Samstag, 27. Dezember 2008

Montag, 15. Dezember 2008

Rom 2008

Als mein Sohn Felix sich in der Schule noch mit Latein herumgeplagt hatte, nahm ich mir vor, ihm zu zeigen, dass dies mal eine lebendige Sprache war - und plante eine Reise nach Rom mit ihm. Intensiv suchte ich nach einer bezahlbaren Variante - war nix mit Flug für 29 Euro! Unter rund 170 Euro pro Person (Flug!!!) lief nichts und dafür hatte man noch nicht mal eine Bleibe oder etwas zu Essen!

Dann fand ich doch noch einen günstigen Anbieter, der uns für knapp 400 Euro ein viertägige Reise unter dem Motto "Weihnachtsshopping" bot. Also werden wir am kommenden Donnerstag Mann und Mädchen allein zu Hause lassen und die italienische Hauptstadt besuchen.

Einen besonderen Kick gibt es derzeit noch: Haben sich die Regenfälle und daraus resultierenden Überschwemmungen bis dahin gelegt?

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Kids, Kantine und Karate

Vorgestern habe ich für mich eine wichtige Entscheidung getroffen: Ich werde mein Studium der Rechtswissenschaften bei der Fernuni Hagen wieder auf Eis legen! So schwer mir dieser Entschluss auch gefallen ist - es ist wohl besser drei Sachen mit voller Konzentration zu betreiben, als vier und die jeweils nur oberflächlich und mit geteilter Aufmerksamkeit.

In vorderster Front stehen derzeit meine Kinder, die ich - mit wechselndem Erfolg - bei der Bewältigung ihrer Schullaufbahn zu unterstützen versuche. Da hat sich doch einiges getan seit dem Ende meiner Schulzeit. Und die verkürzte Oberstufe tut ihr übriges. Man sollte meinen, dass dies ja im Prinzip nur das Kind betrifft, welches grade auf dem Gymnasium ist. Weit gefehlt! Bereits in der Grundschule werden die Grundlagen für mehr Vollgas auf dem Gymi gelegt. Und auch die Realschule (vermutlich auch die Hauptschule) muss sich ja anpassen, damit unser Schulsystem ach so durchlässig bleibt (wie das dann "in echt" fuktinonieren soll, ist mir allerdings schleierhaft, wenn ich die Unterschiede zwischen Realschule und Gymi sehe....).

Daneben gibt es noch meinen Job, der mir viel Spaß macht. Hier hatte sich ja im Laufe der letzten dreieinhalb Jahre ein Wechsel ergeben, so dass ich weg bin von der jura-nahen Sachbearbeitung (Schadensachbearbeitung, Regressteam) und jetzt vertriebsorientiert in der Verkaufsförderung arbeite. Jura ist zwar auch hier nicht ganz am Thema vorbei, direkten Kontakt hat man aber seltener (eventuell in Projektgruppen wie zum Umweltschadensgesetz).

Der wohl wichtigste Grund, die Weiterführung des Studiums in die fernere Zukunft zu verschieben, ist, dass ich während des Studiums das Karatetraining einschränken müsste. Und ich kann mir ehrlich gesagt im Moment nichts schrecklicheres vorstellen, als auf Karate verzichten zu müssen. Karate ist mir eine echte Bereicherung, ist viel mehr als Ausgleichssport. Die Zeit beim Karatetraining gehört zu den wenigen Phasen am Tag (oder ist es die einzige Phase?), während der ich weit weg bin vom Alltag, während der kein Platz ist für Gedanken und Probleme. Es ist eine Zeit, in der man ganz auf sich und den Körper, die Bewegungsabläufe und Trainingskommandos konzentriert ist - und sich doch bis zur totalen Erschöpfung bewegen darf (nichts ist für mich schlimmer, als z. B. bei einem Autogenen Training reglos auf einer Matte liegen und mich "entspannen" zu müssen). Karate ist eben Moving Zen, wie auch Buchautor C. W. Nicol schon feststellte. Karate im Kumite ist außer vielleicht dem Tanzen die einzige nonverbale, physische Kommunikation mit einem fremden Körper ohne Sex zu haben. Karate ist die Vitaminpille, die mein Immun- und Selbstwertgefühl stärkt. Karate ist Inspiration. Karate ist die Kraftquelle des Alltags, an der ich meinen Akku aufladen kann.

