Freitag, 8. November 2019

Der kleine Frühstückselefant

... inspiriert durch meine Tochter Johanna, die morgens im Schlafanzug und in eine grau-blaue Decke eingehüllt zu mir an den Frühstückstisch kam :-)

Mama und Papa Elefant wohnten seit einigen Jahren in einem kleinen Haus am Rande der Stadt. Sie hatten einen kleinen Sohn, den sie über alles liebten. Der Sohn hieß Ben - und war natürlich auch ein kleiner Elefant. So klein war Ben aber gar nicht mehr. Immerhin war er vor einigen Tagen in die Schule gekommen - in die Elefantenschule, versteht sich! Ben machte die Schule sehr viel Spaß. Er lernte dort das Elefanten-Einmaleins und lernte alle elefantastischen Buchstaben kennen. Seine Lehrerin, Frau Dickhaut, war sehr lieb und auch die anderen Elefantenkinder waren sehr nett, so dass Ben sich jeden Morgen mit der morgendlichen Elefantentoilette beeilte und auch ruckzuck mit dem Frühstück fertig war, damit er möglichst schnell in der Schule war.

Eines Morgens jedoch saßen Mama und Papa Elefant schon eine Weile am Frühstückstisch. Nur Ben fehlte. "Nanu, wo bleibt denn der Junge?", fragte Papa Elefant. "Ich wundere mich auch schon, dass er noch gar nicht da ist", antwortete Mama Elefant. "Ich werde ihn einmal rufen." Und sie holte tief Luft und trompetete dreimal kräftig, bevor sie laut den Namen ihres Sprösslings rief: "Ben, wo bleibst Du denn?"

Ui, das hörte der kleine Ben natürlich, der grade in seinem Zimmer seinen vierten Elefantensocken suchte. "Hm, gestern hatte ich noch vier gleiche Socken - und jetzt sind es nur noch eins, zwei, drei - es fehlt einer!" Ben stupste mit seinem kleinen Rüssel einige Spielsachen, die auf dem Boden herumlagen, herum, um nachzusehen, ob unter ihnen vielleicht der fehlende Socken lag. Aber Fehlanzeige!

Inzwischen wurde Papa Elefant langsam ungeduldig. Normalerweise nahm er den kleinen Ben morgens immer mit seinem Elefantenfahrrad ein Stück mit in Richtung Schule. Ben durfte dabei vorne auf der Elefantenfahrradstange sitzen. Bei Menschen ist so eine Transportmethode nicht erlaubt, aber in der Elefantenwelt war man schon so froh, wenn ein Elefant fahrradfahren konnte, da wurden solche Dinge hingenommen. Außerdem hatte Papa Elefant das Fahrradfahren mit mehreren Elefanten auf einem Fahrrad gelernt, als er noch während seines Studiums im Zirkus gejobbt hatte. "Hm, wenn der Junge heute so trödelt, kann ich ihn aber nicht mitnehmen. Ich muss jetzt los", sagte Papa Elefant, schob seinen Rüssel etwas zur Seite und gab Mama Elefant einen Schmatzer auf die Wange.

Mama Elefant begann schon einmal damit, das benutzte Elefantengeschirr vom Tisch in die Küche zu tragen. "Ben, wo bleibst Du denn?", rief Mama Elefant noch einmal. "Ich komme gleich!", trötete der Kleine. Er hatte inzwischen seinen vierten Socken gefunden und wollte ihn schnell überziehen, da verlor er das Gleichgewicht und stieß mit seinem kleinen dicken Elefantenpopo gegen einen Tisch - ausgerechnet gegen den Tisch, auf dem er gestern Abend das schwierige Puzzle mit Mama Elefant fertig gestellt hatte. Und Puzzlen ist für Elefanten gar nicht so einfach - es bedarf schon großer Übung, mit einem Elefantenrüssel die kleinen Puzzle-Teile zu fassen zu bekommen und exakt in die richtigen Lücken zu fügen! Aber mit Mama und ihrer großen Geduld hatte er es gestern Abend hinbekommen. Er war so stolz gewesen! Und nun stieß er gegen den Tisch - und der Tisch kippte um und das ganze Puzzle fiel herunter - und zerfiel dabei wieder in über hundert Einzelteile! Oh nein!

