Posts mit dem Label Budo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Budo werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 3. Juni 2025

Zum Glück gibt's Budo - über die glücksbringenden Aspekte japanischer Kampfkünste

„Karate reicht nur für ein kleines Glück!“ – Dieses Zitat meines hoch geschätzten Senseis Risto Kiiskilä war für mich viele Jahre lang Gesetz! Ich hatte für mich daraus die Tatsache abgeleitet, dass es keine schnellen Erfolge gibt, dass ich nie „gut genug“ war, es „immer etwas zu meckern/korrigieren“ gab, ich immer an mir arbeiten muss. Mit Sicherheit hat dieser Glaubenssatz meine Erwartungshaltung geprägt/gedämpft und meine Willenskraft gestärkt! Viele Jahre lang habe ich so gelebt, geübt, gezweifelt. Auf dem Karate-Weg balancierte ich auf einem schmalen Grat zwischen Faszination und Frustration. Dass mich Karate „glücklich“ gemacht hätte? Diese Formulierung hätte ich doch irgendwie unpassend gefunden. Nun gut – Risto sprach ja auch von einem „kleinen Glück“ – aber selbst das ….. Immerhin: Ich habe auf meinem Karate Do viele nette Menschen kennen gelernt und gelegentlich gab es Trainings, in denen ich das „Flow-Feeling“ erleben durfte. Meistens war Karate jedoch „Blood, Sweat @ Tears“ …. Wie habe ich es und haben es bisher so viele Menschen geschafft, so lange auf dem Weg zu bleiben. Steckt vielleicht doch noch mehr „Glück“ im Karate? 

 

Was ist denn überhaupt „Glück“? – In der Glücksforschung (eine Unterform der Positiven Psychologie) gibt es verschiedene Definitionen von Glück. Ich finde diese Dreiteilung sehr gut nachvollziehbar: 


Drei Arten von Glück

  •  Zufallsglück: Das ist das Glücksgefühl, das wir empfinden, wenn wir z.B. auf der Straße  einen 20-Euro-Schein finden! Oder wenn wir uns an einer langen Schlange an einer Supermarkt-Kasse angestellt haben und plötzlich wird eine weitere Kasse geöffnet, zu der wir schnell wechseln können, um dann sofort dranzukommen.
  • Dann gibt es das allgemeine Glücksgefühl, wenn wir z.B. ein entspannendes Wannenbad genießen, am Strand in der Sonne liegen und ein Buch lesen, einen schönen Sonnenuntergang bewundern.
  • Und schließlich gibt es noch das Glück durch erlebten Erfolg, erlebte persönliche Weiterentwicklung.  

Zufallsglück können wir im Karate empfinden, wenn uns darüber freuen, dass uns ein zu uns passender Übungspartner/eine passende Übungspartnerin zugeordnet wird. Oder es wird zufällig eine Kata unterrichtet, die uns besonders gut gefällt. 

 

Das allgemeine Glücksgefühl kann sich situativ einstellen, während wir eine Lieblings-Kata ausführen - vielleicht sogar synchron mit Karate-Freund*innen - oder wenn wir in einem Kumite-Drill in die Flow-Phase gelangen und alles um uns herum vergessen!

 

Das Glück durch erlebten Erfolg ist das einzige Glück, das wir selbst beeinflussen können. Es stellt sich z.B. ein, wenn wir eine Gürtelprüfung, auf die wir uns schon lange vorbereitet haben, bestehen, wenn uns eine Kata oder Technik, an der wir schon fast verzweifelt waren, endlich gelingt - oder wenn wir einen Wettkampftitel gewonnen haben.

 

Glücksmomente durch Zufall, schöne Situationen oder erlangte Erfolge sind jedoch oftmals flüchtig, schnell vergänglich. Um aus Glücksmomenten dieser Art langfristig Glück oder Zufriedenheit zu schöpfen, müssten sich diese Momente regelmäßig wiederholen – möglichst in überschaubaren Abständen. Wir wissen aber alle, dass der Zufall uns nicht immer hold ist, dass wir uns Trainingspartner*innen und die „Kata des Tages“ nur selten aussuchen können und dass es viele Monate – wenn nicht Jahre bis zur nächsten Gürtelprüfung dauern kann. Einige Budoka versuchen, ihre Motivation durch einen Graduierungs-Marathon aufrecht zu erhalten oder jagen von Wettkampf zu Wettkampf. Sind dies die einzigen beiden Glücksquellen im Budo, so endet die Kampfkunst-Karriere oftmals nach Erreichen des „Schwarzen Gürtels“ oder nach Ende der Wettkampfkarriere. 

 

Ist dies der Grund, warum so viele Karateka bereits nach kurzer Zeit oder nach einigen Monaten, Jahren mit unserer Kampfkunst aufhören? Und: Kann es noch andere Aspekte geben, die uns im Karate nachhaltig beglücken? Wie können wir mittel- bis langfristig Glück und Zufriedenheit aus unserem Karatedo oder Budo ziehen? 

 

Budo müsste dann noch an anderer Stelle ansetzen – vielleicht an einer Stelle, die mit den Tugenden und Werten der Kampfkunst zusammenhängt? 

 

Auch hier habe ich in der Literatur gestöbert und bin auf den US-amerikanischen Psychologen Martin Seligmann gestoßen. Während die Freude über Wettkampferfolge, über erlangte Medaillen und Pokale oder auch einen gefundenen 20-Euro-Schein oder ein Wannenbad schnell verblasst, gibt es nach Seligmann sechs Tugenden, die langfristig für Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden sorgen. Es sind die Tugenden 

 

-              Weisheit

-              Mut

-              Menschlichkeit

-              Gerechtigkeit

-              Mäßigung und

-              Transzendenz

 

Interessanterweise bezieht sich Seligmann unter anderem sogar wörtlich auf den Ehrenkodex der Samurai, den "Bushido"! In wieweit können wir die oben aufgeführten Tugenden also durch unser Karatedo leben? 


