Berlin - Ein dichter Klangteppich liegt über der Stadt und erstickt die Stille - überall Verkehrslärm, Musik, Lautsprecheransagen oder allgemeines Stimmengewirr! Das war mein erster Eindruck! Egal, wo man sich befand - es war wegen der zahlreichen Nebengeräusche z. B. unmöglich, mal eben zu Hause anzurufen und Bescheid zu geben, dass man gut angekommen war! Ein blitzeblauer Himmel war unser treuer Weggefährte während der Bus- und Bahnfahrt gewesen. Im Zug hatten uns geduldig unsere zwei reservierten Sitze erwartet und boten uns Asyl für die recht kurzweilige Fahrt. Fix fanden wir in der Hauptstadt durch das S- und U-Bahn-Labyrinth und nahmen dann, unendlich dankbar, die schwere Reisetasche abstellen zu können, den Wohnungsschlüssel in Empfang. Hinter der Haustür unseres hübsch renovierten Wohnblock-Komplexes begrüßte uns der Duft von Bohnerwachs und Kochgerüchen. Eine echte Überraschung war dann das wirklich außerordentlich nette Appartement, welches uns die nächsten Tage über beherbergen sollte. Johanna machte uns direkt erstmal das Bett (Schlafcouch) und den Fernseher klar, so dass die wichtigsten Bedürfnisbefriedigungen für die kommende Zeit gesichert waren. Kurzes Relaxen bei TV (Johanna) und einem Kaffee aus der Senseo-Maschine (ich) und wir waren wieder fit für die ersten Exkursionen!
Zunächst zu Fuß ging es erst einmal durch das Wohnviertel, welches größtenteils grade saniert bzw. renoviert wird, und dennoch nicht eines etwas alternativen und gemütlichen Sponti-Charmes der Kreuzberger Hausbesetzerszene entbehrt: Alles bunt, einfallsreich, lebendig und cool - Kneipen, Bäckereien, ein Frauenladen, Shops und sogar Erotik-Boutiquen - wozu eigentlich noch in die City fahren? ;-)
Wir erreichten die Hauptstraße, die als Achse direkt auf den Fernsehturm am Alexanderplatz führt und ich war irgendwie überrascht, dass sie den Namen Karl-Marx-Allee trug, den Namen des deutschen Nationalökonomen und Philosophen, Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Auch die fast erdrückende, irgendwie unheimliche aber im Grunde auch beeindruckende Bebauung der Allee im Stil des sozialistischen Klassizismus erstaunte mich. War hier irgendwie die Zeit stehen geblieben? Ich erfuhr, dass die Karl-Marx-Allee bis 1961 Stalinallee hieß – naja, dann ist Karl-Marx-Allee ja doch eindeutig die bessere Wahl! Schon von weitem grüßten uns die Türme am Frankfurter Tor, die den Gontardschen Kuppeln des Französischen und des Deutschen Doms am Gendarmenmarkt nachempfunden sein sollen. Unterwegs kamen wir an einem Ladenlokal vorbei, vor dem etliche Quadratmeter des Bürgersteigs mit großen, unter der Last zahlreicher gebrauchter Bücher, CDs, LPs und Spiele bald zusammenbrechenden Tischen belegt waren. "Buch 1 Euro", lockte ein Schild. Wir betraten das Ladenlokal, das sich als ein Café mit angeschlossenem Antiquariat entpuppte und uns fast unmittelbar verzauberte! Was gab es hier alles zu entdecken! Da waren nicht nur alte Kinderbücher, die mich per Zeitmaschine in meine ersten Lebensjahre zurückkatapultierten, sondern auch zahlreiche, zum Teil irgendwie kurios wirkende Bücher aus DDR-Zeiten aber auch westliches Lesegut mit längst überholten Ratschlägen und Lebensweisheiten. Als ich einen Kaffee bestellen wollte, famd ich im Angebot des Cafés ein Bier namens Pinkus - aus Münster! Es sei ein tolles Bio-Bier, sagte die Bedienung mir und erklärte damit, warum man es in diesem Café mit Öko-Touch auf der Karte habe. Also, der Laden war eine echte Oase im lauten und konsumfreudigen Berlin, werde ich mir sicher für den nächsten Besuch merken! Ich muss sagen, dass ich wohl sonst nirgends im öffentlichen Raum in Berlin so zufriedene Menschen gesehen habe, die, still vor sich hinlächelnd, pures Glück ausstrahlten.
