Montag, 25. März 2019

Keep Egos & Shoes Outside - Karate zwischen starkem Ich und Selbstaufgabe

Fußmatte am Eingang meines Dojos

Seit über 30 Jahren praktiziere ich die Kampfkunst Karate. Die Budo-Prinzipien sind so stark mit meinem Leben verbunden, dass sie zu mir gehören wie ein Körperteil oder wie meine Familie. Ich bin quasi damit aufgewachsen, dass man im Training keine Fragen stellt (allenfalls im persönlichen Gespräch anschließend), dass während des Unterrichts das gemacht wird, was der oder die Sensei vorne sagt. Dass ich mein Ego zurücknehme, schweige, schwitze, Schmerzen ertrage.

In den letzten Jahren habe ich verschiedene Fortbildungen absolviert – darunter eine Ausbildung an der Gewaltakademie Villigst und mehrere Bildungsgänge mit systemischem Hintergrund. Hier kamen häufiger Denkansätze und Forderungen zur Sprache wie: „Man darf niemanden zu etwas zwingen“, „Erziehung auf Augenhöhe“, „man muss immer Nein sagen dürfen“ etc. Wenn ich dann entgegnet hatte: „Ja, aber grade manchen Kindern, die Lernschwierigkeiten haben oder die als schwierig im Umgang mit anderen Kindern, ihren Eltern, LehrerInnen sind, tut der Karateunterricht richtig gut – in einem Unterricht, der häufig genug hierarchisch ist, keine Widerrede duldet, in dem das Ego klein gehalten ist“, dann kam da durchaus eine positive Resonanz wie „Ja. ja, die Kinder brauchen ja auch feste Strukturen.“ oder: „Die kennen ja von zu Hause aus keine Regeln und lernen sie im Dojo“ etc. pp. Auf den Widerspruch, der zwischen dem häufig geforderten demokratischen Lebens- und Erziehungsstil und dem Unterricht in einem Dojo besteht, wurde aber gar nicht eingegangen und der blieb auch für mich bisher weitgehend ungeklärt. Ganz aktuell brachte mich meine Tochter, die Soziale Arbeit studiert, erneut auf den Widerspruch. So ein Umgang, bei dem die Trainierenden widerspruchslos akzeptieren müssten, was der Trainer oder die Trainerin sagen, ein Training über die eigene (Schmerz)Grenze hinaus bis die Training kommen oder einem vor Erschöpfung die Kotze bis zum Zäpfchen steht - so etwas wäre für sie und vermutlich auch ihre Kommilitonen nicht denkbar! Hm.

Also dachte ich wieder nach – darüber, wie ich leben möchte und wie ich trainiere bzw. Training gebe und mein Dojo leite. Ich schätze die demokratische Gesellschaftsstruktur, in der wir leben und fordere im Dojo Verneigung und Gehorsam. Wie passt das zusammen? Ein Erklärungsversuch.

Kampf statt Konsum 

Karate hat einen kämpferischen Hintergrund. Sieht man das in China liegende Shaolin Kloster als Keimzelle unserer Kampfkunst, so wurde eine Urform des Karate zunächst in einer streng-klösterlichen Umgebung entwickelt und gelebt. Zudem wurde in den 1930er Jahren Karate im japanischen Militär verwendet. Allein diese Umstände machen deutlich, warum ein rauer Befehlston beinahe naturgemäß zum Karate gehört. Ebenfalls ergibt sich hieraus, warum im Dojo eine Hierarchie gelebt wird, bei der der oder die Sensei quasi autokratisch den Ton angibt. Auch wenn diese Lern- und Trainingsstruktur im Zeitalter der Schnelllebigkeit und des Konsums antiquiert erscheint, so bietet sie gleichzeitig doch einen festen und verlässlichen Rahmen für die Beteiligten. An dem Begriff Kampf mögen pazifistische Gemüter Anstoß nehmen - in einem verantwortungsbewussten Karate-Dojo mit traditioneller Ausrichtung wird der Kampf jedoch ohne Zeichen von Aggressivität gelehrt und geübt: An erster Stelle steht der stete Kampf gegen sich selbst, gegen die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten. Erst dann ist auch ein Zweikampf möglich

Konformität statt Individualität

Im Alltag versucht wir vermutlich alle, unsere Individualität auszuleben - sei es in der Kleidung oder anderen Ausdrucksformen. Im Karate ist bereits die Kleidung weitgehend vorgegeben: Ein (weißer) Anzug soll es sein, möglichst ohne auffällige Abzeichen oder andere abhebende Merkmale. Um den Bauch hält ein Gürtel die Kleidung zusammen, der durch eine spezielle Färbung den Fortschritt der oder des Karateka zeigen kann. Warum ist es für Menschen so reizvoll, sich in ihrer Freizeit einen einheitlich weißen Anzug anzuziehen? Bereits die kleinen Kinder können es gar nicht erwarten, bis sie das Trikot ihrer Lieblingsfußballmannschaft oder ihren Lieblingspullover gegen einen kleinen Karateanzug eintauschen dürfen. Irgendwie beschleicht mich gelegentlich ein ungutes Gefühl bei der Vorstellung, dass Menschen sich immer noch oder wieder darüber freuen, sich mit anderen "gleich" zu machen! Das kam doch in der Geschichte schon oft genug vor - und häufig nicht mit gutem Ausgang! Warum ist es dann doch immer wieder reizvoll, sich durch Kleidung und Verhalten zu "uniformieren"? Vermutlich ist es immer wieder das gute und irgendwie beruhigende Gefühl, "dazu zu gehören". Gleichfalls bietet die gleiche äußere Erscheinung die Möglichkeit, finanzielle oder soziale Unterschiede aufzulösen: Der Karateanzug für Kinder hat immer dieselbe Qualität und denselben Preis - ganz egal, aus welchem Elternhaus die Kinder kommen. Dies kann helfen, Vorurteile abzubauen bzw. gar nicht erst entstehen zu lassen. Statussymbole aller Art haben im Dojo keinen Platz - selbst Uhren oder Schmuck müssen abgelegt werden. Im Dojo und im Karateunterricht hat dies durchaus eine befreiende, entlastende Wirkung - niemand kann sich durch Äußerlichkeiten hervortun. In der Arbeit, im Bemühen sind wir alle gleich, egal woher wir kommen. Zudem lenkt kein äußerlicher Schnickschnack von unserem Karate-Do ab - alle sehen gleich aus - wir können uns voll und ganz auf unseren Do konzentrieren.


