Sonntag, 29. März 2026

Memory-Staffellauf - Pandas - Verbindung von Kondition und Kognition - Gruppengröße: 6 bis 16 Kinder

 Es werden zwei oder mehr Gruppen á vier bis acht Kinder gebildet*. 

Die Kinder stellen sich an einem Hallenrand in ihrer Gruppe hintereinander. An die Startposition jeder Gruppe wird ein kleines Schlagkissen gelegt. Das vorderste Kind schaut zur Trainerin/zum Trainer. Trainerin/Trainer befindet sich in ca. 5 Meter Abstand zu den Kindergruppen und breitet vor sich Memory-Karten aus, mischt diese und legt diese mit der Rückseite nach oben aus. 

Nun darf immer das vorderste Kind der jeweiligen Gruppe zu den Memory-Karten laufen und jeweils zwei Karten umdrehen. Es können immer die ersten Kinder aller Gruppen gleichzeitig laufen. Wenn die beiden aufgedeckten Karten das gleiche Bild zeigen, darf das Kind die beiden Karten mit zur Gruppe nehmen und neben das Schlagkissen gelegt. Dadurch wird symbolisiert, dass das Ergebnis kein Individualerfolg ist, sondern ein Gruppenpunkt. Dieser Aspekt soll die Gruppengemeinschaft fördern. Wenn alle Karten aufgesammelt sind, wird gemeinsam gezählt, welche Gruppe die meisten Kartenpaare hat. Die Gruppe, die am Ende am meisten Kartenpaare hat, war am erfolgreichsten, hat gewonnen. 

Hinweis: Wenn Kinder aus mehreren Gruppen gleichzeitig bei den verdeckten Karten sind, kann es sein, dass einige absichtlich abwarten, bis die anderen Kinder Karten aufgedeckt und damit die Position bestimmter Kartenbilder "verraten" haben. Es liegt im Ermessen der Trainerin/des Trainers, ob dieses Vorgehen akzeptiert wird. 

*Anmerkung: Die Gruppen sollten nicht zu groß sein, da die Kinder sonst zu lange warten müssen und dann anfangen, sich zu langweilen, zu ärgern, nicht mehr aufzupassen, generell: unruhig werden. Zudem besteht die Gefahr, dass in zu langen Gruppen die Reihenfolge der Kinder in der Reihe der wartenden durcheinander kommt. Dadurch entsteht wiederum Unruhe und das Trainingsziel wird verfehlt. 

Fangen mit Techniken aus einer bestimmten Kata - anspruchsvollere Variante des Fangens mit Karateständen - leicht fortgeschrittene Kindergruppen (ab Füchse) oder Erwachsene

Voraussetzung: Die Teilnehmenden wissen grundsätzlich, was eine Kata ist. 

Zur Vorbereitung auf das Spiel kann eine bekannte Kata einige Male gemeinsam wiederholt werden. Alternativ kann eine neue Kata einige Male gemeinsam nach Anleitung der Trainerin/des Trainers ausgeführt werden. 

Anschließend kommen alle Trainierenden im Kreis zusammen. Es wird gefragt, welche Techniken/Stellungen aus der grade ausgeführten Kata in Erinnerung sind. Die Techniken/Stellungen können gezeigt und bestenfalls auch mit japanischem Namen benannt werden. 

Wenn einige oder alle Techniken/Stellungen genannt wurden, kann ein oder mehrere Fänger*innen ausgewählt werden. Diese erhalten als Signal der Fänger*innenfunktion ein Schlagkissen. 

Beim nachfolgenden Fangenspiel gehen die gefangenen Personen in eine der beschriebenen Positionen aus der Kata. Sie können befreit werden, indem eine Person, die noch nicht gefangen ist und nicht Fänger*in ist, unter den Beinen hindurch krabbelt. 

