Freitag, 25. Oktober 2019

Fire And Fighting Are The Flowers of Edo

Höflichkeit, Respekt, Disziplin, Pünktlichkeit - das alles sind Werte, die wir auch in unserer japanischen Kampfkunst Karate leben. Torsten und ich haben grade zwei Wochen Japan erleben dürfen - und wir sind wieder einmal beeindruckt von der gelebten japanischen Kultur!

Die Höflichkeit und die Disziplin beim Schlangestehen an den Zügen haben mir wieder sehr imponiert - kein Schubsen, kein Drängeln - und wenn man mal aus Versehen jemanden anrempelt, dann wird sich fünfmal entschuldigt! Respektvoll wird älteren Menschen oder Eltern mit kleinen Kindern der Sitzplatz angeboten.

Erst aktuell bei meinem dritten Japanaufenthalt, habe ich es erlebt, dass Schnellzüge (Shinkansen) einmal ausgefallen bzw. deren Betrieb eingestellt wurden - Grund war ein angekündigter Taifun, der schwerste, der seit rund 50 Jahren auf die Insel treffen sollte! Am Folgetag hatten die Schnellzüge im Schnitt 5 Minuten Verspätung! In Deutschland hätte so eine Naturkatastrophe vermutlich wochenlang für Ausfälle und Verspätungen gesorgt!

Zudem sind die Stadtbilder von Sauberkeit geprägt - kein Müll liegt herum. Und das, obgleich es in der Öffentlichkeit kaum Mülleimer gibt! Besucher von Sportstätten wie z. B. dem Budokan in Naha auf Okinawa werden gebeten, ihren (Verpackungs)Müll mit nach Hause zu nehmen. An den Häuserwänden gibt es keine Graffiti oder Schmierereien, es liegen keine Zigarettenstummel auf den Bürgersteigen herum. Wenn man ein privates Haus betritt, werden die Schuhe ausgezogen (im Übrigen gilt das auch für einige öffentliche Gebäude, wie das Budokan), damit kein Dreck hinein getragen wird.

All dies wird häufig begleitet von großer Achtsamkeit - beim Bezahlen im Geschäft werden Kreditkarte oder Geldschein mit beiden Händen angereicht und das Bezahlen wird mit einer kleinen Verbeugung begleitet.

Für Unannehmlichkeiten wird sich vielfach entschuldigt - wie z. B. auch an einer Baustelle auf Okinawa gesehen:

Am Tag unserer Anreise fegte grade Taifun Hagibis über die Insel - und am nächsten Morgen sah man in den Straßen Tokios - nichts! Alles lief zumindest augenscheinlich wie immer! Ich kann mir vorstellen, dass dieses Land so wie es ist, nur funktioniert, wenn viele Menschen viel arbeiten und ich habe bereits eine Ahnung davon, dass dies nicht immer so gewertschätzt wird, wie wir dies in Europa kennen und wünschen. Dennoch habe ich hier nie ein Klagen vernommen und niemand scheint sich aufzulehnen oder zu murren. Man tut halt, was zu tun ist, damit die Gemeinschaft funktioniert. 

Vielleicht hat diese Lebenshaltung - kombiniert mit den oben erwähnten Werten - etwas mit der Geschichte des Landes zu tun, speziell mit der Edo Zeit! 

Als Edo Epoche wird die Zeit von ca. 1600 bis zur Meji Restauration Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Das Land wurde vom Tokugawa-Clan regiert, einem Shogunat, begründet durch Tokugawa Ieyasu. Die Samurai, welche bis zum Beginn der Edo-Zeit ausschließlich Krieger waren, wurden nun Höflinge, Bürokraten und Administratoren. Es wurde erwartet, dass ein Samurai diesen neuen Aufgaben mit derselben Hingabe, Intensität und Loyalität nachkam, wie zuvor dem Kriegshandwerk. Zudem gehörten Dichtung, Malerei, Kaligraphie und andere Künste zu den "To-Dos" der adeligen Kriegerkaste. 
Diese gelebte Hingabe an alltägliche Tätigkeiten und der Anspruch an Ästhetik sehe ich auch im japanischen Alltag mit beeindruckender Deutlichkeit. 

