Dienstag, 27. Juni 2023

Sicherheit für Ihr Kind - vom Sinn und Unsinn der "Passwort-Regel"

 Warum sich Familien nicht auf die "Passwort-Regel" verlassen sollten ...

In meinem Kurs "Zivilhelden" in Coerde mit Müttern und Kindern ging es unter anderem auch um das Thema "Steig nicht in (fremde) Autos ein". bzw. "Gehe nicht mit (fremden) Personen mit". Hier weiche ich in meinen Kursen vermutlich von einigen populären Methoden ab.

1. Wer ist "fremd"? Fremd ist ganz unbestritten wohl eine Person, die ein Kind noch nie gesehen hat. Als fremd kann man auch Personen bezeichnen, deren Namen man nicht kennt oder die man nur selten sieht. Oder man definiert als fremd alle Personen, die nicht zur Familie gehören. Ich halte auch das für zu ungenau - zumal der größte Teil der Gewalttaten gegen Kinder durch Personen geschieht, die zur Familie oder zum engeren Bekanntenkreis gehören. Ich empfehle hier daher, dass in der Familie klar definiert wird, mit wem ein Kind mitfahren oder mitgehen darf. Dies können "nur Mama und Papa" sein. Oder "auch Oma". Oder vielleicht "Kinderfrau Judith", die das Kind wochentäglich betreut. "Und was ist, wenn das Kind mal mit einem befreundeten Kind im Auto dessen Mutter mitfahren will?" - Dann sollte man das vorher besprechen und für das eine Mal vereinbaren.
2. "Passwort-Regel": Immer wieder lese ich den Ratschlag, dass Eltern mit ihren Kindern ein Passwort vereinbaren sollen: Kommt dann z.B. jemand in die Kita und fordert das Kind auf, mitzukommen oder ins Auto zu steigen, muss das Kind nach dem zwischen ihm und den Eltern vereinbarten "Passwort" fragen. Nur wer das richtige Passwort nennen kann, ist vertrauenswürdig (offenbar egal, ob die Person dem Kind bekannt ist oder nicht) und mit der Person darf und soll das Kind dann mitgehen.
Ich überlege immer wieder, für welchen Fall diese Regelung geeignet ist. Wenn schon beim Wegbringen in die Kita oder Schule klar ist, dass die gewohnte Bezugsperson das Kind nicht selbst abholen kann, dann kann man das bereits zu diesem Zeitpunkt mit Kind und Erzieher*innen / Lehrer*innen besprechen. Sollte es sich um einen Notfall handeln (Mama hatte einen Unfall und ist im Krankenhaus), ist es m.E. zweifelhaft, ob die Mutter noch der abholenden Person das passende Passwort hat sagen können. Und das Kind? Sagt man dem Kind: "Mama hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus", was geht dann wohl in dem Kind vor? Stress und Angst mischen sich zu einem Cocktail, der aller Erfahrung nach das Denken erschwert. Kann sich ein Kind dann noch an die Passwortregel erinnern? Oder an das richtige Passwort? Oder möchte es nur schnell Mama sehen?

Wie oft will man das üben und wiederholen, bis man sicher gehen kann, dass die Regel bei allen Stellen erinnert wird? Wird das Kind auch beim von der Mutter getrennt lebenden Vater nach dem Passwort fragen, wenn er es ohne Absprache von der Kita abholt? Oder beim netten Nachbarn, der das Kind mal "ausnahmsweise" abholen will?
Sollte man die Energie, die in die Passwort-Geschichte aufgewandt wird, nicht besser in andere Strategien investieren, die wirklich wirken? Meiner Meinung nach wiegt diese Idee Eltern und Kinder fälschlicherweise in Sicherheit.
Im Kurs "Zivilhelden" sprach ich dann auch das Thema "Nicht mitgehen/nicht einsteigen" an. Eine Mutter winkte gleich ab: "Ach, da haben wir ja die Passwortregel, nicht wahr (zum Kind)?" Das Kind nickte eifrig. Die Mutter zu den anderen Müttern: "Wenn jemand will, dass meine Tochter mitgeht, fragt meine Tochter nach dem Passwort und nur wenn das richtige Passwort genannt wird, geht sie mit." Tochter nickt wieder. Pause. "Mama?" "Ja?" "Wie ist denn nochmal das Passwort?"


Dienstag, 11. April 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gestaltung eines Shomen


Das Shomen soll wichtige Werte symbolisieren und einen Eindruck darüber verschaffen, wie in einem Dojo Budo praktiziert und gelebt wird. Für mein persönliches Shomen habe ich die Kanjis „Harmonie“ und „Weg“ ausgewählt. Das Budo in meinem Dojo soll ein Budo der harmonischen Lebensführung sein: Redliches Bemühen und Selbstwahrnehmung müssen im Einklang miteinander stehen, um eine Ausgewogenheit zwischen meinem Inneren und der Umwelt halten zu können, die auch Widrigkeiten trotzen kann und den Einsatz für das soziale Umfeld/die Gesellschaft ermöglicht. Die Kanjis für den Weg der Harmonie hängen daher als hohes Ziel über den weiteren Symbolen.

Das Holzschwert ist das Symbol der Stärke, um für eigene Rechte und die anderer Personen einstehen zu können. In meinem Dojo wird auch Zivilcourage vermittelt, das Nicht-Wegsehen, der Mut, auch für andere Personen einzustehen. Auch das Einsetzen gegen Rassismus, Misogynie oder Ageismus gehört dazu wie auch das Engagement für allgemeine soziale Themen wie Umwelt- und Artenschutz. Auch wenn es zunächst widersprüchlich scheint, ist das Schwert das Werkzeug für eine harmonische Lebensführung. Denn Harmonie entsteht selten von allein und durch reines Abwarten. Es bedarf meist des persönlichen Einsatzes oder sogar eines Kampfes mit sich selbst oder gegen Widrigkeiten, um Harmonie herzustellen und zu erhalten. Das Schwert befindet sich daher an zweiter Stelle – direkt unter den übergreifenden Symbolen für den Weg der Harmonie. 

Die Klangschale steht als Symbol der Meditation für ein In-Sich-Gehen und Bei-Sich-Bleiben, Zentrieren und Hara. Hara ist das innere Energiezentrum eines Menschen. Hier kann Kraft gebündelt und gehalten werden. Laotse soll gesagt haben: „Wer andere besiegt, hat Muskelkräfte. Wer sich selbst besiegt, ist stark. Wer seine Mitte nicht verliert, der dauert.“ Durch die meditative Zentrierung wird die Basis dafür geschaffen, die Balance zwischen Demut und Stolz zu halten. Dies ist eine gute Voraussetzung für die (inneren) Kämpfe zum Entstehen und zur Aufrechterhaltung von Harmonie. Die Klangschale ist als bedeutendes Symbol daher mittig/zentral unterhalb des Schwertes angeordnet. 