Wer sich intensiv mit einer Kampfkunst und auch den kulturellen Hintergründen beschäftigt, wird zwangsläufig sein Wissen erweitern und auf Dauer so etwas wie Weisheit erlangen. Der Wissenszuwachs ist bereits zu Beginn einer Kampfkunstlaufbahn enorm. Je mehr man sich dann nach und nach auch mit kulturellen und spirituellen Hintergründen beschäftigt oder auch mit der Didaktik und Methodik der Wissensvermittelt, desto intensiver kann sich die Identifikation mit der Kampfkunst und die Zufriedenheit einstellen. 

 

Zum Mut: Allein mit einer Kampfkunst zu beginnen, erfordert schon Mut! Seligmann sieht aber auch Attribute wie Beständigkeit, Integrität, Vitalität und Begeisterung unter dem Mut-Aspekt – das passt für mich, die inzwischen 40 Jahre Kampfkunst betreibt, sehr gut zum Budo. Denn „der Weg ist ja das Ziel“ und der Weg endet erst mit dem Tod. Also ist Beständigkeit gefragt und man muss sich selbst immer wieder neu für Budo begeistern. Beständigkeit bedeutet auch, dass wir unsere Routinen regelmäßig üben, so dass wir beim Üben in einen Flow kommen und sich durch lang erarbeitete Trainingsroutine eine genussvolle Leichtigkeit ergibt.


Unter den Begriff der Menschlichkeit fallen nach Seligmann Verbindlichkeit, Loyalität und soziale Intelligenz – diese Tugenden werden vor allem durch das Erleben der Dojo-Gemeinschaft, durch die Regeln, Rollen, Rituale und Routinen im Budo gefördert. Diese fördern bestenfalls auch die Gerechtigkeit, unter der  Seligmann Fairness und Verantwortung  versteht. Werte, die bei gelebtem Budo auch in den Alltag getragen werden. 

 

Mäßigung bedeutet Vergebung, Dankbarkeit, Demut und Selbstkontrolle – Tugenden, die vor allem über den Zen-Aspekt, das spirituelle Wesensmerkmal des Budo, vermittelt werden. Hier kann bereits im Kindertraining angesetzt werden, indem die Kinder lernen, ihre spontanen Impulse zu steuern, trotz Durst mit dem Trinken bis zum Ende des Trainings zu warten, ihre Müdigkeit und Erschöpfung überwinden etc. Impulskontrolle ist letztlich die Voraussetzung für den Kern des Budo: das innere Schwert stoppen zu können, auf Provokationen nicht eingehen zu müssen, Kämpfen vermeiden zu können. 

 

Unter Transzendenz versteht Seligmann das Streben nach Exzellenz, aber auch Hoffnung, Humor und auch Spiritualität – alles Komponenten, die wir ebenfalls im Budo erleben können - vor allem, wenn wir uns einer starken Gemeinschaft befinden. 

 

Wenn wir unser Leben nach diesen Tugenden ausrichten, gelangen wir nach Seligmann zu tiefer und dauerhaft anhaltender Zufriedenheit und zu Lebensglück. 

 

Tugenden zu leben klingt leider heutzutage etwas altbacken und „aus der Mode gekommen“. Sich intensiv mit Budo zu beschäftigen, öffnet aber in Zeiten, in denen Egoismus, Hate-Speech und Beleidigungen an der Tagesordnung zu sein scheinen, einen Weg, Tugenden zu er-leben. 




Quelle: Martin E.P. Seligmann "Der Glücksfaktor - warum Optimisten länger leben" 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 5. Juni 2024

Wie wirkt Budo als japanisches Kulturgut auf westlich kultivierte Menschen? - Eine Betrachtung des Budos mit Bezug auf die Kulturdimensionen nach Hofstede

Im Rahmen der Ankündigung des diesjährigen (2024) Kata Spezial Events in Tauberbischofsheim veröffentlichte der Veranstalter folgende Anweisung: 

"Wichtiger Hinweis an die Dan-Träger, die am Kata-Spezial oder Gasshuku teilnehmen!
Eine Teilnahme von Dan-Trägern an Einheiten, die für bestimmte Kyu- oder andere Dan-Grade ausgelegt sind, bedarf einer Genehmigung durch einen Repräsentanten des Gasshuku e.V. (Horst Gallenschütz, Klaus Schäfer, Pascal Senn) und des jeweiligen Sensei.
Sollte diese erteilt werden, dann gilt die Regelung, dass sich diese Dan-Träger während des Trainings in die hintere Reihe stellen müssen!!!
Auch mit Genehmigung kann eine Teilnahme zudem nur dann erfolgen, wenn noch ausreichend Platz für das Training der Kyu- oder der anderen Dan-Grade vorhanden ist.
Ein respektloses Hineindrängen und Stören der Einheiten anderer wird nicht geduldet!
"Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt"
OSS
der Gasshuku e.V."

Spontan wollte ich diese Aussage innerlich abnicken. Schließlich hatten sich Mitglieder unseres Dojos, die in der Unter- oder Mittelstufe an großen Lehrgängen teilgenommen hatten, schon mehrfach darüber beklagt, dass sich fremde Schwarzgurte in den Einheiten der Farbgurte in die vorderste Reihe stellten und den Farbgurten (für die die Einheiten ja eigentlich gedacht waren) die Sicht nahmen. Als ich jedoch intensiver über diese Situationen nachdachte, kam mir der Gedanke, dass japanische Karateka für Hinweise wie den des Gasshuku e. V. eventuell kein Verständnis hätten. Könnte es sein, dass es in der japanischen Kultur ganz selbstverständlich ist, dass Höhergraduierte - unabhängig von der Zielgruppe der Trainingseinheit - besonders disponierte Plätze einnehmen? Abschließend kann ich es nicht beantworten. Unbestritten ist jedoch, dass in der japanischen Kultur Hierarchien eine ganz andere Bedeutung haben als bei uns in Europa, in Deutschland. Ist es dann stimmig, wenn wir bestimmte Budo-Regeln abwandeln? Werfen wir einen Blick auf die unterschiedlichen Kulturen in Japan und in westlich kultivierten Ländern. 

