Da ich in den vergangenen Monaten das Kata-Training leider etwas vernachlässigt hatte,
wurde es jetzt dringend Zeit, diese Disziplin mal wieder etwas zu vertiefen. Also ging es
mit drei Karatefreundinnen (Nina, Silke, Madeleine) im Schlepptau zum Kata-Spezial
nach Karlsruhe Neureut. Da in der Gruppe ab 2. Dan schon die Abläufe sämtlicher Katas vorausgesetzt werden und man eigentlich nur noch an den technischen Details einer Kata oder an der
Anwendung feilt, hatte ich doch ein leicht mulmiges Gefühl.
Nach einer Anreise mit wenig Staus und viel Sucherei vor Ort fanden wir als Unterkunft
ein zauberhaftes und frisch renoviertes Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert! Unsere
Vermieterin, eine Goldschmiedin, berichtete uns nicht nur detailliert über die
Restaurierung des Gebäudes, sondern wies auch schon darauf hin, dass neben uns auch
noch ein weiterer Gast dort logierte: Oscar Lopez aus Peru, ein Polizist, der ein
Stipendium in Deutschland hatte.
Das Training am Donnerstag begann für mich direkt mit dem aus Japan angereisten
Highlight: Shihan Ogura. Ich konnte nicht ahnen, dass gleich die erste Kata-Einheit quasi
ein "Geschenk" für mich werden sollte: Kata Sochin - meine Prüfungskata zum 2. Dan
und meine letzte Turnier-Kür-Kata! Da konnte ich mich auf die Feinheiten konzentrieren.
Allerdings ließ uns der Shihan zunächst einmal einige Kihon-Bahnen laufen und schon bald wurde klar, worauf
er hinauswollte: Wir sollten im Sochin-Dachi im Wechsel Kizami- und Gyakutsuki
schlagen. Ich versuchte, meine Knie und Oberschenkel hierbei an ihrer Stelle zu lassen
und doch die Hüfte aus und ein zu drehen. Und genau darauf wollte der Shihan auch
hinaus! Hier mein Dank an Risto Kiiskilä - denn sein Power-Pack zielt genau darauf hin: in allen
Ständen einen Hüfteinsatz umsetzen zu können.
Als nächstes Sensei Julian Chees, der es sich nicht nehmen ließ, das Aufwärmtraining
selber zu leiten. Die Kata, die er uns zunächst näher brachte (Nijushiho) gehört leider nicht zu meinen Lieblingskatas. Zunächst ließ uns Julian einzelne Abschnitte der Kata laufen, jeweils erst langsam auf zählen, dann stärker und schließlich auch auf eigene Zeit, erst locker, dann stark. Die Anfangssequenz gab es dann als
Bunkai-Übung und die letzten Techniken der Kata übten wir sogar zu dritt. Mit der
Anfangssequenz sind mein Partner und ich leider nicht richtig klar gekommen: Die
Distanz passte bei uns irgendwie nie richtig!
Ziemlich überrascht war ich dann, als in der letzten Viertelstunde der Trainingseinheit noch die Jitte angesagt wurde! Trotz der Kürze der Zeit trainierten wir sie so intensiv, dass ich hinterher echt kaputt war!
Am zweiten Tag schulte Shihan Ochi die Gojushiho Dai! Das war eine sehr intensive Einheit, wie man sie von unserem Shihan kennt.
Da ich am Nachmittag mit den Karatefreunden aus Münster in die Sauna gehen wollte und diese bereits viel früher mit dem Training fertig waren, als ich, beschloss ich, am Nachmittag die Shodan-Einheit
mitzumachen. Wieder durfte ich bei Shihan Ochi trainieren und er übte ausgiebig
die Nijushiho mit uns. Hier, bei den Shodans, wurde auch der Ablauf noch einmal
explizit vermittelt. Es war ein sehr schönes, lehrreiches Training - allerdings habe ich
mich doch etwas geeärgert, als ich hörte, dass ich wegen der Sauna die Gangaku bei
Sensei Thomas Schulze versäumt hatte!