Johanna hatte jetzt Hunger. Und sie rief einen Laufstreik aus. Also suchten wir die nächste U-Bahn-Station auf und besorgten uns ein Berlin-Welcome-Ticket. Das war echt ein großer Glücksgriff: freie Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln und ermäßigter Eintritt in fast alle öffentlichen Einrichtungen (Museen, Theater, Kabarett...). Wir steuerten das KaDeWe an der Tauentzienstraße an. Vorher kamen wir noch an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, dessen verstümmelter Turm wie ein mahnender Zeigefinger in den inzwischen dunklen Himmel ragte. Größer als hier, auf dem Ku-Damm, konnte der Kontrast zu der friedlichen Öko-Atmosphäre des Antiquariats nicht sein - Lärm, Gestank, Konsum. Irgendwie hetzten alle nur durch die Gegend auf der Suche nach - ja, nach was eigentlich? Jedenfalls konnten weder Johanna, noch ich den Besuch im KaDeWe genießen und fanden auch nichts Tolles an der viel gepriesenen Delikatessenabteilung im Obergeschoss.
Bald ging es dann heimwärts ins Samariterviertel in Friedrichshain, wo wir bei einem Italiener noch eine Pizza bzw. eine Portion Nudeln aßen, um schließlich total erschöpft in die Betten zu fallen.
Dienstag schlief Johanna erstmal ausgiebig aus - schließlich waren ja auch Ferien! Um 11 Uhr holte uns Familie Araee ab: Vater, Mutter und Shirin, Johannas Freundin aus dem letzten Italienurlaub. Leider war vom schönen Wetter des Vortags nichts mehr zu sehen - regnerisch und windig zeigte uns Berlin sein Alltagsgesicht. Mit dem PKW fuhren wir zunächst zum Park Friedrichshain, in dem sich ein reiseführerwürdiger Märchenbrunnen befinden sollte. Nach einigem - recht lustlosen - Herumlaufen fanden wir ihn dann auch. Er spuckte aber, ausgeschaltet, kein Wasser aus und war daher wenig spektakulär. Aber wenigstens hatten die Mädels etwas Auslauf und auch wir konnten uns die Beine ein wenig vertreten. Wieder im Auto fuhr uns Amir Araee durch "sein" Berlin - es ging zum Offiziersbunker nach Treptow, durch das Regierungsviertel, zum Checkpoint Charly und nach Kreuzberg, wo wir schließlich in einem türkischen Imbiss allerlei Leckereien zu uns nahmen. Am Ostbahnhof kam mir einiges sehr bekannt vor: Ich erkannte die Stahlkonstruktion des Bahnhofs und auch die noch bestehenden, mit Graffiti verschönten, Mauerreste wieder: Hier war ich bei meinem ersten Berlinbesuch vor über vier Jahren zu einer Erkundungstour durch Berlin losgelaufen! Mit Shirins Mutter Arzu und den Kids begab ich mich anschließend im Ortsteil Wilmersdorf, unweit der Wohnung von Familie Araee, in eine kleine Kletterhalle, wo die Mädels sich konditionell für diesen Tag den Rest gaben! Abends wurden wir von Amir in der Landhausstraße empfangen: Er hatte für uns ein festliches Mahl, bestehend aus Fisch, Ente, Nudeln und Gemüse zubereitet. Dazu gab es den von uns mitgebrachten Rotwein. Hmmmmm! Den Tag beschlossen die Kids und ich mit einem ausgiebigen Monopolyspiel, bevor Johanne und ich die Heimfahrt nach Friedrichshain antraten.
Mittwoch - Johanna war nicht wach zu kriegen! Dabei wollten wir doch an diesem Tag ins Deutsche Historische Museum (DHM), uns die Ausstellung "Hitler und die Deutschen" ansehen! Erst gegen Mittag zogen wir los, erstmal wieder zu Fuß bis zum Frankfurter Tor, wo ich mir gerne das viergeschossige Second-Hand-Kaufhaus Humana ansehen wollte. Hier gab es - ähnlich wie im Antiquairat, ein paar hundert Meter weiter - wieder unendliche Schätze aus aktueller Zeit und auch aus vergangenen Jahrzehnten! Ich erstand ein paar nette Kleidungsstücke für Johanna und für mich sowie DIE Handtasche, die ich schon so lange suchte! Als wir dann schwer bepackt die U-Bahn Richtung Alex bestiegen, beschlich mich doch der Zweifel, ob es eine so gute Idee war, zu Tagesbeginn diese Einkäufe zu tätigen.... wohin bloß mit den vielen Tüten! Ohje! Im DHM zahlte ich Dank Welcome-Karte nur 3,50 Euro für uns beide, einschließlich der Kosten für die Sonderausstellung! Abgabe von Garderobe und Gepäck war zudem kostenlos! Der Mann an der Kasse warnte uns schon, dass wir am Eingang der Ausstellungsräume vermutlich lange anstehen müssten. So war es dann auch. Aber die beeindruckende Ausstellung entschädigte mehr als ausreichend! Selten war zuvor so komprimiert der Versuch gestartet worden, zu erklären, auf welcher bösen Magie und welchen schrecklichen Zufällen sich die Anziehungskraft Hitlers und seines Gefolges begründete! Zwischendurch war ich immer wieder beeindruckt von der Auffassungsgabe meiner 10-jährigen Tochter: Ich selber wäre in dem Alter vermutlich total überfordert gewesen mit so einem schwierigen Thema! Sie aber begriff schnell, stellte kluge Fragen und freute sich diebisch über Hitler in der Figur des "Kleinen Arschlochs" von Walter Moors. Die Ausstellung macht eben nicht beim Ende des 2. Weltkriegs Halt, sondern beleuchtet auch, wie die Deutschen anschließend und bis in die Gegenwart hinein, mit dem Thema Hitler umgingen und -gehen.
