wenn man unter Hochstress ist und im "Tunnel", kann man unter Umständen keine Taschenlampe oder Pistole mehr bedienen.

Vor Gericht wird häufig gestritten, welche Version wahr ist - eigentlich sind beide wahr, es kommt auf die Sichtweise an.

Systemisches Denken ist wichtig! Was löwen wir vielleicht selbst durch unser Verhalten aus?

Es macht keinen Sinn, einen Angriff zu modifizieren, um eine Abwehr zu begründen.

Praxisteil Kontaktmanagement:
Wie wir es kennen: Hände mit der offenen Handfläche nach unten zeigen lassen - aber am Besten auf Schulterhöhe, damit man sehen kann, ob der Angreifer eventuell eine Waffe zieht.
Wenn man an einer Wand steht, Hände auf Kopfhöhe und Ellenbogen eng an die Rippen.

Person nicht anfassen! Das kann Gewaltreaktion auslösen!

Wir bleiben mobil! Wir weichen nicht aus.

Kurz bevor es knallt nicht mehr reden - bzw. nur noch einsilbige Hochstatus-Befehle/Alphakommandos: "Bleiben Sie stehen!" "Stopp!" "Nicht weiter!" Wenn man zu viel versucht, zu deeskalieren und den Wechsel zum Hochstatus nicht schafft, verpasst den ersten Schlag.

Übung 1:
zu zweit, A läuft gradeaus, B kommt ihm entgegen, kurz vor der Begegnung kreuzt B den Weg von A bewusst. A nimmt die Hände hoch (Schulterhöhe) wirft kurzen Blick auf B und geht weiter. Achtung, wichtig: nach dem Passieren kurz über die Schulter blicken, ob B hinterher kommt.

Variante: B spricht A an "Haste mal Feuer", "Haste mal n Euro", "Wie spät ist es". A geht weiter ohne zu stoppen, sagt "Nein, ich rauche nicht", "Nein, hab selber kein Geld", "Nein, tut mir Leid" o. ä., wieder über die Schulter blicken

Variante: B bleibt hartnäckig an A dran, penetriert, A versucht, auszuweichen und Schleifen zu laufen. B wird lauter und aggressiver. Irgendwann muss A sich entscheiden, ob er den ersten Schlag setzt.

Variante C: B bekommt einen Kumpel zur Seite - multiple Opponenten! Diese greifen asymmetrisch an, A muss versuchen, um sie herum zu gehen oder zwischen ihnen hindurch.


Nachmittag in Schöneck in der Traktor-Garage/Scheune (mit Traktor :-))

Harter Betonboden, Enge, kalt.
Wiederholung aller bisherigen Techniken mit Partner/in, dann neue Techniken:

Single-Neck-Tie: statt Underhook wird aus dem Cover Crash Counter der rechte Arm an den Nacken des anderen geführt, dann mit Ruck nach hinten gestoßen und wieder aufgefangen, aber in einem Abstand, in dem man den Ellbogenstoß durchführen kann.

Alternative: Kopf weghalten, dann mit dem anderen Arm drumherum greifen und "Bowlingkugel" - Nase, Augen, Mund - was auch immer - greifen und ziehen.

Double-Neck-Tie: Beide Hände werden an den Hals gelegt - man kann den anderen jetzt in den Take-Down (war das so?)

Alternative: Kopf erst mit rechts halten, dann diagonal unter den linken Arm ziehen und in die Guillotine nehmen: Hände übereinander legen wie beim Beginn der Meykio und die (eigene) Hüfte durchdrücken, hochkommen.

Das übten wir dann unter höherem Impact mit dem Partner und im Anschluss mit wechselnden Partnern. Joe kritisierte, dass einige von uns nur herum standen und sich dauernd nur die Boxhandschuhe an- und auszogen, die Schuhe banden.

Als Höhepunkt des Tages griff Joe gegen Ende der Einheit in der Scheune das Thema Kontaktmanagement erneut auf: Die Gruppe bildete einen großen Kreis, zwei von uns wurden mit Helmen ausgestattet, einer bekam Boxhandschuhe an. Die zwei Aktiven wurden von zwei "Rettern" unterstützt, die z. B. immer im Blick haben sollten, ob die Helme noch sitzen etc.
Auf Kommando Break sollte sofort gestoppt werden. (Nicht Stopp, weil man sonst auf Stopp konditioniert wird und im Ernstfall ggf. auch bei Stopp aufhört, obwohl es noch weitergehen müsste).
Der mit den Boxhandschuhen sollte zuerst der Pöbler/Belästigende sein (Übung wie am Vormittag). Der andere sollte versuchen, das abzuschütteln oder im entscheidenen Moment den ersten Schlag machen, konnte auch sein, dass es sich ergibt, dass der Angreifer den ersten Schlag machte - darauf kam es wohl nicht so an. Im Kampf sollte man dann versuchen, den anderen so zu drehen, dass er mit dem Rücken zu einem steht (Rückenposition - seine "Waffen" zeigen weg, meine zeigen zu ihm).
Annika und ich kamen als letzte dran. Ich konnte zuerst meine Sicherung durchführen (Annika hatte angegriffen). Im zweiten Durchgang wurde die Szene abgebrochen, bevor wir richtig loslegten - Annika und ich wurden von unseren Helfern auseinander gerissen. Ich war total verwundert - hatte ich was falsch gemacht? Erklärung war, dass der Freund von Annika die Szene genutzt hatte, um Annika mit einem Ring zu überraschen - eine wohl standesgemäße Verlobung unter Combattanten :-)

Im Anschluss gab es Sekt und etwas zu essen, aber ich verabschiedete mich schnell, da ich zu meiner Schwester nach Seligenstadt fahren wollte, mit der ich verabredet war.


Donnerstag, 14. Dezember 2017

Street Combatives Erlensee 2017 - Tag 2

Der heutige Tag wurde als "der schlimmste" angekündigt! Volles Rohr Körperarbeit!
Wir starteten zum Warmup mit drei "Pyramiden": Handstoß nach vorne, Hammerfaust und Slab. Bei der Hammerfaust spürte ich wieder einen Schmerz in Höhe kleiner Finger/hintere Handhälfte und die war jetzt auch richtig dick! Eine Kurz-Diagnose von zwei der mittrainierenden Ärzte beruhigte mich aber: kein größerer Schaden, nur eine Vene geplatzt oder so, wird sicher blau, aber sonst nicht zu beachten. (Wurde tatsächlich nicht schlimmer und ist jetzt fast weg).
Der Slab fällt mir immer noch schwer - ob ich den nochmal lerne? Ich denke, der widerspricht so jedem Karate-Prinzip, welches wir im Moment verfolgen, vielleicht würde es am ehesten in die Asai-Richtung fallen mit den großen, peitschenartigen Armbewegungen....

Es ging dann weiter mit neuen Übungen (für mich zum Teil Wiederholungen aus dem Seminar mit Carsten bei uns im Frühjahr):

1. Counter-Block: "Helmet" - wie schon beim Seminar mit Carsten bei uns den linken Arm ganz eng seitlich an den Kopf drücken, die Hand hinterm Hinterkopf verschränken, rechte Hand fasst jetzt linkes Handgelenk und rechter Ellbogen wird eng um die Stirn- und Augenpartie gezogen - vielleicht sieht man nix mehr, aber das ist in der Situation eigentlich egal und schützt zudem noch die Augen. Joe wies noch als weitere Vorbereitung darauf hin, dass vor dem Positionieren der Arme das Kinn zur Brust und die Schultern hochgezogen werden müssen.

