Mittwoch, 30. März 2011

Paris, mon amour! - Karate und die Seinemetropole

Lehrgang in Crosne bei Paris mit den Senseis Jean-Pierre Fischer und Jean-Michel Blanchard

Vor ein paar Wochen fand ich in meinem facebook-Briefkasten eine Einladung von Sensei Jean-Pierre Fischer, dem ehemaligen französischen Nationalcoach und Kata-Europameister. Ich hatte ihn bereits einmal auf einem Gasshuku als Trainingspartner und als Trainer beim Kata-Spezial im vergangenen Jahr vor mir und fand ihn sehr charismatisch. Vor allem das Training beim Kata-Spezial hatte mich sehr beeindruckt und außerdem sollte das Training in Crosne stattfinden, einem Vorort von Paris. Es dauerte gar nicht lange, bis ich meinen treuen Trainingspartner Torsten dafür begeistern konnte, dorthin zu fahren. Wer, außer uns, ist schon verrückt genug für einen Lehrgangsbesuch so weit weg und mit fremden Leuten?

Nach insgesamt knapp 12 Stunden Fahrt mit einem längeren Stopp in Köln näherten wir uns gegen Abend der Hauptstadt Frankreichs. Da Torsten ziemlich erkältet war, beschlossen wir kurzer Hand, dass wir erst ab Samstagmorgen am Training teilnehmen würden. Wir fuhren statt dessen aber auch nicht zu unserem Hotel am Flughafen Orly, sondern  mitten ins Herz der Großstadt - zum Louvre! Die vielen Eindrücke der Stadt und des Museums kann ich jetzt unmöglich hier alle in Kürze zusammen fassen. Aber nicht nur gedanklich folgte ein "Wow" dem anderen und "he, wie schön" war dann die wohl am zweithäufigsten gebrauchte Beschreibung :-) Als wir kurz vor Mitternacht am Hotel ankamen, hatten wir noch nicht zu Abend gegessen und freuten uns über eine weitere Überraschung: Unmittelbar nebenan befand sich ein spitzenmäßiges portugiesisches Restaurant, in dem wir es uns bei Fisch und einer Flasche Sancerre gut gehen ließen.

Samstag gings dann nach dem Frühstück auf nach Crosne, das sich nicht, wie Torsten zu ermitteln haben glaubte, in ca. 6 km Entfernung befand. Vielmehr hatten wir 16 km durch regen Verkehr zu fahren  und kamen erst kurz nach dem offiziellen Trainingsbeginn an der Sporthalle an. Ich hasse es, zu spät zu kommen! Und dann auch noch als Gast in einer fremden Stadt, zu fremden Leute! Aber - wir waren ja nicht in Deutschland, nicht in Japan oder einem anderen Land, in dem großen Wert auf Pünktlichkeit gelegt wird - und durften uns darüber freuen, dass das Training noch nicht begonnen hatte.

Trainiert wurde jeweils in zwei Gruppen: weiß bis grün und violett bis Dan, insgesamt waren wir etwa 50 Karateka. Wir wurden jeweils abwechselnd von Jean-Pierre und Jean-Michel unterrichtet. Inzwischen habe ich herausgefunden, dass die beiden lange Jahre international auf Turnieren für Frankreich gestaret sind. Da es damals noch keine Nationalmannschaft gab, haben sie sich immer gegenseitig korrigiert. Thematisch wechselten sich beide jeweils mit Kata und Kumite ab, so dass wir von beiden Trainern auf beiden Gebieten viel lernen konnten. Ehrlich gesagt war ich vor dem Training ganz schön aufgeregt, präsentierten wir doch zu zweit nicht nur unser Dojo, sondern waren - als einzige Deutsche - zudem auch noch die Shotokan-Fraktion Deutschlands! :-)

Nach dem Aufwärmen durch einen Karateka aus der Gruppe übernahm zunächst Jean-Pierre das Training der Braun- und Schwarzgurte. Schwerpunkt der ersten Einheit waren Kihon und Kihon-Kumite. Ich stand zunächst einem männlichen Trainingspartner gegenüber, wurde von Jean-Pierre aber Sandrine, einer Danträgerin, zugeteilt. Alle Kumiteübungen wurden vorab ohne Partner als Kihon geübt. Es gab drei verschiedene Durchgänge Okuri-Kumite, also: Angriff-Block/Konter, neuer (anderer)Angriff durch den Konternden-Block-Konter, neuer (wieder anderer)Angriff usw. Die technischen Anforderungen steigerten sich von Durchgang zu Durchgang und Jean-Pierre forderte uns zu zunehmender Dynamik und Geschwindigkeit auf. 