Im Museumscafé gönnten wir uns eine ausgiebige Pause! Anschließend besorgte ich noch ein Buch für Familie Araee (Die Bücherdiebin), über das wir am Vorabend gesprochen hatten und dann brachte ich Johanna zu ihrer "neuen besten Freundin", damit sie dort die Nacht verbringen sollte. Ich selber beeilte mich, denn ich wollte den Abend nicht nutzlos verstreichen lassen, sondern mir entweder die Show "We Will Rock You" oder eine Vorstellung im ehemaligen DDR-Kabarett Die Distel ansehen. Da die Rock-Show bereits ausverkauft war, fuhr ich fix zum kleinen ehemaligen Osttheater am Bahnhof Friedrichstraße und besorgte mir eine Eintrittskarte: Reihe 1, Platz 1! Selbst beim Kabarett hätte ich mit meiner Berlin Welcome-Card 25 % des Eintrittspreises gespart - hätte ich nur beim Kartenkauf in der Eile daran gedacht! Die Vorstellung "Das Guido-Prinzip" war zwar nicht der Hammer, aber ganz unterhaltsam. Das Durchschnittsalter des Publikums lag bei gefühlten 50 Jahren! Am meisten hat mich der "Geist der alten Tage" in diesem Theater berührt, die Atmosphäre des steten kleinen Widerstands zu DDR-Zeiten!
Donnerstag - ich konnte es kaum fassen - ein ganzer Tag für mich allein! Johanna hatte ja bei Shirin geschlafen und ich konnte mich mal kulturell so richtig austoben! Gegen 09:30 Uhr zog ich los, zunächst zu den Hackeschen Höfen. Dort erstand ich zunächst ein paar Souvenirs für meine Kids daheim. Anschließend suchte ich das vielgepriesene Pergamonmuseum auf. Es waren zwar einige Kinder, auch kleinere, mit ihren Eltern unter den Besuchern, aber ich war doch froh, keine genervte und hier sicherlich gelangweilte Johanna an meinen Beinen hängen zu haben. Das war doch schon sehr schwere Kost für ein Kind, diese "alten Steine"...Bei mir verursachten die Bauten aus vergangenen Jahrhunderten - ja: Jahrtausenden - aber eine Gänsehaut nach der anderen - wow, so viele Geschichte auf einem Fleck! Echt der Hammer! Der Eintritt ins Museum war zwar ausnahmsweise mal nicht Welcome-Card-subventioniert, dafür war aber das Leihen des Audio-Guides kostenlos! Und das hatte sich hier echt gelohnt! Ich gebe zu, dass ich komplett ohne Vorinformationen in das Museum gegangen war. Unter einem "Altar" hatte ich mir in etwa das vorgestellt, was bei uns als Gabentisch in der Kirche steht. Daher war ich natürlich total erschlagen von der Größe des dem Museum den Namen gebenden Pergamonaltars! Das ist ja ein kompletter Tempel! Wow, wie riesig und beeindruckend! Auch die Geschichten, die durch die sich ihn schmückenden Figuren und Reliefs erzählt werden, waren spannender als jedes TV-Programm!
Fast noch beeindruckender fand ich das Tor von Milet (2. Jahrhundert n. Chr.) mit seinen filigranen Ornamenten! Auch das Ishtar-Tor zu Babylon, das aus Zeiten Nebukadnezars (ca. 600 v. Chr.) stammen soll, ließ mich schaudern. Sollte ich tatsächlich an einem einzigen Vormittag so vielen Zeugen des Altertums gegenüberstehen? Unfassbar! Nicht ganz so alt, aber ebenso beeindruckend war dann im Flügel für islamische Kunst das Aleppo-Zimmer, welches etwa aus dem Jahre 1600 n. Chr. stammt und komplett aus Holz besteht!