Erst stand Ben nur wie versteinert da. Das konnte doch nicht wahr sein! Aber das war es: wahr! Als ihm das klar wurde, wurden ihm die kleinen Elefantenbeinchen weich und er plumpste auf den Boden. Dicke Elefantentränen kullerten über seine Elefantenwangen und er versuchte gar nicht erst, sie mit dem Elefantenrüssel aufzufangen. Seine Elefantenohren klappten nach vorne und am liebsten hätte er sich in sie eingewickelt wie in eine dicke Decke und hätte die vielen Puzzleteile dann nicht mehr sehen müssen.

Unten im Esszimmer machte Mama Elefant sich allmählich Sorgen. So kannte sie ihren Sohn gar nicht! Sonst war er immer als erster wach, hopste fröhlich die Treppe herunter und konnte kaum das Frühstück abwarten, damit er möglichst schnell in die Elefantenschule gehen konnte! Wo blieb der nur?

Anstatt noch einmal zu trompeten und zu rufen beschloss Mama Elefant, die Treppe hinauf zu gehen und nachzusehen, was mit Ben los war. Oben angekommen stupste sie mit dem Rüssel die Tür auf - und sah Ben ganz elendig auf dem Boden und vor dem umgekippten Tisch und den vielen Puzzleteilen sitzen. "Oh nein, was ist denn hier passiert!", rief sie ganz betroffen. "Ich - wollte ..." Ben konnte kaum sprechen, weil er immer weinen musste - "ich - wollte mir den vierten Socken anziehen und bin gegen den Tisch gestoßen. Dann ist der umgekippt und alle Puzzleteile ....!" Die Tränen liefen ihm über das Gesicht! Mama Elefant setzte sich zu ihm und nahm ihn fest in die Elefantenarme! Jetzt kullerten ihr auch zwei Tränchen übers Gesicht, weil sie gut nachvollziehen konnte, dass ihr Sohn sehr traurig war!

"Weißt Du was?", fragte sie, "was hältst Du davon, wenn ich Dich jetzt verzaubere." "Verzaubern?" "Ja - in einen Frühstückselefanten!" ""Einen was?" "Einen Frühstückselefanten!", Mama lächelte Ben an. "Ein Frühstückselefant ist ein kleiner Elefant, der für einen ganz kurzen Moment allen Kummer vergisst und zuallererst sein Frühstück ist. Leckeres Obst und Gemüse, Elefanten-Müsli - alles, was auch Du gerne isst!" "Das mögen auch Frühstückselefanten?" "Na klar!" "Wollen wir es ausprobieren?" Der kleine Ben überlegte einen Moment und spürte dabei, wie sein Magen knurrte. "Ja, aber, was ist denn hiermit?", fragte er und zeigte auf das Durcheinander auf dem Fußboden. "Ach, das bringen wir einfach heute nach der Schule wieder in Ordnung - was meinst Du?" Ben nickte erleichtert!

Dann erhoben sich beide und Mama Elefant wollte schon die Treppe herabsteigen. "He! Warte! Du musst mich doch erst noch verzaubern!", empörte sich Ben. "Ach, natürlich!", antwortete Mama Elefant und sprach einen geheimen Zauberspruch, den ich hier nicht verraten darf. Als sie fertig war, meinte Ben, ein kleines Rucken in seinem Körper zu spüren - und fühlte sich wirklich von seiner Trauer befreit und auf einmal richtig hungrig! Voller Freude auf das Frühstück hopste er die Treppe herunter und begab sich an den Frühstückstisch.

Und als er aus der Schule kam, hatte er wie von Zauberhand zusammen mit Mama-Elefant das Puzzle wieder fertiggestellt.

Samstag, 2. November 2019

Kids als Katastrophen-Manager - Kindertraining Karate

Nach unserer Japan-Fortbildung unter den Eindrücken der japanischen Gesellschaft - dem Taifun und Erdbeben und aktuell dem Feuer auf Shori Jo

Kindern von Japan erzählen und von drei regelmäßigen Katastrophen: Tsunami, Feuersbrünste und Überschwemmungen

1. Tsunami: Man muss am besten so hoch wie möglich sein, einen Hügel, eine Anhöhe erklimmen! Die Kinder sollen "Hügel" im Dojo bauen durch die großen Pratzen, Teile des Plyo-Turms etc. Dann durch die Halle laufen und auf Kommando "Tsunami" auf eine der Anhöhen stellen - gerne auch im Team - unterstützend, zu mehreren auf einer Anhöhe. Dreimal durchgehen.