Der Vorteil am Helmet gegenüber anderen Blöcken oder Schutzhaltungen ist, dass der Kopf in dieser Position bei einem Schlag von vorne nicht nach hinten schleudern kann. Beim Einwand "aber es könnte ja ein Aufwärtsschlag kommen, der die Zähne trifft" sei zu entgegnen, dass das nur ein "Strukturschaden" sein, der nicht so schlimm ausfiele wie eine Bewusstseinstrübung durch ein Schleudertrauma.

2. Angreifer hat Boxhandschuhe an den Fäusten, Verteidiger steht in Deeskalations-Pose; Angreifer greift an mit rechts, linken Handschuh zum Schutz vor dem Brustkorb;
beim Angriff geht der Verteidiger mit "Helmet" vor (Cover Crash Counter) und verkürzt die Distanz. Dann wird der Unterarm, der sich nahe am Hals des Angreifers befindet, "ausgeklappt", so dass durch den Druck des  senkrecht auf die Schulterpartie des Angreifenden aufsetzende Oberarm Druck auf den Schulterbereich des Angreifers ausgeübt wird.

Es kann jetzt sein, dass beide Kontrahenten gleichermaßen Druck ausüben - Folge wird sein, dass sich beide im Kreis drehen. Dies gilt es zu unterbrechen. Hier soll man versuchen, die Ruhe zu bewahren und ein "Kreiseln" zu verhindern - das könnte nämlich einen Sturz zur Folge haben.

Im Folgenden soll versucht werden, einen Fuß seitlich nach hinten auszustellen, damit der "Kreislauf" unterbrochen wird.

3. Kniestoß (Hiza Geri) gegen quer gehaltene große Pratze (mit Partner/in) - Kniestoß in die Leiste, nicht in die Genitalien, da dies häufig nicht den erhofften Erfolg hat. Der Stoß in die Leiste hat allein schon physikalischen Effekt - der Getroffene knickt schlicht und ergreifend ein. Zur Vorbereitung soll der Gegner mit beiden Händen an einer Schulter gefasst werden (an der Seite, bei der auch die Leiste getroffen werden soll). Meine Partnerin und ich waren uns nicht einig, ob der Oberkörper des zu Treffenden dabei nach vorne-unten gezogen werden soll. Ich meinte: ja, sie: nein. Viele der anderen Teilnehmenden hatten auch den Oberkörper runtergezogen - bzw. zu sich rangezogen und das Knie reingeschraubt.

Es war Joe egal, ob man das tretende Bein vorne oder hinten absetzt. Beim Absetzen vorne hat man sicher noch mehr Druck - als Gegenargument höre er oft, der andere könne das Bein festhalten. Aber das sei ein schwaches Argument! Einmal sei das unwahrscheinlich, wenn der Stoß gut war und zum anderen könne auch ein zurückgezogenes Bein festgehalten werden, da es nicht so weit zurück gezogen wird, dass der andere gar nicht mehr dran komme.

Im Anschluss gabs ne Pyramide Kniestöße - aus der Ausgangsposition (Füße parallel) - die meisten anderen TN hatten das tretende Bein hinten.

4. Kombination aus Counter Block und Kneelift: "Angreifer" ist diesmal passiv und steht mit einer großen Pratze vor dem Brustkorb, Verteidiger rammt mit Helmet in die große Pratze,  dann beide Arme auf die rechte Schulter des Angreifers legen (Arme nicht strecken) und Druck auf die Schulterpartie ausüben. Beide üben Druck aus und es beginnt vermutlich eine Drehbewegung. Der "Verteidiger" stellt jetzt ein Bein seitlich aus, so dass der Dreh unterbrochen wird und der Angreifer sich neu ausrichten muss. In dem Moment hebt der Verteidiger das Knie und führt Kneelift aus (der "Angreifer" muss vorher die Pratze tiefer nehmen, so dass das Knie auf die Pratze trifft).
Passt der Verteidiger nicht auf und führt den Kneelift in einem Moment aus, in dem der Angreifer noch drückt, kann es passieren, dass beide - oder vor allem auch der Verteidiger - das Gleichgewicht verlieren / verliert. Das gilt es zu vermeiden, darum ist es wichtig, dass man erst wartet, bis der Angreifer keinen aktiven Druck mehr ausübt. Ggf. muss man das seitliche Ausstellen des Beines vorher nochmal wiederholen.

5. Übung 4 wird ausgebaut: Angriff jetzt nicht mehr "passiv", sondern zunächst durch Schlag mit rechts mit Boxhandschuhen - Helmet, Druck auf Schulter, Bein ausstellen, Kneelift. Nach dem Kneelift, bei dem meiner Meinung nach ja der Oberkörper des Angreifers herangezogen wird, wird der Angreifer im Nacken am Kragen gepackt, ggf. folgt noch ein Schlag in den Nacken. Dann wird der Angreifer auf der Stelle zu Boden gezogen. Nicht im Kreis ziehen wie in den Budo-Künsten! Das kann man machen, wenn man viel Platz hat! Man kann aber besser erstmal die Dinge so üben, als habe man wenig Platz, dann kann man sich auch auf engem Raum verteidigen. Groß werden kann man von alleine. Es ist hier besser, von klein zu groß zu denken.

6. Underhook is King!
Angriff wie 4 und 5. Verteidiger: Helmet und rein in den Verteidiger - Druck auf die Schulter wie unter 2. beschrieben. Jetzt den linken Arm (bei Angriff mit rechts und Stoß auf die rechte Schulter des Angreifers) unter der Achsel des Angreifers herschieben, so dass der Ellenbogen ganz eng an den Rippen des Angreifers liegt. Der rechte Arm des Angreifers wird so kontrolliert - nicht blockiert! Der Angreifer könnte so z. B. nicht mehr zu eigenen Waffen oder Waffen des Verteidigers greifen, ohne dass das bemerkt würde.
Wie oben beschrieben mit dem rechten Bein ausbrechen und Kneelift.
Dann mit der linken offenen Hand (kommt ja unter der Achsel des Gegners) nach oben in die andere Hand schlagen (Gable-Griff, benannt nach dem Ringer Gable).
Jetzt den anderen ruckartig ziehen, damit er aus dem Gleichgewicht kommt. Dann massiv zu Boden ziehen, ggf. zweimal ziehen. Leicht diagonal ziehen, aber nicht kreisförmig. Bei diagonalem Zug kommt der Angreifer direkt auf dem Bauch zu liegen. Ggf. mit Knie am Boden fixieren.

Nach dem Mittag: zwei Zehner-Pyramiden Kneelift und Slab

7. Angriff durch Schlag mit rechts, Counter Block, Unterhook mit links, Druck auf Schulter, Kopf seitlich an Hals des Angreifers drücken. Der Angreifer bleibt aktiv und boxt mit dem linken Arm gegen die Rippen des Verteidigers. Das gilt es zu stoppen! Wir setzen mit der rechten Hand oben an der Schulter an und lassen die rechte Hand den Arm entlang bis zur schlagenden Hand rutschen (ist schwierig, wenn der Angreifer Boxhandschuhe trägt! Aber in der Realität ist das ja selten der Fall :-) ). Meist reicht schon der Druck, wenn die Hand etwa bis zum Ellenbogen gerutscht ist. Wichtig: Den fixierenden Arm komplett strecken, so dass der schlagende Arm nicht durch Muskelkraft runtergedrückt wird, sondern durch die Optimierung der Gelenkstellung!

