Sonntag, 16. November 2025

"Warum hast du dich nicht gewehrt?" - über mögliche Besonderheiten bei Frauen und Mädchen in der Selbstverteidigung

 "Warum hast du dich nicht gewehrt?", "Ich war wie erstarrt und konnte nichts machen!" - Sätze wie diese sind oft zu finden, wenn Mädchen und Frauen in Situationen, in denen sie angegriffen oder belästigt wurden, keine Gegenwehr geleistet haben. In Selbstverteidigungskursen wird dann oftmals an einem Wochenende versucht, den Mädchen und Frauen körperliche Abwehrmöglichkeiten beizubringen. Abgesehen davon, dass kurzzeitige Selbstverteidigungskurse ohnehin nur selten einen nachhaltigen Effekt haben, gibt es auch noch andere Gründe, warum es nur schwer möglich ist, Mädchen und Frauen für den Eigenschutz dieselben Methoden beizubringen wie Jungs und Männern. 

Das Möglichkeitenrepertoire im Fall einer Situation, in der wir Angst empfinden, kann nämlich möglicherweise vom Geschlecht abhängen bzw. von den biologischen Reaktionen, die im Körper einer angegriffenen Person ablaufen. Die Wissenschaft setzt Angst mit Stress gleich, da Angst und Stress im Körper dieselben Reaktionen bewirken. Dass diese bei Frauen und Männern bzw. Mädchen und Jungen unterschiedlich sein könnten, habe ich erstmals im Rahmen der Ausbildung zur geprüften Trainerin für Selbstverteidigung an der ILS Akademie erfahren. Der Dozent, Armin Hutter, schrieb in Studienheft 7 auf Seite 27 von Unterschieden in er Stressreaktion bei Männern und Frauen und hier speziell vom Unterschied bei der Adrenalinausschüttung: Bei Männern erfolge die Ausschüttung von Adrenalin im Fall einer Stresssituation unmittelbar und in großem Ausmaß, während bei Frauen dieser Vorgang zeitversetzt und in Schüben erfolge. Bei Männern würde die Ausschüttung nur wenige Minuten andauern - bei Frauen deutlich länger und der Adrenalinspiegel baue sich bei ihnen langsamer ab. Dies habe evolutionsbedingte Gründe: Da es bei unseren Vorfahren Aufgabe der Männer war, für den Schutz der Frauen und Kinder zu sorgen, müssten Männer schnell kampfbereit sein. Erst wenn die Männer besiegt waren, hätten die Frauen kämpfen müssen. In der Zwischenzeit habe die Frau noch die Möglichkeit gehabt, sich um den Nachwuchs zu kümmern und diesen in Sicherheit zu bringen, bevor sie tatsächlich kämpfen musste. Nun, das las sich für mich sehr logisch und konnte mir die eingangs beschriebenen Situationen erklären. Es erklärte auch, warum Frauen oftmals Probleme haben, sich nach einer stressigen Situation wieder zu beruhigen, warum sie länger brauchen, um wieder "runterzukommen". Es klang so logisch, dass ich dieses Thema oft und gerne in meinen Kurs-Konzepten erwähnte. 

Im Laufe der Jahre entwickelte ich zahlreiche Eigenschutzkonzepte für verschiedene Personengruppen und hinterfragte im Verlauf der Konzepterstellung meine Inhalte immer wieder. Irgendwann machte ich mich auf eine wissenschaftliche Quelle, die die These aus der ILS-Ausbildung belegen könnte. Aber das gestaltete sich schwieriger als gedacht. Der Kurs-Dozent nannte mir eine Quelle, die nach einer Prüfung aber nicht passte! Es gab dort zwar eine Grafik mit einem auf unterschiedliche Hormonausschüttung beruhenden Erregungslevel bei Männern und Frauen, welches zu dem im Studienskript dargestellten Modell passte - allerdings ging es im Buch nicht um eine Stress- oder Angstreaktion, sondern um sexuelle Erregung. Auf der Suche nach weiteren Quellen befragte ich eine befreundete Neurologin, die als leitende Ärztin an einem Züricher Krankenhaus tätig ist. Sie fand das Thema sehr interessant, konnte aber spontan auch keine Daten liefern. Sie merkte an, dass die Studienlage in Bezug auf die weibliche Biologie/Neurologie leider noch sehr dürftig sei. Die meisten Versuche würden mit männlichen Labortieren durchgeführt. Auch wenn mich das Thema nicht losließ, so ließ sich doch zunächst keine weitere Datenlage zur Bestätigung der interessanten These zur unterschiedlichen Wirkung von Stresshormonen finden. 

