
Vom 27. bis 31.7.2009 fand das diesjährige Karate-Großereignis Gasshuku in Konstanz statt. Rund 1.500 Karateka aus ganz Europa nahmen auch diesmal wieder an diesem Spitzen-Event teil. So auch ich mit vielen Freunden aus dem heimischen Dojo sowie aus dem befreundeten Shotokan-Karate-Dojo Wesel und zahlreichen Kampfgefährten aus Frankfurt, Freiburg, Siegen, Kamenz, Leipzig, München, Dortmund, natürlich Konstanz .... und sogar meinem finnischen Karate-Freund Reijo. Es war schon überraschend und auch bewegend, wie groß meine Karate-Familie inzwischen ist!
Dank Karate-Phänomen Silke (sie trainiert nur selten im Dojo, hat den Gasshuku aber ausgezeichnet überstanden!) hatte ich eine Bleibe in einer sehr schönen Ferienwohnung am Bodanplatz, direkt in der Altstadt und unweit des Bahnhofs. In dieser schmalen, urigen und sehr geschmackvoll eingerichteten Bleibe hatten wir eine Fünfer-WG bestehend aus Silke Gondrum, Martin "Hessimoto" Hesse, Michael Völker, Nina Reilmann und mir. Davon, dass meine vier Mitbewohner etwas "zeltmüde" lieber gemeinsam Essen gingen und sich anschließend noch in der Ferienwohnung unterhielten, ließ ich mich weder beeindrucken, noch abschrecken: Ich vertiefte jeden Abend bis weit nach Mitternacht in der Karate-Gemeinschaft in und um das Festzelt meine Kontakte und knüpfte neue. Der wenige Schlaf machte sich nicht als Mangel bemerkbar - tapfer und recht ausgeruht stand ich allmorgendlich um 05.45 Uhr mit Silke auf, trank einen Kaffee (oder zwei), holte Reijo ab und war pünktlich zur ersten Kata-Einheit um 07.00 Uhr in Halle 1.
Es war übrigens eine super Idee, trotz vier Mitfahrern mein Rennrad mitzunehmen, denn vom Bodanplatz bis zum Karate-Gelände wäre es wohl je ein halbstündiger Fußmarsch gewesen. Viele Karateka hatten sich deshalb vor Ort Fahrräder geliehen und auch alle Trainer waren mit diesen fahrbaren Untersätzen bestückt worden. Des Radfahrens überraschender Weise nicht kundig war wohl Sensei Julien Chees gewesen: Er bekam anfangs tatsächlich Fahrradfahrunterricht von Markus "Hübi" Rues.
Leider war er anschließend wohl so mit der Fahrtechnik beschäftigt, dass er einem links fahrenden Radfahrer nicht ausweichen konnte, zu Fall kam und sich dabei nicht unerheblich an Bein und Fuß verletzte!
Soweit ich weiß, war dies aber dann auch wohl die einzige nennenswerte Gasshuku-Verletzung. Ich muss sagen, dass das Training mich konditionell nicht recht gefordert hatte. Das mag natürlich einerseits an meinem ausgiebigen Ausdauertraining der letzten Wochen und Monate gelegen haben. Zudem war aber auch der allgemeine Eindruck, dass "Schleifer"-Einheiten diesmal wirklich die Ausnahme waren. Der Schwerpunkt lag wohl beim diesjährigen Gasshuku auf dem Lern- und nicht auf dem Auspower-Effekt.
