Sonntag, 17. Mai 2015

Kata Special Course 2015 in Groß Umstadt

Unser Karateverband hat jährlich zwei ganz große Trainings-Events anzubieten – neben dem Gasshuku, welches regelmäßig Anfang August stattfindet, gibt es mit dem Kata Special Course noch eine Veranstaltung, die sich an dem verlängerten Wochenende um Christi Himmelfahrt herum ausschließlich mit der Trainingsform Kata beschäftigt. Wie auch beim Gasshuku wechseln die Austragungsorte jährlich und stets werden recht malerische Orte oder Orte, die auch für mitreisende Familien einen besonderen Freizeitwert besitzen, ausgesucht. In diesem Jahr war – bereits zum 10. Mal – Groß Umstadt im Odenwald Ort des Geschehens. Natürlich hatten auch Torsten und ich uns im Vorfeld Lehrgangskarten gesichert und eine Unterkunft reserviert. Aus organisatorischen Gründen reisten wir diesmal getrennt an, was sich im Nachhinein als sehr günstig erwies.


Unsere Unterkunft, das Gästehaus Regina, ist – naja, ich würde mal sagen: bedingt zu empfehlen und vor allem für Trainierende mit schmalem Geldbeutel günstig, die auch einen kurzen Weg zu den Trainingshallen wünschen. Ansonsten muss man schon ein Fan skurriler Baukunst und gefliester Schlichtheit sein, die vergeblich versucht, ihren Ausgleich durch recht schrille Wanddekorationen zu suchen. Ganz erstaunlicher Weise gewöhnte ich mich aber doch nach einer Weile an die Unterkunft, die mir zum Abschied beim Bezahlen mit einer recht günstigen Rechnung wie zur Versöhnung die Hand reichte.


Zauberhafte Wanddeko im Gästehaus Regina
Groß Umstadt ist ein nettes Örtchen mit einer umfangreichen Gastronomie – an jeder Ecke gibt es ein Restaurant, ein Eiscafé oder ein Bistro. Langeweile kommt so zwischen den Trainingseinheiten nicht auf und man trifft ja auch alle Nase lang Menschen in Karate-Gis, mit denen man in alten Zeiten schwelgt, oder die man neu kennen lernt.

Nachdem Torsten und ich den ersten Abend bei gutem Essen und einem Glas Wein hatten ausklingen lassen, ging am nächsten Morgen um sehr angenehme 10 Uhr das erste Training für uns los. Nach dem Motto „das Beste kommt zuerst“ hatten wir direkt 90 Minuten Training bei unserem „Chef“, Shihan Ochi. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, aber die Trainings bei Ochi Sensei begeistern mich immer mehr! Ich hatte in den vergangenen Wochen mehrfach die Gelegenheit, in seinem Dojo in Bottrop trainieren zu dürfen und konnte auch zwei Einheiten unter seinen Anweisungen beim Instructor-Lehrgang in Bochum genießen. Auch der Lehrgang mit unserem Chief Instructor in Münster war für mich ein spitzenmäßiges Erlebnis und das vor einigen Wochen in Dresden stattfindende Karate-Seminar Takudai (Ochi Sensei mit  Naka Sensei und anderen Großmeistern, die zum Teil schon zu Lebzeiten wahre Karate-Legenden sind!) gehört für mich in die erste Liga der Karate-Events überhaupt. Es sind Trainings mit einem hohen Anspruch an die Konzentration und Koordination – sei es durch eine Abwandlung im klassischen Kumite oder durch neue und längere Kihon-Variationen – manchmal sind es nur Nuancen, die die gewohnten Bewegungsmuster aufbrechen und zu etwas Neuem werden lassen. Es ist immer empfehlenswert, in diesen Trainings besonders gut zuzuhören, sonst kann es schon einmal eine liebevolle Kopfnuss setzen oder es wird einem symbolisch der Schwarze Gürtel abgenommen. Ochi Sensei startete mit einer der höchsten Katas unserer Stilrichtung, der Gojuishiho Scho. Neunzig Minuten lang scheuchte uns der Karate-Großmeister durch die Halle und sorgte für einen fulminanten Start des Karate-Großereignisses!