Weiter von da aus mit Kneelift, Gable-Griff und zu-Boden-Reißen

8. Underhook II: Angriff mit rechts, Counter Block, Unterhook mit links, ..... ???

9. Overhook: Angriff wie vor, Counter Block, dann geht der linke Arm des Verteidigers von oben über die linke Schulter des Angreifers. Angreifer schlägt wie vor gegen die Rippen, Arm fixieren wie vor, runter rutschen. Jetzt auch den Overhook langsam runterrutschen lassen. Dann kann der Verteidiger - hier ist ein schneller Wechsel wichtig - den Schlag-Arm des Angreifers loslassen und schnell an den linken Oberarm des Verteidigers greifen und diesen mit Wucht nach rechts (aus Sicht des Verteidigers) schieben, Druck an den Körper des Angreifers. Jetzt die rechte Hüfte an die Leiste des Angreifers schieben - der linke Arm des Angreifers liegt jetzt diagonal vor dessen Körper und quasi zwischen den beiden Kontrahenten. Mit der linken Hand kann der Verteidiger jetzt den Angreifer um die Hüfte greifen und ihn umdrehen, so dass dieser jetzt mit dem Rücken vor dem Verteidiger steht.

All das gabs dann noch mit vielen Partnrewechseln und zum Ende noch ne Pyramide.

Puh! Tag zwei abgehakt!











Street Combatives 2017 - Fünf Tage in Erlensee - Tag eins

Technik:

Am ersten Tag übten wir im Wesentlichen vier Techniken:
1. Schlag mit der flachen Handfläche diagonal nach vorne (grob: ähnlich wie Gyaku Tsuk, Abweichungen siehe bei der Detailbeschreibung)
2. Ellbogenstoß (mit der Spitze des Ellenbogens treffen, nicht mit dem Unterarm)
3. Hammerfaust
4. Slab (eine Art Ohrfeige und für mich persönlich die schwierigste Technik)

Die Trainings waren durchweg so aufgebaut, dass man zunächst eine Basisvariante der jeweiligen Technik trainiert und dann isoliert je mit rechts und links die einzelne Technik unter Berücksichtigung der Besonderheiten einübt.

Als nächstes gab es dann Kombinationen - Mehrfachausübungen einer Technik oder Kombinationen aus mehreren Techniken - der Pratzenhalter gibt durch verschiedene Distanzen oder Halte-Positionen die Wahl der Technik vor.

Im Anschluss oder auch mal zwischendurch konnte es vorkommen, dass wir "Pyramiden"-Training ausführen sollten: je abwechselnd mit rechts und links zunächst eine Technik, dann zwei .... bis 10 - bei falscher oder zu schwacher Ausführung muss der Schlag wiederholt werden!

Zum Tagesabschluss gab es drei Pyramiden pro Person (den Slab durften wir gnädiger Weise weglassen): Handflächenstoß, Ellbogenstoß und Hammerfaust. Joe erklärte den bezeichnenden Unterschied zwischen Schlagen und Stoßen: Ein Stoß geht grade nach vorne, ein Schlag kann auch rund kommen.

Zwischen den Trainingssequenzen gab es vor kurzen Pausen (es gab auch eine längere Mittagspause von einer Stunde) Gruppen-Diskussionen bzw. Zusammenfassungen der wesentlichen Trainingsinhalte: Zu sechst oder acht fanden wir uns zusammen und eine/r von uns begann, eine Technik aus dem letzten Block zu erklären. Andere griffen Themen auf, korrigierten ggf. oder ergänzten, dann übernahm ein anderer ein neues Thema und beschrieb dies.

Am Ende des Tages zeigte uns Joe noch einige Hilfsmittel zur Technikoptimierung:
- zu dritt zusammen, einer hält die Pratze, ein zweiter hält einen kleinen Reifen in etwa 20 cm Abstand vor die Pratze, der Dritte schlägt durch den Ring, ohne ihn zu berühren, auf die Pratze.
- zu dritt zusammen, wie oben und zudem noch zwei dieser Ringe auf dem Boden nebeneinander und berührend (wie eine Acht), Schlagender steht mit je einem Bein in einem Ring und darf diesen beim Schlag nicht verlassen.
- zu viert zusammen, wie zweite Übung und zudem noch ein kurzes Gummiband am Handgelenk des Schlagenden befestigt, der Vierte steht seitlich schräg hinter dem Schlagenden oder direkt daneben und hält das Gummi fest - Gummis in drei Farben, je nach Stärke des Schlagenden. Gummi verrutscht, muss dann nachjustiert werden.

1. Schlag mit der flachen Handfläche diagonal auf die Pratze. Dabei den Körperschwerpunkt diagonal nach vorne verlagern - beim Schlag mit rechts also die Achse leicht nach links verschieben, so dass der Kopf über dem linken Fuß steht, rechte Schulter mit nach vorne bringen, rechter Fuß kann ruhig hoch gehen. Das Prinzip der Kraftübertragung erfolgt eher durch das nach vorne Fallen, als durch den Druck aus der hinteren Ferse nach vorne (wie z. B. beim Gyaku Tsuki). Also eher durch das Ausnutzen der Schwerkraft und Fliehkraft (der Schlag an sich). Auf die Deckung achten: Hände deeskalierend vor den Körper vor dem Schlag und anschließend wieder dorthin zurück. Pratzenhalter hält Pratze seitlich vom Kopf, mit der anderen Pratzenhand den Ellbogen unterstützen. Schlagernder schaut auf die Pratze (nicht ins Gesicht des Schlagenden).

Zunächst mit Coach Dominik geübt, der mir viele Tipps gegeben hat, später mit Annika, außer mir die einzig weitere Frau am Start - etwa halb so schwer wie ich und halb so alt, aber mit ordentlich Bumms! :-)

2. Ellbogenschlag: Paralleler Stand oder einen Fuß vorgesetzt (Schlag in diesem Fall mit dem hinteren Ellenbogen). Hände deeskalierend vor den Körper - Ellenbogen halbkreisförmig vor bringen, so dass er mit der Spitze an die Pratze stößt - der Impact ist nicht so imposant wie beim Handflächenschlag, aber die Wirkung sei gleichwohl effektiv, so Joe. Die geöffnete Hand des stoßenden Arms wird über die andere Schulter geführt (wie beim Anschnallen im Auto) - der Kopf/Kehlkopf ist dabei geschützt.  Andere Hand zur Deckung oben lassen. Auch beim Ellbogenstoß darauf achten, dass man mit dem Körper die Achse verlässt und nach vorne "fällt". Pratzenhalter muss nah am Schlagenden stehen, Pratze auf Kopfhöhe senkrecht halten.

3. Hammerfaust: Start mit erhobenem Arm, der Ellenbogen bildet die höchste Stelle, die Hand geöffnet (weil man bei geöffneter Hand den Ellenbogen höher ziehen kann, als wenn bei geschlossener Faust die Muskulatur im Arm angespannt ist), der Körper ist seitlich ausgedreht; jetzt als erstes den Ellenbogen runterklappen, so dass dieser an den Rippen entlang nach unten zeigt. den Körperschwerpunkt senken und mit der Faust frontal nach unten schlagen, als wolle man einen Eisenpflock in den Boden rammen. Achtung: Nicht auf Hals und Kopf schlagen - kann tödlich sein! Schlag auf Rücken, auch mehrfach, sinnvoller. Wichtiger Tipp für meine Trainings: Der Pratzenhalter hält zwei Pratzen übereinander "gestapelt" - dann ist der Schlag erträglicher.