Variante für ältere, nicht so bewegliche Personen: Befreiung durch Handschlag

Fangen mit Karateständen - besonders geeignet für Pandas und absolute Anfänger*innen - Variante für Erwachsene oder Senior*innen

Die Kinder stehen im Kreis und werden gefragt, ob sie schon Karatestände kennen. Ist die Gruppe schon länger zusammen, werden sie die Stände Vorwärtsstellung, Reiterstellung und Rückwärtsstellung nennen. 

Es empfiehlt sich, nach Nennen des ersten Standes direkt die erste Runde "Fangenspielen" anzuleiten und auszuführen: Es wird gefragt, wer gerne Fängerin oder Fänger sein möchte und die Kinder bekommen von den Trainerinnen oder Trainern je ein kleines Schlagkissen zur Kenntlichmachung der Rolle als Fänger*in. Bei ganz neuen Gruppen, die das Spiel noch nicht kennen, sei darauf hingewiesen, dass sie nicht mit dem Kissen die anderen Kindern beim Fangen berühren müssen, sondern dass das Kissen nur ein Signal ist. Zum Fangen kann die freie Hand benutzt werden. Weiterhin muss erklärt werden: Wer gefangen wird, geht in die entsprechende, von der Trainerin/dem Trainer ausgesuchte Karatestellung. Kinder, die noch nicht gefangen sind und nicht Fänger*in sind, können die gefangenen Kinder befreien, indem sie unter den Beinen hindurch krabbeln. 

Nach ca. drei Minuten wird die Spielrunde durch Trainer*in abgebrochen und die Kinder stellen sich im Kreis auf, um die nächste Stellung zu nennen. 

Bei der Abfrage der bekannten Stellungen oder (bei neuen Gruppen) bei der Vorstellung der Karatestellungen durch Trainer*in sollten immer auch die japanischen Namen der Stände genannt werden, damit die Kinder mit den Namen vertraut werden. 

Bei noch nicht so beweglichen Erwachsenen oder bei Eltern-Kind-Gruppen bzw. Gruppen von Senior*innen kann das Spiel variiert werden: Statt unter den Beinen hindurch zu krabbeln, kann die gefangene Person z. B. durch einen Handschlag befreit werden. 


Ninja, Tiger, Kranich - Aufwärmspiel für Pandas

 Die Kinder werden gefragt, wie sich ein Tiger bewegt und sollen in die Rolle eines Tigers schlüpfen (auf allen Vieren krabbeln, Knurren, Brüllen, mit einer Hand wie mit einer Tatze von oben nach unten streichen - wenn sich zwei kleine Tiger begegnen, können sie anfangen, sachte miteinander zu raufen).

Als nächstes werden sie gefragt, ob sie wissen, was ein Ninja ist - viele kennen den Begriff aus TV-Sendungen wie Ninjago. Mögliche Erklärung: Ninjas waren japanische Geheim-Agenten zur Zeit der Samurai - sie arbeiteten im Verborgenen und waren sehr beweglich. Sie konnten Häuserwände senkrecht hinaufklettern und manche behaupten sogar, sie konnten fliegen - in Wahrheit konnten sie vermutlich nur sehr weit springen. Die Geste, wie die Ninjas die Häuserwand hochklettern wird durch Trainer*in vorgemacht: Dazu die Hände mit geöffneten Fingern leicht versetzt oberhalb des Kopfes in der Luft platzieren, als sei da eine Wand, dazu noch einen Fuß hochnehmen, als wäre man im Begriff, eine Wand hochzuklettern. 

Schließlich werden die Kinder gefragt, was ein Kranich sei. Einige kennen nur den "Kran" auf der Baustelle. Hier muss Klarheit geschafft werden :-) Der Kranich ist ein Vogel, der häufig auf nur einem Bein steht (hier Tsuro Ashi Dashi einnehmen wie bei der Kata Gankaku). Da der Vogel gerne Fische frisst, steht er häufig an oder sogar in flachen Gewässern. Um die Fische nicht zu verscheuchen, muss er ganz still stehen und darf nicht wackeln. 

