Sonntag, 13. Mai 2007

Jubiläumslehrgang 40 Jahre Karate in Münster

Vierzig Jahre Karate in Münster - das musste gefeiert werden! Unermüdlich liefen bereits Wochen vor dem großen Ereignis die Vorbereitungen auf das Festwochenende. Der Einsatz der Vereinsmitglieder war unglaublich und so war es nicht verwunderlich, dass pünktlich zu Beginn unseres Jubiläums das Dojo fein herausgeputzt und geschmückt war. Auch unsere Vereinsmitglieder waren für den Ehrentag ausgerüstet: Anlässlich des 40-jährigen gab es spezielle schwarze Karate-T-Shirts, die ruck-zuck ausverkauft waren. Als traditioneller Karateverein wollten wir anlässlich des runden Geburtstages natürlich nicht nur feiern, sondern vor allem auch trainieren! Als besonderes Geschenk an unsere Mitglieder hatten wir als Trainer Hanskarl Rotzinger (6. Dan) und Markus Rues (4. Dan, Bundestrainer Jugend im DJKB) gewinnen können. Diese waren extra aus dem fernen Konstanz quer durch die Bundesrepublik angereist, um uns im Karate zu unterweisen. Warum grade das Trainerduo Rotzinger/Rues? Neben ihren herausragenden Verdiensten für die deutsche Karateszene und exzellenten Reputationen als Trainer sind beide als Mitglieder des Karate Fitness Dojo Konstanz unserem Verein seit vielen Jahren auch persönlich verbunden.

Rund 120 Übungswillige fanden sich gegen 11 Uhr ein, um in zwei Gruppen je bei Sensei Rotzinger oder Sensei Rues zu trainieren. Es wurde hierbei nicht nur Rücksicht auf unterschiedliche Graduierungen genommen. Jung und alt von 6 bis 66 Jahren mischten sich auch in der dritten Einheit am Samstagnachmittag, als wir die Wahl hatten zwischen gezieltem Wettkampftraining bei Markus und einem eher traditionell orientierten Lehrgangsabschnitt bei Hanskarl.

Markus Rues bot uns ein dynamisch-bewegliches Karate der feinsten Art! Am Samstag wurden wir in drei und am Sonntag in einer Übungseinheit unterwiesen, wie am effektivsten zu kämpfen sei. Zahlreiche Partnerübungen mit zum Teil sehr komplexen Technikfolgen und häufigen Partnerwechseln erforderten ein hohes Maß an physischer und mentaler Flexibilität. Mit Suri-Ashis und Sabakis glitten wir im Oberstufentraining so über den Hallenboden, dass sich bald ein bekanntes brennendes Druckgefühl an den Fußballen bemerkbar machte! Der Übergang vom Kihon-Partnertraining zum Freikampf lag Markus besonders am Herzen. Sobald uns ein Parnter mit erkennbar weniger Kampferfahrung gegenüberstand, sollten wir ihm nicht zeigen "wie toll wir sind", sondern uns auf den Partner einstellen und ihm ermöglichen, mit uns und durch uns etwas zu lernen. Besonders beeindruckt war ich von einem jungen Braungurt, der auch aus Konstanz angereist war: Der junge Karateka kämpfte mit Handicap - er hat keine Arme. Als ich ihm beim Partnertraining gegenüberstand und wir abwechselnd Gyaku-Tsuki ausführen sollten, wartete ich gespannt, ob ich von ihm eine besondere Anweisung erhalten würde. Er aber grüßte mich nur wie selbstvertändlich an und attackierte mich einfach mit Maegeri, statt mit Gyaku-Tsuki. Auch alle anderen Trainingsteilnehmer übten mit einer Selbstverständlichkeit mit diesem jungen Mann, die einfach nur beeindruckte und für mich ein Zeichen großer Toleranz unter Karateka ist.

