Sonntag, 26. November 2023

JKA-Nederland - Peter-Wewengkang-Memorial-Lehrgang

Von Freitag bis Sonntag (24. – 26.11.23) fand in Beek (in der Nähe von Maastricht) der inzwischen 11. JKA-Lehrgang der Niederlande statt – der Peter Wewengkang Sensei Memorial Lehrgang (in Gedenken an den 2012 verstorbenen Peter Wewengkang Sensei). Seine Kinder Ramon und Tamara organisieren seit viele Jahren dieses Event – Torsten und ich waren diesmal mit dabei. Ebenfalls aus der Fuji San Delegation dabei war Uta Hinkelmann, die zusammen mit zwei Freundinnen dort am Samstag teilnahm. 


Torsten und ich genossen die vollen drei Tage mit den Senseis Sawada Shihan (JKA-Chief-Instructor Belgien), den aus Japan angereisten Honbu-Instruktoren Okuma Sensei, Kurihara Sensei, Shimizu Sensei und Nemoto Sensei, unterstützt aus den Reihen des veranstaltenden Dojos durch Ramon Wewengkang Sensei. Seine Schwester Tamara sitzt seit einigen Jahren wegen einer Nervenerkrankung im Rollstuhl – was sie nicht davon abhält, den Dogi zu tragen und am Lehrgang nach ihren Möglichkeiten teilzunehmen. Äußerst beachtlich ist ihre positive Ausstrahlung und ihr herzliches Willkommen an alle Gäste!

 

Wie viele der anderen waren wir im Van der Valk Hotel in Urmond-Stein untergekommen, etwa 2:15 Autostunden von Münster und 10 Autominuten von der Trainingshalle entfernt. Das Hotel machte zunächst einen sehr positiven Eindruck – allerdings hatten wir vom Balkon aus einen „herrlichen Blick“ auf die örtliche Raffinerie und das Autobahndreieck :-D Ansonsten war das Hotel aber ok, zumal am Samstagabend dort die Lehrgangsfeierlichkeit stattfand 

 

Am späten Freitagnachmittag fand bereits die erste Einheit statt: Ein großer Anteil der insgesamt über 400 Teilnehmenden aus 13 Nationen fand sich am ersten Tag in unserer Halle und in einer weiteren kleineren Halle ein. Es war schon gut voll und in unserer Halle trainierten drei der insgesamt fünf Gruppen. Alle Senseis stellten sich in rund 20 Minuten dauernden Sequenzen vor. Ein besonderer Fokus lag auf dem "Einrasten" der Hüfte bei den Shomen-Hanmi-Wechseln. 

 

Abends trafen wir uns mit unseren Karate-Freund*innen Tobias Prüfert und Silvana Moreno im Hotel-Restaurant und ließen den Abend ausklingen. 

 

Am nächsten Morgen ging es um halb 10 weiter. Wir hatten zunächst Sawada-Sensei, der uns nach dem offiziellen Warmup einige „lustige“ Aufwärmübungen ausführen ließ: auf einem Bein stehend das andere zum Mae-Geri anheben und halten – dabei zehn Tsuki mit Kiai ausführen und davon pro Bein drei Wiederholungssätze – dasselbe dann mit Yoko-Geri! Sawada Sensei beobachtete unsere wackeligen und ziemlich armseligen Bemühungen mit einem schelmischen Lächeln 

Danach ging es los mit Kumite Übungen: Angriff mit Oi Tsuki, die abwehrende Person gleitet zurück in Kokotsu Dachi mit Block Uchi Uke. Die angreifende Person sollte dann nach dem Mae Geri (eigentlich gleichzeitig mit dem Absetzen des Maei Geri) einen Oi Tsuki ausführen – der sollte dann durch einen Kizami Mae Geri der abwehrenden Person im Entstehen gestoppt werden. Alternativ zum Kizami Mae Geri konnte auch ein Kizami Mawashi Geri oder Kizami Uchi Mawashi Geri ausgeführt werden. 

 

Danach ging es in Anwendungen aus der Kata Gankaku, die bei der JKA zu den Standard Gata zählt (Heian Gata, Tekki I-III, Bassai Dai, Jion, Enpi, Kanku Dai ??? und Gankaku). Ich hatte hier - wie auch schon bei der vorigen Kumite-Übung - das Vergnügen, mit Silvana trainieren zu können. Im Anschluss an die Bunkai-Sequenzen wurde die Kata noch einige Male ausgeführt. Zwischen durch wurde noch etwas Theorie abgefragt, z.B., über wieviele Zählzeiten sich die Gankaku erstreckt (Antwort: 42). Infos wie diese werden leider im DJKB zur Zeit noch gar nicht unterrichtet, so dass diese Hintergründe und die korrekten Zählungen in Deutschland wohl noch nicht so verbreitet sind. Drei Karateka führten die Kata dann noch vor, wobei sie darauf achten sollten, sich nur je auf einer Linie vor und zurück zu bewegen (Enbusen der Gankaku). 

 

Nach einer nur viertelstündigen Pause ging es mit Shimizu Sensei weiter mit einer Art „klebende-Hände-Übung“: Zunächst standen sich je zwei Personen gegenüber, drückten die Handflächen gegeneinander und bewegten sich immer einen Schritt vor und zurück im Zenkutsu Dachi, im Folgenden dann auch zwei oder drei Schritte. 

Anschließend sollten wir auf der Stelle stehen bleiben, aber – auf den Druck an den Handflächen reagierend – das Körpergewicht vor und zurück bewegen. 

Im nächsten Durchgang sollten wir die Körper aus dieser Position horizontal kreisend bewegen, im dritten Durchgang vertikal. 

Durch das Brechen des Rhythmus' - so demonstrierte Shimizu Sensei – konnte man nun eine Lücke schaffen, um einen Angriff zu platzieren. 

Aus dieser Idee heraus wurde dann eine Kumite-Übung generiert: A schiebt die eigene Hand so weit vor, bis die Hand von B berührt wird. Nun sollte die Vorstellung entstehen, sich an der Hand von B nach vorne ziehen zu lassen und dadurch schnell nach vorne katapultiert zu werden. 

