Montag, 28. Mai 2007

Fit für Karate

Fit für Karate

Das waren noch Zeiten, als ich noch jung und ungebunden war, in meinem ersten Karateleben, sozusagen! „Hotel Mama“ sorgte für ein beschauliches Leben, die einzigen Verpflichtungen bestanden in der Erfüllung schulischer Pflichten, keine Familie bestimmte den Tagesablauf. Da war natürlich viel Zeit für Karate und daneben noch für ein ausgeprägtes Fitnesstraining in Form von Schwimmen und/oder Laufen.

Tja, die Zeiten ändern sich. Die schulischen Pflichten sind einem anspruchsvollen Job gewichen, Kinder wollen beaufsichtigt oder hin- und herkutschiert werden – nur von dem „Hotel-Mama“ ist immerhin noch die Mama übergeblieben, die jetzt als "Oma" bei uns mehr oder weniger den Haushalt führt (ein bisschen Luxus muss halt doch sein….). Um regelmäßig Karate zu betreiben, bedarf es da schon einiger Disziplin und ein Fitnesstraining „nebenher“ ist fast ausgeschlossen. Wenn man sich nun aber auch noch ein wenig gehen lässt und ja auch leider nicht „jünger“ wird, dann sammelt sich leider mehr und mehr das Hüftgold um die Körpermitte. Nun, ganz kann man es sicherlich nicht verhindern, dass sich die Figur mit der Zeit verändert. Aber als ich neulich beim Arzt mal auf die Waage durfte, bekam ich doch einen Schrecken….jetzt musste etwas passieren! Wie wäre es z. B. mit Laufen?

Die guten Laufschuhe waren schnell rausgekramt und mehr braucht man ja eigentlich nicht. Funktions-Shirts oder Laufhosen – überflüssig! Einfach die olle Joggingbuxe aus dem Schrank und ein T-Shirt an und dann mal los. Sicherheitshalber mal morgens früh vor der Arbeit, da sind noch nicht so viele andere unterwegs. Und dann mal lieber hinten raus, durchs Feld und die Wälder – wegen der neugierigen Nachbarn. Am Aasee dann böse Überraschung: auch zu nachtschlafender Zeit um halb 6 morgens habe ich die Strecke nicht für mich alleine. Scharen von Joggern kommen mir schon verschwitzt entgegen – verschwitzt, aber mit einem lockeren Schritt, fast Sprung und einem Lächeln im Gesicht. Meine Fortbewegungsart ähnelt eher den im benachbarten Zoo beheimateten Rhinozerossen oder Elefanten…jeder Schritt hat eine spürbare Erschütterung der Erdoberfläche zur Folge! Interessiert suche ich stets die Quelle des unbestimmten Dauergeräusches um mich herum, bis mir bewusst wird, dass es sich hierbei um meinen keuchenden Atem handelt! Oje, ich gebe sicherlich eine traurige Figur ab!

Aber es wird nicht aufgegeben! Schon am nächsten Tag stehe ich wieder extra früh auf, nur ein kleiner Kaffee, ein Blick in die Zeitung, dann wieder los. Eigentlich echt schön – morgens früh ist doch irgendwie die Welt noch in Ordnung. Die Vögel zwitschern um die Wette, der würzige Duft nach feuchter Erde und gemähtem Gras verwöhnt die Nase, Morgentau benetzt meine Schuhe. Ich atme die frische Luft ein und spüre, dass das Atmen schon viel leichter fällt. Der Schritt ist immer noch etwas schwerfällig und ich muss mich zwingen, die Beine locker zu lassen. Der frisch gepresste Orangensaft schmeckt anschließend doppelt so gut wie sonst und den ganzen Tag im Büro hab ich eine gute Laune, weil ich ja schon mein Fitnessprogramm erledigt habe und abends noch Karate auf mich wartet. Was für ein Leben!

Nach einer Woche morgendlichem Joggens dann der Moment der Wahrheit. Die neu gekaufte Digitalwaage wird mir meinen Erfolg bescheinigen. Aber – oh Schreck, fast derselbe Wert wie beim Arzt! Was habe ich nur falsch gemacht??? Bedrückt fahre ich zur Arbeit, mittags nur ein Salätchen, schlechte Laune den ganzen Tag und auch noch ein Kratzen im Hals, welches sich zu einer kleinen Erkältung entwickelt, die mich die nächsten Tage nicht laufen lässt. Mein finnischer Bekannter schreibt mir über sein tägliches Trainingspensum (ehemaliger halb-professioneller Triathlet) und ich träume nachts von einer Sängerkarriere wie Meatloaf. Leider kann ich aber auch nicht singen.