Auch am Nachmittag wurde die Gruppe ab 2. Dan hinsichtlich der Trainingszeiten verwöhnt: Unsere zweite Einheit begann um 14.30 Uhr und war um 16.00 Uhr beendet, so dass noch genügend Freizeit für Gespräche, Ausflüge oder Entspannung blieb. Am ersten Tag ging es gleich hochkarätig weiter mit Training bei Sensei Toribio Osterkamp und einer meiner Lieblingskatas: Sochin! Sensei Toribio überraschte uns mit abgewandelten Kata-Sequenzen, aus denen heraus er mit uns  eine anspruchsvolle Bunkai-Übung erarbeitete. Ich kann mir vorstellen, dass diese Übung auch mit bis zu fünf Trainierenden funktioniert. Vermutlich wollte Toribio uns das Training aber erleichtern und hat uns die Sequenz daher zu zweit ausführen lassen, wobei jeweils einer den Part des Uke inne hatte, der andere von verschiedenen Seiten aus angreifen musste. Hier wurde mein Kampfgeist geweckt und am Ende hatte ich in meiner Vorstellung all meine Gegner zur Strecke gebracht – auch wenn ich manchmal in der Hitze des Gefechts rechts und links verwechselte oder eine ganz neue Technikvariante einbaute. Natürlich führten wir auch die Kata mehrfach aus und gingen dann glücklich-erschöpft in den Nachmittag.

Der zweite Trainingstag begann dann nicht so schön, da Torsten krankheitsbedingt abreisen musste. Ein Kata Special ohne meinen „Kata-Mann“ konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen – nichts desto Trotz machte ich mich tapfer auf zur ersten Einheit: Nijushiho mit unserem National Coach Sensei Thomas Schulze. Sein Fokus lag – wie auch schon beim Samurai Spirit Seminar in Siegen – auf Techniken mit viel Spannung und tiefer Basis – dies muss nicht zwingend bedeuten, tiefer zu stehen, aber wir sollten eine stabile Mitte haben und viel Kraft aus dem Hara generieren. All dies wurde gepaart mit einer Lockerheit im Oberkörper und heraus kam eine kraftvolle, dynamische und explosive Nijushiho! Ein super Training, ein motivierender Trainer und eine auf diese Art auch für mich schöne Kata. Ein bisschen wehmütig dachte ich zwischendurch daran, wie sehr mit Sicherheit auch Torsten diese Einheit gefallen hätte, da die Nijushiho zu seinen Kata-Favoriten gehört!

Sensei Julian Chees ist immer ein Garant für exquisites Kata-Training! So freute ich mich schon sehr auf seine Einheit am Nachmittag. Es stand die anspruchsvolle Gojushiho Dai auf dem Programm, die, wenn man sie nicht (wie schon einmal bei einem Chees-Lehrgang in Münster geschehen)  „ura“ ausführt, für eine extreme Kräftigung des linken Oberschenkels sorgt. Wir begannen mit der wohl schwierigsten Stellung der Kata: der Wendung im Neko Ashi Dashi. Julian Sensei riet uns, die Wendung aufzuteilen und zunächst den hinteren Fuß zu drehen, um für Stabilität zu sorgen. Es gab zahlreiche weitere Tipps und Basisübungen – aber was wäre ein Kata-Training bei Julian, wenn es nicht auch kniffelige Bunkai-Sequenzen hätte? So übten wir zu dritt und beherzt eine Anlehnung an die Starttechnik der Kata – Backpfeifen inklusive :-) 

Leider wurde das Training gut fünf Minuten vorzeitig abgebrochen, als wir grade mit einer zweiten Bunkai-Übung begonnen hatten, die wir so leider nicht vertiefen konnten: Unser DJKB-Präsident nutzte das Ende der Einheit dazu, dem Ausrichter des Groß-Umstädter-Lehrgangs für seinen Einsatz zu danken und überreichte ihm eine Urkunde. Eine mit Sicherheit verdiente Ehrung, aber meiner Meinung nach hätte diese besser im Rahmen einer Lehrgangsfeier vorgenommen werden können – so wären nicht nur die Trainierenden der Gruppe ab 2. Dan Zeuge der Laudatio geworden und wir hätten noch ein bisschen mehr vom Training bei Julian gehabt.