4. Slab: Mit der offenen Hand und gestrecktem Arm kreisförmig von außen gegen die seitlich gehaltene Pratze schlagen. Der Ellenbogen muss parallel zum Boden bleiben, darf nicht sinken. Körper wird eingedreht.

Je erschöpfter man wird, desto mehr schmerzen die Arme und desto mehr schlägt man aus der Rumpfmuskulatur heraus.




Montag, 20. März 2017

Street Combatives II - eine Technik für 100 Situationen

Am 18.03.2017 war zum zweiten Mal Carsten Zimmermann mit seinem Konzept Street Combatives bei uns im Fuji San zu Gast. Der Zulauf war in diesem Jahr noch stärker als beim letzten Mal: 40 Anmeldungen ließen ahnen, dass die Luft in der Halle schnell verbraucht sein würde :-)

Wie im Vorjahr gab es auch diesmal wieder eine ausführliche theoretische Einführung per Videopräsentation: Fazit für mich waren die Schlagsätze "Arschlöcher sind niemals allein." und "Arschlöcher sind niemals unbewaffnet." Einige Teilnehmer wünschten sich auch Tipps um Umgang mit Messerangriffen, aber Carsten stellte gleich klar, dass dies nicht in einem eintägigen Workshop zu leisten sei. Vielleicht wird er später einmal einen entsprechenden Workshop bei uns leiten.

Thema des diesjährigen Ausflugs in die stiloffene Selbstverteidigung war der Clinch, also auf gut Deutsch gesagt: "zünftiges Ringen und Raufen" unter Anleitung.

Auch bei der Abwehr im Clinch sollte man sich immer bereits im Vorfeld sicher sein, wo die eigene "Rote Linie" ist - also der Punkt, an dem ich mich wirklich körperlich verteidigen möchte und kann. Was bin ich bereit, in Kauf zu nehmen, wenn ein Ernstfall eintritt? Man sollte sich das unbedingt schon zu Hause überlegen und Situationen im Vorfeld im Kopf oder auch im Training durchspielen. Der erste eigentliche Kampf ist der Kampf gegen sich selbst: "Kann ich einem anderen Verletzungen zufügen?" und schließlich gibt es noch den Kampf gegen den Aggressor: "Kann ich mich unter Stress verteidigen? Hab ich das geübt?"

Auch kampfbasierte Systeme wie Krav Maga oder Street Combatives legen viel Wert auf Deeskalation im Vorfeld. Hier verwies Carsten freundlicher Weise auf mich und auf unseren Coach Ralf Bongartz. Hier ist möglichst noch eine NVP (non-violent position) einzunehmen, man kann versuchen, beschwichtigend mit geöffneten Handflächen "italienisch" zu gestikulieren, ähnlich wie der Melitta-Mann in der Werbung ("Isch 'abe gar kein Auto.").

Ein sicheres Auftreten kann potenzielle Angreifer abschrecken und umgekehrt kann eine unsichere Körperhaltung auch zu einem Angriff "einladen":"Beuteverhalten provoziert Jägeraktivitäten", so Carsten.

Im Vorfeld ist es wichtig, aufmerksam zu sein: Man hört Geschrei und stellt sich auf Ärger ein. Man sieht einen Tummult oder auffälliges Verhalten beim Gegenüber und stellt sich auf Aggressivität ein. Dieses Verhalten kann sich in folgenden Aktionen zeigen: Die Hände des Gegenübers gehen hoch, ggf. an seinen eigenen Kopf; das Gegenüber beginnt, die Jacke oder das Hemd auszuziehen; "taktisches Positionieren"; verdeckte Kommunikation durch Nicken oder Heranwinken eines Komplizen; kurzsilbige Kommunikation; "Brüsten"; sichtbare Schlagadern; erhöhte Atemfrequenz; provokativer "Fingerzeig" (Hand ist oben); Taktile Reize sollten sofort Gegenwehr auslösen! Auch der Geschmack kann eine Rolle spielen: KO-Tropfen lassen Getränke leicht seifig schmecken.

Carsten ging kurz auf den Unterschied zwischen Kampfkünsten und dem System Streeet Combatives (SC) ein: "Bei Kampfkünsten gibt es 100 verschiedene Lösungen für einen Angriff und beim SC 1 Lösung für 100 verschiedene Angriffe." Gleichwohl ließ er auch Kampfkünste und andere Systeme in ihrer Bedeutsamkeit bestehen, stellte SC nicht generell über sie, sondern führte aus, dass alles seine Bewandtnis habe, für ihn allerdings derzeit SC am überzeugendsten sei.

Was ist das Ziel des Systems Street Combatives? "Auf den Beinen und bei Bewusstsein bleiben!" Unter Stress kann man feinmotorische Abläufe häufig nicht mehr abrufen - daher ist es wichtig, möglichst einfache Strategien zu kennen.

Auch das Thema Notwehr wurde beleuchtet, unter dem John-Wayne-Aspekt: "Das Recht muss dem Unrecht nicht weichen." "Es ist besser, von 12 gerichtet zu werden, als von 6 getragen." (Besser sich vor Gericht verantworten müssen, als nicht mehr zu leben (6 tragen den Sarg).

Zum Warmup gab es den Spartakus-Workout, mit dem man innerhalb kürzester Zeit superschnell warm wird: 1 Min laufen auf der Stelle, 15 Sek Pause, 1 Min Liegestütze, 15 Sek Pause, 1 Min Plank, 15 Sek Pause, 1 Min Situps, Pause, 1 Min Hampelmann, Pause.

Im praktischen Teil starteten wir wie beim letzten Mal mit dem "Helmet" - der Schutzhaltung für den Kopf: linken Ellenbogen eng seitlich an den Kopf pressen und den rechten Arm wie ein Bügel über die Stirn legen, bis die rechte Hand das linke Handgelenk umfassen kann. Das rechte Auge ist möglicherweise jetzt verdeckt, was aber keine Rolle spielt. Bei der Einnahme der Schutzhaltung verkürzen wir die Distanz, indem wir einen Schritt auf den anderen zu mahcne. Wir übten intensiv, diese Schutzhaltung intuitiv einzunehmen.

Dann übten wir, verschiedene "Werkzeuge" zu bedienen, denn: "Wir reden nicht vom Nahkampf, wir reden von Werkzeugen."

Start war mit der Hammerfaust: Einer hielt eine Pratze waagerecht, der andere schlug drauf - unter Einsatz des ganzen Körpers. Dies wurde hinterher durch den Einsatz von kurzen Therabändern in verschiedenen Stärken geübt. Die Körperhaltung sollte am Ende so sein, dass die Nase über dem Zeh steht (nose over toe). Beim Ausholen ist der rechte Arm rechts seitlich vom Kopf, die Hand ist geöffnet und der Ellenbogen ist der höchste Punkt. Dann geht der Ellenbogen an der Handvorbei und letztlich schlägt die Faust auf das Kissen.

Die Hammerfaust übten wir auch seitlich (an Tennisrückhand denken) - wie Tetsui im Karate.

Schließlich übten wir die frontale Hammerfaust dann noch zu dritt, wobei einer den anderen von hinten um die Taille fasste und nach hinten zog. Der Schlagende musste dann gegen den Widerstand angehen.

Als nächstes kam der Handballenschlag - man sollte dabei an die Technik des Kugelstoßens denken. Auch hier galt nose over toe und man sollte sich mit dem Oberkörper weit nach vorne legen beim Schlagen.