Bescheidenheit statt Selbstdarstellung

"Deru kui wa utareru" - der Stock, der herausragt, wird niedergeschlagen, so besagt es ein altes japanisches Sprichwort. Was hart klingt, ist zumindest in der japanischen Kultur an der Tagesordnung: Es ist besser, sich unterzuordnen, als herausragen zu wollen. Sehr unmodern erscheint diese Einstellung zunächst und sie scheint so gar nicht zu dem modernen, westlichen Lebensstil zu passen, bei dem die Selbstdarstellung via facebook, twitter und instagram  beinahe kein Ende nimmt! Andererseits kann dieser Drang zur Selbstdarstellung auch zur Oberflächlichkeit und zur zu starken Konzentration auf Äußerlichkeiten verkommen, die zudem einen sehr großen Stress verursacht. Nicht wenige Menschen suchen daher immer wieder Zuflucht in einer klösterlichen Atmosphäre, meditieren, reduzieren ihre Reizimmissionen. Das Ausüben der Kampfkunst Karate (oder einer ähnlich strukturierten Kampfkunst) kann einen ganz ähnlichen Effekt haben: Das Zurücknehmen des Egos, das Aufstellen in einer Reihe (aus der niemand hervortritt oder herausragt - es sei denn, durch körperliche Länge), das uniforme Aussehen - all das  kann befreien und entstressen. Die permanente Arbeit an sich selbst, an den einzelnen Techniken mit dem Wissen, dass der Weg der Vervollkommnung niemals enden wird, lehrt zudem Bescheidenheit, die ebenfalls beruhigt und entspannt.


Leere statt List

Im Alltag sind wir häufig umgeben von Vorteilsnahme, Schummeleien, Betrug und List: Menschen, die in Eile sind, drängeln sich an der Kasse vor oder nötigen im Straßenverkehr - PolitikerInnen werden des Wahl- oder Spendenbetrugs überführt, Geschäftsleute schummeln bei der Steuerabgabe. Ein Leben ohne Hinterlist scheint naiv und zwecklos zu sein. Gedanken kreisen häufig mehr darum, wie möglichst trickreich ein Betrug durchgeführt werden kann, als dass sich auf die tatsächliche Arbeit konzentriert wird. Beim Karate-Training ist dies nicht möglich. Zumindest wäre ich noch nie auf die Idee gekommen, mir hierüber in irgendeiner Form Gedanken zu machen. Der eigene Vorteil kann in einem Karatetraining allenfalls darin bestehen, nach dem Ende der Einheit das Dojo mit einer dankbaren Verneigung zu verlassen, in dem Wissen, während des Keikos ganz im Hier und Jetzt gewesen zu sein mit einem Geist der klar und leer war und nur auf den Moment fokussiert. Für mich ist das gelebte Entschleunigung. Meditation. Zen.

Stärke statt Spaß

Der Zeitgeist fordert beinahe permanente Bespaßung. Alles muss lustig sein, leicht und mühelos von der Hand gehen - Widerstände werden umgangen, statt sie zu bewältigen. Allerdings stehen viele Menschen mit dieser Leichtigkeit des Daseins früher oder später vor unüberwindlichen Hürden oder empfinden das eigene Leben als wenig sinnstiftend und freudlos. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es es durchaus Freude machen kann, Widerstände oder Schwierigkeiten zu überwinden und je mehr man geschafft oder geschaffen hat, desto reicher wirkt der Alltag, desto mehr Vertrauen kann man in die Zukunft haben. Zudem stärkt das Überwinden von Widerständen das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in die eigenen Kräfte. Letztlich führt genau dieses Selbstvertrauen zu einer tieferen Zufriedenheit, als es jede oberflächliche Bespaßung könnte. Und wenn man sich im Karate-Dojo durch seine Trainerin oder seinen Trainer bis an die eigenen Widerstände hat heranführen lassen, dann kann man genau dies durch das bedingungslose Vertrauen im Training erleben.

Vertrauen statt Vergnügen

Aber kommen wir zurück zu dem Ausgangspunkt: Kann es sinnstiftend und vernünftig sein, sich in ein System zu begeben, das Gehorsam voraussetzt und Uniformität? Meine Antwort ist: Ja. Unter bestimmten Voraussetzungen.

