Montag, 31. Januar 2011

Karate-Lehrgang in Münster bei Sensei Julian Chees

 (geschrieben von Torsten Uhlemann)

"Das ist doch nur Kata, kein richtiges Karate!“

Seit Monaten klingelt mir dieser Spruch unserer Vorsitzenden hinsichtlich meiner Kata-Leidenschaft in den Ohren! Der gestrige Lehrgang bei Sensei Julian Chees scheint nun, nach monatelanger harter Überzeugungsarbeit in sonntäglichen Kata-Workshops, auch bei „Kumite-Icky“ Wirkung gezeigt zu haben! In zwei über zweistündigen Einheiten „genossen“ die Lehrgangsteilnehmer Kata-Training vom Feinsten!

In der ersten Einheit lag der Schwerpunkt auf den Sentei-Katas. Schon der Beginn der Einheit forderte uns bis aufs Äußerste: „Yoi! Bassai Dai!“ kam es vom Sensei und dann ließ er uns die Kata vier-fünfmal ohne Pause laufen. Erst danach kamen die ersten Erläuterungen zur Eingangstechnik. Von vielen immer wieder falsch gemacht, erklärte uns der Sensei, dass das Hochreißen des Knies und die gleichzeitige Ausholbewegung keine separate Technik seien. Er demonstrierte dann eindrucksvoll, wie man sich nach vorne fallen lassen und sich durch das Hochreißen des Knies abfangen sollte. Das macht die Technik und den Auftakt der Kata bedeutend dynamischer und kraftvoller: „Die Festung stürmen“, die Übersetzung von Bassai, erhält ihre wahre Bedeutung! Anschließend übten wir dies ausführlich. Auch das Überdrehen der Hüfte in Gyaku-Hamni für die Gyaku-Uchi-Uke und Gyaku-Soto-Uke wurden noch einmal besonders betont. „Extra!“ beschrieb der Sensei immer wieder die Details, die er besonders betont haben wollte. „Extra“ waren in diesem Fall die Arbeit der Hüfte.

Abwechslung brachte dann eine Bunkai-Übung, wobei wir einen Mae-Geri mit Uchi-Uke fangen sollten und uns dann in einer eleganten Drehbewegung unter(!) dem Bein des Gegners hindurchdrehen sollten, um dann mit Chudan-Tsukis zu kontern. Sensei Chees demonstrierte sehr eindrucksvoll, dass diese Technik auch bei einem deutlich kleineren Gegner funktionieren kann. Wir mühten uns redlich und auch wenn unsere Trainingspartner freundlicherweise ihr Bein extrem hoch hielten, war bei den meisten von uns von Eleganz nicht mehr viel zu erkennen, wenn es den überhaupt auch nur ansatzweise gelang! Danach gab es wieder die Kata. Besonderes Gewicht legte Julian dann auf die letzten beiden Bewegungen. Er wollte die abgedrehte Shuto-Uke-Haltung vor dem Kiai als „verstecktes Kamae“ interpretiert sehen und deshalb sollten wir die Ausholbewegung für den abschließenden Shuto-Uke erst im letzten Augenblick machen und nicht schon vor oder beim Suri-Ashi. Dieses späte Ausholen und die daraus resultierende Dynamik war wieder ein „Extra“.

Ohne Pause ging es dann weiter mit der Kata Enpi. Auch hier liefen wir die Kata zunächst zwei-dreimal, bevor einige Aspekte herausgegriffen wurden. Als außerordentlich gefährlich erwies es sich hier, hinter Icky zu stehen: Voll Übereifer (gepackt vom Kata-Fieber?) wartete sie das Kommando für den Sprung nicht ab, sondern sprang – und landete beinahe auf mir! Zum Glück konnte ich gerade noch ausweichen, ansonsten wär’s wohl ein Ippon geworden!

Bei der Detailarbeit stand die Startbewegung im Fokus. Das Wegsetzen des linken Beines aus der Anfangshaltung sollte nur schulterbreit erfolgen. Beim „Abknien“ darf das Knie nur ca. eine faustbreit von der Ferse des vorderen Beines entfernt sein. Und das Knie darf nicht aufgesetzt werden, sondern muss knapp über dem Boden „schweben“.