Beim Handballenschlag gab es dann die Übung "two dogs and one bone" - einer hielt die Pratze senkrecht neben seinem Kopf (wie bei der vorangegangenen Partnerübung auch) und die anderen versuchten beide, Schläge darauf zu platzieren - was nicht einfach war, denn sie sollten sich gegenseitig auch daran hindern.

Nach einer Pause ging es dann endlich in den Clinch:
- Einer schlägt Hakenschläge gegen den Kopf des anderen, dieser versucht, mit dem "Helmet" zunächst, seinen Kopf zu schützen und die Distanz zu verkürzen.
- Wenn eine Lücke da ist, versucht der Abwehrende, mit der rechten Hand in den Nacken des Angreifers zu schlagen und anschließend mit der anderen Hand auf die Hand, die sich schon im Nacken befindet - der Angreifer hat hier schon zwei recht harte Schläge am Kopf abbekommen.
- Jetzt zieht der Abwehrende, den Kopf des Angreifers mit einem Ruck an die eigene Brust.
- Da der Angreifer weiter schlagen wird, sollte der Abwehrende jetzt versuchen, den rechten Arm (die meisten sind Rechtshänder) zu fassen und zu blockieren: Griff mit der linken Hand an die Schulter, am Bizeps entlanggrutschen und bis zum Handgelenk gehen, den eigenen Arm hart strecken, so das die harte Knochenstruktur den Arm des Angreifers blockiert.
- Nun wurde es kniffelig: Ziel war es, dass sich der Abwehrende hinter dem Angreifer befinden soll, damit er den Angreifer voll kontrollieren kann. Hierzu muss der Abwehrende versuchen, sich unter dem gestreckten Arm her nach hinten zu bewgen - Ausfallschritt nach links, Kniebeuge mit gradem Oberkörper und unter dem Arm her, bis dieser gestreckt hinten auf den Schultern des Angreifers liegt.
Jetzt noch selber umdrehen und den Opponenten von hinten fixieren.
- Alternativ kann man auch zur anderen Seite abtauchen.
- Als Variante übten wir, den Schlagarm vor unserem Körper zu fixieren und den Angreifer umzudrehen (ging nur, wenn wir uns selber auch mitbewegten). Als Vorübung nahmen wir eine Übung, die ähnlich der ist, die wir als Startübung für Befreiungstechniken immer mit in unserem Programm haben: Arm des anderen liegt locker auf unserer Schulter - eher belästigend, als angreifend. Wir greifen den Arm des Angreifers, führen ihn diagonal zu unserer "Hosentasche", fassen mit dem andren Arm an den Bizeps des anderen und drehen ihn um.

Zum Abschluss wurden schützende Kopfbedeckungen / Helme ausgeteilt. Wir stellten uns in eine Runde und zu zweit wurde im Kreis ausprobiert und demonstriert, ob die Techniken im Sparring funktionieren. Das war schon ein recht hoher Stressfaktor, hat aber allen tierisch viel Spaß gemacht! Beinahe alle wollten es einmal ausprobieren, wie es ist unter Stess zu reagieren und so waren wir alle am Ende Adrenalin-gesättigt und schachmatt!

Das Feedback auf diesen Workshop war wieder ausschließlich positiv! Viele Elemente werde ich in meine Kurse einfließen lassen, da ja alle Techniken auch im Karate zu finden sind - und durch Übungen wie "two dogs and one bone" kann man jede Trainingsstunde spannender gestalten und auflockern! Ich freue mich schon auf weitere Impulse aus der feien SV-Welt und finde Systeme wie Street Combatives sehr wichtig für die optimale Ergänzung unserer Kampfkunst zu einem effektiven Eigenschutz-Konzept.







Donnerstag, 31. März 2016

Street Combatives im Fuji San

Am 19.03.2016 folgten 30 Interessierte aus ganz NRW meiner Einladung zum Street Combatives Seminar im  Fuji San. Einige der Teilnehmer/innen hatten Karate-Kenntnisse, andere kamen aus dem Krav Maga oder anderen Systemen und es waren auch Personen zu Gast, die noch keinerlei Erfahrungen mit Kampfkünsten oder -systemen hatten.

Das Seminar war auf 5 Stunden angesetzt - die Zeit verging aber wie im Fluge! Dies lag nicht zuletzt an der mitreißenden und kurzweiligen Moderation und Anleitung durch unseren Coach Carsten Zimmerman. Carsten kommt ursprünglich aus dem Jujutsu und ist seit einiger Zeit auch Street-Combatives-Instructor.

Was vielleicht einige Teilnehmer/innen überrascht haben mag: Wir starteten mit einer dreiviertelstündigen Theorie-Einführung, die durch eine Power-Point-Präsentation unterstützt wurde. Carsten eröffnete den Nachmittag mit der Frage: "Wer von Euch hatte bereits Gewalt-Erfahrung?" Es hoben sich nur sechs Hände, was ja an sich erst einmal ein beruhigendes Gefühl vermittelt - so gefährlich scheint das Leben ja dann doch nicht zu sein. Dass aber ein dummer Zufall, ein einziges "zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Sein" ausreichen kann, um ein ganzes Leben zu zerstören, erfuhren wir anhand der Präsentation, die zahlreiche, durch öffentliche Videokameras aufgezeichnete, Gewaltszenen veranschaulichte. Das war wahrlich nichts für schwache Nerven und sicher einer der Hauptgründe, warum das Seminar erst "ab 18" ausgeschrieben war.

"When life goes wrong...." - was kann uns dann noch helfen? Ganz unbestritten ist die Beschäftigung mit Kampfkünsten oder -systemen aller Art ein guter Ansatz, so Carsten. Es ist dabei im Grunde egal, welcher Kampfkunst oder welchem System man sich verschreibt - alle haben ihre Daseinsberechtigung! Und dieses Gefühl hatte ich ja auch schon bei meinem ersten SC-Seminar in Olpe: Karate bereitet verdammt gut auf den Ernstfall vor - es gab unendlich viele Parallelen zum SC-Konzept!

"Wenn Du mit einem Kind das Überqueren der Straße übst - was bringst Du ihm bei: Den Zusammenstoß mit einem Auto zu überleben? Oder das Auto rechtzeitig zu sehen und den Zusammenstoß zu vermeiden?", fragte Carsten uns im Theorieteil weiter. Die beste Selbstverteidigung besteht auch nach dem SC-Konzept nicht darin, Auseinandersetzungen zu suchen, um sie zu überstehen. Es geht vielmehr darum, einen Gefahrenradar zu entwickeln und die Gefahr zu meiden. Dies fällt unter die so genannte Pre-Konflikt-Phase, in der unter anderem der Begriff Gefahrenmanagement genannt wurde. Carsten verglich diese Phase vor der körperlichen Auseinandersetzung mit einem Vorstellungsgespräch: Der potenzielle Täter hat eine "Stelle" ausgeschrieben und diese freie Stelle heißt "Opfer". "Dies", so Carsten, "ist das einzige Bewerbungsgespräch, dass ihr in eurem Leben versauen solltet." Der Angreifer will unseren Besitz, unseren Körper oder unser Leben. Wie auch ich es in meinen Kursen stets betone, lohnt es sich auf keinen Fall, für materielle Werte das eigene Leben oder die Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Ist der Gegner scharf auf unser Geld, Handy oder sonstige Wertgegenstände, so sind diese abzugeben. Bei Angriffen auf unser Leben oder unsere Unversehrtheit, lohne sich in jedem Fall Widerstand. Denn was will der Gegner auf keinen Fall: Er will nicht, dass die Auseinandersetzung lange dauert. Im Regelfall will der Angreifer auch keinen Kampf mit einem gleichwertigen Gegner, es handelt sich eher um eine Art Ritualkampf, bei dem nach seiner Vorstellung von vornherein feststehen sollte, wer gewinnt. "Beuteverhalten povoziert Jägeraktivität", zitierte Carsten einen anderen Kampfexperten.