Studieren kann ich noch, wenn ich alt und grau bin. Aber kann ich dann noch zufriedenstellend Karate trainieren? Vielleicht. Jedes Alter hat sein Karate. Aber dann bin ich ja im Ruhestand und die Kinder sind aus dem Haus .... ;-)

Sonntag, 7. Dezember 2008

In the Dojo - A Guide to the Rituals and Etiquette of the Japanese

Autor: Dave Lowry
Gelesen und kommentiert von Dr. Volker Tschannerl (2. Dan Shotokan-Karate)

Es gibt Fragen, die kann, muß man sich aber als Mitglied eines Karate-Vereines nicht
stellen:
„Weshalb stehen die höheren Grade zumeist rechts des Eingangs? Gibt es einen
Zusammenhang zwischen der Dojo-Architektur und dem Daoismus? Weshalb ist der
Karate-Gi weiß? Muß ich mich verbeugen? Gibt es ein japanisches Pendant zum
„Wintertraining“, Kangeiko, wenn es im Sommer stattfindet? Wie soll ich ein
lebenslanges Training meistern?“ Usw. usf.

Wollen wir Antworten, so brauchen wir einen Fachmann, der nicht nur selbst Budoka
ist, sondern sich noch dazu in der japanischen Sprache und Kultur sehr gut auskennt.
Und dann sollte er auch noch einigermaßen verständlich schreiben können. Eine
schwere Herausforderung. Who´s that guy?

Dave Lowry ist ein im anglo-amerikanischen Raum sehr bekannter Budoka, von Haus
aus Kendoka, der in zahlreichen Fachzeitschriften viele Beiträge zu verschiedenen
Kampfkünsten und anderen Exotika Japans veröffentlicht hat. Hinzu kommen u. a. eine
Autobiographie, die in der Hauptsache seine langen Aufenthalte in Japan behandelt,
und ein Sushi-Führer für den Besucher Nippons. Will heißen, der Mann kennt sich aus
und blickt über so manchen Tellerrand.

Das macht auch das zu besprechende Buch aus. Es ist kein Technik-Lehrbuch, kein
Lebensratgeber, keine Lebenslegende. Dafür sind die Themen umso spannender und so
weitgefächert, daß jeder Budoka und Japan-Interessierte etwas mitnehmen kann:

DAS DOJO
„Das Zentrum, das Herz des Dojo ist das „Embu-Jo“, der tatsächliche Trainingsraum, der „Jo“, in dem der „Krieger“ (bu) „agiert“ (em). Hier wird weder gesprochen, noch
theoretisiert.“ (28)

BESUCHER (O-Kyaku-San)
„Window-shoppers passen gut zu einem Autohändler oder einem Juwelier. In einem
Dojo haben sie meistens nichts zu suchen und sie merken das gewöhnlich auch recht
schnell selbst.“ (32)

DIE UNIFORM (Keikogi)
„Das Tragen eines Keikogi ist sichtbares Zeichen dafür, daß man etwas Besonderes tut.“ (60)

DER HAKAMA
Japanisches Sprichwort: „Kae nai, karare nai, tatame nai“: „Kann´s mir nicht leisten,
kann´s nicht tragen, kann´s nicht falten.“ (78)

WAFFEN (Buki)
„Werden in einem Dojo Waffen öffentlich abgelegt so erinnern sie uns daran, daß jede
Kampfkunst des Budo tödlich sein kann.“ (93f)

DER SHINTO-SCHREIN (Kamidana)
„Letztlich betrachtet das Shinto das Leben als „Fluß“ – nagare (96). Der Budoka lebt im Dojo neben einem großen Fluß. Er kann darin ganz eintauchen, daraus fischen, oder
sich immer wieder auf das Ufer zurückziehen. (99) Egal welcher Religion: Der Budoka
hat in seinem Training an der Strömung Anteil.“ (112)