1. Die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig und kann jederzeit freiwillig beendet werden.

2. Trainerinnen und Trainer sind gut ausgebildet für ein Training auf didaktisch und methodisch gutem Niveau entsprechend der jeweiligen Zielgruppe.

3. Trainerinnen und Trainer sind Vorbilder und verlangen von sich dieselbe Härte, die sie auch der Gruppe abfordern. Sie leben Respekt und Disziplin vor.

4. Das oberste Ziel des Training liegt darin, die Persönlichkeiten der Trainierenden durch einen Zuwachs an körperlicher und mentaler Kraft zu stärken.

5. Es herrscht ein vertrauensvoller Umgang - Trainerinnen und Trainer haben ein Auge auf die Trainierenden und können die Grenzen des Machbaren einschätzen.

Zusammengefasst gilt meiner Meinung nach Folgendes: Wenn sich ein Mensch dazu entscheidet, in einem Dojo zu trainieren, sollte von vornherein feststehen, das die Zugehörigkeit jederzeit wieder beendet werden kann. Zudem muss von Beginn an ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Sensei und SchülerIn bestehen. Respekt und Disziplin müssen gegenseitig gelebt werden. An vorderster Stelle steht das Ziel, das Selbstbewusstsein der Trainierenden zu stärken. Nur ein starkes Selbstbewusstsein ermöglicht es, Grenzerfahrungen zu machen, ohne zu zerbrechen. Wenn all dies beachtet wird, dann - und nur dann - kann es möglich und wertvoll sein, sich im Training bedingungslos unterzuordnen, sich von der Trainerin / dem Trainer an die persönlichen Grenzen (und ein kleines Stück darüber hinaus) führen zu lassen. Zu schweigen, zu schwitzen und Schmerzen zu ertragen.

Osu

Dienstag, 19. März 2019

André Bertel Sensei in Freital 2019 - Technik

Start Choko Tsuki - Hinweis: Ellbogen am Körper lassen, auch wenn die Körperachse um 45 oder 90 Grad gedreht wird.

Heisoku Cachi Tate Shuto Uke links vor, Tsuki rechts, links, Relax Shoulders, Power kommt aus der Ferse/Hüfte

Bei Fauststoß in Richtung 45 Grad die Füße nicht bewegen, ebenso bei 90 Grad - Rotation kommt nur aus der Verwringung des Körpers

Die Kombination geht so:
- Heisoku Dachi, Tate Shuto Uke links
- Doppel-Tsuki
- Tsuki mit rechts 45 Grad, dann mit links
- Tsuki mit rechts 90 Grad, dann mit links
- Tsuki mit rechts über die linke Schulter (wie am Ende von Heian Sandan), dann mit links - hierbei die Ellenbogen unten lassen
- Drehung um 90 Grad links rum - Achse ist das linke Bein -, Tsuki mit rechts
- Drehung auf Ausgangsposition, doppelter Tsuki
- Drehung um 90 Grad rechts rum, Tsuki mit links
- Drehung auf Ausgangsposition, doppelter Tsuki
- Drehung um 180 Grad links rum, Tsuki mit rechts
- Drehung auf Ausgangsposition, doppelter Tsuki
- Drehung um 180 Grad rechts rum, Tsuki mit links
- Drehung auf Ausgangsposition, doppelter Tsuki
- Drehung um 360 Grad links rum, Tsuki mit rechts, doppelter Tsuki
- Drehung um 360 Grad rechts rum, Tsuki mit links, doppelter Tsuki
- Sprung-Drehung um 360 Grad links rum, doppelter Tsuki
- Sprung-Drehung um 360 Grad rechts rum, doppelter Tsuki

Gyaku Tsuki nicht auf den Solar Plexus treffen, sondern seitlich vorbei auf die Rippen (warum? Schonung? Oder Steigerung der Effektivität?)

Empi-Kombination
Ausgangsstellung Heisoku Dachi mit Yoko Empi links
Drehung rechts rum, den Empi "mitnehmen" als Stoß mit dem Ellenbogen "im Vorbeigehen", Landung mit Yoko Empi rechts, dann anders herum

Empi als Angriffstechnik am Partner / an der Partnerin
Heisoku Dachi: the more relaxed, the more it hits und auf Hikite achten

Angriff Chudan, um den Tsuki herum drehen und Tori von hinten am Kragen fassen, zu Boden reißen und ausschalten Budo Verteidigung mit Drehung

Bunkai Enpi Anfang Enpi Bunkai Anfang

Bassai Dai Anfang Bassai Dai Anfang mit Boden - kritisch! Den Bodenteil anschließend finde ich kritisch - André Sensei hatte vorgegeben, der am Boden liegende sollte die Arme strecken, um sich den anderen vom Leib zu halten und zu verhindern, dass Schläge ins Gesicht ausgeführt werden können. Ich würde lieber den Angreifer zu mir heran ziehen und ihn dann mittels "Bowlingkugel" loswerden.

Jion Mitte Jion Bunkai Mitte Angriff Schwinger rechts, Uke blockt mit Jodan Nagashi Uke links und mit dem rechten Arm Tate Tsuki oder Ippon Ken auf die Innenseite des Angriffarms.