 

Im Anschluss an das Training bei Shimizu Sensei gab es eine Dreiviertelstunde Pause. Die Organisator*innen hatten Lunch-Boxen mit Brot, Obst und Wasser bereit gestellt. Das kam insgesamt sehr gut an und sorgte für die nötige Energie für Einheit Nummer drei. Nach der Pause unterrichtete uns nämlich Kurihara Sensei mit Details zur Kata Jion. Hier gab es unter anderem eine „hübsche“ Fangfrage: „Wie gleitet man im Kiba Dachi seitwärts?“ Wir zeigten es alle – aber es war falsch! Es ging dem Sensei nicht nur ums Seitwärtsrutschen, sondern darum, zunächst das entsprechende Bein seitlich auszustellen (ähnlich wie nach Ristos-Idee vor einem Gyaku Tsuku) und dann erst das Gewicht verlagern! 

 

Nach dem dritten Training beschlossen Torsten und ich, einen kleinen Ausflug nach Maastricht zu unternehmen, welches nur etwa eine Viertelstunde Fahrzeit mit dem Auto entfernt war. Leider war es bereits dunkel, als wir endlich da waren. Wir schlenderten durch belebte Shopping-Straßen und über die Brücke, die über die Maas führt und gönnten uns dann in einem Sushi-and-Ramen-Restaurant direkt am Bahnhof jeder eine Portion Ramen-Suppe zum Aufwärmen. Anschließend fuhren wir zum Hotel zurück und ließen den Abend mit einigen Karateka ausklingen. 

 

Am  Sonntag startete wegen vorheriger Danprüfungen und JKA-Lizenz-Examina die erste Einheit erst mittags um 11.30. Okuma Sensei ließ uns zahlreiche: Kumite-Variationen ausführen. Meine Partnerin war wieder Silvana, Torsten trainierte erneut mit Tobi. Die Atmosphäre in der Halle war extrem laut, weil an diesem Tag ALLE Gruppen in der kleineren der beiden Trainingshallen zusammen trainierten. Von den  400 Personen waren sicher noch 300 da, darunter auch viele Kinder. Es war dadurch auch sehr eng und es standen viele Taschen an der Seite, Sachen lagen auf dem Boden. Man musste ständig aufpassen, niemanden umzurennen oder umgerannt zu werden und nicht auf den Sachen auf dem Boden auszurutschen. Einmal hob ich etwas ärgerlich einen auf dem Boden liegenden Sportanzug auf und warf ihn etwas ungehalten auf eine Bank – prompt gab es eine verärgerte Reaktion von Jean-Pierre Sensei, dessen Anzug es wohl war :-D Später bat ich ihn um Verzeihung dafür, seinen Anzug recht achtlos geworfen zu haben – aber zum Glück lachte der Sensei nur und beteuerte, es sei „pas de problème“!  Die beiden Trainings am Sonntag waren auf jeden Fall wegen der vielen Menschen in der Halle eine echte Herausforderung und es fiel schwer, sich zu konzentrieren. Die Gohon-Kumite-Kombinationen bei Okuma Sensei waren wie folgt:

 

Tsuki Jodan / Age Uke – Gyaku Tsuki

Tsuki Jodan - Gyaku Tsuki / Age Uke – Soto Uke mit selben Arm – Gyaku Tsuki

Sanbon Tsuki / Age Uke – Soto Uke – Gedan Barei mit selbem Arm – Gyaku Tsuki

Mae Geri / Gedan Barei – Gyaku Tsuki

Mae Geri – Oi Tsuki / Gedan Barei – Age Uke  mit selbem Arm – Gyaku Tsuki

Kizami Tsuki -  Jodan Soto Uke mit offener Hand (ohne zu Patschen :-D ) – Gyaku Tsuki

Kizami Tsuki - Suri Ashi Gyaku Tsuki / Jodan Soto Uke – Osae Uke mit selbem Arm – Gyaku Tsuki 

Kizami Tsuki - GyakuTsuki - Mawashi Geri / Jodan Soto Uke - Te Osae Uke + einen Schritt zurück  und Konter mit Ushiro Geri

 

Nach der Einheit gab es eine halbe Stunde Pause, in der weitere Karateka (darunter auch Tobias und Silvana) abreisten. Die letzte Einheit leitete dann Nemoto Sensei. Wir hatten in seinem Training alle fest mit Kumite gerechnet – es gab aber Kata Heian I-V und Tekki I mit je zwei Bunkai-Sequenzen. Das war ein recht entspannter Ausklang, bevor wir dann auch die Heimreise antraten. 

 

Fazit: Ein mehr als gelungener Lehrgang, den wir sicher mit in unsere künftige Jahresplanung nehmen werden! 

 

Donnerstag, 29. Juni 2023

Zutaten für effektiven Selbst- und Fremdschutz

 Kraft

Beweglichkeit

Technik?

Kreativität, Ideen, Erfahrung

Training?

Körpergefühl, -bewusstsein

Werte

Was ist ok, was nicht?

  • Muss ich mich berühren, schlagen, einsperren lassen?
  • (ab) wann darf ich mich wehren
  • wie stark darf ich mich wehren

Was ist mir heilig? Wofür stehe ich ein?

Hoffnung/positive Psychologie

  • dass ich mir helfen kann
  • dass alles gut wird

Das eigene Ich muss erst gestärkt werden, später muss es klein werden können

  • für Fähigkeit das eigene innere Schwert zu stoppen (Selbstkontrolle)
  • für Fähigkeit des Perspektivwechsels
  • für Fähigkeit der Deeskalation


Dienstag, 27. Juni 2023

Sicherheit für Ihr Kind - vom Sinn und Unsinn der "Passwort-Regel"

 Warum sich Familien nicht auf die "Passwort-Regel" verlassen sollten ...

In meinem Kurs "Zivilhelden" in Coerde mit Müttern und Kindern ging es unter anderem auch um das Thema "Steig nicht in (fremde) Autos ein". bzw. "Gehe nicht mit (fremden) Personen mit". Hier weiche ich in meinen Kursen vermutlich von einigen populären Methoden ab.

