Sonntag, 7. Februar 2016

Kindertraining mit japanischen Zahlen

Aufwärmen mit japanischen Zahlen - geeignet für Kinder ab 4 Jahren

1. Zahlenlauf
- alle in einer Reihe nebeneinander am Hallenrand aufstellen
- auf Kommando vorwärts laufen, dabei eine Zahl rufen, die zuvor von Trainerin oder Trainer gerufen wird
- beginnend mit 1
- rückwärts laufen ohne Zahl
- vorwärts mit 2 usw bis 10
- anschließend rufen Trainer/in die Zahlen auf japanisch vor, die Kinder wiederholen und lernen so die Zahlen kennen. Zur Unterstützung kann Trainer/in die Zahlen mit den Fingern an erhobenen Händen anzeigen, so dass jedes Kind weiß, welche Zahl grade auf japanisch gerufen wird

2. Zahlen-Statuen
- alle Kinder laufen durch die Halle
- für die jap. Zahlen von 1 - 5 werden vorher Positionen vereinbart, anhand derer sich die Kinder die Zahlen merken können
- bei ichi: auf ein Bein stellen und die Balance halten; Variante: die Augen schließen
- ni: mit beiden Beinen auf dem Boden stehen; Variante: im Kiba Dachi stehen
- san: mit einem Arm und beiden Füßen den Boden berühren (oder umgekehrt)
- shi: im rückwärtigen Vierfüßlerstand aufstellen, den Bauchnabel weit zur Hallendecke strecken
- go: ein Kind suchen und die Handflächen gegeneinander schlagen ("gib mir fünf")




Montag, 23. November 2015

Zen Meditation im Jugendkloster Bottrop Kirchhellen

Am 22.11.2015 folgte ich mit einigen Fujis und Gästen der Einladung meiner Freundin Katharina Gaßmann in das Jugendkloster Bottrop Kirchhellen. Katharina und ich haben uns vor einigen Jahren (es muss Januar 2008 gewesen sein) bei einer zufälligen Begegnung im Zug nach München kennen gelernt. Als sie mir damals berichtete, dass sie Zen Lehrerin sei, war mir sofort klar, dass wir uns nicht mehr aus den Augen verlieren durften! In den Folgejahren wurde die ein- bis zweimal im Jahr stattfindende Zen-Meditation in Bottrop zu einer schönen Tradition für mich und viele andere.

Wer glaubt, dass es sich bei der Zen-Meditation um reine Entspannung handelt, geht fehl!  Das „Sitzen“ im Zen bedeutet für mich vollständige Konzentration auf das Loslassen aller Gedanken und Befindlichkeiten. In unserem hektischen Alltag sind viele von uns es gewohnt, ständig mit den Gedanken irgendwo anders zu sein, nur nicht bei dem, was wir grade tun, nicht im „Hier und Jetzt“. Wenn wir essen, lesen wir gleichzeitig in der Zeitung oder sehen fern. Beim Autofahren wird Radio gehört oder gegessen und getrunken. Beim Joggen lenken wir uns durch Musik ab. Beim Spazierengehen unterhalten wir uns. Beim Geschirrspülen überlegen wir schon, was wir gleich einkaufen etc. pp. Das alles lässt sich meist gar nicht verhindern, wenn wir zielgerichtet und effizient durch den Alltag  kommen wollen. Allerdings ist es wichtig, gelegentlich aus diesem Gedankenkreisel auszusteigen, um Ruhe zu finden. Andernfalls kann dies zu Schlaflosigkeit, fehlender Entspannung und unzureichender Regeneration führen und auf Dauer zu großer Unzufriedenheit . Ich bin keine Ärztin, meine aber behaupten zu können, dass dieses Gehetztsein auch (psychosomatische) Erkrankungen fördern kann.