Puh, nach soviel Kultur brauchte ich erstmal frische Luft! Ich lief zu Fuß zum Gendarmenmarkt, an dem ich von den prächtigen Wiederaufbauten des Französischen und des Deutschen Doms begrüßt wurde. Ich erfuhr, dass es sich bei den Bauten nicht um Kirchen handelte, sondern dass der Name Dom vom französischen dôme = Kuppelbau stammt. Ich folgte einem Hinweis in das kleine Hugenottenmuseum um die Ecke, an dem auch die Zeit stillzustehen schien! Was für ein verzauberter, fast andächtiger Ort!
Schließlich zog ich weiter am Checkpoint Charly vorbei, an der Zimmerstraße dem Mauerrundgang folgend, zur Topografie des Terrors. Leider näherte ich mich der Ausstellung von der falschen Seite aus und begann, die Geschichte des Naziterrors gegen Juden, Behinderte und Homosexuelle vom Ende des zweiten Weltkrieges an rückwärts zu erkunden. Aber beeindruckend war es dennoch und die nasse Kälte, die mir allmählich durch die Kleider drang, unterstrich den grausigen Eindruck noch.
Eine richtig knifflige Aufgabe war es dann, von dort aus zu meinem nächsten Kulturziel zu kommen, zum Bauhaus-Archiv an der ... ! Hier gab es weder eine gescheite S-, noch U-Bahnverbindung und mit dem Busnetz kannte ich mich nicht so recht aus. Also was blieb mir anderes, als ab dem Nollendorfplatz zu laufen? Es war ein ganz schönes Stückchen, vorbei an einigen Botschaften und auch am Chinesischen Haus, dem ich einen kleinen Besuch abstattete. Hier gab es eine kostenlose Ausstellung mit einigen chinesischen Vasen und Keramiken und auch Werken eines Fotografen, der Orte in China, überwiegend in Shanghai, aufgenommen hatte. Da kamen einige Erinnerungen an meinen China-Trip mit Franzi vor zweieinhalb Jahren auf! Außerdem war es im China-Haus schön warm ;-) Endlich am Bauhaus-Archiv angelangt, erfuhr ich, dass es bereits eine Dreiviertelstunde später geschlossen werden sollte. Aber ehrlich gesagt gab es auch nicht soviel her, und ich war sogar noch vor Toresschluss wieder auf der Straße!
Bei Familie Araee gab es dann ein großes Trennungsdrama - unsere Girlies konnten und wollten einfach nicht voneinander lassen, so dass ich doch noch zum Abendessen blieb. Es ist schon irgendwie lustig, wenn ein Perser und eine Tscharkessin (aus dem Kaukasus) zum Abendessen Handkäse mit Musik anbieten ;-) Aber leeeecker!!!
Eigentlich wollten Johanna und ich am letzten Urlaubstag in Berlin ausschlafen - wurden aber von den Handwerkern am Dach unserer Unterkunft geweckt. Wir frühstückten in Ruhe und brachten die Wohnung in Ordnung. Dann verfluchte ich sämtliche Museumsführer, Nachschlagewerke und Mitbringsel, die wir während unseres Aufenthalts in der Hauptstadt erworben hatten - denn meine Reisetasche drohte, mit ihrem Gewicht eine tiefe Kerbe in meinen Schultergürtel zu schneiden. Boh, war dat schweeer! Die letzten Urlaubsstunden wollten wir im Zoologischen Garten verbringen und ich folgte zuvor meiner glorreichen Idee, unser Gepäck auf dem Weg dorthin bereits am Bahnhof abzugeben. Für schlappe fünf Euro war ich also nun meine schwere Last bis zur Abfahrt um halb sieben los! Unbeschwert zogen wir nun durch den Zoo in der Berliner Innenstadt und ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass das Gebrüll der Löwen und Affen mit Verkehrsgeräuschen und den quäkenden Ansagen des Nahen Bahnhofs Zoo vermischt war! Der Zoo selber war mit seinem alten Baum- und Gebäudebestand recht nett anzuschauen. Aber wie immer taten mir die unter dem Vorwand der Arterhaltung eingesperrten Tiere irgendwie nur Leid! Vor allem Pandabär Bao Bao machte einen kreuzunglücklichen Eindruck! Vielleicht am Besten unter den Tieren hatten es noch die zahlreichen Affenarten, denen wir zum Teil sicher mindestens eine halbe Stunde lang bei ihrem munteren Treiben zusahen.
