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Dienstag, 3. Juni 2025

Zum Glück gibt's Budo - über die glücksbringenden Aspekte japanischer Kampfkünste

„Karate reicht nur für ein kleines Glück!“ – Dieses Zitat meines hoch geschätzten Senseis Risto Kiiskilä war für mich viele Jahre lang Gesetz! Ich hatte für mich daraus die Tatsache abgeleitet, dass es keine schnellen Erfolge gibt, dass ich nie „gut genug“ war, es „immer etwas zu meckern/korrigieren“ gab, ich immer an mir arbeiten muss. Mit Sicherheit hat dieser Glaubenssatz meine Erwartungshaltung geprägt/gedämpft und meine Willenskraft gestärkt! Viele Jahre lang habe ich so gelebt, geübt, gezweifelt. Auf dem Karate-Weg balancierte ich auf einem schmalen Grat zwischen Faszination und Frustration. Dass mich Karate „glücklich“ gemacht hätte? Diese Formulierung hätte ich doch irgendwie unpassend gefunden. Nun gut – Risto sprach ja auch von einem „kleinen Glück“ – aber selbst das ….. Immerhin: Ich habe auf meinem Karate Do viele nette Menschen kennen gelernt und gelegentlich gab es Trainings, in denen ich das „Flow-Feeling“ erleben durfte. Meistens war Karate jedoch „Blood, Sweat @ Tears“ …. Wie habe ich es und haben es bisher so viele Menschen geschafft, so lange auf dem Weg zu bleiben. Steckt vielleicht doch noch mehr „Glück“ im Karate? 

 

Was ist denn überhaupt „Glück“? – In der Glücksforschung (eine Unterform der Positiven Psychologie) gibt es verschiedene Definitionen von Glück. Ich finde diese Dreiteilung sehr gut nachvollziehbar: 


Drei Arten von Glück

  •  Zufallsglück: Das ist das Glücksgefühl, das wir empfinden, wenn wir z.B. auf der Straße  einen 20-Euro-Schein finden! Oder wenn wir uns an einer langen Schlange an einer Supermarkt-Kasse angestellt haben und plötzlich wird eine weitere Kasse geöffnet, zu der wir schnell wechseln können, um dann sofort dranzukommen.
  • Dann gibt es das allgemeine Glücksgefühl, wenn wir z.B. ein entspannendes Wannenbad genießen, am Strand in der Sonne liegen und ein Buch lesen, einen schönen Sonnenuntergang bewundern.
  • Und schließlich gibt es noch das Glück durch erlebten Erfolg, erlebte persönliche Weiterentwicklung.  

Zufallsglück können wir im Karate empfinden, wenn uns darüber freuen, dass uns ein zu uns passender Übungspartner/eine passende Übungspartnerin zugeordnet wird. Oder es wird zufällig eine Kata unterrichtet, die uns besonders gut gefällt. 

 

Das allgemeine Glücksgefühl kann sich situativ einstellen, während wir eine Lieblings-Kata ausführen - vielleicht sogar synchron mit Karate-Freund*innen - oder wenn wir in einem Kumite-Drill in die Flow-Phase gelangen und alles um uns herum vergessen!

 

Das Glück durch erlebten Erfolg ist das einzige Glück, das wir selbst beeinflussen können. Es stellt sich z.B. ein, wenn wir eine Gürtelprüfung, auf die wir uns schon lange vorbereitet haben, bestehen, wenn uns eine Kata oder Technik, an der wir schon fast verzweifelt waren, endlich gelingt - oder wenn wir einen Wettkampftitel gewonnen haben.

 

Glücksmomente durch Zufall, schöne Situationen oder erlangte Erfolge sind jedoch oftmals flüchtig, schnell vergänglich. Um aus Glücksmomenten dieser Art langfristig Glück oder Zufriedenheit zu schöpfen, müssten sich diese Momente regelmäßig wiederholen – möglichst in überschaubaren Abständen. Wir wissen aber alle, dass der Zufall uns nicht immer hold ist, dass wir uns Trainingspartner*innen und die „Kata des Tages“ nur selten aussuchen können und dass es viele Monate – wenn nicht Jahre bis zur nächsten Gürtelprüfung dauern kann. Einige Budoka versuchen, ihre Motivation durch einen Graduierungs-Marathon aufrecht zu erhalten oder jagen von Wettkampf zu Wettkampf. Sind dies die einzigen beiden Glücksquellen im Budo, so endet die Kampfkunst-Karriere oftmals nach Erreichen des „Schwarzen Gürtels“ oder nach Ende der Wettkampfkarriere. 

 

Ist dies der Grund, warum so viele Karateka bereits nach kurzer Zeit oder nach einigen Monaten, Jahren mit unserer Kampfkunst aufhören? Und: Kann es noch andere Aspekte geben, die uns im Karate nachhaltig beglücken? Wie können wir mittel- bis langfristig Glück und Zufriedenheit aus unserem Karatedo oder Budo ziehen? 

 

Budo müsste dann noch an anderer Stelle ansetzen – vielleicht an einer Stelle, die mit den Tugenden und Werten der Kampfkunst zusammenhängt? 

 

Auch hier habe ich in der Literatur gestöbert und bin auf den US-amerikanischen Psychologen Martin Seligmann gestoßen. Während die Freude über Wettkampferfolge, über erlangte Medaillen und Pokale oder auch einen gefundenen 20-Euro-Schein oder ein Wannenbad schnell verblasst, gibt es nach Seligmann sechs Tugenden, die langfristig für Glück, Zufriedenheit und Wohlbefinden sorgen. Es sind die Tugenden 

 

-              Weisheit

-              Mut

-              Menschlichkeit

-              Gerechtigkeit

-              Mäßigung und

-              Transzendenz

 

Interessanterweise bezieht sich Seligmann unter anderem sogar wörtlich auf den Ehrenkodex der Samurai, den "Bushido"! In wieweit können wir die oben aufgeführten Tugenden also durch unser Karatedo leben? 


Wer sich intensiv mit einer Kampfkunst und auch den kulturellen Hintergründen beschäftigt, wird zwangsläufig sein Wissen erweitern und auf Dauer so etwas wie Weisheit erlangen. Der Wissenszuwachs ist bereits zu Beginn einer Kampfkunstlaufbahn enorm. Je mehr man sich dann nach und nach auch mit kulturellen und spirituellen Hintergründen beschäftigt oder auch mit der Didaktik und Methodik der Wissensvermittelt, desto intensiver kann sich die Identifikation mit der Kampfkunst und die Zufriedenheit einstellen. 

 

Zum Mut: Allein mit einer Kampfkunst zu beginnen, erfordert schon Mut! Seligmann sieht aber auch Attribute wie Beständigkeit, Integrität, Vitalität und Begeisterung unter dem Mut-Aspekt – das passt für mich, die inzwischen 40 Jahre Kampfkunst betreibt, sehr gut zum Budo. Denn „der Weg ist ja das Ziel“ und der Weg endet erst mit dem Tod. Also ist Beständigkeit gefragt und man muss sich selbst immer wieder neu für Budo begeistern. Beständigkeit bedeutet auch, dass wir unsere Routinen regelmäßig üben, so dass wir beim Üben in einen Flow kommen und sich durch lang erarbeitete Trainingsroutine eine genussvolle Leichtigkeit ergibt.


