Sonntag, 3. Mai 2009

Auf den Spuren Luthers, Goethes, Schillers und co.



Das wohl schönste Mai-Wochenende aller Zeiten liegt (leider) hinter uns: Mit den Kids waren wir in Eisenach, um die Wartburg zu besichtigen, den Rennsteig zu erwandern und im nahegelegenen Weimar auf Goethes und Schillers Spuren zu wandeln.

Wir starteten Donnerstagnachmittag und durchfuhren bei Starkregen die Rhön und den westlichen Thüringer Wald. Leider konnten wir wegen der starken Niederschläge und der dunklen Wolken statt der Landschaft nur die Blitze zucken sehen. Kurz vor Eisenach dann noch ein schier endloser Stau! Aber dann waren wir auch bald am Ziel! Unser Navi zeigte uns die Richtung - allerdings konnte es die schmale Einfahrt zur Jugendherberge nicht erkennen und so fuhren wir zweimal "um den Pudding", bis wir einsahen, dass wir uns mit unserem großen Auto wohl doch die schmale, kleine Einfahrt den Berg hinauf quälen mussten! Im Vorfeld war ich ja doch etwas skeptisch gewesen - eine ehemalige DDR-Jugendherberge....was sollte man da schon erwarten? Die Überraschung hätte nicht größer und angenehmer sein können: eine ehemalige Jugendstilvilla mit feinsten Stuckverzierungen, ein Sechserzimmer mit Dusche und WC - alles prima! Dazu noch ein netter Service, was will man mehr?

Am selben Abend zogen wir dann nach dem Bettenbeziehen und dem Frischmachen noch in den Ort. Wir aßen gemütlich in einem sehr "authentischen" Kellergewölbe zu Abend und fanden auf dem Rückweg zum Auto noch das Luther- und das Bachhaus. Erstaunlich schnell schliefen wir in der Jugendherberge dann alle ein.

Am nächsten Morgen erwartete uns ein ergiebiges Frühstück. Frisch gestärkt gingen wir dann auf unsere Rennsteig-Wanderung. Ich hatte im Wanderführer extra eine "anspruchsvolle" Wanderung ausgesucht mit "interessanten Sehenswürdigkeiten" und "grandiosen Ausblicken". Naja - also, WENN es an diesem Wochenende etwas auszusetzen gab, dann wohl meine Wander-Planung! Statt erstmal 50 km Richtung Osten zu fahren und in dem angepeilten Ort dann feststellen zu müssen, dass der Einstieg ins Wandergebiet inzwischen einem Steinbruch gewichen ist, statt eines "Bergsees" nur einen kleinen Steinbruch-Teich zu finden und dann noch den einzig wirklich interessanten Wanderteil wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen zu müssen - also, statt dessen hätten wir lieber gleich den Wanderweg an der Jugendherberge hinauf zur Wartburg, zur "Hohen Sonne" oder zur "Drachenschlucht" nehmen sollen. Nun, vielleicht nächstes Mal. Bis zur Wartburg kamen wir ja immerhin noch am letzten Tag - aber dazu später.

Nachdem von der Wanderung doch alle Füße müde waren, ging es wieder zur Jugendherberge und dann - trotz Ermüdung zu Fuß - wieder in den Ort. Hier besichtigten wir jetzt das Lutherhaus von innen, ließen uns von einer netten Frau Saft verkaufen und das Vogtland schmackhaft machen und erkundeten so manchen Winkel und manche Sehenswürdigkeit des Städtchens Eisenach. Hier war trotz Maifeiertags nichts los. Wir waren schon tagsüber ganz überrascht: Es gab kaum Mai-Feierlichkeiten, auch am Abend vorher keinen Tanz in den Mai oder ähnliches! Nur auf dem Rückweg von unserer Rennsteig-Wanderung hatten wir in einem Ort auf einem Marktplatz einen Volkstanz um den Maibaum gesehen. Zum Abendessen kehrten wir in ein modernes Lokal an einer Fußgängerzone ein, das Franzi sich schon am Vorabend wegen der vielfältigen Speisekarte (Schnitzel mit Kroketten, Schnitzel mit Pommes, Schnitzel mit ...) ausgesucht hatte. Die nette Bedienung verwöhnte uns nach Strich und Faden und alle sanken nach der Rückkehr in die Herberge zufrieden, müde und satt in die Betten.