Den Weg zum Bahnhof nahmen wir über den Potsdamer Platz, an dem wir den Schlund der unterirdischen Fahrmöglichkeiten verließen und zu Fuß am Tiergarten entlang (Denkmal der von den Nazis verfolgten Homosexuellen und Goethe-Denkmal) liefen. Wir machten eine Pause am Holocaust-Denkmal und passierten dann noch das Brandenburger Tor und den Reichstag, bis wir schließlich nach der Spreeüberquerung den Bahnhof erreichten. Dann hieß es auch schon bald Abschiednehmen von der Hauptstadt und mit vielen Eindrücken in Kopf und Herz fuhren wir wieder westwärts in die Provinz.
Zunächst zu Fuß ging es erst einmal durch das Wohnviertel, welches größtenteils grade saniert bzw. renoviert wird, und dennoch nicht eines etwas alternativen und gemütlichen Sponti-Charmes der Kreuzberger Hausbesetzerszene entbehrt: Alles bunt, einfallsreich, lebendig und cool - Kneipen, Bäckereien, ein Frauenladen, Shops und sogar Erotik-Boutiquen - wozu eigentlich noch in die City fahren? ;-)
Wir erreichten die Hauptstraße, die als Achse direkt auf den Fernsehturm am Alexanderplatz führt und ich war irgendwie überrascht, dass sie den Namen Karl-Marx-Allee trug, den Namen des deutschen Nationalökonomen und Philosophen, Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Auch die fast erdrückende, irgendwie unheimliche aber im Grunde auch beeindruckende Bebauung der Allee im Stil des sozialistischen Klassizismus erstaunte mich. War hier irgendwie die Zeit stehen geblieben? Ich erfuhr, dass die Karl-Marx-Allee bis 1961 Stalinallee hieß – naja, dann ist Karl-Marx-Allee ja doch eindeutig die bessere Wahl! Schon von weitem grüßten uns die Türme am Frankfurter Tor, die den Gontardschen Kuppeln des Französischen und des Deutschen Doms am Gendarmenmarkt nachempfunden sein sollen. Unterwegs kamen wir an einem Ladenlokal vorbei, vor dem etliche Quadratmeter des Bürgersteigs mit großen, unter der Last zahlreicher gebrauchter Bücher, CDs, LPs und Spiele bald zusammenbrechenden Tischen belegt waren. "Buch 1 Euro", lockte ein Schild. Wir betraten das Ladenlokal, das sich als ein Café mit angeschlossenem Antiquariat entpuppte und uns fast unmittelbar verzauberte! Was gab es hier alles zu entdecken! Da waren nicht nur alte Kinderbücher, die mich per Zeitmaschine in meine ersten Lebensjahre zurückkatapultierten, sondern auch zahlreiche, zum Teil irgendwie kurios wirkende Bücher aus DDR-Zeiten aber auch westliches Lesegut mit längst überholten Ratschlägen und Lebensweisheiten. Als ich einen Kaffee bestellen wollte, famd ich im Angebot des Cafés ein Bier namens Pinkus - aus Münster! Es sei ein tolles Bio-Bier, sagte die Bedienung mir und erklärte damit, warum man es in diesem Café mit Öko-Touch auf der Karte habe. Also, der Laden war eine echte Oase im lauten und konsumfreudigen Berlin, werde ich mir sicher für den nächsten Besuch merken! Ich muss sagen, dass ich wohl sonst nirgends im öffentlichen Raum in Berlin so zufriedene Menschen gesehen habe, die, still vor sich hinlächelnd, pures Glück ausstrahlten.
Johanna hatte jetzt Hunger. Und sie rief einen Laufstreik aus. Also suchten wir die nächste U-Bahn-Station auf und besorgten uns ein Berlin-Welcome-Ticket. Das war echt ein großer Glücksgriff: freie Fahrt mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln und ermäßigter Eintritt in fast alle öffentlichen Einrichtungen (Museen, Theater, Kabarett...). Wir steuerten das KaDeWe an der Tauentzienstraße an. Vorher kamen wir noch an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, dessen verstümmelter Turm wie ein mahnender Zeigefinger in den inzwischen dunklen Himmel ragte. Größer als hier, auf dem Ku-Damm, konnte der Kontrast zu der friedlichen Öko-Atmosphäre des Antiquariats nicht sein - Lärm, Gestank, Konsum. Irgendwie hetzten alle nur durch die Gegend auf der Suche nach - ja, nach was eigentlich? Jedenfalls konnten weder Johanna, noch ich den Besuch im KaDeWe genießen und fanden auch nichts Tolles an der viel gepriesenen Delikatessenabteilung im Obergeschoss.