Jeden Morgen gab es eine Stunde Kata-Training in unterschiedlichen Gruppen, je nach Graduierung. Die Schwarzgurte trainierten in dieser Einheit alle gemeinsam, bei den übrigen Trainings wurde unterschieden zwischen 1. Dan und ab 2. Dan. Gleich zu Beginn unterwies uns Sensei Toribio Osterkamp in der Unsu. Zwei oder dreimal liefen wir die Kata ganz, dann gab es einige Bunkai-Übungen. Eine wirklich schöne Kata! Am zweiten Tag erteilte uns Shihan Ochi eine Lektion in der Gojushiho Dai und ihre "große Schwester", die Gojushiho Sho, wurde uns von Julien Chees am Freitag beigebracht. Das Kata-Training am Mittwoch gestaltete Hanskarl-Rotzinger, der bei der Chinte besondere Schwerpunkte auf Ki und Energiefluss legte. Zudem zeigte er uns, dass der für die Chinte typische Faustschlag in die offene Hand Energiepunkte stimuliert (wie auch z. B. bei der Ausgangsstellung von Jion und Jitte). Ein ausgezeichnetes Katatraining gab Risto Kiiskilä am Donnerstag, als er uns die Jitte näher brachte. Obgleich ich die meisten der Übungen schon von dem vorletzten Januar-Intensiv kannte, hatte ich hier doch einige Erkenntnis-Blitze! Risto-typisch mussten wir uns dann zu zweit zusammentun und uns gegenseitig die Kata vorführen und beurteilen lassen. Mein Trainingspartner Steffen meinte hier schmunzelnd: "Das ist die eigentliche Lektion für die höheren Dan-Träger: Sich korrigieren und kritisieren zu lassen!" Abgesehen von dem Katatraining war für die Gruppe ab 2. Dan leider kein Risto vorgesehen - schade, denn ich finde, dass Risto ein sehr anspruchsvolles Karate schult, von dem besonders die fortgeschrittenen Karateka profitieren und mit dem manch anderer häufig überfordert ist. Aber ein Gasshuku ohne Risto ist für mich wie ein Urlaub in Konstanz ohne Bad im Rhein - also nahm ich mit einigen anderen aus meiner Trainingsgruppe am Freitag kurzer Hand einfach noch an dem letzten Training der Gruppe 1. Dan hinzu, trainierte also an dem Tag vier Einheiten. Hier gab es dann viele Bewegungsmuster aus Ristos Kata Hôkyôkuko, viele Suri-Ashis und Tai-Sabakis mit und ohne Partner sowie die Umsetzung dieser Trainingselemente in der Ausführung der Kata Kanku-Sho. Neben mir das unglaubliche Karate-Phänomen Winnie Leschik aus München - so ein klasse Energiebündel mit Power und Kampfgeist! Was kam ich mir steif und ungelenk vor!
Auch die übrigen Trainings gestalteten sich sehr vielseitig. Ich hatte hier nur japanische Instructoren, wobei mir von diesen nur Sensei Akita und Shihan Sugimura bekannt waren. Akita zeichnet sich meiner Meinung nach durch äußerst akurate Techniken aus. In einem direkten Vergleich zu Risto bei dem Pfingslehrgang in Berlin im vergangenen Jahr fiel mir dies besonders auf und ich hatte fast den Eindruck dass Risto und Akita verschiedene Wege schulten: Der Finne legte den Schwerpunkt auf Beweglichkeit, während sein japanischer Kollege fast statisch wirkte. Nun aber die Überraschung: Bei Akita fanden sich plötzlich Bewegungsmuster à la Risto! So machte er das Vorgehen im Zenkutsu-Dachi so vor, dass man das hintere Bein zunächst am Standbein vorbeiziehen sollte, um sich dann mit dem jetzt hinteren Bein abzudrücken. Auch sonst wurde hier viel Beweglichkeit gefordert, in dem wir z. B. aus dem Shizen-Tai im Wechsel und schnell rechts bzw. links mit Kizami-Tsuki in Zenkutsu-Dachi vor- und zurückgehen sollten.