Dies änderte sich nun, als ich in einem Modul meines aktuellen Studiums der Kommunikationspsychologie an der IU auf eine Ausarbeitung von Shelley Taylor et al. aus dem Jahr 2000 stieß! Und siehe da - Taylor et al. wurde auch als Quelle in dem ILS-Skript genannt - und zwar zu dem Thema Tend an Befriend. 


Um diesen Begriff einzuordnen, hole ich mal etwas aus und mache einen kleinen Exkurs in die Forschungsgeschichte zu akuten Stressreaktionen: Wohl alle kennen wir die Beschreibung Fight or Flight (also: Kampf oder Flucht) als Stressreaktion in gefährlichen Situationen. Bereits vor über 100 Jahren hatte der Psychologe Walter Cannon diese damals noch recht eingeschränkte Wahlmöglichkeit im Verteidigungsfall geprägt. Cirka 70 Jahre später ergänzte der Psychologe Jeffrey Alan Grey die Reaktionsoptionen um zwei weitere Begriffe, so dass sie nun Freeze, Flight, Fight, Fright lauteten. Die beiden bekannten Begriffe Flucht und Kampf sind eingerahmt von zwei Terminologien, die beide einen Zustand der Immobilität bezeichnen: Unter Freeze ist ein Erstarren im Sinne einer kurzen Regungslosigkeit zu verstehen beim Gewahrwerden einer gefährlichen Situation. Diese Taktik hilft vor allem in Gegenwart von Tieren, die auf Bewegungsreize reagieren und verschafft möglicherweise einen kurzen Moment, in dem überlegt werden kann, welche weiteren Optionen der Gegenwehr gewählt werden könnten. Die andere Immobilitätsreaktion ist Fright. Hierunter versteht sich ein biologisches Notfallprogramm des Körpers unter Furcht: Durch eine Art Totstellreflex soll dem Angreifer signalisiert werde, dass hier keine weitere Gewaltanwendung nötig ist. Im Jahr 2000 beschrieb die Psychologieprofessorin Shelley Taylor mit Tend and Befriend eine weitere Reaktionsvariante: Auch Tend and Befriend basiert auf dem Verhaltensrepertoire unserer Vorfahren und auch aus dem Tierreich. Es umschreibt vor allem das Verhalten von Frauen oder weiblicher Säugetiere, die sich überwiegend um die Aufzucht des Nachwuchses gekümmert haben. Der Begriff "Tend" umschreibt das Kümmern: Ruhe bewahren, den Nachwuchs versorgen, sich der Umgebung unauffällig anpassen - das alles kann wirksam sein, um einer Vielzahl von Bedrohungen zu begegnen. Im Gegensatz dazu könnte eine Kampfaktion das Weibchen selbst und auch den Nachwuchs gefährden. Eine Flucht würde unter Umständen bedeuten, den Nachwuchs zurückzulassen. Tend, also: Kümmern, war dann auch eine erste für weibliche Säugetiere und Frauen erforschte Stressreaktion! Unter Befriend ist das Knüpfen von sozialen Kontakten und das Bilden von Gruppen zu verstehen, bei denen sich die Gruppenmitglieder gegenseitig unterstützen. Taylor vermutet, dass Frauen oder weibliche Säugetiere unter Stress selektiv Gruppen bilden, um dort Unterstützung zu finden. 