Bald ging es dann heimwärts ins Samariterviertel in Friedrichshain, wo wir bei einem Italiener noch eine Pizza bzw. eine Portion Nudeln aßen, um schließlich total erschöpft in die Betten zu fallen.
Dienstag schlief Johanna erstmal ausgiebig aus - schließlich waren ja auch Ferien! Um 11 Uhr holte uns Familie Araee ab: Vater, Mutter und Shirin, Johannas Freundin aus dem letzten Italienurlaub. Leider war vom schönen Wetter des Vortags nichts mehr zu sehen - regnerisch und windig zeigte uns Berlin sein Alltagsgesicht. Mit dem PKW fuhren wir zunächst zum Park Friedrichshain, in dem sich ein reiseführerwürdiger Märchenbrunnen befinden sollte. Nach einigem - recht lustlosen - Herumlaufen fanden wir ihn dann auch. Er spuckte aber, ausgeschaltet, kein Wasser aus und war daher wenig spektakulär. Aber wenigstens hatten die Mädels etwas Auslauf und auch wir konnten uns die Beine ein wenig vertreten. Wieder im Auto fuhr uns Amir Araee durch "sein" Berlin - es ging zum Offiziersbunker nach Treptow, durch das Regierungsviertel, zum Checkpoint Charly und nach Kreuzberg, wo wir schließlich in einem türkischen Imbiss allerlei Leckereien zu uns nahmen. Am Ostbahnhof kam mir einiges sehr bekannt vor: Ich erkannte die Stahlkonstruktion des Bahnhofs und auch die noch bestehenden, mit Graffiti verschönten, Mauerreste wieder: Hier war ich bei meinem ersten Berlinbesuch vor über vier Jahren zu einer Erkundungstour durch Berlin losgelaufen! Mit Shirins Mutter Arzu und den Kids begab ich mich anschließend im Ortsteil Wilmersdorf, unweit der Wohnung von Familie Araee, in eine kleine Kletterhalle, wo die Mädels sich konditionell für diesen Tag den Rest gaben! Abends wurden wir von Amir in der Landhausstraße empfangen: Er hatte für uns ein festliches Mahl, bestehend aus Fisch, Ente, Nudeln und Gemüse zubereitet. Dazu gab es den von uns mitgebrachten Rotwein. Hmmmmm! Den Tag beschlossen die Kids und ich mit einem ausgiebigen Monopolyspiel, bevor Johanne und ich die Heimfahrt nach Friedrichshain antraten.
Mittwoch - Johanna war nicht wach zu kriegen! Dabei wollten wir doch an diesem Tag ins Deutsche Historische Museum (DHM), uns die Ausstellung "Hitler und die Deutschen" ansehen! Erst gegen Mittag zogen wir los, erstmal wieder zu Fuß bis zum Frankfurter Tor, wo ich mir gerne das viergeschossige Second-Hand-Kaufhaus Humana ansehen wollte. Hier gab es - ähnlich wie im Antiquairat, ein paar hundert Meter weiter - wieder unendliche Schätze aus aktueller Zeit und auch aus vergangenen Jahrzehnten! Ich erstand ein paar nette Kleidungsstücke für Johanna und für mich sowie DIE Handtasche, die ich schon so lange suchte! Als wir dann schwer bepackt die U-Bahn Richtung Alex bestiegen, beschlich mich doch der Zweifel, ob es eine so gute Idee war, zu Tagesbeginn diese Einkäufe zu tätigen.... wohin bloß mit den vielen Tüten! Ohje! Im DHM zahlte ich Dank Welcome-Karte nur 3,50 Euro für uns beide, einschließlich der Kosten für die Sonderausstellung! Abgabe von Garderobe und Gepäck war zudem kostenlos! Der Mann an der Kasse warnte uns schon, dass wir am Eingang der Ausstellungsräume vermutlich lange anstehen müssten. So war es dann auch. Aber die beeindruckende Ausstellung entschädigte mehr als ausreichend! Selten war zuvor so komprimiert der Versuch gestartet worden, zu erklären, auf welcher bösen Magie und welchen schrecklichen Zufällen sich die Anziehungskraft Hitlers und seines Gefolges begründete! Zwischendurch war ich immer wieder beeindruckt von der Auffassungsgabe meiner 10-jährigen Tochter: Ich selber wäre in dem Alter vermutlich total überfordert gewesen mit so einem schwierigen Thema! Sie aber begriff schnell, stellte kluge Fragen und freute sich diebisch über Hitler in der Figur des "Kleinen Arschlochs" von Walter Moors. Die Ausstellung macht eben nicht beim Ende des 2. Weltkriegs Halt, sondern beleuchtet auch, wie die Deutschen anschließend und bis in die Gegenwart hinein, mit dem Thema Hitler umgingen und -gehen.