2. Feuer: Auf eine festgelegte (Matten)Fläche gehen lassen und einige Matten vor der Fläche bereit legen. Erklären, dass man eine Brandschutzmauer bauen kann durch Aufrechtstellen der Matten. Versuchen lassen. Dann durch die Halle laufen und auf Kommando Feuer in Sicherheit gegen (auf die Fläche) und die Brandschutzmauer errichten. Dreimal durchgehen.

3. Überschwemmung: Fragerunde - was macht man bei einer Überschwemmung - Wasser abschöpfen! Mit Seilen zwei parallele "Ufer" abstecken, etwa zwei Meter Platz dazwischen lassen. an eine Kante die kleinen Kissen legen lassen als "Eimer" - auf Kommando "Überschwemmung" die Kissen von einem Ufer zum anderen tragen und symbolisch Wasser schöpfen, zweimal wiederholen, dann durch die Halle laufen, auf Kommando Überschwemmung zum Ufer laufen und Wasser schöpfen, drei Durchgänge

Dann erklären, dass sich in Japan diese Katastrophen ja immer abwechseln und man weiß nie, was als nächstes kommt! Darum jetzt durch die Halle laufen und auf mein Kommando entweder Feuer löschen, vor dem Tsunami retten oder Wasser schöpfen

Freitag, 25. Oktober 2019

Fire And Fighting Are The Flowers of Edo

Höflichkeit, Respekt, Disziplin, Pünktlichkeit - das alles sind Werte, die wir auch in unserer japanischen Kampfkunst Karate leben. Torsten und ich haben grade zwei Wochen Japan erleben dürfen - und wir sind wieder einmal beeindruckt von der gelebten japanischen Kultur!

Die Höflichkeit und die Disziplin beim Schlangestehen an den Zügen haben mir wieder sehr imponiert - kein Schubsen, kein Drängeln - und wenn man mal aus Versehen jemanden anrempelt, dann wird sich fünfmal entschuldigt! Respektvoll wird älteren Menschen oder Eltern mit kleinen Kindern der Sitzplatz angeboten.

Erst aktuell bei meinem dritten Japanaufenthalt, habe ich es erlebt, dass Schnellzüge (Shinkansen) einmal ausgefallen bzw. deren Betrieb eingestellt wurden - Grund war ein angekündigter Taifun, der schwerste, der seit rund 50 Jahren auf die Insel treffen sollte! Am Folgetag hatten die Schnellzüge im Schnitt 5 Minuten Verspätung! In Deutschland hätte so eine Naturkatastrophe vermutlich wochenlang für Ausfälle und Verspätungen gesorgt!

Zudem sind die Stadtbilder von Sauberkeit geprägt - kein Müll liegt herum. Und das, obgleich es in der Öffentlichkeit kaum Mülleimer gibt! Besucher von Sportstätten wie z. B. dem Budokan in Naha auf Okinawa werden gebeten, ihren (Verpackungs)Müll mit nach Hause zu nehmen. An den Häuserwänden gibt es keine Graffiti oder Schmierereien, es liegen keine Zigarettenstummel auf den Bürgersteigen herum. Wenn man ein privates Haus betritt, werden die Schuhe ausgezogen (im Übrigen gilt das auch für einige öffentliche Gebäude, wie das Budokan), damit kein Dreck hinein getragen wird.

All dies wird häufig begleitet von großer Achtsamkeit - beim Bezahlen im Geschäft werden Kreditkarte oder Geldschein mit beiden Händen angereicht und das Bezahlen wird mit einer kleinen Verbeugung begleitet.

Für Unannehmlichkeiten wird sich vielfach entschuldigt - wie z. B. auch an einer Baustelle auf Okinawa gesehen:

Am Tag unserer Anreise fegte grade Taifun Hagibis über die Insel - und am nächsten Morgen sah man in den Straßen Tokios - nichts! Alles lief zumindest augenscheinlich wie immer! Ich kann mir vorstellen, dass dieses Land so wie es ist, nur funktioniert, wenn viele Menschen viel arbeiten und ich habe bereits eine Ahnung davon, dass dies nicht immer so gewertschätzt wird, wie wir dies in Europa kennen und wünschen. Dennoch habe ich hier nie ein Klagen vernommen und niemand scheint sich aufzulehnen oder zu murren. Man tut halt, was zu tun ist, damit die Gemeinschaft funktioniert. 

