Mittwoch, 20. Mai 2015

Training bei Shihan Ochi


Einmal im Jahr gibt unser Chief Instructor Shihan Ochi, 8. Dan, einen Karatelehrgang in Münster. Neben der Tatsache, dass dies eine der Möglichkeiten ist, eine Dan-Prüfung abzulegen, bedeutet ein Lehrgang mit unserem „Chef“, wie wir Herrn Ochi liebevoll nennen, auch immer eine Gelegenheit, bei einer wahren Karate-Legende zu trainieren. Menschen, die heute neu mit der Kampfkunst Karate beginnen, können vermutlich gar nicht einschätzen, wie wertvoll diese Trainings sind und was für einem besonderen Menschen wir in diesen Einheiten gegenüberstehen. Umso mehr hat es mich gefreut, dass auch einige unserer Mitglieder am diesjährigen Lehrgang in Münster teilnahmen und zwei unser Karate-Kinder dort sogar ihre Prüfung zum Gelbgurt ablegten


Ochi Sensei heute 
Ja, genau: Kinder. Ochi Sensei hat einen wunderbaren Zugang zu Kindern – aber ebenso führt er die Karate-Jugend an und auch die Fortgeschrittenen bis hin zum Schwarzgurt und weit darüber hinaus. Auf seinen Lehrgängen scheint man in einer riesigen Trainingsgruppe von mehreren hundert Karateka zu verschwinden – umso wertvoller sind mir die Trainings „Auge in Auge“ mit Ochi Sensei, wenn wir in Bottrop bei ihm „zu Hause“ trainieren. Ist er uns 08/15-Karatekas gegenüber immer nachsichtig und geduldig oder allenfalls väterlich-streng, so möchte ich mir dennoch nicht ausmalen, mit welch einer zielführenden und unbarmherzigen Trainingshärte er in den 1970er und 1980er Jahren das National-Team zu Welterfolgen gebracht hat! 

Ich überlege grade, wie ich vorhin auf den Begriff „Legende“ kam und ob diese Terminologie zutrifft. Eine Legende ist ja eigentlich eine dem Märchen oder der Sage ähnliche Textsorte, was spätestens dann irreführend ist, wenn man im Training von Shihan Ochi (Jahrgang 1940) ganz real und leibhaftig eine liebevolle Kopfnuss empfängt. Einigen wir uns darauf, dass die Karatelaufbahn dieses japanischen Meisters in Bezug auf seinen unermüdlichen Einsatz für unsere Kampfkunst und nicht zuletzt auch hinsichtlich der sensationellen Erfolge (u. a. zweifacher Weltmeister der JKA in 1966 und 1967 sowohl in Kumite, als auch in Kata) heute kaum noch nachvollziehbar und insofern beinahe unglaublich und damit gewissermaßen märchenhaft ist. Dann passt das mit den Begriffen Legende und legendär! Zudem beginnen Märchen ja meist mit der Redewendung „Es war einmal....“ und spielen in der Vergangenheit – mir wird nämlich grade bewusst, dass Herr Ochi seine größten Erfolge zu einer Zeit erkämpfte, als ich noch nicht einmal auf der Welt war! 


Ochi Sensei in den 1990ern 
Mein Karate-Partner Torsten und ich haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Karatelehrgänge mit den verschiedensten Trainern besucht, von denen jeder mehr oder weniger eine besondere Botschaft, einen speziellen Fokus oder Trainingsstil vermittelt. Meiner Meinung nach ist es auch sehr wichtig, ab einer gewissen Trainingsreife viele Karate-Eindrücke zu sammeln. Trainings bei Shihan Ochi sind aber immer wieder wie ein Nach-Hause-Kommen – sei es in Ochi Senseis Dojo Arawashi in Bottrop oder bei einem seiner Lehrgänge.     


So war es auch in Münster wieder: Die heimische Atmosphäre, bekannte Gesichter von Menschen, die zum Teil hunderte von Kilometern gefahren sind, um bei Ochi Sensei zu trainieren und schließlich auch die vertraute Stimme des zuweilen strengen, zuweilen sich auch schelmisch über unsere Fehler oder Unkonzentriertheiten amüsierenden Instructors. Auch das Training war wieder „typisch Ochi“ – traditionelles Karatetraining - vielleicht ein weiterer Grund, warum die Hallen in seinen Trainings immer so voll sind: Es gibt vordergründig keine großen Überraschungen hinsichtlich der Trainingsinhalte. Wie gewohnt erwartete uns auch in Münster der klassische Mix aus Kihon, Kata und Kumite in den bekannten Formen und Strukturen. Optimal, um das Training „fließen zu lassen“, Körper und Geist in einen Zustand des „Moving Zen“ zu versetzen, der gleichzeitig schweißtreibenden und doch federleichten Entrücktheit, die einen wunderbaren Ausgleich zum Alltag bietet. 

Moment – was hat er grade gesagt? Rechts vor mit Gedan Barei? Mist, ich steh wieder links vor! Und schon erklingt das fröhliche Lachen Ochi Senseis in mein Ohr, der sich diebisch freut, dass viele von uns ihm einmal mehr auf den Leim gegangen sind. Ich habe immer das Gefühl, er sieht jeden, aber auch wirklich jeden Fehler, jede auch noch so kleine Ungenauigkeit – und da kann man auch ganz hinten rechts in der letzten Reihe stehen – er sieht’s! 



Absolut empfehlenswert: Ochi - ein japanisches Paar von Fritz Wendland, z. B. bei www.saikosports.de 

Bei beinahe jedem Lehrgang kann man zudem davon ausgehen, dass Ochi Sensei sich wieder ein paar neue Nucancen im Kihon- und Kumite-Training überlegt hat, die selbst erfahrene Schwarzgurte an den Rand der Verzweiflung führen: 10 – 12 Schrittwechsel in verschiedenen Karateständen hintereinander mit unterschiedlichen Faust- und Fußtechniken, mal vorwärts und mal rückwärts, mal vorne oder auch mal hinten herum gedreht und dann, wenn man denkt, man kann das jetzt, heißt es „Augen zu!“ und plötzlich ist alles wieder neu! Wie befreiend ist es dann, wenn – wie etwa beim Instructor-Lehrgang in Bochum – am Ende der Einheit Jiyu-Ippon-Kumite auf dem Programm steht und das Kommando lautet „Abwehr und Konter frei!“ – da kann man dann zumindest aus Ochi Senseis Sicht nicht viel verkehrt machen :-)


Ein äußerst informatives Nachschlagewerk mit der Biografie Ochi Senseis und weiterer berühmter Karatemeister: masters bei schlatt-books, ISBN 978-3-937745-17-6
Ochi Senseis Ansagen bestehen meist aus Kommandos und Korrekturwünschen, eher selten in Erklärungen nach dem Motto: „Die Technik ist so und so auszuführen.“ Und noch seltener bekommt man erklärt, warum das so ist. Das muss man sich schon selber erarbeiten – es wird uns nichts „vorgekaut“, wir müssen uns selber „durchbeißen“. Und daher ist das Training bei Ochi Sensei für meine Begriffe weder leicht (weil es vielleicht „immer dasselbe“ ist), noch eintönig oder weniger lehrreich, es ist vielmehr die höchste Stufe des Eigenstudiums und der Selbsterkenntnis – oder schlicht gesagt: Budo Karate! Oss!



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