Shihan Sugimura, der uns in zwei Einheiten unterrichtete, legte viel Wert auf ein "lebenslanges Karate". Was nützt es, sich im Training und auf Turnieren ständig gegenseitig die Fresse zu polieren und die Gesundheit zu gefährden? Andererseits ist es auch fast nicht möglich, realistisches Karate zu praktizieren, ohne zu kämpfen. Man hätte so nie die Überprüfung, ob die Techniken funktionieren. "Der Sandsack schlägt nicht zurück.", so Sugi, der ein rein technisches Karate ohne Kampf mit einem Abfahrt-Skitraining in der Wüste verglich. Der fast 70-jährige Bundestrainer der Schweiz erklärte uns daher unermüdlich, wie wir den Körper lebenslang beweglich und gesund erhalten. Statt aufwändiger Aufwärmgymnastik zeigte er uns, wie wir uns z. B. mit lang gestreckten Kihon-Techniken aufwärmen können. Auch hier liefen wir die Kanku-Sho und auch die Kanku-Dai. Kata ist nicht nur Technik, sondern auch Psychologie, so der Schweizer National-Coach. Wir sollten Leben in die Kata bringen, zeigen, dass wir wirklich kämpfen! Auch sonst brachte der Shihan uns regelmäßig mit kleinen Weisheiten und Anekdoten zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken, wie: "Beim Gyaku-Tsuki kommen Fuß und Faust im Prinzip gleichzeitig - der Fuß ist nur etwas eher da, allerdings ohne Belastung."
Das wahre Highlight waren für mich in diesem Jahr allerdings die aus Japan "importierten" Instructoren, als da waren: Shihan Kobayashi, Shihan Naito, Shihan Ida und Shihan Yamamoto.
Shihan Ida überzeugte nicht nur durch Leibesfülle, sondern auch durch viel Weisheit und Erfahrung. Zweimal kamen wir in den Genuss seiner Unterweisungen. Beim ersten Mal dachte ich noch: "Achja, wieder so ein japanischer Karate-Professor, der viel, viel erklärt und dessen Trainings sich wegen der umfassenden Übersetzungen durch viele Pausen und wenige aktive Phasen auszeichnen. Aber nein, es kam doch anders: Zwar wies Shihan Ida im ersten Training darauf hin, dass wir in dieser Einheit viele Tipps für das Training mit den eigenen Karateschülern im heimischen Dojo erhalten sollten, diese Anregungen wurden dennoch auch direkt und mit vielen Partnerwechseln umgesetzt. Hier konnte ich bald absehen, dass ich nach ein, zwei weiteren Partnerwechseln einen Karateka vor mir haben würde, über dessen außersportlichen Verhalten ich mich bereits mehrfach sehr geärgert hatte. Ach, aber ich beschloss, gemäß eines philosophischen Trainingsansatzes, meine Seele glatt und eben zu machen und keine Aggressionen zuzulassen, so dass sie leer ist wie die Hand, nach der unsere Kampfkunst benannt ist. Und siehe da, es hat funktioniert. Innerlich ganz neutral stand ich meinem Partner gegenüber, zeigte mein bestes Karate, konnte mich gut behaupten und war nicht blockiert von Aggression oder Wut. Ein schönes Erlebnis! Wir sollten zunächst mit Ansage angreifen, entweder Tsuki Jodan, Chudan und hinterher auch Mae Geri Chudan. Bei den Tsukis sollte mit Age Uke oder Soto Uke geblockt und sofort wieder mit Oi Tsuki angegriffen werden. Dieser sollte wieder von dem ersten Angreifer geblockt werden und der abschließende Konter war frei. Schließlich griffen wir dann ohne Ansage an und der Partner musste den Angriff schnell erkennen und entsprechend blocken. Ehrlich gesagt glaube ich, dass die wenigsten wirklich den Angriff erkannt haben. Die Tsukis wurden dann der Vorsicht halber einfach "mittig" mit einer Art Soto Uke geblockt, so dass man Jodan und Chudan einigermaßen abdeckte und den Mae Geri erkannte man entweder tatsächlich rechtzeitig, da er ja einen recht langen Weg hat - oder man "kassierte" ihn halt. So ging es jedenfalls mir und was ich aus den Augenwinkeln sah, war meist nicht besser. All dies versuchten wir dann in lockerem Kumite umzusetzen und sollten hierbei unseren Trainingsschwerpunkt auf den Block legen, nicht auf den Angriff. Schließlich bildeten je etwa 15 Karateka zwei Reihen in der Mitte der Halle. Vor diesen verteilten sich dann die restlichen Trainingsteilnehmer in Gruppen und griffen die Karateka in der Reihe mit den zu Beginn der Einheit eingeübten Kombinationen an. Hier ging es dann mächtig zur Sache, so dass das Feuer der Begeisterung die Augen der Karateka zum Leuchten brachte! Die zweite Einheit bei Ida hatten wir am Freitag. Hier gab es erstmal Manöverkritik am Vergleichkampf Deutschland-Italien vom Vorabend. Die Überlegenheit der Italiener war deutlich und nun wurden die Aktiven deutschen Teilnehmer gefragt, was gut und was schlecht gelaufen sei. Ein Kämpfer räumte dann, was ich mega-peinlich fand, ein, den deutschen Kämpfern hätte wohl die Motivation gefehlt. Oha, wie kann man sich selbst nur so ein Armutszeugnis ausstellen? Das war ja wohl ein klassisches Eigentor! Ida antwortete dann auch leicht resigniert, wer keine Motivation zum Kämpfen habe, der sollte das mit dem Karate sein lassen. Bei Shihan Ida lag der Trainingsfokus am Freitagvormittag dann auf dem Kumite. Mit recht anspruchsvollen Partnerübungen und vielen wechselnden Partnerwechseln wurden wir so richtig aufgemischt! Ich hatte die Ehre, unter anderem mit Jean-Pierre Fischer zu üben. Merkwürdig, wie blockiert ich da doch plötzlich war!