Im Museumscafé gönnten wir uns eine ausgiebige Pause! Anschließend besorgte ich noch ein Buch für Familie Araee (Die Bücherdiebin), über das wir am Vorabend gesprochen hatten und dann brachte ich Johanna zu ihrer "neuen besten Freundin", damit sie dort die Nacht verbringen sollte. Ich selber beeilte mich, denn ich wollte den Abend nicht nutzlos verstreichen lassen, sondern mir entweder die Show "We Will Rock You" oder eine Vorstellung im ehemaligen DDR-Kabarett Die Distel ansehen. Da die Rock-Show bereits ausverkauft war, fuhr ich fix zum kleinen ehemaligen Osttheater am Bahnhof Friedrichstraße und besorgte mir eine Eintrittskarte: Reihe 1, Platz 1! Selbst beim Kabarett hätte ich mit meiner Berlin Welcome-Card 25 % des Eintrittspreises gespart - hätte ich nur beim Kartenkauf in der Eile daran gedacht! Die Vorstellung "Das Guido-Prinzip" war zwar nicht der Hammer, aber ganz unterhaltsam. Das Durchschnittsalter des Publikums lag bei gefühlten 50 Jahren! Am meisten hat mich der "Geist der alten Tage" in diesem Theater berührt, die Atmosphäre des steten kleinen Widerstands zu DDR-Zeiten!
Donnerstag - ich konnte es kaum fassen - ein ganzer Tag für mich allein! Johanna hatte ja bei Shirin geschlafen und ich konnte mich mal kulturell so richtig austoben! Gegen 09:30 Uhr zog ich los, zunächst zu den Hackeschen Höfen. Dort erstand ich zunächst ein paar Souvenirs für meine Kids daheim. Anschließend suchte ich das vielgepriesene Pergamonmuseum auf. Es waren zwar einige Kinder, auch kleinere, mit ihren Eltern unter den Besuchern, aber ich war doch froh, keine genervte und hier sicherlich gelangweilte Johanna an meinen Beinen hängen zu haben. Das war doch schon sehr schwere Kost für ein Kind, diese "alten Steine"...Bei mir verursachten die Bauten aus vergangenen Jahrhunderten - ja: Jahrtausenden - aber eine Gänsehaut nach der anderen - wow, so viele Geschichte auf einem Fleck! Echt der Hammer! Der Eintritt ins Museum war zwar ausnahmsweise mal nicht Welcome-Card-subventioniert, dafür war aber das Leihen des Audio-Guides kostenlos! Und das hatte sich hier echt gelohnt! Ich gebe zu, dass ich komplett ohne Vorinformationen in das Museum gegangen war. Unter einem "Altar" hatte ich mir in etwa das vorgestellt, was bei uns als Gabentisch in der Kirche steht. Daher war ich natürlich total erschlagen von der Größe des dem Museum den Namen gebenden Pergamonaltars! Das ist ja ein kompletter Tempel! Wow, wie riesig und beeindruckend! Auch die Geschichten, die durch die sich ihn schmückenden Figuren und Reliefs erzählt werden, waren spannender als jedes TV-Programm!
Fast noch beeindruckender fand ich das Tor von Milet (2. Jahrhundert n. Chr.) mit seinen filigranen Ornamenten! Auch das Ishtar-Tor zu Babylon, das aus Zeiten Nebukadnezars (ca. 600 v. Chr.) stammen soll, ließ mich schaudern. Sollte ich tatsächlich an einem einzigen Vormittag so vielen Zeugen des Altertums gegenüberstehen? Unfassbar! Nicht ganz so alt, aber ebenso beeindruckend war dann im Flügel für islamische Kunst das Aleppo-Zimmer, welches etwa aus dem Jahre 1600 n. Chr. stammt und komplett aus Holz besteht!
Puh, nach soviel Kultur brauchte ich erstmal frische Luft! Ich lief zu Fuß zum Gendarmenmarkt, an dem ich von den prächtigen Wiederaufbauten des Französischen und des Deutschen Doms begrüßt wurde. Ich erfuhr, dass es sich bei den Bauten nicht um Kirchen handelte, sondern dass der Name Dom vom französischen dôme = Kuppelbau stammt. Ich folgte einem Hinweis in das kleine Hugenottenmuseum um die Ecke, an dem auch die Zeit stillzustehen schien! Was für ein verzauberter, fast andächtiger Ort!