Gedanken loslassen, also. Katharina kennt mich und weiß, wie schwer grade mir das fällt! Dennoch nimmt sie auch mich immer wieder liebevoll und mit nachsichtigem Lächeln in die Meditationsrunde auf. Die Meditation findet in der beschaulichen und stimmungsvollen Atmosphäre eines Bewegungsraums in der Anlage des Jugendklosters Bottrop Kirchhellen statt. Jede/r von uns sucht sich zu Beginn einen schönen Platz aus. Es ist dabei gar nicht so unwichtig, wie man sich auf Stuhl, Meditationskissen oder –bänkchen platziert! Ich hatte mich z. B. beim letzten Mal zunächst eine Zeit lang so ausgerichtet, dass ich mit halb geöffneten Augen immer ein „halbes Fenster“ und eine „halbe Gardine“ vor mir hatte. Menschen, denen das Meditieren leicht fällt, nehmen die äußeren Umstände vielleicht gar nicht mehr wahr, aber mich hat dieser Anblick so durcheinander gebracht, dass ich mich erst ein Stück weiter nach rechts setzen musste, wo ich vor eine leere Wand blicken konnte.

Da „die Münsteraner“ nicht zu Katharinas wöchentlichen Meditationsteilnehmer/inne/n gehören, werden wir meist behutsam durch die Meditationen geführt und wenn wir dabei sind, gestaltet sie die Sitz- und Schweigephasen vermutlich recht kurz: Katharina und die Menschen aus ihrer regulären Meditationsgruppe nehmen nämlich regelmäßig an mehrtägigen Meditationsveranstaltungen teil und dort wird meist mehrere Stunden am Stück gesessen und geschwiegen.

Für mich persönlich ist die Art und Weise, wie wir bei Katharina meditieren, auch so schon sehr anstrengend: Wir sitzen schweigend – entweder mit geschlossenen oder halb geöffneten Augen – und versuchen, nicht an Gedanken festzuhalten. Dies gelingt am Besten, wenn man sich auf das Ein- und Ausatmen konzentriert. Wir Karateka kennen das ja schon von unserer Kurzmeditation am Anfang und Ende jeder Trainingseinheit. Während wir aber in unserem Dojo nur kurz „versinken“, soll es im Kloster über eine längere Zeit gelingen. Das klingt so einfach und ist doch so schwer! Ich helfe mir, in dem ich z. B. zehn Atemzüge zähle – und dann wieder von vorne beginne. Auch das liest sich vermutlich viel einfacher, als es ist. Denn meist klopft  bereits nach kurzer Zeit wieder der ein oder andere Gedanke an und schiebt sich in das Bewusstsein. Oder mein Rücken, den wir ja bei der Meditation aufrecht halten sollen, meldet sich und quengelt nach einer Pause.  Manchmal begehrt auch das innere Kind in mir auf und fragt: „Boah, wie lange denn noch?“ Oder ein pubertierender Trotz kommt auf: „Schei.... auf Ein- und Ausatmen – die Gedanken sind schließlich frei, oder? Also kann ich denken, wann und was ich will!“ „Das ist das Ego,“ so Katharina. "Das Ego spielt sich auf, drängt sich in den Vordergrund und will Aufmerksamkeit. Wenn wir loslassen wollen, müssten wir lernen, das Ego auszuschalten." Bei unserer ersten Meditation vor einigen Jahren formulierte sie das sehr eindrucksvoll mit der Aussage: „Das Ego stirbt auf dem Kissen.“

Sehr dankbar bin ich Katharina dafür, dass wir nicht nur im Sitzen meditieren, sondern auch im Schreiten. Kinhin nennt sich diese Meditationsform, bei der man sehr bewusst immer einen Fuß vor den anderen setzt und so unzählige Kreise um den Sitzkreis herum zieht. Auch eine Entspannungsmediation im Liegen wurde durchgeführt, bei der ich aber leider gnadenlos eingeschlafen bin! Wer mag, kann in der etwa halbstündigen Pause schweigend oder sich leise unterhaltend durch den Klostergarten schreiten und sich bei Obst und Tee stärken. Dann geht es auf zur zweiten Runde. Und wieder gibt es nur das Sitzen oder Schreiten und vor allem das Schweigen.

„Wo bist Du mit Deinen Gedanken?“ klingt es plötzlich mahnend in die Stille hinein. Und wieder fühle ich mich von Katharina erwischt wie ein kleines Kind am Honigtopf! Natürlich war ich grade in diesem Moment wieder mit den Gedanken irgendwoanders! Aber Katharinas Stimme holt mich zurück in die Gegenwart und lässt mich wieder bewusst ein- und ausatmen!