Unterschiedliche Kulturdimensionen
Kultur ist nach Ansicht des niederländischen Kulturwissenschaftlers und Sozialpsychologen Geert Hofstede ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist sie ein Mittel, Unterschiede zu anderen Gruppen oder Kulturen auszudrücken und festzulegen.  Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten. Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum. Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel
Zur Einordnung von Kulturen Hofstede folgende fünf Kulturdimensionen definiert: 
  • geringe vs. hohe Machtdistanz
  • Maskulinität vs. Femininität
  • schwache vs. starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe vs. niedrige Langzeitorientierung
  • Kollektivismus vs. Individualismus

Werfen wir einen Blick auf die japanische Kultur: Sie ist unter anderem geprägt durch die konfuzianische Ethik und den Feudalismus der Edo-Zeit, welche die Kultur des Landes aufgrund der selbstauferlegten Isolation über Jahrhunderte maßgeblich formte. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute: hohe Machtdistanz, ein hoher Grad an Maskulinität, starke Unsicherheitsvermeidung, hohe Langzeitorientierung und stark ausgeprägter Kollektivismus. In Deutschland sind diese Attribute beinahe entgegengesetzt ausgeprägt, da bei uns vor allem das Zeitalter der Aufklärung mit Philosophen wie Kant und Rousseau Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat. Hier haben Machtdistanz und Maskulinität vor allem in den letzten 50 Jahren deutlich abgenommen. Zudem sind bei uns Unsicherheitsvermeidung und Langzeitorientierung geringer ausgeprägt als in Japan. Statt eines kollektivistischen Gemeinschaftsgefühls wird unsere Gesellschaft vom Streben nach Selbstbestimmung und Individualismus bestimmt. Kein Wunder, dass uns "typisch japanisch" ausgeprägtes Budo exotisch und fremd erscheint! 

Schauen wir uns die Kulturdimensionen des Budos einmal genauer an: Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch eine klare Hierarchie und  Strenge wider. In den Kampfkünsten ist die Hierarchie bereits an der Aufstellung im Dojo erkennbar: Die hohen Dan-Träger*innen stehen meist ganz rechts, die Anfänger*innen ganz links und die Kyu- bzw. Schüler-Grade (Deshi) stehen, der Graduierung nach geordnet, dazwischen. Dan-Träger*innen werden in Bezug auf die Position im Dojo und auch auf die zugeteilten Aufgaben privilegiert, tragen aber auch eine höhere Verantwortung als die niedriger graduierten Deshi. Dieses Hierarchie-Gefälle kann sich darin äußern, dass der im Karate geforderte Respekt in Japan nicht unbedingt gleichermaßen in beide Richtungen fließt, sondern dass vor allem die niedriger Graduierten den fortgeschrittenen Schüler*innen oder Meister*innen gegenüber Respekt erweisen müssen. Auch wenn die Haltung dann "von oben herab" erscheint, wird dies in Asien offenbar nicht als störend empfunden. Westlich kultivierte Menschen hingegen stören sich möglicherweise an einem stark ausgeprägten Hierarchiegefälle, weil bei uns auch im Alltag eine geringer ausgeprägte Machtdistanz gilt und eher flache Hierarchien anzutreffen sind: Die Chefin in der Firma wird gedutzt, Kinder werden in Kita und Schule partizipativ erzogen, autoritär agierende Führungskräfte und Lehrpersonen werden in unserer Gesellschaft eher wenig geschätzt. Ein einseitiges Respekt-Gebot von unten nach oben entspricht daher nicht unseren sonstigen kulturellen Rahmenbedingungen.  

Die japanische Kultur - und damit auch das Budo - ist zudem geprägt von einem hohen Grad an Maskulinität. Diese zeichnet sich laut Hofstede durch ein hohes Durchsetzungsvermögen und große Strenge aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. In Deutschland ist die Kultur mäßig maskulin ausgeprägt. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die im Budo-Unterricht geltende Strenge zunächst befremdlich wirkt. Gleichwohl würde in Kampfkünsten ein wichtiger und charakteristischer Aspekt fehlen, wenn die Unterrichtsinhalte in den Stunden "durchdiskutiert" würden und der Unterricht "antiautoritär" erfolgte.  Daher ist den Dojos in Deutschland gegebenenfalls ein höheres Feingefühl der oder des Sensei im Umgang mit den Übungsklassen erforderlich als in Japan, um einen angemessenen Grad der Strenge auszudrücken. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist nach Ansicht von Hofstede das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen sind verunsichert, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Hierauf kann es zurückzuführen sein, dass auch in den Budo-Kampfkünsten viele Regeln, Rollen und Routinen festgelegt sind und sich bestimmte Rituale eingespielt haben, deren Sinnhaftigkeit sich westlich kultivierten Menschen oft nicht auf den ersten Blick erschließt. Strenge Regeln werden in westlichen Kulturen, die einen geringer ausgeprägten Grad an Unsicherheitsvermeidung aufweisen, oftmals als einengend oder überflüssig empfunden und erzeugen ggf. sogar Widerstand und Misstrauen. Dies gilt vor allem dann, wenn der Sinn hinter den Regeln nicht ersichtlich ist. Wenn wir in unseren westlichen Dojos asiatische Budo-Regeln übernehmen, ist es meiner Meinung nach daher wichtig, die Bedeutung der Regeln zu kennen und auch erklären zu können. Das bewusste Umsetzen akzeptierter Budo-Regeln kann dann nicht nur im Budo-Unterricht, sondern auch im Alltag helfen, unsere Achtsamkeit zu stärken. Von dem im Dojo verlässlich etablierten Budo-Regelwerk profitieren auch in westlich kultivierten Ländern besonders jene Menschen, die in besonderem Ausmaß Unsicherheiten reduzieren oder vermeiden wollen. Dies können Kinder sein, aber auch Jugendliche oder Erwachsene, die sich im Alltag unsicher fühlen oder unter Ängsten leiden. Diese Personengruppen sind oftmals besonders dankbar für den festen Rahmen, der durch das Budo-Regelwerk geschaffen wird und können durch das Praktizieren von Kampfkünsten selbstsicherer werden und Ängste abbauen.   