Als nächstes kam das erste „Extra“ der Enpi dran: Hüfteinsatz beim Umsetzen von Zenkutsu-Dachi in Kiba-Dachi, Hüfteinsatz beim Age-Tsuki. Zur Vertiefung gab es Bunkai zur typischsten Technik-Kombination der Enpi: Gedan-Barai gegen Mae-Geri, Age-Tsuki als Block gegen den folgenden Gyaku-Tsuki, dann Soto-Uke gegen einen weiteren Tsuki mit Eintauchen und Gedan-Tsuki. Interessant war dann, dass wir das Zurückschnellen mit dem Gedan-Barai nach hinten quasi als Ashi-Barai ausführten, um unseren Partner zu Fall zu bringen. Der Gedan-Barai diente als Tetsui oberhalb des Knies dazu, den Ashi-Barai zu unterstützen. Auch diese Übung gestaltete sich in der Umsetzung als deutlich schwerer, als sie bei der Demonstration durch Sensei Julian ausgesehen hatte.

Zum Abschluss gab es noch ein paarmal die Kata. Während der Ausführungen wurde uns ein weiteres „Extra“ nahe gebracht: Das kontrollierte Absetzen nach dem ersten Kiai. Wir sollten die Balance halten und den Fuß sanft und kontrolliert, ohne Geräusch aufsetzen. Beeindruckt hat uns der Sensei noch mit Demonstration, wie die Techniken Kokutsu-Dachi/Gedan-Barai und Kiba-Dachi/Bo-Uke aussehen können.



Nach der Enpi stand Kanku Dai auf der Tagesordnung. Diese Kata liefen wir ebenfalls mehrmals, bevor es in die Detailarbeit ging. Als „Extra“ wurde wiederum besonderer Wert auf den Hüfteinsatz gelegt. Als zweites „Extra“ sollten wir den Kokutsu-Dachi mit Gedan-Shuto-Uke nach dem Abtauchen extrem tief und lang machen. Natürlich gab es auch wieder eine Bunkai-Übung zur Kanku Dai: Block eines Mae-Geris mit Nagashi-Uke und Tsuki aufs Knie, dann Jodan-Juji-Uke gegen Tsuki. Den Arm des Gegners fassen, darunterher drehen und ihn über den blockierten Ellenbogen zu Boden bringen.

Abschließend liefen wir die Kata dann noch einige Male. Zum Doppeltritt am Ende gab uns Julian zwei Möglichkeiten: Als Nidan-Geri, also ohne Sprung (für diejenigen unter uns mit Knieproblemen) oder als Mae-Tobi-Geri.

Der ein oder andere unauffällige Blick zur Uhr zeigte: Nur noch wenige Minuten! Und eigentlich waren die Meisten von uns schon auf Yame und Abgrüßen eingstellt, als Julian die Jion ansagte. Wie gehabt liefen die Kata zweimal. Als letztes „Extra“ dieser Einheit wurde uns die Armhaltung bei der „Bogenschuss-Haltung“ am Ende der Kata ans Herz gelegt. Der zurückziehende Arm sollte mit der Faust an der Brust anliegen. Zusätzlich sollte der Daumenknöchel heraus gedrückt werden wie in der Hangetsu. Bunkai machten wir zu dieser Kata keine.
Wer nun dachte, nach der Jion sei die Einheit beendet, hatte sich geschnitten. Als Abschluss ließ uns der Sensei noch seine spezielle Übung zum Trainingsende absolvieren: Suri-Ashi vorsteppen mit Kizami-Tsuki. Einmal, zweimal, dreimal, dann Mawate und zurück. Die letzten zwei Bahnen mit Kiai bei jeder Technik. Dann endlich Yame!

Erschöpft ging es zum Duschen, die leider kein warmes Wasser mehr versprühten. Die viel zu lange Pause (3 Stunden) zwischen den Einheiten nutzten Connie, Icky, Holger, Andy und ich, um uns im Café Pablo ein wenig zu stärken und aufzuwärmen.