Zum Abschluss des Tages reflektieren wir in der Gruppe über das Erlebte. Ich bin dann immer ganz beruhigt, dass nur wenige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer von wirklich erhabenen Erlebnissen berichten wie:"Ich habe total die Zeit vergessen!" Oder:"Ich fühlte, wie alle Anspannung von mir abfiel." Bei den ersten Meditationstreffen war ich enttäuscht, weil  mir das Stillsitzen und Abschalten so schwer fiel! Ich hatte mich anfangs immer noch über mich selbst geärgert – es wollte mir einfach nicht gelingen, meine Gedanken auszublenden! Mittlerweile bin ich immerhin schon in dieser Hinsicht gelassener geworden: Ich kann inzwischen nachsichtig über mich und meinen unruhigen Geist lächeln und setze dann, wenn ich merke, dass ich die Ruhe verloren habe, einfach wieder neu an. Einatmen und Ausatmen. Mehr ist es nicht. Und es ist doch so viel.

Samstag, 1. August 2015

Rotation, Posture, Relaxation - Lehrgang mit Sensei André Bertel in Krefeld

Im Frühjahr 2015 unternahmen Karatefreunde von Torsten und mir eine Trainingsreise nach Japan. Unter anderem besuchten sie dort Sensei André Bertel, der mit ihnen beneidenswert viel Zeit verbrachte. Die facebook-Berichte unserer Freunde nebst ausführlicher Foto-Dokumentation ließen uns vor den Bildschirmen schmachten - wir wären so gerne dabei gewesen!

Zu unserem großen Glück konnte sich der ansonsten viel beschäftigte Sensei im Juli ein paar Tage frei schaufeln und sagte unserem Freund Frank sehr spontan einen Besuch in Krefeld und das Abhalten eines zweitägigen Lehrgangs zu. Als wir von der Ausschreibung hörten, waren Torsten und ich natürlich gleich Feuer und Flamme und gehörten mit Sicherheit zu den ersten verbindlich angemeldeten Teilnehmern! Der Lehrgang war dann innerhalb kurzer Zeit ausgebucht, da die Teilnehmerzahl auf 100 begrenzt war (bei einer Hallengröße von ca. 400 qm schon eine ganze Menge!). Die Tatsache, dass es schon bald keine Tickets mehr gab, war umso erstaunlicher, als in vielen Bundesländern bereits die Sommerferien begonnen hatten und viele Karateka gar nicht daheim waren!

Ein dickes, dickes Lob an dieser Stelle an die Organisation des Nakayama Krefeld e. V.! Von der Halle über die Verpflegung bis zur Abendveranstaltung war alles super organisiert und alle Gäste fühlten sich willkommen!

Total perplex war ich direkt bei der Begrüßung durch den Sensei an der Eingangstür: "Oss, you are Andrea!" Huups, woher weiß der denn meinen Namen? Facebook schön und gut, aber 1. sieht man real doch meist anders aus und 2. muss man die ganzen Gesichter und Namen erstmal behalten (vor allem, wenn man die Menschen noch nie zuvor persönlich gesehen hatte!). Torstens Begrüßung war noch persönlicher und auch erfreulicher:"Ah, I like your video with Unsu! Very beautiful kata!"Aber das war typisch für André: eine überwältigende Aufmerksamkeit und Freundlichkeit, wie ich sie bisher bei keinem anderen Karatetrainer (und auch sonst sehr selten) wahrgenommen habe! 

Das Training war für mich eine perfekte Mischung aus bekannten Techniken / Bewegungsmustern und einer gehörigen Portion neuer Ansätze, die aber in keinem Widerspruch zu meinem bisherigen Karate-Weg stehen. Da André viele Jahre lang Uchi-Deshi von Shihan Asai war, hat er erwartungsgemäß zahlreiche Bewegungen der Asai-Schule in seinem Trainingskonzept: Bewegungen mit blitzschneller Rotation des Körpers, die eine große Lockerheit voraussetzen. Für viele von uns war es vermutlich ungewohnt, sich von den im Shotokan häufig antrainierten recht starren Kihon-Bewegungsmustern zu verabschieden. Aber Karateka, die regelmäßig z. B. bei Risto Sensei trainieren, wissen ja: Eine Anspannung des ganzen Körpers ist ein Krampf - damit muss man zum Arzt gehen ;-) Also: locker bleiben und durch Lockerheit und ausschließliche Anspannung in dem Moment, auf den es ankommt, explosiv werden!

