Freitag, 20. Juni 2014

Karate ist nicht alles, aber ohne Karate ist alles nichts.

Karate ist nicht alles, aber ohne Karate ist alles nichts.

Dieses schöne Zitat stammt von von einem meiner Karateschüler - kurz nach der Weißgurtprüfung. Und über so ein Zitat kann sich nur jeder Trainer, jede Trainerin sehr freuen, denn hier scheint der Funke über gesprungen zu sein, der die Begeisterung für Karate entfacht. Karate als Leidenschaft, als Energiequelle und Lebensmittelpunkt. Meine langjährigen Karatefreunde wissen, was ich damit meine.

In unserer neuen Karateschule Fuji San Münster haben wir sehr viele Mitglieder, die sehr engagiert und bei jeder Möglichkeit trainieren. Und wir haben auch viele Menschen, die nur gelegentlich zum Training kommen, weil sie schlicht und ergreifend ihr Leben anders ausgerichtet haben. Karate als Breitensport, also. Hm, Moment - Karate als Breitensport - geht das überhaupt? Nun, warum nicht? Oftmals sind es äußere Zwänge und Beschränkungen - wie Arbeit, Familie, Umzug eine andere Stadt - die unsere Kampfkunst zu einem "reinen Hobby" werden lassen. Daran ist nichts verwerflich, es kann schließlich nicht von jedem erwartet werden, sein Leben nach dem Karate auszurichten.

Was aber meiner Meinung nach sehr wohl erwartet werden kann, ist eine Konzentration auf das Karatetraining, wenn bestimmt Ziele anvisiert werden - z. B. eine Gürtelprüfung oder die Teilnahme an einem Wettkampf.

Hier wandle ich als Trainerin gelegentlich auf einem schmalen Grat - einerseits möchte ich einen Menschen motivieren, ihm ein Ziel vorgeben und mit einer bestandenen Prüfung oder einem absolvierten Wettkampfstart einen Meilenstein setzen. Andererseits gilt bei einer Kampfkunst vielleicht noch mehr als woanders: Ohne Fleiß kein Preis!

Die Frage, welchen Stellenwert Karate im Leben bekommt, hängt bei vielen Menschen auch zu einem nicht unerheblichen Teil davon ab, welche Prioritäten wir für uns oder unsere Kinder setzen. Viele Kinder kommen total erschöpft einmal die Woche ins Training, weil sie grade vom Fußball kommen und gleich anschließend weiter zum Reiten müssen. Wenn sie ein halbes Jahr oder länger trainiert haben und der Wunsch nach einer Gürtelprüfung aufkommt oder nach der Teilnahme an einem Wettkampf, heißt es oft:"Ich kann aber nicht öfter als einmal in der Woche kommen, denn am anderen Tag habe ich immer Fußball/Klavier/Leichtathletik/Schwimmen..." Die Liste der Sportarten oder anderen Freizeitaktivitäten lässt sich beliebig fortsetzen.

Eines vorab: Schule hat immer Vorrang und damit einhergehend natürlich auch das Üben für anstehende Klassenarbeiten oder Nachhilfeunterricht. Bei allen anderen Veranstaltungen (andere Sportarten, Kurztrips über das lange Wochenende, Partys, Verabredungen etc.) ist natürlich jedem/jeder selbst überlassen, sich für das eine oder für Karate zu entscheiden. Das ist eine Frage ganz persönlicher Präferenzen und Schwerpunkte. Allerdings ist für mich nicht einzusehen, warum ich ein Kind oder eine/n Erwachsene/n zu einer Prüfung oder dem Start auf einem Wettkampf zulassen soll, wenn es, er oder sie vorher nicht alle angebotenen und geforderten Trainingsoptionen ausgeschöpft hat. 

Wenn man einmal nach hakt, hört man von vielen Eltern wie selbstverständlich, dass in der Familie Tennis, Musikunterricht oder andere Aktivitäten als wichtiger angesehen werden. Weisen wir darauf hin, dass wenigstens vor den Prüfungen andere Hobbys und Sportarten zurücktreten sollten, reagieren viele Eltern mit Unverständnis. Dennoch wird aber verlangt, dass die Kinder Prüfungsurkunden oder Pokale nach Hause bringen.

Sensei Toribio Osterkamp sagt seine kürzlich Meinung sehr deutlich*: Jede/r sollte die Möglichkeit bekommen, Karate auszuprobieren. Aber Karate ist nicht für alle Menschen geeignet.

Schön, wenn der Funke überspringt und wenn wir als Trainerinnen und Trainer es schaffen, dass viele unserer Schülerinnen und Schüler ihr Herz an unsere faszinierende Kampfkunst - falls der Funke nicht gleich ein loderndes Feuer verursacht, sondern nur ein schwächeres Glimmen, sollten wir nicht gleich betrübt sein und die Flinte ins Korn werfen. Wir sollten aber deutlich machen, dass es im Karate nichts geschenkt gibt und dass sich der tiefere Sinn unserer Kampfkunst erst erschließt, wenn man sich auf das Training einlässt und ihm einen umfassenden Raum im Alltag gibt. Prüfungen, Wettkämpfe und Fortschritte wird und sollte es aber bei einer halbherzigen Trainingsteilnahme nicht geben.

*Das Zitat Sensei Toribios enstammt unter anderem dem Interview mit Carolin Senn. Link auf das Video: Interview Sensei Osterkamp mit Carolin Senn

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