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Sonntag, 9. Mai 2010

I hired a contract killer

Mein Mann und ich kommen grade aus dem Wolfgang-Borchert-Theater zurück. Es gab Aki Kaurismäkis "I hired a contract killer". Wir hatten extra Karten vorbestellt - stolze 19 Euro pro Karte, denn ich wollte gerne recht weit vorne sitzen. Wir kamen erst spät los und mussten auch noch zum Geldautomaten. Ich war fast sicher, dass die Karten nicht mehr zurückgelegt waren, war es doch schon kurz vor Vorstellungsbeginn, als wir das Theater erreichten. Ich sprang schnell aus dem Auto und überließ Frank die nervige Parkplatzsuche. Im Foyer die erste Überraschung: außer mir nur ca. fünf Leute da! Hatte ich mich doch mit der Anfangszeit vertan? Dann kam Frank und es erklang auch gleich der "Gong" in Form eines schrillen Klingelns. "Scheiß Klingelton", grinste Frank und wir betraten den Zuschauerraum. Lags an der Landtagswahl oder am Muttertag? Jedenfalls war das Theater nur zu einem Drittel gefüllt. Die Platzanweiserin forderte dann auch großzügig alle, die auf den hinteren Sitzen Platz genommen hatten, auf, sich doch gerne nach vorne zu setzen. Na prima, da hätten ja auch 16 Euro für die "billigen Plätze" gereicht! Unmittelbar vor uns waren noch zwei Plätze in der ersten Reihe frei - ich hatte schon fast meinen Handtaschen-Rucksack auf den Sitz vor mir geworfen, da hörte ich meinen Mann neben mir murmeln: Ich bleib hier, hab keinen Bock, zu wechseln! Und da waren auch schon zwei andere Leute auf den Sitzen vor uns - fassungslos stellte ich fest, dass es sich offenbar der Größe nach um zwei Basketballspieler handelte!

Nun, meine Stimmung passte gleich zu Beginn also schon mal recht gut zu einem Stück, in dem sich ein Suizid-Kandidat von einem Auftragskiller töten lassen will, weil in seinem Leben einfach alles schief zu gehen scheint!

Als das Stück begann, fiel mir schlagartig wieder ein, was ich im Feuilleton der Westfälischen Nachrichten darüber gelesen hatte: Handlung unterhaltsam mit überraschenden Wendungen, Kullisse einfallsreich - und: selbstgemachte Geräusche. Das heißt: Türenknarren, ein klimpernder Schlüsselbund oder auch die Fahrgeräusche der U-Bahn und das Quietschen eines über Papier gleitenden Filzstiftes wurden von Schauspielern gemacht, die grade keine Rolle zu spielen hatten. Es war herrlich! An einer Stelle vergaß einer der Schauspieler mal, das Türquietschen nachzuahmen und man kam sich fast so vor, als wäre der Lautsprecher defekt ;-) Die U-Bahn war so genial untermalt - man hatte direkt den typischen, muffigen Geruch der Tube oder auch der Metro in der Nase, die heiße, trockene Luft im Gesicht und fühlte sich irgendwie "ungewaschen", als hätte man einen ermüdenden Tag voller Fahrten unter der Erde in Verbindung mit ermüdenden Fußmärschen hinter sich gebracht.

Die Handlung ist fix erzählt: Der in London lebende Franzose Henri Boulanger lebt ein Leben ohne Höhepunkte. Selbst seinen 42 Geburtstag nimmt er nicht zur Kenntnis - und auch sonst niemand! Dann verliert er seinen trockenen und langweiligen Job in der Londoner Stadtverwaltung und plötzlich fällt ihm auf, dass er jetzt nichts und niemanden mehr hat! Selbst "Tante Charlotte", die einzige Verwandte, die ihm einfällt, ist inzwischen tot! Henri beschließt, dass sein Leben keinen Sinn mehr macht, kündigt seine Wohnung und besorgt sich einen Strick. Mit der Schlaufe um den Hals springt er von einem Hocker - doch der Haken bricht aus der Wand und Henri überlebt! Dann will er sich mit Gas aus seinem Herd vergiften - leider streiken in diesem Moment die Gaswerke! Ergebnis: Henri lebt! Zufällig erfährt er, dass im Drogenmillieu Auftragskiller ihr Unwesen treiben - das ist die Lösung! Er läßt sich in die finsterste Ecke Londonds fahren, in die sich selbst der Taxifahrer nicht mehr traut. Besonders genial dargestellt waren jetzt die finsteren Gestalten, die er hier um Hilfe bittet! Gegen viel Geld kann er tatsächlich einen Killer anheuern. Zurück in seiner Wohnung ist er - vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben - richtig aufgeregt! Er lauscht, ob der Killer schon vor der Tür steht und stellt sich schon mal vor die geöffnete Tür, um diesen zu erwarten. Der Killer kommt aber noch nicht und nach einer Weile beschließt Henri, in den Pub gegenüber zu gehen, um etwas zu essen. Dort trifft er die Blumenverkäuferin Margaret ("wolle Rose kaufe" hat sie zwar nicht gesagt, aber ich denke, das ging allen Zuschauern durch den Kopf ;-) und verliebt sich. Plötzlich hat sein Leben einen Sinn! Mist, jetzt hat er ja den Killer beauftragt! Es beginnt eine atemberaubende Jagd vor dem Unhold, der ja eigentlich auch nur wie Henri immer bisher in seinem Leben, sehr pflichtbewusst ist. Der Killer selbst befindet sich im Endstadium einer Lungenkrebserkrankung und will nur noch eben diesen Auftrag erfüllen - ist natürlich jetzt umso verbissener. Herrlich, mit welchen Mitteln hier auf der Bühne agiert wird! Das ist doch das Schöne am Theater - wie hier mit relativ wenigen Mitteln Szenen dargestellt werden können, für die es sich Filmemacher mit Special-Effekts leicht machen!

