Karate, Sauna und ein leises Brummen
Mein erster Finnland-Lehrgang! Neben dem kritischen Auge von Risto fürchtete ich am meisten eines: Die Mückenplage! Alle, die ich zum Thema Finnland und Mücken befragt hatte, hatten gewarnt: Die Anti-Mücken-Mittel, die es hier in Deutschland zu kaufen gibt, die kannste vergessen, da kommt die finnische Mücke erst recht und freut sich über das leckere Aroma! Also immer lange Kleidung und unbedingt Moskitonetz übers Bett! Ich stellte mir das schon toll vor: So im Gi mit Imkermütze zu trainieren….Besorgt fragte meine Reisegefährtin Silke daher im Vorfeld Risto per Mail noch einmal nach eventuellen Vorsorgemaßnahmen. Seine Antwort:“ Sauna, Bier und ein leises Summen, das gehört zum finnischen Sommer einfach dazu.“ Also hab ich mir ein sehr, sehr teures Moskitonetz und hardcore Autan gekauft und gehofft, nicht allzu sehr zu leiden. Das Ende vom Lied war: Ohne das Mückennetz und das Autan auch nur ausgepackt zu haben wurde ich von keiner einzigen Mücke in Finnland gestochen….erst in der ersten Nacht zu Hause im eigenen Bett wieder! Mit dem Summen war es also nichts…statt dessen hatten wir ein ähnliches Geräusch permanent um uns herum: Die nette finnische Kleinstadt Heinola, ca. 200 km nördlich von Helsinki gelegen, liegt direkt an einem See, über den an einer Stelle eine architektonisch sehr reizvolle Autobahnbrücke führt. Diese Stelle befindet sich unmittelbar an „unserem“ Campingplatz, so dass wir Tag und Nacht nicht nur optisch etwas davon hatten, sondern eben auch akustisch, nämlich permanent ein leises Brummen der Motoren. Aber wie wir uns auch an eventuelle Mücken gewöhnt hätten, war auch die Brücke nach kurzer Zeit ein guter alter Bekannter.
Als Silke und ich am Sonntagabend am Campingplatz ankamen, war weit und breit kein bekanntes Gesicht und kein Karate-Gi zu sehen. Zunächst richteten wir uns daher in dem sehr gemütlichen Blockhaus ein. Wir waren absolut angetan von dem Ambiente und froh, dass
wir uns nicht für die einfache Holzhütte entschieden hatten. Nach und nach trudelten dann einige bekannte Gesichter ein und der erste Abend verlief eher beschaulich und voller banger Erwartung auf das Training. Eine ganze Woche Risto hatte ich bisher auch noch nicht erlebt. Und wie gut sind die Finnen? Werde ich mich blamieren? Gibt’s überhaupt außer Silke und mir noch Frauen bei diesem Lehrgang? Die Trainingszeiten wurden uns dann bald, notiert auf einer Kaffee-Filtertüte, präsentiert. Morgens 10.30 Uhr und nachmittags 16.00 Uhr. Na, das war ja direkt human.
Am nächsten Morgen traf man sich dann auf einer Wiese des Campingplatzes. Mit der Etikette schien man es nicht so genau zu nehmen: Fast alle trugen Gi-Hose, T-Shirt und Gürtel. Am zweiten Morgen ging ich auch zu dieser Kleiderordnung über. Es war im Sonnenschein ganz schön warm – auch in Finnland! Morgens stand hauptsächlich Kata auf dem Trainingsprogramm. Wir lernten die Tekki Sandan und übten auch viel Tekki Shodan. Leider fragte Risto mich bereits nach einer Weile: „Wenn eine Kata mit Uchi Uke anfängt, warum beginnst du sie mit Unsinn?“ Aufgefrischt wurden auch unsere Kenntnisse zur Hangets, die wir unzählige Male laufen durften, bis das Ergebnis akzeptabel war. Besonders schwierig für die meisten von uns: Die Ausholbewegung bei der Wendung nach dem Age Uke. Risto führte sie zig Mal vor, aber leider bekam ich sie nur selten ohne zu stocken oder zu wackeln hin.
Am letzten Trainingstag wurde uns allen quasi auf die Schnelle noch eben die Wankan näher gebracht. Von der Tekki Sandan schmerzten mir im Laufe der Woche zunehmend die Arme, der Ablauf saß aber schließlich und es gelang auch –oh Wunder- Ausdruck und Power in diese Kata zu bringen. Kein Wunder: Risto ließ uns zwischendurch immer wieder eigenständig in Gruppen üben und jede Gruppe musste „ihre“ Kata nach ca. 10 Minuten „vormachen“. Diejenigen, bei denen die Kata noch nicht saß, durften dann „Hausaufgaben“ oder „Überstunden“ machen.