1. Wer ist "fremd"? Fremd ist ganz unbestritten wohl eine Person, die ein Kind noch nie gesehen hat. Als fremd kann man auch Personen bezeichnen, deren Namen man nicht kennt oder die man nur selten sieht. Oder man definiert als fremd alle Personen, die nicht zur Familie gehören. Ich halte auch das für zu ungenau - zumal der größte Teil der Gewalttaten gegen Kinder durch Personen geschieht, die zur Familie oder zum engeren Bekanntenkreis gehören. Ich empfehle hier daher, dass in der Familie klar definiert wird, mit wem ein Kind mitfahren oder mitgehen darf. Dies können "nur Mama und Papa" sein. Oder "auch Oma". Oder vielleicht "Kinderfrau Judith", die das Kind wochentäglich betreut. "Und was ist, wenn das Kind mal mit einem befreundeten Kind im Auto dessen Mutter mitfahren will?" - Dann sollte man das vorher besprechen und für das eine Mal vereinbaren.
2. "Passwort-Regel": Immer wieder lese ich den Ratschlag, dass Eltern mit ihren Kindern ein Passwort vereinbaren sollen: Kommt dann z.B. jemand in die Kita und fordert das Kind auf, mitzukommen oder ins Auto zu steigen, muss das Kind nach dem zwischen ihm und den Eltern vereinbarten "Passwort" fragen. Nur wer das richtige Passwort nennen kann, ist vertrauenswürdig (offenbar egal, ob die Person dem Kind bekannt ist oder nicht) und mit der Person darf und soll das Kind dann mitgehen.
Ich überlege immer wieder, für welchen Fall diese Regelung geeignet ist. Wenn schon beim Wegbringen in die Kita oder Schule klar ist, dass die gewohnte Bezugsperson das Kind nicht selbst abholen kann, dann kann man das bereits zu diesem Zeitpunkt mit Kind und Erzieher*innen / Lehrer*innen besprechen. Sollte es sich um einen Notfall handeln (Mama hatte einen Unfall und ist im Krankenhaus), ist es m.E. zweifelhaft, ob die Mutter noch der abholenden Person das passende Passwort hat sagen können. Und das Kind? Sagt man dem Kind: "Mama hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus", was geht dann wohl in dem Kind vor? Stress und Angst mischen sich zu einem Cocktail, der aller Erfahrung nach das Denken erschwert. Kann sich ein Kind dann noch an die Passwortregel erinnern? Oder an das richtige Passwort? Oder möchte es nur schnell Mama sehen?

Wie oft will man das üben und wiederholen, bis man sicher gehen kann, dass die Regel bei allen Stellen erinnert wird? Wird das Kind auch beim von der Mutter getrennt lebenden Vater nach dem Passwort fragen, wenn er es ohne Absprache von der Kita abholt? Oder beim netten Nachbarn, der das Kind mal "ausnahmsweise" abholen will?
Sollte man die Energie, die in die Passwort-Geschichte aufgewandt wird, nicht besser in andere Strategien investieren, die wirklich wirken? Meiner Meinung nach wiegt diese Idee Eltern und Kinder fälschlicherweise in Sicherheit.
Im Kurs "Zivilhelden" sprach ich dann auch das Thema "Nicht mitgehen/nicht einsteigen" an. Eine Mutter winkte gleich ab: "Ach, da haben wir ja die Passwortregel, nicht wahr (zum Kind)?" Das Kind nickte eifrig. Die Mutter zu den anderen Müttern: "Wenn jemand will, dass meine Tochter mitgeht, fragt meine Tochter nach dem Passwort und nur wenn das richtige Passwort genannt wird, geht sie mit." Tochter nickt wieder. Pause. "Mama?" "Ja?" "Wie ist denn nochmal das Passwort?"


Dienstag, 11. April 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gestaltung eines Shomen


Das Shomen soll wichtige Werte symbolisieren und einen Eindruck darüber verschaffen, wie in einem Dojo Budo praktiziert und gelebt wird. Für mein persönliches Shomen habe ich die Kanjis „Harmonie“ und „Weg“ ausgewählt. Das Budo in meinem Dojo soll ein Budo der harmonischen Lebensführung sein: Redliches Bemühen und Selbstwahrnehmung müssen im Einklang miteinander stehen, um eine Ausgewogenheit zwischen meinem Inneren und der Umwelt halten zu können, die auch Widrigkeiten trotzen kann und den Einsatz für das soziale Umfeld/die Gesellschaft ermöglicht. Die Kanjis für den Weg der Harmonie hängen daher als hohes Ziel über den weiteren Symbolen.

Das Holzschwert ist das Symbol der Stärke, um für eigene Rechte und die anderer Personen einstehen zu können. In meinem Dojo wird auch Zivilcourage vermittelt, das Nicht-Wegsehen, der Mut, auch für andere Personen einzustehen. Auch das Einsetzen gegen Rassismus, Misogynie oder Ageismus gehört dazu wie auch das Engagement für allgemeine soziale Themen wie Umwelt- und Artenschutz. Auch wenn es zunächst widersprüchlich scheint, ist das Schwert das Werkzeug für eine harmonische Lebensführung. Denn Harmonie entsteht selten von allein und durch reines Abwarten. Es bedarf meist des persönlichen Einsatzes oder sogar eines Kampfes mit sich selbst oder gegen Widrigkeiten, um Harmonie herzustellen und zu erhalten. Das Schwert befindet sich daher an zweiter Stelle – direkt unter den übergreifenden Symbolen für den Weg der Harmonie. 

Die Klangschale steht als Symbol der Meditation für ein In-Sich-Gehen und Bei-Sich-Bleiben, Zentrieren und Hara. Hara ist das innere Energiezentrum eines Menschen. Hier kann Kraft gebündelt und gehalten werden. Laotse soll gesagt haben: „Wer andere besiegt, hat Muskelkräfte. Wer sich selbst besiegt, ist stark. Wer seine Mitte nicht verliert, der dauert.“ Durch die meditative Zentrierung wird die Basis dafür geschaffen, die Balance zwischen Demut und Stolz zu halten. Dies ist eine gute Voraussetzung für die (inneren) Kämpfe zum Entstehen und zur Aufrechterhaltung von Harmonie. Die Klangschale ist als bedeutendes Symbol daher mittig/zentral unterhalb des Schwertes angeordnet. 

Die Räucherstäbchen stehen für individuelle und kollektive Transzendenz, die höchsten Formen menschlicher Bedürfnisse (Llanos und Verduzco, 2022, S. 1). Während die individuelle Transzendenz sich auf ein starkes Selbst bezieht, bedeutet kollektive Transzendenz, sich selbst für ein höheres Gemeinwohl aufzugeben (Llanos und Verduzco, 2022, S. 3).  Die Räucherstäbchen sind daher unterhalb des Schwertes und links neben der Klangschale angeordnet. 