Den Nachmittag verbrachte ich dann alleine mit einem Mix aus Kultur und Wellness – sprich: Ich holte das nach, was Torsten und ich eigentlich am Vortag gemeinsam hätten unternehmen wollen. Also machte ich mich alleine auf die Suche nach der Ausgrabungsstätte der römischen Villa Haselburg und bestaunte bei herrlichstem Sonnenschein die Relikte aus alten Zeiten. Auf dem Weg dorthin war ich ich bereits eher zufällig auf die Veste Otzberg gestoßen, eine mittelalterliche Burgruine, und konnte auch hier ehrfurchtsvoll durch die alten Gemäuer spazieren. Schließlich hatte ich mir dann eine Erholung in der Odenwaldtherme verdient – eine kleine, aber feine Saunalandschaft im beschaulichen Ort Bad König, in der mich vor allem die vierteilige Aufgussprozedur namens „extra heiß“ kreislaufmäßig vollends forderte.




Burgruine Veste Otzberg 

Römische Villa Hasenburg (Ausgrabungsstätte) 
Gut erholt sprang ich am nächsten Morgen dann bereits um 7 Uhr aus den Federn, um die Einheit bei Shihan Omura um 08.30 Uhr mitzunehmen. Über den charismatischen Nationaltrainer Thailands hatte ich über meine Senseis Michael Jarchau und Andreas Klein schon viel Beeindruckndes gehört und so war ich sehr gespannt auf sein Training der Kata Gankaku! Ich hatte mich zu diesem Zweck der Gruppe bis 1. Kyu angeschlossen.


Nach dem Aufwärmen durch einen jungen Braungurt begann der Shihan direkt mit sehr anspruchsvollen Kihon-Kombinationen, bei denen es ihm vor allem auf den korrekten Hüfteinsatz ankam. Offensichtlich sah er bei uns hier noch einen erhöhten Trainingsbedarf – und er ging vielleicht auch davon aus, dass der Ablauf der Schwarzgurtkata, die das Bild eines Kranichs auf dem Felsen symbolisiert, schon bekannt ist. Jedenfalls verblieb für das eigentliche Kata-Training leider nur eine knappe halbe Stunde.


Omura Sensei auf den Plakat des diesjährigen Kata Special 
Zu Demonstrationszwecken suchte Omura Sensei einen fortgeschrittenen Karateka, der die Kata bereits beherrscht. Seine vortreffliche Wahl fiel auf Jakob Schmidt, der mit einer bewundernswerten Leichtigkeit und Akkuratesse Technik für Technik ausführte und sich dafür einen dicken Applaus verdiente! Das war Karate auf allerhöchstem Niveau und hinterließ einen optimalen Eindruck davon, wie die Kata aussehen kann! Wir anderen versuchten uns dann anschließend an der Ausführung der Kata, die über einige anspruchsvolle Drehungen und Wackelgefahr bergende Einbein-Stände verfügt. Insgesamt hätte sich wohl der Großteil der Gruppe noch eine weitere Vertiefung der Kata gewünscht – manchmal sind 90 Minuten einfach zu kurz – vor allem, wenn man das seltene Vergnügen hat, bei einem der im Ausland lebenden, japanischen Großmeister zu trainieren. Mir persönlich hat es sehr gut gefallen, dass der Shihan den Unterricht auf Englisch und ohne Übersetzung abhielt. So werden unnötige Trainingspausen verhindert und viele Aspekte lassen sich – mal abgesehen davon, dass Englisch den meisten Trainierenden geläufig ist – ja auch durch Zusehen und Nachahmung erkennen und ableiten.