Die Räucherstäbchen stehen für individuelle und kollektive Transzendenz, die höchsten Formen menschlicher Bedürfnisse (Llanos und Verduzco, 2022, S. 1). Während die individuelle Transzendenz sich auf ein starkes Selbst bezieht, bedeutet kollektive Transzendenz, sich selbst für ein höheres Gemeinwohl aufzugeben (Llanos und Verduzco, 2022, S. 3).  Die Räucherstäbchen sind daher unterhalb des Schwertes und links neben der Klangschale angeordnet. 

 

Der Blütenzweig steht für das Schöne im Leben. Das Lebensziel des Budo-Weges der Harmonie kann sein, durch Budo für mehr Frieden, Harmonie und Schönes auf der Welt zu sorgen und schlussendlich auch für Schönes im eigenen Leben. Da individuelle und kollektive Transzendenz zu den höheren Bedürfnissen nach Maslow gehören, sind sie weniger dringlich für das bloße Überleben. Gleichzeitig bedeutet das Leben auf einem höheren Bedürfnisniveau einen hohen Überlebens- und Wachstumswert. Es führt zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit (Maslow, 2016, S. 128). Zudem fördert die Beschäftigung mit den höheren Bedürfnissen und ihre Befriedigung die physische und psychische Gesundheit (Maslow, 2016, S. 129). Allerdings haben die höheren Bedürfnisse mehr Vorbedingungen als die niedrigeren Bedürfnisse (wie z.B. die Bedürfnisse nach Nahrung und Schlaf oder Sicherheit). Daraus ergibt sich die den anderen Symbolen nachgelagerte Position ganz unten rechts am Fuße des Shomen, auf Höhe der Räucherstäbchen.


Literatur: 

     Abraham Maslow. (2016). Motivation und Persönlichkeit (14. Aufl.). rororo.

 

     Llanos und Verduzco. (2022). From Self-Transcendence to Collective Transcendence: In                             

     Search of the Order of Hierarchies in Maslow’s Transcendence. Frontiers in Psychology, 9. 

     file:///Users/andreahaeusler/Downloads/fpsyg-13-787591-2.pdf





 

Dienstag, 14. März 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gedanken zum eigenen Budo und Kulturvergleich

In der Ausbildung zur Budopädagogin/zum Budopädagogen wurden uns die Elemente des Budo vorgestellt: Bu, Do, Dojo, Reigi, Shitei, Zen. Gegenüber einigen Budo-Elementen empfinde ich Widerstand und würde sie abwandeln. Aber darf ich das? Muss Budo nicht unveränderlich sein, weil es eine Kultur ist und alten Traditionen entspricht? Es lohnt sich m.E., in diesem Zusammenhang die Frage zu stellen, was genau Kultur ist. Interessant ist es weiter, einen Blick auf die japanische Kultur zu werfen und einen Vergleich mit der bei uns gelebten Kultur heranzuziehen. 

Kultur ist „…ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist es ein Mittel, unterschiede u anderen Kulturen auszudrücken und festzulegen.“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 6). Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 7). Über diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. 

Die japanische Kultur ist unter anderem geprägt durch konfuzianische Ethik. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27)

  • hohe Machtdistanz
  • Maskulinität
  • starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe Langzeitorientierung
  • Kollektivismus  

Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch die klare Hierarchie und Strenge wider.  Da ich mit Karate aufgewachsen bin, kann ich mich dieser Form des Budo bis zu einem gewissen Grad … jetzt fehlen mir die Worte … ist es wirklich ein Unterwerfen? Ist es ein Ausliefern? Vermutlich müsste es genau eines dieser beiden Worte sein. Ich kann mich also bis zu einem gewissen Grad unterwerfen, wenn ich weiß, dass die Machtposition des Meisters (hier bleibe ich bewusst bei der männlichen Form, weil ich diese Machtdominanz von weiblichen Sensei noch nie so gespürt habe) nicht missbraucht wird und die Forderungen nicht willkürlich sind. Ich muss einen gewissen Sinn und ein Wohlwollen hinter den Forderungen erkennen oder zumindest ahnen und spüren.

Und die Hierarchie endet bei mir mit Ende der Übungsstunde. Ich habe wahrgenommen, dass dies nach der in der Ausbildung vorgestellten Budo-Idee anders ist und zum Beispiel auch beim abendlichen Bier am Lagerfeuer auf Hierarchien gepocht wird („Der Schüler muss sich sein Bier selbst holen, ein Meister-Schüler darf es ihm nicht bringen.“). Dies passt gut zur japanischen Kultur und vermutlich auch zu anderen asiatischen Kulturen – eben überall dorthin, wo die Kultur eine hohe Machtdistanz aufweist. Mir persönlich geht dies zu weit und ich empfinde dies als übergriffig in meinen privaten Bereich hinein – sowohl als Sensei, als auch als Schülerin. Eine starke Hierarchie und strenge Regeln können bis zu einem gewissen Grad den Charakter von Schülerinnen und Schülern fördern, Wertevermittlung unterstützen, für Klarheit und Ordnung sorgen – sie können aber auch zerstören und zu Gewalt und Missbrauch führen. Ich hatte in eine beruflichen Weiterbildung, die ich leitete, kürzlich unter den Teilnehmenden einen jungen japanischen Mann. Wir sprachen in der Gruppe über Gewalterfahrungen und er erzählte, dass er in seiner Kindheit und Jugend in der Schule in Osaka regelmäßig von Lehrern geschlagen wurde. Diese „Züchtigung“ habe zum Unterricht „dazu gehört“ und er habe darunter sehr gelitten. Mit seinen Eltern habe er darüber nicht sprechen können – die hätten ohnehin wohl das Verhalten des Lehrers unterstützt. Hohe Machtdistanz geht meist mit einem autoritären Führungsstil einher. Dieser „zeichnet sich durch direktives, autokratisches, hierarchisches und autoritäres Verhalten der Führungskraft“ aus (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 54). Diesem Führungsstil liegt die Idee zugrunde, dass Menschen ungleich sind und dass die bestimmende Person die klügste ist mit den effektivsten Methoden. Im Extremfall kann dies zu einem Absolutismus führen. Hierarchie bedeutet im beruflichen Alltag Japans auch, dass Angestellte vor dem Boss im Büro erscheinen und es nicht vor diesem verlassen dürfen. Das Verlassen erfolgt dann oftmals gemeinsam und zwar in Richtung einer Bar, in der die Angestellten ihre „Qualitäten“ unter Beweis stellen müssen, in dem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken (eigene Beobachtungen am Bahnhof in Oita und weiteren Orten in Japan). So eine Kultur kann und will ich nicht leben.  