Sehr genial war in diesem Stück auch die Dreh-Bühne, die mit wenigen Handgriffen oder durch in die Handlung integrierte Bewegungen eine neue Kulisse entstehen ließ! Die Handlung trat diesmal hier fast in den Hintergrund und das Ende war keine große Überraschung: Am Ende der Verfolgungsjagd stehen sich Killer und Auftraggeber gegenüber, der Killer erzählt kurz von seinem eigenen Schicksal, zieht die Pistole, zielt auf Henri - und bringt sich dann selbst um! Henri hat es geschafft, er ist den Killer los! Jetzt freut er sich auf ein Leben mit Margaret, die im Taxi zu ihm eilt:"Fahr schneller!", ruft sie dem Taxifahrer zu. Der tut wie geheißen - und fährt dabei Henri über den Haufen, der prompt von der Bühne fällt! Hier liegt er reglos, Margaret, Taxifahrer und die Zuschauer schauen fassungslos auf den reglosen Körper! Aber da regt er sich auch schon wieder, rappelt sich auf, schaut überrascht in die Zuschauerreihen - und das Stück ist zuende.

Insgesamt war es ein sehr kurzweiliger Abend! Das Stück dauerte nur eineinviertel Stunden, es gab keine Sektpause zum Geldausgeben und so waren die 19 Euro auch schon wieder relativiert. Meinem Mann hab ich die verpassten Sitze in der ersten Reihe auch vergeben: Die "Basketballspieler" genossen die Beinfreiheit und rutschten tief in die Sitze und schließlich hatten wir nach dem Stück noch einen schönen Spaziergang am Kreativkai entlang. Ein sehr schöner Abend - das Leben kann so schön sein :-))

Montag, 13. April 2009

Faust mit den Kids

Das war ein echt gelungenes Osterfest (und es ist ja noch nicht vorbei): erst die schöne Tour durch Kinderhaus am Samstag, dann gestern erst Eiersuchen, ein schönes Frühstück und dann ein schöner Spaziergang mit den Kids am Kanal (Schleuse). Schließlich noch Oma und Opa zum Kaffee und dann .... hatte ich die Großen mal gefragt, ob sie nicht Lust hätten, mit mir zusammen den Faust (Teil I) anzusehen. Am Ostersonntag sollte nämlich die Wiederaufnahme in den neuen Spielplan beginnen. Franzi war natürlich sofort begeistert, Felix schwankte etwas. Dann kam er aber doch mit.

Das Theater war trotz des Feiertags fast ausverkauft. Naja, die oberen Ränge, auf denen auch wir mit unseren 5-Euro-Tickets saßen, hatten noch etwas Luft - aber ansonsten war echt gut was los. Natürlich waren meine Kids mit die Jüngsten und kurz beschlichen mich doch Zweifel, ob das eine gute Idee war, sie mitzunehmen. Wären sie nicht doch überfordert?

Wir fanden unsere Plätze schnell: ganz oben, rechts außen. Mit Frank hatte ich beim ersten Ansehen der Vorstellung auf der anderen Seite gesessen. Jetzt also alles aus einer anderen Perspektive - ich war gespannt.

Das Stück hat für Nicht-Kenner eindeutige Längen am Anfang, wo die Zerrissenheit und die Suche des Faust nach dem, "was die Welt im Innersten zusammenhält" erklärt wird. Hier musste ich den Kids das Ein- oder Andere erklären. Die beiden hatten doch auch einige Probleme mit der Versform. Das hat mich allerdings etwas gewundert, denn Gedichte wie Der Zauberlehrling sind ihnen schon vertraut.

Felix baute dann bereits nach einer Viertelstunde ab, turnte beängstigend auf der Ballustrade herum und meinte fortwährend, er müsste jetzt zur Toilette oder einmal so im Treppenhaus herumlaufen. Eine Weile lang konnte ich ihn dazu bewegen, zu bleiben. Aber nach eineinhalb Stunden ließ ich ihn dann laufen. Da wäre ja auch ein normaler Kinofilm zuende gewesen. Kurz vor der Pause kam er dann wieder zu uns (ich hätte gewettet, er würde im Foyer auf uns warten). Er versicherte, in der Pause heimfahren zu wollen (das hatten wir so abgesprochen für den Fall, dass es den Kindern nicht gefällt und das kann man sich ja bei den billigen Eintrittskarten auch durchaus herausnehmen). Wir besprachen dann schon einmal leise, wie wir das mit dem Fahrradschloss regeln würden (er hatte die Kinderräder mit seinem Schloss versehen). Dann fragte ich ihn, ob es Sinn machen würde, ihn mit dem Kauf einer Laugenbrezel in der Pause zu "bestechen" und er sagte doch tatsächlich mit leuchtenden Augen "Ja"! Das hätte ich nicht gedacht, dass ich ihn so leicht rumkriege ;-) Aber ich glaube auch, er wollte sich nicht die Blöße geben und alleine vorzeitig nach Hause fahren. Franzi hatte nämlich zunehmend Gefallen am Stück gefunden.

In der Pause fielen die Kids natürlich erstmal über die Schälchen mit dem Gratis-Kabberzeug her, das in dem Gastronomiebereich auf den Tischen stand. Es war mir einerseits ein bischen peinlich, wie sie da so durch die Räume pflügten und die Tische plünderten - andererseits wiesen sie mich auch empört darauf hin, dass ein kleines Glas stilles (!) Wasser 2,50 Euro kosten würde. Da war mein Gewissen dann wieder beruhigt. Zum Glück hatte ich in meinem kleinen Rucksack zwei kleine Flaschen Wasser hereingeschmuggelt ;-)

Die Zweite "Halbzeit" dauerte dann nur noch eine knappe Stunde. Ich konnte Felix schon gleich nach der Pause beruhigen, dass thematisch nicht mehr viel kommt. Die Tatsache, dass ich recht "faustfest" bin und auch diese Inszenierung schon kannte, kam mir hier am Schluss doch zugute: Grade die Tatsache, dass Gretchen erst ihre Mutter umbringt um sich mit Faust zu vergnügen, dass sie schwanger wird, dass ihr Bruder heimkommt und von ihren Schandtaten gehört hatte, schließlich, dass sie ihr Kind getötet hat und deshalb selber zum Tode verurteilt wurde - das muss man wissen, sonst erkennt man es nicht. Hier wurde viel mit Symbolen gearbeitet. Der Tod der Mutter wird durch einen Gospelchor angedeutet, der singt: Sometimes I feel like a motherless child. Da muss man erst mal drauf kommen. Naja, aber das konnte ich alles den beiden Großen erklären und grade Franziska hat es super aufgenommen.