Unter den Begriff der Menschlichkeit fallen nach Seligmann Verbindlichkeit, Loyalität und soziale Intelligenz – diese Tugenden werden vor allem durch das Erleben der Dojo-Gemeinschaft, durch die Regeln, Rollen, Rituale und Routinen im Budo gefördert. Diese fördern bestenfalls auch die Gerechtigkeit, unter der  Seligmann Fairness und Verantwortung  versteht. Werte, die bei gelebtem Budo auch in den Alltag getragen werden. 

 

Mäßigung bedeutet Vergebung, Dankbarkeit, Demut und Selbstkontrolle – Tugenden, die vor allem über den Zen-Aspekt, das spirituelle Wesensmerkmal des Budo, vermittelt werden. Hier kann bereits im Kindertraining angesetzt werden, indem die Kinder lernen, ihre spontanen Impulse zu steuern, trotz Durst mit dem Trinken bis zum Ende des Trainings zu warten, ihre Müdigkeit und Erschöpfung überwinden etc. Impulskontrolle ist letztlich die Voraussetzung für den Kern des Budo: das innere Schwert stoppen zu können, auf Provokationen nicht eingehen zu müssen, Kämpfen vermeiden zu können. 

 

Unter Transzendenz versteht Seligmann das Streben nach Exzellenz, aber auch Hoffnung, Humor und auch Spiritualität – alles Komponenten, die wir ebenfalls im Budo erleben können - vor allem, wenn wir uns einer starken Gemeinschaft befinden. 

 

Wenn wir unser Leben nach diesen Tugenden ausrichten, gelangen wir nach Seligmann zu tiefer und dauerhaft anhaltender Zufriedenheit und zu Lebensglück. 

 

Tugenden zu leben klingt leider heutzutage etwas altbacken und „aus der Mode gekommen“. Sich intensiv mit Budo zu beschäftigen, öffnet aber in Zeiten, in denen Egoismus, Hate-Speech und Beleidigungen an der Tagesordnung zu sein scheinen, einen Weg, Tugenden zu er-leben. 




Quelle: Martin E.P. Seligmann "Der Glücksfaktor - warum Optimisten länger leben" 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 5. Juni 2024

Wie wirkt Budo als japanisches Kulturgut auf westlich kultivierte Menschen? - Eine Betrachtung des Budos mit Bezug auf die Kulturdimensionen nach Hofstede

Im Rahmen der Ankündigung des diesjährigen (2024) Kata Spezial Events in Tauberbischofsheim veröffentlichte der Veranstalter folgende Anweisung: 

"Wichtiger Hinweis an die Dan-Träger, die am Kata-Spezial oder Gasshuku teilnehmen!
Eine Teilnahme von Dan-Trägern an Einheiten, die für bestimmte Kyu- oder andere Dan-Grade ausgelegt sind, bedarf einer Genehmigung durch einen Repräsentanten des Gasshuku e.V. (Horst Gallenschütz, Klaus Schäfer, Pascal Senn) und des jeweiligen Sensei.
Sollte diese erteilt werden, dann gilt die Regelung, dass sich diese Dan-Träger während des Trainings in die hintere Reihe stellen müssen!!!
Auch mit Genehmigung kann eine Teilnahme zudem nur dann erfolgen, wenn noch ausreichend Platz für das Training der Kyu- oder der anderen Dan-Grade vorhanden ist.
Ein respektloses Hineindrängen und Stören der Einheiten anderer wird nicht geduldet!
"Karate beginnt mit Respekt und endet mit Respekt"
OSS
der Gasshuku e.V."

Spontan wollte ich diese Aussage innerlich abnicken. Schließlich hatten sich Mitglieder unseres Dojos, die in der Unter- oder Mittelstufe an großen Lehrgängen teilgenommen hatten, schon mehrfach darüber beklagt, dass sich fremde Schwarzgurte in den Einheiten der Farbgurte in die vorderste Reihe stellten und den Farbgurten (für die die Einheiten ja eigentlich gedacht waren) die Sicht nahmen. Als ich jedoch intensiver über diese Situationen nachdachte, kam mir der Gedanke, dass japanische Karateka für Hinweise wie den des Gasshuku e. V. eventuell kein Verständnis hätten. Könnte es sein, dass es in der japanischen Kultur ganz selbstverständlich ist, dass Höhergraduierte - unabhängig von der Zielgruppe der Trainingseinheit - besonders disponierte Plätze einnehmen? Abschließend kann ich es nicht beantworten. Unbestritten ist jedoch, dass in der japanischen Kultur Hierarchien eine ganz andere Bedeutung haben als bei uns in Europa, in Deutschland. Ist es dann stimmig, wenn wir bestimmte Budo-Regeln abwandeln? Werfen wir einen Blick auf die unterschiedlichen Kulturen in Japan und in westlich kultivierten Ländern. 

Unterschiedliche Kulturdimensionen
Kultur ist nach Ansicht des niederländischen Kulturwissenschaftlers und Sozialpsychologen Geert Hofstede ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist sie ein Mittel, Unterschiede zu anderen Gruppen oder Kulturen auszudrücken und festzulegen.  Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten. Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum. Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel
Zur Einordnung von Kulturen Hofstede folgende fünf Kulturdimensionen definiert: 
  • geringe vs. hohe Machtdistanz
  • Maskulinität vs. Femininität
  • schwache vs. starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe vs. niedrige Langzeitorientierung
  • Kollektivismus vs. Individualismus

Werfen wir einen Blick auf die japanische Kultur: Sie ist unter anderem geprägt durch die konfuzianische Ethik und den Feudalismus der Edo-Zeit, welche die Kultur des Landes aufgrund der selbstauferlegten Isolation über Jahrhunderte maßgeblich formte. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute: hohe Machtdistanz, ein hoher Grad an Maskulinität, starke Unsicherheitsvermeidung, hohe Langzeitorientierung und stark ausgeprägter Kollektivismus. In Deutschland sind diese Attribute beinahe entgegengesetzt ausgeprägt, da bei uns vor allem das Zeitalter der Aufklärung mit Philosophen wie Kant und Rousseau Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat. Hier haben Machtdistanz und Maskulinität vor allem in den letzten 50 Jahren deutlich abgenommen. Zudem sind bei uns Unsicherheitsvermeidung und Langzeitorientierung geringer ausgeprägt als in Japan. Statt eines kollektivistischen Gemeinschaftsgefühls wird unsere Gesellschaft vom Streben nach Selbstbestimmung und Individualismus bestimmt. Kein Wunder, dass uns "typisch japanisch" ausgeprägtes Budo exotisch und fremd erscheint! 

