Karate Do fördert soziale Kompetenzen (nicht nur) von Kindern
Dass Karate Do gut für die körperliche und geistige Entwicklung für Menschen allen Alters ist, wurde schon vom Begründer des modernen Karate, Gichin Funakoshi Sensei, beschrieben. Über die positiven Auswirkungen auf die Entwicklung von Resilienz hatte ich mir selbst bereits einmal Gedanken gemacht (https://andreahaeusler.blogspot.com/2023/12/machs-mir-schwer-dann-nehm-ichs.html).
Und nun stieß ich auf interessante Ausführungen im Essay Soziale Kompetenzen von Birgit Reißig, die mich darüber nachdenken ließen, welche Einflüsse Karate Do genau auf die Förderung sozialer Kompetenzen hat.
Bevor es aber um die positven Einflüsse des Karate Do geht, möchte ich kurz erklären, was soziale Kompetenzen sind und warum sie so bedeutsam sind. Dass dies gar nicht so einfach ist, lässt sich daran erkennen, dass schon der Begriff “Kompetenz” wissenschaftlich nicht eindeutig definiert ist. So können beispielsweise die Fähigkeiten und Fertigkeiten einer Person mit dem Begriff gemeint sein. Auch wenn jemand viel über ein Fachgebiet weiß, gilt er oder sie als “kompetent”. Kompetenz ist insgesamt eine gute Voraussetzung dafür, in bestimmten Situationen ein bestimmtes – bestenfalls: erwünschtes – Verhalten zeigen zu können. Wer über Kompetenz verfügt, verfügt nämlich oftmals über eine gute Selbstwirksamkeit, um bestimmte Ziele zu erreichen und bestenfalls auch zwischen verschiedenen Lösungsvarianten auszuwählen und einen einmal eingeschlagenen Lösungsweg auch zu evaluieren und variieren. Kompetenz kann demnach auch eine bestimmte Flexibilität ermöglichen. Hiermit können einerseits die Fähigkeiten gekoppelt sein, andere um Rat und Hilfe zu bitten - aber auch selbst tatkräftig an der Erreichung von Zielen zu arbeiten.
Auch für den Begriff der sozialen Kompetenz gibt es keine einheitliche Definition. Das Wort “sozial” deutet darauf hin, dass sich soziale Kompetenz auf das Zusammenspiel mit anderen Personen bezieht, auf die angemessen ausgefüllten Rollen einer Person in einer Familie, in einem Team, einer Schulklasse – in der Gesellschaft. Wer als sozial kompetent gilt, verfügt im Allgemeinen über Fähigkeiten, erfolgreich zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten und Einfluss auf andere Personen zu nehmen. Beste Voraussetzungen also, um ein erfülltes und zufrieden stellendes Leben zu führen! Nun stellt sich die Frage, über welche Eigenschaften ein Mensch verfügen muss, um sich sozial kompetent zu verhalten. Die Fachliteratur nennt hier drei wesentliche Eigenschaften:
- Durchsetzungsfähigkeit
- Anpassungsfähigkeit
- Kompromiss oder Wechsel zwischen Anpassung und Durchsetzung
Stark werden, laut sein, sich körperlich durchsetzen beim Ringen und Raufen, Hindernisse überwinden, Schwierigkeiten überwinden, im Kumite dominieren, eine Kata selbstsicher vorführen, um sich bei Wettkämpfen durchzusetzen, allgemein: sich entwickeln wollen, an sich arbeiten wollen - das sind Übungsfelder der Durchsetzungsfähigkeit, die bereits Kinder im Karate lernen! Und schlussendlich gehört auch das Durchsetzen gegenüber dem inneren Schweinehund dazu, so dass man auch zum Training erscheint, wenn man eigentlich keine Lust hatte! Wenn man Eltern fragt, melden viele ihre Kinder beim Karate an, damit sie genau diese Formen der Durchsetzungsfähigkeit kennenlernen und sich aneignen.