Vielleicht hat diese Lebenshaltung - kombiniert mit den oben erwähnten Werten - etwas mit der Geschichte des Landes zu tun, speziell mit der Edo Zeit! 

Als Edo Epoche wird die Zeit von ca. 1600 bis zur Meji Restauration Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Das Land wurde vom Tokugawa-Clan regiert, einem Shogunat, begründet durch Tokugawa Ieyasu. Die Samurai, welche bis zum Beginn der Edo-Zeit ausschließlich Krieger waren, wurden nun Höflinge, Bürokraten und Administratoren. Es wurde erwartet, dass ein Samurai diesen neuen Aufgaben mit derselben Hingabe, Intensität und Loyalität nachkam, wie zuvor dem Kriegshandwerk. Zudem gehörten Dichtung, Malerei, Kaligraphie und andere Künste zu den "To-Dos" der adeligen Kriegerkaste. 
Diese gelebte Hingabe an alltägliche Tätigkeiten und der Anspruch an Ästhetik sehe ich auch im japanischen Alltag mit beeindruckender Deutlichkeit. 

Wie auch grade an den Auswirkungen des Taifuns Hagibis erlebt, war und sind die Menschen in Japan regelmäßig Opfer verheerender Naturkatastrophen wie Stürmen, Sturmfluten, Taifunen, Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Früher noch mehr als heute brachten viele dieser Ereignisse auch starke Feuersbrünste mit sich, die Häuser und Ernten vernichteten, Menschenleben kosteten. Bereits in vergangenen Epochen hat dies aber die meisten Menschen, die hier leben, nicht verzagt, sondern offenbar für großen Zusammenhalt gesorgt, der zur Folge hatte und hat, dass Schäden schnell beseitigt und das normale Leben wieder aufgenommen werden konnten. 

In einer heute besuchten Ausstellung im Edo-Tokio-Museum fand ich den Satz "Fire And Fighting Are The Flowers Of Edo" - wie bizarr auf den ersten Blick und wie beeindruckend auf den zweiten! Aus Katastrophen stark werden, zusammenhalten zu können und eine von vielen Werten geprägte Gemeinschaft zu gestalten - das finde ich wundervoll! 

Montag, 21. Oktober 2019

Okinawa Experience I - Karate Seminar Isshin Ryu mit Andy Sloane

Gleich am ersten Tag auf Okinawa entdeckten wir das Asato Dojo. An der Tür stehen geblieben warfen wir einen Blick in das Dojo. Es fand grade Kindertraining statt. Wir kamen ins Gespräch mit dem aus England stammenden Inhaber, James Pankiewicz und er lud uns ein, am Folgetag an einem Karate Seminar der Stilrichtung Isshin Ryu mit dem aus den USA stammenden Sensei Andy Sloane teilzunehmen. Da fackelten wir nicht lange und sagten unsere Teilnahme zu!

Am nächster Tag besuchten wir zunächst den Naminoue Gu Schrein, direkt an Nahas einzigem Stadt-Strand (nicht besonders schön und direkt an einer Autobahnbrücke) und frühstückten im Nieselregen vor einem Family Mart. Dann ging es zum Asato Dojo - wir waren insgesamt nur 6 Trainierende zuzüglich Trainer: James und Josh aus England bzw. USA, ein Holländer, eine Okinawanerin, Torsten und ich. Trainer Andy Sloane ist ein auf Okinawa stationierter US Amerikaner (Pennsylvania).

Der Isshinryu Stil ist laut Auskunft des Senseis ursprüngliches Okinawa Karate, entwickelt von Sensei Tatsuo Shimabuko etwa um 1956. https://en.wikipedia.org/wiki/Tatsuo_Shimabuku Isshinryu ist eine Verbindung des Shorinryu und des Gojuryu Karate sowie des Kobudo. Bedauerlicher Weise gibt es wohl nur wenige Aufzeichnungen oder Filmaufnahmen mit Ausführungen von Meister Shimabuko. Zudem ließ dieser offenbar viele Freiheiten in der Ausführung seiner Vorgaben, so dass einige Technikdetails nicht mehr eindeutig nachvollziehbar oder erklärbar sind.