Wie auch grade an den Auswirkungen des Taifuns Hagibis erlebt, war und sind die Menschen in Japan regelmäßig Opfer verheerender Naturkatastrophen wie Stürmen, Sturmfluten, Taifunen, Tsunamis, Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Früher noch mehr als heute brachten viele dieser Ereignisse auch starke Feuersbrünste mit sich, die Häuser und Ernten vernichteten, Menschenleben kosteten. Bereits in vergangenen Epochen hat dies aber die meisten Menschen, die hier leben, nicht verzagt, sondern offenbar für großen Zusammenhalt gesorgt, der zur Folge hatte und hat, dass Schäden schnell beseitigt und das normale Leben wieder aufgenommen werden konnten. 

In einer heute besuchten Ausstellung im Edo-Tokio-Museum fand ich den Satz "Fire And Fighting Are The Flowers Of Edo" - wie bizarr auf den ersten Blick und wie beeindruckend auf den zweiten! Aus Katastrophen stark werden, zusammenhalten zu können und eine von vielen Werten geprägte Gemeinschaft zu gestalten - das finde ich wundervoll! 

Montag, 21. Oktober 2019

Okinawa Experience I - Karate Seminar Isshin Ryu mit Andy Sloane

Gleich am ersten Tag auf Okinawa entdeckten wir das Asato Dojo. An der Tür stehen geblieben warfen wir einen Blick in das Dojo. Es fand grade Kindertraining statt. Wir kamen ins Gespräch mit dem aus England stammenden Inhaber, James Pankiewicz und er lud uns ein, am Folgetag an einem Karate Seminar der Stilrichtung Isshin Ryu mit dem aus den USA stammenden Sensei Andy Sloane teilzunehmen. Da fackelten wir nicht lange und sagten unsere Teilnahme zu!

Am nächster Tag besuchten wir zunächst den Naminoue Gu Schrein, direkt an Nahas einzigem Stadt-Strand (nicht besonders schön und direkt an einer Autobahnbrücke) und frühstückten im Nieselregen vor einem Family Mart. Dann ging es zum Asato Dojo - wir waren insgesamt nur 6 Trainierende zuzüglich Trainer: James und Josh aus England bzw. USA, ein Holländer, eine Okinawanerin, Torsten und ich. Trainer Andy Sloane ist ein auf Okinawa stationierter US Amerikaner (Pennsylvania).

Der Isshinryu Stil ist laut Auskunft des Senseis ursprüngliches Okinawa Karate, entwickelt von Sensei Tatsuo Shimabuko etwa um 1956. https://en.wikipedia.org/wiki/Tatsuo_Shimabuku Isshinryu ist eine Verbindung des Shorinryu und des Gojuryu Karate sowie des Kobudo. Bedauerlicher Weise gibt es wohl nur wenige Aufzeichnungen oder Filmaufnahmen mit Ausführungen von Meister Shimabuko. Zudem ließ dieser offenbar viele Freiheiten in der Ausführung seiner Vorgaben, so dass einige Technikdetails nicht mehr eindeutig nachvollziehbar oder erklärbar sind.



Das Seminar sollte drei Stunden dauern. Die ersten beiden Einheiten bestanden aus Kihon im Isshinryu Stil. Hierbei gab es einige Besonderheiten im Vergleich zu unserem Shotokan-Stil:
- Ungewohnte Fausthaltung (tate-tsuki, dabei den Daumen nicht außen vor die eingerollten Finger legen, sondern oben auflegen, so dass die Kuppe des Daumens gegen das mittlere Glied des eingerollten Zeigefingers drückt. Hierdurch soll die Faust stabiler werden. In der Tat erhöhte sich dadurch die Spannung in der Daumengegend. Meine Fäuste hatten jedoch, um die Spannung auszugleichen, dann die Tendenz, nicht mehr grade - als Verlängerung des Unterarms - zu verlaufen, sondern knickten zur Rückseite des Oberarms hin ab!
- Bei den Blocktechniken fehlte die letzte Drehung, was für mich zum Teil Sinn machte, da ein Block mit der Elle eine große Verletzungsgefahr birgt (besonders beim gedan  barei). So übten wir dann uchi uke, age uke und gedan barei mit "Blockfläche" Oberseite des Unterarms.
- Eine mae geri Variante wurde mit den Zehen getreten, indem man den zweiten Zeh über den großen Zeh legen sollte. Der Sensei trat dann ähnlich wie mae geri kekomi, nur dass die Trefferflächen die Zehen waren und von oben nach unten getreten werden sollte (Ziel möglichst Genitalien).