Wenn die Kinder alle Figuren kennen, werden sie gebeten, durch die Halle zu laufen. Auf ein Kommando der Trainerin oder des Trainers (Ninja, Tiger oder Kranich) nehmen sie die entsprechende Position ein. Nach ca. 20 Sekunden erfolgt das Kommando "Weiterlaufen". Es können einige Durchgänge mit den verschiedenen Figuren durchgeführt werden. 

Variante: Ein Kind aus der Gruppe kann die Kommandos rufen. Es hat sich bewährt, dass ein Kind z.B. drei Kommandos (verschiedene oder auch doppelte) rufen darf - danach noch ein oder zwei andere Kinder als "Kommandant*in". 

Mittwoch, 4. März 2026

Raupenrennen - Pandas, Füchse, Tiger - besonders für große Gruppen geeignet, verletzungsarm

 Besonders für große Gruppen geeignet! Pandas und Füchse! Geringes Verletzungsrisiko

Gruppe in etwa gleichgroße Untergruppen aufteilen - 4-8 Personen optimal - aber auch größere Gruppen möglich - dann wird Schwierigkeitsgrad erhöht! 

Insgesamt können mehrere Gruppen gleichzeitig ins Rennen gehen - z. B. in einer besonders großen Gruppe von 30 Kindern können 5 oder 6 Untergruppen gebildet werden und gleichzeitig agieren. 

Die Kinder setzen sich innerhalb ihrer Gruppe hintereinander auf den Boden. Hierbei rutschen sie so nah aneinander, dass sich die Füße eines hinteren Kindes neben dem Gesäß eines vorderen Kindes befinden. Die Kinder fassen nun jeweils die Fußgelenke der hinteren Kinder. Das letzte Kind einer Reihe kann die Hände hinter sich auf den Boden legen. Die kleinen Reihen wirken nun wie eine Raupe oder wie ein Tausendfüßler. 

Auf Start-Kommando versuchen die "Raupen" nun, sich von einem Raum-Ende zum anderen zu bewegen. Hierbei sollte die "Raupe" nicht auseinanderreißen. 

Einfache Regel: Ein Auseinanderreißen wird nicht sanktioniert und die Kinder können die Raupe wieder "flicken" und sich gemeinsam weiterbewegen. Weitere Vereinfachung: Es wird nicht um die Wette gelaufen.

Herausfordernde Variante: Wenn die "Raupe" reißt - also sich Hände von den Füßen lösen - muss die Raupe von vorne beginnen. Weitere Herausforderung: Lauf um die Wette! 


Mittwoch, 18. Februar 2026

Karate und der Marshmallow-Test

Warum beim Üben auf dem Karate-Do nicht das Lustprinzip gelten sollte


Artikel zur Frage, wie man durch Karate-Do die Willensstärke bei Kindern fördern kann

(zum Lesen auf den Link klicken)







Sonntag, 16. November 2025

"Warum hast du dich nicht gewehrt?" - über mögliche Besonderheiten bei Frauen und Mädchen in der Selbstverteidigung

 "Warum hast du dich nicht gewehrt?", "Ich war wie erstarrt und konnte nichts machen!" - Sätze wie diese sind oft zu finden, wenn Mädchen und Frauen in Situationen, in denen sie angegriffen oder belästigt wurden, keine Gegenwehr geleistet haben. In Selbstverteidigungskursen wird dann oftmals an einem Wochenende versucht, den Mädchen und Frauen körperliche Abwehrmöglichkeiten beizubringen. Abgesehen davon, dass kurzzeitige Selbstverteidigungskurse ohnehin nur selten einen nachhaltigen Effekt haben, gibt es auch noch andere Gründe, warum es nur schwer möglich ist, Mädchen und Frauen für den Eigenschutz dieselben Methoden beizubringen wie Jungs und Männern. 