Vorgestellt wurde weiter der so genannte Cooper Color Code, der sich mit dem Grad unserer Aufmerksamkeit beschäftigt: Bei der Phase weiß sind wir total entspannt und widmen keinem Geschehen eine besondere Aufmerksamkeit. Dies ist z. B. der Fall, wenn wir "auf dem Sofa sitzen". Phase gelb beschreibt eine gelassene Aufmerksamkeit, die wir aktivieren sollten, sobald wir das Haus verlassen. Gelassene Aufmerksamkei bedeutet nicht, ständig überall Gefahren zu wittern und überängstlich durch die Gegend zu gehen. Aber es bedeutet, die Umgebung zu betrachten und ungewöhnliche Veränderungen sofort wahrzunehmen und auf mögliche Gefahren überprüfen zu können. Bei möglicherweise wahrgenommener Gefahr geht man in Phase orange über, eine spezifische Aufmerksamkeit, bei der wir uns innerlich auf Flucht oder eine Auseinandersetzung vorbereiten können. Bei Phase rot steht der Kampf unmittelbar bevor und Phase schwarz beschreibt die Situation, bei der der Kampf in vollem Gange ist. Ein ähnliches Modell, das die verschiedenen Phasen einer Auseinandersetzung beschreibt, ist der Ooda Loop, der einen Kreislauf beschreibt, in der die Phasen observe-orient-decide-act ineinander greifen.

Deeskalation steht auch nach der Street-Combatives-Strategie ganz oben! Um eine Auseinandersetzung möglichst noch runterzukochen, sollte man möglichst eine "non violent position" einnehmen, die von der Körperhaltung her der Schiedsrichterposition entspricht: Füße in L-Stellung, Handflächen gehöffnet, Blick noch weit (nicht stechend oder drohend), ggf. "italienisch" gestikulierend, so dass die Ellenbogen vor dem Körper liegen und man jederzeit eine Schutzhaltung einnehmen kann. Möglich ist hierbei auch, einen Ellenbogen quer vor die Rippen zu halten und den anderen Unterarm darauf aufgestützt, mit der Hand an der Schläfe zu halten ("Denker-Position").

Hat all das nichts genutzt, sind wir im Kampf. Dave Grossmann hat eine "Herzschlag-Skala" erstellt:


Unter Stress steigt der Herzschlag und ab einem gewissen Level sind wir nicht mehr in der Lage, feinmotorische Aktionen durchzuführen. Dies ist der Zeitpunkt, zu dem nach meiner Theorie aus Kampfkunst Selbstverteidigung werden muss - die Kraft und Beweglichkeit, die wir uns jahre- oder jahrzehntelang beim Kampfkunsttraining angeeignet haben, muss jetzt auch automatisiert und grobmotorisch funktionieren! Ziel ist in erster Linie, ein Zeitfenster zu erkämpfen, in dem wir entkommen können! Hierzu gab es später eine schöne Übung: Wir taten uns zu dritt zusammen. Je einer von uns musste 30 Sekunden auf der Stelle sprinten, anschließend im Stand mit zu Boden geneigtem Oberkörper einen Arm zum Boden führen und sich 10 mal im Kreis drehen. Hierbei sollte der Zweite aufpassen, dass der Aktive nicht das Gleichgewicht verlor. Nach den Drehungen galt es, gnadenlos auf die Pratze zu schlagen, die der Dritte an der Hand hielt. Das Laufen und Drehen sollte den Effekt simulieren, den wir zu erwarten hätten, wenn wir uns in einem Kampfgetümmel befinden und sich in uns ein bestimmtes Stresslevel aufgebaut hat - unter diesen Voraussetzungen noch die Pratze zu treffen und kraftvoll zu schlagen, ist gar nicht so einfach!

Einige Fragen, die sich alle stellen sollten, die Kampfkünste nicht nur zum Selbstzweck erlernen, sondern die auch in der Lage sein wollen, sich damit zu verteidigen: "Zu welcher Art und Intensität der Verteidigung bin ich tatsächlich bereit? Wie weit kann und will ich im Ernstfall gehen? Bin ich willens und bereit, jemanden tatsächlich ernsthaft bei meiner Gegenwehr zu verletzen?" Es lohnt sich durchaus, dies regelmäßig im Kopf durchzuspielen, damit man im Ernstfall nicht vollkommen überrascht ist und möglicherweise aus Unsicherheit erstarrt.

Derart gut eingestimmt ging es nun endlich an die praktischen Übungen: Wir wurden nach der Tabata-Methode aufgewärmt und automatisierten dann zunächst eine Deckung für unseren Kopf, denn: "80 % aller Erstangriffe gehen zum Kopf - Ziel ist es, euren Computer auszuschalten." Der linke Ellenbogen wurde hier links seitlich an den Kopf gehalten und der rechte Ellenbogen legte sich eng um die Stirn und seitlich über das rechte Ohr, so dass die rechte Hand auf dem linken Handgelenk fixiert war und das rechte Auge verdeckte. Da die meisten Angreifer Rechtshänder sind, macht diese Position in den allermeisten Fällen Sinn. Wie alle anderen Techniken und Drills auch, übten wir auch diese Sicherungstechnik zunächst "trocken", d. h. jede/r für sich und ohne Partner/in. Anschließend taten wir uns zu dritt zusammen und je zwei schlugen etwa 30 Sekunden lang mit Handpratzen auf unsere Deckung. Anschließend übten wir ein, die Deckung spontan hoch zu reißen und schnell auf plötzliche Angriffe zu reagieren. Verschärft wurde die Übung noch dadurch, dass der Angegriffene  Rechenaufgaben zu lösen hatte: von der Zahl 793 in 7-er-Schritten runterzählen - und dabei noch auf die Angriffe achten! Das hatte schon was! :-)

Mir persönlich am schwersten fiel die Übung "Slap mit der offenen Hand". Hierbei bewegten wir uns "windmühlenartig" und schlugen in großem Kreis seitlich gegen den Kopf des Partners bzw. gegen die davor gehaltene Pratze. Wichtig war hierbei, dass beim Schlag der Ellenbogen nicht nach unten zeigte. Bei der Körperdrehung, die den Schlag auslöst, sollte die Nase überm Zeh stehen (nose over toe).

Als nächstes übten wir den Hammerfauststoß, bei dem wir darauf achten sollten, dass die Bewegung durch den ganzen Körper läuft und quasi kettenartig fließt. Wir schlugen von oben auf eine waagerecht gehaltene Pratze. Schließlich übten wir zu dritt: Einer hielt den Schlagenden von hinten fest und zog ihn rückwärts, so dass es dem Schlagenden erschwert wurde, die Pratze zu treffen und den Schlag kraftvoll auszuführen. Im nächsten Durchgang wurde die "Position Motorhaube" simuliert: Einer der drei ging in den Vierfüßlerstand, ein weiterer legte sich rücklings darauf, die Beine auf dem Boden aufgestellt. Der Dritte bedrängte den auf der "Motorhaube" frontal oder seitlich und man musste jetzt versuchen, aus dieser ungünstigen Position noch die Pratze auf der Hand des Bedrängenden zu treffen. Klasse Übung, die viel Kampfgeist erforderte!