 

Der Blütenzweig steht für das Schöne im Leben. Das Lebensziel des Budo-Weges der Harmonie kann sein, durch Budo für mehr Frieden, Harmonie und Schönes auf der Welt zu sorgen und schlussendlich auch für Schönes im eigenen Leben. Da individuelle und kollektive Transzendenz zu den höheren Bedürfnissen nach Maslow gehören, sind sie weniger dringlich für das bloße Überleben. Gleichzeitig bedeutet das Leben auf einem höheren Bedürfnisniveau einen hohen Überlebens- und Wachstumswert. Es führt zu mehr Gelassenheit und Zufriedenheit (Maslow, 2016, S. 128). Zudem fördert die Beschäftigung mit den höheren Bedürfnissen und ihre Befriedigung die physische und psychische Gesundheit (Maslow, 2016, S. 129). Allerdings haben die höheren Bedürfnisse mehr Vorbedingungen als die niedrigeren Bedürfnisse (wie z.B. die Bedürfnisse nach Nahrung und Schlaf oder Sicherheit). Daraus ergibt sich die den anderen Symbolen nachgelagerte Position ganz unten rechts am Fuße des Shomen, auf Höhe der Räucherstäbchen.


Literatur: 

     Abraham Maslow. (2016). Motivation und Persönlichkeit (14. Aufl.). rororo.

 

     Llanos und Verduzco. (2022). From Self-Transcendence to Collective Transcendence: In                             

     Search of the Order of Hierarchies in Maslow’s Transcendence. Frontiers in Psychology, 9. 

     file:///Users/andreahaeusler/Downloads/fpsyg-13-787591-2.pdf





 

Dienstag, 14. März 2023

Ausbildung Budopädagogik - Gedanken zum eigenen Budo und Kulturvergleich

In der Ausbildung zur Budopädagogin/zum Budopädagogen wurden uns die Elemente des Budo vorgestellt: Bu, Do, Dojo, Reigi, Shitei, Zen. Gegenüber einigen Budo-Elementen empfinde ich Widerstand und würde sie abwandeln. Aber darf ich das? Muss Budo nicht unveränderlich sein, weil es eine Kultur ist und alten Traditionen entspricht? Es lohnt sich m.E., in diesem Zusammenhang die Frage zu stellen, was genau Kultur ist. Interessant ist es weiter, einen Blick auf die japanische Kultur zu werfen und einen Vergleich mit der bei uns gelebten Kultur heranzuziehen. 

Kultur ist „…ein von mehreren Menschen geteiltes Programm für bestimmte Muster (im Denken, Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, in Konzepten, Praktiken, Problemlösungen etc.) und gleichzeitig ist es ein Mittel, unterschiede u anderen Kulturen auszudrücken und festzulegen.“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Es ist hier nicht nur Kultur im Sinne nationaler Herkunft gemeint, sondern auch die des Berufs, des Geschlechts, des Unternehmens oder Dojos, in dem die Menschen arbeiten oder lernen/unterrichten (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 5). Kultur ist niemals ein endgültiges Ergebnis, sondern entwickelt sich immer fort, weil Menschen ständig ihre Umwelt interpretieren und versuchen, in ihr einen Sinn zu sehen und angemessen mit ihr und den Mitmenschen umzugehen. Dieser Interpretationsansatz hat viel mit der Vergangenheit der Menschen zu tun und mit dem jeweiligen Kulturraum (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 6). Bei Kultur geht es im Gegensatz zur Geschichte nicht um die Speicherung, sondern um die Nutzung von Traditionen. Und in der Nutzung von Traditionen liegt auch die Möglichkeit zum Wandel (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 7). Über diese Erkenntnis bin ich sehr dankbar. 

Die japanische Kultur ist unter anderem geprägt durch konfuzianische Ethik. Hier gelten entsprechend der fünf Kulturdimensionen Hofstedes folgende Attribute (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27)

  • hohe Machtdistanz
  • Maskulinität
  • starke Unsicherheitsvermeidung
  • hohe Langzeitorientierung
  • Kollektivismus  

Die hohe Machtdistanz spiegelt sich im Budo durch die klare Hierarchie und Strenge wider.  Da ich mit Karate aufgewachsen bin, kann ich mich dieser Form des Budo bis zu einem gewissen Grad … jetzt fehlen mir die Worte … ist es wirklich ein Unterwerfen? Ist es ein Ausliefern? Vermutlich müsste es genau eines dieser beiden Worte sein. Ich kann mich also bis zu einem gewissen Grad unterwerfen, wenn ich weiß, dass die Machtposition des Meisters (hier bleibe ich bewusst bei der männlichen Form, weil ich diese Machtdominanz von weiblichen Sensei noch nie so gespürt habe) nicht missbraucht wird und die Forderungen nicht willkürlich sind. Ich muss einen gewissen Sinn und ein Wohlwollen hinter den Forderungen erkennen oder zumindest ahnen und spüren.

Und die Hierarchie endet bei mir mit Ende der Übungsstunde. Ich habe wahrgenommen, dass dies nach der in der Ausbildung vorgestellten Budo-Idee anders ist und zum Beispiel auch beim abendlichen Bier am Lagerfeuer auf Hierarchien gepocht wird („Der Schüler muss sich sein Bier selbst holen, ein Meister-Schüler darf es ihm nicht bringen.“). Dies passt gut zur japanischen Kultur und vermutlich auch zu anderen asiatischen Kulturen – eben überall dorthin, wo die Kultur eine hohe Machtdistanz aufweist. Mir persönlich geht dies zu weit und ich empfinde dies als übergriffig in meinen privaten Bereich hinein – sowohl als Sensei, als auch als Schülerin. Eine starke Hierarchie und strenge Regeln können bis zu einem gewissen Grad den Charakter von Schülerinnen und Schülern fördern, Wertevermittlung unterstützen, für Klarheit und Ordnung sorgen – sie können aber auch zerstören und zu Gewalt und Missbrauch führen. Ich hatte in eine beruflichen Weiterbildung, die ich leitete, kürzlich unter den Teilnehmenden einen jungen japanischen Mann. Wir sprachen in der Gruppe über Gewalterfahrungen und er erzählte, dass er in seiner Kindheit und Jugend in der Schule in Osaka regelmäßig von Lehrern geschlagen wurde. Diese „Züchtigung“ habe zum Unterricht „dazu gehört“ und er habe darunter sehr gelitten. Mit seinen Eltern habe er darüber nicht sprechen können – die hätten ohnehin wohl das Verhalten des Lehrers unterstützt. Hohe Machtdistanz geht meist mit einem autoritären Führungsstil einher. Dieser „zeichnet sich durch direktives, autokratisches, hierarchisches und autoritäres Verhalten der Führungskraft“ aus (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 54). Diesem Führungsstil liegt die Idee zugrunde, dass Menschen ungleich sind und dass die bestimmende Person die klügste ist mit den effektivsten Methoden. Im Extremfall kann dies zu einem Absolutismus führen. Hierarchie bedeutet im beruflichen Alltag Japans auch, dass Angestellte vor dem Boss im Büro erscheinen und es nicht vor diesem verlassen dürfen. Das Verlassen erfolgt dann oftmals gemeinsam und zwar in Richtung einer Bar, in der die Angestellten ihre „Qualitäten“ unter Beweis stellen müssen, in dem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken (eigene Beobachtungen am Bahnhof in Oita und weiteren Orten in Japan). So eine Kultur kann und will ich nicht leben.  