Das soll aber jetzt nicht heißen, dass wir uns wie schlaffe Marionetten bewegen sollten! Im Gegenteil: Ein weiterer, wichtiger Ansatz war eine gute und aufrechte Körperhaltung ("Posture") mit einer inneren Grundspannung, die aber nicht zu einer "Verkrampfung" führen soll. Für einen "perfekten" Zenkutsu Dachi gab es zahlreiche tolle Übungen - Fallenlassen aus dem Shizen Tai, Hochspringen aus der Hocke oder aus dem Seiza - nicht alle gut für "Kniekranke" geeignet, worauf der Sensei aber auch explizit hinwies! Schön war auch der Mae Geri aus Seiza, der die Oberschenkel zum Brennen brachte!

Ich weiß ehrlich gesagt noch sehr wenig von den Trainingslehren der Asai Schule - allerdings dürfte einer der maßgebenden Bestandteile die Bewegung aus der Rotation heraus sein: enge Verwringungen des Körpers auf der Stelle oder auf kleinem Raum, die durch den Rotationsschwung trotz großer Lockerheit eine große Energie generieren. Ähnliches übten wir bereits beim Takudai in Dresden unter Naka Sensei und auch beim Samurai Spirit in Siegen unter Malcolm Dorfman Sensei. Mir fällt diese ganz enge Drehung noch sehr schwer, aber wenn man sie gut beherrscht und schnell ausführt, wirkt sie mit Sicherheit zerstörerisch wie ein Tornado! 

Drehungen übten wir aus verschiedenen Positionen: Aus dem Zenkutsu Dachi heraus in der Vorwärtsbewegung oder aus dem Shizen Tai heraus auf der Stelle - mit und ohne Partner, es war schon sehr dynamisch und im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend! 

Neben den für viele von uns neuen "Moves" gab es aber auch ganz klassische Übungsformen wie etwa Gohon Kumite, welches angesichts des knappen Platzes in der Halle kurzer Hand in Sanbon Kumite umgewandelt wurde. Ahäm, eigentlich wäre das dann doch letztlich gar nicht nötig gewesen, denn der Sensei rief uns, als ihm klar wurde, dass die 5-er-Schrittfolge so, wie wir aufgestellt waren, nicht umzusetzen war, dazu auf, uns so hinzustellen, wie in Japan: Schulter an Schulter, quasi auf Tuchfühlung mit dem Nachbarn. Auf diese Weise waren wir gezwungen, uns wirklich nur auf einer Linie vor und zurück zu bewegen. Beim Sanbon Kumite hatte der Sensei für uns folgende Anweisungen parat: Zunächst mal passte ihm die bei den meisten von uns zu groß gewählte Distanz zwischen Angreifer und Abwehrendem nicht. Viele von uns schlugen dann zu Beginn Chudan Barei, statt Gedan Barei - wir sollten wirklich darauf achten, dass die Faust nur eine Faust breit über dem Knie gehalten wird. Dieses "Faust-breit"-Prinzip übertrug er dann auf sämtliche Blocks: Age Uke eine Faust breit vor der Stirn, Soto Uke mit Ellenbogen eine Faust breit vor den Rippen und so weiter  - nichts Neues, eigentlich, aber offenbar noch nicht optimal umgesetzt. Den Soto Uke - und hier musste ich wieder an "meinen" Risto denken - sollten wir nicht zu weit hinten ausholen, sondern seitlich am Körper und dann auf einer graden Linie nach vorne schlagen. So hatte auch die Basisübung Sanbon Kumite für viele von uns so einige "Knäcken" und es bedurfte gar keiner exotischen Einlagen, um uns herauszufordern. 