Das Seminar sollte drei Stunden dauern. Die ersten beiden Einheiten bestanden aus Kihon im Isshinryu Stil. Hierbei gab es einige Besonderheiten im Vergleich zu unserem Shotokan-Stil:
- Ungewohnte Fausthaltung (tate-tsuki, dabei den Daumen nicht außen vor die eingerollten Finger legen, sondern oben auflegen, so dass die Kuppe des Daumens gegen das mittlere Glied des eingerollten Zeigefingers drückt. Hierdurch soll die Faust stabiler werden. In der Tat erhöhte sich dadurch die Spannung in der Daumengegend. Meine Fäuste hatten jedoch, um die Spannung auszugleichen, dann die Tendenz, nicht mehr grade - als Verlängerung des Unterarms - zu verlaufen, sondern knickten zur Rückseite des Oberarms hin ab!
- Bei den Blocktechniken fehlte die letzte Drehung, was für mich zum Teil Sinn machte, da ein Block mit der Elle eine große Verletzungsgefahr birgt (besonders beim gedan  barei). So übten wir dann uchi uke, age uke und gedan barei mit "Blockfläche" Oberseite des Unterarms.
- Eine mae geri Variante wurde mit den Zehen getreten, indem man den zweiten Zeh über den großen Zeh legen sollte. Der Sensei trat dann ähnlich wie mae geri kekomi, nur dass die Trefferflächen die Zehen waren und von oben nach unten getreten werden sollte (Ziel möglichst Genitalien).

In den ersten 50 Minuten trainierten wir speziell den Oberkörper - jeweils mit zehn Schritten vorwärts. Tachi waza war eine Art hangetsu dachi, allerdings etwas breiter (Fußinnenseiten sollten so breit auseinander stehen wie die Außenseiten der Schultern). Vorgehen wie im hangetsu dachi (Füße halbkreisförmig nach vorne bewegen). Es wurden 15 genau festgelegte Techniken bzw. Technikfolgen - tsuki oder auch Blocktechniken und Konter bzw. Mehrfachfauststöße - ausgeführt. Das Kihon-Programm scheint im Isshin Ryu einem beinahe rituellem Muster zu folgen.

Im zweiten Trainingsdrittel gab es keri waza - bekannte Tritte wie mae geri, yoko geri keage und den schon oben beschriebenen Tritt mit den Zehen.

Zwischen Einheit zwei und drei gab es kote kitae - Abhärten des Körpers durch spezielle Drill-Übungen: Ein Partner führt choku tsuki aus, der andere schlägt mit shuto uke auf den ausgestreckten Unterarm - wenn man Pech hatte, wurde ein Nerv getroffen und die Lust auf die Übung ließ schlagartig nach! Die nächste Variante war choku tsuki, der mit uchi uke spiegelgleich geblockt wurde, der andere Arm ging überkreuz und griff den tsuki Arm, leitete ihn zur anderen Seite ab und der Block-Arm konterte.

Schließlich gab es noch die Kata Kusanku - eine Vor-Form unserer Kanku Dai https://www.youtube.com/watch?v=v-p4W803EpA Ich konnte erstaunlich leicht folgen und wir liefen die Kata etappenweise und mehrfach wiederholend durch. Auch hier ein paar Besonderheiten:  Zu Beginn der Kata ein Nach-Vorne-Beugen, bei dem man in den Gegner quasi hineinfällt. An zwei Stellen wurde mit dem hinteren Fuß auf den Boden gestampft, es sollte wohl ein kakato keri sein (mit der Ferse auftreffen) aber der Sensei hob nur die Ferse an und stieß sie wieder zu Boden. Die Kata hat zwei Kiai - allerdings absichtlich VOR einer Technik (in dem verlinkten Video scheint das anders zu sein)- um den Gegner zu verwirren.

Sensei Andy hatte einen sehr auffälligen Aufnäher auf seinem Dogi - eine Frauengestalt, die mit einem Drachen im Wasser ringt.


Darauf angesprochen, was es damit auf sich habe, erzählte er uns eine interessante Geschichte, die es im Wesentlichen auch hier nachzulesen gibt: https://www.goshinisshinryukarate.com/isshintryu-patch.html

Insgesamt war es ein sehr interessanter Nachmittag mit einem Karatestil, der nur noch von einer sehr kleinen Gruppe praktiziert wird. Gerne hätte ich auch noch die Kobudo-Seite des Stils kennen gelernt. Vielleicht beim nächsten Mal.


(enthält 330 Euro Weiterbezahlung Urlaub) 

Freitag, 11. Oktober 2019

Fujis Trainer trotzen dem Taifun

Für Torsten und mich stand im Oktober 2019 wieder eine wichtige Fortbildung in Japan an. Wir planten, zunächst bei André Bertel Sensei in Oita in sehr persönlicher 1:2-Kombination zu trainieren, um anschließend weiter nach Okinawa zu reisen – der Keimzelle unserer Kampfkunst! Die Reise ging wie immer über Tokio, Zielflughafen Narita.

Kurz vor Reisebeginn verfolgten wir Berichte von Freunden, die ebenfalls grade in Japan waren. Von einer Sorge darüber, ob die geplante Rückreise stattfinden könne, war die Rede – schließlich würde doch am kommenden Wochenende der Taifun Hagibis in Japan – speziell auch in Tokio – erwartet. Es sollte in diesem Jahr bereits der 19. Taifun sein – und es war zu erwarten, dass dieser alle voran gegangenen übertreffen sollte! Wie bitte? Taifun? Ohje – schnell stand fest, dass der Taifun vermutlich exakt mit unserer Ankunft zusammentreffen sollte! In erster Linie sorgten wir uns um unsere japanischen Freunde und auch unsere Freunde und Bekannten, die sich grade in Japan aufhielten: Aktuell fand schließlich das JKA-Autumn-Camp im Honbu Dojo statt, an dem auch unsere DJKB-Trainerriege, bestehend aus Thomas Schulze Sensei, Toribio Osterkamp Sensei und Markus Rues Sensei teilnahm. Japan würde sich für den Taifun wappnen: Ab unserem Ankunfttag sollten viele Flüge gestrichen und der öffentliche Nah- und Fernverkehr sollte eingestellt werden, alle Menschen wurden gebeten, sich mit Nahrungsmitteln für ein paar Tage einzudecken und ab Samstagmittag möglichst das Haus nicht mehr zu verlassen. 



Anfragen bei der Fluggesellschaft, die uns nach Japan bringen sollte, brachten zunächst Entwarnung: Von Besonderheiten bezüglich unserer Anreise, Flugstorni oder ähnlichem war nichts bekannt. Der Pilot, der den Flieger nach Tokio steuerte, kündigte dann auch lediglich an, es könne ggf. Tubulenzen beim Anflug geben. Taifun Hagibs würde erst am Nachmittag, also nach unserer Ankunft, Tokio erreichen. Letztlich war es wohl der ruhigste und entspannteste Flug, den Torsten und ich jemals hatten! 


Vielleicht hat mein Glücksbringer tatsächlich Glück gebracht :-) 


Allerdings gingen unsere persönlichen „Turbulenzen“ im Anschluss los! Wir hatten ursprünglich geplant, direkt am Ankunftstag per Shinkansen weiter nach Oita zu fahren, wo uns an den folgenden Tagen André Bertel Sensei erwarten würde. Aber nun war ja wegen des Taifuns der Shinkansen-Betrieb eingestellt und die Weiterfahrt unmöglich. Vom Flugzeug aus versuchten wir dann, kurzfristig ein Hotelzimmer zu buchen. Wegen der aktuell stattfindenden Großereignisse (Rugby-WM und Formel-1-Rennen) war das allerdings alles andere als ein Kinderspiel! Dennoch hatten wir Erfolg: Ein kleines Appartement in Shinjuku sollte es sein! Beruhigt verfolgten wir die Landung und ließen die nachfolgenden Einreiseprozeduren über uns ergehen. 

Als ich nachfolgend die konkrete Anschrift der Unterkunft ermitteln wollte, sah ich, dass man zuvor Kontakt mit dem Inhaber aufnehmen sollte, um den Schlüssel zu bekommen. Leider erhielt ich schnell folgende Info: „Sorry! Because of Taifun Hagibis we are not able to organize the key – you cannot sleep in this appartement!” Oh je – und jetzt? Eine schnelle Recherche ergab, dass der Markt der Unterkünfte inzwischen noch schmaler geworden war: Es gab einige Kapsel-Hotels (kleine „Schubladen“, in denen man sich zum Schlafen hineinlegen kann), ausreichend viele Hotelzimmer mit einem Preis oberhalb der 1000-Euro-Grenze – und noch einige Unterkünfte an der Bucht von Tokio. Hm – ein Zimmer mit „Meeresblick“ ist ja grundsätzlich verlockend – nicht aber im Anblick der sicher 20-Meter hohen Wellen, die angekündigt worden waren! 

Inzwischen waren wir im öffentlichen S-Bahn-Netz Tokios angelangt und empfanden die Atmosphäre als immer bedrohlicher. Die Weltmetropolo Tokio – eine Millionenstadt – wirkte wie ausgestorben! Die Straßen waren wie leer gefegt, in den S-Bahnen kaum ein Mensch, beinahe alle Geschäfte geschlossen! An einer S-Bahn-Station sprach ich eine Bahn-Angestellte an und fragte, ob sie eine Idee hätte, wie wir noch an ein Hotelzimmer kommen könnten. Ruckzuck kamen drei ihrer Kolleginnen dazu, die eigentlich dort eine Fahrkartenauskunft betreuen sollten, und versuchten sehr emsig, uns zu helfen! Sie sahen im Internet nach und riefen bei verschiedenen Hotels an - aber auch alle Unterkünfte, bei denen sie anfragten, waren ausgebucht! Letztlich beschlossen wir dann, doch ein Hotel an der Bucht zu nehmen – es blieb uns einfach nichts anderes übrig! 

Mit einem einzelnen Mann im Abteil fuhren wir per Yamanote Line Richtung Hotel. In der S-Bahn kam immer wieder die Ansage, dass auch diese Bahn wegen des nahenden Taifuns bald den Betrieb einstellen würde und es könne länger dauern, bis die Bahn wieder fahren könnte, da große Schäden erwartet würden. Oh Mann - das Szenario wurde immer bedrohlicher! 

An der Station angekommen, peitschte direkt der Regen auf uns los! Von Sturm war noch nicht viel zu spüren, aber Regen, Regen, Regen! Ruckzuck war auch meine Regenjacke schon durchweicht, die Schuhe von oben mit Regen gefüllt! In dem S-Bahnhof herrschte gähnende Leere! Erst, als wir die Treppe hoch auf die Straße nahmen, kam uns jemand entgegen, den wir auch direkt nach dem Weg fragten. Hilfsbereit, wie wir es in Japan von jedermann gewohnt wind, wurde uns sofort der Weg gezeigt. Zu unserem großen Glück fuhr zufällig grade ein Taxi vorbei, welches auch direkt für uns anhielt. Der Taxifahrer tat mir etwas Leid, da wir mit unserer inzwischen schon tropfnasser Kleidung und unserem nassen, sperrigen Gepäck in sein blitzsauberes Taxi sprangen - und dann auch nicht sehr weit fuhren, bis wir am Hotel waren! 

Neben dem Hotel hatte doch tatsächlich noch ein 7/11-Geschäft geöffnet - allerdings waren die Regale schon sehr geplündert! Wir konnten uns mit ein paar Kleinigkeiten eindecken, bevor wir ins Hotel gingen. 

Bis zum Bezug der Zimmer mussten wir etwa zwei Stunden im Foyer verharren. Der Regen wurde immer heftiger und am Hintereingang des Hotels hatte man bereits kleine Wassersperren errichtet, damit kein Wasser von der abschüssigen Garage ins Haus fließen konnte. 

Dann bezogen wir unser Zimmer - im 13. Stockwerk! Ausgerechnet! Von da aus hatten wir natürlich eine großartige Aussicht - auf viele andere Hochhäuser und die Straße unten. Die Bucht konnten wir nicht direkt sehen. Aber viel Regen, Regen, Regen....