Schließlich zog ich weiter am Checkpoint Charly vorbei, an der Zimmerstraße dem Mauerrundgang folgend, zur Topografie des Terrors. Leider näherte ich mich der Ausstellung von der falschen Seite aus und begann, die Geschichte des Naziterrors gegen Juden, Behinderte und Homosexuelle vom Ende des zweiten Weltkrieges an rückwärts zu erkunden. Aber beeindruckend war es dennoch und die nasse Kälte, die mir allmählich durch die Kleider drang, unterstrich den grausigen Eindruck noch.
Eine richtig knifflige Aufgabe war es dann, von dort aus zu meinem nächsten Kulturziel zu kommen, zum Bauhaus-Archiv an der ... ! Hier gab es weder eine gescheite S-, noch U-Bahnverbindung und mit dem Busnetz kannte ich mich nicht so recht aus. Also was blieb mir anderes, als ab dem Nollendorfplatz zu laufen? Es war ein ganz schönes Stückchen, vorbei an einigen Botschaften und auch am Chinesischen Haus, dem ich einen kleinen Besuch abstattete. Hier gab es eine kostenlose Ausstellung mit einigen chinesischen Vasen und Keramiken und auch Werken eines Fotografen, der Orte in China, überwiegend in Shanghai, aufgenommen hatte. Da kamen einige Erinnerungen an meinen China-Trip mit Franzi vor zweieinhalb Jahren auf! Außerdem war es im China-Haus schön warm ;-) Endlich am Bauhaus-Archiv angelangt, erfuhr ich, dass es bereits eine Dreiviertelstunde später geschlossen werden sollte. Aber ehrlich gesagt gab es auch nicht soviel her, und ich war sogar noch vor Toresschluss wieder auf der Straße!
Bei Familie Araee gab es dann ein großes Trennungsdrama - unsere Girlies konnten und wollten einfach nicht voneinander lassen, so dass ich doch noch zum Abendessen blieb. Es ist schon irgendwie lustig, wenn ein Perser und eine Tscharkessin (aus dem Kaukasus) zum Abendessen Handkäse mit Musik anbieten ;-) Aber leeeecker!!!
Eigentlich wollten Johanna und ich am letzten Urlaubstag in Berlin ausschlafen - wurden aber von den Handwerkern am Dach unserer Unterkunft geweckt. Wir frühstückten in Ruhe und brachten die Wohnung in Ordnung. Dann verfluchte ich sämtliche Museumsführer, Nachschlagewerke und Mitbringsel, die wir während unseres Aufenthalts in der Hauptstadt erworben hatten - denn meine Reisetasche drohte, mit ihrem Gewicht eine tiefe Kerbe in meinen Schultergürtel zu schneiden. Boh, war dat schweeer! Die letzten Urlaubsstunden wollten wir im Zoologischen Garten verbringen und ich folgte zuvor meiner glorreichen Idee, unser Gepäck auf dem Weg dorthin bereits am Bahnhof abzugeben. Für schlappe fünf Euro war ich also nun meine schwere Last bis zur Abfahrt um halb sieben los! Unbeschwert zogen wir nun durch den Zoo in der Berliner Innenstadt und ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, dass das Gebrüll der Löwen und Affen mit Verkehrsgeräuschen und den quäkenden Ansagen des Nahen Bahnhofs Zoo vermischt war! Der Zoo selber war mit seinem alten Baum- und Gebäudebestand recht nett anzuschauen. Aber wie immer taten mir die unter dem Vorwand der Arterhaltung eingesperrten Tiere irgendwie nur Leid! Vor allem Pandabär Bao Bao machte einen kreuzunglücklichen Eindruck! Vielleicht am Besten unter den Tieren hatten es noch die zahlreichen Affenarten, denen wir zum Teil sicher mindestens eine halbe Stunde lang bei ihrem munteren Treiben zusahen.
Den Weg zum Bahnhof nahmen wir über den Potsdamer Platz, an dem wir den Schlund der unterirdischen Fahrmöglichkeiten verließen und zu Fuß am Tiergarten entlang (Denkmal der von den Nazis verfolgten Homosexuellen und Goethe-Denkmal) liefen. Wir machten eine Pause am Holocaust-Denkmal und passierten dann noch das Brandenburger Tor und den Reichstag, bis wir schließlich nach der Spreeüberquerung den Bahnhof erreichten. Dann hieß es auch schon bald Abschiednehmen von der Hauptstadt und mit vielen Eindrücken in Kopf und Herz fuhren wir wieder westwärts in die Provinz.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen