Am 09. und 10.06.2012 fand wieder einmal das Siegerland-Event statt: Das Karate-Dojo Alchen lud ein ins beschauliche Freudenberg zu einem Lehrgang mit den Senseis Risto Kiiskilä und Marijan Glad.
Das Siegerland-Event weicht mit seinen Trainingseinheiten ab von dem klassischen "Eineinhalbstundenmodell": Es gibt bei jedem Trainer zunächst eineinhalb (bis zwei....) Stunden reguläres Training, getrennt nach Unter- und Oberstufe. Anschließend folgt nach einer kurzen Pause noch eine Stunde "Dan-Spezial". Der exakte Unterschied zwischen der regulären Einheit und der speziellen für die Schwarzgurte hat sich mir zwar bisher nicht erschlossen, aber durch die kurzen Pausen und vielen Trainings hat man keine Langeweile und muss sich nicht überlegen:"Wohin bloß, hier in Freudenberg?" ;-)
Die Oberstufe startete mit einem Training bei Sensei Risto. Von allen Lehrgangstrainern ist Risto mit Sicherheit derjenige, bei dem ich am häufigsten trainiere. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich leider überhaupt keine Routine entwickelt, sondern sich immer weitere Baustellen auftun. Das war mir schon beim Pfingstlehrgang in Berlin so vorgekommen. Zwar habe ich das Prinzip vom Belasten und Benutzen jetzt einigermaßen verstanden, dafür rätsele ich derzeit immer, was der Sensei wohl meint, wenn er erklärt, wann der Gyaku-Tsuki von unten nach oben geschlagen wird oder "im Fallen". Und wie beides umzusetzen ist....
Beim Siegerland-Event waren meine Blockaden so offenkundig, dass mich mein Trainingspartner Torsten hinterher breit grinsend fragte:"Warum wolltest Du denn heute so oft nach vorne kommen?" :-/
Gar nicht hinbekommen hatte ich den Ashi-Barei mit anschließendem Gyaku-Tsuki. Ich kriege die Hüfte für den Gyaku-Tsuki irgendwie nicht richtig herum. Aber auch das Umsetzen dessen, was Risto zum Kizami-Tsuki erklärte, war nicht leicht für mich: Das hintere Bein strecken und den Schlag "im Flug" ausführen, noch vor dem Absetzen des vorderen Beins. Es reicht offenbar nicht aus, nicht mehr "etwas ganz Besonderes" zu sein! :-(
Wie auch immer - das Training bei Risto war sehr lehrreich und unterhaltsam. Er schafft immer herrliche Bilder und kann viele Dinge auch durch seine "Ristorismen" veranschaulichen - durch Wortspiele und selbst kreierte Sprichworte, die man so schnell nicht mehr vergisst. So ist das z. B. wenn er versucht, bei einer Aufwärmübung zu erklären, was er mit dem vorderen und dem hinteren Bein meint:"Jeder Mensch hat zwei vordere und zwei hintere Beine - vorne ist immer da, wo die Nase ist." Dann seine Frage, wo für einen Karateka denn die "Ideallinie" läge. Antwort:"Es gibt zwei Ideallinien - die der JKA und irgendwann entwickelt ein Karateka seine persönliche."
Was mir wohl von allen Übungen am besten gelang, war der "überlaufene Gyaku-Tsuki". Das liegt sicher auch daran, dass wir diese Übung auch bei Sensei Michael Jarchau häufig üben. Hier gilt es zu beachten, dass erst der vordere Fuß vorgeschoben wird (Vorsicht, nicht stottern! ;-) ) Dann wird das vordere Knie vorgeschoben, anschließend folgt der Schlag noch "im Flug" und mit dem Absetzen des vorderen Beins quasi ein Kamae-Wechsel. Beim Schlag mit rechts geht also die rechte Körperseite (Schulter) erst weit nach vorne und wird dann schnell zurückgezogen.
Bei Marijan Glad hatte ich seit Ewigkeiten nicht trainiert und insgesamt wohl nicht mehr als zwei- oder dreimal. In der ersten Einheit gab es die Meikyo Sandan. Die geplante Trainingszeit reichte nicht aus und darum wurden aus 90 Minuten ruckzuck zwei Stunden. Die Pause wurde von 30 auf 10 Minuten verkürzt und ebenso die abschließende Einheit Dan-Spezial (an der offenbar auch alle Braun- und Violettgurte teilnahmen).
Die Kata hat mir zwar viel Spaß gemacht - aber ich hatte ehrlich gesagt gegen Ende der Einheit die "Festplatte voll" und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Irgendwie fehlt mir im "hinteren Mittelteil" ein Stück Erinnerung!
In der Pause sah ich meinen Katamann erschöpft und mit gequältem Gesichtsausdruck am Hallenrand sitzen. Er überlegte ernsthaft, die letzte Einheit auszusetzen, da ihn Schmerzen an der Achillessehne plagten. Auch mir, die seit ein paar Wochen schon unter Kniebeschwerden leidet, die an diesem Tag besonders stark waren, fiel das Training unter Schmerzen nicht leicht. Aber Marijan hatte doch angekündigt, dass wir in der letzten Einheit Kumite machen sollten! Das wollte ich auf keinen Fall verpassen und darum überredete ich Torsten, sich einen Ruck zu geben und weiter zu trainieren.
Auch wenn es keine spektakulären Neuigkeiten oder neuen Erkenntnisse in der abschließenden Kumiteeinheit gab, so war sie doch eine super Sache, um den Kopf freizubekommen! Sehr gut waren hierfür auch die permanenten Partnerwechsel, da man sich nicht auf einen Partner einstellen konnte und wachsam blieb.
Wir übten in zwei Reihen voreinander zunächst gegenseitig Kizami-Tsuki vor das Kinn des anderen. Dieser durfte zurückweichen, aber nicht blocken und kontern. Wir übten jeweils links und rechts vor.
Nach dem ersten Partnerwechsel durfte Uke blocken, aber nicht kontern. Dieselben Vorgaben gab es dann nach erneutem Partnerwechsel auch für den Gyaku-Tsuki. Hier hatte ich einen besonders charismatischen Trainingspartner, der für den Lehrgang extra aus Saarbrücken angereist war. Das war ein tolles Karate-Gefühl mit ihm, dieser besondere Kick, wenn die Totenköpfe so hin- und herfliegen! ;-)
Anschließend kam eine Übung, die mich wieder sehr bescheiden werden ließ: Wir sollten Mae-Geri chudan antäuschen und Mawashi jodan treten. Äh, jodan....nun, das war nicht wirklich toll...ich schiebs mal auf mein Knie.... ;-) Zum Abschluss kam dann noch die totale Ernüchterung durch die Anweisung, einen Ura-Mawashi anzutäuschen und einen Mawashi zu treten.
Ach, das war echt toll, durch die Anstrengung und das Adrenalin den Puls nochmal so in die Höhe zu bekommen zum Abschluss des Trainingstages. Das Siegerland-Event ist auf jeden Fall eine tolle Sache. Schade, dass nur relativ wenige Karateka den Weg dorthin fanden. Für uns hatte sich die Teilnahme auch schon für nur einen Tag richtig gelohnt!
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