Nach einer knappen Stunde gab es "deux minutes" Pause und die Trainer tauschten die Gruppen, so dass wir es mit Jean-Michel zu tun bekamen. Jean-Michel ist Leiter des Dojos in Crosne und war lange Jahre lang zusammen mit Jean-Pierre Mitglied der französischen Nationalmannschaft. Mit ihm übten wir jetzt die Kanku Sho und zwar mit zahlreichen Bunkai-Sequenzen. Wir stellten uns hierfür in zwei Reihen auf und anders, als wir es kennen, übten nicht immer beide Partner beide Positionen der Bunkai-Übung. Jean-Michel achtete vielmehr darauf, dass das Embusen beibehalten wurde. Jeder übte also immer nur in eine Richtung und verschiedene Techniken. Das war einerseits vielleicht etwas schade, da man nicht in den Genuss aller Bunkai-Übungen kam, andererseits aber auch ein ganz interessanter Ansatz.

Die zweite Einheit startete um 16 Uhr mit Jean-Michel. Wir begannen nach der Gymnastik mit zwei Vorübungen, quasi als fortgesetztes Warm-Up. Zunächst stehen im Kiba-Dachi, Tsuki links und rechts; dann auf der Stelle links 45  Grad in ZK raus drehen mit Gyaku-Tsuki, rechts raus (also 90 Grad im Verhältnis zum vorangegangenen Gyts.) und wieder KB nach vorne mit Rentsuki (schneller hintereinander als zu Beginn der Folge).

Als nächstes eine Art Standübung, bei der es darauf ankam, trotz wechselnder Stände (Zenkutsu-Dachi, Kokotsu-Dachi, Kiba-Dachi, Zanshin-Dachi und Neko-Ashi-Dachi) das Standbein möglichst unbeweglich (also am Platz bleibend und das Knie möglichst im selben Winkel lassend) zu belassen. Dann das ganze erst links, dann rechts vor und schließlich zu zweit, wobei der Partner das Standbein kontrollieren sollte. Junge, waren wir anschließend warm!

Anschließend gab es wieder Kumite. Jean-Michel wollte uns in dieser Einheit vermitteln, dass es drei unterschiedliche Zeitpunkte gibt, an denen man mit dem Konter ansetzen kann: danach, währenddessen (Deai) und davor. Zunächst Angriff Kizami, Block rückwärts mit Suri-Ashi, Jodan Nagashi-Uke, DANACH Konter Gyaku-Tsuki. Als zweites: Ein Partner "zuckt" mit der Hüfte vor wie bei einem Angriff und der andere schlägt deai Gyaku-Tsuki. Schließlich: Zucken mit dem Kopf/Kinn und noch vor einer weiteren Bewegung Angriff mit Kizami-Tsuki.

Nach der Zweiminuten-Zäsur und dem Trainerwechsel kamen wir in den unendlichen Genuss, Kata bei Jean-Pierre zu trainieren. Der Mann bewegt sich wie ein Panther und allein dafür, ihm beim Vormachen der Katas zuzusehen, hatte sich schon die Fahrt gelohnt! Es gab die Bassai Dai und Sho. Er zeigte uns zahlreiche Details zur Bassai Dai, von denen sich bei vielen ein Achja! oder Achso! einstellte.

Dann die Bassai Sho, die mir ehrlich gesagt (noch?) nicht so liegt. Das merkte ich allein schon daran, dass Jean-Pierre mich doch hierbei wesentlich mehr im Focus hatte, als bei ihrer großen Schwester. Am beeindruckendsten und ein absoluter Augenschmaus war es für mich, als Jean-Pierre die Passage mit den Ashi-Barais in Zeitlupe vormachte. Was für eine Körperbeherrschung!

Nach dem Training fix duschen und aufbrezeln, schließlich hatte Torsten für uns einen Tisch im Le Fumoir reserviert, einem edlen Restaurant direkt am Louvre! He, was sahen wir gut aus an diesem Abend :-) Das Essen war dann ein weiterer - wenn nicht DER Höhepunkt dieses Paris-Trips! Die anschließende Tour mit Torstens Mini führte uns vorbei an zahlreichen Sehenswürdigkeiten und fand ihren Höhepunkt am Eiffelturm. Hier stellten wir das Auto ab und gingen auf das beleuchtete Wahrzeichen von Paris zu. Plötzlich begann der eiserne Riese scheinbar Funken zu sprühen! Einem Feuerwerk gleich glitzerte und blinkte er - er war über und über mit kleinen Birnchen versehen, die ihn in ein zauberhaftes Licht hüllten und diesen unvergesslichen Moment wohl für immer in meine Erinnerung gebrannt haben! Ich war total ergriffen! "Hey, das hast Du aber toll arrangiert, Torsten!", war meine spontane Reaktion.