Wir beließen es nicht bei Arm- und Fausttechniken, sondern setzten auch das Knie ein. Beintechniken seien nur bedacht einzusetzen, so Carsten. Beim Kneelift denken viele Menschen spontan, dass man damit die Genitalien treffe - besser sei es aber, das Hüftgelenk bzw. die Leiste zu treffen und den anderen damit rein physikalisch und im wahrsten Sinne des Wortes einknicken zu lassen. Wie auch ich es in meinen Kursen stets betone, sind viele Angreifer schlicht schmerzfrei - und reagieren nicht wie erwartet bei einem Tritt in die Hoden. Man solle sich besser vorstellen, dass man das Knie hochreiße und durch den Gegner hindurch ginge. Das übten wir dann auch sehr beherzt, indem wir versuchten, mit dem Knie die Pratze zu treffen, die der Trainingspartner vor die Leiste hielt.

Nach einer kleinen Pause ging es ans Dirty Fighting - Schluss mit lustig, also! Bei einem Griff an den Hals sollten wir unsere Hände innen durch die Arme des Gegeners zu dessen Gesicht führen und den Kopf wie eine Bowlingkugel seitlich drehen. Anschließend könnten wir mit der Hammerfaust dafür sorgen, dass der Gegener nicht noch einmal wagt, uns anzugreifen!

Ein Angreifer kommt leider selten allein! Darum macht es Sinn, sich nach dem Ausschalten eines Gegners, umzusehen - "Watch your six!" - auf sechs Uhr sehen, also einmal um 180 Grad umblicken, bevor man sich sicher fühlen kann. Man sollte sich besser vorne herum drehen, als hinten herum, weil dort schon jemand stehen könnte, den man grade nicht sehen kann.

Zur Abwehr aus der Bodenlage übten wir zwei Varianten: Die erste von beiden verfolgte weniger den Gedanken der realen Selbstverteidigung, als vielmehr das Üben von Schlägen aus ungünstiger Position (ähnlich der Übung "Motorhaube"): Ein Partner lag am Boden und der andere legte sich fest auf ihn drauf, in jeder hand eine Handpratze haltend und diese auf die Arme oder den Oberkörper des anderen drückend. Der unten liegende sollte jetzt zunächst versuchen, den anderen nach oben wegzudrücken und dann noch Schläge auf die Pratze zu verpassen.

Im Ernstfall mache es aber nicht viel Sinn, den Gegner in dieser Lage wegzudrücken. Im Gegenteil: Läge der andere unmittelbar auf einem drauf, sei dieser ja selbst in der Handlungsfähigkeit eingeschränkt! Besser sei es unter Umständen sogar, den anderen fest an sich heran zu ziehen, so dass der Abstand noch weiter verringert ist. Weiter geht es auch in dieser Position mit der "Bowlingkugel" - dem anderen seitlich um den Kopf herum ins Gesicht greifen, bis er sich aus der Position löst und wir freikommen. Herrlich! Was hatten mein Partner und ich einen Spaß bei dieser Übung :-D

Als unsere Kräfte beinahe aufgebraucht waren, erklärte uns Carsten noch die Post-Konflikt-Phase nach dem SC-Konzept: Nach einem Kampf empfiehlt es sich, das Krankenhaus anzurufen und die wichtigen Fragen wo, wer, was, wie zu beantworten. Anschließend sollte man sich hinsetzen und im Sitzen einen eigenen Body Check durchführen. Im Sitzen deshalb, weil man vielleicht viel Blut verloren hat und ohnmächtig zu werden droht - oder einen Schock bekommen kann, wenn man größere Verletzungen an sich feststellt und auch dann aus dem Gleichgewicht gerät und stürzt. Gut und sinnvoll ist es auch jeweils, unmittelbar nach einem Vorfall Zeugen zu sichern, damit bei einer eventuellen rechtlichen Auseinandersetzung nicht unglücklicherweise die Rollen Angreifer und Verteidiger vertauscht würden.

In der Feedbackrunde gab es ausschließlich positive Resonanz für Coach und Konzept! Einige Fragen umkreisten das Thema Notwehrrecht, welches von Carsten und auch anderen Teilnehmern zum Abschluss noch einmal intensiv beleuchtet wurde.

Für mich sind Exkurse dieser Art in andere Kampfkünste oder -systeme immer von besonderem Wert -  nicht, weil unsere Kampfkunst Karate für reale SV unzureichend wäre, sondern um eine Bestätigung dafür zu finden, dass Karate-Prinzipien eben auch bei dem Blick über den Tellerrand gültig sind und uns das regelmäßige Training optimal auf den Ernstfall vorbereitet.


Dienstag, 28. Oktober 2014

Street Combatives - We do bad things to bad people

Vor ein paar Wochen erhielt ich von einem Karate- und Facebook-Freund eine Einladung zu einem eintägigen Selbstverteidigungs-Event in Olpe unter dem Namen "Street Combatives - ein Konzept stellt sich vor". Hinter diesem Konzept steckt ein Selbstverteidigungssystem, das an dem Punkt ansetzt, an dem bereits alle deeskalierenden Maßnahmen gescheitert sind - oder bei dem man lernt, intuitiv auf unverhoffte, unmittelbare Angriffe zu reagieren. Dementsprechend ist es absolut direkt, schnörkellos und verzichtet vollständig auf kunstvolle oder komplizierte Griffe, Tricks und Kniffe. Warum? Nun, weil wir im Ernstfall eine absolute Stresssituation haben, in der wir im Regelfall nicht mehr in der Lage sind, feinmotorisch zu arbeiten. Unser Coach veranschaulichte dies sehr schön an dem Beispiel, dass man in dieser Situation oft nicht mal mehr in der Lage ist, auf dem Handy 110 zu wählen, weil man einfach nicht mehr die (richtigen) Tasten trifft! 

Wir starteten in einer Gruppe von ca. 15 Personen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen und -erfahrungen, verschiedenen Alters und unterschiedlichster Statur, ein knappes Drittel davon Frauen. Nach einer kurzen Begrüßung ging es für eine lockere Stunde zum Aufwärmen an die Pratzen. (Details zum Pratzentraining habe ich hier zusammengefasst). Was mich überraschte, war, dass wir immer nur die rechte Seite trainiert hatten - ich kann nicht sagen, ob das zum Konzept gehört, nach dem Motto: Lieber eine Seite ganz stark und die andere dann weglassen, oder ob dieser Aspekt der Tatsache geschuldet war, dass es sich ja nur um einen Vorstellungstag gehandelt hatte. 

