Dienstag, 3. Januar 2023

Fortbildung: „Nutzung kampfsportspezifischer Trainingsmittel im Unterricht“ - Modul 1

 


Fortbildung für Karate-Trainer*innen

 „Nutzung kampfsportspezifischer Trainingsmittel im Unterricht“

Aufbaumodul zur Ausbildung in der Karateschule Fuji San Münster

 

Modul 1: Nutzung von Pratzen/Schlagkissen im Unterricht

Dauer: 6 UE

Curriculum: T = Theorie, P = Praxis (TN ausprobieren/erfahren lassen)

-          Warum Pratzen/Schlagkissen im Unterricht?                                                          2 UE

Ziel: TN sollen lernen, zu welchem Zweck Pratzen/Schlagkissen im Unterricht eingesetzt werden können.

o   T Kontakttraining mit Personen nur begrenzt möglich, da Verletzungsgefahr

o   T Aufprall-/Einschlagstärke ist abhängig von Geschwindigkeit, Kraft und Größe der Trefferfläche

o   Je größer das Schlagkissen, desto mehr verteilt sich die Aufschlagenergie und desto weniger muss der Körper der haltenden Person aufnehmen.

o   Passende Zuordnung von Partner*innen:

§  Etwa gleiche Körpergröße

§  Etwa gleiche Kraft

§  Grundsätzlich kann die Zuordnung unabhängig vom Alter und/oder Geschlecht erfolgen – bei speziellen Gruppen-Zusammensetzungen kann hierauf ggf. dennoch Wert gelegt werden.

o   P Möglichkeiten, Verletzungen zu vermeiden sind:

§  Training mit etwas Abstand zum Partner/zur Partnerin

§  Training mit Kontakt aber in Zeitlupe

§  Training mit Schutzausrüstung (z.B. Schlagkissen)

o   P Wenn ein Faustschützer die Faust der schlagenden Person schützt, schützt ein Schlagkissen in erster Linie den Körper der den Schlag oder Tritt empfangenden Person.

o   Umgang mit Überlastungen / Verletzungen

§  Erinnerung an Erste-Hilfe-Basis

§  PECH-Formel

§  Hinweis auf Cool-Packs und Sanitätskoffer

§  Trainingspause, Trainingsstopp

§  Basiswissen Trauma: Umgang mit Trigger-Situationen

-          T Verschiedene Arten von Pratzen/Schlagkissen und mögliche Einsatzbereiche vorstellen                                                                                                                    1 UE

Ziel: TN sollen die verschiedenen Einsatzbereiche von Pratzen/Schlagkissen kennenlernen.

o   Handpratzen

§  Kleine, runde Handpratzen, weich

§  Kleine, Handpratzen, verschiedene Härtegrade

§  Kleine, Handpratzen, gebogen (ergonomisch an Handhaltung angepasst)

§  Einsatzmöglichkeiten

·         Training mit Partner*in (mindestens zwei Personen)

·         Fausttraining

·         Reaktionstraining auch mit Fußtritten

o   Unterarmpratzen

·         Training von Fußtritten

o   Große Pratzen, verschiedene Härtegrade

·         Training von Schlägen

·         Training von Tritten

-          P Techniktraining an der Pratze/am Schlagkissen                                                   3 UE

TN sollen die Ausführung verschiedener Kampfsporttechniken an der Pratze/am Schlagkissen kennenlernen. Hierbei wird sowohl die Position der haltenden Person als auch die der ausführenden Person betrachtet. Hierbei werden Hinweise gegeben, um Verletzungen durch falsche Halte- oder Ausführungs-Techniken zu vermeiden. Zudem soll darauf geachtet werden, körperliche Schäden durch Überlastung zu vermeiden.

o   Handpratzen (Grundposition, z. B. für Ausführung Tsuki Waza)

§  Haltende Person:

·         Beide Hände in die Pratzen schieben und Pratzen ggf. mit Klettverschluss verschließen (evtl. Trainingspartner*in um Hilfe bitten)

·         Hände mit den Handflächen zum Partner/zur Partnerin auf Höhe der Schlüsselbeine vor dem Körper halten, hierbei leichte Spannung in den Oberarmen

·         Der Abstand der Hände zum Körper sollte so groß sein, dass man die Rückseiten beider Hände bzw. Pratzen gerade noch sehen kann. Sind die Hände zu weit vom Körper entfernt oder zu nah dran, belasten die ankommenden Schläge oder Tritte möglicherweise die Gelenke zu stark oder die Schlagkraft kann nicht optimal absorbiert werden.

·         Bei zu erwartenden Schlägen oder Tritten soll mit den Händen ein leichter Gegendruck aufgebaut werden.

·         Bei Anfänger*innen ist zu beachten, dass die Halteposition sehr anstrengend sein kann. Zudem kann eine psychische Belastung durch das ungewohnte Aushalten von Erschütterungen eintreten. Hier ist darauf zu achten, dass die Trainingsintensität und die Trainingsdauer mit Augenmaß gesteigert werden.

§  Schlagende Person

·         Korrekte Fausthaltung: Finger eng einrollen, Daumen schließt Faust auf Höhe der mittleren Fingerglieder ab.

·         Trefferfläche sind die ersten Fingerglieder, vorzugsweise von Zeige- und Mittelfinger.

·         Es ist darauf zu achten, dass Faustrücken und Unterarm eine grade Linie bilden und die Faust weder nach vorne, noch nach hinten abknickt.

·         Bei absoluten Anfänger*innen ist zu beachten, dass die Haut an den Faustknöcheln sehr empfindlich sein kann. Bei beginnender Rötung muss das Training zu nächst pausieren. Im Laufe der Zeit stellt sich zunehmend eine Unempfindlichkeit ein. Alternativ können im Anfänger*innen-Bereich oder bei sehr intensivem Handpratzentraining Faustschützer oder Boxhandschuhe getragen werden.

o   Unterarmpratze (Grundhaltung: Halten vor dem Rumpf, Tritt mit Trefferfläche Schienbein)

§  Haltende Person: Die Pratze wird über einen Unterarm gezogen, so dass die Pratzenfläche auf der Rückseite des Unterarms liegt. Die Pratzenfläche wird der schlagenden Person entgegengehalten. Ellenbogen des haltenden Arms wird ca. 90 Grad gebeugt, Unterarm etwa waagerecht um Fußboden.

Bei erwartetem Tritt muss ein leichter Gegendruck aufgebaut werden.

§  Tretende Person: Zur detaillierten Ausführung von Tritttechniken wird auf den Karateunterricht verwiesen. Bei Übung eines Halbkreisfußtritts soll die Unterarmpratze mit dem Fußspann oder dem Schienbein getroffen werden.

o   Große Schlagkissen (Grundhaltung: Halten des senkrecht ausgerichteten Kissens vor dem Körper)

§  Haltende Person: Die Schlagkissen sind möglichst an den Riemen zu halten und fest an den Körper zu drücken. Es sollte vermieden werden, einen Arm quer durch die Schlaufen zu schieben, da der Arm z. B. bei starken Fußtritten verletzt werden kann. Bei zu erwartendem Stoß oder Schlag ist mit dem Körper ein gemäßigter Gegendruck aufzubauen. Bei kleineren Kindern ist darauf zu achten, dass das Gesicht nicht von der Pratze bedeckt ist. Es muss auch das Kinn über den oberen Rand des Schlagkissens hinwegschauen, da bei Schlägen/Tritten ansonsten die Lippen/Zähne verletzt werden könnten.

§  Schlagende/tretende Person: Zur detaillierten Technikausführung wird auf den Karateunterricht verwiesen. Je nach Technik ist eine ausreichende und passende Distanz zu wählen. Es ist darauf zu achten, dass hinter der aktiven Person ein Sicherheitsabstand zu den wartenden Personen eingehalten wird, da z. B. bei Ausführung von Tsuki der Ellenbogen nach hinten stößt. Als Trainer*in muss beobachtet werden, ob die Kraftausrichtung optimal gegen das Kissen verläuft oder ob sich die aktive Person ggf. von dem Kissen „wegdrückt“. Bei Anfänger*innen ist die korrekte Fauststellung zu beachten (siehe Beschreibung oben) und ggf. die korrekte Fußhaltung und Auftreffer-Fläche (Fußspann, Ballen etc.).

o   Praktisches Training: Ausprobieren aller Pratzen-/Schlagkissenvarianten je als haltende und als aktive Person. Möglichkeit, sich gegenseitig zu korrigieren, Hinweise zu geben.

o   Reflexion in der Gruppe

§  Was hat gut funktioniert, was weniger gut?

§  Welche Fehler wurden bei den Trainingspartner*innen wahrgenommen? Konnte eine Korrektur erfolgen?

§  Gibt es Blessuren, Verletzungen?

§  Haben die TN weitere Hinweise, Tipps, eigene Ideen für die Bereicherung des Trainings?

o   Feedbackrunde

o   Abschied

Mittwoch, 6. Juli 2022

Czech Gasshuku 2022 - Triple Impact nach Corona-Pause!


Nach der langen Lehrgangspause freuten Torsten und ich uns, endlich wieder in unserem Nachbarland Tschechien an einem der schon traditionellen Czech Gasshuku teilnehmen zu können. In diesem Jahr fand das Event in Kadan statt, etwa 600 km von Münster entfernt bzw. 80 km südöstlich von Chemnitz gelegen. Mit den Senseis Naka, Okuma und Kurihara erwartete uns mit drei Top-JKA-Instructoren ein wahres „Triple Impact“. 



In diesem Jahr war ab Magdeburg eine Fahrgemeinschaft mit unserem Freund Tobias Prüfert vorgesehen. Für mich gestaltete sich die Anreise allerdings etwas abenteuerlich, da ich am offiziellen ersten Trainingstag des Gasshuku noch ein SOK-Seminar (SOK steht für Schützen ohne Kämpfen) an einer Förderschule in Neuburg bei Wismar abhalten musste. Neuburg liegt auch etwa 600 km von Kadan entfernt – allerdings an der Ostseeküste. Ich war bereits am Donnerstag mit der Bahn dorthin gereist und trat nach Abschluss meines Seminars am 01.07. um 17.30 Uhr eine Bahnfahrt Richtung Kadan an. Ich hatte einen Zwischenstopp mit Übernachtung auf etwa halber Strecke eingeplant (in Elsterwerda). Als ich jedoch von Torsten in einer Seminarpause am Freitagnachmittag eine Nachricht erhielt, dass am Samstagmorgen um 08.00 Uhr Kurihara Sensei ein Kata-Training zur Sochin leiten würde, wurde spontan umgeplant. Unser Dialog ging so: „Das schaff' ich nicht!" Torsten: „Fahr soweit Du kommst Richtung Tschechien heute Abend. Ich hole Dich ab ..“ Wow! Schnell warf ich einen Blick auf die Reisestrecke, sah mir Fahrtverläufe und Anschlusszüge an, sagte mein Hotel ab (bezahlen musste ich es bei so kurzfristigem Storno natürlich trotzdem) und schaffte es am frühen Samstagmorgen noch bis Ústi nad Labem (90 km von Kadan entfernt), wo mich Torsten am Bahnsteig empfing. Um 02.00 Uhr lagen wir dann in den Betten und schafften es pünktlich zu 08.00 Uhr ins Training bei Kurihara Sensei! 




Sochin bei Kurihara Sensei! Was für ein wundervoller Start für mich in die (kurze) Gasshuku-Trainingswoche! Akribisch demonstrierte der Meister technische Präzision und eleganten Hüfteinsatz! Verpasst hatte ich am ersten Trainingstag leider Kanku Sho bei Naka Sensei, Tekki Sandan als Vorbereitung für Kumite bei Okuma Sensei und eine Einheit bei Kurihara Sensei, in der schwerpunktmäßig Gyaku-Tsuki-Kihon trainiert wurde sowie zahlreiche Taikyoku-Shodan-Varianten und Kihon-Ippon-Kumite. 


 

In meiner zweiten Einheit unterwies uns Naka Sensei in Tekki Shodan inklusive spannender Nahkampf-Anwendungen. Da Torsten partnertrainingstechnisch bereits auf Tobias „eingeschossen“ war, fand ich in Julius aus Tübingen einen Trainingspartner für die nächsten Tage. Kumite-Übungen mit häufigen Partner*innen-Wechseln wurden offenbar mit Rücksicht auf die grade wieder aufschwappende Corona-Welle ausgelassen. Den Taikyoku-Shodan-Faden nahm in Einheit drei Okuma Sensei wieder auf und leitete hieraus interessante Kumite-Übungen ab. 

 

Der dritte Tag war herrlich Kata-lastig mit Bassai Sho am Morgen bei Okuma Sensei sowie Shitai und Sentai Gata (Heian 1-5, Tekki 1, Bassai Dai, Kanku Dai, Enpi und Jion) bei Kurihara Sensei. Naka Sensei rundete mit Nijushiho sowie Tekki Nidan mit einigen weiteren kniffligen Anwendungen in Einheit drei den dritten Tag ab. 




Am vierten Tag forderte Naka Sensei unsere schon leicht ermüdeten Muskeln mit den Tekki I-III und Jion heraus, nachdem wir bei Kurihara Sensei mit Gojushiho Sho gestartet waren. Auch bei Naka Sensei gab es wieder klasse Inspirationen für Anwendungen und neue Bewegungsmuster. Für mich neu war die „fluide Tekki“ mit fließenden Übergängen durch übergangslose Gewichtsverlagerung. Es waren dann wohl nicht nur die hohe Außentemperaturen, die uns am Nachmittag in einer kumitelastigen Einheit bei Okuma Sensei ordentlich ins Schwitzen brachten! Da sich in dieser Einheit Thomas Frommer Tobias als Trainingspartner geschnappt hatte, konnte ich mich hier mit Torsten „kloppen“ 

 

Nach einer kurzen Nachmittagspause ging es dann zur Sayonara Party, für die bei der Anmeldung bereits von jeder Person ganze 6 Euro kassiert worden waren. Hierfür gab es dann ein oder zwei Freigetränke und – wenn man schnell genug war – Essen vom Buffet. Am Tisch wurde fleißig gefachsimpelt und ausgetauscht und auf der Bühne des ansprechenden Festsaales den Sensei und den Ausrichter*innen gedankt. Sehr dankbar und zufrieden machte ich mich anschließend zu Fuß auf den Weg ins nahegelegene Hotel Split. Ich genoss den lauen Sommerabend und machte am Fluss Eger entlang noch einen Spaziergang zur Staumauer. Das Hotel liegt direkt am Fluss und aus dem Zimmer heraus blickt man auf das dicht bewaldete gegenüberliegende Ufer – einfach herrlich! 


Fachsimpeln bei der Sayonara-Party

Dank an Senseis und Ausrichtende

Hatten wir bisher unser linkes Bein vernachlässigt? Falls dem so war, so wurde die Kräftigung dieser Muskulatur in der letzten Kata Einheit an Tag fünf ausgiebig nachgeholt: Es gab Gojushiho Dai bei Naka Sensei  Für uns war dies leider schon die letzte Einheit, denn nach einer kleinen Abschluss-Foto-Session brachen wir gen Heimat auf. In Magdeburg hatte ich beim Ende unserer Fahrgemeinschaft mit Tobias noch die Gelegenheit, das schöne Dojo des BKC Magdeburg bestaunen zu dürfen, bevor Torsten und ich uns auf die letzte Reise-Etappe machten. 

 

Schade, dass dieser wunderbare Lehrgang so schnell vorbei war! – Aber zum Glück steht ja mit dem Gasshuku in Meppen schon bald das nächste Karate-Event im Kalender!



 




Mittwoch, 13. Oktober 2021

Traumatherapie und Systemisches Aggressionsmanagement (SAM)

Was hat die Verarbeitung von Traumata mit dem Systemischen Aggressionsmanagement (SAM) zu tun? - Erstaunlich viel! 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit dem Schutz vor und der Entstehung von Gewalt. Als Karateka, Karatelehrerin und Trainerin für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung wurde mir schnell deutlich, dass Eigenschutztraining reduziert auf körperliche Selbstverteidigung sehr eindimensional ist und unter Umständen mehr schaden kann als zu nützen. Im Jahr 2013 - fast zeitgleich mit der Gründung der eigenen Karateschule - sah ich in einer TV-Talkshow den Deeskalationstrainer Ralf Bongartz. Ich kontaktierte ihn und ließ mich durch ihn zur Fachpädagogin für Konfliktkommunikation ausbilden - ein Fachbereich, in dem die körperliche Abwehr hinter deeskalierenden Methoden zurück tritt. Durch Ralf erfuhr ich zum ersten Mal von SAM, dem Systemischen Aggressionsmangement, welches von Dirk Schöwe in Rostock entwickelt und vermittelt wird. SAM beschäftigt sich nicht nur mit dem Schutz vor Aggressionen und Gewalt, sondern vor allem auch mit der Entstehung: Das Modell der "Aggressions-Acht" veranschaulicht quasi "kinderleicht", dass Aggressionen und Gewalt grundsätzlich unerfüllte Bedürfnisse vorangehen. 

Aggressions-Acht nach Dirk Schöwe

Ziel ist es nach SAM, bei sich selbst und bei anderen Personen zu erkennen, an welcher Stelle der "Acht" wir oder andere uns bzw. sich in einer Krisensituation befinden - und zu versuchen, die kritische Hemmschwelle in der Mitte zwischen den beiden Aggressions-Kreisen nicht zu überschreiten. Andererseits ist es ggf. möglich, durch Bewusstmachen des Modells auch aus dem kritischen Kreis (auf der Grafik in rot dargestellt) wieder heraus zu kommen oder unser Gegenüber dort herauszuführen - wenn es möglich ist, die eigenen unter der Wut liegenden Bedürfnisse oder die des Gegenübers zu sehen und zumindest ein stückweit anzuerkennen. Mit diesem Bild lässt sich sehr gut in verschiedenen Kontexten arbeiten - wegen der Anschaulichkeit des Modells sogar - wie schon oben angedeutet - bereits mit Kindern. 

Ein Ziel, mit gewalttätigem Verhalten umzugehen könnte bei der Arbeit mit der "Acht" sein, Aggressionen kontrolliert auszuagieren - z. B. durch das Schlagen gegen Schlagkissen, statt gegen andere Gegenstände oder gegen Personen. Dies kann ggf. für eine kurze Entspannung sorgen und wie eine Art "Aggressions-Blitzableiter" wirken. Es sollte aber nicht ausschließlich beim Ausagieren bleiben - denn wenn die unerfüllten Wünsche und Bedürnisse unter der Wut nicht erkannt werden, können Wut und Aggression immer wieder zu Gewalt führen. 

Aus psychotraumatologischer Sicht ist hier z. B. das Modell von Sabine Lehmann (FifaP) hilfreich: Sabine entwickelte das Modell "vom Fühlhirn und vom Denkhirn" - auch dies ist vor allem bereits bei der Arbeit mit Kindern sehr hilfreich, da schon Kinder im Vorschulalter hier Methoden erlernen, aus dem diffusen Emotionsstrudel, der die akute Gewaltsituation auslösen kann, herauszukommen: Durch ein Stoppen der eskalierten Situation ist es möglich, kurz innezuhalten und der Ursache der aktuellen Wut auf den Grund zu gehen. Wenn dies regelmäßig praktiziert wird, können auf kognitiver Ebene Strategien entwickelt werden, um künftig mit Wut und Aggressionen umzugehen, ohne dass die Hemmschwelle überschritten und Gewalt ausgeübt wird. 