Vor der zweiten Einheit machte ein Gerücht die Runde: Die Oberstufe würde die Kata Unsu machen! Eine meiner Lieblingskatas und eine große Herausforderung. Ich hatte bereits das Vergnügen, diese Kata auf zwei Lehrgängen im letzten Herbst ausführlicher zu trainieren. Doch fehlten immer noch ein paar „Kleinigkeiten“ und von einem Unsu-Training bei Sensei Julian Chees „träume“ ich seit Jahren!

Nun, in der Trainingseinheit verschwendeten wir keine Zeit mit einem Aufwärmprogramm. Es ging sofort mit den „ersten“ Techniken der Kata los. Das waren jedoch keine Ippon-Nukite in Neko-Ashi-Dachi, wie viele bei der Unsu erwartet hätten. Also doch nicht die Unsu? Tja, wer Lehrgänge bei Julian kennt, weiß, dass er gerne mit dem Ende der Kata beginnt und später wieder darauf zurück kommt. Wir begannen also mit Mawashi-Ukes, Age-Uke und Gyaku-Tsuki den vier letzten Techniken der Unsu! Die Mawashi-Ukes übten wir dann zu dritt partnerweise: blocken, übernehmen, weiterführen und dann mit Teisho kontern.

Danach ging es Schritt für Schritt oder vielmehr Technik für Technik mit der Kata weiter. Die ersten „Extras“ waren die Ausführung des Ippon-Nukite senkrecht nach unten und die Fuß-und Hüftbewegung beim Vorgehen im Neko-Ashi-Dachi. Es folgten weitere, wie eine spezielle Fußhaltung des am Boden „liegenden Fußes“ bei den Mawashi-Geris oder auch wiederum die Idee des „versteckten Kamae“ bei den Keito-Uke/Teisho-Uke mit Wechselschritt. Durch die zahlreichen „Extras“ und seine grandiosen Demonstrationen, vermittelte uns Sensei Julian die Komplexität dieser außergewöhnlichen Kata. Als wir schließlich zum Höhepunkt der Kata kamen, dem Sprung, hatten wir schon viel Material zum Nachdenken und Üben aus dem Training mitgenommen. Zunächst ließ uns Julian den Mikazuki-Geri in zwei Möglichkeiten trainieren. Als erstes sollten wir den Mikazuki-Geri treten und uns dann um 360 Grad drehen, um dann abzutauchen und tief abzusetzen. Die zweite Variante sah vor, zunächst um 180 Grad zu drehen, dann den Mikazuki-Geri zu treten und weiterzudrehen. Für den Sprung an sich gab der Sensei dann aber nur den knappen Hinweis, dass man das rechte Bein, also das Schwungbein hochreißen solle und dann im Sprung das andere Bein ebenfalls hochschlagen solle. Er machte es vor und es sah mal wieder spielerisch einfach aus und gelang ihm auch mit tramwandlerischer Sicherheit. Über die meisten unserer Versuche, decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Es wartet noch viel Arbeit auf uns!

Belebt und angereichert wurde das Training durch mehrere Bunkai-Einlagen. Zunächst nahmen wir die Neko-Ashi-Dachi/Ippon-Nukite Sequenz vom Anfang der Kata vor. Julian verlangte hier von uns, nach dem Keito-Uke den geblockten Arm des Gegners, ähnlich wie bei den Mawashi-Ukes, mit den anderen Arm herunterzuführen, um dann den Weg frei zu haben für den Konter mit Ippon-Nukite zum Kehlkopf. Mit Icky habe ich dann noch den Ashi-Barai versucht, um den Partner aus dem Gleichgewicht zu bringen, den Konter noch effektiver zu machen und noch näher an der Kata zu bleiben.