Shihan Kobayashi
war bemüht, uns am zweiten Trainingstag das Geheimnis des Kime zu entschlüsseln. Die Körperspannung sollte entweder 100% betragen oder 0%. Hier hatte ich Steffen als Trainingspartner, den ich aus Ristos Dojo in Frankfurt kenne. In dieser Trainingseinheit hätte auch genauso gut er mein Lehrer sein können - so gut beherrschte er das Kime-Prinzip. Bei mir hingegen wollte sich einfach nicht das richtige Gefühl einstellen. Zwar konnte ich ganz gut anspannen - die Entspannung zwischendurch wollte aber einfach nicht recht gelingen. Wir machten eine Kihon-Vorübung: Gyaku Tsuki Jodan, zurückziehen, Gyaku Tsuki Chudan, vorderes Bein halb ran ziehen, Schrittwechsel, Oi Tsuki Chudan (Schlag also immer mit demselben Arm). Dann sollten wir dasselbe mit Partner üben. Wir sollten den erste Gyaku Tsuki direkt am Kinn platzieren, aber sehr kontrolliert und nicht als echten Treffer. Sollten wir aus Versehen dann aber doch mal treffen, müsste der Partner sofort umfallen. Diese Übung verlangte von mir einiges ab, obwohl es sich eigentlich um reine Basistechniken handelte. Oder grade deshalb - denn hier konnte man sich eben voll und ganz auf das Kime-Prinzip konzentrieren. Anschließend sollten wir angreifen mit Sto Uchi zum Hals des Partners, Fußwechsel Sto Uchi, Gyaku Heito Uchi, Fußwechsel und Uraken. Das war recht kompliziert und immer verdammt nah an der Halsschlagader....aber es hat irgendwie besser funktioniert als die erste Übung. Schließlich gab es dann eine Übung, bei der der Kopf frei werden konnte, weil sie auch "nur aus dem Rückenmark" funktionierte: Gyaku Empi, Age Empi, Arm des Partners diagonal unter der Achsel greifen, Beinwechsel und Otoshi Empi auf das Rückgrat....Aua....das ist mal eine Übung für den Ernstfall, wenn man mal jemanden echt richtig umhauen möchte!
Auch in seiner zweiten Einheit ließ es Shihan Kobayashi so richtig krachen - schade, ich kann keine Biografie über ihn im Netz finden. Echt ein interessanter Instructor, so ganz nach meinem Geschmack mit der nötigen Härte und kreativen Kumite-Übungen! Am Freitag jedenfalls ging es ihm darum, dass wir Angriffe mit Fußtechniken stoppen sollten. Zunächst beide links vor, Angriff Oi-Tsuki (alternativ: Gyaku Tsuki) und stoppen mit Mawashi Chudan als Deai-Konter. Hier wurden wir beim Üben häufig unterbrochen, weil dem Shihan unsere Tritte zu zaghaft waren. Als nächstes bauten wir diese Kombination weiter aus: Nach dem Geri ging der Tretende links am Standbein des Partners vorbei, der Partner machte auch einen Schritt vor, beide drehten sich um 180 Grad wieder zueinander. Angreifer ging jetzt einen Schritt vor mit Tsuki Jodan, Block mit Age Uke (entweder ganzen Schritt zurück oder mit Shuri Ashi rückwärts gleiten, funktioniert beides) und mit dem rechten Bein Ura Mawashi Jodan zum Kopf des Gegners. Nach dem Absetzen mit dem vorderen (rechten) Bein Ashi Barai und nachschlagen. Aber das war erst der Anfang!