In den ersten 50 Minuten trainierten wir speziell den Oberkörper - jeweils mit zehn Schritten vorwärts. Tachi waza war eine Art hangetsu dachi, allerdings etwas breiter (Fußinnenseiten sollten so breit auseinander stehen wie die Außenseiten der Schultern). Vorgehen wie im hangetsu dachi (Füße halbkreisförmig nach vorne bewegen). Es wurden 15 genau festgelegte Techniken bzw. Technikfolgen - tsuki oder auch Blocktechniken und Konter bzw. Mehrfachfauststöße - ausgeführt. Das Kihon-Programm scheint im Isshin Ryu einem beinahe rituellem Muster zu folgen.

Im zweiten Trainingsdrittel gab es keri waza - bekannte Tritte wie mae geri, yoko geri keage und den schon oben beschriebenen Tritt mit den Zehen.

Zwischen Einheit zwei und drei gab es kote kitae - Abhärten des Körpers durch spezielle Drill-Übungen: Ein Partner führt choku tsuki aus, der andere schlägt mit shuto uke auf den ausgestreckten Unterarm - wenn man Pech hatte, wurde ein Nerv getroffen und die Lust auf die Übung ließ schlagartig nach! Die nächste Variante war choku tsuki, der mit uchi uke spiegelgleich geblockt wurde, der andere Arm ging überkreuz und griff den tsuki Arm, leitete ihn zur anderen Seite ab und der Block-Arm konterte.

Schließlich gab es noch die Kata Kusanku - eine Vor-Form unserer Kanku Dai https://www.youtube.com/watch?v=v-p4W803EpA Ich konnte erstaunlich leicht folgen und wir liefen die Kata etappenweise und mehrfach wiederholend durch. Auch hier ein paar Besonderheiten:  Zu Beginn der Kata ein Nach-Vorne-Beugen, bei dem man in den Gegner quasi hineinfällt. An zwei Stellen wurde mit dem hinteren Fuß auf den Boden gestampft, es sollte wohl ein kakato keri sein (mit der Ferse auftreffen) aber der Sensei hob nur die Ferse an und stieß sie wieder zu Boden. Die Kata hat zwei Kiai - allerdings absichtlich VOR einer Technik (in dem verlinkten Video scheint das anders zu sein)- um den Gegner zu verwirren.

Sensei Andy hatte einen sehr auffälligen Aufnäher auf seinem Dogi - eine Frauengestalt, die mit einem Drachen im Wasser ringt.


Darauf angesprochen, was es damit auf sich habe, erzählte er uns eine interessante Geschichte, die es im Wesentlichen auch hier nachzulesen gibt: https://www.goshinisshinryukarate.com/isshintryu-patch.html

Insgesamt war es ein sehr interessanter Nachmittag mit einem Karatestil, der nur noch von einer sehr kleinen Gruppe praktiziert wird. Gerne hätte ich auch noch die Kobudo-Seite des Stils kennen gelernt. Vielleicht beim nächsten Mal.


(enthält 330 Euro Weiterbezahlung Urlaub) 

Freitag, 11. Oktober 2019

Fujis Trainer trotzen dem Taifun

Für Torsten und mich stand im Oktober 2019 wieder eine wichtige Fortbildung in Japan an. Wir planten, zunächst bei André Bertel Sensei in Oita in sehr persönlicher 1:2-Kombination zu trainieren, um anschließend weiter nach Okinawa zu reisen – der Keimzelle unserer Kampfkunst! Die Reise ging wie immer über Tokio, Zielflughafen Narita.