Das Möglichkeitenrepertoire im Fall einer Situation, in der wir Angst empfinden, kann nämlich möglicherweise vom Geschlecht abhängen bzw. von den biologischen Reaktionen, die im Körper einer angegriffenen Person ablaufen. Die Wissenschaft setzt Angst mit Stress gleich, da Angst und Stress im Körper dieselben Reaktionen bewirken. Dass diese bei Frauen und Männern bzw. Mädchen und Jungen unterschiedlich sein könnten, habe ich erstmals im Rahmen der Ausbildung zur geprüften Trainerin für Selbstverteidigung an der ILS Akademie erfahren. Der Dozent, Armin Hutter, schrieb in Studienheft 7 auf Seite 27 von Unterschieden in er Stressreaktion bei Männern und Frauen und hier speziell vom Unterschied bei der Adrenalinausschüttung: Bei Männern erfolge die Ausschüttung von Adrenalin im Fall einer Stresssituation unmittelbar und in großem Ausmaß, während bei Frauen dieser Vorgang zeitversetzt und in Schüben erfolge. Bei Männern würde die Ausschüttung nur wenige Minuten andauern - bei Frauen deutlich länger und der Adrenalinspiegel baue sich bei ihnen langsamer ab. Dies habe evolutionsbedingte Gründe: Da es bei unseren Vorfahren Aufgabe der Männer war, für den Schutz der Frauen und Kinder zu sorgen, müssten Männer schnell kampfbereit sein. Erst wenn die Männer besiegt waren, hätten die Frauen kämpfen müssen. In der Zwischenzeit habe die Frau noch die Möglichkeit gehabt, sich um den Nachwuchs zu kümmern und diesen in Sicherheit zu bringen, bevor sie tatsächlich kämpfen musste. Nun, das las sich für mich sehr logisch und konnte mir die eingangs beschriebenen Situationen erklären. Es erklärte auch, warum Frauen oftmals Probleme haben, sich nach einer stressigen Situation wieder zu beruhigen, warum sie länger brauchen, um wieder "runterzukommen". Es klang so logisch, dass ich dieses Thema oft und gerne in meinen Kurs-Konzepten erwähnte. 

Im Laufe der Jahre entwickelte ich zahlreiche Eigenschutzkonzepte für verschiedene Personengruppen und hinterfragte im Verlauf der Konzepterstellung meine Inhalte immer wieder. Irgendwann machte ich mich auf eine wissenschaftliche Quelle, die die These aus der ILS-Ausbildung belegen könnte. Aber das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Der Kurs-Dozent nannte mir eine Quelle, die nach einer Prüfung aber nicht passte! Es gab dort zwar eine Grafik mit einem auf unterschiedliche Hormonausschüttung beruhenden Erregungslevel bei Männern und Frauen, welches zu dem im Studienskript dargestellten Modell passte - allerdings ging es im Buch nicht um eine Stress- oder Angstreaktion, sondern um sexuelle Erregung. Auf der Suche nach weiteren Quellen befragte ich eine befreundete Neurologin, die als leitende Ärztin an einem Züricher Krankenhaus tätig ist. Sie fand das Thema sehr interessant, konnte aber spontan auch keine Daten liefern. Sie merkte an, dass die Studienlage in Bezug auf die weibliche Biologie/Neurologie leider noch sehr dürftig sei. Die meisten Versuche würden mit männlichen Labortieren durchgeführt. Auch wenn mich das Thema nicht losließ, so ließ sich doch zunächst keine weitere Datenlage zur Bestätigung der interessanten These zur unterschiedlichen Wirkung von Stresshormonen finden. 

Dies änderte sich nun, als ich in einem Modul meines aktuellen Studiums der Kommunikationspsychologie an der IU auf eine Ausarbeitung von Shelley Taylor et al. aus dem Jahr 2000 stieß! Und siehe da - Taylor et al. wurde auch als Quelle in dem ILS-Skript genannt - und zwar zu dem Thema Tend an Befriend. 