Jion Ende Jion Bunkai Ende

Block eines Schwingers und ab auf den Boden (mit Hüfteinsatz) Die Abwehr so (wenn Schwinger mit rechts kommt): einen Schritt rechts vor steppen, Hand Shuto Uke (Block), anderer Arm Nagashi Uke. Dann das linke Bein nach hinten rechts rausstellen, so dass man quasi überkreuz stehe, aus Hüftimpuls schnell und hart rum und runter drehen und den anderen zu Boden bringen Block Schwinger 1 Block Schwinger 2 Block Schwinger 3 - Korrektur durch André Sensei


Technik vor der Technik: Iriguchi Waza (Eröffnungs- oder Eingangstechnik) - zum Ablenken, Schlag vor die Augen, den Hals oder in die Genitalien, dann Folgetechnik - damit bekommt man auch größere Gegner in den Griff

Partnerübung: Tori steht hinter Uke, Befreiung mit Ushiro Empi oder Uraken - Ellenbogen dabei nicht senken! Ellenbogen auch nicht durchstrecken. Jun Kaiten: Hüfte geht in die gleiche Richtung wie die Technik und unterstützt diese dabei. Links und rechts rum drehen - Rotation und Kompression ausnutzen

Heian Shodan: erste Technik, erst drehen, Füße bleiben stehen, dann Gedan Barei; Oi Tuki: Arme früher bewegen

Shuffle nach rechts und nach links, vor und zurück ohne Hüfte
Dann 90 Grad nach links aus dem Hüftimpuls heraus, dann wieder zurück - beim Zurückgehen erst einen halben Schritt rückwärts, dann drehen, so dass der Gürtel fliegt! 

Remember: Es gibt in keiner Kata Yoko Geri Kekomi, der nicht heran gezogen wird! Nijushiho, Bassai Dai und Sho, Unsu - immer wird gleichzeitig der Gegner herangezogen

Angriff Mawashi Geri Low Kick gegen das vordere Knie des Partners: Uke springt hoch und mit dem vorderen Bein von oben auf das Tritt-Knie des Angreifers, lässt sich darauf fallen

Angriff Mae Geri: Uke lässt die geöffneten Hände von oben auf den Keri fallen und leitet ihn ab (Chinte?)

Abwehr eines Griffs an den Kragen (beide li vor): Uke fasst Tori mit links an die rechte Schulter und mit rechts oben am Kragen - hierbei kann man mit dem Daumenknöchel in den Hals pieken. Jetzt mit links ziehen und mit rechts drücken, mit dem rechten Bein das vordere Bein des Tori fegen. 

Beide links vor, Tori greift an Gyaku Tsuki Uke knickt das vordere Bein nach innen ein, so dass er mit der Innenseite des linken Knies auf dem Boden aufsetzt, dabei möglichst etwas von Tori wegbewegen und nach rechts drehen. Weiter drehen und mit dem rechten Bein einen großen Kreis beschreiben, so dass man mit der Wade gegen das vordere Bein des Tori kommt und ihn damit fegt. 








The More Relaxed - The More It Hits! - Lehrgang mit André Bertel Sensei in Freital bei Dresden

Such A Shame! - Lehrgang auf der Reservebank

Im März 2019 stand für mich der bereits fünfte Lehrgang mit André Bertel Sensei in Deutschland  an. Leider hatte ich unter den ungeplant ungünstigen Folgen eines kleinen chirurgischen Eingriffs zu leiden, so dass ich froh war, von meiner Ärztin grünes Licht für "ein Wochenende in Dresden" bekommen zu haben. Nach Karatetraining zu fragen hatte ich irgendwie vergessen - aber wenn ich ehrlich bin, hatte ich den Gi auch nur "vorsichtshalber" mitgenommen, falls ich am Hallenrand mal ein paar Tsuki mitmachen wollte. Schließlich hatte ich die Lehrgangsgebühr ja bereits bezahlt! :-)
Ich sollte also mehr oder weniger nur auf der Reservebank sitzen und mich entspannen.


Relax - Don't Do It! - Die Kunst der Entspannung

Entspannung war dann in der Tat auch ein wichtiges Thema des Lehrgangs - oder André`s Karate insgesamt: Neben den uns schon von anderen Meistern bekannten Prinzipien zur Effektivitätssteigerung unserer Karatetechniken (Schwerkraft, Rotation, Kompression und Schwerpunktverlagerung) kam bei diesem Lehrgang auch ganz besonders wieder die "Entspannung" unseres Körpers in den Fokus. Durch Lockersein sollten unsere Techniken an Geschwindigkeit gewinnen und an Dynamik. Zudem - das hat André Sensei zwar so im Training nicht beschrieben, aber mir kommt der Gedanke grade - kommen die "lockeren", peitschenartigen Techniken aus André`s bzw. aus Asai Senseis Konzept auch wie aus dem Nichts und sind in der Lage, den Gegner zu überraschen.