KONTEMPLATION (Mokuso)
„Moku“ heißt „zum Schweigen bringen“, „So“ heißt „Denken“. „Man kann das als
„Meditation“ verstehen. Besser ist vielleicht: „Ein Moment des Übergangs“. (113) „Wenn wir diese Momente dazu nutzen, die Übergänge des Lebens zu akzeptieren und sie zu leben, dann sind sie nicht umsonst.“ (115)

VERBEUGUNG (Ojirei)
„Bewege Dich nicht spastisch. Neige Deinen Oberkörper so sanft als möglich ... Mach
eine kurze Pause und strecke ihn wieder mit derselben Langsamkeit. Nacken und
Wirbelsäule sollten eine Linie bilden. … Um sich voreinander zu verbeugen sollte immer die rechte Distanz herrschen. Man kann sich korrekt verbeugen und doch die andere Person im Visier behalten. Im Stehen sollte man sich soweit von seinem Gegenüber befinden, daß man sich korrekt verbeugen und dennoch immer dessen Füße sehen kann.“ (121 ff.)

DIE BUDO-SPRACHE (Heigo)
„Ausdrücke der `Militärsprache´ sind nicht Teil des umgangssprachlichen Vokabulars
des durchschnittlichen Japaners. Heigo ist eine japanische Sondersprache mit eigenen
Regeln und Anwendungsbereichen. Benutze sie nur in diesem Zusammenhang“ (135 ff.)

SENSEI
„Glück und Schicksal haben es ihm ermöglicht, ein gewisses Maß an technischem
Können und den Willen, dies zu verbreiten, zu vereinen. … Er ist kein Coach, keine
Vaterfigur, kein Orakel, kein allwissender Heiliger oder gar unbesiegbar. (138ff) … Er ist den Budo-Weg ein wenig – oder vielleicht auch viel – weiter gegangen und
zurückgekehrt, um Schüler zu unterrichten. Da er denselben Pfad noch einmal, aber
nicht zum ersten Male geht, um andere zu führen, sieht er eine andere Reise vor sich,
(24) oder er betrachtet sie zumindest mit anderen Augen. Sensei und Deshi lernen in diesem Prozess gegenseitig voneinander.“ (158f)

GELD (Okane)
„Das Geld wird dann zu einem Problem und zu einer Befleckung, wenn es in einem Dojo
an die erste Stelle rückt – anstatt der Förderung und Perfektionierung des Budo.“ (162)

DER SCHÜLER (Deshi)
„Ein Deshi ist nicht nur ein neuer Schüler. Er ist jemand, der Teil einer Familie werden möchte. Ein neuer, in diesem Sinne junger Deshi ist im Japanischen auch ein
Shoshinsha: ,Eine Person mit dem Anfängergeist´. Ein weiser Schüler bleibt sein Leben
lang ein Shoshinsha. (163) Ein weiterer Ausdruck für den Deshi ist Monjin: ,Eine Person,die an der Eingangspforte steht.´ (164) … In dem Augenblick, in dem man einem Dojo beitritt, befindet man sich in einer hierarchischen Struktur. Diejenigen, die vorher beitraten, sind Sempais, diejenigen, die später beitraten, Kohais. (168)

DAS DOJO-JAHR
„Jedes Dojo hat seine regelmäßigen, alljährlichen Trainingszyklen und auch Feiern.
Versuche, an möglichst vielen teilzunehmen.“ (187)

Der Ton von D. L. ist – wie immer – knapp, präzise und nicht selten von Ironie begleitet. Das macht auch die Übersetzungen so schwierig. Die Kapitel sind durchweg äußerst informativ und hier wird mit so manchen westlichen Idealisierungen aufgeräumt. Dabei bleibt der Autor immer „traditionell“ oder „konservativ“. Er sucht nach rationalen, zumeist kulturellen und historischen Erklärungen. Er findet das rechte Maß, um zwischen der Andersartigkeit fernöstlicher Weltsicht und dem westlichen Bedürfnis nach Erklärung zu vermitteln. Zudem ist D. L. eigenwillig und spekulativ. So manches Statement soll wohl bewusst provozieren und man kann sich darüber trefflich streiten. Hier wird der Leser aufgefordert, mitzudenken und sich mit sich selbst und seiner „Kampfkunst“ kritisch auseinanderzusetzen.
Meiner Meinung nach sollte dieses kleine Büchlein in keiner Budo-Bibliothek fehlen. Es ist eine kurze, aber nicht leichtgewichtige Einführung in die Welt japanischer
Kriegskünste und Weltsicht.

Herzlichen Dank, Volker, für die Rezension und die Erlaubnis, diesen Text in meinem Blog zu veröffentlichen!

Sonntag, 30. November 2008

"Entspannender" Lehrgang mit Thomas Schulze


Meine Schwester wunderte sich zu Recht: Bisher gar kein Karate-Eintrag im November? Und es stimmt - ich war mit Kids, Vorbereiten meiner Karateanfänger auf die Prüfung und meinem grippalen Infekt so beschäftigt, dass ich selber gar nicht zum Training kam! Da sich sowohl November, als auch Infekt dem Ende zuneigten, beschloss ich kurzer Hand, am Thomas Schulze Lehrgang hier in Münster teilzunehmen. Alternativ wäre ich auch gerne zu Ristos Weihnachtslehrgang nach Frankfurt gefahren und hätte bei der Gelegenheit meine Schwester besucht. Aber so fit fühlte ich mich auch wieder nicht und es war besser, ggf. nach einer Einheit hier in Münster notfalls den Lehrgang zu schmeißen, als mit Schüttelfrost in Frankfurt festzuhängen.

Also Sensei Schulze! Mit Freude vernahm ich den heutzutage schon fast günstigen Lehrgangspreis in Höhe von 15 Euro! Na, dann kann man ja erst Recht das Risiko eingehen, den Lehrgang eventuell nicht voll durchziehen zu können. Dafür lohnt sich ja schon fast der Besuch nur der einen Einheit!

In der Halle sah ich dann mit Freude meine alte Kampfgefährtin Diana Gindele. Sie war auch die höchste Dan-Trägerin und ich mogelte mich direkt neben sie, so dass ich im Partnertraining eine Erinnerung an alte Zeiten hätte.

Thomas begann mit absolut klassischer Aufwärmgymnastik, die mich (das kann auch an meinem schlechten Trainingszustand gelegen haben) allerdings nicht wirklich warm machte.

Bei dem, was anschließend trainiert wurde, schieden sich offenbar die Geister: Meiner Meinung nach war es ein absolutes Basic-Training - Diana bestand aber darauf, dass es Kumite-Training auf hohem Niveau war.

Im Prinzip übten wir Kizami-Tsuki und Gyaku-Tsuki. Wir starteten in einem kurzen Zenkutsu-Dachi, mit gestrecktem Aushol-Arm. Dann hieß es, mit dem vorderen Bein vorzugleiten und den Kizami- bzw. Gyaku-Tsuki auszuführen. Anschließend Bein und Arm wieder zurück in die Ausgangsposition, also den Körper wieder voll zurückziehen. Soweit, so gut. Ich versuchte hierbei immer, die Kraft und den Impuls aus dem hinteren Bein kommen zu lassen und hörte im Geiste Ristos Stimme "Wenn man weniger als einen Meter vorgleitet, dann ist das etwas ganz besonderes!".

In soweit war mir der Trainingsinhalt also vertraut. "Im Prinzip" war mir auch der Trainingsschwerpunkt von Sensei Thomas geläufig: Es ging im Wesentlichen um Spannung und Entspannung. Seit ich Karate betreibe war wohl selten die Körperspannung mein Problem - sondern eher immer die unzureichende Entspannung zwischendurch. So kam mir natürlich dieser Lehrgang wie gerufen. Ich bemühte mich auch, die Spannung zwischendurch herauszunehmen und fand mich eigentlich auf einem guten Weg. Umso vernichtender traf mich nach dem Training der Kommentar Dianas, die meinte:"Boh, Du bist aber immer total angespannt!" Na toll! Sensei Thomas versuchte uns zwischendurch bildhaft zu veranschaulichen, wie wir das Geheimnis von Spannung und Entspannung entschlüsseln könnten. Er beschrieb uns einen Lichtschalter: Schalter ein = Strom, Schalter aus = kein Strom. Üben durften wir z. B., in dem wir zehnmal hintereinander mit Tsuki vor- und wieder zurückgleiten sollten - und das möglichst schnell. Das funktioniert nur - wenn des denn funktioniert -, wenn man zwischendurch total locker bleibt und die Kime-Phase tatsächlich nur auf den winzig-kleinen Moment des Auftreffens reduziert. Hier hatte ich immer meinen Sensei Michael Jarchau vor Augen, der auch sehr häufig versucht, uns diesen Trainingsschwepunkt im Dojo nahezubringen. Weiterer Fokus: Arme weit strecken, also quasi ein Stück aus dem Schultergelenk raus. Das kam mir auch wieder risto-like-bekannt vor!

Wir übten die Kizami-/Gyaku-Tsuki-Geschichte dann zunächst endlos alleine und wiederum endlos mit einem Partner, bevor wir dann die Partner durchwechselten. Für mich kein Problem, schließlich hatte ich ja die ganze Einheit lang schon mit Diana auf höchstem Niveau geübt und arbeitete mich nun bis zu den Violettgurten "herunter". Aber es war auch hier durchaus interessant, wen man hier jeweils vor sich hatte. Ein Training mit wechselnden Partnern hat immer durchaus seinen Reiz, da stets höchste Flexibilität gefordert ist! Vermutlich hatten also sowohl Diana als auch ich Recht: Es war sowohl reines Basistraining und doch auch Kumite auf hohem Niveau. Basis, weil Sachverhalte vermittelt wurden, die man schon zig Mal gehört hat und hohes Niveau, weil es schwer ist, alle wichtigen Dinge zu kombinieren und vor allem den entsprechenden Schwerpunkt herauszuarbeiten.

Den Abschluss bildete dann nach Kihon und Kumite der dritte Karate-Baustein: Kata. Auch dieser war absolut "Basic", nämlich Heian Shodan. Und doch war auch hier das Level durchaus "advanced", nämlich mit besonderem Schwerpunkt: Nach jeder Technik hieß es wieder vorgleiten mit Gyaku-Tsuki und zurückziehen in die Ausgangsposition.

Nachmittags konnte ich den Lehrgang nicht besuchen, da ich mit Johanna eine Veranstaltung besuchen musste.

Also Sonntag wieder los: Nachdem wir von Madeleine alle schön aufgewärmt waren, wiederholten wir die Tsuki-Geschichte vom Vortag und auch die Heian-Shodan mit Gyaku-Tsuki. Anschließend kam noch der Mae-Geri als Kihon-Element hinzu. Diesen übten wir dann mit der beliebten Partnerübung, bei der der eine sich vor den anderen kniet und klein macht. Der nicht kniende Partner darf dann möglichst nah an das auf dem Boden liegende Bündel heran treten und Mae-Geris darüber treten. Boh, anschließend war ich schon ganz gut "durch"! Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die komplette erste Trainingshälfte noch zum Aufwärmen diente.

Richtig aufmerksam wurden wir wohl alle wieder, als Sensei Thomas uns eine Kihon-Kombination aus der Gojushihosho laufen ließ: vor mit Zenkutsu-Dachi und Nukite, dann zweimal Handwechsel Nukite. Dazu gabs dann auch noch eine Bunkai-Übung, die mir wie immer schwer fiel. Aber tatsächlech gelang es dem Trainer doch tatsächlich, in einer guten halben Stunde mit uns noch die Gojushihosho einzuüben - und ich konnte sie hinterher tatsächlich ganz gut mitlaufen! Eine Augenweide waren natürlich dabei die Kata-Freaks unter uns, wie z. B. Florian Müller!

Alles in allem ein schöner und bereichernder Lehrgang - viele Basics gepaart mit hohem Niveau. Es war wohl für jeden etwas dabei!

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Schwitzkasten statt Schüttelfrost

Die Münsteraner Karateka können sich wahrlich nicht über einen Mangel an attraktiven Karate-Lehrgängen vor Ort beklagen: Regelmäßig beehren uns Bundestrainer Shihan Ochi, JKA-Instructor Risto Kiiskilä, Nationalcoach Thomas Schulze und Kata-Weltmeister Julien Chees in unserer Provinzstadt. Dass aber auch die Münsteraner Karate-Trainer einiges zu bieten haben, bewies wieder einmal eindrucksvoll Jörg Gantert (4. Dan Shotokan-Karate), der am Samstag, 25.10.2008, seinen 3. Kata-Bunkai-Lehrgang gab.

Am Abend zuvor war mir merkwürdig fröstelig zumute. Dies und die häufigen Nieser sowie meine beginnende Triefnase ließen nichts Gutes ahnen – bitte jetzt, vor dem Lehrgang, keine Erkältung! Vor dem Zubettgehen warf ich mir daher eine gnadenlose Überdosis Zink und Vitamin C ein – eine Kombination, die bei mir stets zuverlässig hilft. So auch diesmal, denn als ich am Samstag erwachte, war ich zwar nicht topfit, aber nach dem ersten Kaffee soweit genesen, dass es keinen Grund mehr gab, zu Hause zu bleiben.

Jörg hatte die Halle der Paul-Gerhard-Realschule mit Shomen und sogar einem kleinen Bambus nett herrichten lassen, so dass trotz Turnhalle ein wenig Dojo-Atmosphäre aufkam. Ich freute mich sehr, so viele bekannte und noch unbekannte Karateka zu sehen! Der Lehrgang umfasste zwei Einheiten, in denen alle Graduierungen gemeinsam unterrichtet werden sollten. Da es sich um einen Bunkai-Lehrgang zur Kata Kanku-Dai handelte, war dies sicherlich ein mutiges Unterfangen! Allein der Ablauf der Kata ist ja schon nicht jedem Karateka unterhalb - sagen wir - 3. Kyu vertraut. Und dazu noch entsprechende Bunkai-Übungen? Na, ich war gespannt!

Das Aufwärmtraining war dann auch gleich ein "echter Gantert" - von wegen "locker auf der Stelle laufen" oder "Hampelmann" zum Warmwerden! Gleich ging es los mit Partner: Einer nahm den Obi ab, faltete ihn vierfach hielt ihn in verschiedene Positionen, so dass sein Partner munter darauf ein schlagen oder treten konnte. Anschließend legten wir den Obi in einer Linie auf den Boden und sprangen, die Beine abwechselnd leicht gegrätscht bzw. gekreuzt darüber. Als wir hiermit fertig waren, konnte ich gar nicht mehr genau sagen, ob ich jetzt Schweißausbrüche wegen des Infekts oder wegen der Übung hatte! Jedenfalls waren alle meine Zipperlein im Nu vergessen. Die Kanku-Dai liefen wir in kleinen Abschnitten, so dass auch jeder Anfänger und sogar die vielen Kinder, die am Lehrgang teilnahmen, gut mithalten konnten. Jede Passage wurde zig-mal wiederholt. Mit diesen Vielfach-Wiederholungen ist das so eine Sache: Beim dritten oder vierten Mal denkt man vielleicht "Wie, jetzt? Nochmal dasselbe?" Dann kommt eine Phase, wo die Muskeln müde werden und irgendwann - es ist fantastisch, denkt man gar nichts mehr! Das ist schon toll und hat echt was Meditatives an sich. Nach jeder neuen Etappe gab es dann von Jörg die Erklärung einer passenden Abfolge von Bunkai-Techniken. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass Bunkai-Übungen für mich lange Zeit nicht zu der Lieblingsbeschäftigung im Karate gehörten. Das lag wohl daran, dass ich einfach oft überfordert war. Mittlerweile finde ich dieses "Entschlüsseln" einer Kata aber sehr spannend und der ein- oder andere Bewegungsablauf hat sich bei mir auch schon fast ein wenig automatisiert. Sprich: Ich muss nicht mehr so furchtbar viel nachdenken, sondern einige Sachen ergeben sich fast selbstverständlich wie ein Konter-Tsuki im Kumite. Dann macht so ein geballtes Bunkai-Programm natürlich riesig Spaß!

