Samstag, 30. Oktober 2010

Jitte, Gangaku und Enpi

Als mich heute Morgen meine vom letzten Training zwickende Rückenmuskulatur weckte, wurde mir schlagartig klar, dass es heute keine Erholungspause geben würde, sondern wieder ein anstrengender Karatetag auf mich wartete: Ich hatte mich um 14 Uhr im Dojo für eine Stunde Danvorbereitung verabredet. Zwar ging es nicht um mich und meine noch in weiter Ferne liegende Prüfung - dennoch kann es ja nicht schaden, auch jetzt schonmal hin und wieder ein Feeling für die Prüfungssituation zu bekommen.

Zu zweit starteten wir mit dem Kihon-Programm für den zweiten Dan. War das wirklich nur so kurz gewesen? Ich glaube, Shihan Ochi hatte bei uns wesentlich komplexere Übungen gefordert und auch Techniken, die nicht im Prüfungsprogramm standen. Hier hatten mein Trainingspartner und ich auch nichts Wesentliches aneinander zu korrigieren, so dass wir rasch zum Sonoba-Geri übergehen konnten. Ich hatte immer noch das Bild von dem Teelicht auf meinem Fuß im Kopf, das gestern zumindest beim Mae-Geri nicht herunterfallen sollte - aber im Laufe der Kombination wurde es dann immer blasser und als schließlich "schnell und stark" hieß, waren da nur noch Power und Kias. Naja, die Übung könnte sicher besser laufen...aber wenigstens waren alle Kicks stark und für die Feinheiten hab ich ja noch etwas Zeit zum Üben.

Mein Trainingspartner schwankt wie ich noch zwischen zwei Prüfungskatas und neigt wohl inzwischen zur Gangaku. Das war mir heute ganz Recht, denn auch ich ziehe sie als Kürkata in Erwägung. Das würde allerdings noch ein ziemlich intensives Üben voraussetzen. Wir diskutierten einige Stellen der Kata - naja, genauer gesagt hatte ich ein paar Fragen und versuchte dann im nächsten Durchgang, die Antworten umzusetzen. Die Kranich-Stellungen führe ich aber immer noch nicht zufriedenstellend aus.

Die einfachere Lösung wäre sicherlich, wenn ich z. B. die Jitte als Prüfungskata wählen würde. Wir liefen sie einmal zu zweit, dann war ich alleine dran. Und dann hagelte es auch hier Verbesserungsvorschläge. Aber das war völlig ok, denn ich konnte alle Kritikpunkte nachvollziehen. Es ist schon ein Glück, wenn man mal ganz intensiv auf diese Weise trainieren kann und jemand einem seine volle Aufmerksamkeit schenkt, um die Techniken zu überprüfen und zu korrigieren.

Ein klein wenig konnte ich mich in der sich dann anschließenden offiziellen Kata-Trainingseinheit revanchieren. Mir fielen an meinem Trainingspartner, der in der ersten Reihe vor mir stand, ein paar Punkte auf, die ich anders gelernt hatte und wir tauschten uns nach dem Training hierüber aus.

Mir selber hat diese Kata-Einheit, in der Volker die Enpi schulte, auch sehr viel gebracht. Manchmal schien unser Trainer zwar etwas willkürlich Stellen aus der Kata zu wählen, um Bunkai-Kombinationen zu demonstrieren, die Anwendungen waren aber alle plausibel und vor allem zum Teil auch mal anders als das, was üblicherweise zur Enpi vermittelt wird. Volker beschrieb sie nicht in erster Linie als "Flug der Schwalbe", sondern als eine der härtesten Katas in unserer Stilrichtung. Dies liegt an den zahlreichen Techniken, bei denen man - meist ohne großartige Ausholbewegung - aus naher Distanz blockt und kontert. Die Technik beim ersten Kiai, so Volker, könne entweder ein Empi Jodan oder auch als Aufwärtshaken zum Kinn des imaginären Gegners gedacht sein. Bald nach dem ersten Kiai geht man bei der Kata zum ersten Mal (von der Ausgangsposition aus) nach links, zunächst mit Gedan Barei und Age Tsuki, dann zweimal im Kokotsu-Dachi, wobei man auf der Stelle wechselt. Volker erlärte, dass dies eine Besonderheit der Enpi sei. Und beim Üben dieses einen Schrittwechsels wurde mir klar, dass dieser Bewegungsablauf auch aktuell einer der Schwerpunkte unserer Kumite-Einheit dienstags ist!

Es waren also auch heute wieder zahlreiche neue Eindrücke und ich hätte einige der Techniken gerne noch etwas weiter geübt. Aber um 16.30 Uhr kam eine neue Trainingsgruppe und wir mussten aus der Trainingshalle in die Sauna ausweichen. Hier wurde weiter gefachsimpelt und ein nächstes Training für Montag vereinbart.

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