Um diesen Begriff einzuordnen, hole ich mal etwas aus und mache einen kleinen Exkurs in die Forschungsgeschichte zu akuten Stressreaktionen: Wohl alle kennen wir die Beschreibung Fight or Flight (also: Kampf oder Flucht) als Stressreaktion in gefährlichen Situationen. Bereits vor über 100 Jahren hatte der Psychologe Walter Cannon diese damals noch recht eingeschränkte Wahlmöglichkeit im Verteidigungsfall geprägt. Cirka 70 Jahre später ergänzte der Psychologe Jeffrey Alan Grey die Reaktionsoptionen um zwei weitere Begriffe, so dass sie nun Freeze, Flight, Fight, Fright lauteten. Die beiden bekannten Begriffe Flucht und Kampf sind eingerahmt von zwei Terminologien, die beide einen Zustand der Immobilität bezeichnen: Unter Freeze ist ein Erstarren im Sinne einer kurzen Regungslosigkeit zu verstehen beim Gewahrwerden einer gefährlichen Situation. Diese Taktik hilft vor allem in Gegenwart von Tieren, die auf Bewegungsreize reagieren und verschafft möglicherweise einen kurzen Moment, in dem überlegt werden kann, welche weiteren Optionen der Gegenwehr gewählt werden könnten. Die andere Immobilitätsreaktion ist Fright. Hierunter versteht sich ein biologisches Notfallprogramm des Körpers unter Furcht: Durch eine Art Totstellreflex soll dem Angreifer signalisiert werde, dass hier keine weitere Gewaltanwendung nötig ist. Im Jahr 2000 beschrieb die Psychologieprofessorin Shelley Taylor mit Tend and Befriend eine weitere Reaktionsvariante: Auch Tend and Befriend basiert auf dem Verhaltensrepertoire unserer Vorfahren und auch aus dem Tierreich. Es umschreibt vor allem das Verhalten von Frauen oder weiblicher Säugetiere, die sich überwiegend um die Aufzucht des Nachwuchses gekümmert haben. Der Begriff "Tend" umschreibt das Kümmern: Ruhe bewahren, den Nachwuchs versorgen, sich der Umgebung unauffällig anpassen - das alles kann wirksam sein, um einer Vielzahl von Bedrohungen zu begegnen. Im Gegensatz dazu könnte eine Kampfaktion das Weibchen selbst und auch den Nachwuchs gefährden. Eine Flucht würde unter Umständen bedeuten, den Nachwuchs zurückzulassen. Tend, also: Kümmern, war dann auch eine erste für weibliche Säugetiere und Frauen erforschte Stressreaktion! Unter Befriend ist das Knüpfen von sozialen Kontakten und das Bilden von Gruppen zu verstehen, bei denen sich die Gruppenmitglieder gegenseitig unterstützen. Taylor vermutet, dass Frauen oder weibliche Säugetiere unter Stress selektiv Gruppen bilden, um dort Unterstützung zu finden. 