Zur Philosophie des Karate passend begann jede Bunkai-Übung mit einer Block-Technik. Es folgten entsprechend des Ablaufs der Kanku-Dai eine Reihe von Konter- oder Fixier-Techniken, Hebeln und Fußfegern. Ziel jeder Kombination war es, den Gegner kampfunfähig zu machen. "Kontrolle ist die höchste Instanz", so Trainer Jörg, und daher waren wir mit unserem Gegner erst dann "fertig", wenn dieser so am Boden lag, dass er sich nicht mehr rühren konnte ohne durch ein Ziehen oder Stechen z. B. in Arm- oder Schultergelenk "bestraft" zu werden.

So lag es also nicht an grippalen Symptomen, dass ich, nachdem der erste Adrenalinschub in der Mittagspause verflogen war, doch leichte Spannungen in allen denkbaren Körperregionen verspürte. Bestimmt hätte es mir jeder auch nachgesehen, wenn ich mit meiner Erkältung in den Knochen die zweite Einheit hätte sausen lassen. Aber ich war doch zu gespannt darauf, auch die restlichen drei Bunkai-Kombinationen kennen zu lernen, die sich Jörg für den Nachmittag aufgehoben hatte. Und wie das dann immer so ist, war ich dann froh, mich auch ein zweites Mal aufgerafft zu haben! Auch wenn Jörg betonte, dass der Schwerpunkt dieses Lehrgangs nicht darauf lag, die Kata vom Ablauf her sicher zu beherrschen, so hatten wir sie insgesamt so oft wiederholt, dass ganz bestimmt auch bei den Anfängern etwas hängen geblieben war! Und die Fortgeschrittenen unter uns wurden mit jeder Wiederholung der Bunkai-Techniken sicherer und konnten diese dann auch schnell nach einem Partnerwechsel mit dem neuen Gegenüber umsetzen. Vielleicht waren manche Eltern der mittrainierenden Kinder oder auch die anderen Zuschauer, die am Rand der Halle auf den Bänken Platz genommen hatten, ein wenig erschrocken über unseren recht "ruppigen" Umgang miteinander, die lauten Kiais und auch manchen "Hollywood"-Schmerzensschrei. Mich persönlich hatten aber alle Übungspartner mit soviel Kontrolle und Umsicht "traktiert", dass ich hinterher nicht nur meine Schniefnase fast vergessen hätte - sondern auch durch den Lehrgang meinen Bunkai-Horizont wieder ein gutes Stück erweitern konnte.

Oss, Icky

Dienstag, 28. Oktober 2008

Wer im Glaß-Haus sitzt...


...sollte nicht mit Steinen werfen! Dies jedenfalls war der Eindruck den wir bei dem diesjährigen Lehrgang vom 17. bis 19.10.2008 von und mit Jochen Glaß (5. Dan Shotokan-Karate) bei uns im Dojo bekamen. ...denn der Jochen kann sich wehren - und zwar ordentlich! Jochen reist einmal jährlich extra aus Konstanz an, um mit uns Karate zu trainieren und uns viele Dinge zu zeigen, die er selber von seinem Trainer Hanskarl Rotzinger gelernt hat. Die Beziehung Münster-Konstanz ist schon fast so alt wie meine Karatelaufbahn und Jochen, der ursprünglich in Münster wohnte, war mein erster Sensei, als ich 1985 dem Anfängerlehrgang entschlüpfte. Wenig später verlegte er seinen Lebensschwerpunkt an den Bodensee - aber sein Kontakt zu unserem Dojo ist sehr eng geblieben! Auch diesmal kam Jochen nicht allein zu uns, sondern hatte drei sehr engagierte Karateka mitgebracht, darunter auch Steffen Maier, amtierender Vize-Europameister im Kumite.

Alle Trainer unseres Dojos waren am Freitagabend eingeladen, ein spezielles Trainertraining unter Jochens Leitung zu absolvieren. Nachdem wir von Steffen ordentlich und recht unkonventionell aufgewärmt wurden, lag der Schwerpunkt der Einheit auf den Wendungen in einigen Katas. Wir übten diese erst in Kihon-Kombinationen, die es schon zum Teil ganz schön in sich hatten! Dann fanden wir uns in Vierergruppen zusammen und setzten das soeben Gelernte in Partnerübungen mit je zwei Gegnern in zwei verschiedene Richtungen um. Wenn sich das hier schon kompliziert anhört - in Wahrheit war es noch viel vertrackter! Als man grade das Gefühl hatte, "jetzt klappt´s", hieß es "Einen aufrücken" und schon hatte man eine ganz andere Aufgabe in andere Richtungen mit anderen Techniken und neuen Partnern! Geschont wurden wir wahrlich nicht und als wir dann nach gut 90 Minuten das Dojo verließen, hatten wir uns den abendlichen Ausgeh-Snack redlich verdient!

