Mein Lieblingskaratetrainer mit Migrationshintergrund lud ein, um sein 40-jähriges Karate-Jubiläum mit Freunden und Anhängern zu feiern. Am Samstag, den 02.10. und dem darauffolgenden Sonntag wanderten rund 50 Karateweltmeister, Finnlandfans und Karate-Breitensportler gemeinsam auf dem Rist-do. Wie üblich zog es nicht nur Ortsansässige zum Lehrgang, der diesmal in der Wintersporthalle auf dem Gelände des Bundesligisten Eintracht Frankfurt stattfand, sondern auch Karatebegeisterte aus vielen Teilen der Bundesrepublik und sogar aus Estland! Aus Ristos finnischer Heimat war zwar niemand vertreten - aber ich bin sicher, dass sein Jubiläum dort vor Ort in Kürze gebührend nachgefeiert wrid!
Vor dem Trainingspensum am Samstag hatten die meisten von uns wohl einen gehörigen Respekt: Insgesamt hatten wir an einem Nachmittag drei Trainingseinheiten durchzustehen!
Die erste Einheit startete mit dem Risto-Powerpack! Nach Ristos Ansicht ist es nicht sinnvoll, sich mit Standardgymnastik oder -aufwärmübungen auf das Training vorzubereiten. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich auch mit karatespezifischen Bewegungen aufzuwärmen - die dabei auch noch die Koordination und die Bewegungsabläufe schulen. "Wer zum Aufwärmen den Hampelmann macht, wird selbst zum Hampelmann", so seine Devise. Beweglichkeit im Oberkörper, Drehung der Hüfte mit oder ohne Vorbewegung oder Tsuki - bereits nach einer Viertelstunde klebte mir der Gi am Körper! (Das Powerpack habe ich in einem eigenen Post beschrieben, wer es nachvollziehen möchte, kann dort einzelne Übungen nachlesen: http://andreahaeusler.blogspot.com/2010/09/fit-mit-powerpack.html)
Als nächstes gab es zahlreiche Risto-Basics, bei denen es sich immer wieder lohnt, sich auf neue Aspekte zu stürzen - oder bestimmte Dinge einfach nochmal zu vertiefen. Bei jedem Risto-Training fällt mir doch eine weitere Kleinigkeit auf, die mir bisher wegen der Fülle von Informationen entgangen war! Freute ich mich diesmal besonders darüber, dass mir die geforderten Hüftbewegungen inzwischen etwas besser gelangen, so hatte ich jetzt eine neue Erkenntnis bei einer Mae-Geri-Vorübung: Im Stand hinten anfersen und die Knie aneinander! So, erklärte Risto, sollte man es auch den Anfängern erklären, wenn sie sich im ZK fortbewegen sollten - fügten sie die Knie aneinander, könnten sie nicht "breitbeinig" vorlaufen. Natürlich! Die Mae-Geri-Vorübung wurde aber noch verfeinert: Als nächstes sollten wir den Hüftknochen des Beins, welches gleich den Tritt ausführen soll, nach vorne stoßen - und dann das Bein wieder absetzen. Dies wiederholten wir so oft, dass ich ernsthafte Bedenken hatte, wie ich mit dem Muskelpaket am Hintern nach dem Duschen wieder in meine Jeans kommen sollte! Und in der letzten Konsequenz kam dann, quasi von selbst, noch der Kick an sich - der so fast zur Nebensache geworden war!
Auch "Tsuki-Bunkai" war wieder Bestandteil dieses Trainings: "Tsuki Bunkai ist, wenn man den Tsuki so macht, dass er funktioniert", so der Sensei. Schwerpunkt lag diesmal auf der Bewegung über das Standbein hinweg. Risto konnte ganz einfach erklären, wo bei den meisten von uns der Fehler lag: "In den alten Karatebüchern sieht man die Vorwärtsbewegung im ZK immer auf drei Zeiten, die jeweils mit einem Bild hinterlegt sind. Zeit eins: Stand im ZK mit Tsuki, Zeit zwei: Füße parallel nebeneinander und Zeit drei: ein Schritt vor im ZK und Tsuki mit dem anderen Arm." Was denn als Beschreibung stets unter dem Bild stehen würde, fragte Risto in die Menge. Es kamen ein paar Vorschläge, die Auflösung dann aber von ihm selber: "Bewegung über das Standbein hinaus." Also nicht in der Mitte stoppen. Wir waren bisher also nur zu schwer von Begriff gewesen, die Bilder mit dem Untertitel richtig in Verbindung zu bringen! Natürlich gab es zahlreiche Übungen zu diesem Thema, die ich am Besten noch einmal im eigenen Dojo vertiefen werde....