Da ich bereits am späten Samstagnachmittag abreisen musste, hatte ich mir als letzte Einheit und weiteren Höhepunkt eine weitere Einheit in der Gruppe bis 1. Kyu ausgesucht: Chinte bei dem von mir sehr geschätzten Sensei Jean-Pierre Fischer. Der aus Frankreich stammende und heute in Luxemburg lebende Kata-Spezialist ist seit langem einer der Lieblingstrainer von Torsten und mir. Für ihn nahmen wir sogar vor etwa vier Jahren die Strapazen einer langen Autofahrt nach Crosne bei Paris auf uns und wurden dort mit einem erstklassigen Lehrgang bei ihm und seinem langjährigen Trainingspartner Jean-Michel Blanchard belohnt! Jetzt also mein aktueller Kata-Favorit Chinte bei Jean-Pierre – ich war sehr gespannt! Nach dem von Jean-Pierre persönlich ausgeführten Aufwärmtraining begannen wir mit Kihon-Übungen, bei denen der Sensei uns aufforderte, möglichst stabil und tief zu stehen. Vor allem bei Schritt- oder Stand-Wechseln sollten wir den Schwerpunkt auf einer Höhe lassen. Dies brachte natürlich ruckzuck unsere Oberschenkel zum Brennen und sorgte für eine gute Trainingsvorbereitung. Anschließend gab es – viele kannten es schon von dem Wahl-Luxemburger – verschiedene Sequenzen der Kata „auf der Stelle“, also lediglich die Armtechniken und Kicks der Kata aus dem Shizen Tai heraus. Schließlich fügten wir Stände und Techniken zusammen und führten die Kata Stück für Stück aus. Der Sensei ließ es sich nicht nehmen, uns umfassend zu korrigieren und da er meine Vorliebe für die Kata kannte, durfte auch ich vor der Trainingsgruppe eine Sequenz vorführen. Leider stießen die Feinheiten, die ich mir in den letzten Wochen und Monaten für die Chinte angeeignet hatte, bei Jean-Pierre nicht vollumfänglich auf Gegenliebe und so gab es zahlreiche Änderungswünsche, die mich zum Teil irritierten. Ich werde in den nächsten Wochen daran arbeiten, mir hier eine korrekte und zu mir passende Ausführungsversion zu überlegen.


Nachdenklich und etwas weniger euphorisch als zwischen den übrigen Einheiten trat ich den Heimweg an. Die vergangenen Tage waren ein Mix aus Technik und Kampfgeist, Ausführung und Partnertraining, Bekanntem und Neuem, Sicherheit und Zweifel – sechs eindrucksvolle Trainings, nicht immer nur in der eigenen Wohlfühlzone. Ich denke, so muss Karate sein, denn wie sagte mein Sensei Risto einst so schön? „Karate fängt dann an, wenn die Selbstzweifel schneller wachsen, als das Können.“ Oss.







Sonntag, 3. Mai 2015

Samurai Spirit In Siegen 2015

Im Mai 2015 lud der Bushido Siegen e. V. zum dritten mal dazu ein, im Rahmen eines zweitägigen Karate-Lehrgangs den Geist der Samurai kennenzulernen: Unter dem Titel Samurai Spirit boten unser Nationalcoach Sensei Thomas Schulze (5. Dan) und sein Karatemeister, der aus Johannesburg in Südafrika stammende Shihan Malcolm Dorfman (8. Dan), einen erstklassigen Lehrgang. Eine Besonderheit für meinen Karatepartner Torsten Uhlemann und mich: Etwa vier Wochen vor dem Lehrgang meldete sich ein neues Mitglied bei unserer Karateschule an - der aus Südafrika und aus dem Dojo Malcolm Senseis stammende George! Auch unter diesem Aspekt war die Teilnahme am Lehrgang für uns und George natürlich "Pflicht"!

Südafrika, Johannesburg - ein raues Pflaster mit einer extrem hohen Kriminalitätsrate! So ist es kein Wunder, dass Malcolm Sensei seine Zeit nicht auf "schönes" Karate verschwendet, sondern sich darauf konzentriert, wie die Techniken "auf der Straße" funktionieren. Im Dojo mag man für seine nächste Gürtelprüfung trainieren - als Wettkämpfer für Medaillen oder Pokale ... aber all das nützt nichts, wenn man um sein Leben kämpfen muss. Zum Glück leben wir in unserer beschaulichen Westfalenmetropole ja grundsätzlich sehr friedlich und Münster ist sicher kein Vergleich zu Johannesburg. Aber dennoch sollten wir die Grundidee des Karate, "Ikken Hissatsu", nicht aus den Augen verlieren und immer so trainieren, als käme es jetzt auf genau diese eine Technik an, die wir grade ausführen!

Karate zum Überleben - aber auch: Karate ein Leben lang! Malcolm Sensei achtete penibel auf Bewegungsmuster, die es uns ermöglichen sollen, möglichst lange und ohne übermäßige Verschleißerscheinungen zu trainieren. Dies war ihm offenbar so wichtig, dass er zu Beginn des Lehrgangs ein etwa einstündiges Mondo mit uns abhielt, bei dem er uns auf die korrekte Ausführung verschiedener Techniken und die Stellung bzw. Haltung unserer Beine und Arme hinwies.

Das meiste ist jedem, der viele Jahre trainiert, wohl schon bekannt, aber eine Auffrischung in dieser Runde war sehr interessant, zumal man dann anschließend im Training wieder einen neuen Fokus auf die korrekten Bewegungen legte: Das Knie des vorderen Beins sollte über dem großen Zeh stehen, der hintere Fuß sollte maximal 20 Grad ausgedreht sein. Bei der Hanmi-Stellung kann das hintere Knie gebeugt werden, sollte aber dennoch in die Bewegungsrichtung zeigen. Auch auf die korrekte Gewichtsverteilung bei unseren Basis-Ständen Zenkutsu Dachi und Kokotsu Dachi wies der Shihan hin. Wichtig war ihm, dass wir den Körper beim Start einer Technik oder eines Angriffs im Rahmen einer Selbstverteidigungssituation zunächst ein wenig absenken: "drop and execute", so lautete seine Botschaft.

Sein Hauptaugenmerk lag aber mit Sicherheit auf dem korrekten - und für meine Begriffe: extremen  Hüfteinsatz. Die Hüfte sollte jeweils "bis zum Anschlag" ein- bzw. ausgedreht werden, so dass man z. B. bei der Hanmi-Stellung den Oberkörper im Winkel von 90 Grad zur Bewegungsrichtung ausgerichtet hat. Auch wenn ich diese Anweisung im vergangenen Jahr bereits vernommen hatte, so ist sie mir immer noch ungewohnt und scheint mir sehr extrem. Aber ich muss zugeben, dass Malcolms Techniken sehr präzise und stark wirken und mit Sicherheit durch seinen ausgeprägten Hüfteinsatz unterstützt werden.

Auch bei unserem Nationalcoach Sensei Thomas Schulze stand das konsequente und direkte Partnertraining ohne Schnörkel und Kompromisse im Vordergrund. Wir starteten mit auf den ersten Blick recht vertraut wirkenden Bewegungsmustern: vor mit Tsuki Chudan, dann Druck auf das vordere Bein und 45 Grad zurück rausgleiten und mit demselben Arm (dem, der grade den Tsuki gemacht hatte) Gedan Barei gefolgt von Gyaku Tsuki. Variante: Tsuki Chudan, vorderes Bein schräg nach hinten ziehen und mit dem anderen Arm Gedan Barei, Gyaku Tsuki. Dies wurde hinterher zu einer Partnerübung ausgebaut. Mir fiel hierbei die zweite Variante - die, bei der das vordere Bein schräg nach hinten gezogen wurde - erheblich schwerer! Zahlreiche Partnerwechsel hielten den Geist wach und erforderten eine erhöhte Aufmerksamkeit und Flexibilität. 

Thomas Sensei baute die Übungen dann mehr und mehr Richtung Freikampf aus, so dass wir in der allerletzten Einheit am Samstagnachmittag trotz unserer zum Teil schon recht großen Erschöpfung nochmal alle Sinne und Kraftreserven mobilisieren mussten, damit wir gegen unsere Partner bestehen konnten. Das sah nämlich dann z. B. so aus: Angriff Kizami Tsuki, Block Soto Uke Jodan mit Gewichtsverlagerung und direkt mit demselben Arm rausschießen Kizami Tsuki und Gyaku Tsuki - der andere hatte den Kizami zu blocken und konterte Gyaku Tuki Jodan. Ich stand hier der gesamten Siegener Karate-Elite gegenüber, die zum Teil auf Nationalkaderniveau trainieren. Da ging es gut zur Sache und ich durfte mir keine Unkonzentriertheiten erlauben!

Bei Malcolm Sensei erfolgte für mich persönlich der Trainings-Spannungsbogen nicht linear nach oben, sondern in Wellenbewegungen quasi in die Spitze und manchmal auch wieder etwas herunter in Phasen, bei denen ich kurz die Ressourcen schonen konnte. Wir starteten nämlich mit einer "Straßenkampf"-Übung, bei der nicht mit Karatetechniken angegriffen wurde, sondern mit zwei klassischen Schwingern von außen. Hier sollten wir als Uke den Oberkörper weit zur Seite drehen, wie es ja der Trainingslehre des Shihan entspricht. Dabei sollten wir den Angriff jeweils mit unseren Handflächen zur Seite wischen. Bei der Ansage, dass jetzt eine realistische Übung folgen würde, war ich froh, grade jetzt einem Karateka mit sicher 1,90 m Körpergröße und einer furchteinflößenden Statur gegenüber zu stehen. Denn: Wie würde in der Realität im schlimmsten Fall mein Angreifer aussehen? Genau SO! Versuche eines Gehilfen des Senseis, mich einem anderen Trainierenden meiner Größe oder vielleicht einer weiblichen Karateka zuzuweisen, schlug ich daher ziemlich mutig in den Wind. Mein Ungehorsam sollte dann ordentlich bestraft werden, denn ich bezog zwar nicht über Gebühr Schläge - meine Haken wurden allerdings mit Übermaß abgeblockt, und zwar erfolgte die Abwehr nicht wischend und mit den Handflächen, sondern wurden mit den Handkanten abgestoppt. Im Realitätsfall weiß ich jetzt, was ich machen muss, damit es dem anderen den Spaß verdirbt, mich anzugreifen - aber die Übung sollte schon anders aussehen und so trug ich durch die festen Handkantenschläge gegen meine Oberarme im Laufe des Tages zunächst vor allem an der rechten Seite große Schmerzen davon und wurde in den nächsten Tagen mit einem den kompletten Unterarm bedeckenden, in schillernden Farben leuchtenden Hämatom "belohnt".

Dass bei diesem Lehrgang das Thema Kata nicht im Vordergrund stehen würde, hatte ich mir fast gedacht. Dennoch nahm sich Malcolm Sensei mit der Gojushiho Sho eine unserer höchsten Katas vor. Demonstrieren durfte sie kein Geringerer als unser Bundesjugendwart Tobias Prüfert, der mit dieser Kata bereits zahlreiche Wettkämpfe - darunter auch die Deutsche Meisterschaft - gewonnen hatte. Dass auch die besten Karateka gelegentlich korrigiert werden, tröstet vielleicht den ein oder anderen Anfänger - die Korrekturen der Kata von Tobias bezogen sich allerdings lediglich auf die realitätisbezogene Ausführung: Weglassen überflüssiger Schnörkel, die auf einem Wettkampf überzeugen mögen, in der Realität aber wertvolle Sekunden kosten, schnellere Drehungen, um einen Angriff abzublocken etc. pp. Es war sehr beeindruckend, was Tobias mit Malcolm Senseis Hilfe im Laufe der Einheit aus der Kata herausschälen konnte! Wir anderen waren natürlich aufgefordert, ihm nachzutun, was uns vermutlich nur ansatzweise gelang. 

Später folgten dann Übungen im Stile Shiahn Yaharas mit den für ihn typischen Rotations-Kombinationen: Angriff Tsuki Chudan, Block Soto Uke, Drehung (mit Drehung des kompletten vorderen Fußes!) und Uraken und nochmal Drehung zurück mit Uraken Chudan. Die zweite Drehung konnte dann wahlweise auch gesprungen werden, wobei man echt gut aufpassen musste, dass man dem anderen nicht die Faust vor den Kopf schleudert! Es war auf jeden Fall sehr gut nachvollziehbar, dass diese Rotationskraft immensen Schaden anrichten kann! 

Später entwickelten wir dann noch eine Okuri-Kumite-Übung zu fünft - Uke stand in der Mitte und die vier Angreifer außen, jeweils auf 12, 3, 6 und 9 Uhr. Angriff jeweils Tsuki Chudan - erste Uke-Reaktion: Gedan Uke mit gleichzeitigem Chudan Konter; zweiter Angreifer war der im Uhrzeigersinn Nächste: Für Abwehr und Konter musste sich Uke 270 Grad hinten herum drehen und den Angriff mit Yoko Geri Kekomi abstoppen. Das tretende Bein wurde zurück gezogen, Knie oben lassen, denn der nächste Angreifer steht in 180 Grad vom vorigen (auf "neun Uhr" vom ersten Angreifer aus gesehen). Dessen Tsuki sollte mit Mae Tobi Geri gestoppt werden, dann Drehung links rum auf "6 Uhr" und Block des letzten Angriffs mit Soto Uke und weit ausgedrehter Hüfte - Vorspannung - mit abschließendem, nach vorne schnellenden Gyaku Tsuki.

Nach vielen Monaten und Jahren verletzungsbedingter Schonung im Training war ich unendlich dankbar, alle Einheiten des Samurai Spirit Seminars mitnehmen zu können. Allerdings gebe ich zu, dass Torsten und ich kurz vor Ende der letzten Einheit einen schwachen Impuls verspürten, vorzeitig die Heimfahrt anzutreten - eineinhalb Tage Vollgas mit anwendungsorientiertem Karate, vielen Kumite-Sequenzen und zudem ja auch noch einer recht weiten Anreise pro Trainingstag hatten doch ihre Spuren (nicht nur in Form blauer Flecke) hinterlassen. Da aber unser Schüler George noch gut gelaunt und scheinbar top fit zwischen seinen verehrten Senseis hin und her schlenderte und keinerlei Anzeichen von Müdigkeit erkennen ließ, hielten es auch Torsten und ich für unsere Pflicht, bei der letzten Einheit unseren "Mann" zu stehen. Denn - gehört nicht auch dieses Kämpfen um die letzten Kraftreserven, dieser absolute Wille, etwas zu Ende zu bringen zum "Geist eines Samurai"? Ich denke schon und so hielten wir durch und kämpften und überlebten und zumindest ich für meinen Teil kann sagen, dass ich ziemlich stolz am späten Abend meine Pizza genießen konnte, bevor ich total verausgabt in die Daunen sank! 