Die japanische Kultur ist zudem geprägt von Maskulinität. Diese zeichnet sich durch ein hohes Durchsetzungsvermögen aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. Beide Kulturen können Gemeinwohl und Fürsorge zum Inhalt haben aber in maskulinen Kulturen ist dies stark den Geschlechterrollen zugeordnet (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Dies hat z.B. in Japan zur Folge, dass Frauen sich auch heute noch – trotz Schulausbildung und Studium – nach einer Heirat in erster Linie um den Haushalt eines Paares kümmern müssen, um die Pflege der Kinder und der alten Eltern (Scott Langley, 2014, S 127). Ich hatte es bereits bei der Abschlussrunde des zweiten Moduls erwähnt, dass ich einen streng maskulinen Führungsstil unpassend finde und daher kann ich diesen Stil für mein Budo nicht kopieren. Für mich als Frau muss ein anderer Budo-Führungsweg möglich sein, bei dem ich mit weiblicher Konsequenz und Autorität anleiten und führen kann, so dass ich als Sensei authentisch bin. Ich denke, dass ich in meinem Dojo hier schon ein gutes Konzept lebe. Leider habe ich bisher Budo-Literatur ausschließlich von männlichen Autoren gefunden, so dass mir hier wissenschaftliche/literarische Inspiration fehlt. Ich bin daher sehr gespannt auf die weibliche Budopädagogin Jeannine Schröder beim Schweden-Modul. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen haben Probleme damit, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Personen, die im Gegensatz dazu in Kulturen mit niedriger Unsicherheitsvermeidung aufgewachsen sind, haben eher eine „hohe Ambiguitätstoleranz und Improvisationstalent“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Sie benötigen nicht viele Regeln, sind eher gewohnt, selbst zu entscheiden und zu improvisieren. Regeln werden oftmals als einengend empfunden und erzeugen ggf. sogar Misstrauen gegenüber den Personen oder Institutionen, die die Regeln aufgestellt haben und die Durchführung überwachen, Verstöße sanktionieren. Ich persönlich habe eher eine niedrige Unsicherheitsvermeidung. Meine Eltern gehörten der Kriegs- und Flüchtlingsgeneration an und waren schon deshalb wahre Improvisationstalente. Gleichwohl weiß ich klare Regeln und Strukturen zu schätzen und bin der Ansicht, dass es einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat, wenn Strukturen und Regeln sowie entsprechende Konsequenzen bei Verstößen den Alltag gestalten. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen – vor allem auch Kinder oder traumatisierte Personen – sehr dankbar sind über einen strukturierten Budo-Unterricht mit gleichförmigen Abläufen und verlässlichen Regeln. Die im Budo aufgestellten Regeln sollten m. E. klar definiert und nachvollziehbar sein. Sie dürfen m.E. aber aber auf keinen Fall schikanieren oder erniedrigen. 

Kulturen mit Langzeitorientierung streben langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies passt m.E. sehr gut zur in der Weiterbildung vorgestellten Art des Budo, da hier der Lernprozess zählt und nicht der schnelle Graduierungs- oder Wettkampferfolg. Diese unserem schnelllebigen Alltag entgegenstehende Ausrichtung sehe ich als sehr positiv im Hinblick auf den Do an. In diese Langzeitorientierung passt auch die Praxis der Zen-Meditation, bei der man vollkommen absichtslos einfach „nichts“ tut, bei der der Geist zur Ruhe kommen kann. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf. Menschen, die versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, fallen auf und werden sanktioniert. In Japan ist die Kultur kollektivistisch ausgeprägt. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit nach einem Erdbeben und Taifun die Menschen mit anpacken, damit am nächsten Morgen die Züge wieder pünktlich (!) fahren und der Alltag in weiten Teilen des Landes scheinbar unbeeinträchtigt weiter geht (eigene Beobachtung nach dem Taifun Hagibis im Oktober 2019). Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die durch Budo vermittelt werden können. Allerdings hat zu einem hohen Grad ausgelebter Kollektivismus auch seinen Preis: Burnout und Depressionen sowie das Ausleben der Abweichungen von der Norm in Subkulturen sind in Japan an der Tagesordnung. Aus dem Leben allein für die Gemeinschaft wird im Geheimen ausgebrochen, weil der psychologische Drang zur Selbstverwirklichung Raum finden muss. Die Suizidrate liegt vielleicht auch aus diesem Grund in Japan im weltweiten Vergleich auf Rang 26 (Deutschland: 42) (Wikipedia, Suzidrate nach Ländern, 2023). Der auch im Budo gelebte Kollektivismus sollte daher achtsam gelebt werden. Vor dem Ein- und Unterordnen sollte die Persönlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin stark genug sein, um den Kampf mit dem Ego aufzunehmen und das „kleine Ich“ zugunsten der Gemeinschaft möglichst klein zu halten. Das Unterordnen sollte aus freien Stücken und mit Freude geschehen. Dies kann sich in stark ausgeprägten Hierarchien schwierig gestalten, da dann möglicherweise nicht alle Gruppenmitglieder füreinander da sind, sondern z.B. Niedriggraduierte den Höhergraduierten „zu Diensten“ sein müssen. In meinem Dojo achte ich daher darauf, dass ich mich z.B. bei anstehenden Arbeiten nicht herausnehme, sondern mich beim gemeinsamen Soji oder anderen Aufgaben beteilige. Dies ist m.E. eine deutliche Abweichung der ursprünglichen Budo-Idee, die meiner Meinung nach aber notwendig ist, um diesen Aspekt authentisch umzusetzen. Zusammenfassend sieht mein Budo unter Berücksichtigung der fünf Kulturdimensionen daher so aus: 

  • Eine Machtdistanz, die geprägt ist durch Hierarchie und Strenge bzw. Konsequenz, die aber nicht autoritär ist und ohne Willkür/Unterdrückung auskommt. Die hierarchischen Strukturen gelten für die Dauer der Übungsstunden. Abseits davon gelten die unserer Gesellschaft üblichen Respekt- und Höflichkeitsregeln. Unter den Aspekt der Machtdistanz fallen vor allem die Rollen Routinen und Regeln des Reigi.
  • Abkehr vom rein maskulinen Führungsstil! – Als Frau muss ich weiblichen Budo gehen und leben dürfen. 
  • Unsicherheitsvermeidung durch Regeln und Strukturen, die klar definiert und nachvollziehbar sind und nicht schikanieren oder erniedrigen - die vier R des Reigi (Rollen, Regeln, Routinen und Rituale) bilden hier die feste Grundlage.
  • Langzeitorientierung, die den Geist zur Ruhe bringt – hier kommen Prozessorientierung und meditative Aspekte des Budo zur Geltung 
  • Kollektivismus mit gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung, die alle Mitglieder einbezieht und freiwillig und mit Freude geschieht - hierdurch ergibt sich die Möglichkeit zu wachsen, um anschließend freiwillig den Kampf mit dem eigenen Ego aufzunehmen, um dies zugunsten der Gemeinschaft klein zu halten 



Literatur: 

Kumbruck und Derboven. (2015). Interkulturelles Training (3. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg.