Die Pause bis zur zweiten Einheit ging mit dem Begrüßen der vielen Karatefreunde und einem kleinen Snack viel zu schnell vorbei!
In der zweiten Einheit hatten wir das Vergnügen, in zwei Gruppen von je einem Weltmeister trainiert zu werden: Risto-Schüler Emanuele Bisceglie brachte uns die Unsu bei und sein Kollege Giovanni Machitella schulte die Braungurte im "Flug der Schwalbe", der Enpi. Emanuele filetierte für uns die Kata in mundgerechte Häppchen, an denen wir zum Teil ganz schön zu kauen hatten! Dann ging es natürlich "aufs Ganze", wobei es uns Emanuele überließ, ob wir den Sprung ganz ausführten, oder nur andeuteten. Danke, dafür ;-)
Puh, das war aber jetzt schon ordentlich trainiert! Und das Mittagstief war wie nix weggeschnupft! Die letzte Einheit begann für uns um 17.00 Uhr, zu einer Zeit, zu der manch anderer Lehrgang bereits zuende ist. Wir verfeinerten jetzt das Kumite á la Risto, der stets den Schwerpunkt auf das Jiju-Ippon-Kumite, also den Halbfreikampf, legt. Dieser Übergang zur freien Bewegung ist laut Risto ungemein wichtig und wird häufig zu wenig und zu unsauber trainiert. Wir übten ganz viel "BElasten und ENTlasten" mit Tai Sabaki und Suri Ashi nach links, nach hinten und nach rechts. Meine Trainingsschwerpunkte werden in den kommenden Wochen das schnelle Zurückziehen des vorderen Fußes sowie "Hüfte hoch beim Block" sein. Gleichzeitig werde ich versuchen, darauf zu achten, dass der Block und das Hikite zusammen mit dem Gleit-Stopp des vorderen Fußes einhergehen.
Der Abend stand dann im Zeichen des Jubiläums. Vom DJKB-Präsidium war leider niemand persönlich erschienen, man hatte aber per Brief gratuliert, der offen vorgelesen wurde: Als Jubiläumsgeschenk gab es für Risto eine Einladung zur Karate-WM 2011 nach Thailand, bei der Emanuele und Giovanni vor den Augen ihres Senseis hoffentlich ihre Titel verteidigen werden! Einige treue Helfer aus Ristos Dojo KD-Ippon (allen voran Sandra und Birgit) hatten ein tolles Buffet gezaubert und außerdem gab es Freibier für alle! Leider mussten wir bereits um 22 Uhr aus der Wintersporthalle hinaus. Ein Teil der Gruppe feierte noch im Dojo weiter. Ich selbst zog mit meinem Vereinskameraden Torsten noch in Sachsenhausen um die Häuser - und fiel erst nach der Geisterstunde wie tot ins Bett!
Gut, dass ich am nächsten Morgen sage und schreibe bis 9 Uhr ausschlafen und mich dann am umfangreichen Hotel-Frühstücksbuffet stärken konnte! So hatte ich ab halb 12 wieder einige Energie für die letzte Einheit, die für mich der Höhepunkt des Lehrgangs war: Wir bildeten drei Gruppen und wurden - wieder von Ristos Schülern - in der Kata Hokkyokuko ("Polarlicht", auf finnisch: Revontulet) unterwiesen. Diese anspruchsvolle Halbfreikampfkata hat mit ihren recht freien Bewegungen und ihren vielen Gleit- und Wechselschritten einen ganz besonderen Reiz! Der Trainer meiner Gruppe, Sven Lorant, hatte mit uns (mit mir) seine liebe Mühe! Zum Glück habe ich die Kata auf einer DVD, die ich wie einen Schatz hüte und mir in den nächsten Wochen noch einmal in Ruhe zu Gemüte führen werde.
Der Lehrgang war also wieder rundum gelungen und machte mir wieder unmissverständlich klar, dass ich leider viel zu weit weg wohne von Frankfurt, dem Zentrum meiner ganz persönlichen kleinen Karate-Erleuchtung! Wie schade, dass ich im Januar wieder nicht an der Risto-Intensiv-Woche teilnehmen kann! Wirklich bedauerlich auch, dass mir so nicht regelmäßig jemand den richtigen Weg zeigen kann und ich wie halb blind den Rist-do entlanglaufe. Aber ich habe das Gefühl, dass es um mich herum langsam etwas heller wird und ich alles etwas klarer sehe. Eventuell geht mir ja eines Tages auch mal ein Licht auf - vielleicht sogar ein "Polarlicht"?
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