Die japanische Kultur ist zudem geprägt von Maskulinität. Diese zeichnet sich durch ein hohes Durchsetzungsvermögen aus. In femininen Gesellschaften verhalten sich die Mitglieder eher beziehungs- und kooperationsorientiert. Beide Kulturen können Gemeinwohl und Fürsorge zum Inhalt haben aber in maskulinen Kulturen ist dies stark den Geschlechterrollen zugeordnet (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Dies hat z.B. in Japan zur Folge, dass Frauen sich auch heute noch – trotz Schulausbildung und Studium – nach einer Heirat in erster Linie um den Haushalt eines Paares kümmern müssen, um die Pflege der Kinder und der alten Eltern (Scott Langley, 2014, S 127). Ich hatte es bereits bei der Abschlussrunde des zweiten Moduls erwähnt, dass ich einen streng maskulinen Führungsstil unpassend finde und daher kann ich diesen Stil für mein Budo nicht kopieren. Für mich als Frau muss ein anderer Budo-Führungsweg möglich sein, bei dem ich mit weiblicher Konsequenz und Autorität anleiten und führen kann, so dass ich als Sensei authentisch bin. Ich denke, dass ich in meinem Dojo hier schon ein gutes Konzept lebe. Leider habe ich bisher Budo-Literatur ausschließlich von männlichen Autoren gefunden, so dass mir hier wissenschaftliche/literarische Inspiration fehlt. Ich bin daher sehr gespannt auf die weibliche Budopädagogin Jeannine Schröder beim Schweden-Modul. 

Eine weitere Kulturdimension asiatischer Kulturen ist das Prinzip der Unsicherheitsvermeidung: Menschen in diesen Kulturen haben Probleme damit, wenn Situationen eintreten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder deren Anforderungen unklar oder gar widersprüchlich sind. Daher schätzen Menschen in diesen Kulturen es sehr, wenn möglichst viele Dinge klar geregelt sind und durch Regeln Recht und Ordnung herrschen. Personen, die im Gegensatz dazu in Kulturen mit niedriger Unsicherheitsvermeidung aufgewachsen sind, haben eher eine „hohe Ambiguitätstoleranz und Improvisationstalent“ (Kumbruck und Derboven, 2015, S. 27). Sie benötigen nicht viele Regeln, sind eher gewohnt, selbst zu entscheiden und zu improvisieren. Regeln werden oftmals als einengend empfunden und erzeugen ggf. sogar Misstrauen gegenüber den Personen oder Institutionen, die die Regeln aufgestellt haben und die Durchführung überwachen, Verstöße sanktionieren. Ich persönlich habe eher eine niedrige Unsicherheitsvermeidung. Meine Eltern gehörten der Kriegs- und Flüchtlingsgeneration an und waren schon deshalb wahre Improvisationstalente. Gleichwohl weiß ich klare Regeln und Strukturen zu schätzen und bin der Ansicht, dass es einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft hat, wenn Strukturen und Regeln sowie entsprechende Konsequenzen bei Verstößen den Alltag gestalten. Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen – vor allem auch Kinder oder traumatisierte Personen – sehr dankbar sind über einen strukturierten Budo-Unterricht mit gleichförmigen Abläufen und verlässlichen Regeln. Die im Budo aufgestellten Regeln sollten m. E. klar definiert und nachvollziehbar sein. Sie dürfen m.E. aber aber auf keinen Fall schikanieren oder erniedrigen. 

Kulturen mit Langzeitorientierung streben langanhaltende Lösungen und Prozesse an. Dies passt m.E. sehr gut zur in der Weiterbildung vorgestellten Art des Budo, da hier der Lernprozess zählt und nicht der schnelle Graduierungs- oder Wettkampferfolg. Diese unserem schnelllebigen Alltag entgegenstehende Ausrichtung sehe ich als sehr positiv im Hinblick auf den Do an. In diese Langzeitorientierung passt auch die Praxis der Zen-Meditation, bei der man vollkommen absichtslos einfach „nichts“ tut, bei der der Geist zur Ruhe kommen kann. 