 

Scott Langley. (2014). Karate Stupid. Amazon Distribution.


Werner Lind. (2004). Der geistige Weg der Kampfkünste (5. Aufl.). Barth Verlag.


Wikipedia, Suzid nach Ländern. (2023). Abgerufen 14. März 2023, von https://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_Ländern

 



Montag, 13. Februar 2023

Vorbereitung auf Kyu- und Dan-Prüfungen in der Karateschule Fuji San Münster

Auf dem Karate-Do soll es keinen Stillstand geben. Jede Übungsstunde kann uns auf unserem Do weiterbringen. Gelegentlich freuen wir uns über unsere spontanen und augenscheinlichen Verbesserungen, die wir an uns im Dojo wahrnehmen. Allerdings geht es letztlich im Endeffekt gar nicht um rein technische Perfektion - sondern um unsere Persönlichkeitsentwicklung, unsere Entwicklung zu Menschen, die zufrieden sind und sich gleichzeitig verantwortungsvoll in Bezug auf ihre Mitmenschen und die Umwelt verhalten. Aus uns und unseren Schülerinnen und Schülern sollen Menschen werden, die gelernt haben, das "kleine Ich", wie es Werner Lind beschreibt (Lind 2004), zu zähmen, um ein höheres Selbst zu erreichen. Unser körperliches Karatetraining ist lediglich der Weg dorthin. Und unsere Gürtelprüfungen sind nicht mehr als kleine Orientierungshilfen auf diesem Weg. 

Gelegentlich werden wir Karatelehrer*innen gefragt, wie lange es dauert, bis "man den schwarzen Gürtel hat". Der "schwarze Gürtel" - also die Prüfung zum 1. Dan - ist das ferne Ziel vieler Karateka. Die meisten ahnen anfangs noch nicht, dass der (in unserem Verband) letzte offizielle Farbwechsel kein finales Ziel ist, sondern lediglich der Schritt auf eine neue Lern- und Studienebene. Gleichwohl ist es verständlich und motivierend, sich Ziele zu setzen und diese können in unserer Kampfkunst auch in dem Absolvieren von (Gürtel)Prüfungen bestehen. 

Für die Vorbereitung auf die DJKB-Prüfungen sind für uns zunächst einmal die Vorgaben des Dachverbandes die Mindestvoraussetzungen: Der DJKB schreibt zeitliche Wartezeiten zwischen den einzelnen Stufen vor. Uns ist sehr daran gelegen, den Begriff Wartezeit nicht wörtlich zu nehmen - es gilt nicht "abzuwarten, bis die Zeit herum ist", sondern sich intensiv übend weiterzuentwickeln. Anfangs sind hier zwischen dem Weiß- und Gelbgurt mindestens zwei Übungseinheiten pro Woche zu absolvieren. Diese Übungsfrequenz sollte konstant gehalten und spätestens auf dem Weg zum 3. Kyu erhöht werden. Zur Vorbereitung auf eine Dan-Prüfung sollte generell die Freizeit auf das Karate-Training fokussiert sein. Die Warte- bzw. Vorbereitungszeiten sehen wir zudem als absolute MINDEST-Zeiten an. Im Regelfall sollte die Zeit zwischen zwei Prüfungen nach unserer Vorstellung etwa ein Jahr betragen. Für Karateka, die besonders fleißig oder sportlich talentiert sind und denen die technische Weiterentwicklung leicht fällt, mag diese Frist lang und ungerecht erscheinen. Hierbei ist allerdings u.a. zu beachten, dass es beim Wechsel auf verschiedene Graduierungsstufen unterschiedliche Reifeprozesse gibt. Beim Wechsel in die Mittel- und Oberstufe muss vor allem bei Kindern auch die körperliche Konstitution und auch die Körpergröße berücksichtigt werden. Aber auch zunehmende Anforderungen an körperliche Übungselemente dürfen hier nicht außer Acht gelassen werden. Und es darf schließlich nicht vergessen werden, dass es zur Erlangung des ersten Meistergrades auch einer mentalen/geistigen Reife im Sinne des Karate-Do bedarf. Hierzu gehört auch das Warten-Können und die Ausbildung von Geduld, die Reduzierung des eigenen Ego und der eigenen Befindlichkeiten. Auch wenn es verständlich ist, dass gelegentlich private Umstände eine vorgezogene Kyu- oder Dan-Prüfung wünschenswert erscheinen lassen, so ist gelegentlich genau dies der richtige Zeitpunkt dafür, inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und sich im Dojo auf einen inneren Fortschritt zu konzentrieren, indem jede Übung bewusst und ohne Ausrichtung auf eine mögliche Prüfung ausgeführt wird. Die hier erreichten Fortschritte gehen weit über die vermeintlich durch eine Gürtelprüfung erlangten hinaus. 

In der Karateschule Fuji San Münster können DJKB-Prüfungen abgelegt werden. Über den Zeitpunkt der nächsten Kyu- oder Dan-Prüfung entscheidet unser lizensierter Prüfer bzw. unsere lizensierte Prüferin. Grundsätzlich legen wir auch Wert darauf, dass externe Prüfer*innen Prüfungen abnehmen. Darin sehen wir in den meisten Fällen eine Qualitätssicherung unserer Arbeit. Im Regelfall haben wir gut im Blick, wer für eine anstehende Gürtelprüfung in Frage kommt. Wir möchten jedem Prüfling in Aussicht stellen, möglichst gut vorbereitet in eine Prüfungssituation zu gehen und anschließend das Gefühl zu haben, diesen neuen Schritt gut und verdient gemeistert zu haben. Sobald wir angesprochen werden, wann eine neue Prüfung ansteht, werden wir mit unseren Prüflingen die Prüfungsvorbereitung individuell planen und durchführen. Die Anfrage sollte daher nicht unmittelbar vor einem angekündigten Prüfungstermin gestellt werden, sondern bereits einige Wochen/Monate zuvor. Bei allem Trainingseifer darf nicht vergessen werden, dass Karate-Do kein Wettrennen ist und der Do keine Abkürzung kennt, siehe auch hier: Der Do kennt keine Abkürzung 

