Sonntag, 16. Januar 2011

Das Ego stirbt auf dem Kissen

Das Verb sitzen war für mich bislang immer eher negativ besetzt - sitzenbleiben in der Schule, im Gefängnis "sitzen" oder auch die Werbung für ein Abführmittel: "Wer soviel sitzt, sitzt hier (auf dem WC) oft vergeblich." Dennoch begab ich mich heute freiwillig zu einer ganztägigen Veranstaltung, bei der Zen-Meditation praktiziert werden sollte. Einen ganzen Tag (na gut: in Wahrheit nur von 10 bis 16 Uhr) lang stillsitzen, nicht reden und sogar: nicht denken. Warum sollte ausgerechnet ich mit meinen tausend sprühenden Gedanken pro Sekunde mich darauf einlassen?

Auslöser war eine Bahnfahrt vor zwei fast genau zwei Jahren, während der ich Katharina Gaßmann kennenlernte. Wir fuhren beide Richtung Würzburg und kamen ins Gespräch, erst im Abteil, dann im Zugrestaurant, schnell waren wir per Du und als ich erfuhr, dass Katharina Zen-Lehrerin ist, kam mir sofort die Idee, dass wir mal eine gemeinsame Aktion für den Karateverein starten sollten. Ruckzuck waren die Telefonnummern ausgetauscht. Wir entschieden, uns nicht in unserem hellhörigen Dojo in Münster zu treffen, sondern in dem auch sonst von ihr genutzten Meditationsraum im Jugendkloster Bottrop Kirchhellen.

Und heute war es endlich so weit: Mit sage und schreibe 21 Personen reisten wir nach Bottrop. Dort wurden wir erst einmal natürlich von Katharina und sogar auch von dem recht hemdsärmeligen Pater Benedikt begrüßt.

Katharina führte uns zunächst in einen Schulungsraum. Dort gab es eine kleine theoretische Einführung. Ziel der Meditation ist das Erlangen innerer Gelassenheit. Man soll lernen, (Sorgen, Bedürfnisse, Ängste, Gedanken) loslassen zu können. Auf dem Weg dorthin ist das eigene Ich, das Ego, das größte Hinternis, so Katharina. Und das kann man durch Meditation überwinden, denn:"Das Ego stirbt auf dem (Meditations-)Kissen."

Anschließend ging es ein Stockwerk höher in den Meditationsraum. Dieser war sehr stimmungsvoll ausgestattet: Katharina und ihre Assistentin Agnes hatten für uns bereits Decken und Meditationsbänkchen (statt Kissen) im Kreis ausgelegt. Zudem gab es einen riesigen Gong und viele weitere klassische "Meditationsgerätschaften".

Zunächst unterwies uns Katharina in der richtigen Meditationshaltung: Wir setzten uns hierfür auf die Bänkchen und legten die Füße unter die Bank, so dass wir knien konnten, ohne dass unser Körpergewicht die Beine belastete. So verharrten wir eine ganze Weile mit geschlossenen oder halb geöffneten Augen. Katharina unterstützte unsere Kontemplation, unseren Blick nach innen, wie die Meditation auch genannt wird, durch das Vorlesen spezieller Texte. Diese hatte sie auf meinen Wunsch hin nicht nur der christlichen Mythologie entnommen (was natürlich Pater Benedikt gefreut hätte ;-) sondern es gab auch zahlreiche Texte aus Fernost.

