Das war gestern ein sehr anspruchsvolles und abwechselungsreiches Karatetraining. Ohne uns wie häufig mit Kihon aufzuwärmen, ging es direkt los mit Partnertraining. Wie schon erwartet, wurde diesmal De-Ai trainiert, allerdings nicht, wie wir uns gegenüber einem De-Ai-Mann verhalten sollten, sondern wie man De-Ai durchführt. Beide stehen links vor im Kamae. Tori greift an mit Kizami-Tsuki, Uke blockt nicht, sondern geht direkt unter dem Kizami, fast links am Partner vorbei mit Gyaku-Tsuki vor. Jörg sagte gleich, wer Faustschützer dabei habe, sollte sie besser anziehen, es sei nicht ungefährlich. Zudem sollten wir auf die Stirn zielen, nicht wie gewohnt auf das Kinn. So blieben wenigstens die Zähne und die Nase heile, falls Uke "pennt". Das ging anfangs mit Andreas ganz gut. Dann hatte ich Sensei Jörg als Partner. Wir standen uns gegenüber, er Tori, ich Uke - ich wartete seinen Angriff ab ... und ... sah ihn gar nicht kommen, sondern spürte nur einen dumpfen Schmerz in meinem Gesicht. Voll auf die Zwölf! Und ich habs nicht mal mitbekommen! Unglaublich. Noch einige Male griff mich Jörg recht schnell an. Dann sah er wohl ein, dass ich auf diesem Niveau einfach nicht mithalten konnte. Er übte dann mit mir langsamer und ich bekam ein besseres Gefühl. Dasselbe übten wir dann noch mit Angriff Gyaku-Tsuki, was schwieriger sein sollte, mir aber leichter vorkam.
Angriff Kizami oder Gyaku-Tsuki übten wir in vielen Variationen. Das war sehr gut für mich, denn hier gibt es noch viel zu tun. Eine schöne Übung bestand darin, den Partner quer durch die Halle zu scheuchen mit Angriff Gyaku-Tsuki. Der Abstand sollte anfangs so gewählt werden, dass man den Partner mit dem Gyaku-Tsuki grade am "Kittel" erwischte. Der Partner sollte dann zusehen, mit Suri-Ashi zurückzugleiten. Anfangs fehlten mir beim Vormachen der Übung mit Sensei Jörg immer ca. 10 cm bis zum Ziel. Dann dachte ich, das gibts doch nicht, was bist Du doch für ne Weichwurst! Und dann setzte ich um, was Sensei Risto immer predigt: An den Hikite-Arm denken, den weit zurück ziehen! Und prompt sah ich ein belustigtes Flackern in Jörgs Augen - ich war drin!
Ein andermal zogen wir eine große Bahn am äußeren Rand des Trainingsraumes, nur im Zenkutsu-Dachi mit Gyaku-Tsuki. Das schult!
Mentales Training stand generell im Fokus dieser Einheit. Nicht nur das Partnertraining am Anfang - es waren insgesamt viele Übungen enthalten, bei denen es um das Wollen und Durchhalten ging. So trainierten wir Mae-Geri mit dem Standbein auf dem Bauch des Partners, anschließend legten wir uns nebeneinander auf den Boden, um abwechselnd den Oberkörper aufzurichten und dem Partner einen Gyaku-Tsuki zu verpassen. Hier spornte mich Maicel unermüdlich an und meckerte, ich würde nicht feste genug schlagen ;-)
Das Randori mit Daniel wurde diesmal auf ausdrücklichen Wunsch des Trainers zu einem "Mit-", statt zu einem "Gegeneinander" und so rühren die blauen Flecken an meinen Unterarmen wohl diesmal hauptsächlich von der Übung, als wir am Bo (der eine Partner sollte den Stock in Schulterhöhe mit ausgestreckten Armen im Kiba-Dachi stehend halten) eine Art Soto-Uke (Daniel, weißt Du noch, wie die Technik richtig hieß?) üben sollten.
Am Ende liefen wir Gojoshiho Sho. Oh je, was hab ich mich abgehampelt! Jörg wollte eine Technik an mir demonstrieren: ein Griff mit der offenen Hand (Handfläche nach oben) zum Hals des Gegners. Die Finger bohren sich dabei in äußerst empflindliche Stellen. Ich spürte nur kurz seine Hand am Hals, dann wurde mir ganz komisch und ich bekam plötzlich keine Luft mehr. Erschocken ließ Jörg von mir ab und entschuldigte sich tausendmal, während ich japsend und röchelnd versuchte, wieder einen sicheren Kiba-Dachi einzunehmen. Es war ihm wohl unglaublich peinlich, mich so ausgeknockt zu haben - aber eigentlich hat er doch nur sehr wirkungsvoll gezeigt, dass die Technik funktioniert ;-)
Als Wiedergutmachung durfte ich mir zum Schluss der Einheit noch zwei hohe Katas wünschen. Ähhhh, ja, dann machen wir doch mal - Chinte, dachte ich. Jörg lachte sich halb kaputt - war doch in der Chinte eine ähnliche Technik enthalten, wie die, mit der er mich eben ko gesetzt hatte. Natürlich war das in diesem Moment nur IHM bewusst. Zum Schluss liefen wir noch die wunderschöne Gangaku. Ich glaube, die könnte ich mir viel eher als meine nächste Prüfungskata vorstellen als die Kanku-Sho....
Ich war übrigens sehr überrascht, als mir Ellen aus Belgien in der Umkleidekabine erzählte, dass in ihrem Heimatland die Danprüfung einen schriftlichen Prüfungsteil (vor dem praktischen) hat!
Alles in allem wieder mal ein sehr anspruchsvolles Training auf höchstem mentalen und koordinativen Niveau, das diesmal allerdings nicht an konditionelle Grenzen ging. Gott sei Dank - schließlich hab ich gleich meinen LVM-Firmenlauf....
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