Vor ein paar Wochen flatterte eine Turnierausschreibung in meinen Mailbriefkasten: Samstag, 13.09.2008: Stadtmeisterschaft in Siegen. Ich hätte dem Ganzen vermutlich nicht viel Bedeutung beigemessen, hätte ich nicht zufällig beim diesjährigen Gasshuku in Hannover auch einige Karateka aus Siegen kennengelernt. Also mal näher angeschaut, die Ausschreibung und was seh ich? Das Turnier ist auch für Dan-Träger(innen) offen! Das ist ja mal selten und wie oft hatte ich mich schon geärgert, dass es so wenige realistische Möglichkeiten für Karate-Omis wie mich gibt, Erfahrungen zu sammeln, wenn es darum geht, zu "trainieren, worauf es ankommt", wie mein Sensei Risto immer so schön sagt. Also mal ausgedruckt und im Dojo ausgehängt. Zunächst fanden sich einige potenzielle Mitstreiter und ich plante, meinen Van mit fünf bis sechs Kämpfern zu füllen. Letztlich trug sich aber nur ein Mann auf der Liste ein und ich bezweifelte schon, ob es sich lohnen würde, nur zu zweit zu fahren. Mein Mitstreiter war aber recht engagiert und wollte unbedingt fahren, da konnte ich ja jetzt schlecht einen Rückzieher machen! Ausgerechnet am Tag vor dem Turnier fand noch meine Abteilungsfeier statt und ich ärgerte mich schon ein bischen, dass ich hier nicht "Vollgas" geben konnte. Als mich dann mittags mein Mitfahrer anrief und mitteilte, er sei verletzt und könne nun doch nicht starten, war ich fast erleichtert! Also per Anruf beim Ausrichter abgesagt. Mein Gesprächspartner war "not amused" und bat mich, mir doch meinen eigenen Start noch zu überlegen....ich sagte zu, bis Freitagabend noch zurückzurufen. Nach dem Mittagessen sah ich, dass er noch einmal versucht hatte, mich anzurufen und rief zurück: Er wolle mich ja nicht überreden oder so, aber es sei ja schon schade, wenn ich nicht käme....naja, wenn man schon mal sooooo lieb gebeten wird, dann kann man ja schon fast nicht mehr nein sagen... Also hab ich bei der zur Abteilungsfeier gehörenden Ralley mal eben mit zum Sieg beigetragen und dann nach ein paar alkoholfreien Getränken gegen 21 Uhr die Veranstaltung verlassen.
Nachdem ich am Samstag die wichtigsten Haushaltstätigkeiten und Einkäufe erledigte hatte, fuhr ich dann mit guter Musik am Ohr nach Siegen. Meine "Else" navigierte mich wieder wild in der Innenstadt des Zielorts umher, bis ich dann gegen 11.30 Uhr die Turnhalle erreichte. Ich wurde direkt von Moritz Kachel begrüßt, einem meiner Gasshuku-Bekanntschaften. Mein erster Start in der Disziplin Kata zog sich dann doch noch etwas hin und ich konnte schon mal meine "Konkurrenz" beschnuppern. Niemand, den ich vom Namen her kannte - aber vom Sehen her kam mir dann meine erste Gegnerin in der Disziplin Kumite bekannt vor. Sie stellte sich dann auch vor: Carina Kolb aus Köln, trainiert fast täglich bei Jörg Reuss. Oha, da sollte ich also direkt im ersten Kampf quasi "Britt Weingangds kleine Schwester" gegen mich haben, na toll! Und die übrigen drei Damen hatten alle ein Freilos?!?! Wie kann denn das sein? Naja, egal, et kütt wie et kütt....