Wing Chun

Die erste Form "Die kleine Idee" https://www.youtube.com/watch?v=7EsJf5_JFC8

https://www.youtube.com/watch?v=vnKm1vDAJo4

Techniken zum Lösen einer doppelten Handgelenksumklammerung: einen Schritt auf den Gegner zu machen, dabei den einen Ellenbogen anheben, den anderen senken.

Man kann hier noch die Hände weiter führen und überkreuzen, so dass man seitlich von einem Arm steht

Alternativ: die Arme drehen und runterreißen, danacch mit den Fingerspitzen und mit ausgestreckten Händen (Handflächen nach oben) zum Hals gehen - Schritt vorwärts

Dreht Dir jemand den Arm auf den Rücken, dreh Dich einfach mit und schwing den Ellenbogen in das Gesicht, dann den anderen Ellenbogen auf den Rücken

Angriff Hände von unten (Arme sind hochgehoben, z. B. als Block vor dem Körper): Arme runterreißen und die gegnerischen Handgelenke fassen

Angriff Hände von oben - nach vorne steppen, den vorderen Ellenbogen dabei zum Körper des anderen und mit dem anderen die Hand des Angreifers greifen. Dann Arme des anderen verdrehen.

Würgen von hinten mit dem Ellenbogen: erstmal in die Lücke drehen (Kehlkopf), dann ganz eng Richtung Schulter Bauch am Ellenbogen des Gegners lassen und den Arm umdrehen.

Schwitzkasten: Kneifen und wenn das nicht reicht, dann mit der freien Hand zur Nase greifen und nach hinten reißen.

Griff an den Kragen: Ellenbogen quer zu den Armen des anderen, mit einer ruckartigen Drehbewegung und einem Schritt nach hinten den anderen aus dem Gleichgewicht bringen und den Griff lösen.

https://www.youtube.com/watch?v=a981wN6akQI

Mittwoch, 11. März 2015

Selbstbehauptung am Weltfrauentag

Anlässlich des Weltfrauentags 2015 gab es einen Kurs zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Mädchen und Frauen in der Karateschule Fuji San Münster. 

Nachdem - wie auch schon in 2014 - für diesen Tag besonders schönes Wetter vorausgesagt worden war, rechnete ich nicht mit einer hohen Teilnehmerinnenzahl. Aber weit gefehlt! 16 Frauen folgten trotz des herrlichen Sonnenscheins meiner Einladung und fanden sich zum Training ein - darunter einige "Wiederholungstäterinnen" aber auch zahlreiche Frauen, die bisher mit den Themen Selbstbehauptung und Selbstverteidigung noch gar keine Berührung hatten. 

Wir trainierten zunächst Übungen zum eigenen Distanzgefühl und das möglichst überzeugende Setzen von Grenzen durch verschiedene "Stopp!"-Techniken. Auch die Stimmschulung war Gegenstand des Kurses und so manche Teilnehmerin beeindruckte sich selbst mit einer für sie noch ungewohnt lauten Stimme! Anlässlich des Weltfrauentags durfte natürlich auch das Kapitäninnenspiel nicht fehlen - eine Übung, bei der jede Teilnehmerin einmal die Kapitänin eines fiktiven Schiffs spielen darf, auf dem die anderen nach ihrem Kommando wahlweise das Deck schrubben, die Segel setzen oder ihre Essen fassen sollen. 

Aber es gab nicht nur lustige Übungen, sondern auch reichlich Kopfkino mit ernsthaftem Hintergrund, z. B. mit der Verfolgerübung, die diese Gruppe besonders lebendig umsetzte. Natürlich gehörten auch zahlreiche handfeste SV-Techniken zum Programm, die im letzten Drittel des Kurses den Nachmittag abrundeten: Wir übten die Befreiung aus verschiedenen Griffen und Umklammerungen und unternahmen einen Exkurs in das Notwehrrecht. 

Alle Teilnehmerinnen verabschiedeten sich zufrieden und mit dem festen Vorsatz: "Das sollten wir öfter machen!" Nun, herzlich gerne - die nächsten Kurse sind schon in Planung!