Als nächstes ging es so: Angriff Mae Geri Chudan, beim Absetzen Tsuki Jodan. Uke blockt mit Juji Uke erst Chudan den Mae Geri, dann Jodan den Tsuki. Anschließend aus kurzer Distanz harten Mae Geri Chudan als Konter, hinten absetzen. Gegner wird einen ganzen Schritt zurückgetreten und greift wieder mit Tsuki Jodan an. Uke lässt sich jetzt links zu Boden fallen, weicht so dem Tsuki aus und tritt (am Boden liegend) Mawashi Chudan. Das ging nur einigermaßen, wenn man im Fall die schlagende Faust erwischt und festhält. Jetzt mit dem rechten Bein das Standbein des Gegners einhaken und den Gegner vorwärts zu Boden schieben (Vorsicht, man fällt hierbei flach auf den Bauch, ein Abschlagen ist fast nicht möglich!). Jetzt noch, am Boden liegend, dem auf dem Bauch liegenden Gegner einen Mawashi Jodan oder auf den Schulterbereich verpassen - fertig!
Schließlich ließ noch Hollywood grüßen: Angriff Oi Tsuki (Höhe egal), hart stoppen mit Yoko Geri Kekomi als Deai. Der Gegner geht einen Schritt zurück und greift an mit Mawashi Jodan. Uke duckt sich, Tori setzt mit Uraken ab, den Uke mit Jodan Uchi Uke abwehrt. Jetzt springt Uke, der den Tori rechts von sich stehen hat und links vor steht, den Tori mit der "Krebsschrere" an. hierbei ist das linke Bein oben in Höhe des Bauchnabels und das rechte etwa in Höhe des Gesäßes des Partners. Der Partner wird zu Boden gedrückt/geworfen (Druck kommt aus dem oberen, linken Bein) und erhält zum Abschluss noch einen Geri mit der Ferse des linken Fußes. Möglichst sollte der Partner beim Fallen mit der rechten Hand am Kragen gepackt werden. So wird eventuell verhindert, dass er mit dem Kopf auf dem Boden aufschlägt. Diese Krebsschere hatten wir bei Risto schon mal gemacht! Aber es ist echt sehr schwierig.
Shihan Naito zeigte vor Trainingsbeginn bereits, wie wichtig bei ihm Etikette und Disziplin sind: Die Zuschauer auf der Tribüne wurden - zunächst freundlich - gebeten, die Sitze oberhalb des Shomen-Bereichs unbedingt frei zu halten! Gleich zu Beginn des Trainings forderte Naito von uns ein hohes Maß an Konzentration, in dem er uns zahlreiche Kihon-Kombinationen hintereinander ausführen ließ, z. B.: Vor mit Gedan Barai, mit demselben Arm Uchi Uke, Soto Uke, Age Uke und Gyaku Tsuki. Wir sollten darauf achten, keine Ausholbewegungen mehr zu machen. Als Dan-Träger sollte man hin der Lage sein, auch ohne auszuholen starke Techniken zu machen - die Kraft käme ganz alleine aus dem Hara. Das kam mir doch sehr bekannt vor - bei Sensei Jörg Gantert haben wir oft ähnliche Trainingsaufgaben. Als nächstes kam eine Partnerübung. Angriff Gyaku Tsuki, Block mit offener Hand nach unten, ähnlich Gedan Barai, dann sofort mit demselben Arm Kizami Tsuki an das Kinn des Partners, auch als eine Art Abstandhalter und vor mit Oi Tsuki. Das war alles nicht einfach umzusetzen aber Shihan Naito motivierte uns mit dem Slogan: Yes, we can!, bekannt von US-Präsident Obama und .... natürlich auch von "Bob der Baumeister" ;-) Ich hatte in dieser Einheit einen französischen Trainingspartner - es