Sehr nach meinem Geschmack war der konsequente Kontakt, mit dem der Sensei agierte und den er auch von uns erwartete. Es war zuweilen sehr amüsant - dieser extrem freundliche und auch recht zierliche Mann, der dann mit einem Lächeln Freiwillige nach vorne bat, um Techniken zu demonstrieren. Anfangs ragten noch zahlreiche Hände nach oben, wenn André "zum Tanz" bat. Im Laufe des Lehrgangs hoben sich dann aber eher ängstlich die Augenbrauen oder Schultern der potenziellen Kandidaten und jeder versuchte, möglichst im Boden zu versinken, um nicht in den Genuss der explosiven und harten Techniken zu gelangen. Es war echt erstaunlich, dass Kerle, die aussahen wie Kleiderschränke und den Sensei mindestens um eine Haupteslänge überragten, vom Boden abhoben, wenn sie von seinen Tsukis oder Keris getroffen wurden! Und dennoch hat jeder von den "Opfern" beteuert, dass sie bei aller Härte sicher waren, die Technik sei noch kontrolliert gewesen - hätte André richtig durchgezogen, wäre es wohl zu ernsthaften Verletzungen gekommen. Torsten hatte das "Vergnügen", zwar nicht als "Freiwilliger vorne" beteiligt zu sein, aber im Zusammenhang mit einer unserer Partnerübungen einige Tsukis des Sensei einzustecken: Er beschrieb es so, dass man gar nicht mal an der Hautoberfläche den großen Knaller spürt, wie wir es vielleicht vom gegenseitigen Impact-Training gewohnt sind - es sei eher so gewesen, dass der Schlag ins Körperinnere eindringt und dort im Inneren wie eine Handgranate explodiert! 

Von Verletzungen heimgesucht schien allerdings letztlich nur der Sensei selber - die Fäuste im wahrsten Sinne angeschlagen vom Makiwara-Training, die Achillesferse verletzt vom letzten Kumitetraining vor dem Abflug nach Deutschland mit seinem Sensei ... er entschuldigte sich fortwährend für seine Einschränkungen durch diese Verletzungen. Mein großer Wunsch wäre es, einmal unverletzt so präzise und hart zu agieren wie der Sensei, wenn er sich nur limitiert bewegen kann! Der Sensei wies im Laufe des Lehrgangs immer wieder darauf hin, dass uns Verletzungen möglichst nicht vom Training abhalten sollten. Man sollte "um die Verletzung herum" trainieren - also nicht einfach weitermachen wie bisher, da das ja dem Körper schaden würde. Sondern das machen, was noch geht oder so, wie es noch geht!

Nun, bei uns war es so: Das Eine ging - das Andere nicht ... die Übungen waren zum Teil sehr anspruchsvoll und bedurften ein hohes Maß an Beweglichkeit und Mut. So übte ich z. B. seit vielen Jahren wieder einmal Kani Basami: Hierbei täuscht man erst Ura Mawashi Jodan an, sinkt dann mit der entgegen gesetzten Körperseite zu Boden und stützt sich dort mit ausgestrecktem Arm ab, um dann mit dem anderen Bein in die Kniekehle des Partners zu fahren und ihn mit dem Bein, welches den Ura-Mawashi getreten hat, zu Boden zu drücken. Ein großer Spaß! - Aber elegant geht sicher anders ;-)

Eine große Überwindung kostete es mich auch, bei einem Angriff Jodan Mae Geri als Abwehrende unter dem Keri hindurch zu tauchen und den Angreifer dann von hinten zu Fall zu bringen. Hierbei kommt es nicht nur auf die eigene Beweglichkeit an, sondern man muss auch hoffen, dass der Angreifer das Knie vor dem Tritt wirklich hoch genug zieht. Wo genau unsere Fehler jetzt im Einzelnen lagen, kann ich nicht sagen - aber Torsten und ich trafen uns jeweils einmal mit dem Kick - und dummerweise ist durch das Abtauchen die Trefferfläche jeweils der Kopf! Nichts für zarte Gemüter, also und nur etwas für Partner, die rücksichtsvoll miteinander umgehen (können). 