Schauen wir uns die Kulturdimensionen des Budos einmal genauer an: Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch eine klare Hierarchie und  Strenge wider. In den Kampfkünsten ist die Hierarchie bereits an der Aufstellung im Dojo erkennbar: Die hohen Dan-Träger*innen stehen meist ganz rechts, die Anfänger*innen ganz links und die Kyu- bzw. Schüler-Grade (Deshi) stehen, der Graduierung nach geordnet, dazwischen. Dan-Träger*innen werden in Bezug auf die Position im Dojo und auch auf die zugeteilten Aufgaben privilegiert, tragen aber auch eine höhere Verantwortung als die niedriger graduierten Deshi. Dieses Hierarchie-Gefälle kann sich darin äußern, dass der im Karate geforderte Respekt in Japan nicht unbedingt gleichermaßen in beide Richtungen fließt, sondern dass vor allem die niedriger Graduierten den fortgeschrittenen Schüler*innen oder Meister*innen gegenüber Respekt erweisen müssen. Auch wenn die Haltung dann "von oben herab" erscheint, wird dies in Asien offenbar nicht als störend empfunden. Westlich kultivierte Menschen hingegen stören sich möglicherweise an einem stark ausgeprägten Hierarchiegefälle, weil bei uns auch im Alltag eine geringer ausgeprägte Machtdistanz gilt und eher flache Hierarchien anzutreffen sind: Die Chefin in der Firma wird gedutzt, Kinder werden in Kita und Schule partizipativ erzogen, autoritär agierende Führungskräfte und Lehrpersonen werden in unserer Gesellschaft eher wenig geschätzt. Ein einseitiges Respekt-Gebot von unten nach oben entspricht daher nicht unseren sonstigen kulturellen Rahmenbedingungen.  

Die japanische Kultur - und damit auch das Budo - ist zudem geprägt von einem hohen Grad an Maskulinität. Diese zeichnet sich laut Hofstede durch ein hohes Durchsetzungsvermögen und große Strenge aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. In Deutschland ist die Kultur mäßig maskulin ausgeprägt. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die im Budo-Unterricht geltende Strenge zunächst befremdlich wirkt. Gleichwohl würde in Kampfkünsten ein wichtiger und charakteristischer Aspekt fehlen, wenn die Unterrichtsinhalte in den Stunden "durchdiskutiert" würden und der Unterricht "antiautoritär" erfolgte.  Daher ist den Dojos in Deutschland gegebenenfalls ein höheres Feingefühl der oder des Sensei im Umgang mit den Übungsklassen erforderlich als in Japan, um einen angemessenen Grad der Strenge auszudrücken. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist nach Ansicht von Hofstede das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen sind verunsichert, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Hierauf kann es zurückzuführen sein, dass auch in den Budo-Kampfkünsten viele Regeln, Rollen und Routinen festgelegt sind und sich bestimmte Rituale eingespielt haben, deren Sinnhaftigkeit sich westlich kultivierten Menschen oft nicht auf den ersten Blick erschließt. Strenge Regeln werden in westlichen Kulturen, die einen geringer ausgeprägten Grad an Unsicherheitsvermeidung aufweisen, oftmals als einengend oder überflüssig empfunden und erzeugen ggf. sogar Widerstand und Misstrauen. Dies gilt vor allem dann, wenn der Sinn hinter den Regeln nicht ersichtlich ist. Wenn wir in unseren westlichen Dojos asiatische Budo-Regeln übernehmen, ist es meiner Meinung nach daher wichtig, die Bedeutung der Regeln zu kennen und auch erklären zu können. Das bewusste Umsetzen akzeptierter Budo-Regeln kann dann nicht nur im Budo-Unterricht, sondern auch im Alltag helfen, unsere Achtsamkeit zu stärken. Von dem im Dojo verlässlich etablierten Budo-Regelwerk profitieren auch in westlich kultivierten Ländern besonders jene Menschen, die in besonderem Ausmaß Unsicherheiten reduzieren oder vermeiden wollen. Dies können Kinder sein, aber auch Jugendliche oder Erwachsene, die sich im Alltag unsicher fühlen oder unter Ängsten leiden. Diese Personengruppen sind oftmals besonders dankbar für den festen Rahmen, der durch das Budo-Regelwerk geschaffen wird und können durch das Praktizieren von Kampfkünsten selbstsicherer werden und Ängste abbauen.   

Kulturen mit Langzeitorientierung streben nach der Definition von Hofstede langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies zeigt sich im Budo vor allem darin, dass hier vor allem der Lernprozess zählt und nicht nur der kurzfristige Graduierungs- oder Wettkampferfolg. In der Budo-Praxis drückt sich dies  durch die konsequente und beharrliche Auseinandersetzung mit den technischen und spirituellen Inhalten der Kampfkunst aus. Langzeitorientierung lässt sich durch lang andauernde Beziehungen ermöglichen. Und auch dies lässt sich im Budo erkennen:  Zwischen dem oder der Sensei und den Schüler*innen bestehen meist enge und langjährige - oftmals sogar lebenslange - Beziehungen, die häufig auch über den Trainingsbereich hinaus in andere Lebensbereiche hineinreichen. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf.  Eigenen Bedürfnisse treten zugunsten der Gemeinschaftsinteressen zurück. In Japan ist die Kultur stark kollektivistisch ausgeprägt. Der Alltag ist daher in Japan durch eine große Hilfsbereitschaft und großen Respekt geprägt. Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die auch durch Budo vermittelt werden können. Auf der anderen Seite fallen Menschen, die in Japan versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, auf und werden möglicherweise sanktioniert. Hierdurch kann großer sozialer Druck entstehen, der zu Einbußen der Lebensqualität führt. Eine weiterer Aspekt kollektivistisch ausgeprägter Kulturen ist die Abgrenzung zu anderen Gruppen. Dies kann sich durch gruppenintern einheitliche Zugehörigkeitszeichen äußern und eine Abgrenzungssymbolik zu anderen Gruppen. Im Karate Do zeigt sich dies beispielsweise durch die uniforme Trainingskleidung, die uns von anderen Sportarten oder Freizeitbeschäftigungen deutlich abgrenzt und auch zeigen soll, dass das Ausüben einer Kampfkunst etwas "Besonderes" ist. Da unsere Kultur weniger kollektivistisch ausgeprägt ist als die japanische und bei uns Individualität und Selbstbestimmung hohe Werte sind, lässt sich der im japanischen Budo gelebte Grad an Kollektivismus nicht vollumfänglich auf das in Deutschland gelebte Budo übertragen. Gruppengefühl und Einheitlichkeit lassen sich vermutlich nicht ganz ohne sozialen Druck auf die Übungsgruppen übertragen. Dennoch sollte hier maß- und respektvoll vorgegangen werden unter Beachtung der Menschenwürde.

Die Übernahme japanischer Kulturelemente in unsere Kampfkunst und vielleicht sogar in unseren Alltag kann insgesamt eine große Bereicherung sein. Gleichwohl können und müssen wir meiner Ansicht nach nicht alle japanischen Kulturaspekte hundertprozentig kopieren oder vollumfänglich übernehmen. Die Aufforderung des deutschen Gasshuku e. V., Respekt auch seitens der Dan-Träger*innen den Kyu-Graduierten gegenüber zu erweisen, ist daher stimmig - auch wenn in Japan vielleicht andere Regelungen gelten mögen.

Quelle: Kulturdimensionen Hofstede und Zeitorientierung nach Lewis und Hall  in "Interkulturelles Training - Trainingsmaterial zur Förderung interkultureller Kompetenzen in der Arbeit" Kumbruck und Derboven, Springer Verlag, Berlin Heidelberg, 2015


Anmerkung: Da dieser Artikel meine Gedanken wiedergibt und keine wissenschaftliche Arbeit ist, habe ich auf eine wissenschaftliche Zitationsweise zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet. Die Quelle meiner Gedanken ist das oben genannte Buch.