Aber wie kommt es zu dieser überwiegend bei Frauen und weiblichen Säugetieren genutzten Verhaltensvariante? Und hier kommen nun wieder Nerven und Hormone ins Spiel - oder besser gesagt: neuroendokrine Zusammenhänge! Das neuroendokrine System beschreibt Zusammenhänge zwischen dem Nervensystem und dem Hormonsystem. Taylor suchte im Rahmen ihrer Studie nach Belegen für die Behauptung, dass das Kampf-Flucht-Konzept bei Frauen geringer ausgeprägt sei als bei Männern. Nach Auswertung verschiedener wissenschaftlicher Quellen kam sie zunächst zu dem Schluss, dass sich der grundlegende neuroendokrine Kern der Stressreaktion bei Männern und Frauen nicht unterscheidet: Bei beiden wird in Stresssituationen ein Sturzbach an hormonellen Reaktionen ausgeschüttet: Adrenalin und Noradrenalin aber auch Oxytocin, Cortisol und weitere Hormone. Durch diesen Hormoncocktail werden Männer und Frauen und auch männliche und weibliche Säugetiere mobilisiert, um den kurzzeitigen Anforderungen von Stress gerecht zu werden. Allerdings sind, wie bereits oben beschrieben, die Voraussetzungen für Frauen und weibliche Säugetiere vor allem während der Aufzucht des Nachwuchses oder auch während Schwangerschaft und Stillzeit anders als die bei Männern oder männlichen Säugetieren. Taylor vermutet daher eine Anpassung der weiblichen Verhaltensweisen an ihre Lebensumstände: Sie vermutet, dass ein Zusammenspiel aus Nervensystem und Hormonen Mechanismen entwickelt hat, die die Tendenz zu kämpfen oder zu fliehen hemmt und stattdessen das Kümmern und Befreunden fördert! Sie vermutet, dass bei männlichen Säugetieren oder bei Männern vor allem Androgene (das sind Hormone, die bei er Ausprägung der männlichen Geschlechtsorgane eine wichtige Rolle spielen) die Entwicklung aggressiver Verhaltenstendenzen im männlichen Gehirn maßgeblich fördern und dann aggressives Verhalten in spezifischen Bedrohungssituationen aktivieren. Hierbei spielt Testosteron eine große Rolle. Männliche Lebewesen reagieren häufig bereits auf die Anwesenheit anderer männlicher Lebewesen aggressiv, während Frauen oder weibliche Säugetiere überwiegend nur in ganz speziellen Situationen ein Angriffsverhalten zeigen, nämlich wenn es wirklich etwas wichtiges (z. B. den Nachwuchs) zu verteidigen gibt. Während bei männlichen Säugetieren und Männern ein hoher Testosteronspiegel in Stresssituationen für aggressives Verhalten sorgen kann, kann bei weiblichen Säugetieren / Frauen durch Ausschüttung der Hormone Östrogen und Oxytocin eine Gegenregulation entstehen. Oxytocin ist auch als "Kuschelhormon" bekannt - es wird bei körperlicher Nähe ausgeschüttet und verstärkt die Entspannung, hat sogar einen sedierenden Effekt. Eine Verbindung aus Östrogen und Oxytocin hat zudem eine angsthemmende Funktion: Bei Versuchen mit Ratten hat man herausgefunden, dass die Weibchen auf akuten Stress weniger stark mit Angst (Fright-Erstarren) reagierten als männliche Ratten. 

Taylors Studie beleuchtet noch weitere Feinheiten und Abstufungen, die alle sehr spannend sind, hier aber den Rahmen des Essays sprengen würden. Ich habe die Studie unten für weitere Informationen verlinkt. 

Die Frage ist nun: Wie gehen wir in Selbstverteidigungskursen mit diesem Wissen um? Im ILS-Studiengang "Geprüfte Trainerin für Selbstverteidigung" ist vermerkt, dass Tend and Befriend in der Selbstverteidigungslehre noch keine große Rolle spielen. Mir fällt spontan aber eine Geschichte aus dem Leben meiner Mutter ein, wo das "Kümmern" vermutlich vielen Frauen das Leben gerettet hat: Meine Mutter war mit ihrer Familie und Nachbarschaft Ende des Krieges vor russischen Soldaten gen Westen geflohen. In dem Konvoi meiner Mutter hoffte man, dass die Soldaten Frauen in Ruhe ließen, die kleine Kinder auf dem Arm hielten. Jede der Frauen und Mädchen hatte daher möglichst ein Kleinkind auf dem Arm und immer wenn sich ein russischer Soldat näherte, bekamen die Kinder die Anweisung, herzerweichend zu weinen, damit die Soldaten die Mädchen und Frauen in Ruhe ließen. Das half tatsächlich und die Frauen wurden nicht belästigt oder vergewaltigt. Gelegentlich fragte sogar ein Soldat nach dem Grund des Weinens und wenn man andeutete, das Kind habe Hunger, kam es vor, dass der Soldat verschwand und kurz darauf mit etwas zu essen wiederkam. Hier sehe ich grade noch eine Komponente, die Taylor gar nicht berücksichtigt hatte: Mitleid! Die Soldaten hatten offenbar Hemmungen, Mädchen und Frauen zu berühren, die mit dem Trösten eines Kleinkinds beschäftigt waren - zudem wurde den Kindern noch etwas zu Essen gereicht! Vielleicht gibt es Eigenschutz-Szenarien, in denen dieses Wissen nutzbar gemacht werden kann. Ich werde dieses Thema in der nächsten Zeit weiter verfolgen.