Samstag - das sollte MEIN Tag werden! Endlich ging es nach Weimar, der Stadt Goethes, Schillers, Anna-Amalias und co.! Bereits vor vier Jahren war ich einmal dort und hatte die Stadt auf Anhieb lieb gewonnen. Nicht gesehen hatte ich damals Buchenwald, das ehemalige Konzentrationslager. Das wollte ich jetzt nachholen. Den Kids konnte es doch nicht schaden, oder? Bei der Eingabe des Zielorts ins Navi musste ich dann doch gleich schlucken: KZ Buchenwald liegt sinniger Weise an der Blutstraße! Wie grauselig! Es muss ja nicht grade die Gänseblümchenallee sein - aber der Name eines Widerstandskämpfers oder eines denkwürdigen Insassen hätte es doch auch getan, oder? Bereits der Weg zum Besucherparkplatz war gesäumt von Gedenksteinen und Erinnerungsstätten, so dass einem trotz des strahlenden Sonnenscheins und der angenehmen Temperaturen ein Schauer über den Rücken lief. Frank, der bereits einige Gedenkstätten dieser Art besichtigt hatte, machte uns keine großen "Hoffnungen", am Ort des Grauens viel zu sehen zu bekommen. Umso überraschter waren wir, als hier nicht nur etliche Gebäude erhalten und kommentiert waren, sondern sich auch ein umfangreiches Museum anschloss. Auf uns alle wirkte die Gedenkstätte sehr intensiv und recht nachdenklich und auch froh, wieder fort zu können, fuhren wir anschließend Richtung Weimar-Zentrum. Wenn ich heute in der Zeitung über das Gefangenenlager Guantanamo lese, bin ich doch sehr erschrocken, dass diese grausige Häftlingswelt noch immer Gegenwart ist! Ich bin allerdings nicht sicher, ob diese Zurschaustellung des Horrors, wie sie in Buchenwald praktiziert wird, auf alle Betrachter die beabsichtigte Wirkung hatte - vielleicht war alles zusammen, all die Folterinstrumente, Verbrennungsöfen und Mordstätten, doch etwas zu sensationsheischend?

In Weimar konnten wir alle schnell die düsteren Gedanken abschütteln - und das, obwohl wir zunächst wohl in einem der heruntergekommensten Vierteln mit besetzten und beschmierten Häusern gelandet waren. Der erste Weg ging gleich zum Marktplatz, an dem sich, unmittelbar vor dem Nationaltheater, das berühmte Denkmal der Dichterfürsten Goethe und Schiller befindet. Es wundert wohl nicht, dass beide Herren auch kommerziell "ausgeschlachtet" wurden und der Platz fast unmittelbar von je einem Goethe-, als auch einem Schillerkaufhaus gesäumt ist! Welch eine Ironie aber, dass es ausgerechnet im Goethekaufhaus weder Stift, noch Notizblock zu kaufen gab!

Direkt am Marktplatz steht das Bauhausmuseum. Johanna hatte hier einen süßen, kindgerechten, freudschen "Verhörer": "Oh, prima, ein Baumhausmuseum!", freute sie sich schon auf der Fahrt nach Weimar ;-) Da ich das Museum als nicht allzu spektakulär in Erinnerung hatte, beschlossen wir, uns das Eintrittsgeld und den Kindern die Kultur-Qual zu ersparen. Statt durchs Museum wandelten wir nur durch den Shop und Frank erklärte den Kids fast soviel um das Design von Gropius und co., als sie auch im Museum erfahren hätten - vielleicht sogar mehr. Die Ersparnis des Eintrittsgeldes wurde dann durch die Anschaffung eines Buches über den Bauhauskult relativiert. Egal - mit dem Buch hatten alle Kinder viel Spaß und warteten auf der Rückfahrt am nächsten Tag ungeduldig darauf, auch mal darin blättern (und insgeheim Möbel-Wunschzettel schreiben) zu dürfen.

Die Besichtigung der Wohnhäuser Goethes und Schillers durfte bei dem Besuch der Stadt natürlich nicht fehlen! Für das Goethehaus zahlten wir artig Eintritt. Eine Führung wurde grade nicht angeboten - aber wir erhielten einen Handzettel, der uns eine Anleitung zum Rundgang durch das Haus bot. Zudem hatte ich das alles ja schon einmal MIT Führung gesehen und konnte einiges aus dem Gedächtnis berichten. Es gibt einem schon ein erhabenes Gefühl, sich an so historischer Stätte zu befinden und hier tatsächlich dem Originalbesitz Goethes gegenüber zu stehen! Anschließend gab es noch eine Multi-Media-Vorführung im Untergeschoss. Beim Verlassen des Hauses fiel uns grade noch auf, dass wir wohl einige der letzten Besucher dieses Tages waren: Aus Denkmalschutzgründen ist die Anzahl der Besucher auf eine bestimmte Menge begrenzt. Dasselbe stellten wir dann bei der Anna-Amalia-Bibliothek fest, wo wir leider zu spät ankamen und uns ein Rundgang durch die historischen Räume verwehrt wurde. Nun, ein weiter Grund, noch einmal wiederzukommen!

