Der Geist des Sisu
Karate, Kultur und Kulinarisches am Polarkreis
Am 26.02.2007 fand ein Karatelehrgang von Jürgen Mosler (3. Dan) vom Bushido-Dojo-Berlin in Rovaniemi statt. Rovaniemi? Finnland? Polarkreis? Genau! Über unzählige Karatecamps von unserem Trainer Sensei Risto Kiiskilä hat Jürgen Freundschaften mit den Finnen geschlossen und gab nun schon zum zweiten Mal einen Lehrgang im Land der tausend Seen. Erstmals war auch ich dabei. Dies ist eindeutig bisher der Karatelehrgang gewesen, für den ich die meisten Kilometer zurückgelegt habe! Weil der Norden Finnlands für mich nicht grade vor der Haustür liegt, wollte ich den Aufenthalt in diesem faszinierenden Land durch eine kleine Lapplandrundreise etwas ausdehnen. Ein Bekannter aus Oulu hatte mir angeboten, mir die schönsten Orte, die Lappland im Winter zu bieten hat, zu zeigen. Und ich sollte nicht enttäuscht werden.
Etwas enttäuschend war allein die Tatsache, dass ich mich bereits am ersten Abend in Oulu so verletzt habe, dass ich Karate von da an nur unter großen Schmerzen ausüben konnte. Ich hätte wissen müssen, dass Salibandy (eine Art Hallenhockey) nicht gut für mein Knie ist! Dafür habe ich bereits bei diesem Spiel den finnischen Kampfgeist des „Sisu“ kennen gelernt. Und dabei handelte es sich nur um ein harmloses Spiel unter Hobbysportlern!
Sisu ist ein finnischer Begriff, der eine den Finnen eigene mentale Eigenschaft bezeichnet. Das Wort gilt als unübersetzbar, kann aber mit „Kraft“, „Ausdauer“ oder „Beharrlichkeit“, auch „Unnachgiebigkeit“ in besonders aussichtslos erscheinenden Situationen wiedergegeben werden. Als kulturelles Konzept ist Sisu für Finnland in hohem Maße identitätsstiftend. Ursprünglich hatte das Wort eine negative Bedeutung: So stand im Finnischen Wörterbuch von 1826, Sisu sei eine innere Gemütseigenschaft, die etwas Schlechtes, Bosheit und Hass ausdrücke. Später entwickelte sich die Wortbedeutung über „Erbarmungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit“ zu „Mut, Kühnheit“ und schließlich „Zähigkeit und Ausdauer“. Sisu bezeichnet also eine ganz besondere Art Kampfgeist. Auf Sisu trifft man häufig, wenn man sich mit der finnischen Geschichte beschäftigt, so vor allem im Winterkrieg, als sich die finnischen Soldaten heldenhaft gegen die russische Übermacht zu verteidigen suchten. Aber auch heute ist Sisu in Finnland allgegenwärtig: man denke nur an die erfolgreichen finnischen Wintersportler z. B. bei Eishockey-Länderspielen!
Sisu also beim Hallenhockey – aber das war erst der Anfang! Zähigkeit und Ausdauer musste mein finnischer Begleiter gleich am nächsten Tag beweisen, als er mich durch die widrigen Witterungsverhältnisse des verschneiten Lapplands chauffierte: Über vereiste Straßen, die kein Ende zu nehmen schienen, ging es bei starkem Schneegestöber ca. 200 km weit beharrlich nord-östlich nach Rovaniemi, wo wir eine kleine Hütte im „Rova-Motelli“ bezogen.
Am nächsten Tag fand dann endlich der Karatelehrgang statt. Das war ein schönes Wiedersehen mit Markku, Ville, Ari, Lasse und wie sie alle heißen, die auch ich bereits von einigen Lehrgängen her kannte. Karate verbindet eben international! Die Einheit war dann ein erstes Einsatzgebiet für mein ganz persönliches Sisu! Die Schmerzen im Knie waren beinahe nicht auszuhalten und unter normalen Umständen hätte ich wohl das Training abgebrochen. Aber es war eine gerade Anzahl an Trainierenden vorhanden und wenn ich aufgehört hätte, wäre einer ohne Partner geblieben. Mit Ach und Krach schaffte ich es dann auch irgendwie, die zwei Stunden Training durchzuhalten. Das Training war perfekt konzipiert. Schon zum Aufwärmen bewegten wir uns mit Partner im Sprungwechsel (oder Wechselsprung?). Die Übung wurde im Verlauf so weit verändert, dass wir beim Springen möglichst weite Distanzen vor und zurücklegen sollten. Da freut sich das Knie! Aus dieser Sprungübung entwickelte sich dann nach und nach eine Schrittkombination aus Ristos Kata Hokkyokuko. Diese Kata bedeutet übersetzt Polarlicht (auf Finnisch „Revontulet“), was natürlich sehr gut zu der frostigen Witterung außerhalb der Trainingshalle passte! Wir Trainierenden wurden allerdings beim Üben alles andere als frostig und rasch war der Karateanzug durchgeschwitzt. Auch hier spürte ich Sisu bei meinen Trainingskameraden: es kam genau diese knisternde Spannung über, die das Kämpfen so interessant macht – der andere ist zwar Partner und nicht Gegner, die Übung ist aber kein Spaß, sondern eine ernste und hoch konzentrierte Angelegenheit!
Leider mussten wir die Freunde aus Rovaniemi viel zu früh verlassen. Mein Bekannter hatte mir noch eine wichtige Sehenswürdigkeit zu zeigen, die ich auf keinen Fall verpassen sollte, wenn ich schon einmal in Rovaniemi war: den Weihnachtsmann, auf Finnisch „Joulupukki“. Dieser freundliche Geselle in rot-weiß ist hier am Polarkreis allgegenwärtig. So gibt es einen Weihnachtsmann-Workshop (nur von November bis Januar geöffnet) und ein Christmas-House sowie die Weihnachtsmann-Postagentur. Natürlich gibt es dort reichlich Nippes und Mitbringsel zu kaufen – und dann stand ich ihm plötzlich leibhaftig gegenüber, dem Weihnachtsmann! Schüchtern konnte ich seine Fragen auf Finnisch beantworten und folgte seiner Einladung, mich neben ihn zu setzen. Vollkommen in Trance war ich in eine herrliche Touristenfalle getappt: bevor ich richtig denken konnte, war ein Foto von mir und dem Weihnachtsmann geschossen, welches ich anschließend für eine astronomische Summe käuflich zu erwerben hatte. Aber- mal ehrlich: wer kann dazu schon nein sagen!
Auf dem Parkplatz wachte ich dann langsam aus meinem Kindheitstraum(a) wieder auf und wurde durch meinen ungeduldig auf seine Armbanduhr tippenden Bekannten daran erinnert, dass wir an diesem Tag noch eine ca. zweistündige Autofahrt Richtung Skigebiet Ruka nahe der russischen Grenze vor uns hatten! Die Straße war noch eisiger als am Vorabend und die Bäume begannen, sich unter der Schneelast zu biegen! Es war einfach nur herrlich, aus dem Fenster zu blicken und die Landschaft im wahrsten Sinne des Wortes zu „erfahren“! Plötzlich fand ich das Licht ganz eigenartig und schön. Ja, meinte mein Bekannter, das sei der so genannte „sininen hetki“, der Blaue Moment, ganz kurz bevor es ganz dunkel wird. Bei wolkenlosem Himmel sei dies besonders schön. Mir hat es aber auch schon im Schneegestöber gefallen und mich seltsam angerührt.
Nach einigen Stunden Autofahrt hatten wir unsere Unterkunft endlich erreicht. Sie war so gut im tief verschneiten Wald versteckt, dass wir sie fast nicht gefunden hätten! Aber was war das für ein Traum von Blockhaus! Draußen steckte keck die finnische Flagge am Eingang als wollte sie uns willkommen heißen. Drinnen gab es alles, was das finnische Herz begehrt: Sauna, Kamin, Spülmaschine, Fernseher und natürlich gab es auch hier mitten in der Wildnis einen ausgezeichneten Handy-Empfang!
Nachdem ich an meinem ersten Abend, den ich zusammen mit der Familie meines Bekannten in Oulu verbracht hatte, bereits mit einem köstlichen Lachsgericht verwöhnt worden war, gab es nun weitere landestypische Leckereien zu kosten. Neben weiteren Fischgerichten und Aufläufen gab es nun zum Frühstück und/oder Abendessen oder einfach zwischendurch typisch finnisches Roggenbrot mit Pfefferkäse und Rentierwurst (die Betonung liegt auf UND, denn es konnte tatsächlich kombiniert werden). Und immer wieder gerne eine Unmenge von im Sommer selbst gepflückten Beeren aller Arten, darunter auch die wertvollen Moltebeeren. An Vitaminmangel konnte es also nicht gelegen haben, dass ich eines Morgens mit einem Kratzen im Hals aufwachte. Mein Bekannter schalt mich hingegen gleich: ich hätte eben nicht mit offener Jacke vor die Tür treten sollen! An meinem letzten Abend wieder in Oulu sollte ich dann noch Makkara (dicke Grillwürstchen) sowie karelische Piroggen (Pastetchen) mit Eibutter kennen lernen – sehr, sehr lecker!
Aber zuvor war noch einmal mein Sisu gefordert: ich sollte am Montagmorgen Skilanglauf erlernen! Ich bin schon nur eine ziemlich lausige Abfahrtsläuferin - Langlauf hatte ich aber noch nie ausprobiert. So ließ ich mir mit gemischten Gefühlen die Loipe in Ruka zeigen. Ruka ist ein sehr bekanntes Skigebiet in Finnland und hat wohl die einzige Erhebung weit und breit, die den Namen „Berg“ auch nur im Ansatz verdient. Trotz Schneegestöber wurde mir bald nach Beginn der Übungen bewusst, dass ich total falsch eingekleidet war mit meiner sehr warmen Tchibo-Winterjacke! Ich war irgendwie von arktischen Temperaturen ausgegangen aber jetzt wurde mir plötzlich sehr, sehr warm! Ich konnte meine Mütze unmöglich auf dem Kopf behalten und stopfte sie mir kurzer Hand unter den kopfschüttelnden und tadelnden Blicken meines Bekannten in die Jackentasche. Dann ging es los: „Nicht treten! Gleiten – und zwar nach vorne!“, hörte ich immer wieder. Das war gar nicht so einfach, denn ich versuchte immer die mir vom Inline-Skaten vertraute Bewegung. Aber die war offensichtlich hier verkehrt – und ich hatte einen sehr ungeduldigen Lehrmeister! Mir rann der Schweiß schon in Strömen am Körper herunter und die mitleidigen Blicke der an mir im Eiltempo vorbeiskatenden Kinder, Erwachsenen und auch Greise konnten meinen allmählich aufkommenden Frust nicht mildern! Aber genau genommen derartige Situationen ja genau mein Ding: Gib mir einen ungeduldigen und fordernden Trainer und mein Ehrgeiz wird geweckt, nach dem Motto: „Dir werde ich’s zeigen!“ und so auch jetzt. Vielleicht war es wirklich Sisu, dass mich durchhalten ließ und beflügelte, alles zu geben – aber nach gut 15 Minuten hatte ich den Bogen raus und es begann, richtig Spaß zu machen! Schließlich ließ mein Begleiter sich sogar zu lobenden Tönen hinreißen und er verlieh mir den „Gelben Gürtel“ im Langlaufen! Auf die noch geplante Snowboard-Lehrstunde verzichtete ich dann allerdings dankend auch angesichts meiner Knieprobleme.
Warum haben die Finnen Sisu? Es mag an dem langen, strengen und dunklen Winter liegen – allerdings haben andere nördliche Länder dies auch, ohne einen entsprechenden Kampfgeist entwickelt zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass Finnland über viele Jahrhunderte ein Spielball der Schweden und Russen war, die durch wiederholte kriegerische Übergriffe Besitz an diesem Land ergriffen haben. Mein Begleiter berichtete mir während der langen Autofahrten ausführlich über den Winterkrieg, über Rivalitäten mit den Russen und Schweden, über von Deutschen im zweiten Weltkrieg niedergebrannte Städte (Rovaniemi). Zufälliger Weise war ich ausgerechnet am „Kalevala päivä“ in Finnland, dem Tag, an dem das Nationalepos Kalevala geehrt wird. Dies ist vielleicht vergleichbar mit der Nibelungensage, aber ungleich aktueller noch im heutigen finnischen Alltag. Auch heute scheint das Leben in Finnland ein einziger (Wett-)Kampf zu sein. Hauptgesprächsthemen sind die aktuellen Ergebnisse bei Hockey- oder Skiweltmeisterschaften – vielleicht eine Art moderner Winterkrieg? Ich war jedenfalls froh, dass ich ein wenig Finnisch kann- das half mir manchmal, die Finnen nicht nur phonetisch zu verstehen. Die Sprache ist hier wohl ein Schlüssel zur Seele: So kantig und rau wie sie klingt, muss es wohl in manchem Finnen aussehen!
Finnland, das Land der tausend Seen…..das Land der hellen Sommer und dunklen Winter…..das Land der sanften Hügel und rauen Seelen….ein Land das süchtig macht! Ich fahre auf jeden Fall wieder hin – vielleicht schon zum Karate-Sommercamp in Lohijärvi.
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