Am 04.05.1947 irgendwo in Finnland - ein kleiner Junge erblickt das Licht der Welt und wohl niemand ahnt, dass dieser Knabe, den man Risto nennt, einst in das ferne Deutschland gehen und dort die japanische Kampfkunst Karate lehren wird. Ein Zufall hat Risto Kiiskilä vor vielen Jahren ausgerechnet nach Frankfurt verschlagen - aus Finnland, in dem sich der klare Himmel noch über der unversehrten Natur ausbreitet, ausgerechnet in die Bankenmetropole, in der die Häuser bis in den Himmel wachsen! Aus dem geplanten Kurz-Aufenthalt zur Überbrückung einer Leerlaufzeit bis zum Beginn seiner Ausbildung an einer Kadettenschule wurde dann fast ein ganzes Leben. Eine ereignisreiche Zeit, in der Risto zunächst als aktiver Kämpfer der deutschen Karate-Nationalmannschaft viele Erfolge errungen hat. Anschließend hat er sein Wissen über Karate in unzähligen Lehrgängen an seine wachsende Fangemeinde weitergegeben.
Und nun waren alle zu seinem Geburtstagslehrgang eingeladen, der am 05.05.2007 in Obertshausen stattfand. Während sich in den Unterstufeneinheiten nur eine erlesene Auswahl an Lernwilligen von Risto im Karate unterweisen ließ, war die Oberstufe beeindruckend stark vertreten: Zahlreiche Trainierende aus Finnland, Estland, Berlin, Kamenz, Rotenburg und sonstigen nahen und weit entfernten Orten ließen es sich nicht entgehen, ihre Karatekenntnisse aufzufrischen. Ich sage bewusst "aufzufrischen", da ich davon ausgehe, dass nur wenige "Neulinge" anwesend waren. Dies muss auch Risto so wahrgenommen haben, denn er fing bei seinem Trainingskonzept nicht bei "Adam und Eva" an, sondern wiederholte kurz bekannte Übungen, um dann mit Vollgas die Kata Hokkyokuko (japanisch: Polarlicht) anzugehen. Für alle, die mit dieser von Risto entwickelten Kata noch nicht vertraut waren, wurde sie etliche Male wiederholt. Und die komplexen Schrittkombinationen, Gleitschritte und Sprungwechsel wurden dann auch anhand zahlreicher Partnerübungen vertieft. Bei der Hokkyokuko handelt es sich um eine Halbfreikampf-Kata, die von den bekannten Shotokan-Katas insofern abweicht, als sie sehr dynamisch ist und kaum die klassischen Grundschul-Stände beinhaltet: hier darf und soll das Bein gebeugt sein wie beim Jiju-Ippon-Kumite. Den Ausführenden wird viel abverlangt, was Koordination und Beweglichkeit angeht. Als ich die Kata vor knapp einem Jahr erstmals kennenlernte, hatte ich ehrlich gesagt meine Bedenken, dass die Anwendungsmöglichkeiten (Bunkai) der Kata eingeschränkt seien. Durch die Nähe zum Kumite ist bereits bei Ausführung der einzelnen Techniken ziemlich klar erkennbar, um welche Technik es sich handelt. Oder? Aber nein: Ein Ashi-Barei muss in der Anwendung nicht unbedingt ein Ashi-Barei sein, sondern kann auch als Mae-Geri ausgeführt werden, als Mawashi-Geri, und, und, und. So allmählich erschließt sich für mich die Vielfalt dieser Kata und ich bin fasziniert davon, was alles "zwischen den Techniken" zu lesen ist.
Jene Karateka, die -wie auch ich- zwischendurch vielleicht einmal verwirrt waren, wie denn jetzt die eine oder andere bestimmte Technik ausgeführt werden sollte, wurden von Risto aufgeklärt: "Das ist alles ganz einfach - da steckt ein System hinter".
Und es stimmt - richtig betrachtet werden alle Übungen, die Risto in seinem Training verwendet, nach einem bestimmten System entwickelt. Wer dieses System einmal entschlüsselt hat, der kann fast alle anderen Techniken und Bewegungen für sich selber daraus ableiten. "Das System ist einfach, die Entwicklung war es nicht." Das glaube ich gerne. Denn die Logik, die dahinter steckt, beruht nicht nur auf dem Ableiten von Theorien aus bekannten Lehrbüchern. Es ist vielmehr eine Art System-Baukasten, mit dem man sich selber sein eigenes Karate "konstruieren" kann. Und Risto ist der Karate-Ingenieur.
Leider gibt es für diesen Baukasten (noch) keine Bau-Anleitung. Und so werde ich wohl noch etliche Male die Reise nach Finnland oder Frankfurt antreten müssen, um mich in das Geheimnis des Systems einweisen zu lassen. In jedem Fall lohnt es sich, denn durch Ristos Art und Weise, Karate zu beschreiben, verstehe ich auch die Absichten meiner Trainer im heimatlichen Dojo besser.
Aber natürlich haben wir nicht nur trainiert - nach dem Lehrgang lud Risto uns ein, bei Bier und alkoholfreien Getränken sowie Bratwurst und etlichen Salaten mit ihm gemeinsam seinen Geburtstag zu feiern. Die Reihe der Gratulanten schien kein Ende zu nehmen. Ein Mitglied des Karatevereins aus Oulu in Finnland überreichte Risto ein ganz besonderes Geschenk: einen traditionellen Gürtel für Rentierzüchter, mit dem Risto wohl demnächst seine Wanderungen durch das weite Land im hohen Norden antreten wird. Ein weiteres besonderes Geschenk war die unglaublich starke Aufführung der Geschichte von den "10 Samurais aus Nagano", die nach und nach ihre letzten Schlachten schlugen, bis nur noch einer übrigblieb: Die Risto-Fans aus Berlin und Kamenz führten in fantasievollen Kostümen furchterregende Kamf- und Kataszenen auf, nicht ohne den ein oder anderen Lachmuskel der Zuschauer dabei zu beanspruchen. Als letzten Höhepunkt des Abends wurde eine mit Musik untermalte Dia-Show gezeigt, die Bilder aus Ristos Karate-Laufbahn zeigte. Nicht nur bei Risto wurde hierbei wohl die ein oder andere schöne Erinnerung geweckt.
An dieser Stelle nochmals vielen Dank lieber Risto für die vielen Trainingsimpulse und die unendliche Geduld mit mir und all Deinen Sempais! Bitte bleib noch viele Jahre gesund, "jung und beweglich", wie Du es so schön in Deinen Übungen demonstriert hast!
Herzlichen Glückwunsch und "hyvää syntymäpäivää"!
Oss, Icky
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