Wo ist Stan Schmidt?
Zum ersten Mal in meiner nicht eben kurzen Karate-Laufbahn nahm ich dieses Jahr an einem Gasshuku teil. Warum nicht eher? Keine Ahnung! Vielleicht war mir die Lehrgangsgebühr früher zu teuer? Immerhin war ich damals noch Schülerin bzw. Azubine, so dass mein Budget eher schmal ausfiel. Aber dieses Jahr bekam ich von meiner Familie da ok und fuhr mit ca. 20 Karatekas aus MS und Wesel nach Oberstdorf. Einen ausführlichen Bericht zum Gasshuku hat meines Erachtens Karin verfasst.
So will ich mich auf die Schilderung einer einzelnen Begebenheit beschränken. Einer der Trainer bei diesem erstklassig besetzten Gasshuku war Stan Schmidt aus Südafrika. In einem Dojo-Info vor einiger Zeit wurde mal sein Buch vorgestellt: Die leere Hand. Ich hatte es schon vorher mal irgendwann gelesen und es hat mich sehr beeindruckt. Wirklich sehr zu empfehlen! Jedenfalls kam dann auch die Einheit, bei der wir bei diesem tollen Trainer, der nach einem Verkehrsunfall zwei künstliche Hüftgelenke bekam, unser Karate verbessern sollten. Es war einfach unglaublich, dass jemand nach einer solchen OP sich nochmal aufrafft und weiter Karate betreibt! Andere Menschen hätten sich in Frührente schicken lassen, hätten resigniert und würden allenfalls noch Seniorensport betreiben! Nicht so Stan Schmidt! Er führte im Rahmen seiner Unterrichtseinheit z.B. eindrucksvoll vor, wie man sich effektiv gegen Messeratacken zur Wehr setzt, und das nur durch scheinbar willkürliches Hin- und Herrudern mit den Armen!
Nach der Einheit war ich wie paralysiert! Ich war total ergriffen von diesem Menschen!Es war das einzige Mal, dass ich es bereute, keinen Fotoapparat dabei zu haben oder etwas, das er mir signieren könnte! Normaler Weise finde ich so einen Star-Rummel eher peinlich, aber hier hätte mir etwas dran gelegen, quasi ein Stück Stan Schmidt mit nach Hause zu tragen! Naja, war wohl nichts, seufz! In unserem Appartement äußerte ich dann meinen WG-Mädels Silke, Bettina und Karin gegenüber meinen Kummer! Ich wurde sehr bedauert, aber helfen konnte mir natürlich keine!
Nach dem tollen Lehrgang fand am Freitagabend die Abschlußfeier in der Oybele-Halle statt. Eine super Live-Band brachte die Halle zum Brodeln! Mit vielen Leuten, die ich entweder vorher schon auf Lehrgängen oder Turnieren kennengelernt hatte oder erst im Verlauf des Gasshuku, hatte ich ne Menge Spaß. Die Trainer hatten alle zünftige krachlederne Trachtenhosen an. Es war schon niedlich, z. B. Herrn Ochi in diesem Outfit zu sehen! Als wir ihn um ein Foto gemeinsam mit uns baten, bat er um einen Moment Geduld und holte -woher auch immer!?!- eine Schottenmütze mit Perücke hervor, setzte sie auf und war als Bundestrainer in diesem Moment nicht mehr so recht ernstzunehmen! Es wurden einige Trainer an unserer Seite abgelichtet, so dass wir echt schöne Erinnerungsfotos haben! Auf einmal stupste mich Silke an: Guck mal, Icky, wer da ist! und ich konnte tatsächlich einen Mann von hinten sehen, der eigentlich nur Stan Schmidt sein konnte! Freundlich lächelnd, mit dem Fotoapparat im Anschlag näherte ich mich ihm von vorne, als mir das Grinsen im Gesicht zu einer peinlichen Maske gefror: es war irgend ein anderer Mensch, der Stan Schmidt von vorne überhaupt nicht ähnlich sah....äh....uuups, hallo...und tschüß!
Kurze Zeit später hatte ich dann aber Glück! Zwei Tischreihen weiter war er dann, mein Idol! Ich kletterte über eine Bank, stieß Marian Glad fast das Bier aus der Hand, trat in einen Aschenbecher, ließ beim Klettern mein Kleid in peinliche Höhen rutschen und stand dann endllich ..... vor einem fremden Mann, der mir freundlich zuprostete! Die Schamesröte in meinem Gesicht passte farblich hervorragend zu meinem Kleid! Glücklicher Weise hatte ich keine Probleme, diesen schönen Abend trotz dieser vergeblichen Idol-Jagd zu genießen. Aber irgendwann übermannte mich die Müdigkeit und ich wollte eigentlich aufbrechen. Da nahm Silke mich noch einmal zur Seite: ich glaube er ist draußen, will entweder grade Luft schnappen oder schon gehen, schnell, du musst dich beeilen! Also nix wie nach draussen, vorbeidrängelnd an einem freundlich lächelnden Erwin Querl und den Massen von Karatekas, die hinein wollten.
Ein Schubsen und Drängeln war das! Hier durch zu kommen kostete fast soviel Kraft wie eine ganze Trainingseinheit! Draußen in der Dunkelheit war erst mal gar nichts zu sehen! Nachdem ich im Gedränge mehreren Leuten auf die Füsse getreten war und -mich entschuldigend- vorwärts stolperte, sah ich das charakteristische Profil: leicht ausgedünntes, helles Haar, Brille, stattliche Figur! Hoppla, wer stellt sich uns da in den Weg, sorry, ich muß mal kurz durch, darf ich mal, ich muß mal eben zu....wer immer es auch war, es war nicht Stan Schmidt! Es war wie verhext! War denn hier der inoffizielle Stan-Schmidt-Doppelgänger-Wettbewerb? Oder war ich schon so durcheinander, dass ich ihn an jeder Ecke zu sehen glaubte???
Später kamen wir zu dem Schluß, dass Mr. Schmidt gar nicht auf der Party war! Sicher war er direkt nach Hause geflogen. Ich sollte halt kein Glück haben! Ohne ein Foto von meinem Idol sitze ich nun hier und plane schon den nächsten Gasshuku! Irgendwann muss es doch klappen!
Sonntag, 10. August 2003
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