Der Lehrgang war für mich schon am ersten Trainingstag Budo-Karate wie von einem anderen Stern! Und am zweiten Tag wurde das ganze dann noch getoppt, als wir in der letzten Einheit Ablauf, Bunkai und Anwendungen der Kata Nijushiho umsetzten. Zunächst übten wir detailliert den Ablauf der Kata, wobei ich mit Torsten und Frank eine Passage vorführen sollte und hierbei einen wertvollen Korrekturvorschlag bekam. Dann kamen einige Bunkai-Sequenzen, als Angriff und Abwehr in formellen Karatetechniken und schließlich dann die Selbstverteidigungs-orientierte Anwendung. Besonders in Erinnerung ist mir hier die Stelle geblieben, bei der man aus dem Kokotsu Dachi in den Kiba Dachi dreht und Yoko Empi in die offene Hand platziert, dann Gedan Barei - hieraus wurde eine Umklammerung am Hals (Würgen) von hinten und "Genickbruch" durch Fallenlassen des Unterarms bzw. Anheben des Ellenbogens. 

Rotation, Posture, Relaxation - präzise und wirkungsvolle Techniken mit einem supernetten und charismatischen Trainer! Das war ein fantastisches Karatewochenende, welches all unsere Erwartungen weit übertroffen haben! André hatte der Trainingsgruppe erzählt, dass er in ein neues, größeres Haus umgezogen ist, damit er mehr Platz hat für Karateka, die ihn in Japan besuchen möchten. Bei manch anderem Trainer hätte man dies wohl für eine sympathieheischende Floskel gehalten - aber bei André glaube ich sofort, dass er das auch wirklich so meint! Ein Japan-Aufenthalt stand für mich als fernes Ziel am Horizont - aber durch die Aussicht, dort bei André trainieren zu können, ist es ein gutes Stück weit realer geworden und die Idee, so eine Reise konkreter zu planen, nimmt allmählich Gestalt an. Bis dahin gilt es, die vielen neu gewonnen Trainingsimpulse zu sortieren und einen Teil davon auch umzusetzen. 


Notizen:
25.7.15: Details
- Sauberer Stand -> im ZK den hinteren Fuß ganz aufsetzen, also auch die Fuß Außenkante; Rotation der Achse
- Stabiler Stand -> Schultern locker
- Starkes Hikite (mit dem Ellenbogen denken, nicht mit der Faust), die Hikite-Faust so drehen, dass der kleine Finger nach oben zeigt, das verstärkt die Spannung des hinteren Ellenbogen
- Gedan Barei auch wirklich gedan schlagen - in unserer Gruppe schlugen die meisten zu hoch, nämlich eigentlich chudan Kamae!

I. Posture / stabiler und aufrechter Stand
1. ZK stehen und Tate Shuto - dabei das hintere Bein beugen, aber nicht so, dass das Knie nach außen geht (kein Fudo Dachi); dann Gyaku Tsuki aus dem hinteren Bein nach vorne schießen. Wie oben beschrieben liegt die Achse an der vorderen Hüfte. Beim Gyaku Tsuki die Hüfte drehen, aber die "Ohren grade halten" :-)
2. ZK stehen und Gyaku Tsuki im Stand (wie oben) und dann den vorderen Fuß zurück ziehen und durch Streckung des hinteren Beins wieder nach vorne schießen (zweiter Gy Ts).
3. Hüfte vor

Den Gy Ts haben wir dann auch mit Partner geübt - André hat den Gy Ts an "Freiwilligen" demonstriert - "any volonteers - it won't be hard" und wenn die Freiwilligen dann vorne standen "not so hard as it may look" oder "only some bruises" oder "not really dangerous" es wurde jedenfalls immer wieder relativiert, sobald jemand vorne stand und der bekam dann ordentlich auf die "Mütze". Torsten durfte einmal Andrés Gyaku Tsuki einstecken - er war sehr beeindruckt, denn anders, als man es sonst kennt, brannte der Tsuki nicht auf der Hautoberfläche, sondern drang direkt unter die Bauchdecke ein und schien dort wie eine Handgranate innerlich zu explodieren!

Gohon Kumite - bzw. tatsächlich dann Sanbon Kumite wegen der Enge in der Halle!
- wirklich "Gedan Barei" zu beginn - siehe oben!
- Distanz überprüfen (die meisten standen zu weit weg)
Beim Vorwärtsgehen nicht zuerst die hintere Ferse heben, sondern den ganzen Fuuß
- den Block nicht zu weit vom Körper entfernt ausführen, sonst kommt direkt ein treffender zweiter Angriff! Age Uke eine Faust breit vor der Stirn, Gedan Barei eine Faust breit über dem Knie, Soto Uke: Ellenbogen grade nach vorne schlagen und auch eine Faust breit vor dem Körper

Übungen für einen stabilen Stand:
- aus Shizen Tai in ZK nach unten (also ohne hochzukommen) vorne springen und zurück (oder "dynamisch fallen")
- aus der Hocke ...
- aus Seiza

Aus Seiza Mae Geri treten (Übung für eine gute Körperhaltung)

Weitere Übungen für einen stabilen Stand:
- Im Shizen Tai Tsukis schlagen - Schultern locker, Hikite hart! Der Körper ist wie ein Nunchaku: Arme und Beine sind locker - Fäuste und Füße hart!
- dann Tsuki 45 Grad
- dann 90 Grad
- dann 180 Grad mit Sprung
- dann anders rum
- dann 360 Grad


II. Rotation
1. Drehung üben - ähnlich Samurai Spirit - Körper auf der Stelle verwringen, extremen Hüfteinsatz
2. Das für die SV nutzen



Beginn der zweiten Einheit: Warmup von Torsten!
Anschließend im Shizen Tai stehen, die Arme wie zu Beginn der Tekki Nidan als Kamae/Ausgangsposition
- auf der Stelle weit rechts rum "verwringen" und mit dem rechten Arm Uraken schlagen, Arm aber nicht schnappen, sondern stehen lassen, Arm nicht strecken; bei der Drehung darauf achten, dass der Fuß auf der Seite des Armes, der schlägt, auf der Hacke dreht, der andere dreht auf dem Ballen; bei diesem Uraken, der stehen bleibt, wird die Hüfte nicht gegengedreht, sondern mit gedeht
- dann anders rum drehen

Spezielles Arm-Warmup von André:
- im Shizen Tai stehen, Arme seitlich auf Schulterhöhe, Handflächen nach oben
- vor dem Körper die Arme überkreuzen und dabei je auf die gegenüberliegende Schulter bzw. Schulterblatt schlagen (ein Arm oben her und ein Arm unter dem anderen Arm her)
- und wieder auseinander - zusammen, auseinander etc.
- dasselbe mit Handflächen nach unten
- Handflächen nach vorne
- und natürlich auch nach hinten
- Dann aus derselben Startposition Uraken zur Seite - Uraken geschnappt: d. h. Hüfte gegen drehen (beim gestoßenen Uraken - siehe oben - geht die Hüfte mit)

Aus der Uraken Übung mit Drehung wurde dann eine Partnerübung kreiert:
- Tori Angriff Oi Tsuki
- Uke dreht sich auf der Stelle knapp seitlich raus und schlägt Uraken, zurück drehen und zur anderen Seite auch nochmal Uraken (noch ein drittes Mal?, zur ersten Seite?)

Weitere Partnerübung:
- Tsuki Jodan - Block Age Uk/Gyaku Tsuki, drehen zur geschlossenen ("blinden") Seite des Tori, also so, dass dieser nicht ohne weiteres weiter angreifen kann, und Uraken

- Block gegen Mae Geri - hier Gedan Barei nach Meinung Andrés nicht optimal. Wenn man ihn da anwendet, dann am besten als Uraken gedacht und wirklich erst im letzten Moment die Faust drehen. Im Realfall habe man bei einem Angriff mit einem Fußtritt allerdings auch gar keine Zeit für einen Schritt zurück mit Armblock. Daher sein Vorschlag: Block mit dem vorderen Bein bzw. Knie, als Soto Ashi Uke (Knie kommt von außen und blockt Mae Geri nach innen) oder als Uchi Ashi Uke (Knie kommt von innen und blockt Keri nach außen). Der Sensei konnte es fantastisch vormachen - allerdings gab es wohl bei den meisten von uns hier eher blaue Flecke. So richtig konsequent wollte hier auch wohl keiner treten bzw. blocken, da die Verletzungsgefahr einfach zu groß ist. Aber im Ernstfall ist diese Übung mit Sicherheit eine Option.

