Montag, 6. März 2017

Etwas weitergeben - über die Tradition des Gürtel-Vererbens

Als ich Mitte der 1980er Jahre mit Karate begonnen hatte, war es üblich, bei einer Gürtelprüfung unter Karatefreunden den eigenen Obi an einen Karate-Freund oder eine Freundin weiter zu geben. Mit ein bisschen Glück hatte auch jemand, der eine höhere Prüfung abgelegt hatte, einen Gürtel zu verschenken und so konnte es passieren, dass man bis zum Braungurt keinen einzigen Obi kaufen musste.

Ganz unabhängig vom ersparten Geld fand ich diese Idee immer sehr schön: Durch den "Farbwechsel" an der Hüfte gelangt man in einen neuen Trainings- und Entwicklungsabschnitt. Es mach wenig Sinn, die alten Gürtel zu archivieren, da die aktuelle Farbe den aktuellen Stand anzeigt. Man ist dann ja irgendwann nicht mehr "ehemaliger Gelbgurt", sondern Orangegurt bzw. Träger des 7. Kyu. Und zudem ist es eine schöne Geste, durch das Weiterreichen des eigenen Obi dem Nachrückenden Wertschätzung zu erweisen.

In der Karateschule Fuji San Münster gab es anfangs keine oder nur sehr wenige Karateka, die bereits einen farbigen Gürtel tragen durften. Es war uns daher eine Ehre und Freude, jedem Prüfling den neuen Obi zu schenken. Das möchten wir grundsätzlich auch so beibehalten. Gleichwohl würde ich gerne auch die Tradition des Weiterreichens weiterführen. Es ist nachvollziehbar, dass besonders Kindern diese Tradition erst erklärt werden muss. Dem ein oder anderen Kind fällt es dann vielleicht schwer, wenn der Obi mit der Widmung eines großen Karatemeisters versehen ist. Ein kleiner Tipp von mir: Lasst Euch die Widmung doch in Euren Karatepass oder ein für Euch wichtiges Karatebuch hineinschreiben - dann bleibt Euch die Erinnerung, auch wenn Ihr die Gürtelfarbe gewechselt habt.

Ich habe eine kleine Geschichte zu meinem braunen Gürtel: Ich bekam ihn von meinem damaligen Trainer Christian Dorn geschenkt, der inzwischen den schwarzen Gürtel trug und mir seinen Braungurt überließ. Das war für mich eine ganz besondere Ehre! Ich trug den Gürtel stets mit dem Bewusstsein, quasi ganz besonders in der Pflicht zu stehen und immer mein Allerbestes im Training zu geben! Viele Jahre hatte ich diesen Obi um die Hüften, da ja vom 3. bis zum 1. Kyu die Farbe gleich bleibt. Der Obi war schließlich schon so "abtrainiert", dass er fast schon von selbst schwarz geworden war, kurz bevor ich meine Prüfung zum 1. Dan ablegte. Ich bewahrte den Obi auf, bis ich ihn eines Tages einem finnischen Freund von mir auslieh, weil er in Deutschland war und seinen Obi in Finnland vergessen hatte. Auch er trug diesen Gürtel dann eine ganze Weile lang, bis er ihn mir eines Tages zurück schickte. Der Obi liegt jetzt im Schrank - ich denke, er hat seine "Pflicht" mehr als erfüllt und so abgenutzt, wie er ist, mag ihn sicher niemand mehr tragen :-) Sollte jemand aber in Not geraten oder den Gürtel haben wollen, würde ich nicht zögern, ihn auszuhändigen.

Es wäre schön, wenn auch unsere Mitglieder die Obis weitergeben könnten. Falls niemand da ist, von dem Ihr einen Gürtel übernehmen könnt, gibt es nach wie vor das gute Stück von uns geschenkt. Habt Ihr einen Gürtel abgelegt und es ist niemand da, dem ihr ihn überlassen könnt, dann nehmen wir den Obi gerne wieder in unser Archiv - bis er dann bei der nächsten Prüfung einen neuen Besitzer findet.

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