You Spin Me Round (Like A Rekord)! - Kihon Training völlig abgedreht

André Bertel Senseis Karate weicht in vielen Aspekten von anderen traditionellen Karate-Trainings ab: Schon zu Beginn der Einheiten gibt es nicht die klassischen Kihon-Bahnen mit verschiedenen Technik-Kombinationen. Auf beinahe allen bisherigen Bertel-Lehrgängen hatten Choku-Tsuki-Variationen (in verschiedene Richtungen, mit halber, viertel oder ganzer Körperdrehung) einen wichtigen Platz - André Sensei räumt diesen Koordinationsübungen einen großen Stellenwert ein, da wir durch das regelmäßige Üben dieser Sequenzen Stabilität und "Groundpower" generieren können und dennoch dabei locker sein müssen (sonst kann man z. B. keine 180- oder 360-Grad-Drehung ausüben). Tsuki Kihon


Do You Really Want To Hurt Me? - Kihon mit dem Partner

Zu André Senseis Karate-Konzept gehören selbstverständlich in großem Umfang auch PartnerInnen-Übungen: Interessant fand ich seine Erklärung, dass seiner Meinung nach die Kihon-Kumite-Formen (Kihon-Ippon-Kumite, Gohon- oder Sanbon-Kumite) kein Kumite im engeren Sinne sind, sondern "Kihon mit einem Partner". Das geht ja in die Richtung, wie auch Risto Sensei es beschreibt, wenn er sagt: "Wir machen jetzt Tsuki Bunkai" und damit Impact-Training meint. Wie es auch unser Trainer und Freund Andreas Klein beschreibt, so verlangt auch André Sensei von uns, dass wir nicht nur Arme und Beine gleichzeitig ins Ziel bringen, sondern die Arme noch etwas eher auf den Weg schicken können. So hat man z. B. beim Gohon Kumite  mit Angriff Tsuki Chudan eine erheblich höhere Trefferchance bzw. für den Abwehrenden ist es viel schwerer, zu blocken. Dasselbe Prinzip behandelt ja auch der "direkte Gyaku Tsuki" aus dem Hause Kiiskilä: Der Fuß setzt vor dem Bein ab und die Technik gewinnt dann an Dynamik.


Beat It! - Selbstverteidigung aus Kata-Sequenzen

Auch wenn die Kihon-Kumite-Sequenzen bei André Sensei mit hoher Intensität geübt werden (kurze Distanz vor dem ersten Angriff, voller Fokus als Tori und Präzision als Uke), so werden die richtig interessanten PartnerInnen-Übungen eigentlich alle aus Kata-Sequenzen abgeleitet. Anders als bei speziellen Kata-Workshops, bei denen zunächst eine Kata vom Ablauf her einstudiert wird, bevor daraus Anwendungen abgeleitet werden, streut André Sensei auf seinen Lehrgängen immer mal wieder Gegenwehr-Kombinationen ein und nimmt dabei eher beiläufig Bezug auf bestimmte Kata-Technikabfolgen. Das hat den Vorteil, dass auch Karateka aus anderen Stilrichtungen mithalten können, obwohl die kompletten Kata-Abläufe unbekannt bleiben. Beim Lehrgang in Freital hatten wir uns am Beginn der Kata Enpi auszuprobieren und auch der Anfang der Bassai Dai wurde zu einem schmerzvoll-effektiven Event! Aus der Jion nahmen wir uns zwei Abfolgen vor, unter anderem hier die Schlusssequenz. Empi Torsten

Highway To Hell - Was zur Hölle ist eigentlich Budo-Karate?

André Sensei hat seinen Schwerpunkt auf dem Budo-Karate. Es lohnt sich, sich die Frage zu stellen, was genau Budo-Karate ist - was macht es aus? Klar dürfte sein, dass es im Gegensatz zum Sportkarate beim Budo nicht darum geht, Trefferpunkte zu erzielen, die von einem Gremium festgelegt und von einer Jury bewertet werden. Es geht auch nicht um Ästhetik oder Athletik. Budo-Karate zeichnet sich m. E. durch die Effektivität der einzelnen Techniken aus und zwar in Bezug auf die Frage, ob sie denjenigen, den ich abwehren möchte, so ausschalten, dass kein weiterer Angriff zu befürchten ist (Ippon-Gedanke oder Ikken Hissatsu). Weiteres Kriterium des Budo-Karate ist m. E. eine relativ kurze Kampf-Distanz. Während beim Sport-Karate vom Angreifer versucht werden muss, die Distanz vor einem Angriff zu verkürzen, um eine effektive und wertbare Technik zu platzieren, so geht man beim Budo-Karate m. E. davon aus, dass die Distanz schon vor der ersten Aktion so kurz ist, dass man unmittelbar am Gegner/Partner agieren muss/kann. Wenn wir Budo unter Selbstverteidigungsaspekten betrachten, dann würde die Distanz, aus der im Sportkarate heraus agiert wird, wohl noch eine Möglichkeit eröffnen, einen Konflikt auf andere Weise zu beenden (etwa durch Flucht, oder Deeskalation). Beim Sportkarate wird daher eine Dynamik verlangt, die es ermöglicht, große Distanzen schnell zu überbrücken. Die Kraft-Generierungsprinzipien der Rotation, Kompression, Schwerkraft und Schwerpunktverlagerung kommen dabei so gut wie gar nicht zum Ausdruck. Zudem ist beim klassischen Sportkarate die Technikvarianz stark eingeschränkt: Kizami Tsuki, Gyaku Tsuki, Mae Geri, Mawashi Geri, vielleicht noch Ushiro Geri und Ashi Barei - viel mehr wird doch in Wahrheit nicht eingesetzt. Im Budo dagegen können wir die große Vielfalt unserer Kampfkunst-Techniken einsetzen. Nicht falsch verstehen: Ich denke, dass beide Trainingsformen ihre Bedeutung und ihren Reiz haben - für mich persönlich merke ich aber auch: Beides hat seine Zeit! Als junger Mensch mit 15, 20, 30 Jahren ist Sportkarate total reizvoll und spannend. Wer wie ich das große Glück hat, Karate über mehrere Jahrzehnte hinweg zu praktizieren, für den bedeutet das Sport- oder nennen wir es besser: Wettkampfkarate auf Dauer einen zu hohen körperlichen Verschleiß (speziell Kumite-Wettkampf). Budo-Karate hingegen lässt sich (hoffentlich) ein Leben lang ausführen! Tsuki Budo