Auf der anderen Seite des Turms waren gerade einige Läufer mit Startnummern angekommen. Ich fand hinterher heraus, dass an dem Abend direkt am Eiffelturm wohl ein 80-km-Lauf endete. Hier kamen also die erschöpften Läufer an - und liefen zum Abschluss der Tour noch mal eben die Treppen des Turms hinauf! Wahnsinn! Gegen 1.30 Uhr waren wir zurück in unseren Zimmern. Das war auch gut so, denn die Nacht war ja durch die Zeitumstellung eine Stunde kürzer als normal.

Das Aufstehen um halb 8 fiel mir dann auch entsprechend schwer! Schnell noch die Sachen packen, frühstücken und ab zur Trainingshalle. Dort begrüßten uns schon einige unserer neuen Karatefreunde und die erste Hälfte der Einheit begann mit Jean-Pierre. "Quel Kata nous faisons?", fragte ich. "Pas de Kata! Kumite!" Aber vor das Kumite hat nicht nur Gott in Frankreich ein zünftiges Warm-Up gelegt, sondern auch Jean-Pierre. Wir starteten mit Kihonbahnen und hier mit verschiedenen Geri-Kombinationen – vom Mae- über Mawashigeri bis hin zu Ura- und Ura-Mawashi-Geri (auf Französisch wird daraus ein herrlicher Üramawash :-) Bei der letzten dieser Übungen hatte wohl nicht nur ich ein gequältes Grinsen im Gesicht :-/

Dann ging es endlich los mit "face-à-face", also Kumite mit dem Partner und ich hatte wieder die Ehre, mit Sandrine zu trainieren, die bei diesem Durchgang viel sicherer wirkte, als beim ersten Mal und mit der ich viel Spaß hatte! Es gab wieder einige Durchgänge des hier offenbar beliebten Okuri-Kumite. Der Sensei forderte uns jetzt häufig auf, nicht "einzuschlafen" und dynamischer zu sein, das Kampfgeschehen in Intensität und Härte zu steigern. „Plus forte! Pas dormir!“ Stärker - nicht einschlafen! Also, ich glaube, wir haben ganz gut Gas gegeben, aber ob es dem Sensei gereicht hat?

Jetzt wieder Kata mit Jean-Michel. Er legte diesmal besonders viel Wert auf Perfektion. Die Braungurte machten Kanku Dai und wir die Sho. Wir sollten jetzt auf alle Einzelheiten achten und im Gegensatz zu der Forderung nach Power und Geschwindigkeit Jean-Pierres kam jetzt der Befehl, "très doucement", also ohne Kraft und langsamer als gewohnt, zu trainieren. Abdruck aus dem hinteren Bein; sauberes Hikite, korrekte Haltung beim Kokotsu-Dachi....es gab viel zu tun! Am Ende der Einheit wurden die Träger ab drittem Dan aufwärts auf eine Seite gebeten. Sie sollten sich einen von uns anderen aussuchen und den dann etappenweise die Kata vormachen lassen. Dann gab es Korrektur. Bei mir gabs viel zu meckern, obwohl ich mit Luis einen wirklich netten Kritiker hatte. Hinterher kam auch noch Jean-Michel zu mir und gab mir Hinweise - ich sag ja, dass wir hier eine Spezialbehandlung bekamen :-) Mein Katamann Torsten bekam von seinem Partner Eric nur Lob! Na, da hat ja wenigstens er die Ehre des Dojos im Ausland gerettet!


Dann  hieß es auch schon Abschied nehmen! Alle waren sehr herzlich und wir versprachen, bald wieder nach Frankreich zu kommen. "Meine Mädchen" Sandrine, Maud und Geraldine fragten direkt, ob sie nicht einmal nach Münster kommen könnten - wobei sie mit dem Namen unserer Stadt allerdings immer einen würzigen Käse verbanden.

Jetzt steuerten wir noch einmal die Metropole an und unser Ziel war Sacre Coeur. Dort verbrachten wir unsere Mittagspause in einem netten Restaurant mit Blick auf eine bunte Menschenmenge, bestehend aus vielen Malern, Straßenkünstlern und unzähligen Touristen. Nach dem Essen flanierten wir noch einmal um die Kirche herum und warfen einen letzten Blick auf Paris, bevor wir – zum sicher hundersten Male Gary Moores Parisienne Walkways aus den Boxen dröhnen lassend - wieder heimwärts fuhren.

Welche Erkenntnis(se) ziehen wir aus den Erlebnissen des Wochenendes? Paris ist immer eine Reise wert! Jean-Pierre und Jean-Michel sind super Trainer und die französischen Karatekas sind an Gastfreundlich- und Herzlichkeit kaum zu überbieten! Paris, mon amour, ich komme wieder! :-)

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