Wer sich mit Selbstverteidigung, Eigenschutz oder Konfliktkommunikation beschäftigt, sollte meiner Meinung nach eine gewisse Vorstellung des Themas Trauma haben. Zum einen weil ein Großteil der Menschen, die Selbstverteidigung erlernen wollen, bereits in der Vergangenheit Gewalt erfahren haben und nun lernen wollen, sich vor neuer Gewalt zu schützen. Es muss daher damit gerechnet werden, dass Menschen im Training getriggert oder gar retraumatisiert werden. Dies erfordert einerseits eine besondere Sensibilität hinsichtlich der Übungen und auf der anderen Seite sollten wir wissen, wie wir  z. B. mit einer/m dissoziierten Teilnehmer/in im Training umgehen können. Auch die Absicht, mit der Personen Selbstverteidigung lernen möchten, kann hellhörig machen: Menschen, die bereits im Unterricht durchblicken lassen, dass sie von dem Wunsch nach Rache oder Heimzahlung angetrieben werden, sollten wir möglichst nicht konventionell unterrichten. 

Ich selber habe mich erstmals im Zusammenhang mit dem Studiengang "Geprüfte/r Trainer*in für Selbstverteidigung" bei Armin Hutter an der ILS-Akademie intensiver mit dem Thema Trauma beschäftigt. Hutter hatte das Thema im Zusammenhang mit den Fight-, Flight-, Freeze-Reaktionen im Rahmen der Selbstverteidigung tiefer beleuchtet. Nachdem mein Interesse daran, das Thema tiefer zu erforschen, geweckt war, absolvierte ich zunächst im Anschluss an den Studiengang eine Ausbildung zur Traumapädagogin/Traumafachberaterin (FifaP). Anschließend erlernte ich die EMDR-Technik zur Traumaverarbeitung und begann an der UTA-Akademie in Köln eine zweijährige Ausbildung in der NARM Traumatherapie. NARM beleuchtet Entwicklungstraumata, die - je nachdem, in welchem Alter die stärksten Belastungen stattfanden - verschiedene Ausprägungen annehmen können. Nach der Betrachtungsweise von NARM besteht ein ganz elementarer Zusammenhang zwischen Wut/Aggressionen und einem tief liegenden Schmerz, einer ganz "alten" und tief liegenden Trauer. Ob Erlebtes hier ins Gewicht fällt, um uns zu prägen, dauerhaft zu belasten und "Glaubenssätze" in uns zu verankern, ist ganz individuell. Ganz unbestritten kann erlebte oder beobachtete familiäre Gewalt, können Missbrauch und Vernachlässigung hier die Saat für Entwicklungstraumata setzen. Manchmal reichen aber auch besondere Lebensumstände (z. B. schwere körperliche oder psychische Krankheit eines Elternteils oder eines anderen Familienmitglieds, ein besonders rigider Erziehungsstil oder der Wunsch der Eltern, das Kind könne stellvertretend für Vater oder Mutter eine Sportskanone, eine Eislaufprinzessin oder ein zweiter Mozart werden) aus, um in unserem Alltag als Erwachsene einen Widerhall zu finden und uns vielleicht ein Leben lang zu belasten. Da wir den Ursprung der Belastungen oft im Unterbewusstsein versteckt haben oder die Erlebnisse zwar noch abrufen - den Zusammenhang zu unseren aktuellen emotionalen Disbalancen aber oft nicht erkennen, können die alten Wunden und Schmerzen im Alltag zum Gefühl unerfüllter Bedürfnisse werden und den Verlauf der Aggressions-Acht in Gang setzen. 

Durch das NARM-Coaching können alte Wunden, versteckter Schmerz, verdeckte Trauer angesehen und aufkommende Wut gehalten werden. Sie muss dann nicht mehr ausagiert werden. Es kann gelingen, die Aggressionen im "grünen" Bereich der Aggressions-Acht zu belassen und frühzeitig aufzulösen. Dies ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil effektiven Eigenschutzes, da durch den NARM-Ansatz die Möglichkeit, sich deeskalierend zu verhalten und in Diskussionen und Auseinandersetzungen nicht auf die "Status-Wippe" zu springen, deutlich verbessert wird.