Kulturen mit Langzeitorientierung streben nach der Definition von Hofstede langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies zeigt sich im Budo vor allem darin, dass hier vor allem der Lernprozess zählt und nicht nur der kurzfristige Graduierungs- oder Wettkampferfolg. In der Budo-Praxis drückt sich dies  durch die konsequente und beharrliche Auseinandersetzung mit den technischen und spirituellen Inhalten der Kampfkunst aus. Langzeitorientierung lässt sich durch lang andauernde Beziehungen ermöglichen. Und auch dies lässt sich im Budo erkennen:  Zwischen dem oder der Sensei und den Schüler*innen bestehen meist enge und langjährige - oftmals sogar lebenslange - Beziehungen, die häufig auch über den Trainingsbereich hinaus in andere Lebensbereiche hineinreichen. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf.  Eigenen Bedürfnisse treten zugunsten der Gemeinschaftsinteressen zurück. In Japan ist die Kultur stark kollektivistisch ausgeprägt. Der Alltag ist daher in Japan durch eine große Hilfsbereitschaft und großen Respekt geprägt. Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die auch durch Budo vermittelt werden können. Auf der anderen Seite fallen Menschen, die in Japan versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, auf und werden möglicherweise sanktioniert. Hierdurch kann großer sozialer Druck entstehen, der zu Einbußen der Lebensqualität führt. Eine weiterer Aspekt kollektivistisch ausgeprägter Kulturen ist die Abgrenzung zu anderen Gruppen. Dies kann sich durch gruppenintern einheitliche Zugehörigkeitszeichen äußern und eine Abgrenzungssymbolik zu anderen Gruppen. Im Karate Do zeigt sich dies beispielsweise durch die uniforme Trainingskleidung, die uns von anderen Sportarten oder Freizeitbeschäftigungen deutlich abgrenzt und auch zeigen soll, dass das Ausüben einer Kampfkunst etwas "Besonderes" ist. Da unsere Kultur weniger kollektivistisch ausgeprägt ist als die japanische und bei uns Individualität und Selbstbestimmung hohe Werte sind, lässt sich der im japanischen Budo gelebte Grad an Kollektivismus nicht vollumfänglich auf das in Deutschland gelebte Budo übertragen. Gruppengefühl und Einheitlichkeit lassen sich vermutlich nicht ganz ohne sozialen Druck auf die Übungsgruppen übertragen. Dennoch sollte hier maß- und respektvoll vorgegangen werden unter Beachtung der Menschenwürde.

Die Übernahme japanischer Kulturelemente in unsere Kampfkunst und vielleicht sogar in unseren Alltag kann insgesamt eine große Bereicherung sein. Gleichwohl können und müssen wir meiner Ansicht nach nicht alle japanischen Kulturaspekte hundertprozentig kopieren oder vollumfänglich übernehmen. Die Aufforderung des deutschen Gasshuku e. V., Respekt auch seitens der Dan-Träger*innen den Kyu-Graduierten gegenüber zu erweisen, ist daher stimmig - auch wenn in Japan vielleicht andere Regelungen gelten mögen.

Quelle: Kulturdimensionen Hofstede und Zeitorientierung nach Lewis und Hall  in "Interkulturelles Training - Trainingsmaterial zur Förderung interkultureller Kompetenzen in der Arbeit" Kumbruck und Derboven, Springer Verlag, Berlin Heidelberg, 2015


Anmerkung: Da dieser Artikel meine Gedanken wiedergibt und keine wissenschaftliche Arbeit ist, habe ich auf eine wissenschaftliche Zitationsweise zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet. Die Quelle meiner Gedanken ist das oben genannte Buch.




Samstag, 23. Dezember 2023

„Mach‘s mir schwer, dann nehm‘ ich‘s leichter!“ Mögliche Einflüsse des Karate auf die Ausbildung der Resilienz bei Kindern und Jugendlichen

  


Können Einschränkungen, und das Überwinden von Widerständen Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, die Fähigkeit der Resilienz auszubilden? Welche Rolle spielen hierbei das Angewöhnen zielgerichteter Bemühungen und das Aushalten von Entbehrungen? 

 

Gibt es Sport- oder Freizeitbeschäftigungen, die in Kindheit und Jugend nicht erlebte Einschränkungen und Entbehrungen ersetzen können, um daraus Resilienz zu schöpfen? Welche Fähigkeiten müssten die Trainerinnen oder Trainer hierzu mitbringen? Und welchen Einfluss haben die Eltern auf die Ausbildung der Resilienz ihrer Kinder? 

 

Resilienz, was ist das überhaupt? 

Der Begriff Resilienz[1] kommt eigentlich aus der Materialwissenschaft und wurde erst später in die Psychologie übertragen. Resilienz bezeichnete ursprünglich die Eigenschaft von Stoffen, die ihre ursprüngliche Form trotz extremer äußerer Einflüsse behalten oder nach kurzer Zeit wiedererlangen – wie z.B. ein Gummiball, der beim Aufprall auf den Boden eine Delle bekommt, dann aber nach ein paar Sekunden wieder seine runde Form annimmt. Übertragen auf die menschliche Psyche würde das bedeuten, dass resiliente Menschen über eine hohe psychische Widerstandskraft verfügen, so dass sie sich nach schwerwiegenden und belastenden Erlebnissen schnell wieder erholen. Insgesamt bedeutet eine hohe Resilienz also, dass Menschen psychisch belastende Ereignisse, Pechsträhnen, Krisen und Krankheiten, Unglück und Verluste vergleichsweise gut überstehen und keine schwerwiegenden Folge-Belastungen daraus entwickeln. 

 

In den Anfangszeiten der Forschung hatte man angenommen, Resilienz sei genetisch veranlagt. Heute ist man überwiegend der Ansicht, dass Resilienz das Ergebnis von Anpassungsprozessen an belastende Ereignisse ist. 