Dienstag, 14. März 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gedanken zum eigenen Budo und Kulturvergleich

In der Ausbildung zur Budopädagogin/zum Budopädagogen wurden uns die Elemente des Budo vorgestellt: Bu, Do, Dojo, Reigi, Shitei, Zen. Gegenüber einigen Budo-Elementen empfinde ich Widerstand und würde sie abwandeln. Aber darf ich das? Muss Budo nicht unveränderlich sein, weil es eine Kultur ist und alten Traditionen entspricht? Es lohnt sich m.E., in diesem Zusammenhang die Frage zu stellen, was genau Kultur ist. Interessant ist es weiter, einen Blick auf die japanische Kultur zu werfen und einen Vergleich mit der bei uns gelebten Kultur heranzuziehen. 

Kultur ist „…ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist es ein Mittel, unterschiede u anderen Kulturen auszudrücken und festzulegen.“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 6). Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 7). Über diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. 

Die japanische Kultur ist unter anderem geprägt durch konfuzianische Ethik. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27)

  • hohe Machtdistanz
  • Maskulinität
  • starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe Langzeitorientierung
  • Kollektivismus  

Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch die klare Hierarchie und Strenge wider.  Da ich mit Karate aufgewachsen bin, kann ich mich dieser Form des Budo bis zu einem gewissen Grad … jetzt fehlen mir die Worte … ist es wirklich ein Unterwerfen? Ist es ein Ausliefern? Vermutlich müsste es genau eines dieser beiden Worte sein. Ich kann mich also bis zu einem gewissen Grad unterwerfen, wenn ich weiß, dass die Machtposition des Meisters (hier bleibe ich bewusst bei der männlichen Form, weil ich diese Machtdominanz von weiblichen Sensei noch nie so gespürt habe) nicht missbraucht wird und die Forderungen nicht willkürlich sind. Ich muss einen gewissen Sinn und ein Wohlwollen hinter den Forderungen erkennen oder zumindest ahnen und spüren.

Und die Hierarchie endet bei mir mit Ende der Übungsstunde. Ich habe wahrgenommen, dass dies nach der in der Ausbildung vorgestellten Budo-Idee anders ist und zum Beispiel auch beim abendlichen Bier am Lagerfeuer auf Hierarchien gepocht wird („Der Schüler muss sich sein Bier selbst holen, ein Meister-Schüler darf es ihm nicht bringen.“). Dies passt gut zur japanischen Kultur und vermutlich auch zu anderen asiatischen Kulturen – eben überall dorthin, wo die Kultur eine hohe Machtdistanz aufweist. Mir persönlich geht dies zu weit und ich empfinde dies als übergriffig in meinen privaten Bereich hinein – sowohl als Sensei, als auch als Schülerin. Eine starke Hierarchie und strenge Regeln können bis zu einem gewissen Grad den Charakter von Schülerinnen und Schülern fördern, Wertevermittlung unterstützen, für Klarheit und Ordnung sorgen – sie können aber auch zerstören und zu Gewalt und Missbrauch führen. Ich hatte in eine beruflichen Weiterbildung, die ich leitete, kürzlich unter den Teilnehmenden einen jungen japanischen Mann. Wir sprachen in der Gruppe über Gewalterfahrungen und er erzählte, dass er in seiner Kindheit und Jugend in der Schule in Osaka regelmäßig von Lehrern geschlagen wurde. Diese „Züchtigung“ habe zum Unterricht „dazu gehört“ und er habe darunter sehr gelitten. Mit seinen Eltern habe er darüber nicht sprechen können – die hätten ohnehin wohl das Verhalten des Lehrers unterstützt. Hohe Machtdistanz geht meist mit einem autoritären Führungsstil einher. Dieser „zeichnet sich durch direktives, autokratisches, hierarchisches und autoritäres Verhalten der Führungskraft“ aus (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 54). Diesem Führungsstil liegt die Idee zugrunde, dass Menschen ungleich sind und dass die bestimmende Person die klügste ist mit den effektivsten Methoden. Im Extremfall kann dies zu einem Absolutismus führen. Hierarchie bedeutet im beruflichen Alltag Japans auch, dass Angestellte vor dem Boss im Büro erscheinen und es nicht vor diesem verlassen dürfen. Das Verlassen erfolgt dann oftmals gemeinsam und zwar in Richtung einer Bar, in der die Angestellten ihre „Qualitäten“ unter Beweis stellen müssen, in dem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken (eigene Beobachtungen am Bahnhof in Oita und weiteren Orten in Japan). So eine Kultur kann und will ich nicht leben.  

Die japanische Kultur ist zudem geprägt von Maskulinität. Diese zeichnet sich durch ein hohes Durchsetzungsvermögen aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. Beide Kulturen können Gemeinwohl und Fürsorge zum Inhalt haben aber in maskulinen Kulturen ist dies stark den Geschlechterrollen zugeordnet (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Dies hat z.B. in Japan zur Folge, dass Frauen sich auch heute noch – trotz Schulausbildung und Studium – nach einer Heirat in erster Linie um den Haushalt eines Paares kümmern müssen, um die Pflege der Kinder und der alten Eltern (Scott Langley, 2014, S 127). Ich hatte es bereits bei der Abschlussrunde des zweiten Moduls erwähnt, dass ich einen streng maskulinen Führungsstil unpassend finde und daher kann ich diesen Stil für mein Budo nicht kopieren. Für mich als Frau muss ein anderer Budo-Führungsweg möglich sein, bei dem ich mit weiblicher Konsequenz und Autorität anleiten und führen kann, so dass ich als Sensei authentisch bin. Ich denke, dass ich in meinem Dojo hier schon ein gutes Konzept lebe. Leider habe ich bisher Budo-Literatur ausschließlich von männlichen Autoren gefunden, so dass mir hier wissenschaftliche/literarische Inspiration fehlt. Ich bin daher sehr gespannt auf die weibliche Budopädagogin Jeannine Schröder beim Schweden-Modul. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen haben Probleme damit, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Personen, die im Gegensatz dazu in Kulturen mit niedriger Unsicherheitsvermeidung aufgewachsen sind, haben eher eine „hohe Ambiguitätstoleranz und Improvisationstalent“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Sie benötigen nicht viele Regeln, sind eher gewohnt, selbst zu entscheiden und zu improvisieren. Regeln werden oftmals als einengend empfunden und erzeugen ggf. sogar Misstrauen gegenüber den Personen oder Institutionen, die die Regeln aufgestellt haben und die Durchführung überwachen, Verstöße sanktionieren. Ich persönlich habe eher eine niedrige Unsicherheitsvermeidung. Meine Eltern gehörten der Kriegs- und Flüchtlingsgeneration an und waren schon deshalb wahre Improvisationstalente. Gleichwohl weiß ich klare Regeln und Strukturen zu schätzen und bin der Ansicht, dass es einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat, wenn Strukturen und Regeln sowie entsprechende Konsequenzen bei Verstößen den Alltag gestalten. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen – vor allem auch Kinder oder traumatisierte Personen – sehr dankbar sind über einen strukturierten Budo-Unterricht mit gleichförmigen Abläufen und verlässlichen Regeln. Die im Budo aufgestellten Regeln sollten m. E. klar definiert und nachvollziehbar sein. Sie dürfen m.E. aber aber auf keinen Fall schikanieren oder erniedrigen. 