 



Irgendwann am Nachmittag meinte Torsten etwas enttäuscht: "Mensch, für das Geld (immerhin umgerechnet etwa 350 Euro die Nacht für ein Doppelzimmer) hätte ich jetzt etwas mehr Action erwartet! Da ist ja Münster bei jedem Herbstregen spannender!" Ich muss gestehen, dass ich selber sehr froh war, dass alles draußen irgendwie noch normal wirkte....so suchte ich gegen 17 Uhr den Hotel-Onsen (ein aus heißen Quellen gespeistes Bad) auf. 


Als ich gegen halb sieben wieder auf dem Zimmer war, legte ich mich aufs Bett, um etwas zu entspannen. Ich blickte zufällig in Richtung Fenster und bemerkte, dass der Seilzug der Jalousie sich bewegte. Komisch! Es ging doch kein Luftzug durchs Fenster, oder? "Guck mal Torsten - komisch - der Seilzug wackelt! Wie kann das sein?" "Hm - weiß nicht. Wackelt halt," war die wenig hilfreiche Antwort. Nun erklang im Hotelflur eine Art Gong mit der Melodie von Big Ben. Wir hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte! Plötzlich erklangen von draußen, also von der Straße, Ansagen über Lautsprecher - allerdings auf Japanisch, so dass wir kein Wort verstehen konnten! Schließlich erschien noch wie von Geisterhand auf unseren Handy-Displays ein mit japanischen Schriftzeichen verfasster Text, dessen Inhalt uns ebenfalls ein Rätsel war - und der verschwand, sobald wir die Handys entsperrt hatten! 

Das war mir alles sehr gruselig und so fuhr ich mit dem Aufzug zum Empfang runter und fragte nach, was das alles zu bedeuten hätte! Der Mensch am Empfang sprach nicht sehr gut Englisch und verkündete nur, dass die Warnung "nicht für diese Region" gewesen sei. Mir war immer noch nicht klar, um was für eine Warnung es sich gehandelt haben könnte. Ich fuhr wieder hoch - noch nicht so richtig beruhigt - und legte mich wieder aufs Bett. Via facebook hatte ich eine Nachricht von meiner Freundin Barbara aus Wilhelmshaven erhalten: "Wie war denn das Erdbeben vorhin?" Das WAAAAAS? Nun machte alles einen Sinn - der wackelnde Seilzug, der Big-Ben-Alarm, die Ansage draußen und auch die Schriftzeichen auf den Handy-Displays! Ein Erdbeben! Später erfuhren wir, dass das Epizentrum des recht leichten Bebens etwa 50 km entfernt, in der Region Chiba gelgegen hatte. 

Um 21.30 ging dann der Sturm los – und zwar so, dass das ganze Hochhaus ins Wanken geriet! Natürlich weiß ich, dass es wichtig und gewollt ist, dass Hochhäuser sich bei Sturm bewegen! Aber wenn man dann oben im 13 Stock ist, ist das trotzdem recht furchteinflößend! Unten auf der Straße waren immer wieder Feuerwehr-Fahrzeuge zu sehen und gegen 22 Uhr fuhren dort sicher 12 dieser Fahrzeuge Streife! Sie hatten offenbar die nahe Bucht im Blick - denn der Höhepunkt des Taifuns sollte auch noch mit der Flut zusammentreffen! Und gegen 23 Uhr war dann der Ganze Spuk vorbei! "Weißt Du, was jetzt passiert?", fragte ich Torsten. "Jetzt stehen alle Bahnbediensteten auf und fahren zur Arbeit, bringen alles in Ordnung, damit morgen früh um 6 Uhr alle Züge wieder fahren." So ist Japan! Aber wir konnten jetzt erstmal: Schlafen!

Am nächsten morgen sah man auf den Straßen Tokios – nichts! Und die Bahnen fuhren tatsächlich auch wieder – allerdings mit sage und schreibe 5 Minuten Verspätung! Als wäre dies an diesem Morgen die normalste Sache der Welt, buchten wir Sitzplätze in Zügen, die uns nach Oita bringen sollten und wir waren nach gut 7 Stunden dort und konnten dort unser Hotel beziehen.




Rückblickend hatten wir wohl richtig Glück gehabt! Der Höhepunkt des Taifuns war nämlich nicht - wie befürchtet - an der Küste zum Tragen gekommen, sondern etwa weiter landeinwärts. Insgesamt hatte Hagibis 88 Menschen das Leben gekostet! Und ein Drittel der Shinkansen-Flotte ist buchstäblich abgesoffen!