Zu Befriend steht im Studienskript der Ansatz, dass das Bilden von Gruppen im Selbstverteidigungsfall eine gute Strategie sein kann, bevor es zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Taylor hält fest, dass Frauen sich eher zur Gruppenbildung entscheiden als Männer und dass sie sich dann eher Frauen anschließen, als Männern. Auch der Grund, warum Männer oder Frauen Gruppen bilden, ist unterschiedlich: Männer bilden vergleichsweise größere Gruppen, etwa zur konkreten aggressiven Verteidigung bis hin zur Kriegsführung, während Frauen eher kleinere Gruppen bilden und hier eher sozioemotionale Bindungen im Vordergrund stehen. Taylor beschreibt einige konkrete Vorteile der Gruppenbildung im Verteidigungsfall: In einer Gruppe gibt es mehr Augenpaare zum Erkennen potenzieller Gefahren. Zudem könnten Angreifer*innen eher dazu neigen, eine einzelne Person anzugreifen als eine Gruppe von Personen, denn eine Gruppe ist insgesamt wehrhafter als eine Einzelperson. Zudem kann eine Gruppe für Verwirrung sorgen: Wir eine größere Gruppe angegriffen, kann die Gruppe sich in alle Himmelsrichtungen auflösen - diese paradoxe Intervention kann zu einem Zeitgewinn führen, der es den Gruppenmitgliedern ermöglicht, zu entkommen, bevor sich die angreifende Person auf ein Gruppenmitglied konzentriert hat. Gruppenbildung gehört bereits jetzt zu meinen Trainingsinhalten: Ich empfehle z. B. Personen, die alleine mit öffentlichen Verkehrsmitteln abends unterwegs sind, sich beim Aussteigen mit einer Person ihres Vertrauens zusammenzutun und einen Teil des Weges - z.B. bis zu einer belebten Hauptstraße - gemeinsam zu gehen. Oder in Zivilcourage-Trainings wird empfohlen, sich mit anderen Personen zusammenzuschließen, bevor in eine Auseinandersetzung eingegriffen wird. Hier reicht oftmals bereits die Präsenz vieler Personen, um einen Kampf zu beenden, so dass keine körperliche Intervention erforderlich ist. Insgesamt werde ich künftig auch Jungs und Männern Mut machen, bei drohender Gefahr Unterstützung zu suchen und Gruppen zu bilden. 

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass im ILS-Skript noch die Strategien Submit (sich ergeben) und Posture (posieren) enthalten sind. Das Ergeben kann z. B. bei Dominanzkämpfen Sinn machen. Das sind meist Kämpfe unter Jugendlichen oder jungen Männern, bei denen es um einen Statusgewinn geht. Posture ist quasi das Gegenteil: Einer der Kontrahenten "plustert" sich auf und erhöht dadurch seinen äußeren Status, um zu beeindrucken und den anderen ggf. schon zum Aufgeben zu veranlassen. 

https://podlichkipper.blogspot.com/2012/11/meine-mutter-flucht.html

Quelle: Biobehaviorale Stressreaktionen bei Frauen: Fürsorge und Zuwendung statt Kampf-oder-Flucht Taylor et. al

Studienheft Nr. 7 - Geprüfte/r Selbstverteidigungstrainer/in, ILS Akademie, Autor: Armin Hutter

https://www.ils.de/fernkurse/selbstverteidigungstrainer/

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