Nach drei Tagen halte ich es nicht mehr aus. Die Nase ist zwar noch verstopft und die Bronchien noch leicht belegt, aber ich muss raus! Fühle mich einfach nur noch dick und hässlich! Das Wetter ist herrlich und gleich die ersten Schritte lassen mich stutzen: was ist das? Das geht ja richtig gut! Nach ungefähr einem Kilometer muss ich mir mal kurz die Nase schnäuzen und die Anstrengung lässt mich mal kurz abhusten, aber ich merke, dass ich an diesem Tag fast diesen schwungvollen, dynamischen Schritt habe, den ich bei den anderen Läufern gesehen habe. Fühle mich stark und schnell! Na, dann kann ich ja auch den Bogen zum Aasee wagen! Dort ist immer „Rennstrecke“ und blöder Weise fühle ich mich immer unter Druck gesetzt, wenn da so viele schnellere Läufer sind! Höre Fußstapfen hinter mir! Ach, ist bestimmt so ein kräftiger 1,80-Meter Mann mit Marathon-Finisher-Shirt! Aber nein, heute ein zartes Mädel, die im Eiltempo an mir vorbeidüst. Sicher hat sie noch was vor …. Warum sonst die Eile???? Ich schaue mir ihre Schrittbewegungen an und sehe, dass sie viel kleinere Schritte macht als ich. Dafür aber schnellere. Kann doch nicht so schwer sein. Kann ich bestimmt auch. Und los! Unbeirrt bleibe ich bis zur Aaseebrücke hinter ihr. Langsam wird sie nervös und fühlt sich verfolgt. Sie läuft dann aber rauf zur Straße und verlässt mich. Ich bleibe am See und versuche, die Schrittfolge bei zu behalten. Bis zu den Aaseekugeln gelingt das, aber dann muss ich den Rest des Weges langsamer gehen lassen.

Samstag. Heute hab ich Zeit. Will mal eine ganz große Runde wagen! Mal zu meiner inzwischen auf ca. 12 km angewachsenen Runde noch die Promenade dazunehmen. Aber die Ereignisse überschlagen sich, die Familie fordert ihren Tribut, der Haushalt und der Garten gucken mich traurig vernachlässigt an. Also habe ich den ganzen Tag zu tun – aber immerhin im Jogginganzug.

Sonntag. Jetzt aber! Ich laufe meine gewohnte Runde. Es fühlt sich gut an! Das angekündigte Unwetter ist wohl woanders runtergekommen, hier ist optimales Laufwetter – leicht bewölkt aber trocken. Ich laufe langsam los und steigere mein Tempo. Am Aasee angekommen sehe ich eine Frau in einem eierigen Laufstil. Ha! Die kann ich sicher überholen! Mit einem süffisanten „Guten Morgen!“ schwebe ich an ihr vorbei. Aber gleich packt mich das schlechte Gewissen – ich weiß doch, wie sie sich jetzt fühlen mag! Nun denn, ich habe noch viel vor und kann meine Kraft nicht mit solchen Gedanken verschwenden. Also weiter. Zweite Aaseehälfte und dann bin ich an der Abzweigung, an der ich zum ersten Mal zur Promenade abbiege. Eine wunderschöne Strecke! Unter dem Blätterdach der Allee versuche ich, den Atem zu kontrollieren. Ich merke langsam, wie meine Beine müde werden. An der „Sausebahn“ geht’s mittels Unterführung unter einer Straße entlang und danach kommt natürlich der Anstieg wieder nach oben. Ist aber gar nicht sonderlich anstrengend! Am Zwinger fragt mich ein Besucher nach dem Weg zur Stadtmitte und ich kann ihm sogar ohne zu Schnaufen oder zu Keuchen sagen, wo es lang geht. Auf dem letzten Stück Promenade kommt dann die Ernüchterung: von hinten nähern sich resolute Schritte: ein männlicher Jogger. Dann von rechts eine Frau, gut 10 Kilo leichter als ich (und BESTIMMT 10 Jahre jünger) aber so was von flott auf den Beinen! Gerne hätte ich mich da auch wieder drangehängt. Aber ich war schon zu k. o. und hatte ja noch gut 5 Kilometer vor mir! Dennoch schaute ich kurz, worin ihr Vorteil liegen könnte. Mist – die Schuhe können es nicht sein: es ist genau dieselbe Marke wie die meiner Fußbekleidung! Aber – aha! Sie hat Ohrhörer im Ohr! Sicher hört sie heiße Musik -vermutlich Speed Metal! Bald ist sie um die Ecke und außer Sichtweite. Ich seufze innerlich – wenn ich auch meine Ausdauer steigern kann, so richtig schnell werde ich wohl nie. Sollte ich mal bei einem Volkslauf mitmachen, werde ich bestimmt erst das Ziel erreichen, wenn alle anderen schon am Kaffeetisch sitzen! Aber eine kleine Genugtuung ist mir dennoch gegönnt: sowohl die schnelle Läuferin, als auch den Mann, der mich kurz zuvor überholte, treffe ich an einer roten Fußgängerampel wieder!

Nun denn, das Laufen ist auf jeden Fall eine tolle Ergänzung zum Karatetraining! „Nur Laufen“ macht glaub ich auf die Dauer steif und ungelenkig und wäre mir persönlich auch zu öde und zu einsam. Wenn man ein wenig Fitness in den Alltag einbauen kann, fällt aber sicher auch das Karatetraining leichter. Und apropos „leichter“: auch die Waage belohnt mich inzwischen mit einer Anzeige, die fast schon meinem Zielgewicht enstspricht!

Oss, Andrea

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