Demnach verändern sich Menschen also in Auseinandersetzung mit herausfordernden Lebensereignissen: 

  • Bestenfalls werden in herausfordernden Situationen Stärken entdeckt und entfaltet
  • Oder die Menschen lernen aus einer negativen Erfahrung und wappnen sich für zukünftige Herausforderungen. 
  • Vielleicht werden auch bisherige Einstellungen oder Auffassungen widerrufen, um in Zukunft nicht erneut Niederschläge zu erleiden. Dies kann sich in Vermeidungsstrategien äußern.

Widerstandskraft entwickeln

Die Idee, Widerstandskraft oder Abwehrkräfte zu entwickeln, kennen wir aus dem Bereich der Infektionskrankheiten: Um das körperliche Immunsystem zu stärken, wird eine Kur im Reizklima der Nordsee empfohlen oder es wird geraten, bei Kneipp-Kuren oder Wechselbädern den Körper an kaltes Wasser zu gewöhnen und dadurch „abzuhärten“. Durch Impfungen soll der Körper mit geringen Dosen von Krankheitserregern konfrontiert werden, damit Antikörper gebildet werden, um den Ausbruch der vollständigen Krankheit zu verhindern. 

Diese Ansätze kann man auch auf den Erwerb psychischer Abwehrkräfte übertragen: Nach diesem Modell müsste eine Person geringen Dosen von Entbehrungen und Anstrengungen und Frustrationen ausgesetzt werden, um gegen psychische Belastungen Abwehrkräfte entwickeln zu können. Die durchlebten Entbehrungen und Anstrengungen müssen auf ein sinnvolles Ziel hinführen und ein Erfolgserlebnis mit sich bringen. 

In den konkreten Situationen kann zum Beispiel erlebt werden:

  • Ich habe Energie, ich bin kraftvoll!
  • Ich bin selbstwirksam!
  • Ich kann mit wenig auskommen. 

Bedeutsam ist jedoch nicht nur das Erleben in der konkreten Situation, sondern vor allem auch der Transfer des Erlebten auf zukünftige, ähnliche Herausforderungen, Hürden, Aufgaben. Bei hinzugewonnener Resilienzfähigkeit können sich bei zukünftigen Krisen beispielsweise folgende Gedanken einstellen: 

  • Ich habe das schon einmal erlebt und überstanden. Dann überstehe ich es auch jetzt! 
  • Ich habe schon Schlimmeres erlebt und überstanden. Dann überstehe ich dies erst recht! 
  • Ich habe in der Vergangenheit selbst Lösungen entwickelt. Dann kann ich auch jetzt Lösungen finden!
  • Ich habe erlebt, dass ich meine Bedürfnisse wahrnehmen und kontrollieren kann und muss ihnen auch jetzt nicht unmittelbar nachgeben.
  • Ich kann mich in Geduld üben. 
  • Ich kann beharrlich sein.
  • Ich halte (Trainings)Routinen aus. 

Widerstände konstruieren

Viele Eltern möchten ihre Kinder wohl behüten und wünschen sich, dass die Kinder möglichst sorgenfrei leben. Die Kinder wachsen dann ohne große Widerstände auf. Studien haben ergeben, dass diese Kinder jedoch nicht glücklicher sind als andere Kinder. Häufig zeigen sie sogar Verhaltensauffälligkeiten, die denen verwahrloster Kinder ähneln. 

Zudem besteht die Gefahr, dass Menschen, die in der Kindheit und Jugend keine nennenswerten Herausforderungen zu erleben hatten oder nicht mit Widerständen kämpfen mussten, im späteren Leben an Hürden scheitern, die nach objektiven Maßstäben zu meistern gewesen wären. 

Daher stellt sich die Frage, ob Menschen, die in der Kindheit größere Schwierigkeiten erlebt haben, unter bestimmten Umständen ein größeres Resilienzpotenzial entwickeln. 

Bei Schwierigkeiten in der Kindheit kann es sich handeln um:    

  • Eigene Krankheiten (Krebs, Behinderung, chronische Erkrankung)
  • Krankheiten der Eltern oder Geschwister
  • Suchterkrankungen der Eltern oder Geschwister 
  • Spannungen / Trennungen im Elternhaus
  • Traumatisierungen z. B. durch Gewalt, Missbrauch, Unfälle
  • Tiefer sozialer Status / Armut
  • Häufige Umzüge und Schulwechsel
  • Krieg, Flucht, Vertreibung

Um aus diesen Krisen gestärkt hervorzugehen, ist es wichtig, dass in der Kindheit Strategien entwickelt wurden, die geholfen haben, die Schwierigkeiten zu überwinden. Diese Strategien können

  • intrinsisch sein (also von den Kindern selbst entwickelt) oder
  • extrinsisch (z. B. Unterstützung durch Eltern oder Lehrerinnen und Lehrer, Therapieformen, ärztliche Maßnahmen, Unterstützung durch Freundinnen und Freunde)

Es kann auch Aspekte geben, die verhindern, dass Kinder, die Entbehrungen erlebt haben, resilient werden. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn

  • die Krisen unüberwindbar sind.
  • das Kind keine ausreichende Unterstützung durch Familie oder außerhalb des Elternhauses findet. 


Wie könnte ein Sport- oder Freizeitangebot aussehen, das Kinder dabei unterstützt, resilientes Verhalten zu entwickeln?

Es kann vielfältige Angebote geben, die bei Kindern die Ausprägung der Resilienz fördern. Ich habe mich hier auf sportliche Angebote fokussiert, da sie für die meisten Familien am ehesten zu realisieren sind. Ein infrage kommendes Angebot sollte folgende Eigenschaften besitzen:

  • Es muss dem Kind Spaß machen!
  • Das Angebot wird möglichst in einer festen Gemeinschaft/Team betrieben. 
  • Es soll Anstrengungen erfordern, die das Erreichen eines (sportlichen) Ziels (Sportabzeichen, Turniergewinn, bestandene Gürtelprüfung o.ä.) zur Folge haben können
  • Das Angebot soll eine regelmäßige, strukturierte, möglichst verpflichtende Tätigkeit sein, die Disziplin und Beharrlichkeit erfordert.
  • Die sportliche Betätigung soll Entbehrungen, die im Alltag nicht erlebt werden, ersetzen, um die Psyche in geringen Dosen an Mangelgefühle zu gewöhnen. 