Confusion - Standhaft bleiben bei Orientierungslosigkeit

Wer eine breite Masse an Menschen mit seinem Training erreichen möchte, muss sich bei einem Lehrgang auf wenige Aspekte beschränken. Mich beeindruckt daher immer sehr, wenn ich erkenne, dass André Sensei (und natürlich andere TrainerInnen auch!) uns noch viel, viel mehr zeigen und erklären könnten! Ich bin vor allem beeindruckt von André Senseis stetem Fokus auf der Selbstschutzwirksamkeit des Karate. Wie kaum ein anderer Trainer integriert er auch nicht-technische Aspekte in das Lehrgangskonzept, die ich sonst eher z. B. aus dem Street-Combatives-Training kenne: So wird z. B. durch eine vorgegebene Anzahl an Körperdrehungen das Bewusstsein getrübt und dann im Anschluss verlangt, dass man stabil auf der Stelle stehen kann. Übertragen würde das für mich bedeuten, z. B. in einem Gerangel die Orientierung zu verlieren und dennoch anschließend gezielt agieren zu können. Einen derartigen Realitätsbezug erkenne ich aktuell sonst beinahe ausschließlich noch in den Trainings mit unserem Leistungstrainer und Freund Andreas Klein Sensei. Der einzige Vorschlag Sensei Andrés, den ich für mich nicht passend finde, ist der Ansatz, im Fall einer Bodenlage zu versuchen, sich den Angreifer mit ausgestreckten Armen vom Leibe zu halten. André Sensei argumentierte, dass der Angreifer dann nicht weiter ins Gesicht schlagen könne, da die Fäuste dieses nicht mehr erreichen könnten. Das mag wie im Video anbei unter etwa gleichstarken Männern funktionieren - wenn ich aber von einem größeren und stärkeren Mann angegriffen und zu Boden gebracht würde, so würde ich wohl eher seinen Kopf an mich ziehen, dann drum herum in Auge und Nase zu greifen ("Bowlingkugel") - auch auf diese Weise hat der Angreifer keine Möglichkeit mehr, mein Gesicht zu treffen und ich komme mit großer Wahrscheinlichkeit von ihm los. SV am Boden


Knockin' On Heavens Door - Eine Öffnungstechnik zum Auftakt

Das Prinzip "Iriguchi Waza" - auf Deutsch etwa "Eingangs- oder Öffnungstechnik"- spielt bei André Sensei ebenfalls eine große Rolle. Iriguchi Waza dient z. B. dazu, einen kleinen zeitlichen Vorteil zu verschaffen, in dem wir den Angreifer vor Ausführung der Kontertechnik kurz ablenken. Oder wir können durch die geeignete Eingangstechnik dafür sorgen, dass sich ein viel größerer Angreifer (vor Schmerz) beugen muss und "kleiner" bzw. "handlicher" wird. Selbstverständlich kann man mit einer gezielten Eröffnungstechnik (André Sensei empfiehlt Schläge vor die Augen, den Hals oder den Genitalbereich) einen ersten Schmerz und Schock setzen, so dass ein eventuell weiterer Angriff von der anderen Seite schwächer ausfällt, als geplant. Also ein weiterer taktischer Selbstverteidigungsansatz, den ich gerne mit aufnehme in meine eigenen Trainingsgedanken.

Cranes In The Sky - Kakuyoku Shodan

Besonders gefreut hat es mich für meinen Katamann Torsten, dass die Kata Kakuyoku Shodan einen weiteren Lehrgangsschwerpunkt bildete. Er hatte sie vor einigen Jahren in einem Privattraining mit André Sensei bei unserem Karatefreund Frank in dessen Haus-Dojo kennen gelernt und wir haben sie seither auch in unserem regelmäßigen Dojo-Kataplan aufgenommen. Torsten kann sie daher quasi im Schlaf. Und so konnte er auch mit einigen anderen Karatefreunden einige Male diese schöne Kata vorführen. Wir anderen lernten den Ablauf in mehreren Sequenzen und ich hoffe, sie bleibt mir jetzt wieder eine Weile im Gedächtnis :-) Kakuyoku Shodan


Talk Talk - Ganz nebenbei war es auch noch sehr nett!

Eins vorneweg: Das von mir ausgesuchte Quality Hotel Dresden kann ich nicht empfehlen! Bitte, geht dort nicht hin, es sei denn, ihr möchtet günstig wohnen (denn das war es wirklich!) - In einem Gespräch kam mir die Idee "Quality Hotel Dresden - jedes Wort eine Lüge" (von Qualität keine Spur, Wohnen in einem ehemaligen Stasi-Bunker und die Lage mitten in einem Industriegebiet ließen Gedanken an die Semper-Oper oder die Frauenkirche schnell verblassen! Ein schöner Nebeneffekt, in  diesem Hotel untergekommen zu sein, war allerdings die gemeinsame Zeit mit unserem Karatefreund Punito, mit dem wir endlos fachsimpeln konnten!
Auch zwischen den Einheiten konnten wir uns im hervorragend organisierten Pausensaal des Dojos Freital nicht nur stärken, sondern auch viele intensive Gespräche mit vielen netten Karatemenschen führen.