Aber wie kommt es zu dieser überwiegend bei Frauen und weiblichen Säugetieren genutzten Verhaltensvariante? Und hier kommen nun wieder Nerven und Hormone ins Spiel - oder besser gesagt: neuroendokrine Zusammenhänge! Das neuroendokrine System beschreibt Zusammenhänge zwischen dem Nervensystem und dem Hormonsystem. Taylor suchte im Rahmen ihrer Studie nach Belegen für die Behauptung, dass das Kampf-Flucht-Konzept bei Frauen geringer ausgeprägt sei als bei Männern. Nach Auswertung verschiedener wissenschaftlicher Quellen kam sie zunächst zu dem Schluss, dass sich der grundlegende neuroendokrine Kern der Stressreaktion bei Männern und Frauen nicht unterscheidet: Bei beiden wird in Stresssituationen ein Sturzbach an hormonellen Reaktionen ausgeschüttet: Adrenalin und Noradrenalin aber auch Oxytocin, Cortisol und weitere Hormone. Durch diesen Hormoncocktail werden Männer und Frauen und auch männliche und weibliche Säugetiere mobilisiert, um den kurzzeitigen Anforderungen von Stress gerecht zu werden. Allerdings sind, wie bereits oben beschrieben, die Voraussetzungen für Frauen und weibliche Säugetiere vor allem während der Aufzucht des Nachwuchses oder auch während Schwangerschaft und Stillzeit anders als die bei Männern oder männlichen Säugetieren. Taylor vermutet daher eine Anpassung der weiblichen Verhaltensweisen an ihre Lebensumstände: Sie vermutet, dass ein Zusammenspiel aus Nervensystem und Hormonen Mechanismen entwickelt hat, die die Tendenz zu kämpfen oder zu fliehen hemmt und stattdessen das Kümmern und Befreunden fördert! Sie vermutet, dass bei männlichen Säugetieren oder bei Männern vor allem Androgene (das sind Hormone, die bei er Ausprägung der männlichen Geschlechtsorgane eine wichtige Rolle spielen) die Entwicklung aggressiver Verhaltenstendenzen im männlichen Gehirn maßgeblich fördern und dann aggressives Verhalten in spezifischen Bedrohungssituationen aktivieren. Hierbei spielt Testosteron eine große Rolle. Männliche Lebewesen reagieren häufig bereits auf die Anwesenheit anderer männlicher Lebewesen aggressiv, während Frauen oder weibliche Säugetiere überwiegend nur in ganz speziellen Situationen ein Angriffsverhalten zeigen, nämlich wenn es wirklich etwas wichtiges (z. B. den Nachwuchs) zu verteidigen gibt. Während bei männlichen Säugetieren und Männern ein hoher Testosteronspiegel in Stresssituationen für aggressives Verhalten sorgen kann, kann bei weiblichen Säugetieren / Frauen durch Ausschüttung der Hormone Östrogen und Oxytocin eine Gegenregulation entstehen. Oxytocin ist auch als "Kuschelhormon" bekannt - es wird bei körperlicher Nähe ausgeschüttet und verstärkt die Entspannung, hat sogar einen sedierenden Effekt. Eine Verbindung aus Östrogen und Oxytocin hat zudem eine angsthemmende Funktion: Bei Versuchen mit Ratten hat man herausgefunden, dass die Weibchen auf akuten Stress weniger stark mit Angst (Fright-Erstarren) reagierten als männliche Ratten. 

Taylors Studie beleuchtet noch weitere Feinheiten und Abstufungen, die alle sehr spannend sind, hier aber den Rahmen des Essays sprengen würden. Ich habe die Studie unten für weitere Informationen verlinkt. 

Die Frage ist nun: Wie gehen wir in Selbstverteidigungskursen mit diesem Wissen um? Im ILS-Studiengang "Geprüfte Trainerin für Selbstverteidigung" ist vermerkt, dass Tend and Befriend in der Selbstverteidigungslehre noch keine große Rolle spielen. Mir fällt spontan aber eine Geschichte aus dem Leben meiner Mutter ein, wo das "Kümmern" vermutlich vielen Frauen das Leben gerettet hat: Meine Mutter war mit ihrer Familie und Nachbarschaft Ende des Krieges vor russischen Soldaten gen Westen geflohen. In dem Konvoi meiner Mutter hoffte man, dass die Soldaten Frauen in Ruhe ließen, die kleine Kinder auf dem Arm hielten. Jede der Frauen und Mädchen hatte daher möglichst ein Kleinkind auf dem Arm und immer wenn sich ein russischer Soldat näherte, bekamen die Kinder die Anweisung, herzerweichend zu weinen, damit die Soldaten die Mädchen und Frauen in Ruhe ließen. Das half tatsächlich und die Frauen wurden nicht belästigt oder vergewaltigt. Gelegentlich fragte sogar ein Soldat nach dem Grund des Weinens und wenn man andeutete, das Kind habe Hunger, kam es vor, dass der Soldat verschwand und kurz darauf mit etwas zu essen wiederkam. Hier sehe ich grade noch eine Komponente, die Taylor gar nicht berücksichtigt hatte: Mitleid! Die Soldaten hatten offenbar Hemmungen, Mädchen und Frauen zu berühren, die mit dem Trösten eines Kleinkinds beschäftigt waren - zudem wurde den Kindern noch etwas zu Essen gereicht! Vielleicht gibt es Eigenschutz-Szenarien, in denen dieses Wissen nutzbar gemacht werden kann. Ich werde dieses Thema in der nächsten Zeit weiter verfolgen.