Zur Sauna fuhren wir ins Fächerbad, das Ex-Münsteraner Michi Maibaum für uns
ausgesucht hatte. Der Eingangsbereich und die heruntergekommenen Umkleiden
machten zunächst keinen einladenden Eindruck. Allerdings verfügte die Anlage über ein
50- oder vielleicht soger 100 m-Becken - und ich hatte keinen Badeanzug dabei!!! Naja,
dann eben nur Sauna. Und ich muss sagen: Es hat ausgereicht! Ich habe insgesamt vier
Aufgüsse mitgenommen, von denen drei die wohl heftigsten Aufgüsse meines Lebens
waren! Dass die Haut nicht in lodernden Fetzten vom Leibe brannte, war auch alles!
Wirklich - es war fast unerträglich und gleich nach dem Aufguss sind fast alle Saunafans
aus dem Raum geflohen! Der Brüller war jedoch der Moment, in dem tatsächlich
plötzlich in der Sauna ein Handy klingelte! Was haben wir gelacht! Aber es stellte sich
dann heraus, dass der Aufguss-Bereiter wohl ein Mobiltelefon in seiner Hosentasche
hatte... :-))
Nach der Sauna entschieden wir, an diesem Abend in unserem Feriendomizil etwas zu
kochen und statt des vorhandenen Rotweins doch lieber erst einmal ein Bier zu trinken.
Zum Glück hatte Edeka noch auf und wir deckten uns mit Bier, Chips und weiteren
Schmakazien ein, die man so für einen gemütlichen Abend zu dritt braucht. In der
Wohnung angekommen, trafen wir dann auf Oscar Lopez, den Polizisten, der zufällig
auch an diesem Abend nichts vorhatte. Nach dem Essen (es gab Brathühnchen vom
"Hühnchenparadies " um die Ecke) gab es dann doch noch reichlich Vino und als Oscar
dann nach Mitternacht seinen Laptop mit reichlich peruanischer Musik holte, um mit
jeder von uns einmal Merengue zu tanzen, konnte sich nur Nina erfolgreich verweigern.
Irgendwann plumpsten wir dann aber alle in die Falle - und ich war wirklich froh, am
nächsten Tag ausschlafen zu dürfen!
Tag 3. Oha, hätte ich doch mal den Vino weggelassen und mich schon vor Mitternacht
ins Bett gelegt! Die Quittung kam am nächsten Morgen. Wirklich schlecht ging es mir
zwar nicht, aber ich fühlte mich doch etwas wie in Watte gepackt, als Nina und Silke die
Wohnung früh verließen und die Zunge hatte diesen typisch pelzigen Belag, als ich
solidarisch "Tschüß" rufen wollte. Naja, aber ich durfte ja noch etwas herumgammeln,
bis ich mich kurz vor 11 Uhr auf mein Fahrrad schwang und zur Halle düste. Im
Vorraum erfuhr ich, dass jetzt gleich der strenge Toribio ein Auge auf uns haben und
uns die Kata Unsu vermitteln wollte. Ohje, ausgerechnet! Und mein Körper wollte sich
an diesem Tag so gar nicht bewegen! Zu Beginn liefen wir einige Passagen der Kata als
Kihon-Vorübung, dann die gesamte Kata einige Male auf zählen. Schließlich gab es Bunkai. Ich hatte einen männlichen Partner, der nicht viel sprach und bei dem ich auch nur selten an der Mimik ablesen konnte, ob
ihm das Training mit mir Spaß machte. Naja, mir hat es jedenfalls Spaß gemacht :-)
Zu unserer Belohnung gab es dann zum Ende der Einheit noch ausgiebiges Dehnen! Also, ich muss sagen - auf einer Skala von 1 bis 10 kann ich
diesem Training mit gutem Gewissen die Note 8 geben. und die zwei Punkte Abzug sind
nur mir alleine zuzuschreiben, weil ich an diesem Tag nicht in Bestform war. Alle
Trainingseinheiten waren toll und alle Instructoren super - aber dieses Training war für
mich mit Abstand das Beste!