Kata - oha....ich hatte mich ja nicht wirklich intensiv auf das Turnier vorbereiten können. Zwar hatte ich regelmäßig trainiert - aber was heißt schon regelmäßig? Ein bis zweimal die Woche und dann noch schnell am Donnerstag eine knappe Stunde Festigung der Heian Katas fürs Gewissen. Zum Glück hatte ich mir noch kurzfristig, so rein vorsorglich, versteht sich, eine Kata fürs Finale überlegt, aber eigentlich rechnete ich ja nicht damit, über die Vorrunden hinauszukommen. Natürlich kam da nur die Sochin in Frage, die ich ja in den vergangenen Monaten wegen der Dan-Prüfung am häufigsten geübt hatte. Es stellte sich dann heraus, dass wir bei Kata sogar nur zu viert waren. Also fiel die Vorrunde aus! Na, so ein Glück! Also war mir der Vierte ja schon sicher und vielleicht reichts ja noch für den Dritten! Wir bekamen kurz erklärt, dass wir quasi eine "Proberunde" laufen sollten. Das Ergebnis entschied allein über die Startreihenfolge in der "echten" Runde. Die anderen Mädels entschieden, sich ihre Kürkata für die entscheidende Runde aufzuheben und zeigten beim ersten Mal verschiedene andere Katas. Ich wollte mich aber nicht durcheinander bringen und machte zur Sicherheit gleich die Sochin. Und gleich Vollgas - die Kampfrichter sollten sofort sehen, dass es bei meiner Kata um Leben und Tod ging! Ich weiß gar nicht mehr welche Punktezahl ich bekam und auch nicht wirklich mit, in welcher Reihenfolge wir dann starten sollten. Alles war irgendwie egal. Es zählte nur noch SOCHIN. Dann war ich wieder dran. Ich stellte mich vor den Hauptkampfrichter und sagte entschlossen meine Kata an. Er und ich - wir fixierten uns mit den Blicken und ich ließ ihn erst wieder los, als ich vor der ersten Drehung den Blick nach links wenden musste. Das war schon ein geiles Gefühl - so ganz für den einen Moment da zu sein. Ich hörte und sah nichts mehr um mich herum. Das erste Kiai war so laut, dass es mir fast selber Angst machte! Und dann kamen letzten Techniken. Uchi-Uke nach links, Oi-Tsuki. Dann Uchi-Uke nach rechts und nochmal Uchi- Uke .... häää? Da muss doch eigentlich auch ein Tsuki hin! Ach Du Sch.... falsche Technik! Ich merkte es für den Bruchteil einer Sekunde - aber eigentlich wars egal - der imaginäre Gegner hatte auch die falsche Technik nicht überlebt - so stark und kraftvoll fühlte ich mich. Souverän brachte ich die Kata bis zum zweiten Kiai und stellte mich dann würdevoll in Shizen-Tai, als wäre nichts passiert. Als ich die Wertung sah, war es mit meiner Kraft und Stärke aber vorbei und ich wär fast ohne fremdes Zutun k. o. gegangen: 6,8 - 6,8 - 6,8 - 6,6 - 6,7! Wow! Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine Wertung bekommen zu haben! Carina nahm mich sofort zur Seite:"Mensch, da haste aber Glück gehabt! Dass Du eine falsche Technik gemacht hast, hat keiner gemerkt!" Das Mädel, das als letzte startete, war so eine klasssiche Kata-Frau: zierlich, hübsch, elegant...aber sie machte leider die falsche Kata, nämlich auch die Sochin! Zu ihr hätte besser etwas "leichtes" gepasst, Nijushiho oder vielleicht Chinte. Der Meinung waren dann auch die Kampfrichter und der Hauptkampfrichter meinte zu ihr anschließend: "Mensch, Maike, wär das ein Aufsatz gewesen, würd ich jetzt sagen "Thema verfehlt"." Ich riskierte einen ungläubigen Blick auf die Wertungsliste und konnte mein Glück nicht fassen - ich hatte tatsächlich den ersten Platz gemacht!
Das Kumite war dann sehr unspektakulär: Ich hatte entschieden, dass ich gegen einen Tiger wie Carina nur eine Chance habe, wenn ich nach vorne stürme. Hatte mir zwei Kombinationen überlegt, die ich ausprobieren wollte. Leider fehlt mir aber irgendwie jegliches Auge für die richtige Lücke und überhaupt die Erfahrung, mit solchen Gegenerinnen umzugehen. Zudem habe ich offenbar erhebliche Schwächen im Block und wurde so zweimal sehr sauber mit Kizami Jodan abgekontert. Eigentlich wäre jede Technik für sich schon ein Ippon gewesen, Carina erhielt aber nur je einen Wazari. Sie hatte dann letztlich aber wohl auch kein Glück und überraschender Weise nur den Dritten Platz erreicht. Aber so ist das nun mal auf einem Turnier - es kommt auf die Wahl der richtigen Kata an, auf ein bischen Losglück, auf die Leistungsfähigkeit in genau dieser einen Minute und manchmal auch einfach auf das Auge der Kampfrichter.
Wichtig ist immer, dass man vor dem Kampf den Puls runterbringt und die Aufregung in den Griff bekommt. Hier haben mir tatsächlich die Eindrücke von Jörg Ganterts CD "Mentaltraining für Kampfsportler" geholfen.
Die Turnierteilnahme habe ich auf jedenfall keine einzige Sekunde lang bereut. Vielleicht wäre das anders gewesen, hätte ich nicht einen so schönen Pokal (und eine Tüte Gummibärchen) mit nach Hause genommen. Aber ich denke auch in dem Fall hätte ich einfach einen schönen Karatetag gehabt mit sehr vielen netten Leuten um mich herum, vielen alten und einigen neuen Bekannten, die man sicher irgendwann bald wiedersieht. Für mich steht jedenfalls fest: Karate ohne Wettkampf ist wie Tanz ohne Musik oder wie Schwimmen ohne Wasser - es fehlt etwas ganz Entscheidendes!
Oss, Icky
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