Kulturen mit Langzeitorientierung streben langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies passt m.E. sehr gut zur in der Weiterbildung vorgestellten Art des Budo, da hier der Lernprozess zählt und nicht der schnelle Graduierungs- oder Wettkampferfolg. Diese unserem schnelllebigen Alltag entgegenstehende Ausrichtung sehe ich als sehr positiv im Hinblick auf den Do an. In diese Langzeitorientierung passt auch die Praxis der Zen-Meditation, bei der man vollkommen absichtslos einfach „nichts“ tut, bei der der Geist zur Ruhe kommen kann. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf. Menschen, die versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, fallen auf und werden sanktioniert. In Japan ist die Kultur kollektivistisch ausgeprägt. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit nach einem Erdbeben und Taifun die Menschen mit anpacken, damit am nächsten Morgen die Züge wieder pünktlich (!) fahren und der Alltag in weiten Teilen des Landes scheinbar unbeeinträchtigt weiter geht (eigene Beobachtung nach dem Taifun Hagibis im Oktober 2019). Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die durch Budo vermittelt werden können. Allerdings hat zu einem hohen Grad ausgelebter Kollektivismus auch seinen Preis: Burnout und Depressionen sowie das Ausleben der Abweichungen von der Norm in Subkulturen sind in Japan an der Tagesordnung. Aus dem Leben allein für die Gemeinschaft wird im Geheimen ausgebrochen, weil der psychologische Drang zur Selbstverwirklichung Raum finden muss. Die Suizidrate liegt vielleicht auch aus diesem Grund in Japan im weltweiten Vergleich auf Rang 26 (Deutschland: 42) (Wikipedia, Suzidrate nach Ländern, 2023). Der auch im Budo gelebte Kollektivismus sollte daher achtsam gelebt werden. Vor dem Ein- und Unterordnen sollte die Persönlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin stark genug sein, um den Kampf mit dem Ego aufzunehmen und das „kleine Ich“ zugunsten der Gemeinschaft möglichst klein zu halten. Das Unterordnen sollte aus freien Stücken und mit Freude geschehen. Dies kann sich in stark ausgeprägten Hierarchien schwierig gestalten, da dann möglicherweise nicht alle Gruppenmitglieder füreinander da sind, sondern z.B. Niedriggraduierte den Höhergraduierten „zu Diensten“ sein müssen. In meinem Dojo achte ich daher darauf, dass ich mich z.B. bei anstehenden Arbeiten nicht herausnehme, sondern mich beim gemeinsamen Soji oder anderen Aufgaben beteilige. Dies ist m.E. eine deutliche Abweichung der ursprünglichen Budo-Idee, die meiner Meinung nach aber notwendig ist, um diesen Aspekt authentisch umzusetzen. Zusammenfassend sieht mein Budo unter Berücksichtigung der fünf Kulturdimensionen daher so aus: 

  • Eine Machtdistanz, die geprägt ist durch Hierarchie und Strenge bzw. Konsequenz, die aber nicht autoritär ist und ohne Willkür/Unterdrückung auskommt. Die hierarchischen Strukturen gelten für die Dauer der Übungsstunden. Abseits davon gelten die unserer Gesellschaft üblichen Respekt- und Höflichkeitsregeln. Unter den Aspekt der Machtdistanz fallen vor allem die Rollen Routinen und Regeln des Reigi.
  • Abkehr vom rein maskulinen Führungsstil! – Als Frau muss ich weiblichen Budo gehen und leben dürfen. 
  • Unsicherheitsvermeidung durch Regeln und Strukturen, die klar definiert und nachvollziehbar sind und nicht schikanieren oder erniedrigen - die vier R des Reigi (Rollen, Regeln, Routinen und Rituale) bilden hier die feste Grundlage.
  • Langzeitorientierung, die den Geist zur Ruhe bringt – hier kommen Prozessorientierung und meditative Aspekte des Budo zur Geltung 
  • Kollektivismus mit gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung, die alle Mitglieder einbezieht und freiwillig und mit Freude geschieht - hierdurch ergibt sich die Möglichkeit zu wachsen, um anschließend freiwillig den Kampf mit dem eigenen Ego aufzunehmen, um dies zugunsten der Gemeinschaft klein zu halten 



Literatur: 

Kumbruck und Derboven. (2015). Interkulturelles Training (3. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg.

 

Scott Langley. (2014). Karate Stupid. Amazon Distribution.


Werner Lind. (2004). Der geistige Weg der Kampfkünste (5. Aufl.). Barth Verlag.


Wikipedia, Suzid nach Ländern. (2023). Abgerufen 14. März 2023, von https://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_Ländern

 



Montag, 13. Februar 2023

Vorbereitung auf Kyu- und Dan-Prüfungen in der Karateschule Fuji San Münster

Auf dem Karate-Do soll es keinen Stillstand geben. Jede Übungsstunde kann uns auf unserem Do weiterbringen. Gelegentlich freuen wir uns über unsere spontanen und augenscheinlichen Verbesserungen, die wir an uns im Dojo wahrnehmen. Allerdings geht es letztlich im Endeffekt gar nicht um rein technische Perfektion - sondern um unsere Persönlichkeitsentwicklung, unsere Entwicklung zu Menschen, die zufrieden sind und sich gleichzeitig verantwortungsvoll in Bezug auf ihre Mitmenschen und die Umwelt verhalten. Aus uns und unseren Schülerinnen und Schülern sollen Menschen werden, die gelernt haben, das "kleine Ich", wie es Werner Lind beschreibt (Lind 2004), zu zähmen, um ein höheres Selbst zu erreichen. Unser körperliches Karatetraining ist lediglich der Weg dorthin. Und unsere Gürtelprüfungen sind nicht mehr als kleine Orientierungshilfen auf diesem Weg. 

Gelegentlich werden wir Karatelehrer*innen gefragt, wie lange es dauert, bis "man den schwarzen Gürtel hat". Der "schwarze Gürtel" - also die Prüfung zum 1. Dan - ist das ferne Ziel vieler Karateka. Die meisten ahnen anfangs noch nicht, dass der (in unserem Verband) letzte offizielle Farbwechsel kein finales Ziel ist, sondern lediglich der Schritt auf eine neue Lern- und Studienebene. Gleichwohl ist es verständlich und motivierend, sich Ziele zu setzen und diese können in unserer Kampfkunst auch in dem Absolvieren von (Gürtel)Prüfungen bestehen. 