Nicht nur für Felix kam dann unser persönliches Highlight der Aufführung kurz vor Schluss. Franzi stupste mich plötzlich mit großen Augen an und wies zu meiner Linken - und da stand er plötzlich, nur eine Armlänge voraus, direkt in unserer Loge: der Leibhaftige! Tatsächlich erinnerte ich mich plötzlich, dass der Teufel ja Faustens Seele am Ende des Stückes einfordert - und zwar von einem Balkon aus. Tja und das war eben UNSER Balkon! Die Kids waren natürlich ehrfürchtig erstarrt und auch Felix fiel das Stillsitzen plötzlich für die letzten Minuten gar nicht mehr schwer ;-)

Ich glaube, das Stück hat einigen Eindruck bei den Kids hinterlassen. Ich hatte ihnen schon zu Beginn gesagt, dass es nicht wichtig ist, jedes Wort zu verstehen. Es reicht, wenn man die Zusammenhänge begreift und vor allem auch die schönen Verse einfach mal auf sich wirken läßt. Besonders die letzten Musikstücke waren den Kids auch bekannt (z. B. Highway to Hell von ACDC), da kam schon echt Begeisterung über. Sprichwörter, die uns auch oft im Alltag begegnen wie "Das also ist des Pudels Kern" oder die berühmte "Gretchenfrage" konnten hier erklärt werden. Franzi stellte viele kluge Fragen, z. B., ob der Faust schon von Anfang an böse sei. Ich sagte erst "eigentlich nicht, er ist nur auf der Suche nach etwas wie dem Sinn des Lebens". "Ja, aber im Stück heißt es doch: Du suchst den Geist, der dir am meisten gleicht. Also muss er dem Teufel doch auch da schon ähnlich gewesen sein." Tja, da kam ich dann auch ins Grübeln. Vielleicht tragen wir einfach alle schon etwas mephistophelisches in uns - und so sympatisch wie der alte Schelm überkam, finden wir uns in ihm wohl auch gerne wieder ;-)

Wie ich es schon geahnt hatte, ist dieses Stück ein toller Einstieg für Jugendliche in die Welt des Theaters der Klassiker. In jedem Fall war es ein gelungener Abend mal abseits von "Schloss Einstein", "Spongebob Schwammkopf" und co.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Liebestod - eine echte Fernseh-Überraschung!

Das alltägliche Fernsehprogramm ist inzwischen ein echtes Ärgernis geworden! Bestenfalls werden alte Schinken wiederholt, die man schon zig mal gesehen hat - meist ärgert man sich beim "Durchzappen zum Ausspannen" aber nur über die seichte Unterhaltung, die schon an Volksverar..... grenzt.

Umso erfreulicher, wenn es dann ganz überraschend doch ein echtes Film-Highlight gibt! So wie gestern. Und das auf Bayern 3!

Ich kam erschöpft vom Training nach Hause und wollte meinem Mann, der mit dem Programmieren und Ausprobieren eines neuen Mobilfunkgeräts mit Navi beschäftigt war, Gesellschaft leisten. Im Hintergrund lief der Fernseher. Na, dann gib mir mal "die Macht" (zur Abendgestaltung), also die Fernbedienung, sagte ich zu ihm. Ich zappte herum - der übliche Scheiß! Kurz bevor ich die 36 Kanäle einmal durch hatte: Ein See, Rettungsfahrzeuge, Blaulicht - hmmm, könnte ein Krimi sein. Dann Leonard Lansinck. Oh, ein Wilsberg? Aasee? Mal gucken. Es stellte sich schnell raus, dass L. L. nicht als Detektiv ermittelte, sondern als Komissar, als Kollege der Hauptperson. Das lud dann direkt zum Weiterschauen ein! Was ich dann zu sehen bekam, entpuppte sich als der spannendste TV-Krimi, den ich seit Jahren gesehen hatte - nicht gruselnd oder ängstigend wie ein Thriller à la Schweigen der Lämmer o. ä. Aber mit so vielen überraschenden (selten auch voraussehbaren) Wendungen, dass man einfach weiterschauen musste! Ich war eigentlich totmüde, konnte aber unmöglich vor Schluss des Films ins Bett gehen! In der Schlussphase des Films saß ich doch tatsächlich mit echtem Herzklopfen auf dem Sofa! http://www.br-online.de/bayerisches-fernsehen/film-und-serie/liebestod-film-henry-huebchen-ID1231337449536.xml

Leider wurde anschließend ein weiterer TV-Genuss mit demselben Hauptdarsteller gezeigt, dessen Vorschau auch wieder vielversprechend war. Aber da ging ich lieber schnell ins Bett - bevor mir eine schlaflose TV-Nacht bevorstand. Unglaublich! Dass mir sowas noch passieren kann!

Samstag, 31. Januar 2009

Monty Python's Spamalot

Seit gut 20 Jahren versuche ich, meinen Mann für gemeinsame Kulturgenüsse zu begeistern. Ob Theater, Konzerte, Filme oder Bücher, die man nacheinander liest - es war und bleibt ein schwieriges Unterfangen. Umso erfreuter war ich, als im vergangenen Herbst die Initiative einmal von ihm ausging: Spontan besorgte er für uns zwei Karten für Monty Python's Spamalot in Köln! Mein Mann ist ein eingefleischter Monty Python's Fan! Das Leben des Brian, Die Ritter der Kokusnuss, Der Sinn des Lebens und natürlich auch Monty Python's Flying Circus - mein Mann kennt alle Szenen, alle Gags! Ganz so ein eingefleischter Fan bin ich nicht und ich war echt gespannt, wie man den schrägen Humor der britischen Truppe auf die Bühne bringen kann!

