Montag, 26. März 2007

Trainingslager Michael Jarchau 2003

Trainingslager 2003
Das war mal wieder ein Karate-Wochenende ganz nach meinen Vorstellungen! Nee, echt, sowas könnte ich zwar rein konditionell nicht jedes Wochenende haben, aber so einmal im Monat würde ich mir das gerne gefallen lassen. Insgesamt waren 35 Karateka aus unserem Dojo und aus Wesel der Meinung, sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen zu dürfen. Gut so, denn so kam wieder mal richtig Stimmung auf!

Die erste Einheit am Freitagabend begann schon mit Kumite und bald wurde klar, dass dieses auch den Schwerpunkt des Lehrgangs bilden sollte. Wir starteten mit Partnerübungen, die zum Einen das Distanzgefühl schulen, uns aber auch flexibel werden lassen sollte. Wir sollten weg von der üblichen Reaktion -immer nur zurückzuweichen und dann zu kontern. So übten wir nach anfänglichen Mawashi-Geri-Kicks gegen den Oberschenkel des Partners, mit derselben Technik den Oberarm des Partners zu treffen. Dieser sollte jetzt kreisförmig um den Angreifer -Tori- herumlaufen, um dem Tritt zu entgehen. Damit hierbei die Distanz nicht zu groß würde, sollte der Ausweichende bzw. Abwehrende -Uke- hierbei mit einer Hand auf die Schulter des Tori schlagen. Wir sollten darauf achten, den Schwung des Angriffs für die Abwehr auszunutzen. Puh, leichter gesagt, als getan.
Es folgten viele weitere Kombinationen mit Fußtechniken. Die Übungen waren sehr vielseitig und bedurften vollster Konzentration. Vielleicht liegt es daran, dass ich es leider selten dienstags in Michaels Training schaffe, aber ich fand, dass sich die Kombinationen von dem üblichen Trainingspensum abhoben und einen ganz schön forderten. Die Höhe der Mawashis wurde ständig gesteigert, bis Jodan. Zwischendurch gab es eine Menge Dehnübungen, während der man mal kurz verschnaufen konnte. Diese dynamischen Fußtechniken brachten einen nämlich ganz schön auf Touren. Als Kontrapunkt wurde anschließend eine Standübung mit Partner durchgeführt. Wir stellten uns gegenüber, der eine machte einen langsamen Tsuki im Zenkutsu-Dachi, der auf den Bauchmuskeln des Partners endete. Dort wurde der Tsuki einen Moment gehalten und mit dem Ausatmen Spannung erzeugt. Jeder sollte seine Mitte wiederfinden. Später wurde eine ähnliche Übund im Kokotsu-Dachi durchgeführt. Hierbei wurde besonderer Wert auf die Spannung in der Rückenmuskulatur gelegt, die hintere Schulter sollte hierbei ganz zurückgezogen werden.

Anschließend Grundschule: man kann ihn einfach nicht oft genug üben - den Oi-Tsuki. Darum begannen wir auch hier damit. Es folgte Sanbon-Tsuki und etliche weitere Kombinationen. Wir sollten die Techniken fließen lassen, uns geschmeidig bewegen und trotzdem stark sein - wie ein Panther? So ein Bild hatte ich vor Augen, wenn ich mir vorstellte, wie das aussehen sollte. Apropos Bilder: Michael erwähnte wiederholt, dass es gerade bei Grundschultechniken und Kata wichtig sei, sich Bilder vor seinem inneren Auge zu schaffen. Nur so kann die Technik/Kata ausdrucksstark ausgeführt werden, obgleich man keinen reellen Gegner vor sich hat. Bei vielen Techniken und Kombinationen war es wichtig, dass sie eng, eng, eng am Körper durchgeführt wurden. Fuß und Faust sollten möglichst gleichzeitig enden.

Kata, das codierte Karate -wie Jochen Glaß es so supertreffend auf dem letzten Lehrgang bezeichnete- bildete den Abschluß der ersten Einheit. Heian Sandan, -Jondan, -Godan, Tekki Shodan , Bassai Dai und zum Schluß für alle nochmal die Heian Nidan. Nein, den wahren Schluß bildeten die obligatorischen 10 Tsukis im Kiba-Dachi. Zu meiner Schande mußte mein Stand erst mal ausgiebig korrigiert werden. Äh...wie lange mache ich jetzt schon Karate??? Peinlich....

Wir saßen dann anschließend total gemütlich zusammen, stärkten uns an Thorstens liebevoll zusammengestellten Buffet -diesmal nicht so fleischlastig wie letztes Jahr- und ließen das ein oder andere Bierchen die Kehle heruntersickern- oder den einen oder anderen Jim Beam. Die Aussicht auf die frühe Morgeneinheit am Samstag ließ mich gegen 1 Uhr aufbrechen, obgleich ich gerne noch versackt wäre...naja, die nächste Dojo-Party kommt bestimmt.