Schließlich bleibt noch der Aspekt des Kollektivismus. Kollektivistisch geprägte Kulturen zeichnen sich durch Gruppenbildung aus. Die Mitglieder einer Gruppe unterliegen der Verpflichtung gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung. Kinder wachsen in „Wir“-Begriffen auf. Menschen, die versuchen, sich von den Normen einer Gruppe zu distanzieren, fallen auf und werden sanktioniert. In Japan ist die Kultur kollektivistisch ausgeprägt. Es ist bewundernswert, mit welcher Selbstverständlichkeit nach einem Erdbeben und Taifun die Menschen mit anpacken, damit am nächsten Morgen die Züge wieder pünktlich (!) fahren und der Alltag in weiten Teilen des Landes scheinbar unbeeinträchtigt weiter geht (eigene Beobachtung nach dem Taifun Hagibis im Oktober 2019). Zusammenhalt, aufeinander Achten, Hilfeleistung und Zivilcourage sind hohe Werte, die durch Budo vermittelt werden können. Allerdings hat zu einem hohen Grad ausgelebter Kollektivismus auch seinen Preis: Burnout und Depressionen sowie das Ausleben der Abweichungen von der Norm in Subkulturen sind in Japan an der Tagesordnung. Aus dem Leben allein für die Gemeinschaft wird im Geheimen ausgebrochen, weil der psychologische Drang zur Selbstverwirklichung Raum finden muss. Die Suizidrate liegt vielleicht auch aus diesem Grund in Japan im weltweiten Vergleich auf Rang 26 (Deutschland: 42) (Wikipedia, Suzidrate nach Ländern, 2023). Der auch im Budo gelebte Kollektivismus sollte daher achtsam gelebt werden. Vor dem Ein- und Unterordnen sollte die Persönlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin stark genug sein, um den Kampf mit dem Ego aufzunehmen und das „kleine Ich“ zugunsten der Gemeinschaft möglichst klein zu halten. Das Unterordnen sollte aus freien Stücken und mit Freude geschehen. Dies kann sich in stark ausgeprägten Hierarchien schwierig gestalten, da dann möglicherweise nicht alle Gruppenmitglieder füreinander da sind, sondern z.B. Niedriggraduierte den Höhergraduierten „zu Diensten“ sein müssen. In meinem Dojo achte ich daher darauf, dass ich mich z.B. bei anstehenden Arbeiten nicht herausnehme, sondern mich beim gemeinsamen Soji oder anderen Aufgaben beteilige. Dies ist m.E. eine deutliche Abweichung der ursprünglichen Budo-Idee, die meiner Meinung nach aber notwendig ist, um diesen Aspekt authentisch umzusetzen. Zusammenfassend sieht mein Budo unter Berücksichtigung der fünf Kulturdimensionen daher so aus: 

  • Eine Machtdistanz, die geprägt ist durch Hierarchie und Strenge bzw. Konsequenz, die aber nicht autoritär ist und ohne Willkür/Unterdrückung auskommt. Die hierarchischen Strukturen gelten für die Dauer der Übungsstunden. Abseits davon gelten die unserer Gesellschaft üblichen Respekt- und Höflichkeitsregeln. Unter den Aspekt der Machtdistanz fallen vor allem die Rollen Routinen und Regeln des Reigi.
  • Abkehr vom rein maskulinen Führungsstil! – Als Frau muss ich weiblichen Budo gehen und leben dürfen. 
  • Unsicherheitsvermeidung durch Regeln und Strukturen, die klar definiert und nachvollziehbar sind und nicht schikanieren oder erniedrigen - die vier R des Reigi (Rollen, Regeln, Routinen und Rituale) bilden hier die feste Grundlage.
  • Langzeitorientierung, die den Geist zur Ruhe bringt – hier kommen Prozessorientierung und meditative Aspekte des Budo zur Geltung 
  • Kollektivismus mit gegenseitiger Unterstützung und Hilfeleistung, die alle Mitglieder einbezieht und freiwillig und mit Freude geschieht - hierdurch ergibt sich die Möglichkeit zu wachsen, um anschließend freiwillig den Kampf mit dem eigenen Ego aufzunehmen, um dies zugunsten der Gemeinschaft klein zu halten 



Literatur: 

Kumbruck und Derboven. (2015). Interkulturelles Training (3. Aufl.). Springer Berlin / Heidelberg.

 

Scott Langley. (2014). Karate Stupid. Amazon Distribution.


Werner Lind. (2004). Der geistige Weg der Kampfkünste (5. Aufl.). Barth Verlag.


Wikipedia, Suzid nach Ländern. (2023). Abgerufen 14. März 2023, von https://de.wikipedia.org/wiki/Suizidrate_nach_Ländern

 



Montag, 13. Februar 2023

Vorbereitung auf Kyu- und Dan-Prüfungen in der Karateschule Fuji San Münster

Auf dem Karate-Do soll es keinen Stillstand geben. Jede Übungsstunde kann uns auf unserem Do weiterbringen. Gelegentlich freuen wir uns über unsere spontanen und augenscheinlichen Verbesserungen, die wir an uns im Dojo wahrnehmen. Allerdings geht es letztlich im Endeffekt gar nicht um rein technische Perfektion - sondern um unsere Persönlichkeitsentwicklung, unsere Entwicklung zu Menschen, die zufrieden sind und sich gleichzeitig verantwortungsvoll in Bezug auf ihre Mitmenschen und die Umwelt verhalten. Aus uns und unseren Schülerinnen und Schülern sollen Menschen werden, die gelernt haben, das "kleine Ich", wie es Werner Lind beschreibt (Lind 2004), zu zähmen, um ein höheres Selbst zu erreichen. Unser körperliches Karatetraining ist lediglich der Weg dorthin. Und unsere Gürtelprüfungen sind nicht mehr als kleine Orientierungshilfen auf diesem Weg. 

Gelegentlich werden wir Karatelehrer*innen gefragt, wie lange es dauert, bis "man den schwarzen Gürtel hat". Der "schwarze Gürtel" - also die Prüfung zum 1. Dan - ist das ferne Ziel vieler Karateka. Die meisten ahnen anfangs noch nicht, dass der (in unserem Verband) letzte offizielle Farbwechsel kein finales Ziel ist, sondern lediglich der Schritt auf eine neue Lern- und Studienebene. Gleichwohl ist es verständlich und motivierend, sich Ziele zu setzen und diese können in unserer Kampfkunst auch in dem Absolvieren von (Gürtel)Prüfungen bestehen. 