Reichlich vor Beginn der Show waren wir am Musical Dome und so war noch Zeit für ein Getränk und ein wenig "Athmosphäre-Schnuppern". Das Publikum war im Schnitt 40+ aber es waren durchaus auch Anfang-Zwanzig-Jährige dabei. Im Foyer wurden wir von bekannten Python-Songs begrüßt, etwa dem Titelsong von Brian oder auch "Every Sperm is useful" aus Der Sinn des Lebens.

Der Besucherraum füllte sich nach und nach aber ausverkauft war die Vorstellung wohl nicht. Ich weiß nicht, ob es an der Akustik lag oder daran, dass das Publikum eher etwas steif war - aber der Szenenapplaus war jeweils nicht grade ohrenbetäubend. Obwohl wir in der letzten Reihe saßen, hatten wir einen guten Blick auf die Bühne.

Die Show begann mit einem Auftritt des "Geschichtenerzählers", der von niemand geringerem als Alfred Biolek dargestellt wurde. Das stimmt nachdenklich, denn wenn eine recht unbedeutende Rolle wie diese mit dem einzigen Promi besetzt wurde, dann scheint die Show ja einen Publikumsmagneten gebraucht zu haben...

Der Geschichtenerzähler führte uns gedanklich in die Welt des frühen Mittelalters, die sogenannten "Dark Ages", also die Zeit des legendären König Arthus. Für die, die sich noch gar keine Gedanken gemacht hatten, was es mit dem Begriff Spamalot auf sich hatte, kam jetzt die Auflösung: Es war natürlich eine Anspielung auf das legendäre Camelot. Der Erzähler berichtete von den damaligen Zeiten und kündigte eine Szene aus dem fernen England an. Auf der Bühne dann eine bunte Wald-und-Wiesen-Kulisse und Menschen in bunten Trachten, die mir sofort irgendwie bekannt vorkamen. Männer und Frauen bei der Waldarbeit und beim Fischen sangen ein fröhliches Lied, das Finnland-Lied, bis Alfred Biolek sie unterbrach und aufklärte, dass nicht das Finnland-Lied, sondern das England-Lied hier richtiger gewesen wäre. Wenn man es hier so liest, sieht der Gag vielleicht etwas platt aus, aus der Situation heraus war es allerdings ganz witzig. Außerdem offenbarte sich hier im Prinzip schon das Hauptproblem des Monty-Python-Humors: Der Humor ist flach, zotig und in der Regel nicht politisch korrekt. Das muss man mögen und verstehen, sonst ist man hier falsch und ärgert sich über den nicht ganz preiswerten Eintritt (Karte auf unseren "billigen Plätzen" bereits knapp 50 Euro pro Person).

Die Geschichte ist schnell erzählt: König Artus sammelt Ritter um sich. Dann fragen sie sich, wozu sie eigentlich zusammen sind. Die "Schöne" aus dem See, eine geheimnisvolle Frau, die schließlich Artus ehelichen wird, schlägt vor, dass sich die Truppe auf die Suche nach dem heiligen Gral begeben soll, der natürlich schlließlich - nach dem Übewinden aller erdenklichen Hürden und Schwierigkeiten - auch gefunden wird. Der Gral ist dann nicht nur der heilige Kelch der Apostelrunde, sondern wird zur Metapher für den Sinn des Lebens eines jeden der beteligten Hauptpersonen (Artus, Schöne, Lancelot...).

Die Ritter der Kokusnuss sind natürlich vertreten und "Always look on the bright side of life" wird auf deutsch übersetzt (wobei ich gelernt habe, dass es "to look at something" heißen müsste....naja, egal). Viele Szenen aus den Filmen und dem Flying Circus wurden adaptiert. Wegen der Zotenhaftigkeit und der manchmal etwas anstrengenden Plattitüden war dieses Hintergrundwissen schon wichtig, um sich nicht gelangweilt oder angewidert abzuwenden. Zum Beispiel die Szene, als die Ritter der Kokusnuss an die Pforte einer französischen Burg klopfen und zur Begrüßung erst mit Exkrementen und schließlich mit einer Kuh beworfen werden, das ist schon vom Niveau her ganz unten!

Mich besonders beeindruckt haben zweierlei Aspekte: Brilliant war tatsächlich die Umsetzung der bekannten Filmszenen! Wie z. B. die Ritter vom Nie durch den Zauberwald geistern oder das Duell, bei dem der eine Ritter alle Gliedmaßen verliert und anschließend für "Unentschieden" plädiert! Dann die Kulissen- und Kostümwechsel, einfach toll, das mal auf einer Bühne zu sehen, denn im Film kann das ja jeder! Außerdem abslout erwähnenswert ist die Übersetzung der englischen Texte ins Deutsche, ohne deren Sinn und Boshaftigkeit zu verfälschen! Die Seitenhiebe auf die Juden ("am Broadway kann man nur als Jude Erfolg haben"), die Anspielung auf die Verklemmtheit der englischen Gesellschaft in Bezug auf Homosexualität - das kam schon alles klasse über.

Fazit: eine abslout gelungene Bühnenshow mit typischem Monty-Python's-Humor, witzigen Liedern und tollen Bühnenbildern und Kostümen. Ein echtes Muss für alle Fans des schrägen Humors - alle anderen sollten aber besser daheim bleiben. Da die Show speziell etwas für Insider und Kenner ist, wird der Erfolg allerdings wohl leider nicht an We Will Rock You oder die andere aktuelle Musical-Hits anknüpfen können.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Young @ Heart

Heute sah ich mir mit Frank den Film Young @ Heart an, eine Road-Doku über ein gleichnamiges Chorprojekt in den USA, das jüngste Mitglied ist 67 und das älteste 92Jahre alt. Der Film handelt im Wesentlichen davon, wie der äußerst ambitionierte Chorleiter Bob Cilman seine liebe Mühe damit hat, den klassik- und musicalverliebten Senioren Songs aus den Bereichen R&B, Rock und Punk näherzubringen und auf eine Aufführung vorzubereiten.