Das Sitzen fiel wohl uns allen nicht leicht. Irgendwann drückte oder zwickte es irgendwo oder es schliefen einem die Beine ein. Katharina hatte für uns Anfänger daher im Wechsel mit den sitzenden Phasen auch Kinhin vorgesehen, eine Meditation im Schreiten oder Gehen. Wir gingen alle im Kreis, dabei ganz bewusst die Füße aufsetzend. Die Hände hatten wir in einer speziellen, der Yoi-Haltung aus Bassai Dai, Jion etc. nicht unähnlichen Haltung vor dem Bauch zu führen. Auf Katharinas Zeichen hin (ein ganz gemeines Geräusch, verursacht durch das Gegeneinanderschlagen zweier Klanghölzer), sollten wir uns wieder auf unsere Plätze begeben. Beim ersten Mal drehten wir uns alle automatisch herum, um zu unseren Bänkchen zu gelangen. Aber nein! Bei der Zen-Meditation geht man nicht zurück, es geht immer nur vorwärts! :-) Kurz vor dem Mittag gönnte unsere Zen-Lehrerin uns noch eine Entspannungsübung, bei der wir auf dem Rücken liegen sollten. Hier übermannte, den verdächtigen Atemgeräuschen nach zu urteilen, den ein- oder anderen Teilnehmer doch die Müdigkeit ;-) Einzuschlafen ist aber natürlich nicht das Ziel der Mediation. Ziel ist vielmehr eine innere Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Präsenz. Nach einer ausgiebigen Mittagspause, bei der Katharina mich entsetzt ansah, als ich einen Kaffee trinken wollte (ich bereute es später selber, weil mein Herz die ganze Zeit so klopfte), ging es noch einmal zwei Stunden weiter.

Dass wir alle kein Satori an diesem Tag erfahren würden, war uns wohl im Vorfeld bewusst. Für uns, als Meditationsneulinge, war es erst einmal schon gut, wenn wir es schafften, eine zeitlang an keinem Gedanken kleben zu bleiben. Das war für mich wirklich nicht einfach! Am Anfang zogen die Gedanken und Eindrücke durch meinen Kopf wie D-Züge durch einen Bahnhof! Kurz vor dem Mittagessen hatte ich dann eine Phase, in der ich tatsächlich mit heiterer Gelassenheit "loslassen" konnte oder, wenn mir das nicht gelang, nicht mehr so ärgerlich auf mich selbst zu sein. Als würde Katharina spüren, wenn uns die Konzentration verlässt, stellte sie zwischendurch immer wieder die Frage in den Raum:"Seid ihr noch wachsam?" Und sie ermunterte uns immer wieder:"Ihr sollt denken: Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, setze ich immer wieder neu an." Hilfestellung war z. B., die Atemzüge zu zählen, immer bis 10, dann wieder von vorne beginnen.

Nach dem Mittag gab es eine Meditationsphase, in der Katharina uns buddhistische Mönchsgesänge vorspielte. Spontan hätte ich gedacht, dass ich mich hierbei besser ZEN-trieren könnte, als in der absoluten Stille und ich war dann recht überrascht, dass das nicht der Fall war. Insgesamt war für mich nachmittags auch irgendwie die Luft raus, was ja auch sehr passend ist, da die Atrmung ja ein ganz zentraler Bestandteil der Meditation ist. Ich konnte mich sonst auch in Phasen der Ablenkung durch das Konzentrieren auf meine Atmung meist wieder sammeln. Aber am Nachmittag spürte ich richtig, wie "Engelchen und Teufelchen" auf meinen Schultern diskutierten, ob es jetzt nicht genug des Stillsitzens gewesen sei! Offenbar erging es aber nicht nur mir so. Viel öfter als am Vormittag hörte man jetzt ein durch Bewegung verursachtes Rascheln der Kleidung, ein Kratzen, ein Schaben. Stillsitzen mochten wir wohl alle nicht mehr wirklich. Katharina hatte aber auch für so unruhige Geister wie uns jetzt noch ein Ass im Ärmel: Neben dem meditativen Schreiten, dem Kinhin, gab es vor der allerletzten Phase des Sitzens noch einige vitalisierende Yogaübungen für uns.

Am Ende hielt sie uns noch ein kleines Plädoyer: Es sei sicher schwierig für uns gewesen, uns so lange auf die Meditation einzulassen (eine Phase des Stillsitzens hatte heute je 20 bis 25 Minuten gedauert, Anfänger beginnen meist eher mit 10 Minuten). Es wäre dennoch schön, wenn wir vielleicht erfahren hätten, was es bedeute, einmal kurz loszulassen und innerlich leer zu werden. Und einen Rat gab sie uns noch mit: In Zeiten der Trauer, des Ärgers, der Verzweifelung würde es helfen, nicht im Gestern oder im Morgen zu leben, sondern kontrolliert zu atmen und sich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Katharina, ich werde es ausprobieren - und Dir dann bei unserem nächsten Workshop berichten!


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