Hier in Münster schlägt derzeit ein Ereignis aus dem öffentlichen Personennahverkehr Wellen: Ein 11-jähriger Gymnasiast mit Gipsbein, Krücken und einem schweren Tornister wollte von einer innerstädtischen Schule mit dem Bus nach Hause fahren. Da er leider grade sein Busgeld nicht zur Hand hatte, verweigerte der Busfahrer ihm den Einstieg. Der Junge hatte auch kein Handy dabei und daher blieb ihm nichts anderes übrig, als zu Fuß nach Hause zu laufen. Dort kam er total erschöpft "und mit Atemnot" an.
Mutter und Oma des Kindes beschwerten sich sofort bei den Stadtwerken und informierten die Presse. Anfang der Woche erschien dann ein Artikel in den Westfälischen Nachrichten, in dem der Busfahrer massiv angeklagt wurde: Er hätte ein Kind nicht auf der Straße stehen lassen dürfen, selbst wenn es keinen Busfahrschein kaufen kann - und noch dazu hier ein Kind mit einem Krücken und Gipsbein! Der Aufschrei war groß - ein Disziplinarverfahren muss her! Der böse, rücksichtslose Busfahrer!
Spontan schossen mir folgende Gedanken durch den Kopf:
- Warum wird ein Kind mit Gipsbein und Krücken mit dem Bus zur Schule geschickt und nicht mit dem PKW gebracht. Naja, vielleicht haben Mutter und Oma (ein ehemaliges Ratsmitglied) keinen PKW. Dann eben Bus.
- Aber warum wurde dem Kind nicht eine Mehrfach- bzw. Monatskarte besorgt? Ein Gipsbein ist ja kein kurzfristiger Umstand.
- Warum hat das Kind nicht bei einem Passanten nach einem Handy gefragt oder ist zurück zum Schul-Sekretariat gelaufen und hat von dort aus telefoniert?
- Konnte das Kind sich nicht von einem Mitschüler den kleinen Betrag für die Busfahrt leihen oder auch hier ggf. das Sekretariat um Hilfe bitten?
Aber das Kind hat sich offenbar ganz bewusst für die Lösung Laufen entschieden. Ich finde das sehr beachtlich, dass ein Kind unter diesen Umständen seinen Heimweg zu Fuß bewältigt! Hut ab! Die optimale Reaktion von Mutter und Oma wäre wohl gewesen, das Kind wie folgt zu empfangen: "Boh, den ganzen Weg bist Du gelaufen? Da ist aber eine tolle Leistung! Na, dann ruh Dich erst mal aus, ich mach Dir einen heißen Kakao. Und dann erzählst Du mir mal, warum Dein Geld weg war und wie wir das in Zukunft lösen, dass sowas nicht nochmal passiert."
Der Busfahrer musste in Sekunden eine spontane Entscheidung treffen und er hört wohl täglich irgendwelche fadenscheinige Ausreden, von wegen: Geld verloren, Dauerkarte vergessen etc. Das Kind hat sich in der Situation zu helfen gewusst und war in keiner unzumutbaren Lage (es wurde z. B. nicht mitten in der Nacht bei Minusgraden auf einem verlassenen Bahnhof ausgesezt). Ich finde, statt den Busfahrer zu bestrafen gehört das Kind gelobt! Andernfalls wird es auch im späteren Leben für alle Unannehmlichkeiten irgendweinen Verantwortlichen suchen, statt selber eine Lösung zu finden.
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1 Kommentar:
Ich habe mir grade die Leser-Online-Kommentare angesehen. Die meisten Kommentatoren sind derselben Meinung wie ich. Das beruhigt!
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