Sehr beeindruckend fand ich die Interviews mit den Solisten, die glaubhaft versicherten, das Singen halte sie jung und vital und sie würden nicht vor dem letzten Atemzug damit aufhören. Charmant auch z. B. die Flirtversuche der im Film 92-jährigen (inzwischen verstorbenen) Eileen oder die Beschreibung Fred Knittles und seiner Frau über ihre Ehe. Etwas bedenklich hingegen war m. E. das Vorhaben des Chorleiters, zwei ehemalige Mitglieder (Fred Knittle und Stan Goldman) wieder zu den Proben und zu den Auftritten zu holen, die bereits aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen waren. Zwar machte auch diesen beiden Männern das Singen eine unübersehbare Freude, bei Stan ließen aber bereits während der Proben die Kräfte soweit nach, dass er sein Solo nicht mehr singen konnte. Kurz darauf wurde er noch einmal während einer Bluttransfusion gefilmt und interviewt. Dann starb er. Fred hingegen beeindruckte nicht nur durch seine unglaubliche Leibesfülle, sondern auch durch seine wunderschöne Stimme! Es war allerdings schon makaber, wie er nur mit Beatmungsgerät auf die Bühne gehen konnte. Also irgendwie, ich weiß nicht....ist das nun besonders cool, trotz dieses Handicaps aufzutreten und zeugt es von einem unerschütterlichen Durchhaltewillen oder bezeugt so ein Act schon eine gewisse Leichtsinnigkeit und ein Spiel mit dem Leben?

Ein weiterer Sänger verstarb während der Dreharbeiten und das ist ja auch an sich bei dem hohen Durchschnittsalter kein großes Wunder. Es war insgesamt sehr beeindruckend, wie die Darsteller in den Interviews ihren Umgang mit dem Alter und dem nahen Tod darlegten. Alle schienen relativ gelassen auf ihr nahes Ende zu blicken, kommentierten Altersgebrechen wie knackende Knochen, Nierensteine oder Inkontinenz mit schwarzem Humor und Sarkasmus. Allesamt machte die Truppe eine positive Ausstrahlung, ganz nach dem auch von ihr aufgeführten Lebensgefühl nach James Brown "I feel good".

Dennoch fuhren wir nach dem Film mit gemischten Gefühlen heim: einerseits diese positive Stimmung, die das Chorprojekt versprühte, andererseits aber auch die ständige Gegenwart von Gebrechlichkeit und Tod und schließlich noch der Kontrast der Generationen. Leute, die Anfang des letzten Jahrhunderts geboren wurden singen recht aktuelle Pop, Rock und Punksongs. Der Filmemacher selber räumt ein, dass die Sänger sich z. B. bei Schizophrenia von Sonic Youth überhaupt nicht im Klaren waren, was sie da sangen.

Der "Witz" und die Wirkung des Chorprojekt basieren zwar grade auf diesem Kontrast und dem Gegensatz zwischen alten Menschen und junger Musik. Dies wirkt aber eigentlich dann am Besten, wenn mit der alten Menschen eigenen Gelassenheit über Dinge gesungen wird, die sie selber augenzwinkernd aus einer anderen Perspektive sehen können als die jüngeren Generationen und z. B. singen: "We are on a Road to Nowhere" oder "Forever Young". Sobald sich an Songs herangewagt wird, bei denen diesen älteren Menschen gar nicht klar sein kann, welche Intention damit beabsichtig wurde und welches Lebensgefühl vermittelt werden sollte, gleitet die Darbietung schnell ins Lächerliche ab. Dann geht es nur noch um den Kontrast und Provokation, die eigentliche "Message" geht verloren und die Darsteller karikieren sich nur noch selber.

Montag, 28. April 2008

Das also war des Pudels Kern!

Wenn ein Karateka ins Theater geht, welches Stück empfiehlt sich da? Natürlich Goethes Faust! ;-))
Ich konnte doch tatsächlich meinen Mann überreden, mit mir der Tragödie ersten Teil auf Münsters Städtischen Bühnen anzusschauen. Vor rund einem Monat beschloss ich, mich um Karten an einem Wochenende zu kümmern - und stellte fest, dass die nächsten Vorstellungen bereits ausverkauft waren! So wurde es erst am 26.4. etwas mit Doktor Faust, seinem Gretchen und Mephistopheles. Selbst zu diesem Termin gab es nur noch Karten "auf den billigen Plätzen" - ganz oben, seitlich auf dem Balkon, für ganze 5 Euro die Karte. Nun, so billig kommt man nicht mal ins Kino und ich hatte auch zuvor schonmal dort oben gesessen. Sicher ists unten oder mitten drin schöner, aber wenn wir den Faust in absehbarer Zeit nochmal zu zweit sehen wollten, hatten wir keine Wahl. Allen Unkenrufen, Münster sei kulturelle Provinz, weil die breite Bürgerschaft ja die Errichtung einer Musikhalle mit finanziellen Mitteln der Stadt ablehne, zum Trotz: Kulturbegeisterte scheint es ja noch genug zu geben.

Als wir dann kurz vor knapp (und recht außer Atem vom Treppensteigen - ächz!) unsere Plätze einnahmen, staunten wir nicht schlecht darüber, noch soviele freie Sitze zu sehen. Das Geheimnis war aber schnell gelüftet: Durch die Art der Inszenierung waren einige Reihen gesperrt - der Hauptteil des Schauspiels fand nämlich nicht auf der Theaterbühne statt, sondern mitten im unteren Zuschauerraum. Die vorderen Zuschauersitze, also mit Blick zur regulären Bühne, waren daher umgedreht und wer in der Mitte zu sitzen glaubte, war mittendrin, statt nur dabei. Seitlich von der Ersatz-Bühne saßen keine Zusschauer, sondern Statisten, die dann während des Spiels schnell auf die Bühne gelangen konnten. Auf der regulären Bühne befanden sich ein Chorleiter und eine Band, die schon optisch rockige Klänge erahnen ließ, da sie mit Schlagzeug und E-Gitarre ausgestattet war. Über der Band sowie links und rechts seitlich der ersten Reihen vom Publikum waren große Leinwände angebracht, auf die während einiger Phasen Videosequenzen projeziert wurden.