Eigentlich sollte es das dann schon gewesen sein, so dachte zumindest der Sensei kurzfristig, bis er auf die Uhr gesehen hatte und feststellte, dass er noch gut eine halbe Stunde Trainingszeit zu füllen hatte. Also ging es flugs an die nächste Bunkai-Kombination. Diesmal sollten wir die Sequenz unmittelbar vor dem ersten Kiai mit Partner trainieren. Ein Tsuki-Angriff wurde aus der Wendung mit Tate-Shuto-Uke geblockt. Dann folgte der Mae-Geri-Kekomi, Gyaku-Tsuki und im Ansetzen Oi-Tsuki. Für das Absetzen hatte sich julian aber noch etwas ganz besonders perfides ausgedacht: Wir sollten unseren rechten Fuß unmittelbar hinter der Ferse des vorderen Beins des Partners absetzen und ihn durch das Vorschieben des Knies und Unterschenkel zu Fall bringen. Der seitliche Druck auf den Unterschenkel des Partners hebelte ihn dann aus. Als durchaus schwierig gestaltete sich die Fixierung und der korrekte Ansatz für den Hebel. Aber an sich, erwies sich diese kleine, unscheinbare Bewegung als äußerst effektive Technik.

Um ein Gefühl für die Techniken zu bekommen, ließ uns Julian als Nächstes den Sprung am Partner trainieren. Mikazuki-Geri und anschließend Ushiro-Geri mit ständigem Bodenkontakt erwiesen sich als durchaus machbar. Eingesprungen sah es da schon ganz anders, obwohl wir im Prinzip nur die Hälfte der Rotation aus der Kata absolvieren mussten. Nach einigen zaghaften Versuchen gelang dann doch der ein oder andere eingesprungene Geri ganz passabel. Kontrolle, Zielgenauigkeit und technisch korrekte Ausführung bieten jedoch jedes für sich noch ein weites Feld für Verbesserungen!

Als letzte Bunkai-Übung beschäftigten wir uns wieder mit den Mawashi-Ukes und dem Ende der Kata. Der Verteidiger sollte mit Mawashi-Uke blocken, Teisho kontern, dann einen weiteren Angriff mit Age-Uke blocken und Gyaku-Tsuki kontern, bevor ein abschließender Mae-Geri mit Ryu-Yoko-Gedan-Barai beim Zurückgehen in die Yame-Position abgewehrt werden sollte. Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten gelang uns auch diese Anwendung durch eine kleine Variation nahezu perfekt.

Abschließend liefen noch zweimal die Kata. Beim zweiten Mal ohne Kommando, getrennt nach Schwarzgurten und Farbgurten.

Wie zuvor in der ersten Einheit hatte Sensei Julian aber noch ein „Schmankerl“ zum Schluss: Aus einem hohen Kiba-Dachi sollten wir zunächst einmal einen Sprung rechtsherum um 90 Grad absolvieren, dann linksherum. Anschließend das Ganze jeweils um 180 Grad. Vermeintlicher Höhepunkt war dann der Sprung um 360 Grad je einmal links- und rechtsherum. Doch die Krone setzte dem Ganzen erst die letzte Forderung unseres Senseis auf: Im Sprung eine Drehung um 360 Grad und vor dem Aufsetzen auf dem Boden einen Rentsuki ausführen! Eigentlich ganz einfach, wenn man vom Springen, Drehen und Schlagen einmal absieht!

Diese „nette“ Übung setzte den Schlusspunkt unter einen denkwürdigen Lehrgang. Vielen Dank an Sensei Julian Chees, der uns durch seine freundliche und charismatische Art die Welt der Kata näher gebracht hat. Für die einen gab es viel Neues zu lernen und zu erfahren, für andere zahlreiche Details, mal größere, mal kleinere, an denen noch zu arbeiten ist. Auch unsere „Kumite-Icky“ ließ sich während des Lehrgangs dazu hinreißen, ihre Faszination für die Demonstrationen des Senseis zum Ausdruck zu bringen. Sie war von der Eleganz und Ästethik schier hin und weg! Und dass, wo sie mir doch immer wieder vorhält, dass Karate nur effektiv sein müsse und nicht gut aussehen! Aber effektiv war der Lehrgang ja auch: Er erwies sich als besonders nachhaltig. Zweimal zwei Stunden intensives Training zeigten ihre Wirkung. Abends auf dem Sofa war ich kaum noch in der Lage, auch nur einen Finger zu rühren. Und ich weiß, dass es nicht nur mir so ging!

Aber, es war ja „nur Kata, kein richtiges Karate“!

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