Samstag, 15.3.03, gnadenlos frühe 8.00 Uhr - und ich schon warm von der Rad-Tor-Tour zum Dojo. Alle schon wach und gut drauf-wie machen die das nur??? Aber die Frühschicht ist ja meist harmlos und wir waren alle mehr oder weniger auf viel Gymnastik und Kata eingestellt. Aber so einfach sollten wir nicht davon kommen: zwar wurde die Kata Nijushiho eingeübt, allerdings fast ausschließlich mit Bunkai. Ich weiß nicht, ob es nur an Heiko lag, aber noch nie hat mir Kata-Bunkai so viel Spaß gemacht. Beim anschließenden Laufen der Kata waren die einzelnen Sequenzen schon durch
das intensive Bunkai-Training so gefestigt, dass auch diese anspruchsvolle Kata machbar wurde. Gut gelaunt gingen wir in die Frühstückspause.

Die zweite Samstags-Einheit begann mit einer der Kata Nishoshiho entliehenen Aufwärmübung: Arme kreisen und nach ca. dreimal Fäuste an die Hüfte ziehen. Die wurden warm, die Arme! Weiter gings mit Gohon-Kumite. Das ist ja eigentlich nicht so mein Ding. Meistens sind die Partner viel größer bzw. länger als ich und die Distanz stimmt spätestens bei der zweiten Technik schon nicht mehr. Aber hier gings irgendwie. Hatte ich hier schon den Frank Kastner als Partner? Oder nochmal Heiko? Oder....? Ist schon peinlich, wenn man vor lauter Spaß anne Backen nicht mehr weiß, welchen Partner man hatte....ahäm, lassen wir das! Beim Gohon-Kumite sollten wir auf saubere Techniken achten, der Oberkörper sollte schön gerade bleiben. Viermal sollte Uke mit derselben, meist konventionellen Technik zurückgehen, beim 5. Mal wurde dann eine andere Technik oder eine Variante gefordert. Griff Tori z. B. mit Mae-Geri an, sollte Uke 4 Mal rückwärts mit Gedan-Barai gehen, Konter Gyaku-Tsuki. Beim 5. Mal sollte Uke seitlich raus mit Nagashi-Uke und Konter Mawashi-Geri. Wieder mußte man sich ganz schön konzentrieren. Der Abwehrende war hier deutlich mehr gefordert. Mawashi-Geri mußte z. B. geblockt werden mit Harai-Uke, dann Konter Uraken, Gyaku-Tsuki, Kizami-Tsuki. Bis man das mal so drauf hatte!

Aus dem Gohon-Kumite entwickelten wir uns dann über Khion-Ippon-Kumite und Jiju-Ippon-Kumite bis zum Freikampf, den wir hier aber in der moderaten Form, dem Randori übten. Bei Risto Kiskilä hatten wir drei Einheiten Zeit, diese Kampf-Stufen durchzuüben, Michael scheuchte uns innerhalb einer einzigen Einheit durch das Trainingspensum. Daher hatten wir uns anschließend das Mittagessen voll verdient. Einige fläzten sich nach dem Essen in der Sonne oder gingen spazieren. So konnten wir uns etwas für die letzte Einheit regenerieren. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, war ich kaum kaputt bis dahin und schon fast etwas enttäuscht, konnte ich mich doch erinnern, dass derselbe Lehrgang letztes Jahr mich an den Rand meiner Kräfte brachte. Aber erstens kommt es ja bekanntlich anders und zweitens als man denkt.

Die dritte Einheit war dann nämlich der Gipfel, der Höhepunkt, das Sahnehäubchen, das Nonplusultra des ganzen Lehrgangs. Wir wurden nochmal so richtig gefordert und, ja am Ende dieser Einheit sollte ich dann dieses heißersehnte Gefühl wiedererleben: physisch so total fertig sein, aber einen Adrenalinspiegel zu haben wie Schumi in der 22. Runde! Und dabei fing alles so harmlos an: Schattenboxen sollten wir - mehrfach mit einem Arm Kizami-Tsuki. Dabei kam ich mir ehrlich gesagt ganz schön blöde vor. Das fühlte sich so gar nicht karatemäßig an und sah vermutlich bei mir auch nicht so aus. Aber auch diese Übung hatte natürlich ihren Sinn: wir sollten locker werden. Warum eigentlich, wenn wir anschließend den Körper dermaßen unter Spannung setzen sollten, dass das Dojo sich kurzzeitig in einen Kreißsaal verwandelte -für alle, die selber noch keine Kinder bekommen haben, sei hier erwähnt: Kreißsaal kommt von kreißen, also kreischen- und das taten wir alle vor Anspannung. Der eine Partner sollte sich z. B. auf die Seite legen und das obere Bein in Yoko-Geri-Stellung leicht anheben. Der andere Partner sollte versuchen, dieses Bein herunterdrücken, was sich der am Boden liegende natürlich nicht gefallen ließ. Vermutlich um dann wieder locker zu werden, sollten wir anschließend eine Partnerübung machen, bei der der eine seine Handflächen als Trefferzone in Yodan-Höhe zur Verfügung stellte. Der andere Partner sollte in diese dann Kizami-Tsuki und Gyaku-Tsuki schlagen und -Überraschung! - dann plötzlich Gyaku-Tsuki Chudan.