Zu Beginn des Stückes mischten sich als Engel verkleide Kinder - vermutlich wieder Mitglieder des Domchors? - mit Kerzen in den Händen unter die Zuschauer der unteren Balkone. Es folgte der Prolog im Himmel, den der "Leibhaftige", Mephistopheles, mit Gott führt. Mephisto wird sehr nett dargestellt von Johann Schibli. Wer hier Teufelshörnchen und den Huf erwartete, wurde enttäuscht: Mephisto sah aus wie "einer von uns" - "cool" gewandet in einen hippen Gothik-Look mit langem Mantel und Leder(?)hose. War es Zufall, dass er durch sein schwarzes Kopftuch zweilen an Jack Sparrow erinnerte, den Piraten aus "Fluch der Karibik"? Dieser "Geist, der stets verneint" ist nun auf der Bühne präsent, während die Stimme Gottes aus dem Off tönt. Warum nur wurde Gott durch so eine kindliche Stimme dargestellt, während Mephisto mit einem vollen Bass durch das Theater dröhnte? Irgendwie hatte man schon hier das Gefühl, dass das Böse stärker ist und die dunkle Seite siegen wird. Gott und Teufel schließen eine Wette ab über die Seele des Doktor Faust. Gott meint, in ihm einen gläubigen, treuen Mann gefunden zu haben, der trotz aller Zweifel am Glauben nicht vom Pfad der Tugend abzubringen sei. Mephisto wettet, ihn verführen zu können. Sollte Mephisto siegen, könnte er die Seele Faustens haben.

Doktor Faust wurde dargestellt von Wolf-Dieter Kabler und wirkte vor allem glaubwürdig in der Rolle des zweifelnden und verzweifelten Professors. Weniger gut kaufte man ihm die Rolle des schmachtenden Liebhabers ab. Die Verjüngungskur durch Hexenzauberei wurde durch einen mintfarbenen Anzug (warum nur muss ich an den "hellgrünen Jerseyanzug aus "Es gibt Reis" denken?) und - igitt - weiße Slipper angedeutet. Das wars aber auch schon, was ihn jünger machen sollte. Vom Wesen her war keine Veränderung festzustellen. Überzeugender dagegen sein Famulus Wagner (Matthias Caspari). Dieser wirkte unbefangen wissbegierig und trotz umfangreichen Studiums an allen Fakultäten herrlich naiv.

Es liegt in der Natur des Stückes, dass in der Regel nur eine verkürzte Fassung dargeboten werden kann (Ausnahme: ungekürzte Fernsehfassung mit Bruno Ganz anlässlich der Expo 2000 in Hannover). Einige Szenen wurden daher zusammengefasst oder über musikalische Einspielungen dargestellt, so etwa die Szene in Auerbachs Keller oder die Walpurgisnacht. Für meine Begriffe war die Musik zwar peppig und die ausgesuchten Stücke auch ganz witzig ("Sympathy for the Devil" von den Stones, "Highway to Hell" von ACDC...) aber ich persönlich fand die Musik zu aufdringlich im Verhältnis zur Dramaturgie. Das eigentliche Theaterstück drohte dagegen zu verblassen, zur Nebensache zu verkommen. Auch die Videosequenzen haben das Stück optisch m. E. überfrachtet, statt es zu untermalen. Ein wenig hadere ich mit mir noch - was sollte ich z. B. von den Hexen halten, besonders von der grellen Hexe mit den rot-blond gefärbten Haaren halten? War sie jetzt übertrieben grell mit ihrer verzerrten Stimme? Oder passte das? Nein, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, hätte eine Hexe ruhig verrucht wirken dürfen, aber Hexen sind ja auch irgendwie Heilerinnen und so hätte ruhig dieser etwas alberne Unterton fehlen können. Auch Mephisto übrigens hatte seine komischen Momente: etwa in der Pudelszene, als sich der Teufel als "des Pudels Kern" entpuppt. Hier stülpte sich der Schauspieler eine schwarze Pudelperücke über und lief bellend über die Bühne. Das war sehr unterhaltsam, drohte aber auch schon fast wieder in den Klamauk abzudriften.

Und nun das Gretchen. Sie ist wohl die tragischste Figur des ganzen Stückes, da sie zufällig in die teuflische Wette mit einbezogen wird und grade ihrer Unschuld wegen einen besonderen Reiz auf Dr. Faust ausübt. Fromm, artig, schüchtern, naiv und natürlich unschuldig - so soll es sein, das Gretchen. Ich weiß nicht warum, aber ich hab sie mir irgendwie auch blond vorgestellt (vielleicht wegen ihrer Naivität? Sorry an dieser Stelle an alle Blondinen ;-)) Das Gretchen, welches uns hier jedoch präsentiert wurde, war eher keck, frisch, fröhlich frei - und die Unschuld nahm man ihr irgendwie auch nicht so recht ab. Für mich, als Fan des Stücks "Gretchen 89 ff", läßt sich daher mehr aus der Rolle machen. Erst nachdem Margarete ihre Unschuld verloren hatte und mit ihrem Schicksal haderte, bis sie schließlich halb von Sinnen als Doppelmörderin ihrem Tod entgegenblickt, war sie richtig glaubwürdig. Die dramatische Seite konnte hier also viel besser verkörpert werden als die unschuldige.
Frank und ich mussten dann auch kurz überlegen, was denn nun die Gretchenfrage gewesen sei, aber mir fiel dann auch wieder ein, dass es diese war: "Nun sag, wie hast Du's mit der Religion?" Eine Gretchenfrage ist also stets die direkte, an den Kern eines Problems herangehende Frage.

Mir am Besten gefallen hat allerdings die Darstellung der Nebenrolle Mathe Schwerdtlein, der Nachbarin von Gretchen. Herrlich verrucht und einen Hauch vulgär macht sie sich an den Teufel heran! Hier fehlte die Ironie und der Klamauk, war echte Leidenschaft im Spiel und in all ihrer geheuchelten Trauer und unterdrückten Libido war sie die authentischste Figur von allen!

Es gibt so viele Bilder und Redewendungen im Faust! Des Pudels Kern, die Gretchenfrage, aber auch "Die Kunst ist lang doch kurz ist unser Leben", "Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein", "Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen", "Zum Golde drängt, am Golde hängt doch alles" - es kommt mir vor, als gehörten all diese Verse zum täglichen Sprachgebrauch meiner Kindheit, so oft hat mein Vater sie im täglichen Leben gerne zitiert. Auch die Frage, wie denn nun Dr. Faust mit Vornamen hieße, könnte ich bei Günter Jauch nun auch wieder beantworten, ist doch des Gretchens (fast) letzter Hauch: "Heinrich, mir graut vor Dir!" Ich glaube, das ist auch die einzige Stelle im Stück wo der Vorname überhaupt erwähnt wird.

Fazit: Die Inszenierung "Faust, der Tragödie erster Teil" der Städtischen Bühnen Münster in der Spielzeit 2007/2008 ist mitreißend und modern, laut und lustig, bunt und burlesk, unbeschwert und unterhaltsam. Sie wirkt wie ein buntes Feuerwerk voller spritziger, innovativer Ideen. Wie bei einem ausgiebigen Feuerwerk ist man aber auch hier hin und wieder geneigt, sich die Ohren zuzuhalten. Häufig ist die Darstellung durch optische und akustische Reize überfrachtet - weniger wäre hier wohl mehr gewesen. Für Einsteiger in klassische Stücke, Deutsch-Leistungskurs-Beleger und Theater-Abo-Pflichtbesucher war es sicher ein sehr unterhaltsamer Abend. Für uns auch. Aber eben "fast nur" unterhaltsam - wie ein guter, gefälliger Kinofilm eben. Ganz losgelassen hat aber vor allem Frank die Thematik nicht und er hat eben doch etwas länger von dem Theaterstück gezehrt, als von einem Besuch im Zelluloid. Ein Besuch des Stücks lohnt sich trotz der Leichtigkeit in jedem Fall - und sei es auch nur, um einen schönen Abend im Theater zu verbringen.

Sonntag, 2. September 2007

Blue Man Group 31.08.2007

Am 31.08. diesen Jahres hatte ich die Möglichkeit mir die Blue Man Group anzuschauen. Die Karte war Teil einer Incentive-Veranstaltung: Zusammen mit einigen Kollegen hatte ich im vergangenen Jahr an einem Projekt mitgearbeitet und für dieses gab es nun zur "Belohnung" einen Abend mit lecker Essen, Getränken - und eben der Vorstellung der Blue Man Group. Bereits im Vorfeld hatte man ja schon einiges über diese Performance gehört. Zuletzt schließlich von meiner Kollegin Vroni, die einräumte, sie hätte selten etwas so sehr bereut, wie den Kauf dieser Eintrittskarten! Meine Erwartungen waren daher eher gedämpft. Aber das muss ja nicht unbedingt schlecht sein.

In aufgeräumter Stimmung fuhr ich dann zusammen mit meinen 6 männlichen Kollegen und meinem Abteilungsleiter in zwei Autos nach Oberhausen. Ich stehe ja grundsätzlich nicht so auf Shopping-Malls wie das oberhausener Centro. Aber der Begriff Centro wird auch dort wohl inzwischen vermieden und man schreibt viel mehr von der "Neuen Mitte". So tobte dort auch an diesem Freitagabend schon recht emsig der Bär: die Promenade, an der sich neben vielen anderen Gastronomiestätten auch das von uns gewählte Steakhaus befand, erinnerte etwas an Playa del Ingles auf Gran Canaria und allein schon die Milieustudie der dort herumlaufenden Leutchen war diesen Abend wert - ist schon echt ein anderes Völkchen dort im Ruhrgebiet!

Nach einem leckeren Essen und Bier in unglaublichen Schlagzahlen ging es dann wohl genährt und leicht angeheitert in das Metronom-Theater. Schnell noch ein Bierchen im Stehen und dann ab in den Veranstaltungssaal. Bereits vor der Vorstellung bekam man via Leuchtbänder einen kleinen Vorgeschmack auf die Show: Hier wurde gebeben, nicht zu filmen und keine Fotos zu machen. Aber auch, bitte nicht zu spät zu kommen (wir durften später erleben, was denen widerfuhr, die tatsächlich zu spät kamen: die Show wurde in Helge-Schneider-Manier unterbrochen, die Zu-Spätkommer angestrahlt und via Leinwand konnten wir alle verfolgen, wie sie sich peinlich berührt auf ihre Plätze begaben). Zudem waren -angeblich- einige Personen im Saal, die z. B. an diesem Tag Geburtstag hatten und wir sollten bitte Happy Birthday sagen (aber bitte nicht singen!). Ob das alles so der Wahrheit entsprach oder nur gefälliger Showgag war sei dahin gestellt - das oberhausener Publikum jedenfalls ging mit und war für jede Aktion zu begeistern.

Bei Betreten des Saales hatte jeder einen kleinen Streifen weißen Krepppapiers erhalten, ohne nähere Anweisung, wie hiermit zu verfahren sei. Während ich meinen Papierstreifen mehr oder weniger achtlos in meine Tasche steckte, wickelte sich unser Abteilungsleiter sein Zelluloseband um den Kopf. Wir erfuhren nie, wozu diese Streifen dienten, lediglich via Textanzeige, dass es sich bei dem während der Show verwendeten Papier ausschließlich um "Umweltpapier" handele. Gleich ging die schmunzelnde Diskussion los, was denn bitte schön Umweltpapier sei...Recyclingpapier, das kennt man - aber Umweltpapier.....entstammt nicht jedes Papier irgendwie der Umwelt? Besonders umweltbewusst produziert war es m. E. jedenfalls nicht, da es auf jeden Fall gebleicht war. Das Papier kam dann auch nie wieder zum Einsatz und erst zum Schluss der Vorstellung tauchte wieder Papier dieser Art auf: Es wurde in unzähligen Bahnen von hinten bis vorne quer über den Zuschauerraum gespannt, so dass wir nach und nach alle auf diese Art und Weise vernetzt waren! So war nun auch wohl der Bogen zu den kleinen Papierstreifen am Anfang gespannt!

Als erstes warfen sich die blauen Gestalten, die ausschließlich pantomimisch und ohne Dialoge aktiv waren, gegenseitig Kaugummikugeln in die Münder. Einer der Drei spuckte nach Empfang unverzüglich eine Kugel mit Farbeffekt aus. Der andere fing lediglich die Kugeln auf - bis die Kapazität seines Mundes erschöpft war. Anschließend ließ er die Kaumassse auf einem Stehtisch entweichen - sie ähnelte einem Haufen weißer Sch.....! Anschließend holte er aus dem Nichts eine Tafel mit der Aufschrift "4.000 €" hervor und bepreiste so sein "Werk". Sehr schön passend zu meinem derzeit recht ambivaltenten Kunstverständnis anlässlich der aktuellen Skulptur-Projekte in Münster!

Die Blauen Männer ähnelten alles in allem Außerirdischen, die zufällig auf der Erde gelandet waren und den hiesigen Begebenheiten und Gegenständen mit einer naiven Neugier und einem kindlichen Entstaunen entgegenblickten. Hierdurch wirkten sie clownesk und hatten schon durch ihre Mimik und Gestik viele Lacher auf ihrer Seite.

Vielleicht sollte man sich grundsätzlich nicht allzu viele Gedanken um einen eventuellen intellektuellen Hintergrund der Show machen - schließlich wurde bereits zu Beginn angekündigt, dass es sich um eine Rock'n Roll Show handelte - und nicht etwa um Schopenhauers gesammelte Werke! Aber die ein oder andere Aktion stimmte denn doch nachdenklich. So wurden wir in einem Teil der Vorstellung auf unterhaltsame Art und Weise über den Aufbau der Sehnerven informiert und auch über die Verarbeitung von Reizen. Es wurden verschiedene Textpassagen auf die Leinwand projeziert, die allgemein über die Menge der zu verarbeitenden Informationen unterrichteten, aber auch darüber, dass wir viele Dinge nur unbewusst wahrnehmen und grade mit diesem Phänomen (z. B. in der Werbung) gerne gearbeitet wird. So tauchte in diesem Info-Text mit biologischen Fakten plötzlich, ich zweifelte kurz, ob ich mir das nur eingebildet hatte, der Text "nackte Menschen" auf. Wenigstens einem anderen Kollegen war dies allerdings auch aufgefallen, so dass hier nicht von einer Sinnestäuschung meinerseits die Rede sein kann!

Vom Tempo und auch von der Lautstärke her erinnerte die Show mich an die Vorstellungen des Circus Flic Flac. Die einzige Stelle, die ein wenig langatmig wurde, war die mit der aus dem Publikum geholten Frau, die mit den Blauen Männern kokettierte und von ihnen vorgeführt wurde. Das hätte ruhig etwas kürzer ausfallen können.

Modernes Infotainment, Reizüberflutung - dies war das Thema jener Passage, als auf der Bühne drei unterschiedlich beschriftete Tafeln ausgestellt wurden, deren Text unterschiedlich schnell wechselte. Zu Beginn wurde der Betrachter gebeten, sich für eine einzige Tafel zu entscheiden, was aber vermutlich niemand machte. Jeder war doch neugierig, was ihm entging und fühlte sich dann wohl ein wenig ertappt, als genau dies grade auf seiner jetzt ausgewählten Tafel zu sehen war!

Ebenfalls zum Thema wurden die Medien, als aus dem Nichts ein Fernseher erschien, der einen blauen Kopf auf dem Bildschirm hatte. Dieser schwebte auf die Bühne und erhielt Gesellschaft von zwei Blauen Männern, die ihre Köpfe in Fernseher-Formen verborgen hielten. Nun begann ein witziges Spiel der "drei" Fernsehköpfe, die sich gegenseitig z. B. einen weißen Schaum ins Gesicht spritzten: die Männer mit Fernsehköpfen konnten sich den Schaum selber abwischen, da sie ja auch über Rumpf und Arme verfügten - nur der Arme "nur Kopf" stand, pardon: schwebte hilflos da und war mangels Arm nicht in der Lage, sich zu reinigen!

Immer wieder gab es zwischendurch einge Feuerwerke aus Sound und Farbe, z. B. rhythmischem Cornflakes-Essen oder dem sehr effektvollen Schlagen von mit Farbe bekleckerter Drums! Der farbliche Höhepunkt sollte dann wohl mit dem Teil der Show erreicht sein, als ein Zuschauer hinter die Bühne geholt wurde. Via "Live-Aufzeichnung" konnten wir im Publikum beobachten, wie der arme Mann vollständig mit blauer Farbe bemalt und dann - quasi als Ganzkörperkunstwerk - an den Füßen aufgehängt und kopfüber gegen eine weiße Leinwand geschleudert wurde. Ob nun tatsächlich diese Mensch aus dem Publikum auf der Leinwand zu sehen war, muss ernsthaft bezweifelt werden - da er zuvor komplett mit weißem Schutzanzug und Helm umhüllt wurde, konnte man ihn auf dem Film auf keinen Fall wiedererkennen! Zudem würde eine solche Behandlung von Zuschauern nicht nur in den USA Klagen zur Folge haben! So blieb es ein wenig ein Rätsel, warum die Blauen Männer diesen Gag etwas hektisch in die Show einbauten. Vielleicht aber ganz passend zur heutigen TV-Kultur, wo die Zuschauermasse nur noch mit Sensationen und Skandalen zu begeistern ist.

Fazit: eine rasante Show mit Witz und Hintergrund. Ein Spiel mit Farben, Sound und Medien rund um Konsum, Reize, Informationsflut - sehr intensiv und sehr zeitgemäß.