Mittwoch, 26. April 2017

Vom Sinn und Unsinn des Verbandswesens im Karate

Gelegentlich hört man kritische Stimmen zur Verbandsorganisation unserer Kampfkunst Karate. Welchen Sinn soll es haben, in einem Verband organisiert zu sein? „Braucht doch kein Mensch – jeder kann doch einfach „sein“ Karate trainieren! Da muss man doch kein Präsidium haben, keine spezielle Prüfungsordnung, die man vielleicht sogar kritisch sieht.“ Und überhaupt – „Vereins- und Verbandswesen hat doch auch was total Angestaubtes! Wofür fallen denn die Gebühren an und sind die nicht viel zu hoch? Jede Sonderleistung muss man dann eh wieder extra bezahlen.“ Und so weiter und so fort.

Ich habe mir in den letzten Jahren auch viele Gedanken zum Vereins- und Verbandswesen gemacht. Vor allem, nachdem ich mitbekommen habe, wie gute Freunde von mir, die sich ehrenamtlich, in ihrer Freizeit und vollkommen unentgeltlich für einen Verein eingesetzt haben, den Bau eines Vereinsheims ermöglicht haben, Training gaben und für guten Zusammenhalt sorgen, letztlich groben Undank ernteten, der schließlich zum Ende der Vereinsgemeinschaft führte. Für mich stand daher fest, dass mein persönlicher Karateweg nicht in erster Linie vereinsorganisiert sein sollte.

Gleichwohl stand für mich nie zur Debatte, ob ich Mitglied im DJKB bleibe. Ich bin nämlich sehr froh über die Zugehörigkeit zum DJKB und über die weltweite Organisation der JKA. Warum? Ist das nicht ein Widerspruch? Ich finde: nein!

Ich kann verstehen, dass manche meiner Karate-Wegbegleiter einzelne Aspekte des Verbandswesens kritisch  sehen – wie z. B. Einzelheiten des Prüfungswesens, Gebühren für Dan-Prüfungen oder –Urkunden. Gleichwohl ist in meinen Augen die Organisation in einer großen Gemeinschaft ein unschätzbarer Wert!

Denn: Was wäre die Alternative? Wer sich gegen die Zugehörigkeit in einer landes-, bundes- oder weltweiten Organisation entscheidet, hat die Freiheit, „sein eigenes Karate“ zu trainieren und zu entwickeln. Man kann für sich trainieren und vielleicht findet man noch einige Menschen, die sich anschließen. Es braucht ja keine Gürtelgraduierungen, keine Dan-Grade, keine Stufen der Meisterschaft. Vielleicht möchte man sich sogar mehr oder weniger von technischen Vorgaben lösen, Kata abwandeln oder neue kreieren. Mehr mit Kontakt ober ganz ohne üben. Der Fantasie sind da kein Grenzen gesetzt, alles ist möglich. Oder nicht? Ich finde, dass diese Losgelöstheit auch viele Einschränkungen mit sich bringt, wie z. B. die Möglichkeit, ohne große Kommunikationshemmnisse mit Menschen in anderen Dojos in Deutschland, Europa oder auf der ganzen Welt zu trainieren! Organisiert durch einen Dachverband herrscht bundes- oder sogar weltweit ein mehr oder weniger einheitlicher Standard. Ich kann nach Püsselbüren zum Training fahre oder nach Prag oder Paris, nach Telgte, Traunstein oder Tokio – ein Tsuki ist ein Tsuki (mal mehr, mal weniger hart ;-) ) und ein Keri ist ein Keri, jeder weiß, was Gohon Kumite ist, kennt die Trefferstufen Jodan und Chudan, die Kata werden weltweit (etwa) gleich ausgeführt. Kurzum: Man kann weltweit – vielleicht nach kleinen Abstimmungen – miteinander trainieren.

Zudem besteht verbandsorganisiert die Möglichkeit, Traineraus- und – fortbildungen zu organisieren. Hier ist z. B. der DJKB aktuell auf einem sehr guten Weg! Durch diese Fortbildungsmaßnahmen kann für kleines Geld ein hoher Standard des Karatetrainings organisiert werden. Wie ich grade beim Spring Camp in Tokio gesehen habe, ist das offenbar international noch nicht selbstverständlich.
Was das Prüfungswesen angeht, kann man zumindest im selben nationalen Dachverband in etwa ahnen, was ein Trainingspartner auf einem öffentlichen Lehrgang in etwa kann oder können müsste. Natürlich gibt es hier immer innerhalb einer Graduierung Unterschiede – aber die gibt es auch bei Qualitätsstandards in anderen Bereichen, beispielsweise dem Abitur. Welchen Wert so ein weltweit gültiges Graduierungssystem haben kann, ist mir neulich klar geworden, als ein neues Mädchen zum Probetraining zu uns kam: Sie trainiert seit ca. 5 Jahren in einer Münsteraner Kampfkunstakademie, die sich nicht auf eine bestimmte Kampfkunst oder Stilrichtung  festlegt. Ohne das Training dort schmälern zu wollen, so fehlt dort doch offenbar die für die JKA und den DJKB typische Struktur. Das Mädchen hatte nach fünf Jahren Training und in einem Alter von 11 Jahren längst einen „Schwarzen Gürtel“, der aber eben nur innerhalb dieser Kampfkunstakademie Gültigkeit hat. Die Eltern des Mädchens fanden das sehr schade und hatten sich unter anderem jetzt für eine Mitgliedschaft bei uns entschieden, weil die Graduierungen eines DJKB-Dojos durch lizensierte DJKB-Prüferinnen und Prüfer eben deutschland- und sogar weltweit Gültigkeit besitzen.

Ein weiterer Aspekt ist das Wettkampfwesen. Ich weiß, dass man das auch anders sehen kann, aber für mich persönlich ist die Teilnahme an Wettkämpfen ein unverzichtbarer Bestandteil der Persönlichkeitsentwicklung im Karate. Wettkämpfe bedeuten für mich eine Überprüfung, ob das, was man trainiert hat, auch unter Stress funktioniert. Wettkämpfe sind m. E. aber nur möglich, wenn es Regeln gibt, für Regeln braucht es wieder Standards – und da sind wir wieder in der organisierten Verbandswelt. 

Letztlich bleibt noch die Frage, ob ein Eintrag in die Dan-Rolle in Japan wirklich mehrere hundert Euro kosten muss. Das kann ich nicht beantworten. In meinen Augen kommen wir aber in unseren Verbänden, was Gebühren und Kosten angeht, durchaus noch günstig weg – wenn man dies mal mit anderen Kampfkünsten und –systemen vergleicht. Und last but not least besteht ja keinerlei Verpflichtung, eine höhere (und teurere) Danprüfung abzulegen. Wem das zu teuer ist, der kann es ja einfach z. B. beim Shodan belassen. Schwarz  ist Schwarz – den Unterschied sieht an der Gürtelfarbe dann eh niemand.


Dies sind so meine Gedanken zu dem Thema. Sicherlich habe ich nicht alle Aspekte bedacht und beleuchtet und ich lade herzlich gerne zur Diskussion ein.

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