Beispiel Teamsportarten 

Das Team kann das sichere Netz bilden, das für das Aushalten von Entbehrungen und Frustrationen die wichtige Grundlage bildet. Das Ziel der beharrlichen Anstrengung kann ein Turniersieg oder der Aufstieg in eine höhere Liga sein. Teamsporttraining findet üblicherweise regelmäßig statt und ist bestenfalls gut strukturiert. Im Training von Teamsportarten darf keine/r fehlen oder sich hängen lassen. Bei den Entbehrungen kann es sich um Training im Freien - auch bei Regen oder Kälte - handeln. Ein Nachteil von Teamsportarten kann sich dadurch ergeben, dass oftmals der Erfolg des Teams im Vordergrund steht und Kinder, die weniger talentiert sind, „aussortiert“ werden.


Beispiel Kampfkünste 

Kampfkünste gelten nicht als Teamsportarten. Gleichwohl bildet ein gut geführtes Kampfkunst-Dojo eine starke soziale Gemeinschaft. Diese kann ähnlich dem Team in Teamsportarten als soziales Netz dienen und die Grundlage bilden, damit Entbehrungen ausgehalten, Frustrationen toleriert und Anstrengungen gelebt werden. Die Anstrengungen können durch das Erlangen einer neuen Gürtelfarbe oder Turniersiege belohnt werden – aber auch durch den Erwerb neuer Kenntnisse und Fähigkeiten wie beispielsweise das Erlernen einer neuen Kampfkunst-Form (Kata) oder förderlicher Persönlichkeitsmerkmale wie Selbstbewusstsein oder sicheres Auftreten. 

Kampfkunstunterricht ist durch strenge Regeln, Rollen, Routinen und Rituale klar strukturiert und findet bestenfalls mehrmals pro Woche statt. Die Herausforderungen und Entbehrungen, die im Karate-Unterricht erlebt werden, sind vielfältig und können z.B. in der Überwindung bestehen, ein Brett durchschlagen zu wollen, bei Kälte oder früh am Morgen zu üben, barfuß zu üben (auch im Winter), Schmerzen zu erfahren, auf Speisen und Getränke während einer Übungsstunde zu verzichten.

Kampfkünste verlangen von Kindern oftmals eine strenge Disziplin, die sich nicht nur auf die sportlichen Übungsaspekte bezieht, sondern auch auf das generelle Verhalten (leise sein, gerade sitzen etc.). Zudem wird geübt, sich gegenseitig mit Respekt zu begegnen. 

Von Kindern, die eine Kampfkunst betreiben, wird eine gewisse Folgsamkeit erwartet, die in anderen Lebensbereichen etwas aus der Mode gekommen scheint. Es wird zudem erwartet, die eigenen Bedürfnisse zu kontrollieren und Impulse zu steuern. Insgesamt gibt es in den Übungsstunden wenig Raum für eigene Befindlichkeiten.

Was Kampfkünste deutlich von anderen Freizeitbeschäftigungen unterscheidet, sind die im Unterricht vermittelten und im Regelfall in den Alltag übergehenden Werte wie Höflichkeit, Bescheidenheit, Geduld, Selbstbeherrschung und Hilfsbereitschaft. Die Kombination aus Anstrengungen, Entbehrungen, Disziplin und einer sozialen Gemeinschaft, deren Mitglieder respektvoll miteinander umgehen, sorgen für eine Stärkung des psychischen Immunsystems und stärken die Reslieienz. 

In Kampfkünsten kommt es vor allem auf den oder die Lehrer*innen an: Diese sind weit mehr als Trainer*innen oder Übungsleiter*innen. Sie müssen auch Vertrauenspersonen sein und sollten über folgende Fähigkeiten bzw. Eigenschaften verfügen:

  • Gute fachliche, didaktische, pädagogische Ausbildung
  • Gute Menschenkenntnis
  • Wohlwollen und Begeisterungsfähigkeit
  • Gelebte TrainerInnen-Ethik (nicht wie John Creese bei Karate-Kid)
  • Verzicht auf Schikane
  • Fähigkeit zur Selbstreflexion, Bereitschaft zur Inter- und Supervision
  • Karatelehrer*innen dürfen ihre eigenen Schwächen und Defizite nicht auf die SchülerInnen projizieren. Sie müssen die Persönlichkeiten er Schülerinnen und Schüler (er)kennen mit all ihren Stärken und Schwächen akzeptieren.

Einfluss der Eltern auf die Ausbildung der Resilienz ihrer Kinder

Neben den unterstützenden Sport- oder Freizeitbeschäftigungen haben die Eltern den größtmöglichen Einfluss auf die Ausbildung der Resilienzfähigkeit ihrer Kinder: Überall dort, wo es nicht unbedingt Hilfe benötigt, sollten Eltern ihre Kinder selbst agieren lassen. Sie sollten zudem. altersgerecht Verantwortung übernehmen müssen (für das eigene Haustier, die Ordnung im Kinderzimmer o.ä.). Den Schulweg sollten Kinder nach Möglichkeit selbst bewältigen (zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln). 

Daneben brauchen die Kinder in der Familie einen stabilen Rahmen mit einem guten Gleichgewicht aus Wärme und Unterstützung auf der einen Seite sowie Grenzen und Kontrolle auf der anderen. 


Literatur: 

 

Resilienz – Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft, Christina Berndt, Deutscher Taschenbuch-Verlag (dtv), 2015

 

Diplomarbeit „Überbehütete Kinder und die Entwicklung der Emotionsregulation“ von Lisa Reitzig, Universität Wien, 2014

 

Budo – Wesen und Wirken der Kampfkunst, Jörg-M Wolters, BoD Books on Demand, 2020


[1] Der Begriff Resilienz leitet sich von dem lateinischen Verb resilire ab, was zurückspringen, abprallen bedeutet.