Für die Vorbereitung auf die DJKB-Prüfungen sind für uns zunächst einmal die Vorgaben des Dachverbandes die Mindestvoraussetzungen: Der DJKB schreibt zeitliche Wartezeiten zwischen den einzelnen Stufen vor. Uns ist sehr daran gelegen, den Begriff Wartezeit nicht wörtlich zu nehmen - es gilt nicht "abzuwarten, bis die Zeit herum ist", sondern sich intensiv übend weiterzuentwickeln. Anfangs sind hier zwischen dem Weiß- und Gelbgurt mindestens zwei Übungseinheiten pro Woche zu absolvieren. Diese Übungsfrequenz sollte konstant gehalten und spätestens auf dem Weg zum 3. Kyu erhöht werden. Zur Vorbereitung auf eine Dan-Prüfung sollte generell die Freizeit auf das Karate-Training fokussiert sein. Die Warte- bzw. Vorbereitungszeiten sehen wir zudem als absolute MINDEST-Zeiten an. Im Regelfall sollte die Zeit zwischen zwei Prüfungen nach unserer Vorstellung etwa ein Jahr betragen. Für Karateka, die besonders fleißig oder sportlich talentiert sind und denen die technische Weiterentwicklung leicht fällt, mag diese Frist lang und ungerecht erscheinen. Hierbei ist allerdings u.a. zu beachten, dass es beim Wechsel auf verschiedene Graduierungsstufen unterschiedliche Reifeprozesse gibt. Beim Wechsel in die Mittel- und Oberstufe muss vor allem bei Kindern auch die körperliche Konstitution und auch die Körpergröße berücksichtigt werden. Aber auch zunehmende Anforderungen an körperliche Übungselemente dürfen hier nicht außer Acht gelassen werden. Und es darf schließlich nicht vergessen werden, dass es zur Erlangung des ersten Meistergrades auch einer mentalen/geistigen Reife im Sinne des Karate-Do bedarf. Hierzu gehört auch das Warten-Können und die Ausbildung von Geduld, die Reduzierung des eigenen Ego und der eigenen Befindlichkeiten. Auch wenn es verständlich ist, dass gelegentlich private Umstände eine vorgezogene Kyu- oder Dan-Prüfung wünschenswert erscheinen lassen, so ist gelegentlich genau dies der richtige Zeitpunkt dafür, inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und sich im Dojo auf einen inneren Fortschritt zu konzentrieren, indem jede Übung bewusst und ohne Ausrichtung auf eine mögliche Prüfung ausgeführt wird. Die hier erreichten Fortschritte gehen weit über die vermeintlich durch eine Gürtelprüfung erlangten hinaus. 

In der Karateschule Fuji San Münster können DJKB-Prüfungen abgelegt werden. Über den Zeitpunkt der nächsten Kyu- oder Dan-Prüfung entscheidet unser lizensierter Prüfer bzw. unsere lizensierte Prüferin. Grundsätzlich legen wir auch Wert darauf, dass externe Prüfer*innen Prüfungen abnehmen. Darin sehen wir in den meisten Fällen eine Qualitätssicherung unserer Arbeit. Im Regelfall haben wir gut im Blick, wer für eine anstehende Gürtelprüfung in Frage kommt. Wir möchten jedem Prüfling in Aussicht stellen, möglichst gut vorbereitet in eine Prüfungssituation zu gehen und anschließend das Gefühl zu haben, diesen neuen Schritt gut und verdient gemeistert zu haben. Sobald wir angesprochen werden, wann eine neue Prüfung ansteht, werden wir mit unseren Prüflingen die Prüfungsvorbereitung individuell planen und durchführen. Die Anfrage sollte daher nicht unmittelbar vor einem angekündigten Prüfungstermin gestellt werden, sondern bereits einige Wochen/Monate zuvor. Bei allem Trainingseifer darf nicht vergessen werden, dass Karate-Do kein Wettrennen ist und der Do keine Abkürzung kennt, siehe auch hier: Der Do kennt keine Abkürzung 

Literatur: Werner Lind, Der geistige Weg des Budo, Barth Verlag, 2004

Sonntag, 12. Februar 2023

Der Do kennt keine Abkürzung

Viele Jahre lang hatte meine Familie gemeinsam mit einer befreundeten Münsteraner Familie Skiurlaub in den Alpen verbracht. Die An- und Abreise mit Autos erfolgte in etwa zeitgleich und dennoch getrennt. Im Regelfall nahmen wir verschiedene Wege: Die andere Familie bevorzugte den Weg über Kassel und wir nahmen meist die „Sauerlandlinie“ über die A45: Gelegentlich gab es mal einen „Zwischenstand“, wo man grade eine Rast einlegte, und irgendwann schrieb jemand „Sind jetzt da“ oder „Sind zu Hause“. Nicht selten dachte ich mir: „Wieso sind die schon da? Warum sind die schneller?“ Sobald ich bewusst darüber nachdachte, wurde mir klar, wie unsinnig diese Gedanken waren und sind! Und so wird es vermutlich auch jeder Person gehen, die diesen Text liest: Fahrten mit dem Auto sind doch kein Wettrennen, man soll sich hier nicht stressen und unter Druck setzen! Im Zweifelsfall kann ein Hetzen hier zu Unachtsamkeit führen und schlimmstenfalls zu einem Unfall mit existenzbedrohenden Folgen! 

 

Wir können diese Reise mit unserem Karate-Weg vergleichen. Zunächst möchte ich vor allem denjenigen, die sich erst seit kurzer Zeit mit Karate beschäftigen, beschreiben, was wir unter Karate verstehen: Karate kann als sportliche Betätigung ausgeübt werden – gelegentlich höre ich aus den Kinderkursen ein fast entsetztes „Ich schwitze ja!“ 😏 Karate als körperliche Ertüchtigung, als physische Anstrengung, Training – ja, ganz unbestritten. Und noch viel mehr. Wer einige Monate oder Jahre Karate praktiziert, wird irgendwann feststellen, dass sich Bewegungen und Kata-Abläufe automatisieren, dass man nicht mehr über die nächsten Techniken nachdenken muss, sie sich fast automatisch einstellen. So kann es vorkommen, dass sich bei der Nennung einer nun auszuführenden Kata durch den Trainer spontan vor dem inneren Auge die Anfangssequenz der Kata einstellt – und die weiteren Bewegungen dann quasi von selbst ablaufen. Dies ist eine sehr produktive Trainingsphase, da nun nicht nur die technischen Abläufe "sitzen", sondern die Kata mit Ausdruck und „Leben“ gefüllt werden kann. Hierdurch kann Kata zu einer Form der Meditation werden. Beim Kumite gibt es parallele Phasen: Anfangs werden die japanischen Kumite-Begriffe erlernt und die Basis-Angriffs- und Blocktechniken. Anschließend werden mögliche Bewegungsmuster, Ausweich-Optionen oder ähnliches erlernt und ausprobiert, bis sie sich – ohne darüber nachdenken zu müssen – automatisch einstellen. Hierbei spielt es keine Rolle, ob die Herausforderung im eher athletischen Freikampf oder in anderen Kumite-Formen gesucht wird. Das höchste Level, das ich beim Kumite bisher erlebt habe (und es gibt sicher noch höhere Ebenen, die mir noch verschlossen sein mögen), ist eine absolute innere Leere bei einer Begegnung: Kein inneres Wollen, keine Angst, keine Überlegenheit – das ist pures Zanshin oder eben die Leere, nach der unsere Kampfkunst benannt ist. Aber bis hierhin war es für mich ein weiter Weg. Und der Weg ist noch lange nicht zuende. Für diesen Karate-Weg braucht es viel Geduld und eine gute Resilienz, um mit Scheitern und Frustrationen umgehen zu können. Weit über Techniktraining hinaus und über den Versuch, körperliche Fähig- und Fertigkeiten zu optimieren, geht es auch um das Auseinandersetzen mit sich selbst, um inneres Wachstum und um das Erforschen der persönlichen Werte. Mein Weg dauert nun fast 40 Jahre. Wieviele Jahre mögen noch folgen? Wenn ich gesund bleibe – vielleicht weitere 15? Dann wäre ich 70 Jahre alt und könnte auf rund 55 Jahre Karate zurückblicken. 