Aber es gibt auch genau entgegengesetzte Interessen: Eltern von Kindern, die ständig über die Stränge schlagen, denen es schwer fällt, sich zurückzunehmen, sich zu konzentrieren, Regeln einzuhalten. Diese Eltern wünschen sich, dass wir den Kindern im Karate Respekt und Disziplin beibringen, sie lehren, sich an Regeln zu halten, kurz: sich in sozialen Gruppen anzupassen. Anpassungsfähigkeit ist neben der Durchsetzungsfähigkeit ein weiteres großes soziales Lernfeld im Karate: Kinder lernen, nicht ungestüm durch die Dojo-Tür zu stürmen, sondern an der Schwelle kurz innezuhalten und sich zu verneigen. Auch die Verneigung vor einer Partnerin oder einem Partner vor Beginn einer gemeinsamen Übung gehört dazu. Die Kinder erfahren, dass sie auch vor Trainingsbeginn nicht wild im Dojo umherlaufen sollen, sondern sich stattdessen möglichst ruhig auf ihre Plätze begeben und der ruhigen Atmosphäre im Dojo anpassen sollen. Ein weiterer Anpassungsprozess besteht in dem Zeigen von Respekt bzw. in der Rücksichtnahme auf die Interessen anderer. Hier können die Interessen er ganzen Trainingsgruppe und auch der Trainerin / des Trainers gemeint sein: Indem ein Kind pünktlich erscheint und nicht durch Zuspätkommen den Unterricht stört, oder indem es keine unnötigen Trink- oder Toilettenpausen einfordert - allgemein: indem es sich zurücknimmt im Sinne der Gruppe. Aber auch in Bezug auf eine Trainingspartnerin / einen Trainingspartner - speziell gegenüber einer kleineren, schwächeren Personen oder Personen, die auf dem Karte Weg noch nicht so weit fortgeschritten sind, ist Rücksicht gefordert. Nur so kann gemeinsam eine Übung durchgeführt werden. Statt zu zeigen, wie stark man schon ist und damit eine andere Person zu überfordern, nimmt man sich zurück und fördert damit den Lernprozess auf beiden Seiten.
Phasen, in denen im geschützten Raum des Dojos Durchsetzungskraft gefordert ist, wechseln sich permanent ab mit Phasen der Anpassung. Durch diese ständigen Wechsel erlangen Kinder ein Gespür dafür, was im Dojo, im Karate-Unterricht grade angemessen ist. Dieses im Karate-Unterricht erworbene Bewusstsein für unterschiedliche Anforderungen an die physische und psychische Präsenz sowie an das eigene Tun oder Unterlassen bildet die Grundlage für einen hohen Grad an sozialer Kompetenz, die sich nach und nach auch auf das Leben außerhalb des Dojos übertragen lässt.
Es ist nie zu spät, um mit Karate Do zu beginnen, um dadurch soziale Kompetenz zu erlangen oder zu steigern. Je früher jedoch besonders Kinder in Kontakt mit dem Regelwerk des Karate Do und mit der besonderen Atmosphäre eines Karate-Dojos kommen, desto tiefer und intensiver können die Regeln, Rollen, Rituale und Routinen für die Ausbildung eines Selbstbewusstseins sorgen, das es ermöglicht, sich verschiedenen Lebenslagen sozial kompetent zu verhalten.
Siehe z.B. Karatedō Kyōhan – Lehrmuster des Weges der leeren Hand, Kristkeitz Verlag
Siehe Veröffentlichung meines Artikels im Auszug Newsletter des DJKB über diesen Link: https://karateschule-muenster.de/wp-content/uploads/2024/04/Artikel_Resilienz-JKA_Magazin.pdf
Siehe Birgit Reißig „Soziale Kompetenzen sichtbar machen und für den Ausbildungs- und Berufsweg nutzen“ https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs/225_7015_WT_2_2007_reissig.pdf


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