Literatur: Werner Lind, Der geistige Weg des Budo, Barth Verlag, 2004

Sonntag, 12. Februar 2023

Der Do kennt keine Abkürzung

Viele Jahre lang hatte meine Familie gemeinsam mit einer befreundeten Münsteraner Familie Skiurlaub in den Alpen verbracht. Die An- und Abreise mit Autos erfolgte in etwa zeitgleich und dennoch getrennt. Im Regelfall nahmen wir verschiedene Wege: Die andere Familie bevorzugte den Weg über Kassel und wir nahmen meist die „Sauerlandlinie“ über die A45: Gelegentlich gab es mal einen „Zwischenstand“, wo man grade eine Rast einlegte, und irgendwann schrieb jemand „Sind jetzt da“ oder „Sind zu Hause“. Nicht selten dachte ich mir: „Wieso sind die schon da? Warum sind die schneller?“ Sobald ich bewusst darüber nachdachte, wurde mir klar, wie unsinnig diese Gedanken waren und sind! Und so wird es vermutlich auch jeder Person gehen, die diesen Text liest: Fahrten mit dem Auto sind doch kein Wettrennen, man soll sich hier nicht stressen und unter Druck setzen! Im Zweifelsfall kann ein Hetzen hier zu Unachtsamkeit führen und schlimmstenfalls zu einem Unfall mit existenzbedrohenden Folgen! 

 

Wir können diese Reise mit unserem Karate-Weg vergleichen. Zunächst möchte ich vor allem denjenigen, die sich erst seit kurzer Zeit mit Karate beschäftigen, beschreiben, was wir unter Karate verstehen: Karate kann als sportliche Betätigung ausgeübt werden – gelegentlich höre ich aus den Kinderkursen ein fast entsetztes „Ich schwitze ja!“ 😏 Karate als körperliche Ertüchtigung, als physische Anstrengung, Training – ja, ganz unbestritten. Und noch viel mehr. Wer einige Monate oder Jahre Karate praktiziert, wird irgendwann feststellen, dass sich Bewegungen und Kata-Abläufe automatisieren, dass man nicht mehr über die nächsten Techniken nachdenken muss, sie sich fast automatisch einstellen. So kann es vorkommen, dass sich bei der Nennung einer nun auszuführenden Kata durch den Trainer spontan vor dem inneren Auge die Anfangssequenz der Kata einstellt – und die weiteren Bewegungen dann quasi von selbst ablaufen. Dies ist eine sehr produktive Trainingsphase, da nun nicht nur die technischen Abläufe "sitzen", sondern die Kata mit Ausdruck und „Leben“ gefüllt werden kann. Hierdurch kann Kata zu einer Form der Meditation werden. Beim Kumite gibt es parallele Phasen: Anfangs werden die japanischen Kumite-Begriffe erlernt und die Basis-Angriffs- und Blocktechniken. Anschließend werden mögliche Bewegungsmuster, Ausweich-Optionen oder ähnliches erlernt und ausprobiert, bis sie sich – ohne darüber nachdenken zu müssen – automatisch einstellen. Hierbei spielt es keine Rolle, ob die Herausforderung im eher athletischen Freikampf oder in anderen Kumite-Formen gesucht wird. Das höchste Level, das ich beim Kumite bisher erlebt habe (und es gibt sicher noch höhere Ebenen, die mir noch verschlossen sein mögen), ist eine absolute innere Leere bei einer Begegnung: Kein inneres Wollen, keine Angst, keine Überlegenheit – das ist pures Zanshin oder eben die Leere, nach der unsere Kampfkunst benannt ist. Aber bis hierhin war es für mich ein weiter Weg. Und der Weg ist noch lange nicht zuende. Für diesen Karate-Weg braucht es viel Geduld und eine gute Resilienz, um mit Scheitern und Frustrationen umgehen zu können. Weit über Techniktraining hinaus und über den Versuch, körperliche Fähig- und Fertigkeiten zu optimieren, geht es auch um das Auseinandersetzen mit sich selbst, um inneres Wachstum und um das Erforschen der persönlichen Werte. Mein Weg dauert nun fast 40 Jahre. Wieviele Jahre mögen noch folgen? Wenn ich gesund bleibe – vielleicht weitere 15? Dann wäre ich 70 Jahre alt und könnte auf rund 55 Jahre Karate zurückblicken. 

 

55 Jahre sind eine lange Zeit und – um auf das Reisen zurückzukommen – ein langer Weg. Beim Reisen kürzt man gerne die Reisezeit ab: Man kann, statt zu gehen, das Fahrrad nehmen. Statt mit dem Rad zu fahren, kann man autofahren oder den Bus, die Bahn nehmen. Die Bahn dauert zu lange? Dann nehmen wir das Flugzeug. Mit dem Flugzeug kann man ruckzuck von einem Ende der Welt zum anderen gelangen – das macht Sinn, wenn man es eilig hat. Allerdings verpasst man auf dem Zwischenweg die Landschaft, lernt die fremden Kulturen und Menschen auf dem Weg nicht kennen, versucht keine neuen Speisen in den Ländern, die man „überflogen“ hat. Vielleicht kommt man plötzlich am „Ziel“ an – einer tropischen Insel mit schwül-warmem Klima, einer fremden Sprache und ungewohnten Ess-Gewohnheiten. Oft genug fühlt man sich fremd und fehl am Platz und sehnt sich nach etwas Vertrautem und Bekanntem – zum Glück gibt es in der Club-Anlage kontinentales Frühstück „wie zu Hause“ und auf dem Hotelzimmer gibt es WLAN, so dass man vertraute Filme streamen und mit den Freund*innen zu Hause chatten kann. Das Hotelpersonal spricht neben der Landessprache Englisch oder vielleicht sogar Deutsch. Und nach zwei Wochen geht es wieder zurück nach Hause, wo man vom herrlichen Urlaub erzählen kann in einem fremden Land, das man im Grunde gar nicht kennengelernt hat. 

 

So oder ähnlich kann man auch ein Karateleben gestalten: Die im Training vermittelte asiatische Kultur hat ein exotisches Flair und wenn ich in kurzer Zeit meine kleinen Erfolge in Form von Gürtelprüfungen habe, ist das vergleichbar mit einer Flugreise: Ich komme „schnell voran“, die schnellen Erfolge schmeicheln meinem Ego. Ich kann stolz berichten, Träger*in eines Farbgurtes oder des sounsovielten Dan zu sein. Aber im Grunde bleibt meine Reise oberflächlich, auf ein exotisches Ziel fokussiert und ohne (Er)Leben. 