Bis auf einen Vormittag konnten wir immer auf der Wiese trainieren. Da es am Mittwoch regnete, wichen wir an diesem Vormittag in die Halle aus. Freitag gab es zusätzlich und unbeabsichtigt für einige Teilnehmer ein extra „Aufwärmtraining“: Offensichtlich wurde die Anzahl der Übernachtungen nicht von allen Teilnehmern richtig verstanden. So hieß es um 10.00 Uhr: Alle müssen noch vor dem Training die Sachen gepackt und die Hütten besenrein haben. Glücklicher Weise konnten Silke und ich den Aufenthalt für eine Nacht verlängern, so konnten wir entspannt zur Wiese gehen und ohne Stress das Training beginnen. Für die Verlängerungsnacht wollte die nette Dame am Empfang allerdings schlappe 100 € haben. Es fand schließlich grade die Karaoke-WM (nicht zu verwechseln mit Karate-WM!!) in Heinola statt und so waren Betten knapp! Risto konnte den Preis für uns auf 80 € runterhandeln. Alternativ wurde uns von einem netten Finnen, einem Bekannten von Risto, angeboten, die Nacht bei ihm zu verbringen. Hierzu hätten wir allerdings auch schnell alles packen müssen. So nahmen wir dieses sehr gastfreundliche Angebot (der Herr kannte uns ja gar nicht!) dankend zur Kenntnis, lehnten es aber letztlich ab.
Nach dem „Früh“-Training ging es meistens direkt ab in den See zum Abkühlen und dann relaxten wir in der warmen Sonne. Doch lange hielt die Lethargie nicht an: Ruck zuck war es dann plötzlich wieder Zeit zum Nachmittagstraining. In der mit Tatamis ausgelegten „Jäähalli“ (auf finnisch: Halle) folgte dann ausgiebiges Khion- und Kumitetraining. Wir sollten einige Grundschulbahnen mit Mae-Geri-Kombinationen laufen. Ein anderes Mal ließ uns Risto wie Kängurus durch die Halle hüpfen oder scheuchte uns mit Kokotsu-Dachis hin und her. Es war streckenweise wirklich schon eine echte konditionelle Herausforderung! Die Gis waren ruckzuck schweißdurchtränkt und Thomas aus Gladbeck hatte schon vom vielen Schwitzen ganz schrumpelige Finger – wie sonst nur nach ausgiebigem Wannenbad! Wie immer legte Risto viel Wert auf die Schwerpunkt-Verlagerung und auf den korrekten Hüfteinsatz. Mindestens 1000 mal standen wir im Zenkutsu-Dachi und übten „Hüfte raus, Hüfte rein“ oder „Hüfte vor und zurück“. Zudem wurde die richtige Beatmung der Techniken mit lautstarkem Ha-Ha und U-We von uns verlangt. An meinen Karatekenntnissen begann ich bald zu zweifeln: Warum musste immer nur ICH Falsches vormachen? Es schien, als würde ständig nur ICH nach vorne gebeten! Manchmal wurde ich auch an meinem Platz korrigiert. Leider verstand ich häufig nur „Bahnhof“…. Warum spricht der Mann mit mir finnisch???? Meinem finnischen Nachbarn erging es nicht besser, nur war es dort umgekehrt – er wurde auf deutsch angesprochen! Apropos Finnisch: Warum sind die Finnen so schweigsam? Ganz klar, es liegt an der Sprache! Also, ich halte mich für durchschnittlich sprachbegabt … jedenfalls hab ich mit Englisch und meist auch Französisch keine Probleme. In den meisten Urlaubsländern hab ich schnell die eine oder andere Redewendung in Landessprache raus und kann in dieser wenigstens von 1-10 zählen. Aber in Finnland: No Chance! Mehr als Kippis (Prost!) und Kiitos (Danke!) war kaum drin. Ach, ein Schimpfwort konnte ich mir merken…das ließ ich dann manchmal, wenn die Anstrengung zu groß war, während des Trainings dezent durch meine Lippen zischen und erntete ein verständnisvolles Grinsen von meinen Trainingspartnern. Tatsache ist: Wer Finnisch lernen kann, der kann alles lernen!