Zu Befriend steht im Studienskript der Ansatz, dass das Bilden von Gruppen im Selbstverteidigungsfall eine gute Strategie sein kann, bevor es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Taylor hält fest, dass Frauen sich eher zur Gruppenbildung entscheiden als Männer und dass sie sich dann eher Frauen anschließen, als Männern. Auch der Grund, warum Männer oder Frauen Gruppen bilden, ist unterschiedlich: Männer bilden vergleichsweise größere Gruppen, etwa zur konkreten aggressiven Verteidigung bis hin zur Kriegsführung, während Frauen eher kleinere Gruppen bilden und hier eher sozioemotionale Bindungen im Vordergrund stehen. Taylor beschreibt einige konkrete Vorteile der Gruppenbildung im Verteidigungsfall: In einer Gruppe gibt es mehr Augenpaare zum Erkennen potenzieller Gefahren. Zudem könnten Angreifer*innen eher dazu neigen, eine einzelne Person anzugreifen als eine Gruppe von Personen, denn eine Gruppe ist insgesamt wehrhafter als eine Einzelperson. Zudem kann eine Gruppe für Verwirrung sorgen: Wir eine größere Gruppe angegriffen, kann die Gruppe sich in alle Himmelsrichtungen auflösen - diese paradoxe Intervention kann zu einem Zeitgewinn führen, der es den Gruppenmitgliedern ermöglicht, zu entkommen, bevor sich die angreifende Person auf ein Gruppenmitglied konzentriert hat. Gruppenbildung gehört bereits jetzt zu meinen Trainingsinhalten: Ich empfehle z. B. Personen, die alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln abends unterwegs sind, sich beim Aussteigen mit einer Person ihres Vertrauens zusammenzutun und einen Teil des Weges - z.B. bis zu einer belebten Hauptstraße - gemeinsam zu gehen. Oder in Zivilcourage-Trainings wird empfohlen, sich mit anderen Personen zusammenzuschließen, bevor in eine Auseinandersetzung eingegriffen wird. Hier reicht oftmals bereits die Präsenz vieler Personen, um einen Kampf zu beenden, so dass keine körperliche Intervention erforderlich ist. Insgesamt werde ich künftig auch Jungs und Männern Mut machen, bei drohender Gefahr Unterstützung zu suchen und Gruppen zu bilden. 

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass im ILS-Skript noch die Strategien Submit (sich ergeben) und Posture (posieren) enthalten sind. Das Ergeben kann z. B. bei Dominanzkämpfen Sinn machen. Das sind meist Kämpfe unter Jugendlichen oder jungen Männern, bei denen es um einen Statusgewinn geht. Posture ist quasi das Gegenteil: Einer der Kontrahenten "plustert" sich auf und erhöht dadurch seinen äußeren Status, um zu beeindrucken und den anderen ggf. schon zum Aufgeben zu veranlassen. 

https://podlichkipper.blogspot.com/2012/11/meine-mutter-flucht.html

Quelle: Biobehaviorale Stressreaktionen bei Frauen: Fürsorge und Zuwendung statt Kampf-oder-Flucht Taylor et. al

Studienheft Nr. 7 - Geprüfte/r Selbstverteidigungstrainer/in, ILS Akademie, Autor: Armin Hutter

https://www.ils.de/fernkurse/selbstverteidigungstrainer/