 

Bei Kindern ist  Ungeduld meiner Meinung nach gut verständlich und bereits hier gilt es im Sinne nachhaltigen Lernens, zu schnelles „Reisen“ zu vermeiden. Ganz unbestritten: Kinder müssen das Warten lernen und vor allem lernen, auf ein erwünschtes Ziel hinzuarbeiten. Und auch Erwachsenen tut es gut, über die eigene Reisegeschwindigkeit und das „Reisemittel“ nachzudenken. In einigen Dojos ist es absolut verpönt und vielleicht sogar verboten, den oder die Sensei zu fragen, wann denn der Zeitpunkt für die nächste Prüfung gekommen sei. Diese Strenge legen wir bei uns im Dojo nicht an den Tag und bei uns ist es zulässig und auch erwünscht, zwischendurch eine „Standortbestimmung“ abzufragen. Gerne bieten Torsten und ich dann an, auf der "Karate-Weltkarte" zu schauen, wo unsere Schüler*innen grade stehen  und was sie benötigen, um die nächste Reise-Etappe zu bewältigen, die nächste Station auf dem Do zu erreichen. 

 

Wer gerne mit dem Flugzeug reist, um die Reisezeit abzukürzen, sieht auf der Reise oftmals nur Flughäfen und  Hotels. So ähnlich ist es auch auf dem Karate-Do: Wer den Weg abkürzen will, sieht oft nur die nächste Gürtelfarbe. Mein Tipp: Reise lieber langsam und nimm die Umgebung um Dich herum wahr. Geh zu Fuß und atme den Duft des Waldes ein, spüre die Steine unter Deinen Schuhen, höre das Rauschen des Windes in den Baumkronen und lausche dem Gesang der Vögel. Und dann entscheide im Anschluss, welche Art zu reisen Dich wirklich weitergebracht hat. Was wird eher im Gedächtnis bleiben – der 2-Wochen-All-Inclusive-Urlaub in den Tropen oder die herausfordernde fünftägige Wanderung in der Natur eines Mittelgebirges? 

 

Entscheide selbst, wie Du auf Deinem Karate-Do und letztlich auf Deinem Lebensweg reisen willst. Wir sind Dir gerne Reisegefährt*innen und unterstützen Dich auf Deinem Do. Allerdings kannst Du bei uns immer nur den Weg der nächsten Etappe „buchen“. Die Reisedauer kannst Du nicht beschleunigen und Pauschalreisen bieten wir leider nicht an. Und was gar keinen Sinn macht, ist zu vergleichen, ob andere auf ihrer Lebensreise schneller oder langsamer unterwegs sind als Du selbst. Vielleicht ist am Ende die Person, die den längeren Weg gewählt hat, von der Reise mehr bereichert, als Du, wenn Du die Abkürzung gewählt hast. 

 

Ein paar Fragen zum Schluss: Wohin willst Du denn überhaupt auf Deinem Do und was glaubst Du, was passiert, wenn du „angekommen“ bist? Was ändert sich mit der nächsten Gürtelfarbe? Was ist besser, wenn Du den „schwarzen Gürtel“ endlich hast? Ich kann verraten, wie es bei mir war und ist: Mit jeder erreichten Etappe wurden und werden die spürbaren Erfolge kleiner und seltener. Also lass Dir Zeit auf Deinem Weg. Storniere Deine Flugreise und zieh die Wanderschuhe an. Und dann geh Deinen Weg. Schritt für Schritt. 

 

Osu, Andrea

Sonntag, 22. Januar 2023

Hara - Zentrierung - Erdung

 Schweißtreibendes "Ommmm" mit Anando Würzburger im UTA Cologne

Es ist mir ja tatsächlich peinlich: Knapp 40 Jahre Karate und bisher hatte ich mich noch nie tiefergehend mit den Aspekten des Hara beschäftigt. Natürlich weiß ich, dass Hara das Energiezentrum des Körpers ist, dass es ca. drei Finger breit unterhalb des Bauchnabels und im Inneren des Leibes sitzt, dass man stabil und im Karate quasi unbezwingbar ist, wenn man "gutes Hara" hat. Auch dass es eine besondere Verbundenheit zur Erde durch Hara gibt, war mir bekannt. Desweiteren ist nicht nur Karateka der Begriff Harakiri (kiri = schneiden) als vor allem unter den Samurai praktizierter Freitod bekannt. Aber gezielt trainiert oder gezielt beschäftigt hatte ich mich mit dem Phänomen Hara bisher noch nicht. Es war für mich bisher ähnlich dem Heiligen Geist in der katholischen Kirche: unverzichtbar und allgegenwärtig - und gleichzeitig unsichtbar, abstrakt, nicht greifbar und irgendwie mysteriös! 

Als mir im letzten Herbst das Seminar "Atmung, Erdung, Hara-Zentrierung" durch den Veranstalter UTA-Cologne, bei dem ich bereits eine andere Weiterbildung abgeschlossen hatte, vorgeschlagen wurde, wurde ich daher sehr neugierig und meldete mich an.

Und wie das dann so ist, wenn nach einigen Monaten dann der Seminartermin naht - irgendwie war es mir grade gar nicht Recht! Es lag ohnehin so viel an und zudem hatte ich auch noch eine fette Erkältung! Am Liebsten hätte ich alles abgesagt! Aber das Seminar war ja bereits bezahlt, Hotel und Zug gebucht - na komm, also raff Dich auf! 

Weil das Thema Hara ja viel mit Atmung zu tun hat, griff ich mir ein vor einigen Monaten gekauftes und noch ungelesenes Buch aus dem Regal mit dem Titel "Breath". Es gestaltete die Hinfahrt ziemlich unterhaltsam mit einem Mix aus Wissenschaft und lockerer Schreibweise. Mit Hara direkt hatte das Buch nichts zu tun - aber es wurde beleuchtet, welche Bedeutung korrekte Atmung für das Wohlbefinden und die Fitness, die Gesundheit und den Alterungsprozess - ja: die Lebensdauer - hat. Hochmotivert kam ich daher im UTA an. Ich war total überrascht, dass wir knapp 30 Teilnehmende waren! Finden dieses Thema so viele Leute interessant? Das hätte ich nicht gedacht! In einer kleinen Vorstellungsrunde zeigte sich, dass viele der Teilnehmenden das Modul im Rahmen einer Ausbildung zur Meditationslehrerin/zum Mediationslehrer belegt hatten. Ich selber gestand bei meiner Vorstellung etwas eingeschüchtert mein dürftiges Hara-Wissen als Karateka ein. Fünf Leute weiter im Kreis vermeldete ein Mann, er sei auch aus dem Karate und ihm ginge es wie mir! Puh, das brachte mir Erleichterung :-) Mit dem Karateka aus Geesthacht unterhielt ich mich in den Pausen viel und ich lud ihn und Leute aus seinem Dojo zu unserem Jubiläumslehrgang im September ein. 