Schiller hatte es schon zu Lebzeiten nicht leicht. Auch im Gedächtnis der Deutschen wird er vermutlich immer einen Platz knapp hinter seinem Kollegen Goethe haben. Leider ist auch sein Wohnhaus ein Stück weniger "schillernd", als das seines italienliebenden Freundes Goethe: War im Goethehaus nahezu alles Inventar original aus dem Besitz des Dichters und Staatsmannes, so war bei Schiller doch alles nur "aus Zeiten Schillers", "aus dem Familienbesitz" oder "nachgebaut". Freien Eintritt in das Haus hatten wir Franzi zu verdanken, die, stets wachsam die Umgebung betrachtend, auf der Straße eine gültige Eintrittskarte gefunden hatte! Wir leisteten uns daher hier zwei Audio-Guides mit je zwei Kopfhörern. Alle bestanden auf die Hör-Dinger, so dass nur ich leer ausging. Nicht schlimm, ich kannte ja auch dieses Gebäude bereits. Die Frau an der Ausgabe versuchte mich zudem zu trösten: "Die Kleine (Johanna) wird ja eh nicht lange hören, dann können Sie ja die Hörer nutzen." Tja, da hatte sie die Rechnung wohl ohne den Knirps gemacht, denn Johanna lauschte andächtig bis zum Schluss. Allerdings gab sie mir gnädig einen ihrer beiden Hörvorrichtungen ab, so dass auch ich mein Wissen auffrischen konnte. Der Besuch Weimars war natürlich gesäumt von zahlreichen Eis-Stopps und einem Spielplatzbesuch, bei dem Johanna so doll stürzte, dass ihr Geschrei mich befürchten ließ, auch noch in den Genuss der Innenbesichtigung des lokalen Krankenhauses kommen zu müssen. Dann war aber bald wieder alles gut und wir konnten nach einem weiteren kleinen Eis die Heimfahrt antreten. Mit einem leckeren Essen war dann auch dieser schöne Tag leider viel zu schnell zu Ende!

Beim Aufwachen am letzten Tag verspürten wir alle eine leise Wehmut - wir wollten noch nicht nach Hause! Nach dem wieder einmal sehr leckeren Frühstück ging es aber zuvor noch zur Wartburg. Wir hatten ja längst schon erkundet, dass es von der Jugendherberge aus einen Fußweg gab. Daher ließen wir das Auto nach dem Auschecken aus unserer Unterkunft noch voll beladen auf dem Parkplatz der Herberge stehen und liefen los. Durch das Liliental wanderten wir durch ein absolut herrliches Stück Wald und Berg! Wir waren die einzigen Wanderer und fürchteten schon, falsch gelaufen zu sein! Dann sahen wir sie plötzlich von einer Lichtung aus in ihrer gesamten Pracht - die Wartburg! Wow, was für ein Anblick! Ungestüm zogen die Kids direkt weiter und bald schon waren wir vor den Toren der Burg, an der einst Luther schon, als Junker Jörg verkleidet, um Einlass gebeten hatte. Wir buchten eine Führung und fanden uns bald mit zahlreichen weiteren Besuchern in internationaler Besetzung (sogar Finnen waren dabei!) in den geschichtsträchtigen Räumlichkeiten. Wir erfuhren von der tausendjährigen Geschichte der Burg, die wohl immer eher eine "Freizeit-Anlage" war und nie eine Festung, von dem Erbauer, den (wenigen) Rittern, der heiligen Elisabeth, natürlich von Luther (der übrigens ursprünglich den Nachnamen Luder trug) und auch von dem sagenumwobenen Sängerkrieg, den Komponist Richard Wagner in seinem Tannhäuser verwurstet hat. Felix kommentierte diesen Wettstreit salopp mit: "Das war dann nicht DSDS (Deutschland such den Superstar), sondern WSDS - Wartburg sucht den Superstar!" Luthers Schreibstube mit dem ehemaligen legendären Tintenfleck war dann wieder "schiller-like" nicht original, sondern "aus der Zeit" oder "ähnlich" eingerichtet. Aber vermutlich darf man bei so alten Gedenkstätten, die zudem heute noch aktiv genutzt werden (Konzerte, Feierlichkeiten etc.), einfach nicht den Anspruch auf Ursprünglichkeit haben. Schön und beeindruckend war der Besuch der Burg trotzdem. Sinn und Zweck von Besichtigungen dieser Art ist ja auch wohl vor allem, dass man seinen Horizont erweitert und sich vielleicht einmal mit einer Geschichtsepoche beschäftigt, die man bislang nicht kannte. Das taten wir dann auch auf dem Rückweg, als wir die Lebensgeschichte Luthers noch einmal von CD hörten.

Nach der Heimfahrt im Regen und der Ankunft bei Temperaturen weit unter denen der letzten Tage wunderte ich mich mit Frank noch darüber, dass die Kids so interessiert an Geschichte waren. "Sie sind nicht interessiert an GESCHICHTE, sondern eher an GESCHICHTEN, die sie drum herum gehört haben.", so mein Mann. Ja, da hat er wohl Recht. Es ging ja nicht darum, sich Daten und Fakten zu merken, sondern kleinen Anekdoten zu lauschen und skurrilen Begebenheiten aus längst vergangenen Zeiten. Vielleicht aber legt grade das einen Grundstock für ein umfassenderes Geschichtsinteresse....warten wirs mal ab....

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