Samstag schulte Jochen Unter- und Oberstufe unseres Vereins getrennt. Hier gab es einen ganz anderen Fokus als am Vorabend: Selbstverteidigung! Verschiedene Hebel, Würfe, Fußfeger und andere Schmakazien forderten besonders die Anfänger, aber auch so manchen von uns "alten Hasen" mächtig heraus! Bei all den kleinen Blessuren, die so ein Training zwangsläufig mit sich bringt - man sah es uns an: Es machte mächtig Spaß, Karate einmal abseits von Kihon, Kata und klassischem Kumite auszuprobieren! Wo es mit den Übungen noch nicht so klappte, half Jochen geduldig nach. War die Übung offenbar für viele von uns ungewohnt, scheute er sich auch nicht, sich den Steffen zu schnappen und auf eine grenzwertig-herzliche Art dermaßen zu malträtieren, dass uns allen Ablauf und Effektivität der Techniken bewusst wurde. Ich sag ja: Jochen sollte man lieber nicht ohne Grund herausfordern! Abends saßen wir dann in großer Runde bei uns im Dojo-Bistro, ließen uns kulinarische Köstlichkeiten vom Pizzataxi schmecken und auch so manchen "isotonischen" Durstlöscher mit oder ohne Alkohol. Besonders stolz, alleine mit den "Großen" dasitzen zu dürfen und so manchen Schwank aus "Papa" Matthes' Vergangenheit zu hören zu bekommen, war Fabian Elzinga, der als einziger (warum eigentlich?) Jugendlicher am Lehrgang teilnahm.

Sonntag ging es dann um humane 10.30 Uhr zu einem furiosen Finale! Es trainierten diesmal Unter- und Oberstufe gemeinsam und im Wesentlichen wiederholten und verfeinerten wir die Übungen des Vortages. Dann hieß es "Spalier bilden" und es stellten sich 20 Karateka in zwei Reihen, die Gesichter einander zugewandt, an einer Dojoseite auf. Durch diese hohle Gasse musste er nun gehen, der arme Karatefreund, der jeweils an der Reihe war und das Spalier schlug unbarmherzig zu, oder trat oder rempelte einfach. Nur Festhalten war verboten. Es bedurfte schon einiger Kraft und auch mentaler Stärke, sich durch die kampfeslustig blickenden Reihen zu wagen! Wer das durchgestanden hatte, der konnte sich, wenn er Glück hatte, ein paar Momente lang ausruhen - denn das "dicke Ende" kam erst noch: Jochen hatte parallel zu dem Spalier einen Kreis von neun Karateka bilden lassen und derjenige, der grade das Spalier geschafft hatte, durfte nun dort in die Mitte. Hier hieß es dann Angriff frei mit Oi-, Gyaku- oder Kizami-Tsuki von den im Kreis stehenden. Der in der Mitte wehrte ab, so gut es ging und konterte. Das Motto lautete: "Nicht schön, sondern schnell und hart" und so blieb nie viel Zeit zum Überlegen oder zum Einschätzen des Partners. Drei Runden hatte man zu überstehen, dann hatte sich der in der Mitte zu Boden fallen zu lassen und durfte die wohl härteste Probe über sich ergehen lassen: Der Kreis durfte ihn (kontrolliert!) mit Füßen treten und wurde immer enger, so dass der Mittlere kaum entweichen konnte! Klappte es einmal gar nicht und schien der Ärmste in der Mitte in auswegsloser Lage, half natürlich Jochen und befreite ihn mit einem erlösenden "Yame!".

Allen Karatekas hat der Lehrgang unglaublich viel Spaß gemacht und sicher Geschmack auf mehr! Wir hoffen, dass Jochen auch im nächsten Jahr wieder den Weg nach Münster findet.

Andrea Haeusler
Shotokan-Karate-Dojo Münster e. V.