Donnerstag Nachmittag war Risto verhindert. So kamen wir anderen in den Genuss, bei Kimmo trainieren zu dürfen. Er ist Mitglied des finnischen Nationalkaders und….sagen wir mal: sehr nett anzuschauen….dies motiviert natürlich ungemein und ich hätte gerne alles gegeben, um ein gutes Training zu absolvieren. Leider hatten wir in der Nacht vorher bis um halb drei gefeiert und nicht nur Wasser getrunken….zudem war das Training hammerhart. Ich finde das immer so niedlich, wenn Jogger mit ihren Pulsmessern rumlaufen….immer schön im aeroben Bereich bleiben oder so…also bei mir wäre in diesem Training der Pulsmesser geplatzt! Kimmos Aufforderung dazwischen: „Relax“ war wohl nicht ganz wörtlich zu nehmen, denn kaum hatte er dies ausgesprochen, hieß es schon wieder „Heian Godan“ oder so. Zudem war die Einheit gespickt mit Krafttraining, z. B. in Form von Mawashis im Sitzen! Wie kann ein Mann, der so nett ausschaut, nur so gnadenlos sein? Nach diesem Training wusste ich die finnische Sauna noch mehr zu schätzen als an den anderen Abenden! Ich war einfach nur platt! An diesem Abend gabs für mich kein Kippis!
Wo ich grad beim Thema Sauna bin: Auch die diesjährige Sauna-WM findet in Heinola statt! Da waren wir ja geradezu an der Quelle des Sauna-Glücks! Natürlich gibt es auch auf dem Campingplatz einige Sauna-Häuschen. Man kann sie gegen Gebühr stundenweise mieten. Gleich zu Beginn machte uns Risto mit einigen für uns ungewohnten finnischen Saunagepflogenheiten vertraut: Normalerweise gehen Männlein und Weiblein dort getrennt schwitzen! Es wird alle 30 Sekunden ein Aufguss gemacht, der ist dann aber ohne Aroma. Es darf auf keinen Fall die Tür geöffnet werden. Wer vor Ablauf einer viertel Stunde die Kabine verlässt, verliert sein Gesicht! Das Handtuchwedeln, wie es in deutschen Saunen üblich ist, um die Hitze in der Kabine zu verteilen, ist absolut verpönt. Flüssigkeitszufuhr ist extrem wichtig! Deshalb wird auch in der Sauna getrunken…und zwar Bier oder Cidre aus Dosen! Da war ich ja platt und hab zunächst gar nicht versucht, mich diesem Brauch anzupassen. Erst am Mittwoch hab ich es gewagt…und fand das Saunieren auf diese Art extrem lustig! Das war dann auch der Einstieg in einen langen Abend mit reichlich Kippis!
An jenem Abend war es auch, als beim Pokerspiel bewiesen wurde, dass es doch noch echte Männerdomänen gibt: Es wurde von einigen harten deutschen und finnischen Kerlen (leider) kein Stipp-Poker, sondern Hit-Poker gespielt. Der Verlierer wurde von den anderen Mitspielern reihum etliche Male in den Bauch geboxt. Einer von den finnischen Jungs ließ sich den ganzen Abend anschließend noch mal durch den Kopf gehen…und spielte dann weiter. Das war schon ganz schön verrückt!
Noch einmal sollten wir in den Genuss von Kimmos Training kommen, nämlich nach Ristos Abreise am Freitag. Obgleich der Lehrgang offiziell beendet war, waren wir, die noch nicht abgereist waren, „herzlich“ eingeladen, an dem Training teilzunehmen. Klaus aus Gladbeck und ich waren dann tatsächlich die einzigen nicht finnischen Gäste. Dennoch war Kimmo so freundlich, das Training auf Englisch abzuhalten. Allerdings schien er immer noch nicht die Bedeutung des Begriffes „Relax“ verstanden zu haben….es gab kein Relaxen!
Neben den schon erwähnten Sitz-Mawashis wurde uns nun der Shotokan-Ripaska beigebracht: Wir sollten in die Hocke gehen, von der Hocke in einen tiefen Zenkutsu-Dachi springen, wieder in die Hocke, wieder Zenkutsu, anderes Bein vor. Dann wieder Hocke und
schließlich in einen tiefen Kiba-Dachi…..dann wieder von vorne! Erst mal zum Üben schöööön langsam…und dann: hopp, hopp, hopp…..und immer lächeln…..! Auaaaa!
Abends gabs dann noch ein Abschluss-Grillen im kleinen Kreis. Die meisten waren ja schon abgereist. Wehmütig und auch ein wenig stolz ließen wir hier bei einem letzten Bier die vergangene Woche noch einmal Revue passieren. Und wir waren uns einig: Es war super, wir hatten alle viel für unser Karate dazugelernt und neue Impulse erhalten….und: Nächstes Jahr wieder!
Oss, Icky
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