Obgleich die Trainingseinheiten auf 60 Minuten begrenzt waren, sehnte man doch besonders während des Trainings bei Markus stets erschöpft bereits lange vor Ende des Unterrichts die nächste Pause herbei. Glücklicher Weise war der Weg zur Erholung nicht weit, denn in unserem an die städtische Lehrgangs-Turnhalle angrenzenden Trainingszentrum warteten schon Brötchen, Kuchen und Getränke auf die erschöpften Karateka.

Hanskarl Rotzinger hatte neben zahlreicher traditioneller Karatetechniken noch einige besondere Spezialitäten im Gepäck, die bewiesen, dass man auch mit 67 Jahren noch lange nicht zum alten Karate-Eisen gehören muss. Vielmehr verfügt man offenbar durch fortgeschrittene Kampfsporterfahrung über ganz besondere Fähigkeiten, die manchem jungen Wettkampfsportler oder Karateküken noch gänzlich abgehen: Wir erhielten von Hanskarl einige beeindruckende Einblicke in das Wesen des Ki, der Energie, die in uns allen steckt und nur darauf wartet, erweckt zu werden! Leider war für mich und auch einige andere dieser Einblick zu flüchtig, als dass wir uns diese Kraftquelle spontan hätten erschließen können. Auf jeden Fall eröffnete dieser Trainingsaspekt für viele von uns eine neue Karate-Perspektive und bewies wieder einmal, dass Karate eine echte Lebensaufgabe ist und wahrlich "ein weites Feld".

Eine weitere interesante Erfahrung, die uns Sensei Hanskarl vermitteln konnte, war: Wie finde ich Schwachstellen beim Partner? "Am Besten trifft man ihn, wenn er blinzelt oder einatmet." Ach, so einfach also!?!? Weit gefehlt. Zunächst testeten wir das "Blinzeln". Wir standen uns gegenüber und "blinzelten" uns abwechselnd zu. Das Gegenüber musste dann schnell reagieren, möglichst noch bevor die Augen ganz geöffnet und "scharf gestellt" waren. Das ging ja noch recht einfach - aber dann sollten wir es ohne Absprache und aus der Bewegung heraus üben. Jetzt fragte ich mich ernsthaft: Wer hat denn hier Probleme, mit dem "Scharfstellen"? Ich jedenfalls konnte bald gar nicht mehr erkennen, ob mein Partner blinzelte oder ob ich mir das nur einbildete, weil er sich sowieso bewegte. Doch gar nicht so einfach also! Nächste Übung: den Partner treffen, wenn er einatmet. Es war ein Wunder, mit wie wenig Sauerstoff mein Gegenüber auszukommen schien - ich konnte überhaupt keine Brustkorbhebung erkennen und auch im Gesicht machten sich keine Anzeichen einer Atmung erkennbar. Zum Glück war ich nicht die einzige, die sich hier schwer tat und Hanskarl bemerkte dies auch. Erst mal "Yame" und dann ließ uns der Sensei ohne erkennbaren Zusammenhang zur vorherigen Übung auf einem Bein durch die Halle hüpfen, während wir mit den Armen oder dem anderen Bein Karatetechniken ausführen sollten. Hierbei kamen wir ganz schön außer Puste - und das war auch Ziel des "Spiels": Als wir dem Partner nämlich nun gegenüberstanden, war es plötzlich gar kein Problem mehr, eine Atembewegung festzustellen ;-)

Glücklicher Weise ging uns durch das unglaublich bereichernde Training nicht vollständig die Luft aus! So konnten wir noch zusammen mit vielen Freunden und Bekannten, die aus verschiedenen Gründen am Training nicht teilnehmen konnten, am Abend bei Livemusik, Getränken und einem reichhaltigen Buffet ein rauschendes Fest bis in die frühen Morgenstunden feiern. Was soll ich sagen? Ich freu mich jetzt schon auf den 50. Vereins-Geburtstag!

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