Nachmittags durfte ich dann endlich mal bei Jean-Pierre Fischer trainieren. Dieser Typ ist
einfach super charismatisch! Ich hatte ihn beim Gasshuku in Konstanz einmal als
Trainingspartner - noch nie bisher hatte ich aber bei ihm trainiert. Deshalb war ich sehr
gespannt, was mich erwarten würde. Wir würden die Meikyo machen und die Kanku
Sho, erfuhr ich schon vorher während des Wartens. Auch Jean-Pierre ließ es sich nicht
nehmen, uns selber aufzuwärmen. Wow, ist der gelenkig! Er legte sehr viel Wert auf:
Hüfte, Hüfte, Hüfte! Und zwar in allen Ständen! Ach, und wieder kam mir Ristos Art, Karate
zu trainieren zu Gute!
Nach dem Training verabschiedete ich mich noch von Michi Maibaum, der schon an
diesem Abend abreisen wollte, weil er Angst hatte, am Folgetag im Stau zu stehen.
Anschließend fuhr ich zur Wohnung, wo die Mädels schon hungrig auf mich warteten.
Fix umgezogen und dann ab zur Halle. Mit gutem Gewissen konnte ich mich als
Fahrerin anbieten - Alkohol würde ich nach dem Weingelage des Vorabends sicher nicht
trinken! An der Festhalle angekommen gab es erstmal lecker Essen und, na gut, doch
ein Radler. Dann unterhielt ich mich mit vielen alten Bekannten und konnte der lieben
Ingrid schonmal die Namen der Trainer und Katas des Folgetages entlocken: Die Gruppe
2. Dan würde bei Shihan Ogura die Gojushiho Sho durchnehmen und die Shodan-
Truppe würde bei Jean-Pierre die Wankan und die Gankagu machen. Na, da fiel mir die
Entscheidung ja nicht schwer: Auch wegen der früheren Trainings- und daraus
resultierenden Abfahrtzeit würde ich bei den Shodans mitmachen - und natürlich wegen
Jean-Pierre und der Gangaku! Drei gute Gründe, wer kann dazu schon nein sagen? ;-))
Dann begann auch bald die Band zu spielen. Der Name "Peter and the Wolves" hatte
mich ehrlich gesagt ganz schön abgeschreckt! Aber dann machten sie echt ganz
ordentlich tanzbare Mukke! Etwas Sixties-lastig vielleicht, aber tanzbar auf jeden Fall. Bis
Mitternacht zappelte ich fast ohne Pause und dann erlöste ich meine Mädels, die auch
sicher schon eine Stunde eher heimgefahren wären!
Wie immer nach Partys konnte ich nicht ein- und nicht tief durchschlafen (im Kopf geht
die Party immer weiter....) und so wachte ich recht schlapp und müde auf. Ich konnte ja
leider an diesem letzten Trainingstag nicht wie gewohnt ausschlafen. Ich musste ja noch
packen und eineinhalb Stunden eher beim Training sein! Das jedoch lohnte sich! Wir
liefen zunächst fast eineinhalb Stunden die Wankan (die Jean-Pierre immer herrlich nasal
etwa "Wookoo" aussprach ;-) Die Wankan ist die kürzeste der Shotokan Katas und hat
auch nur ein Kiai. Umso erstaunter war ich, dass wir uns so lange mit ihr beschäftigten
und ich fürchtete schon, die Gangaku käme zu kurz. Das war dann aber nicht so, denn
wir übten auch die Kata mit dem Kranich auf dem Felsen so lange, bis uns die
Oberschenkel brannten! Ach, ist die schöööön! Aber natürlich hat auch sie es in sich mit
ihren vielen schwierigen Drehungen und Stellungen auf einem Bein!
Die Heimfahrt ging dann ganz flott und ohne jeden Stau. Bis cirka Höhe Gießen, als
plötzlich die Leistung nachließ und mein Auto keinen Hering mehr vom Teller ziehen
konnte! Wir hielten zweimal auf einem Parkplatz, einmal auch länger - und warteten, ob
sich das Autochen erholt. Nach dem zweiten Stopp ging es tatsächlich wieder besser
und statt mit 50 km / h fuhren wir immerhin mit 110 Sachen die Berge des Sauerlandes
hoch (runter dann wieder schneller ;-) Wie auch immer - wir kamen gut heim und es
schien sogar endlich mal die Sonne!

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