Das war ein echt gelungenes Osterfest (und es ist ja noch nicht vorbei): erst die schöne Tour durch Kinderhaus am Samstag, dann gestern erst Eiersuchen, ein schönes Frühstück und dann ein schöner Spaziergang mit den Kids am Kanal (Schleuse). Schließlich noch Oma und Opa zum Kaffee und dann .... hatte ich die Großen mal gefragt, ob sie nicht Lust hätten, mit mir zusammen den Faust (Teil I) anzusehen. Am Ostersonntag sollte nämlich die Wiederaufnahme in den neuen Spielplan beginnen. Franzi war natürlich sofort begeistert, Felix schwankte etwas. Dann kam er aber doch mit.
Das Theater war trotz des Feiertags fast ausverkauft. Naja, die oberen Ränge, auf denen auch wir mit unseren 5-Euro-Tickets saßen, hatten noch etwas Luft - aber ansonsten war echt gut was los. Natürlich waren meine Kids mit die Jüngsten und kurz beschlichen mich doch Zweifel, ob das eine gute Idee war, sie mitzunehmen. Wären sie nicht doch überfordert?
Wir fanden unsere Plätze schnell: ganz oben, rechts außen. Mit Frank hatte ich beim ersten Ansehen der Vorstellung auf der anderen Seite gesessen. Jetzt also alles aus einer anderen Perspektive - ich war gespannt.
Das Stück hat für Nicht-Kenner eindeutige Längen am Anfang, wo die Zerrissenheit und die Suche des Faust nach dem, "was die Welt im Innersten zusammenhält" erklärt wird. Hier musste ich den Kids das Ein- oder Andere erklären. Die beiden hatten doch auch einige Probleme mit der Versform. Das hat mich allerdings etwas gewundert, denn Gedichte wie Der Zauberlehrling sind ihnen schon vertraut.
Felix baute dann bereits nach einer Viertelstunde ab, turnte beängstigend auf der Ballustrade herum und meinte fortwährend, er müsste jetzt zur Toilette oder einmal so im Treppenhaus herumlaufen. Eine Weile lang konnte ich ihn dazu bewegen, zu bleiben. Aber nach eineinhalb Stunden ließ ich ihn dann laufen. Da wäre ja auch ein normaler Kinofilm zuende gewesen. Kurz vor der Pause kam er dann wieder zu uns (ich hätte gewettet, er würde im Foyer auf uns warten). Er versicherte, in der Pause heimfahren zu wollen (das hatten wir so abgesprochen für den Fall, dass es den Kindern nicht gefällt und das kann man sich ja bei den billigen Eintrittskarten auch durchaus herausnehmen). Wir besprachen dann schon einmal leise, wie wir das mit dem Fahrradschloss regeln würden (er hatte die Kinderräder mit seinem Schloss versehen). Dann fragte ich ihn, ob es Sinn machen würde, ihn mit dem Kauf einer Laugenbrezel in der Pause zu "bestechen" und er sagte doch tatsächlich mit leuchtenden Augen "Ja"! Das hätte ich nicht gedacht, dass ich ihn so leicht rumkriege ;-) Aber ich glaube auch, er wollte sich nicht die Blöße geben und alleine vorzeitig nach Hause fahren. Franzi hatte nämlich zunehmend Gefallen am Stück gefunden.
In der Pause fielen die Kids natürlich erstmal über die Schälchen mit dem Gratis-Kabberzeug her, das in dem Gastronomiebereich auf den Tischen stand. Es war mir einerseits ein bischen peinlich, wie sie da so durch die Räume pflügten und die Tische plünderten - andererseits wiesen sie mich auch empört darauf hin, dass ein kleines Glas stilles (!) Wasser 2,50 Euro kosten würde. Da war mein Gewissen dann wieder beruhigt. Zum Glück hatte ich in meinem kleinen Rucksack zwei kleine Flaschen Wasser hereingeschmuggelt ;-)
Die Zweite "Halbzeit" dauerte dann nur noch eine knappe Stunde. Ich konnte Felix schon gleich nach der Pause beruhigen, dass thematisch nicht mehr viel kommt. Die Tatsache, dass ich recht "faustfest" bin und auch diese Inszenierung schon kannte, kam mir hier am Schluss doch zugute: Grade die Tatsache, dass Gretchen erst ihre Mutter umbringt um sich mit Faust zu vergnügen, dass sie schwanger wird, dass ihr Bruder heimkommt und von ihren Schandtaten gehört hatte, schließlich, dass sie ihr Kind getötet hat und deshalb selber zum Tode verurteilt wurde - das muss man wissen, sonst erkennt man es nicht. Hier wurde viel mit Symbolen gearbeitet. Der Tod der Mutter wird durch einen Gospelchor angedeutet, der singt: Sometimes I feel like a motherless child. Da muss man erst mal drauf kommen. Naja, aber das konnte ich alles den beiden Großen erklären und grade Franziska hat es super aufgenommen.
Nicht nur für Felix kam dann unser persönliches Highlight der Aufführung kurz vor Schluss. Franzi stupste mich plötzlich mit großen Augen an und wies zu meiner Linken - und da stand er plötzlich, nur eine Armlänge voraus, direkt in unserer Loge: der Leibhaftige! Tatsächlich erinnerte ich mich plötzlich, dass der Teufel ja Faustens Seele am Ende des Stückes einfordert - und zwar von einem Balkon aus. Tja und das war eben UNSER Balkon! Die Kids waren natürlich ehrfürchtig erstarrt und auch Felix fiel das Stillsitzen plötzlich für die letzten Minuten gar nicht mehr schwer ;-)
Ich glaube, das Stück hat einigen Eindruck bei den Kids hinterlassen. Ich hatte ihnen schon zu Beginn gesagt, dass es nicht wichtig ist, jedes Wort zu verstehen. Es reicht, wenn man die Zusammenhänge begreift und vor allem auch die schönen Verse einfach mal auf sich wirken läßt. Besonders die letzten Musikstücke waren den Kids auch bekannt (z. B. Highway to Hell von ACDC), da kam schon echt Begeisterung über. Sprichwörter, die uns auch oft im Alltag begegnen wie "Das also ist des Pudels Kern" oder die berühmte "Gretchenfrage" konnten hier erklärt werden. Franzi stellte viele kluge Fragen, z. B., ob der Faust schon von Anfang an böse sei. Ich sagte erst "eigentlich nicht, er ist nur auf der Suche nach etwas wie dem Sinn des Lebens". "Ja, aber im Stück heißt es doch: Du suchst den Geist, der dir am meisten gleicht. Also muss er dem Teufel doch auch da schon ähnlich gewesen sein." Tja, da kam ich dann auch ins Grübeln. Vielleicht tragen wir einfach alle schon etwas mephistophelisches in uns - und so sympatisch wie der alte Schelm überkam, finden wir uns in ihm wohl auch gerne wieder ;-)
Wie ich es schon geahnt hatte, ist dieses Stück ein toller Einstieg für Jugendliche in die Welt des Theaters der Klassiker. In jedem Fall war es ein gelungener Abend mal abseits von "Schloss Einstein", "Spongebob Schwammkopf" und co.
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