Dann startete die unglaublich tolle Anando Würzburger das Seminar. Anando beschäftigt sich schon seit rund 40 Jahren mit Hara und mit dem Hara verknüpften Themenbereichen. Sie scheint ein ähnlicher Weiterbildungsfreak zu sein wie ich :-) Quasi ihr Lebenswerk dürfte das "Hara Awareness Konzept" sein, welches sich, wie bereits der Name verrät, ebenfalls mit Hara beschäftigt. 

In der Einladung zum Seminar wurde betont, wie wichtig es sei, sich warme, kuschelige Kleidung mitzubringen - ggf. ein Tuch zum Umhängen, in jedem Fall dicke Socken! So hatte ich mich für den ersten Tag mit einem Rollkragenpullover ausgestattet und rechnete mit viel "Sitzen und Hara-Atmen". Und dann kam es natürlich ganz anders! Nach einer kleinen theoretischen Einleitung, bei der wir unter anderem erfuhren, dass das Hara das Survivalzentrum des Körpers ist und für die Selbstregulation sorgt, dass die Hara-Atmung den Vagus aktiviert und damit für Entspannung und Stressabbau sorgt, sollten wir die Übung "Mandala" beginnen. Ich sah mich schon mit Stift und Zettel in der Ecke sitzen und kreisförmige Muster ausmalen, wie ich es aus den Schulzeiten meiner Kinder kannte! Aber weit gefehlt - Mandala heißt erst einmal nur "Kreis". Im Zentrum der Übung standen daher kreisförmige Bewegungen. Um gleichwohl zentriert im Sinne des Seminars zu bleiben, wurde vor den Kreis-Übungen eine Aktion mit zentrierter Ausrichtung ausgeführt - ganz simpel: Wir sollten zu Musik auf der Stelle laufen, die Knie vorne hoch ziehen - möglichst schnell und 15 Minuten lang! Uff! Und ich stand da mit meinem Rollkragenpullover, na toll! Ich legte los und dachte erst: "Boah, ist das anstrengend!", und sah auch die Leute um mich herum schwitzen, hörte sie keuchen. Doch dann besann ich mich und hörte auf die Musik - es war ein Trommelsong, der mich an Safri Duos "Played Alive" erinnerte - und plötzlich fühlte ich mich wie auf einer Party! Die Anstrengung war wie weggeblasen und ich rannte, was das Zeug hielt! 😃 Fast war ich traurig, als die Viertelstunde herum war! Im Anschluss setzten wir uns in Seiza und sollten zehn Minuten links herum aus dem Hara heraus mit dem Oberkörper kreisen. Diese zehn Minuten kamen mir schon etwas länger vor, waren aber gut machbar. Für die dritte Kreisübung legten wir uns auf den Rücken uns ließen die Augen kreisen - diesmal rechts herum, also im Uhrzeigersinn - fünf Minuten lang. Das war sehr unheimlich und kostete Überwindung. Es wurde mir ein bisschen schwindelig dabei. Anando betonte, wie wichtig es sei, auch die Augenmuskulatur regelmäßig zu trainieren - vor allem, weil wir als "zivilisierte Westeuropäer" oftmals stundenlang auf einen Bildschirm starren. Die Augen haben direkten Zugang zum Reptiliengehirn. Daher lässt sich durch gezielte Augenbewegung auch unser Spannungszustand verändern. Hier musste ich viel an die SOK-Ausbildung denken - auch dort gibt es vor einem ähnlichen Hintergrund ähnliche Übungen, allerdings nicht in dieser Länge und nicht so intensiv.

Auch am zweiten Tag gab es eine kombinierte Zentrier- und Kreisübung: zunächst 20 Minuten zentrieren durch ein bestimmtes Bewegungsmuster auf der Stelle und im Anschluss sollten wir uns fünf Minuten lang mit geöffneten Augen so schnell wie möglich auf der Stelle drehen. Normalerweise ist so eine intensive Körperdrehungsübung gar nicht oder nur schwer möglich, ohne herumzueiern und das Gleichgewicht zu verlieren. Aber durch die Zentrierung vorher gelang es tatsächlich! Zur Hilfestellung konnten wir in unsere linke Handfläche schauen, die wir beim Drehen auf Augenhöhe halten sollten. Fortgeschrittene könnten das aber auch ohne Hand-Hilfe, indem sie quasi "nach innen" schauten. Die Übung gelang mir erstaunlich gut, was auch an der Hintergrundmusik gelegen haben kann. Kurz vor Ende konnte ich meinen Arm nicht mehr oben halten und ich versuchte es erst mit dem rechten Arm bzw. der rechten Handfläche - aber das wollte gar nicht gelingen! Dann eben ganz ohne Hilfestellung versuchen und "nach innen" blicken - was auch immer damit genau gemeint ist - genau erklärt hatte Anando es vorher nicht. Ich versuchte, in mein Hara hineinzuatmen! Das ging! Oder ich konzentrierte mich auf den linken Fuß, der sich auf der Stelle drehte - ging auch! Als die fünf Minuten vorbei waren, lebten alle noch, waren unverletzt und einige fühlten sich sogar wie im Rausch. So einen Höhenflug hatte ich zwar nicht erlebt - aber immerhin war mir die Übung gelungen, ohne auf die Nase zu fallen. 

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des Seminars waren Qi Gong Übungen. Hierbei schulte ich mich in der Nutzung des Ki - durch optimale Ausrichtung der Gelenke und Gliedmaßen ließ sich eine energetische Körperspannung aufbauen, die die Muskelkraft beinahe überflüssig machte! Fantastisch! Wir übten das "Eiserne Hemd", hielten den "Mond", umarmten einen "Baum" und standen als "Armleuchter" herum. Nach den Übungssequenzen, die drei bis fünf Minuten dauerten, sollten wir dem spontanen Bewegungsfluss unseres Körpers folgen - was unendlich gut tat, da die Übungen auch ohne bewusste Muskelanspannung recht anstrengend waren.

Apropos Bewegungsfluss: Neben den doch auch reichhaltigen Zazen Sitzungen und der einstündigen Morgenmeditation am Sonntag gab es mehrmals regelrechte Tanz-Sequenzen, bei denen die Bewegungsfreude ausgiebig ausgelebt werden konnte! Diese Lebensfreude, Energie und das schöne Miteinander haben das Seminar wunderbar abgerundet - und natürlich wieder für durchgeschwitzte Kleidungsstücke gesorgt! 