war eine echte Hass-Liebe! Zunächst hatte ich ihn beim Gyaku Tsuki einmal (kontrolliert!) touchiert. Er blaffte mich gleich wütend an: "No contact!" Naja, dachte ich, vielleicht hat er eine angebrochene Rippe oder eine dicke Leber vom Saufen. Also nahm ich etwas mehr Abstand. Dann blockte er und konterte mit Kizami Tsuki voll auf die Zwölf! Der Konter war ja von mir nicht zu blocken und erforderte m. E. seinerseits ein erhöhtes Maß an Kontrolle. Es schien ihm aber gleich zu sein und bei den folgenden Übungen traf er mich trotz meines Protests mehrfach voll am Kinn und sogar an der Kehle. Die Folge war eine Beule am Kinn und Schluckbeschwerden. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Ich nahm auch diese Situation zum Anlass, mich frei zu halten von Aggression und Wut und einfach dazu zu nutzen, das Einstecken zu lernen, mich mental zu stärken. Was hätte ich für Alternativen gehabt? Vermutlich nur, entweder abzugrüßen und das Training zu beenden oder mit gleicher Münze heimzuzahlen und ihn genauso hart zurückzuschlagen. Beides kam für mich in dieser Situation nicht in Frage. Und paradoxer Weise hat mir grade dieses Partnertraining, bedingt durch seine Härte und mentale Herausforderung, auch noch irgendwie besonders viel Spaß gemacht. Die spinnen, die Karateka .... ;-) Bei einer weiteren Partnerübung bekamen mein "Froschfresser" und ich uns direkt wieder in die Haare: Angriff Gyaku Tsuki und Deai 45 Grad seitlich am Angriff vorbei mit Kizami Tsuki und Suri Ashi. Mein Partner verlangte von mir immer, ich sollte zuerst den Kizami ausführen und er dann mit Gyaku Tsuki kontern. Das machte aber gar keinen Sinn und er schüttelte immer wütend über mich den Kopf. Ich konnte ihm das aufgrund meiner mäßigen Französischkenntisse auch jetzt nicht besser erklären und wusste nicht was "abslouter Bullshit" in seiner Landessprache heißt. Irgendwann gelang es dann doch und ich sagte, dass es kompletter Nonsens sei, wenn man einen Gegner, der grade mit Kizami angegriffen hat und seitlich ausgewichen ist, nicht blockt, sondern mit einem Gradeaus-Gyaku Tsuki, der ja jetzt zwangsläufig ins Leere geht, abkontert!
An dem Nachmittag war trainingsfrei und ich brachte meine Freundin Heide zusammen mit Reijo nach Zürich. Da ich keine Autobahn-Vignette für die Schweiz hatte, fuhren wir über Landstraße. Das zog sich ewig hin und so blieb leider gar keine Zeit für die Stadt Zürich. Auf der Rückfahrt machte ich mit Reijo noch ein kleines improvisiertes Picknick auf einem Feldweg - auf der Ladefläche meines Vans vis à vis mit der Schweizerischen Autobahn. Abends feierten wir dann mit unserer kleinen WG den Geburtstag von Michael, der uns total lecker mit einer hervorragenden Fisch-Lasagne bekocht hatte! Schließlich ging es noch zum Zelt und kurz über das unglaublich gut besuchte Konstanzer Weinfest. Zwischen den Trainings habe ich übrigens regelmäßig auf das Duschen verzichtet - stattdessen habe ich mich im direkt neben der Halle vorbei fließenden Rhein erfrischt und den Gi in der Sonne trocknen lassen.