 

55 Jahre sind eine lange Zeit und – um auf das Reisen zurückzukommen – ein langer Weg. Beim Reisen kürzt man gerne die Reisezeit ab: Man kann, statt zu gehen, das Fahrrad nehmen. Statt mit dem Rad zu fahren, kann man autofahren oder den Bus, die Bahn nehmen. Die Bahn dauert zu lange? Dann nehmen wir das Flugzeug. Mit dem Flugzeug kann man ruckzuck von einem Ende der Welt zum anderen gelangen – das macht Sinn, wenn man es eilig hat. Allerdings verpasst man auf dem Zwischenweg die Landschaft, lernt die fremden Kulturen und Menschen auf dem Weg nicht kennen, versucht keine neuen Speisen in den Ländern, die man „überflogen“ hat. Vielleicht kommt man plötzlich am „Ziel“ an – einer tropischen Insel mit schwül-warmem Klima, einer fremden Sprache und ungewohnten Ess-Gewohnheiten. Oft genug fühlt man sich fremd und fehl am Platz und sehnt sich nach etwas Vertrautem und Bekanntem – zum Glück gibt es in der Club-Anlage kontinentales Frühstück „wie zu Hause“ und auf dem Hotelzimmer gibt es WLAN, so dass man vertraute Filme streamen und mit den Freund*innen zu Hause chatten kann. Das Hotelpersonal spricht neben der Landessprache Englisch oder vielleicht sogar Deutsch. Und nach zwei Wochen geht es wieder zurück nach Hause, wo man vom herrlichen Urlaub erzählen kann in einem fremden Land, das man im Grunde gar nicht kennengelernt hat. 

 

So oder ähnlich kann man auch ein Karateleben gestalten: Die im Training vermittelte asiatische Kultur hat ein exotisches Flair und wenn ich in kurzer Zeit meine kleinen Erfolge in Form von Gürtelprüfungen habe, ist das vergleichbar mit einer Flugreise: Ich komme „schnell voran“, die schnellen Erfolge schmeicheln meinem Ego. Ich kann stolz berichten, Träger*in eines Farbgurtes oder des sounsovielten Dan zu sein. Aber im Grunde bleibt meine Reise oberflächlich, auf ein exotisches Ziel fokussiert und ohne (Er)Leben. 

 

Bei Kindern ist  Ungeduld meiner Meinung nach gut verständlich und bereits hier gilt es im Sinne nachhaltigen Lernens, zu schnelles „Reisen“ zu vermeiden. Ganz unbestritten: Kinder müssen das Warten lernen und vor allem lernen, auf ein erwünschtes Ziel hinzuarbeiten. Und auch Erwachsenen tut es gut, über die eigene Reisegeschwindigkeit und das „Reisemittel“ nachzudenken. In einigen Dojos ist es absolut verpönt und vielleicht sogar verboten, den oder die Sensei zu fragen, wann denn der Zeitpunkt für die nächste Prüfung gekommen sei. Diese Strenge legen wir bei uns im Dojo nicht an den Tag und bei uns ist es zulässig und auch erwünscht, zwischendurch eine „Standortbestimmung“ abzufragen. Gerne bieten Torsten und ich dann an, auf der "Karate-Weltkarte" zu schauen, wo unsere Schüler*innen grade stehen  und was sie benötigen, um die nächste Reise-Etappe zu bewältigen, die nächste Station auf dem Do zu erreichen. 

 

Wer gerne mit dem Flugzeug reist, um die Reisezeit abzukürzen, sieht auf der Reise oftmals nur Flughäfen und  Hotels. So ähnlich ist es auch auf dem Karate-Do: Wer den Weg abkürzen will, sieht oft nur die nächste Gürtelfarbe. Mein Tipp: Reise lieber langsam und nimm die Umgebung um Dich herum wahr. Geh zu Fuß und atme den Duft des Waldes ein, spüre die Steine unter Deinen Schuhen, höre das Rauschen des Windes in den Baumkronen und lausche dem Gesang der Vögel. Und dann entscheide im Anschluss, welche Art zu reisen Dich wirklich weitergebracht hat. Was wird eher im Gedächtnis bleiben – der 2-Wochen-All-Inclusive-Urlaub in den Tropen oder die herausfordernde fünftägige Wanderung in der Natur eines Mittelgebirges? 

 

Entscheide selbst, wie Du auf Deinem Karate-Do und letztlich auf Deinem Lebensweg reisen willst. Wir sind Dir gerne Reisegefährt*innen und unterstützen Dich auf Deinem Do. Allerdings kannst Du bei uns immer nur den Weg der nächsten Etappe „buchen“. Die Reisedauer kannst Du nicht beschleunigen und Pauschalreisen bieten wir leider nicht an. Und was gar keinen Sinn macht, ist zu vergleichen, ob andere auf ihrer Lebensreise schneller oder langsamer unterwegs sind als Du selbst. Vielleicht ist am Ende die Person, die den längeren Weg gewählt hat, von der Reise mehr bereichert, als Du, wenn Du die Abkürzung gewählt hast. 

 

Ein paar Fragen zum Schluss: Wohin willst Du denn überhaupt auf Deinem Do und was glaubst Du, was passiert, wenn du „angekommen“ bist? Was ändert sich mit der nächsten Gürtelfarbe? Was ist besser, wenn Du den „schwarzen Gürtel“ endlich hast? Ich kann verraten, wie es bei mir war und ist: Mit jeder erreichten Etappe wurden und werden die spürbaren Erfolge kleiner und seltener. Also lass Dir Zeit auf Deinem Weg. Storniere Deine Flugreise und zieh die Wanderschuhe an. Und dann geh Deinen Weg. Schritt für Schritt. 

 

Osu, Andrea

Dienstag, 3. Januar 2023

Fortbildung: „Nutzung kampfsportspezifischer Trainingsmittel im Unterricht“ - Modul 1

 


Fortbildung für Karate-Trainer*innen

 „Nutzung kampfsportspezifischer Trainingsmittel im Unterricht“

Aufbaumodul zur Ausbildung in der Karateschule Fuji San Münster

 

Modul 1: Nutzung von Pratzen/Schlagkissen im Unterricht

Dauer: 6 UE

Curriculum: T = Theorie, P = Praxis (TN ausprobieren/erfahren lassen)

-          Warum Pratzen/Schlagkissen im Unterricht?                                                          2 UE

Ziel: TN sollen lernen, zu welchem Zweck Pratzen/Schlagkissen im Unterricht eingesetzt werden können.

o   T Kontakttraining mit Personen nur begrenzt möglich, da Verletzungsgefahr

o   T Aufprall-/Einschlagstärke ist abhängig von Geschwindigkeit, Kraft und Größe der Trefferfläche

o   Je größer das Schlagkissen, desto mehr verteilt sich die Aufschlagenergie und desto weniger muss der Körper der haltenden Person aufnehmen.

o   Passende Zuordnung von Partner*innen:

§  Etwa gleiche Körpergröße

§  Etwa gleiche Kraft

§  Grundsätzlich kann die Zuordnung unabhängig vom Alter und/oder Geschlecht erfolgen – bei speziellen Gruppen-Zusammensetzungen kann hierauf ggf. dennoch Wert gelegt werden.

o   P Möglichkeiten, Verletzungen zu vermeiden sind:

§  Training mit etwas Abstand zum Partner/zur Partnerin

§  Training mit Kontakt aber in Zeitlupe

§  Training mit Schutzausrüstung (z.B. Schlagkissen)

o   P Wenn ein Faustschützer die Faust der schlagenden Person schützt, schützt ein Schlagkissen in erster Linie den Körper der den Schlag oder Tritt empfangenden Person.

o   Umgang mit Überlastungen / Verletzungen

§  Erinnerung an Erste-Hilfe-Basis

§  PECH-Formel

§  Hinweis auf Cool-Packs und Sanitätskoffer

§  Trainingspause, Trainingsstopp

§  Basiswissen Trauma: Umgang mit Trigger-Situationen

-          T Verschiedene Arten von Pratzen/Schlagkissen und mögliche Einsatzbereiche vorstellen                                                                                                                    1 UE

Ziel: TN sollen die verschiedenen Einsatzbereiche von Pratzen/Schlagkissen kennenlernen.

o   Handpratzen

§  Kleine, runde Handpratzen, weich

§  Kleine, Handpratzen, verschiedene Härtegrade

§  Kleine, Handpratzen, gebogen (ergonomisch an Handhaltung angepasst)

§  Einsatzmöglichkeiten

·         Training mit Partner*in (mindestens zwei Personen)

·         Fausttraining

·         Reaktionstraining auch mit Fußtritten

o   Unterarmpratzen

·         Training von Fußtritten

o   Große Pratzen, verschiedene Härtegrade

·         Training von Schlägen

·         Training von Tritten

-          P Techniktraining an der Pratze/am Schlagkissen                                                   3 UE

TN sollen die Ausführung verschiedener Kampfsporttechniken an der Pratze/am Schlagkissen kennenlernen. Hierbei wird sowohl die Position der haltenden Person als auch die der ausführenden Person betrachtet. Hierbei werden Hinweise gegeben, um Verletzungen durch falsche Halte- oder Ausführungs-Techniken zu vermeiden. Zudem soll darauf geachtet werden, körperliche Schäden durch Überlastung zu vermeiden.

o   Handpratzen (Grundposition, z. B. für Ausführung Tsuki Waza)

§  Haltende Person:

·         Beide Hände in die Pratzen schieben und Pratzen ggf. mit Klettverschluss verschließen (evtl. Trainingspartner*in um Hilfe bitten)

·         Hände mit den Handflächen zum Partner/zur Partnerin auf Höhe der Schlüsselbeine vor dem Körper halten, hierbei leichte Spannung in den Oberarmen

·         Der Abstand der Hände zum Körper sollte so groß sein, dass man die Rückseiten beider Hände bzw. Pratzen gerade noch sehen kann. Sind die Hände zu weit vom Körper entfernt oder zu nah dran, belasten die ankommenden Schläge oder Tritte möglicherweise die Gelenke zu stark oder die Schlagkraft kann nicht optimal absorbiert werden.

·         Bei zu erwartenden Schlägen oder Tritten soll mit den Händen ein leichter Gegendruck aufgebaut werden.

·         Bei Anfänger*innen ist zu beachten, dass die Halteposition sehr anstrengend sein kann. Zudem kann eine psychische Belastung durch das ungewohnte Aushalten von Erschütterungen eintreten. Hier ist darauf zu achten, dass die Trainingsintensität und die Trainingsdauer mit Augenmaß gesteigert werden.

§  Schlagende Person

·         Korrekte Fausthaltung: Finger eng einrollen, Daumen schließt Faust auf Höhe der mittleren Fingerglieder ab.

·         Trefferfläche sind die ersten Fingerglieder, vorzugsweise von Zeige- und Mittelfinger.

·         Es ist darauf zu achten, dass Faustrücken und Unterarm eine grade Linie bilden und die Faust weder nach vorne, noch nach hinten abknickt.

·         Bei absoluten Anfänger*innen ist zu beachten, dass die Haut an den Faustknöcheln sehr empfindlich sein kann. Bei beginnender Rötung muss das Training zu nächst pausieren. Im Laufe der Zeit stellt sich zunehmend eine Unempfindlichkeit ein. Alternativ können im Anfänger*innen-Bereich oder bei sehr intensivem Handpratzentraining Faustschützer oder Boxhandschuhe getragen werden.

o   Unterarmpratze (Grundhaltung: Halten vor dem Rumpf, Tritt mit Trefferfläche Schienbein)

§  Haltende Person: Die Pratze wird über einen Unterarm gezogen, so dass die Pratzenfläche auf der Rückseite des Unterarms liegt. Die Pratzenfläche wird der schlagenden Person entgegengehalten. Ellenbogen des haltenden Arms wird ca. 90 Grad gebeugt, Unterarm etwa waagerecht um Fußboden.

Bei erwartetem Tritt muss ein leichter Gegendruck aufgebaut werden.

§  Tretende Person: Zur detaillierten Ausführung von Tritttechniken wird auf den Karateunterricht verwiesen. Bei Übung eines Halbkreisfußtritts soll die Unterarmpratze mit dem Fußspann oder dem Schienbein getroffen werden.

o   Große Schlagkissen (Grundhaltung: Halten des senkrecht ausgerichteten Kissens vor dem Körper)

§  Haltende Person: Die Schlagkissen sind möglichst an den Riemen zu halten und fest an den Körper zu drücken. Es sollte vermieden werden, einen Arm quer durch die Schlaufen zu schieben, da der Arm z. B. bei starken Fußtritten verletzt werden kann. Bei zu erwartendem Stoß oder Schlag ist mit dem Körper ein gemäßigter Gegendruck aufzubauen. Bei kleineren Kindern ist darauf zu achten, dass das Gesicht nicht von der Pratze bedeckt ist. Es muss auch das Kinn über den oberen Rand des Schlagkissens hinwegschauen, da bei Schlägen/Tritten ansonsten die Lippen/Zähne verletzt werden könnten.

§  Schlagende/tretende Person: Zur detaillierten Technikausführung wird auf den Karateunterricht verwiesen. Je nach Technik ist eine ausreichende und passende Distanz zu wählen. Es ist darauf zu achten, dass hinter der aktiven Person ein Sicherheitsabstand zu den wartenden Personen eingehalten wird, da z. B. bei Ausführung von Tsuki der Ellenbogen nach hinten stößt. Als Trainer*in muss beobachtet werden, ob die Kraftausrichtung optimal gegen das Kissen verläuft oder ob sich die aktive Person ggf. von dem Kissen „wegdrückt“. Bei Anfänger*innen ist die korrekte Fauststellung zu beachten (siehe Beschreibung oben) und ggf. die korrekte Fußhaltung und Auftreffer-Fläche (Fußspann, Ballen etc.).

o   Praktisches Training: Ausprobieren aller Pratzen-/Schlagkissenvarianten je als haltende und als aktive Person. Möglichkeit, sich gegenseitig zu korrigieren, Hinweise zu geben.

o   Reflexion in der Gruppe

§  Was hat gut funktioniert, was weniger gut?

§  Welche Fehler wurden bei den Trainingspartner*innen wahrgenommen? Konnte eine Korrektur erfolgen?

§  Gibt es Blessuren, Verletzungen?

§  Haben die TN weitere Hinweise, Tipps, eigene Ideen für die Bereicherung des Trainings?

o   Feedbackrunde

o   Abschied