Dienstag, 14. März 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gedanken zum eigenen Budo und Kulturvergleich

In der Ausbildung zur Budopädagogin/zum Budopädagogen wurden uns die Elemente des Budo vorgestellt: Bu, Do, Dojo, Reigi, Shitei, Zen. Gegenüber einigen Budo-Elementen empfinde ich Widerstand und würde sie abwandeln. Aber darf ich das? Muss Budo nicht unveränderlich sein, weil es eine Kultur ist und alten Traditionen entspricht? Es lohnt sich m.E., in diesem Zusammenhang die Frage zu stellen, was genau Kultur ist. Interessant ist es weiter, einen Blick auf die japanische Kultur zu werfen und einen Vergleich mit der bei uns gelebten Kultur heranzuziehen. 

Kultur ist „…ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist es ein Mittel, unterschiede u anderen Kulturen auszudrücken und festzulegen.“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 6). Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 7). Über diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. 

Die japanische Kultur ist unter anderem geprägt durch konfuzianische Ethik. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27)

  • hohe Machtdistanz
  • Maskulinität
  • starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe Langzeitorientierung
  • Kollektivismus  

Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch die klare Hierarchie und Strenge wider.  Da ich mit Karate aufgewachsen bin, kann ich mich dieser Form des Budo bis zu einem gewissen Grad … jetzt fehlen mir die Worte … ist es wirklich ein Unterwerfen? Ist es ein Ausliefern? Vermutlich müsste es genau eines dieser beiden Worte sein. Ich kann mich also bis zu einem gewissen Grad unterwerfen, wenn ich weiß, dass die Machtposition des Meisters (hier bleibe ich bewusst bei der männlichen Form, weil ich diese Machtdominanz von weiblichen Sensei noch nie so gespürt habe) nicht missbraucht wird und die Forderungen nicht willkürlich sind. Ich muss einen gewissen Sinn und ein Wohlwollen hinter den Forderungen erkennen oder zumindest ahnen und spüren.

Und die Hierarchie endet bei mir mit Ende der Übungsstunde. Ich habe wahrgenommen, dass dies nach der in der Ausbildung vorgestellten Budo-Idee anders ist und zum Beispiel auch beim abendlichen Bier am Lagerfeuer auf Hierarchien gepocht wird („Der Schüler muss sich sein Bier selbst holen, ein Meister-Schüler darf es ihm nicht bringen.“). Dies passt gut zur japanischen Kultur und vermutlich auch zu anderen asiatischen Kulturen – eben überall dorthin, wo die Kultur eine hohe Machtdistanz aufweist. Mir persönlich geht dies zu weit und ich empfinde dies als übergriffig in meinen privaten Bereich hinein – sowohl als Sensei, als auch als Schülerin. Eine starke Hierarchie und strenge Regeln können bis zu einem gewissen Grad den Charakter von Schülerinnen und Schülern fördern, Wertevermittlung unterstützen, für Klarheit und Ordnung sorgen – sie können aber auch zerstören und zu Gewalt und Missbrauch führen. Ich hatte in eine beruflichen Weiterbildung, die ich leitete, kürzlich unter den Teilnehmenden einen jungen japanischen Mann. Wir sprachen in der Gruppe über Gewalterfahrungen und er erzählte, dass er in seiner Kindheit und Jugend in der Schule in Osaka regelmäßig von Lehrern geschlagen wurde. Diese „Züchtigung“ habe zum Unterricht „dazu gehört“ und er habe darunter sehr gelitten. Mit seinen Eltern habe er darüber nicht sprechen können – die hätten ohnehin wohl das Verhalten des Lehrers unterstützt. Hohe Machtdistanz geht meist mit einem autoritären Führungsstil einher. Dieser „zeichnet sich durch direktives, autokratisches, hierarchisches und autoritäres Verhalten der Führungskraft“ aus (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 54). Diesem Führungsstil liegt die Idee zugrunde, dass Menschen ungleich sind und dass die bestimmende Person die klügste ist mit den effektivsten Methoden. Im Extremfall kann dies zu einem Absolutismus führen. Hierarchie bedeutet im beruflichen Alltag Japans auch, dass Angestellte vor dem Boss im Büro erscheinen und es nicht vor diesem verlassen dürfen. Das Verlassen erfolgt dann oftmals gemeinsam und zwar in Richtung einer Bar, in der die Angestellten ihre „Qualitäten“ unter Beweis stellen müssen, in dem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken (eigene Beobachtungen am Bahnhof in Oita und weiteren Orten in Japan). So eine Kultur kann und will ich nicht leben.  