Kurz vor Reisebeginn verfolgten wir Berichte von Freunden, die ebenfalls grade in Japan waren. Von einer Sorge darüber, ob die geplante Rückreise stattfinden könne, war die Rede – schließlich würde doch am kommenden Wochenende der Taifun Hagibis in Japan – speziell auch in Tokio – erwartet. Es sollte in diesem Jahr bereits der 19. Taifun sein – und es war zu erwarten, dass dieser alle voran gegangenen übertreffen sollte! Wie bitte? Taifun? Ohje – schnell stand fest, dass der Taifun vermutlich exakt mit unserer Ankunft zusammentreffen sollte! In erster Linie sorgten wir uns um unsere japanischen Freunde und auch unsere Freunde und Bekannten, die sich grade in Japan aufhielten: Aktuell fand schließlich das JKA-Autumn-Camp im Honbu Dojo statt, an dem auch unsere DJKB-Trainerriege, bestehend aus Thomas Schulze Sensei, Toribio Osterkamp Sensei und Markus Rues Sensei teilnahm. Japan würde sich für den Taifun wappnen: Ab unserem Ankunfttag sollten viele Flüge gestrichen und der öffentliche Nah- und Fernverkehr sollte eingestellt werden, alle Menschen wurden gebeten, sich mit Nahrungsmitteln für ein paar Tage einzudecken und ab Samstagmittag möglichst das Haus nicht mehr zu verlassen. 



Anfragen bei der Fluggesellschaft, die uns nach Japan bringen sollte, brachten zunächst Entwarnung: Von Besonderheiten bezüglich unserer Anreise, Flugstorni oder ähnlichem war nichts bekannt. Der Pilot, der den Flieger nach Tokio steuerte, kündigte dann auch lediglich an, es könne ggf. Tubulenzen beim Anflug geben. Taifun Hagibs würde erst am Nachmittag, also nach unserer Ankunft, Tokio erreichen. Letztlich war es wohl der ruhigste und entspannteste Flug, den Torsten und ich jemals hatten! 


Vielleicht hat mein Glücksbringer tatsächlich Glück gebracht :-) 


Allerdings gingen unsere persönlichen „Turbulenzen“ im Anschluss los! Wir hatten ursprünglich geplant, direkt am Ankunftstag per Shinkansen weiter nach Oita zu fahren, wo uns an den folgenden Tagen André Bertel Sensei erwarten würde. Aber nun war ja wegen des Taifuns der Shinkansen-Betrieb eingestellt und die Weiterfahrt unmöglich. Vom Flugzeug aus versuchten wir dann, kurzfristig ein Hotelzimmer zu buchen. Wegen der aktuell stattfindenden Großereignisse (Rugby-WM und Formel-1-Rennen) war das allerdings alles andere als ein Kinderspiel! Dennoch hatten wir Erfolg: Ein kleines Appartement in Shinjuku sollte es sein! Beruhigt verfolgten wir die Landung und ließen die nachfolgenden Einreiseprozeduren über uns ergehen. 

Als ich nachfolgend die konkrete Anschrift der Unterkunft ermitteln wollte, sah ich, dass man zuvor Kontakt mit dem Inhaber aufnehmen sollte, um den Schlüssel zu bekommen. Leider erhielt ich schnell folgende Info: „Sorry! Because of Taifun Hagibis we are not able to organize the key – you cannot sleep in this appartement!” Oh je – und jetzt? Eine schnelle Recherche ergab, dass der Markt der Unterkünfte inzwischen noch schmaler geworden war: Es gab einige Kapsel-Hotels (kleine „Schubladen“, in denen man sich zum Schlafen hineinlegen kann), ausreichend viele Hotelzimmer mit einem Preis oberhalb der 1000-Euro-Grenze – und noch einige Unterkünfte an der Bucht von Tokio. Hm – ein Zimmer mit „Meeresblick“ ist ja grundsätzlich verlockend – nicht aber im Anblick der sicher 20-Meter hohen Wellen, die angekündigt worden waren! 

Inzwischen waren wir im öffentlichen S-Bahn-Netz Tokios angelangt und empfanden die Atmosphäre als immer bedrohlicher. Die Weltmetropolo Tokio – eine Millionenstadt – wirkte wie ausgestorben! Die Straßen waren wie leer gefegt, in den S-Bahnen kaum ein Mensch, beinahe alle Geschäfte geschlossen! An einer S-Bahn-Station sprach ich eine Bahn-Angestellte an und fragte, ob sie eine Idee hätte, wie wir noch an ein Hotelzimmer kommen könnten. Ruckzuck kamen drei ihrer Kolleginnen dazu, die eigentlich dort eine Fahrkartenauskunft betreuen sollten, und versuchten sehr emsig, uns zu helfen! Sie sahen im Internet nach und riefen bei verschiedenen Hotels an - aber auch alle Unterkünfte, bei denen sie anfragten, waren ausgebucht! Letztlich beschlossen wir dann, doch ein Hotel an der Bucht zu nehmen – es blieb uns einfach nichts anderes übrig! 

Mit einem einzelnen Mann im Abteil fuhren wir per Yamanote Line Richtung Hotel. In der S-Bahn kam immer wieder die Ansage, dass auch diese Bahn wegen des nahenden Taifuns bald den Betrieb einstellen würde und es könne länger dauern, bis die Bahn wieder fahren könnte, da große Schäden erwartet würden. Oh Mann - das Szenario wurde immer bedrohlicher! 

An der Station angekommen, peitschte direkt der Regen auf uns los! Von Sturm war noch nicht viel zu spüren, aber Regen, Regen, Regen! Ruckzuck war auch meine Regenjacke schon durchweicht, die Schuhe von oben mit Regen gefüllt! In dem S-Bahnhof herrschte gähnende Leere! Erst, als wir die Treppe hoch auf die Straße nahmen, kam uns jemand entgegen, den wir auch direkt nach dem Weg fragten. Hilfsbereit, wie wir es in Japan von jedermann gewohnt wind, wurde uns sofort der Weg gezeigt. Zu unserem großen Glück fuhr zufällig grade ein Taxi vorbei, welches auch direkt für uns anhielt. Der Taxifahrer tat mir etwas Leid, da wir mit unserer inzwischen schon tropfnasser Kleidung und unserem nassen, sperrigen Gepäck in sein blitzsauberes Taxi sprangen - und dann auch nicht sehr weit fuhren, bis wir am Hotel waren! 

Neben dem Hotel hatte doch tatsächlich noch ein 7/11-Geschäft geöffnet - allerdings waren die Regale schon sehr geplündert! Wir konnten uns mit ein paar Kleinigkeiten eindecken, bevor wir ins Hotel gingen. 

Bis zum Bezug der Zimmer mussten wir etwa zwei Stunden im Foyer verharren. Der Regen wurde immer heftiger und am Hintereingang des Hotels hatte man bereits kleine Wassersperren errichtet, damit kein Wasser von der abschüssigen Garage ins Haus fließen konnte. 

Dann bezogen wir unser Zimmer - im 13. Stockwerk! Ausgerechnet! Von da aus hatten wir natürlich eine großartige Aussicht - auf viele andere Hochhäuser und die Straße unten. Die Bucht konnten wir nicht direkt sehen. Aber viel Regen, Regen, Regen....




 



Irgendwann am Nachmittag meinte Torsten etwas enttäuscht: "Mensch, für das Geld (immerhin umgerechnet etwa 350 Euro die Nacht für ein Doppelzimmer) hätte ich jetzt etwas mehr Action erwartet! Da ist ja Münster bei jedem Herbstregen spannender!" Ich muss gestehen, dass ich selber sehr froh war, dass alles draußen irgendwie noch normal wirkte....so suchte ich gegen 17 Uhr den Hotel-Onsen (ein aus heißen Quellen gespeistes Bad) auf. 


Als ich gegen halb sieben wieder auf dem Zimmer war, legte ich mich aufs Bett, um etwas zu entspannen. Ich blickte zufällig in Richtung Fenster und bemerkte, dass der Seilzug der Jalousie sich bewegte. Komisch! Es ging doch kein Luftzug durchs Fenster, oder? "Guck mal Torsten - komisch - der Seilzug wackelt! Wie kann das sein?" "Hm - weiß nicht. Wackelt halt," war die wenig hilfreiche Antwort. Nun erklang im Hotelflur eine Art Gong mit der Melodie von Big Ben. Wir hatten keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte! Plötzlich erklangen von draußen, also von der Straße, Ansagen über Lautsprecher - allerdings auf Japanisch, so dass wir kein Wort verstehen konnten! Schließlich erschien noch wie von Geisterhand auf unseren Handy-Displays ein mit japanischen Schriftzeichen verfasster Text, dessen Inhalt uns ebenfalls ein Rätsel war - und der verschwand, sobald wir die Handys entsperrt hatten! 

Das war mir alles sehr gruselig und so fuhr ich mit dem Aufzug zum Empfang runter und fragte nach, was das alles zu bedeuten hätte! Der Mensch am Empfang sprach nicht sehr gut Englisch und verkündete nur, dass die Warnung "nicht für diese Region" gewesen sei. Mir war immer noch nicht klar, um was für eine Warnung es sich gehandelt haben könnte. Ich fuhr wieder hoch - noch nicht so richtig beruhigt - und legte mich wieder aufs Bett. Via facebook hatte ich eine Nachricht von meiner Freundin Barbara aus Wilhelmshaven erhalten: "Wie war denn das Erdbeben vorhin?" Das WAAAAAS? Nun machte alles einen Sinn - der wackelnde Seilzug, der Big-Ben-Alarm, die Ansage draußen und auch die Schriftzeichen auf den Handy-Displays! Ein Erdbeben! Später erfuhren wir, dass das Epizentrum des recht leichten Bebens etwa 50 km entfernt, in der Region Chiba gelgegen hatte. 

Um 21.30 ging dann der Sturm los – und zwar so, dass das ganze Hochhaus ins Wanken geriet! Natürlich weiß ich, dass es wichtig und gewollt ist, dass Hochhäuser sich bei Sturm bewegen! Aber wenn man dann oben im 13 Stock ist, ist das trotzdem recht furchteinflößend! Unten auf der Straße waren immer wieder Feuerwehr-Fahrzeuge zu sehen und gegen 22 Uhr fuhren dort sicher 12 dieser Fahrzeuge Streife! Sie hatten offenbar die nahe Bucht im Blick - denn der Höhepunkt des Taifuns sollte auch noch mit der Flut zusammentreffen! Und gegen 23 Uhr war dann der Ganze Spuk vorbei! "Weißt Du, was jetzt passiert?", fragte ich Torsten. "Jetzt stehen alle Bahnbediensteten auf und fahren zur Arbeit, bringen alles in Ordnung, damit morgen früh um 6 Uhr alle Züge wieder fahren." So ist Japan! Aber wir konnten jetzt erstmal: Schlafen!

Am nächsten morgen sah man auf den Straßen Tokios – nichts! Und die Bahnen fuhren tatsächlich auch wieder – allerdings mit sage und schreibe 5 Minuten Verspätung! Als wäre dies an diesem Morgen die normalste Sache der Welt, buchten wir Sitzplätze in Zügen, die uns nach Oita bringen sollten und wir waren nach gut 7 Stunden dort und konnten dort unser Hotel beziehen.




Rückblickend hatten wir wohl richtig Glück gehabt! Der Höhepunkt des Taifuns war nämlich nicht - wie befürchtet - an der Küste zum Tragen gekommen, sondern etwa weiter landeinwärts. Insgesamt hatte Hagibis 88 Menschen das Leben gekostet! Und ein Drittel der Shinkansen-Flotte ist buchstäblich abgesoffen! 


Sonntag, 15. September 2019

André Bertel Sensei im Fuji San und in Halle (Westf.)

Unser Karatefreund Peter Lampe hatte auch in diesem Jahr den mit uns befreundeten Sensei André Bertel für einen Lehrgang ins westfälische Halle eingeladen. Der Lehrgang sollte Samstag und Sonntag stattfinden. André Sensei reiste bereits am Mittwoch an und Torsten und ich bekamen eine Einladung zu einem exklusiven und internen Dojo-Training mit diesem hochkarätigen Trainer am Donnerstag. In einer Gruppe von ca. 50 Karateka kamen wir in den Genuss einiger vertrauter und auch neuer Bertel-Tools. Unter anderem trainierten wir traditionelles gohon-kumite und André Sensei betonte, dass jede Kumite-Form ihre Bewandtnis habe: Gohon kumite lehrt das Fliehen (escape), kihon ippon kumite lehrt "groundpower" und jiyu ippon kumite vermittelt "compression & expansion". Jiyu kumite kann entweder "um Punkte" ausgeführt werden (rein sportlicher Wettkampf) oder um im Dojo oder bei eher traditionellen Wettkämpfen seine "Skills" zu überprüfen. Im Anschluss an das Training gingen wir noch gemeinsam mit dem Sensei essen. Eher aus Spaß fragte ich unseren Karatefreund Peter: "Was macht Ihr eigentlich morgen (Freitag)?" "Wir fahren nach Köln zum Sightseeing, den Kölner Dom besichtigen und so." "Was wollt ihr in Köln? Kommt doch besser nach Münster! Das ist nicht so weit, hat auch nen Dom und abends kommt ihr zu uns ins Dojo." ....

Ein wunderbarer Trainingsabend im Fuji San mit Gasttrainer André Bertel Sensei!

Ich staunte nicht schlecht, als ich Freitagmittag via Messenger eine Nachricht erhielt: "Planänderung! Wir kommen nach Münster! André möchte heute Abend bei Euch ein Training geben. Geht das?" GEHT DAS??? Was für eine Frage! Ich konnte es kaum glauben und meine Freude war unermesslich! Sofort wurden alle interessierten Fujis mobilisiert und wir starteten zunächst ohne den Sensei mit unserer regulären Trainingseinheit. Gegen 18 Uhr kam dann nicht nur der Sensei - sondern auch noch meine zwei lieben Karatefreunde aus Wilhelmshaven, Barbara und Claus! Die hatten sich spontan ins Auto gesetzt, um an diesem besonderen Training teilzunehmen.

 



Insgesamt waren wir rund 40 Fujis und Freunde, die sich von André Sensei inspirieren ließen! Wir starteten mit Kihon á la Bertel und setzten das quasi im PartnerInnen-Training um. Im Anschluss wurde jede/r von uns nach einer Lieblingskata gefragt und in Gruppen übten alle ihre jeweilige Kata. Der Sensei ging von Gruppe zu Gruppe und gab sehr individuelle Korrekturvorschläge. So ein intensives Training mit individuellen Korrekturvorschlägen face do face - das ist wohl sehr selten und da können sich alle Fujis glücklich schätzen!

 







Nach dem etwa zweistündigen Training kehrten wir in unser Stammlokal Lido ein und fachsimpelten bei guter, italienischer Küche. Bevor Peter und der Sensei wieder heimfuhren, viel mir ein: Für diesen Tag war ja eigentlich Sightseeing vorgesehen! Und so fuhren wir kurzerhand in die nächtliche Altstadt. Torsten gab - wie immer sehr eloquent und fachlich fundiert - sein historisches Wissen über Münster zum Besten ... Wiedertäufer, Rathaus des Westfälischen Friedens, die Furt, an der Münsters erste Siedlungen ansetzten und vieles mehr. Es war ein sehr kurzweiliger Abend, der in eine unterhaltsame Nacht überging. Erst nach Mitternacht traten Peter und André den Heimweg an.