Für die Vorbereitung auf die DJKB-Prüfungen sind für uns zunächst einmal die Vorgaben des Dachverbandes die Mindestvoraussetzungen: Der DJKB schreibt zeitliche Wartezeiten zwischen den einzelnen Stufen vor. Uns ist sehr daran gelegen, den Begriff Wartezeit nicht wörtlich zu nehmen - es gilt nicht "abzuwarten, bis die Zeit herum ist", sondern sich intensiv übend weiterzuentwickeln. Anfangs sind hier zwischen dem Weiß- und Gelbgurt mindestens zwei Übungseinheiten pro Woche zu absolvieren. Diese Übungsfrequenz sollte konstant gehalten und spätestens auf dem Weg zum 3. Kyu erhöht werden. Zur Vorbereitung auf eine Dan-Prüfung sollte generell die Freizeit auf das Karate-Training fokussiert sein. Die Warte- bzw. Vorbereitungszeiten sehen wir zudem als absolute MINDEST-Zeiten an. Im Regelfall sollte die Zeit zwischen zwei Prüfungen nach unserer Vorstellung etwa ein Jahr betragen. Für Karateka, die besonders fleißig oder sportlich talentiert sind und denen die technische Weiterentwicklung leicht fällt, mag diese Frist lang und ungerecht erscheinen. Hierbei ist allerdings u.a. zu beachten, dass es beim Wechsel auf verschiedene Graduierungsstufen unterschiedliche Reifeprozesse gibt. Beim Wechsel in die Mittel- und Oberstufe muss vor allem bei Kindern auch die körperliche Konstitution und auch die Körpergröße berücksichtigt werden. Aber auch zunehmende Anforderungen an körperliche Übungselemente dürfen hier nicht außer Acht gelassen werden. Und es darf schließlich nicht vergessen werden, dass es zur Erlangung des ersten Meistergrades auch einer mentalen/geistigen Reife im Sinne des Karate-Do bedarf. Hierzu gehört auch das Warten-Können und die Ausbildung von Geduld, die Reduzierung des eigenen Ego und der eigenen Befindlichkeiten. Auch wenn es verständlich ist, dass gelegentlich private Umstände eine vorgezogene Kyu- oder Dan-Prüfung wünschenswert erscheinen lassen, so ist gelegentlich genau dies der richtige Zeitpunkt dafür, inne zu halten, sich Zeit zu nehmen und sich im Dojo auf einen inneren Fortschritt zu konzentrieren, indem jede Übung bewusst und ohne Ausrichtung auf eine mögliche Prüfung ausgeführt wird. Die hier erreichten Fortschritte gehen weit über die vermeintlich durch eine Gürtelprüfung erlangten hinaus. 

In der Karateschule Fuji San Münster können DJKB-Prüfungen abgelegt werden. Über den Zeitpunkt der nächsten Kyu- oder Dan-Prüfung entscheidet unser lizensierter Prüfer bzw. unsere lizensierte Prüferin. Grundsätzlich legen wir auch Wert darauf, dass externe Prüfer*innen Prüfungen abnehmen. Darin sehen wir in den meisten Fällen eine Qualitätssicherung unserer Arbeit. Im Regelfall haben wir gut im Blick, wer für eine anstehende Gürtelprüfung in Frage kommt. Wir möchten jedem Prüfling in Aussicht stellen, möglichst gut vorbereitet in eine Prüfungssituation zu gehen und anschließend das Gefühl zu haben, diesen neuen Schritt gut und verdient gemeistert zu haben. Sobald wir angesprochen werden, wann eine neue Prüfung ansteht, werden wir mit unseren Prüflingen die Prüfungsvorbereitung individuell planen und durchführen. Die Anfrage sollte daher nicht unmittelbar vor einem angekündigten Prüfungstermin gestellt werden, sondern bereits einige Wochen/Monate zuvor. Bei allem Trainingseifer darf nicht vergessen werden, dass Karate-Do kein Wettrennen ist und der Do keine Abkürzung kennt, siehe auch hier: Der Do kennt keine Abkürzung 

Literatur: Werner Lind, Der geistige Weg des Budo, Barth Verlag, 2004

Sonntag, 12. Februar 2023

Der Do kennt keine Abkürzung

Viele Jahre lang hatte meine Familie gemeinsam mit einer befreundeten Münsteraner Familie Skiurlaub in den Alpen verbracht. Die An- und Abreise mit Autos erfolgte in etwa zeitgleich und dennoch getrennt. Im Regelfall nahmen wir verschiedene Wege: Die andere Familie bevorzugte den Weg über Kassel und wir nahmen meist die „Sauerlandlinie“ über die A45: Gelegentlich gab es mal einen „Zwischenstand“, wo man grade eine Rast einlegte, und irgendwann schrieb jemand „Sind jetzt da“ oder „Sind zu Hause“. Nicht selten dachte ich mir: „Wieso sind die schon da? Warum sind die schneller?“ Sobald ich bewusst darüber nachdachte, wurde mir klar, wie unsinnig diese Gedanken waren und sind! Und so wird es vermutlich auch jeder Person gehen, die diesen Text liest: Fahrten mit dem Auto sind doch kein Wettrennen, man soll sich hier nicht stressen und unter Druck setzen! Im Zweifelsfall kann ein Hetzen hier zu Unachtsamkeit führen und schlimmstenfalls zu einem Unfall mit existenzbedrohenden Folgen! 

 

Wir können diese Reise mit unserem Karate-Weg vergleichen. Zunächst möchte ich vor allem denjenigen, die sich erst seit kurzer Zeit mit Karate beschäftigen, beschreiben, was wir unter Karate verstehen: Karate kann als sportliche Betätigung ausgeübt werden – gelegentlich höre ich aus den Kinderkursen ein fast entsetztes „Ich schwitze ja!“ 😏 Karate als körperliche Ertüchtigung, als physische Anstrengung, Training – ja, ganz unbestritten. Und noch viel mehr. Wer einige Monate oder Jahre Karate praktiziert, wird irgendwann feststellen, dass sich Bewegungen und Kata-Abläufe automatisieren, dass man nicht mehr über die nächsten Techniken nachdenken muss, sie sich fast automatisch einstellen. So kann es vorkommen, dass sich bei der Nennung einer nun auszuführenden Kata durch den Trainer spontan vor dem inneren Auge die Anfangssequenz der Kata einstellt – und die weiteren Bewegungen dann quasi von selbst ablaufen. Dies ist eine sehr produktive Trainingsphase, da nun nicht nur die technischen Abläufe "sitzen", sondern die Kata mit Ausdruck und „Leben“ gefüllt werden kann. Hierdurch kann Kata zu einer Form der Meditation werden. Beim Kumite gibt es parallele Phasen: Anfangs werden die japanischen Kumite-Begriffe erlernt und die Basis-Angriffs- und Blocktechniken. Anschließend werden mögliche Bewegungsmuster, Ausweich-Optionen oder ähnliches erlernt und ausprobiert, bis sie sich – ohne darüber nachdenken zu müssen – automatisch einstellen. Hierbei spielt es keine Rolle, ob die Herausforderung im eher athletischen Freikampf oder in anderen Kumite-Formen gesucht wird. Das höchste Level, das ich beim Kumite bisher erlebt habe (und es gibt sicher noch höhere Ebenen, die mir noch verschlossen sein mögen), ist eine absolute innere Leere bei einer Begegnung: Kein inneres Wollen, keine Angst, keine Überlegenheit – das ist pures Zanshin oder eben die Leere, nach der unsere Kampfkunst benannt ist. Aber bis hierhin war es für mich ein weiter Weg. Und der Weg ist noch lange nicht zuende. Für diesen Karate-Weg braucht es viel Geduld und eine gute Resilienz, um mit Scheitern und Frustrationen umgehen zu können. Weit über Techniktraining hinaus und über den Versuch, körperliche Fähig- und Fertigkeiten zu optimieren, geht es auch um das Auseinandersetzen mit sich selbst, um inneres Wachstum und um das Erforschen der persönlichen Werte. Mein Weg dauert nun fast 40 Jahre. Wieviele Jahre mögen noch folgen? Wenn ich gesund bleibe – vielleicht weitere 15? Dann wäre ich 70 Jahre alt und könnte auf rund 55 Jahre Karate zurückblicken. 