Die japanische Kultur ist zudem geprägt von Maskulinität. Diese zeichnet sich durch ein hohes Durchsetzungsvermögen aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. Beide Kulturen können Gemeinwohl und Fürsorge zum Inhalt haben aber in maskulinen Kulturen ist dies stark den Geschlechterrollen zugeordnet (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Dies hat z.B. in Japan zur Folge, dass Frauen sich auch heute noch – trotz Schulausbildung und Studium – nach einer Heirat in erster Linie um den Haushalt eines Paares kümmern müssen, um die Pflege der Kinder und der alten Eltern (Scott Langley, 2014, S 127). Ich hatte es bereits bei der Abschlussrunde des zweiten Moduls erwähnt, dass ich einen streng maskulinen Führungsstil unpassend finde und daher kann ich diesen Stil für mein Budo nicht kopieren. Für mich als Frau muss ein anderer Budo-Führungsweg möglich sein, bei dem ich mit weiblicher Konsequenz und Autorität anleiten und führen kann, so dass ich als Sensei authentisch bin. Ich denke, dass ich in meinem Dojo hier schon ein gutes Konzept lebe. Leider habe ich bisher Budo-Literatur ausschließlich von männlichen Autoren gefunden, so dass mir hier wissenschaftliche/literarische Inspiration fehlt. Ich bin daher sehr gespannt auf die weibliche Budopädagogin Jeannine Schröder beim Schweden-Modul. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen haben Probleme damit, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Personen, die im Gegensatz dazu in Kulturen mit niedriger Unsicherheitsvermeidung aufgewachsen sind, haben eher eine „hohe Ambiguitätstoleranz und Improvisationstalent“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Sie benötigen nicht viele Regeln, sind eher gewohnt, selbst zu entscheiden und zu improvisieren. Regeln werden oftmals als einengend empfunden und erzeugen ggf. sogar Misstrauen gegenüber den Personen oder Institutionen, die die Regeln aufgestellt haben und die Durchführung überwachen, Verstöße sanktionieren. Ich persönlich habe eher eine niedrige Unsicherheitsvermeidung. Meine Eltern gehörten der Kriegs- und Flüchtlingsgeneration an und waren schon deshalb wahre Improvisationstalente. Gleichwohl weiß ich klare Regeln und Strukturen zu schätzen und bin der Ansicht, dass es einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat, wenn Strukturen und Regeln sowie entsprechende Konsequenzen bei Verstößen den Alltag gestalten. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen – vor allem auch Kinder oder traumatisierte Personen – sehr dankbar sind über einen strukturierten Budo-Unterricht mit gleichförmigen Abläufen und verlässlichen Regeln. Die im Budo aufgestellten Regeln sollten m. E. klar definiert und nachvollziehbar sein. Sie dürfen m.E. aber aber auf keinen Fall schikanieren oder erniedrigen. 

Kulturen mit Langzeitorientierung streben langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies passt m.E. sehr gut zur in der Weiterbildung vorgestellten Art des Budo, da hier der Lernprozess zählt und nicht der schnelle Graduierungs- oder Wettkampferfolg. Diese unserem schnelllebigen Alltag entgegenstehende Ausrichtung sehe ich als sehr positiv im Hinblick auf den Do an. In diese Langzeitorientierung passt auch die Praxis der Zen-Meditation, bei der man vollkommen absichtslos einfach „nichts“ tut, bei der der Geist zur Ruhe kommen kann. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf. Menschen, die versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, fallen auf und werden sanktioniert. In Japan ist die Kultur kollektivistisch ausgeprägt. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit nach einem Erdbeben und Taifun die Menschen mit anpacken, damit am nächsten Morgen die Züge wieder pünktlich (!) fahren und der Alltag in weiten Teilen des Landes scheinbar unbeeinträchtigt weiter geht (eigene Beobachtung nach dem Taifun Hagibis im Oktober 2019). Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die durch Budo vermittelt werden können. Allerdings hat zu einem hohen Grad ausgelebter Kollektivismus auch seinen Preis: Burnout und Depressionen sowie das Ausleben der Abweichungen von der Norm in Subkulturen sind in Japan an der Tagesordnung. Aus dem Leben allein für die Gemeinschaft wird im Geheimen ausgebrochen, weil der psychologische Drang zur Selbstverwirklichung Raum finden muss. Die Suizidrate liegt vielleicht auch aus diesem Grund in Japan im weltweiten Vergleich auf Rang 26 (Deutschland: 42) (Wikipedia, Suzidrate nach Ländern, 2023). Der auch im Budo gelebte Kollektivismus sollte daher achtsam gelebt werden. Vor dem Ein- und Unterordnen sollte die Persönlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin stark genug sein, um den Kampf mit dem Ego aufzunehmen und das „kleine Ich“ zugunsten der Gemeinschaft möglichst klein zu halten. Das Unterordnen sollte aus freien Stücken und mit Freude geschehen. Dies kann sich in stark ausgeprägten Hierarchien schwierig gestalten, da dann möglicherweise nicht alle Gruppenmitglieder füreinander da sind, sondern z.B. Niedriggraduierte den Höhergraduierten „zu Diensten“ sein müssen. In meinem Dojo achte ich daher darauf, dass ich mich z.B. bei anstehenden Arbeiten nicht herausnehme, sondern mich beim gemeinsamen Soji oder anderen Aufgaben beteilige. Dies ist m.E. eine deutliche Abweichung der ursprünglichen Budo-Idee, die meiner Meinung nach aber notwendig ist, um diesen Aspekt authentisch umzusetzen. Zusammenfassend sieht mein Budo unter Berücksichtigung der fünf Kulturdimensionen daher so aus: 

  • Eine Machtdistanz, die geprägt ist durch Hierarchie und Strenge bzw. Konsequenz, die aber nicht autoritär ist und ohne Willkür/Unterdrückung auskommt. Die hierarchischen Strukturen gelten für die Dauer der Übungsstunden. Abseits davon gelten die unserer Gesellschaft üblichen Respekt- und Höflichkeitsregeln. Unter den Aspekt der Machtdistanz fallen vor allem die Rollen Routinen und Regeln des Reigi.
  • Abkehr vom rein maskulinen Führungsstil! – Als Frau muss ich weiblichen Budo gehen und leben dürfen. 
  • Unsicherheitsvermeidung durch Regeln und Strukturen, die klar definiert und nachvollziehbar sind und nicht schikanieren oder erniedrigen - die vier R des Reigi (Rollen, Regeln, Routinen und Rituale) bilden hier die feste Grundlage.
  • Langzeitorientierung, die den Geist zur Ruhe bringt – hier kommen Prozessorientierung und meditative Aspekte des Budo zur Geltung 
  • Kollektivismus mit gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung, die alle Mitglieder einbezieht und freiwillig und mit Freude geschieht - hierdurch ergibt sich die Möglichkeit zu wachsen, um anschließend freiwillig den Kampf mit dem eigenen Ego aufzunehmen, um dies zugunsten der Gemeinschaft klein zu halten 



Literatur: 

Kumbruck und Derboven. (2015). Interkulturelles Training (3. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg.

 

Scott Langley. (2014). Karate Stupid. Amazon Distribution.


Werner Lind. (2004). Der geistige Weg der Kampfkünste (5. Aufl.). Barth Verlag.


Wikipedia, Suzid nach Ländern. (2023). Abgerufen 14. März 2023, von https://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_Ländern