Am Samstag fand in Halle der erste Teil des Lehrgangs statt. Da ich fast allen TrainerInnen unseres Dojos die Teilnahme am Lehrgang ans Herz gelegt hatte, musste ich im Dojo die Stellung halten auf den ersten Lehrgangstag verzichten! Ich stieß am Samstagabend dazu und konnte mich dann noch über die sehr schöne Abendveranstaltung freuen.

Sonntag morgen starteten wir nach einem Warmup von Torsten mit einer kleinen Drill-Kombination. André Sensei legte Wert darauf, zu unterscheiden, dass ein Drill eben keine realistische Anwendung ist, sondern nur eine Übungsform, um Bewegungsmuster einzuschleifen. Tori griff an mit tsuki chudan, uke machte einen Gleitschritt nach hinten und blockte den tsuki mit dem vorderen Arm (teisho). Dann umsetzen und empi chudan, gefolgt von age empi, tori packen und wegschubsen. Tori greift erneut an, uke dreht sich raus, kontert mit empi, Arm greifen, tori herunterdrücken und konter mit otoshi empi. Insgesamt waren in den PartnerInnen-Übungen des Lehrgangs viele der für Andrés Trainings typische Rotationsbewegungen und -kombinationen wiederzufinden.

Im Anschluss gab es die berühmt-berüchtigte mae-geri-Kombination, bei der uke versuchen sollte, unter dem mae geri herzutauchen. Diese Übung war eine der Spezialtechniken des Meisters Asai, dem Lehrer André Bertels. Wie auch vor einigen Jahren in Krefeld mussten Torsten und ich auch diesmal erfahren, dass wir noch lange nicht über den Meistergrad Asais verfügen und dass diese Technik wohl so schnell noch nicht zu unserem Standardprogramm gehören wird.



Lockerheit in den Armen, peitschenartige Bewegungen, die das Starre aus unseren Körpern lösen sollten und durch Schleudern und Schnappen und Ausnutzen der Zentrifugalkraft für effektive Techniken sorgen - das sind weitere typische Merkmale á la Bertel! Wir übten dieses Schwerpunktthema an unseren PartnerInnen, in dem wir mit großem Schwung der Arme Techniken wie washide oder kumade auf den oberen Teil des Karate-Gi unseres Gegenübers prasseln ließen. Bei gelegentlichem Körperkontakt konnte man einen Eindruck von der Effektivität dieser lockeren Techniken erleben! Techniken dieser Art können nach Empfehlung André Senseis etwa als iriguchi waza eingesetzt werden - also als Auftakttechnik, um Verwirrung zu stiften, bevor die eigentliche Kontertechnik platziert wird.





Diese Lockerheit war dann der nahtlose Übergang zum Highlight des Tages, der Kata Rakuyo, welche sich eben durch diese gewisse Lockerheit auszeichnet, die an herabfallendes Herbstlaub erinnern soll. Ich war beeindruckt, wie schnell unsere Kids die Kata lernten und wie exakt sie die Techniken ausführten! Da können wir schon echt stolz sein auf unseren Nachwuchs! Ole, Justus und Juliane (Kai konnte krankheitsbedingt am zweiten Tag leider nicht teilnehmen) hatten auch sichtlich Spaß an den vielen zum Teil recht ruppigen Drills und Partnerübungen! Gerrit, der bereits zum zweiten mal dabei war, wurde bei den Partnerübungen meist von Ole herausgefordert und kam wohl auch ordentlich auf seine Kosten!

Torsten und ich werden in wenigen Wochen André Bertel in Oita besuchen und freuen uns schon sehr auf weiteres Feintuning und viele weitere Tipps. Im kommenden Jahr stehen bereits jetzt zwei Bertel-Seminare in Deutschland fest. Wir werden dabei sein :-)

Kata Rakuyo Asai Shihan und Bertel Sensei: https://www.youtube.com/watch?v=M9RkoJmxKtw

Kata Rakuyo in voller Länge: https://www.youtube.com/watch?v=5CcnKSR0vF8