Wenn man sich die Pratzen-Übungen näher anschaut, wird zumindest jede/r Karateka schnell feststellen, dass es sich bei diesen Techniken allesamt auch um Stöße und Schläge handelt, die wir auch in unserer Kampfkunst regelmäßig üben - wenn vielleicht auch nicht immer in dieser Konsequenz, Härte und Wiederholungsdichte. Obwohl es ja quasi ein "Straßenkampf-Seminar" war, verzichteten wir zumindest an diesem Tag komplett auf Schwinger oder andere eher karate-untypischen Techniken. Es wurde zudem auch auf dieselben Prinzipien und Schwerpunkte geachtet, wie im Karatetraining: Man schlägt oder stößt mit dem ganzen Körper, der Impuls kommt aus der Hüfte, die Bewegung erfolgt in einer Kettenreaktion durch den Körper. Mir persönlich hat es einen Riesenspaß gemacht, hier mal auf Hochtouren die Sau raus lassen zu können. Für Menschen, die selten an Pratzen trainieren oder dies noch gar nicht oder nicht oft gemacht haben, sei gesagt: Der passive Part (also der, bei dem man nicht schlägt, sondern die Pratze hält) kann durchaus härter sein, als der aktive Part! Mein Trainingspartner ließ mir jedenfalls keine ruhige Minute, wenn ich das kleine Schlagkissen an der Hand hatte! So ging es also etwa eine Stunde lang und uns wurde vom Trainer ein fürchterlicher Muskelkater prophezeit, der sich inzwischen auch eingestellt hat ;-) 

Nach einer kurzen Pause wanderten die Pratzen zunächst an die Seite und wir übten direkt am Partner. Es war abzusehen, dass es beim Sparring nicht zimperlich zur Sache gehen würde. Darum hat mich die Intensität und die Härte, mit der zumindest mein Partner und ich miteinander umgingen nicht überrascht - wenn ich ehrlich bin, mag ich es eine Spur härter ja sogar ganz gerne :-) Wir übten zunächst, wie wir reagieren, wenn jemand frontal auf uns zugelaufen kommt und uns an der Körpermitte umfassen will. Um den Aggressor zu stoppen, schlugen wir mit aller Kraft mit unseren Unterarmen auf die Schulterpartie, führten die Hände hinter dem Nacken zusammen (so dass wir auf die Innenseite unserer Unterarme blicken konnten) und drückten unsere Unterarme eng zusammen, so dass der Kopf des Gegners eingeklemmt wurde, er quasi mit der Nase an unserem Brustkorb stand.  Der Kopf war also ziemlich vertikal, während der Rücken abgewinkelt wurde. Durch diese Stellung befand sich unser Gegner in einer so ungünstigen Position, dass quasi seine Wirbelsäule blockiert war und er auch seitlich schlecht weg konnte. Jetzt hatten wir die Möglichkeit, z. B. den Kopf mit der einen Hand zu halten und den anderen Arm mit dem Ellenbogen zum Kinn zu schlagen. Hier war jetzt wirklich wichtig, ganz "kurz" zu schlagen, also tatsächlich die eigene Hand am eigenen Hals vorbei zu führen, sonst passte die Distanz nicht. Aus diesem Gememge konnten wir dann im Laufe der Trainingseinheit dann eine herrliche Rauferei entwickeln und man musste zuweilen schon ziemlich aufpassen, dass es keine bleibenden Blessuren gab. Ungeachtet der Ankündigung des Ausrichters Carsten Zimmermann hatte nämlich dann letztlich doch keiner oder kaum einer von uns irgendwelche Zahn-, Kopf- oder sonstigen Schützer angelegt. 

Für mich sehr wirkungsvoll war folgende Tatsache und Übung: Der Gegner rennt ja nicht zum Spaß auf uns zu und umklammert uns nicht, weil er uns so gern hat, sondern weil er uns letztlich zu Boden bringen will. Kritisch wird es daher für uns als Abwehrende, sobald der Griff an unsere Beine geht. Vielleicht stürzt sich der Gegner auch direkt auf unsere Beine - befindet sich also mit seinem Oberkörper unterhalb unseres Oberkörpers. Jetzt war es unsere Aufgabe (und das hat auch tatsächlich mehrfach supergut funktioniert), diese im Grunde ja überlegene Position auszunutzen, und uns einfach auf den Gegner drauf fallen zu lassen. Am Boden haben wir dann ja weiter "Oberwasser", da der Gegner platt wie eine Flunder unter uns liegt und quasi handlungsunfähig ist. Handlungsunfähigkeit ist ein gutes Stichwort, denn auch was unser Coach hinsichtlich der Konsequenz unseres Handels vermittelte, fand ich absolut überzeugend: Es ginge nicht darum, jemanden schwer oder gar letal zu verletzen - allein das Zufügen von (starken) Schmerzen reiche allerdings auch nicht aus. Vielmehr sei es wichtig, dass wir dem Gegner das Bewusstsein eintrübten oder vollständig nähmen. Wie auch ich es in meinen Kursen vermittele ist es ja so, dass Menschen, die uns angreifen, durch einen erheblich angehobenen Adrenalinspiegel und ggf. noch unter dem Einfluss von Drogen ein stark herabgesetztes Schmerzempfinden haben - selbst nach zum Teil starken Verletzungen lassen sie nicht vom Angriff ab! Die Sicht nehmen, das Bewusstsein - nur so können wir sicher den Ort des Geschehens verlassen. 

Mein Trainingspartner Arthur und ich überlegten schon an dieser Stelle einige Gemeinheiten, wie man den Gegner überwältigen könnte, z. B. wenn man quasi von oben auf dessen Hinterkopf blickt, seitlich über den Kopf ins Gesicht zu greifen, Lippe, Nase und ggf. Auge zu greifen und den Kopf an diesen Fixpunkten umzureißen. Dies wurde dann später auch vom Coach vorgeschlagen. Ebenso schön war hinterher sein Vorschlag, dem Gegner ein Ohr abzureißen, anschließend bei einer Aufwärtsbewegung mit dem Daumen (ohne Ohr ;-) ) ein Auge auszustechen und ihm dann noch mit dem Ellenbogen den Rest zu geben. Leider konnten wir wegen der kleinen Anzahl an Trainingsteilnehmern diese radikale Übung nur andeuten ;-) aber auch so machte es schon einen Heidenspaß! 

Gegen Ende des Nachmittags - ich hatte schon wegen der Zeitumstellung in der Nacht zuvor und auch wegen der Fülle der Trainingseindrücke ein wenig das Zeitgefühl verloren - wurden wir dann zum Partnerwechsel aufgefordert und sollten jetzt locker das Eingeübte im freien Sparring ausprobieren. Ahäm, ich hab dann ja nach so einem Vollgas-Nachmittag immer ein bisschen das Problem, wirklich locker zu werden und zu bleiben. Der Coach spielte jetzt zum Showdown dann auch noch Musik und startete mit Poison (was ich zum Einstimmen auf der Hinfahrt schon im Auto hatte laufen lassen :-) ). Schnell wurde klar, dass es so nichts wird mit dem lockeren Training, denn der Rock ging schnell ins Blut und ich möchte mir nicht ausmalen, wie wir bei noch härteren Beats aufgedreht hätten. Zu unser aller Überraschung gab es dann im nächsten Durchgang Reggae und wir wurden tatsächlich alle ruhiger! Es sei einfach zu gefährlich, eine Trainingseinheit mit harter Musik ausklingen zu lassen - dann habe man keinen positiven Trainingseffekt, sondern viele, viele Verletzungen. Auf diese Weise wechselten wir dann noch einige Male durch, so dass wir eine Vielzahl von Partnerinnen und Partnern kennen lernen konnten. Es war jedes mal ein herzliches und herzhaftes Miteinander und hat super viel Spaß gemacht! 

Zusammenfassend muss ich sagen, dass mich das Konzept vollumfänglich überzeugt hat. Street Combatives ist für mich eine sehr gute Möglichkeit, zu überprüfen, welche Karatetechniken im Ernstfall funktionieren bzw. wie sie bestmöglich ausgeführt werden müssen, damit sie überzeugen.  Es hat mich doch ziemlich beruhigt, dass meine 30 Jahre Karatetraining doch offenbar nicht ganz vergebens waren und ich auch losgelöst vom Shotokan-Training wirkungsvoll zu funktionieren scheine. Ich werde die entsprechenden Veranstaltungstermine auf jeden Fall mal im Auge behalten und sicher noch an dem ein oder anderen vergleichbaren Event teilnehmen. 

Spaß gemacht hat's! Danke, Arthur für die Einladung :-)