Samstag, 27. Oktober 2007

Kontrolle ist die höchste Instanz

Das ist auch wieder so ein ungeschriebenes Gesetz des Karate: "Kontrolle ist die höchste Instanz", erklärte Jörg gestern und untermalte damit die Bedeutung der Bunkai-Übungen aus der Kata Gangak, bei denen wir uns grade hoffnungslos zu verknoten drohten. Ach, das ist aber auch immer schwierig, dieses Fassen und Drehen, bis der andere quiekt! Wie anders ist dies im Vergleich zum "normalen", mir bisher bekannten Karate, bei dem es überwiegend ums Hauen und Treten geht! OK, damit habe ich wohl einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Karate Ristos und zu dem Jörgs erkannt: Ristos Schlüssel zum Karategeheimnis ist die Beweglichkeit und bei Jörg steht die Kontolle des Gegners im Vordergrund. Selbstverständlich weiß auch Risto zu kontrollieren und auch Jörg hat ein hohes Maß an Beweglichkeit beim Kumite. Es ist nur so, dass sie jeweils einen anderen Schwerpunkt setzen.

Das Training bot neben meiner Sochin für mich wieder viele Herausforderungen aus dem Bereich Kihon, Kata und Kumite. Die von Jörg geforderten Kihon-Kombinationen fallen mir jedes Mal etwas leichter, wenn ich sie auch noch nicht spontan fehlerfrei ausführen kann. Einen kleinen, geheimen Blick zum Nachbarmann muss ich meist doch noch riskieren.

Interessant war Jörgs Vorbereitung für unser Kumite-Training: Die Übungen sollten wir zunächst langsam, aber energiereich durchführen, ähnlich der Atemtechniken aus der Hangets. Als wir anschließend "normales" Kihon-Ippon- und Jiyu-Ippon-Kumite trainierten, waren unsere Techniken schön stark und überzeugend. Wir hatten ständig wechselnde Partner und mir fiel wieder auf, dass es beim Kumite doch sehr große Defizite gibt. Dies liegt zum Teil daran, dass meine Abwehr häufig einfach zu schlecht ist. Bei einigen Partnern stellte ich aber auch fest, dass sie bewusst "daneben" zielten - sei es, um mich nicht zu treffen, oder grade, um mich trotz eines Tai-Sabakis noch zu erwischen.

Der Schwerpunkt des Trainings lag dann erneut bei der Kata Gangak. Diese beendeten wir gestern vom Ablauf her (wir hatten in den vorigen Einheiten bis zum ersten Kiai geübt) und Jörg zeigte uns zwei neue Bunkai Sequenzen. Wir begannen mit dem Gedan Juji Uke in Zenkutsu-Dachi rechts vor und der folgenden Drehung um 180 Grad, nach der man in der Kata mit selber Technik links vor steht. Anfangs wendet man dem Partner den Rücken zu und dieser greift mit Mae Geri an. Nun schnell drehen und das Bein des Partners fangen, ihn fegen und am Boden liegend mit einem Fauststoß treffen. Jetzt mit dem linken Bein über den am Boden liegenden Partner steigen und kurz zwischen den Beinen absetzen. Dann noch über sein linkes Bein steigen, so dass man mit dem linken Bein außerhalb des zu Boden geworfenen Körpers steht. Jetzt rechts herum drehen, das rechte Bein übersetzen und tiefer gehen, so dass man das linke Bein des Partners zwangsläufig anwinkelt und quetscht. Jörg wies Sylvie an, mit Anja zu trainieren, so dass mir diesmal Tim gegenüberstand. Es war klar, dass wir uns nicht mit Samthandschuhen anfassen würden - aber grade so macht Bunkai Spaß! Wenn die Übungsfolge einigermaßen "sitzt", einmal richtig Gas geben und ein wenig Hollywood spielen ;-))

Die zweite Bunkai-Übung beschäftigte sich mit der "Kranich"-Stellung und dem folgenden Uraken/Yoko-Geri. Jörg erklärte, dass die Kata Gangak eine sehr alte Kata ist, die ihren Ursprung im Kung Fu hat. Eindrucksvoll führte er vor, wie die Kranich-Stellung beim Kung Fu ausgeführt wird: rechts raus gleiten in eine tiefe Hocke, bei der die Beine überkreuz stehen, Körperrichtung 45 Grad diagonal, dem Partner zugewandt. Der linke Arm blockt Gedan Barai und der rechte Manji-Uke in Schulterhöhe, im rechten Winkel gebeugt. Das sah schon sehr shaolin-like aus - leider war der Stand gar nicht so einfach und ich schwankte immer leicht bei der Ausführung. Um so effektiv zu blocken bedarf es da wohl noch einiger Übung. Anschließend sollte der Partner Gyaku Tsuki kontern, wir mit Gyaku Soto Uke blocken. Die nun folgenden Kombinationen kann ich leider nicht im Einzelnen richtig wiedergeben, da Tim und ich zu spät bemerkten, dass wir hier einiges vertüddelt hatten. Doch auch wenn nicht die komplette Übung so ausgeführt wurde, wie von Jörg erklärt, sah immerhin die finale Sequenz bei uns so aus, dass der Uke den Angreifer am linken Arm sichert und so kontrolliert, dass diesem eine Gegenwehr nicht mehr möglich ist - Kontrolle halt, die höchste Instanz!

Oss, Icky

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