 

55 Jahre sind eine lange Zeit und – um auf das Reisen zurückzukommen – ein langer Weg. Beim Reisen kürzt man gerne die Reisezeit ab: Man kann, statt zu gehen, das Fahrrad nehmen. Statt mit dem Rad zu fahren, kann man autofahren oder den Bus, die Bahn nehmen. Die Bahn dauert zu lange? Dann nehmen wir das Flugzeug. Mit dem Flugzeug kann man ruckzuck von einem Ende der Welt zum anderen gelangen – das macht Sinn, wenn man es eilig hat. Allerdings verpasst man auf dem Zwischenweg die Landschaft, lernt die fremden Kulturen und Menschen auf dem Weg nicht kennen, versucht keine neuen Speisen in den Ländern, die man „überflogen“ hat. Vielleicht kommt man plötzlich am „Ziel“ an – einer tropischen Insel mit schwül-warmem Klima, einer fremden Sprache und ungewohnten Ess-Gewohnheiten. Oft genug fühlt man sich fremd und fehl am Platz und sehnt sich nach etwas Vertrautem und Bekanntem – zum Glück gibt es in der Club-Anlage kontinentales Frühstück „wie zu Hause“ und auf dem Hotelzimmer gibt es WLAN, so dass man vertraute Filme streamen und mit den Freund*innen zu Hause chatten kann. Das Hotelpersonal spricht neben der Landessprache Englisch oder vielleicht sogar Deutsch. Und nach zwei Wochen geht es wieder zurück nach Hause, wo man vom herrlichen Urlaub erzählen kann in einem fremden Land, das man im Grunde gar nicht kennengelernt hat. 

 

So oder ähnlich kann man auch ein Karateleben gestalten: Die im Training vermittelte asiatische Kultur hat ein exotisches Flair und wenn ich in kurzer Zeit meine kleinen Erfolge in Form von Gürtelprüfungen habe, ist das vergleichbar mit einer Flugreise: Ich komme „schnell voran“, die schnellen Erfolge schmeicheln meinem Ego. Ich kann stolz berichten, Träger*in eines Farbgurtes oder des sounsovielten Dan zu sein. Aber im Grunde bleibt meine Reise oberflächlich, auf ein exotisches Ziel fokussiert und ohne (Er)Leben. 

 

Bei Kindern ist  Ungeduld meiner Meinung nach gut verständlich und bereits hier gilt es im Sinne nachhaltigen Lernens, zu schnelles „Reisen“ zu vermeiden. Ganz unbestritten: Kinder müssen das Warten lernen und vor allem lernen, auf ein erwünschtes Ziel hinzuarbeiten. Und auch Erwachsenen tut es gut, über die eigene Reisegeschwindigkeit und das „Reisemittel“ nachzudenken. In einigen Dojos ist es absolut verpönt und vielleicht sogar verboten, den oder die Sensei zu fragen, wann denn der Zeitpunkt für die nächste Prüfung gekommen sei. Diese Strenge legen wir bei uns im Dojo nicht an den Tag und bei uns ist es zulässig und auch erwünscht, zwischendurch eine „Standortbestimmung“ abzufragen. Gerne bieten Torsten und ich dann an, auf der "Karate-Weltkarte" zu schauen, wo unsere Schüler*innen grade stehen  und was sie benötigen, um die nächste Reise-Etappe zu bewältigen, die nächste Station auf dem Do zu erreichen. 

 

Wer gerne mit dem Flugzeug reist, um die Reisezeit abzukürzen, sieht auf der Reise oftmals nur Flughäfen und  Hotels. So ähnlich ist es auch auf dem Karate-Do: Wer den Weg abkürzen will, sieht oft nur die nächste Gürtelfarbe. Mein Tipp: Reise lieber langsam und nimm die Umgebung um Dich herum wahr. Geh zu Fuß und atme den Duft des Waldes ein, spüre die Steine unter Deinen Schuhen, höre das Rauschen des Windes in den Baumkronen und lausche dem Gesang der Vögel. Und dann entscheide im Anschluss, welche Art zu reisen Dich wirklich weitergebracht hat. Was wird eher im Gedächtnis bleiben – der 2-Wochen-All-Inclusive-Urlaub in den Tropen oder die herausfordernde fünftägige Wanderung in der Natur eines Mittelgebirges? 

 

Entscheide selbst, wie Du auf Deinem Karate-Do und letztlich auf Deinem Lebensweg reisen willst. Wir sind Dir gerne Reisegefährt*innen und unterstützen Dich auf Deinem Do. Allerdings kannst Du bei uns immer nur den Weg der nächsten Etappe „buchen“. Die Reisedauer kannst Du nicht beschleunigen und Pauschalreisen bieten wir leider nicht an. Und was gar keinen Sinn macht, ist zu vergleichen, ob andere auf ihrer Lebensreise schneller oder langsamer unterwegs sind als Du selbst. Vielleicht ist am Ende die Person, die den längeren Weg gewählt hat, von der Reise mehr bereichert, als Du, wenn Du die Abkürzung gewählt hast. 

 

Ein paar Fragen zum Schluss: Wohin willst Du denn überhaupt auf Deinem Do und was glaubst Du, was passiert, wenn du „angekommen“ bist? Was ändert sich mit der nächsten Gürtelfarbe? Was ist besser, wenn Du den „schwarzen Gürtel“ endlich hast? Ich kann verraten, wie es bei mir war und ist: Mit jeder erreichten Etappe wurden und werden die spürbaren Erfolge kleiner und seltener. Also lass Dir Zeit auf Deinem Weg. Storniere Deine Flugreise und zieh die Wanderschuhe an. Und dann geh Deinen Weg. Schritt für Schritt. 

 

Osu, Andrea