Freitag, 12. November 2010

Auf des Lebens Stufenleiter

Ach, was sind wir dumme Leute!
Wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben,
ist ein Hasten, ist ein Streben,
ist ein Bangen, ist ein Sorgen –
heute denkt man schon an morgen,
morgen an die spät're Zeit, -
und kein Mensch genießt das Heut',
auf des Lebens Stufenleiter
eilt man weiter, immer weiter...

Ja, wir leben zu geschwind heut' –
gar zu schnell entflieht die Kindheit –
schon der Knabe in der Schule
sitzt nervös auf seinem Stuhle –
von der Fibel wird ihm übel,
nur mit Sträuben lernt er schreiben,
und am liebsten möcht' er raus
aus dem schönen Elternhaus,
denn er glaubt, es sei gescheiter,
immer weiter, immer weiter...

Ist die Schulzeit dann zu Ende,
steht er an der Lebenswende, -
dünkt sich groß wie irgendeiner, -
wird als Lehrling sehr bald kleiner; -
wird gepufft, angepfiffen,
bis er endlich hat begriffen,
dass man nur durch Fleiß und Streben
sich behaupten kann im Leben. –
Und sein Pflichtenkreis wird breiter,
immer weiter, immer weiter...

Ist er Anfang Zwanzig eben,
denkt er schon ans Eheleben.
Ja, in einem Tanzlokale
sieht er sie zum ersten Male –
und am Abend bringt er's Liebchen
schon nach Haus’ bis vor ihr Stübchen.
Hold errötend sagt die Maid:
,Junger Mann, Sie geh'n zu weit!'
Doch trotzdem gehet der Begleiter
immer weiter, immer weiter...
Er, noch ganz erhitzt vom Tanze,
sagt zu ihr: ,Ich geh' aufs Ganze!'
Immer näher kommt zur Maid er –
sie rückt weiter, immer weiter.

,Komm', sagt er, 's ist nicht gefährlich,
wirst mein Weibchen brav und ehrlich,
in sechs Wochen bist du mein',
und er küsst das Mägdelein.
Und nun sagt sie froh und heiter:
,Küsse weiter, immer weiter.'
Ja, nun zählt er die Sekunden
bis man ihn mit ihr verbunden.
Ist das nicht ein toller Einfall?
's hat doch Zeit mit solchem Reinfall!
Er nimmt die geknickte Lilie.
Bald vermehrt sich die Familie ...
und nach kurzem hat er schon
auf dem Schoß den ersten Sohn.
Erst kommt einer - dann ein zweiter –
immer weiter, immer weiter...

Nun beginnt erst recht das Plagen,
oft hört man die beiden sagen:
,Wenn wir nur die Sorgen los sind,
wenn die Kinder nur erst groß sind,
dann strahlt uns der Himmel heiter.'
Und sie schaffen immer weiter,
lassen blind beim Vorwärtsgeh’n
ihres Lebens Rosen stehn,
suchen Tausendgüldenkräuter
immer weiter, immer weiter...

So entflieht die Zeit wie'n Traum
und die beiden merken's kaum –
erst verheirat’n sie ihr Mariechen,
dann verlob'n sie ihr Sophiechen,
dann kommt Walter zur Marine,
dann lernt Englisch die Pauline –
dann macht Wilhelm sein Examen –
dann komm'n noch zwei junge Damen,
eine sechzehn, eine vierzehn – (!)
das kost't Kleider, Hüte, Schürzen,
um sie richtig auszustatten
für den künft'gen Herrn und Gatten.
Und nie weiß man, wie man dran ist,
nie gibt's Ruhe, nie gibt's Frieden –
wenn die eine an dem Mann ist,
ist die and’re schon geschieden.
Wenn die Jüngste noch zu haben,
hat die Ält'ste schon 'nen Knaben,
erst kommt einer, dann ein zweiter
und so weiter, immer weiter...
Seh’n Sie, so entflieh’n die Jahre.
Großpapa hat weiße Haare.
Und der Mondschein zieht sich breiter,
immer weiter, immer weiter ...

Und er seufzt: ,Wie schön der Mai ist,
sieht man erst, wenn er vorbei ist.
Ach, wir waren blind', so klagt er
und zu seinem Enkel sagt er:
,Nutz’ den Frühling deines Lebens,
leb’ im Sommer nicht vergebens,
denn gar bald stehst du im Herbste,
bis der Winter naht, dann sterbste –
und die Welt geht trotzdem heiter
immer weiter'....

Otto Reutter (1870 – 1931)

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