Besonders gut gefallen hatte mir diesmal aber auch die Lehrgangsparty. Sie fand wieder einmal in dem Feldschlösschen-Stammhaus statt, in dem wir bereits anlässlich eines Takudai-Lehrgangs waren. Besonders schön finde ich es bei Lehrgängen bei André Sensei immer, dass er es sich nicht nehmen lässt, persönlich vermutlich jeden Gast anzusprechen und sich auszutauschen! So etwas habe ich sonst noch nie erlebt! André wartet hierbei nicht, bis die Karateka zu ihm kommen, sondern er geht von Tisch zu Tisch und lernt die Menschen kennen. Und bei dem Lehrgang in Freital haben sich hinsichtlich dieser Geste auch die Ausrichter angeschlossen: Auch sie gingen im Lokal herum und blieben bei uns sicher eine halbe Stunde sitzen - wir kamen hier weit über den Smalltalk hinaus!

Einen ganz herzlichen Dank an dieser Stelle an André Sensei und an das Dojo Freital für ein unvergessliches Wochenende! Osu!









Freitag, 15. März 2019

Anti-Mobbing-Training

In letzter Zeit häufen sich die Anfragen von Eltern, die sich Sorgen machen, weil ihre Kinder in der Schule gemobbt werden. Sie wenden sich an uns Trainerinnen und Trainer der Karateschule Fuji San Münster, weil sie hoffen, durch Karateunterricht ein "Schwert" gegen Mobbing in der Hand zu haben. Diese Anfragen ehren mich und ich gehe sehr bedacht mit meinen Ratschlägen um. 
Die Empfehlung "Wenn Dich auf dem Schulhof einer haut, dann hau zurück!", ist für mich nicht empfehlenswert. Ganz aktuell hatte sich ein Grundschüler, der auch ein Fuji ist, nach Schlägen, die ihn ins Gesicht getroffen haben, handgreiflich gewehrt. Und wann hat die Aufsichtsperson hingeschaut? Richtig: Beim Gegenschlag! So nachvollziehbar die Reaktion des Kindes war - ich kann sie leider nicht als "Faustregel" oder Lösungsansatz empfehlen!
Mobbing ist sehr komplex und vielschichtig und im Rahmen des Ausbildungsganges No Blame Approach bei der Fairaend-Akademie habe ich gelernt, Mobbing als ein systemische Phänomen zu betrachten. 
Im Extremfall ist die beste Lösung leider die, dass die unter Mobbing leidende Person das System verlässt. Das ist aber nicht immer leicht möglich und daher müssen Ansätze zum Einsatz kommen, die das ganze System (z. B. die Schulklasse und auch das Lehrpersonal) mit einbeziehen. 
Zuvor steht jedoch die Frage, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt - oder ob "nur" ein Kind immer wieder von einem anderen drangsaliert wird. Der Mobbing-Begriff aus soziologischer Sicht beschreibt nämlich "das wiederholte und regelmäßige, vorwiegend seelische Schikanieren, Quälen und Verletzen eines einzelnen Menschen durch eine beliebige Art von Gruppe". Hier muss man m. E. im System ansetzen und als Konfliktberater z. B. in die Schule / Klasse gehen und mit allen Kindern arbeiten. Handelt es sich um immer wieder aufflammende Streitigkeiten zwischen zwei Kindern, so ist z. B. Hilfe durch Selbstbehauptungstraining im Karateunterricht sinnvoll. 
Wie auch immer: Die Karateschule Fuji San Münster kann in beiden Fällen Hilfe anbieten! Sprecht uns an!

Samstag, 27. Oktober 2018

Street Combatives - realitätsbasierende Messerabwehr

.....bzw. Abwehr scharfkantiger Gegenstände.

Carsten Zimmermann von Street Combatives war bereits zum dritten Mal bei uns zu Gast. Die ersten beiden Male hatten wir uns mit dem Basis-Programm von Street Combatives beschäftigt. Aber jetzt war ich mal gespannt darauf, was SC im Bereich der Messerabwehr zu bieten hatte. „Wir nennen es ungern Messerabwehr“, so Carsten im gut einstündigen Theorie-Intro, „sondern Abwehr scharfkantiger Gegenstände.“ Denn eine Schere, ein Schraubenzieher, eine kaputt geschlagene Flasche – all das kann genauso verletzen wie die verschiedenen Messertypen, die Carsten zu Anschauungszwecken mitgebracht hatte. Wir sollten jetzt also Abwehr gegen diese fiesen, zum Teil zu hohem Blutverlust führenden Angriffe erlernen. Ob das auch in der Realität funktioniert? Ist das Training realistisch? „Wenn wir realistisch trainieren wollten, müssten wir Andrea bitten, uns zu sagen, wo wir in Münster die Niederlassung der Hells Angels finden,“ so Carsten weiter. Da sich die Zustimmung in der Trainingsgruppe zu diesem Vorschlag in Grenzen hielt und ich zudem auch gar nicht gewusst hätte, wohin ich die Jungs und Mädels hätte führen müssen, trainierten wir eben dann doch „nur“ realitätsbasierend, also so nah an der Realität, wie unter diesen Umständen möglich. 