In der zweiten Hälfte der Einheit begann dann der Anstieg des Adrenalinspiegels: Tori trat Mawashi-Geri-Low-Kick, sagen wir mit rechts und Uke blockt, indem er seinen linken Unterschenkel halbkreisförmig nach außen führt den Fuß angezogen. Das hatten wir irgendwo schonmal gemacht -letztes Jahr beim selben Lehrgang? Oder bei Jochen Glaß' Lehrgang?- ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich das ganze Schienbein blau und grün hatte in den folgenden Tagen und dass es überhaupt nicht funktionierte und höllisch weh tat. Diesmal nicht so! Lag es an meinem tollen Partner? Keine Ahnung, aber es ging tatsächlich. Ok, manchmal traf man sich nicht so richtig und ein schmerzverzerrtes Grinsen -auf beiden Gesichtern- war die Folge. Aber wir wollen uns mal nicht kleinmädchenhaft anstellen, gelle? Diese Übung wurde dann ausgebaut: wir standen uns schließlich ganz dicht gegenüber, jeweils totale Kopf-Deckung, also Hände und Ellenbogen dicht am Kopf. Tori schlug dann erst mit dem rechten, dann mit dem linken Ellebogen eine Art Empi von oben nach unten zum Kopf des Gegners. Da mußte man schon ganz schön aufpassen, mir brummte jedenfalls schließlich ganz schön der Schädel! Dann wurde einer der Ellebogen von unten zwischen der Deckung des Uke hindurchgeschlagen und wenn man nicht aufpasste, bekam der Partner kräftig eins auf die Nase! Natürlich passten wir meistens auf, aber so im Eifer des Gefechtes....Nun wurden die Ohren des Partners ergriffen und das Knie wie in der Heian Yondan zum Kiza-Geri hochgerissen. Das ist ja sowieso eine meiner Lieblingstechniken, da kann man sich so richtig austoben! Uke wußte ja, was kommt und konnte -meistens- rechtzeitig die Hände runterreißen und den Stoß blocken. Jetzt schnell wieder Hände hochreißen, denn Tori setzte noch einen Mawasi Yodan hinterher. Also bei der Übung, die wir glaub ich mindestens 100 Mal wiederholten, konnte man echt so richtig schön zum Tier werden.

Aber es machte auch super viel Spaß! Kampfschreie wechselten sich zumindest bei Frank und mir mit albernem Gegeier ab. Aber es war auch mega-brutal und als wir uns so richtig schön im Blutrausch befanden, stand plötzlich meine Mutter mit meinen Kids vor der Glasscheibe. Meine Mutter war entsetzt und total besorgt und mußte anschließend erstmal beruhigt werden, dass wir uns eigentlich fast gar nicht wehgetan haben. Die blauen Flecken hab ich ihr lieber nicht gezeigt......

Quasi zum Burn-Out gabs danach dann noch ein wenig Pratzen-Training. Wir, die wir die großen Pratzen hatten, mußten fleißig dagegen treten mit Mae-Geri und Mawashi-Geri, hinterher noch Mae-Tobi-Geri -bei der Übung bin ich zum Glück
nicht drangekommen, Frank bekam einfach nicht genug! Zuletzt noch Mae-Geri, Kiza-Geri und Mawashi-Geri. Danach fühlte ich mich endlich fix und alle!

Als wir uns den Kopf so richtig schön freigewemmst hatten, gabs zum Abschluß noch mal die 24 Schritte der schönen Nishoshiho! Ob ich mir die Kata wohl merken kann? Aber egal, auch wenn ich den Ablauf der Kata vergesse, den Lehrgang werde ich sicher noch lange in bester Erinnerung behalten! Vielen, vielen Dank an Michael für das tolle Training, an Thorsten für die ganze Organisation drumherum, an Mecki fürs Putzen, und an Heide, Heiko und Frank, weil sie so tolle Trainingspartner waren! Toll war es auch, mal wieder mit den Weselern zu trainieren, zu trinken und zu tratschen! Also ich bin nächstes Mal ganz bestimmt wieder dabei! Ihr auch???????

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