Ein weiteres Trainingshighlight war zweifellos Shihan Yamamoto! Direkt am Montagvormittag wurde ich gleich von seiner charismatischen Ausstrahlung gefesselt. Er machte gleich recht unbarmherzig klar, dass er von uns vollen Einsatz fordere, auch wenn der ein- oder andere von uns schon etwas älter wäre (scheint ein großes Thema in meiner Trainingsgruppe zu sein!). Schließlich sei er auch schon 53 Jahre alt und würde von sich auch immer verlangen, bis zum Äußersten zu gehen. Wir hatten hier interessante Partneraufgaben zu erledigen. Ich hatte hier u. a. Skrupi aus Kamenz als Herausforderer, der zusammen mit Sabine aus Calw mit mir übte. Einer sollte in der Mitte stehen, die anderen beiden vor bzw. hinter dem Mittigen. Der in der Mitte griff an mit Kizami ans Kinn des einen Partners, Drehung hinten herum und Kizami an das Kinn des anderen, Drehung hinten rum usw. Da bekam man einen ganz schönen Drehwurm und es hieß, sich trotz der ständigen Drehungen voll und ganz zu konzentrieren. Dasselbe machten wir dann mit Mae Geri und schließlich auch mit Yoko Geri und zum Abschluss gab es noch Randori.
Die Yamamoto-Einheit musste ich übrigens ebenso wie die vorangegangene Unsu bei Toribio Osterkamp nüchtern überstehen. Vor dem ersten Training erschien mir ein Essen nicht ratsam, es war allenfalls ein Kaffee drin. Vor der zweiten war dann eine Stunde Pause und ich hätte gerne etwas zu mir genommen. Allerdings war an der Frühstückstheke eine Schlange, die mich ausrechnen ließ, dass ich bei Beginn der Folgeeinheit noch nicht einmal bezahlt haben würde, geschweige denn gefrühstückt zu haben. Also musste ich auch hier mit leerem Magen alles geben. Aber es ging dies eine Mal. Das war leider ein kleiner Schwachpunkt des diesjährigen Gasshukus - das Catering, welches vom Orga-Team eigentlich in professionelle Hände gegeben worden war, entpuppte sich als ziemlich dürftig: Zwar waren die Hauptmahlzeiten ab Mittag reichhaltig und auch verhältnismäßig günstig, das Frühstück war aber dürftig und recht teuer. Auch beim abendlichen Getränkeausschank dachte ich vor allem zu Beginn des Gasshukus, dass vermutlich meine Kinder das schon besser organisiert hätten. Und vor allem, was sollte das dusselige Pfandmarkensystem? Die Abendunterhaltung blieb leider auch hinter der Gestaltung der Hannoveraner zurück. Am Dienstag spielte ein Duo auf einer Hammond-Orgel grausliches Liedgut (nur die letzten drei Songs vor 22 Uhr waren ok und danach war direkt Schluss) und am Freitag legte ein DJ auf. Der brachte zwar ruckzuck die Menge zum Brodeln, dann kamen aber auch schon die "Grünen" und sorgten für Ruhe. Na ja, eine eng verknüpfte Karate-Familie braucht offenbar keine Belustigung, denn die Gemeinschaft in den Hallen sowie in und vor dem Zelt war geprägt von guten Gesprächen und viel Spaß.
Alles in allem war es ein superguter Gasshuku, bei dem ich viel Neues gelernt, noch mehr vertieft und mich sehr über meine gute Kondition gefreut habe. Trotz sehr wenig Schlafs und langer Zelt-Sequenzen war ich nie müde, nie schlapp, immer konzentriert, nicht verletzt, nie nervös, nicht ängstlich. Viele, viele Techniken sind noch zu üben und unglaublich viele Schwächen habe ich vor allem noch im Bereich Kata - aber bei diesem Gasshuku war ich nie angespannt, weil ich fürchtete, etwas nicht richtig oder nicht gut genug zu machen. Ich war immer allenfalls gespannt und neugierig, was mir die nächste Einheit bringen würde. So macht Karate unglaublich viel Spaß und ich denke wenn man diese Einstellung auch auf den Alltag übertragen kann, hat Karate schon unglaublich viel gebracht. Vielen, vielen Dank, Ihr Trainer und natürlich auch an das Gasshuku-Team!

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