Zwischendurch gab es eine "Formenkunde", in der wir wichtige Hinweise zu unserer Haltung bzw. Stellung bekamen. Eine wichtige Grundstellung entspricht unserem Heiko Dachi. Zur korrekten Ausführung sollten wir erst mit geschlossenen Füßen stehen, dann die Zehen nach außen drehen (wie Musubi Dachi) und dann die Fersen hinter die Zehen drehen. Dieses Stellung sei perfekt, um das Hara zu spüren, zu trainieren. Im Hara sitzt auch der Wille des Menschen. Wer in der korrekten Stellung steht, kann seinen Willen eher spüren, äußern, durchsetzen. Soll der Wille unterdrückt werden, so wird eher der Heisoku Dachi oder Musubi Dachi eingenommen (mir fiel dabei ein, dass auch Soldat*innen so stehen in der Hab-Acht-Stellung - das kommt ja dann nicht von ungefähr!). Die korrekte Meditationsposition hingegen war nicht so streng vorgegeben, wie ich es aus der Zen-Meditation kenne. Wenn man in der Knieposition kniet, soll man die Oberschenkel nur eine faustbreit auseinander haben und die Zehen sollten sich möglichst hinter dem Meditationskissen berühren. Speziell die Qi-Gong-Übungen bedurften noch weiterer Erklärungen: wie die Armhaltung zu sein hatte, damit nur die Sehnen und Gelenke die Spannung tragen und wir möglichst wenig Muskelkraft brauchen, wie hierbei zu atmen haben (in unserer Vorstellung durch spezielle Punkte in den Händen und Füßen - außen am Körper ein- und hinten am Körper ausatmend - sehr speziell und nur zum Teil auf Anhieb nachvollziehbar). Spannend war für mich die Vorstellung der "Goldenen Locke" - auch ich sage z.B. den Karatekindern gelegentlich, sie sollten sich bei der Meditationsphase vorstellen, jemand habe ihnen wie bei einer Marionette ein Band am Hinterkopf befestigt und würde leicht daran ziehen. So ähnlich ist auch das Prinzip der "Goldenen Locke", die uns in unserer Vorstellung himmelwärts ziehen könnte - dies nicht nur bei der Meditation, sondern auch beim Gehen. Hierbei sollte der Hinterkopf etwas angezogen und das Kinn leicht Richtung Brustkorb gezogen werden. Ich probiere es nun aus, durch diese Idee aufrechter zu gehen - ohne meine Schultermuskeln bewusst einsetzen zu müssen. 

Am Samstagabend gab es als "Zugabe" noch ein Abendseminar - wir sollten uns zu zweit zusammentun und gegenseitig unser "Hara lesen". Ohne nun hier zu sehr in die Tiefe zu gehen, kann ich sagen, dass mich speziell diese Übung sehr überrascht hatte, da ich zunächst sehr skeptisch war, ob so etwas funktionieren kann. Es war erstaunlich, was jeweils "sichtbar" wurde und wie die gegenseitige Resonanz darauf war!

Insgesamt waren es drei sehr lehr- und ereignisreiche Tage mit wundervollen Menschen! Die Osho-Meditaion am Sonntagnachmittag, bei der wir zunächst 30 Minuten im Zazen verharrten und gemeinsam "Summten" (Summen beruhigt nämlich, habe ich gelernt 😏) mit anschließenden weiteren 15 Minuten Sitzen (in Verbindung mit einer Geben- und Nehmen-Armgeste) waren tatsächlich etwas lang und da konnte auch die anschließende Ruhephase nicht entspannen, so dass ich am Ende dann doch froh war, als das Seminar sich dem Ende zu neigte. 

Mein Fazit ist, dass sich für mich eine Tür zu einer neuen Karate- und Lebensdimension gezeigt hat, die ich ein stückweit geöffnet habe. Um sie ganz aufzuschieben braucht es vermutlich noch viel Kraft und Zeit und Hingabe. 


Montag, 9. Januar 2023

Kangeiko Osterburg mit Tobi Prüfert und Michael (Mukki) Reinhard

 1. Uke-Waza im Stand

Tsuki Waza im Stand

Age Uke, Soto Uke, Gedan Barei, Uchi Uke im Stand

nächster Durchgang auch noch im Heiko Dachi aber mit Hüfteinsatz

nächster Durchgang: beim Hüfteinsatz den Körper "verdrehen", also das "Hikite-Bein" beugen

Dann: Jede Uke Technik + "Gyaku Tsuki" (noch im Heiko Dachi)

Dann: den Gyaku-Tsuki-Arm als Ausholbewegung benutzen, also nach dem Age-Uke mit dem Age-Uke-Arm seitlich für Soto-Uke ausholen und den anderen Arm, der in der vorigen Übung den Gyaku Tsuki ausgeführt hat, für die gegenseitige Ausholbewegung nach vorne nutzen - dasselbe dann für alle anderen Uke-Waza auch.

2. Variante von oben im Gy Ts mit Hüfteinsatz

3. Im Heiko Dachi: re Tsuki, li Age Uke und und li Tsuki - beim Age Uke das gegenüberliegende Knie hochziehen - das mit allen vier Blöcken 

4. li vor ZK mit Gedan Barei, vor mit rentsuki, rückwärts mit ZK und GB, re raus KB Empi, Uraken, vorderen (rechten) Fuß an den linken zurückziehen und den linken Fuß nach hinten wegsetzen in KB mit  re GB (nach vorne), li Gy Ts im Stand (nach vorne) - darauf achten, dass der Gy Ts im KB sauber ist! Dann gings weiter mit KK-Variationen ....

5. Li vor Kamae stehen, li Kizami ts, Kiri Kaeshi mit Gyaku Tsuki (selber Arm), Kiri Kaeshi Gy Ts, Kiri Kaeshi Kizami Tsuki - immer derselbe Arm, dann Hantei ...

dasselbe mit Partne*in 

6. li vor in Gy Ts, Age Uke / Gy Ts im Stand, Mae Geri mit hinterem Bein und oben halten! Dort Gyaku Age Uke und Tsuki, dann Bein hinten absetzen mit Age Uke und Gyako Shuto Uchi

7. ählich wie 6. mit Soto Uke und Maei Empi, Mae Geri, halten, Absetzen mit Soto Uke und Gyaku Haito Uchi 

8. Körperausrichtung bei Gyaku-Techniken

a) Gewichtsverlagerung: li vor ZK, vorderer Arm Age Uke, Hüfte Hanmi; dann Gewicht verlagern (aufs hintere Bein "setzen") und Gyaku Age Uke, Hüfte Gyaku Hanmi - dasselbe mit Soto Uke, GB, Uchi Uke

b) Stand verkürzen: Start wie oben - statt Gewicht nach hinten zu verlagern, das vordere Bein durch Hüftrotation etwas ranziehen und dadurch Stand verkürzen - mit allen vier Techniken ausführen