Wie gewohnt führte Carsten uns durch einen abwechslungsreichen, methodisch und didaktisch optimal strukturierten Theorie- und Praxismix. Die Praxis startete mit einem Lauf-Warmup und danach ging es zunächst an die Pratzen, um Reaktions- und Konzentrationsvermögen zu schulen. Schließlich kamen dann aber auch Übungsmesser und Messerattrappen ins Spiel. 

Die praktischen Übungen bestanden den ganzen Nachmittag über eigentlich aus einem einzigen Prinzip, das etwas variiert und ausgebaut wurde. Zudem leitete Carsten uns durch verschiedene Bedrohungsszenarien: vom stakkatoartigen Zustechen auf Bauchhöhe über die Forderung zur Herausgabe von Geld und Wertgegenständen mit vorgehaltener Waffe bis hin zur Situation, bei der uns das Messer buchstäblich am Hals stand. Besonders realitätsbasierend finde ich persönlich den Trainingsansatz, nach der erfolgreichen Abwehr vom Tatort wegzulaufen, einen Bodycheck vorzunehmen („Bin ich verletzt, wenn ja, wie schwer?“) und die Polizei zu informieren (immer zuerst das „Wo“ nennen). „Pfeffer“ gab es für uns in Übungssequenzen, bei denen körperlicher Stress durch 30 sekündiges Sprinten auf der Stelle gefolgt von 30 Sekunden Liegestützen und weiteren 30 Sekunden drehen des eigenen Körpers auf der Stelle (vorn übergebeugt und mit zugehaltener Nase) simuliert wurde, bevor der Angriff und die dazugehörige Abwehr starteten. Ebenfalls spannend eine Partner/innen-Übung, bei der in der Mitte der Halle ein „Messer“ ausgelegt wurde und die beiden Übungsparteien sich je am Rand der Halle auf den Boden legen sollten. Auf Kommando wurde „zur Waffe“ gesprintet und wer sie zuerst in den Händen hatte, wurde Angreifer/in, der/die andere musste abwehren. Besonderes Highlight war dann aber wohl für alle ein Szenario mit Kunstblut, bei dem wir zu spüren bekamen, was Kämpfen für eine glitschige und eklige Angelegenheit sein kann, wenn Körperflüssigkeiten im Spiel sind J

Carsten schaffte es wieder einmal hervorragend, die 15 Teilnehmenden – zum Teil bereits SC-erfahren, zum Teil aus dem Karate aber vereinzelt auch ohne jegliche Vorkenntnisse – fünf Stunden lang unter einen Hut zu bringen, gemeinsam anzuleiten und trainieren zu lassen. Ein klasse Nachmittag, bei dem die Gruppe super zusammen passte und es keine Berührungsängste gab. Wir waren uns alle einig, dass das SC-Konzept großartig und eine super Ergänzung zu verschiedenen Kampf(kunst)konzepten ist. Alle wünschten sich unbedingt mehr Carsten und mehr Street Combatives!

Mittwoch, 12. September 2018

Alexander

Ich möchte von Alexander berichten. Alexander ist 6 Jahre alt und seit genau einem Jahr Mitglied der Karateschule Fuji San Münster. Er hat bis zu Beginn der Sommerferien in der Panda-Gruppe trainiert und war so fleißig und mit Leidenschaft bei der Sache, dass ich ihn vor den Ferien in die Füchse Gruppe eingeladen habe. In der Füchse-Gruppe trainieren wir schon Shotokan-Karate, da ist nicht mehr viel Spielerisches dabei, vielleicht mal ein Aufwärmspiel mit Karate-Bezug, aber sonst eine Stunde lang Kihon, Kata, Kumite. Mit sechs Jahren in diese Gruppe zu rutschen ist schon früh - aber bei Alexander wusste ich, dass er es schafft und auch mehr Input braucht. 
Nach den Ferien hatte er dann einmal an dem Training in der Füchse-Gruppe teilgenommen. Danach hörte ich, dass er sich in der Schule den Fuß gebrochen hatte! Wie bedauerlich!
Umso größer war meine Überraschung, als gestern Alexander mit seiner Mutter und zwei Gehhilfen bewaffnet vor der Dojo-Tür stand, entschlossen, dem Training beizuwohnen!
Er nahm mit einem traurigen Gesicht auf der Bank im Dojo Platz und stellte seine Gehhilfen neben sich ab. 
Ich variierte spontan den Trainingsablauf, ließ die Gruppe nicht wie üblich vor der Shomen Seite aufstellen, sondern seitlich im Dojo, so dass sie Alexander anblicken konnten. Die ersten Techniken durfte Alexander für die Gruppe zählen und dann begann er, alles, was er mit seinem Handicap machen konnte, mitzumachen: Tsuki, Age uke, Soto Uke im Sitzen und Mae Geri dann eben nur mit dem gesunden Bein. 
Als die Gruppe als "Motivationshilfe" zehn Liegestütze machen musste, rutschte er von der Bank und machte auch zehn Liegestütze - mit einem Bein in der Luft! 
Ich weiß nicht, ob er mit der Verletzung noch einmal wieder kommt - oder erst, wenn der Fuß verheilt und belastbar ist. Aber wenn er wieder kommt, werde ich ihn wieder in das Training integrieren. Ich werde alles tun, um diese Motivation, diese Leidenschaft für Karate in diesem kleinen Kerl zu erhalten.
Ich wünschte mir, in mir und vielen weiteren Fujis würde etwas mehr "Alexander" stecken. 
Osu.