Dann Ushiro Geri üben: ähnlicher Ansatz wie Risto Sensei, nur dass man vor dem Tritt nicht in "Neko Ashi Dashi" dreht und dann tritt, tritt, sondern in Hangetsu Dachi

Dann Ushiro Geri aus größerer Entfernung mit einer "entgegen gesetzten" Drehung um das vordere Bein herum - also z. B. li vor im Kamae stehen, dann nicht rechte Schulter zurück und drehen, sondern in die Richtung drehen, bei der die rechte Schulter vor geht. (????)

Als nächstes Ushiro Geri um das hintere Bein herum drehen. Sehr schwierig...  (????)

ZK mit Tate Shuto Uke, dann Gyaku Tsuki, dann vorderes Bein zurück und mit Drehung und Uraken kontern (????)

2. Tag
Zunächst ging es darum, zu üben, sich auf einer Linie zu bewegen, damit keine Kraft zur Seite verloren geht. Das übten wir wie folgt:

Gyaku Tsuki, Drehung vorne rum - auf der Linie bleiben

Lockerungsübung für die Schultern mit Empi:
rechter Arm Age Empi, Empi nach hinten (wie Hikite), Mawashi Empi, Yoko Empi, zig mal, immer schneller werdend, dann anderer Arm

Dem Partner "eine langen":
Ganz irre Übung mit offenen Händen! Der Beweis, dass man aus großer Lockerheit viel Energie schöpfen kann!
Aus Shizen Tai rechts vor gehen in Fudo Dachi mit Fumi Komi. dabei mit der rechten Hand eine Art Gedan Uke ausführen, aber Hand geöffnet. Die Hand peitscht am Gi des Partners entlang (in Echt: am Körper!). Bewegungsrichtung von oben rechts nach links unten, dann mit derselben Hand quer über den Körper des Partners nach rechts zur Seite und am Schluss hoch zum Hals (bei der Übung hinter den Hals, also quasi in den Nacken) mit Heito Uchi. Dadurch, dass bei der Starbewegung das ganze Körpergewicht fällt, wird die Starttechnik schon unglaublich kraftvoll! Die Übung hatte es echt in sich und man musste sehr vorsichtig agieren - und das, obwohl man fast gar keine Kraft aufwendete!

Variation: Mit beiden Händen gleichzeitig - erst Handkantenschlag Shuto an den Hals, dann auf die Rippen und zum Schluss in die Genitalien (bei der Übung: Innenseite Oberschenkel)

Anschließend: Kombination aus beiden Varianten - Bewegungen frei fließen lassen, große Bewegungen!

Zweite Einheit: Nijushiho Bunkai und Application; Bunkai ist Kata-Analyse - von den Bewegungen her eher an der Kata dran; Application bedeutet freie SV aus der Kata! Einige richtig geile Sachen, von denen ich mir leider nicht viel merken konnte....

Kiba Dachi mit Arm zur Seite, dann Drehung mit Empi in den gestreckten Arm und mit rechts Gedan Barei - das wurde so umgesetzt, dass man den anderen von hinten mit dem linken Arm in den Schwitzkasten nimmt und den rechten Ellenbogen auf den Hinterkopf drückt, dann den rechten Unterarm runter drücken bzw. den Ellenbogen hoch - Vorsich1! Genickbruch möglich!








Donnerstag, 30. Juli 2015

Taikyoko Shodan - mit Varianten (Naka Sensei in Tschechien 2015)

Embusen Taikyoku Shodan ausführen

1. Variante (Knie-hoch-Variante):
Nach jedem Gedan Barei einen Schritt vor und das hintere Knie hochziehen und halten, dabei Oi Tsuki (gemeint ist, die dem hochgezogene Knie entgegen gesetzte Faust vor zu stoßen). Dieses Bewegungsmuster ist relativ einfach, ist aber eine gute Vorbereitung für eine dynamische Vorwärtsbewegung á la Risto (auf dem vorderen Bein "landen"). Bei den langen Bahnen (drei Schritte nacheinander) geht man je dreimal vor mit "Knie hoch".

2. Variante (hinten-herum-drehen-Variante)
Erste Bewegung nicht mit dem linken Bein nach links in Gedan Barei, sondern mit dem rechten nach rechts hinten zurück - mit Suri Ashi rausgleiten in Gedan Barei nach links. Dann einen Schritt nach vorne. Jetzt nicht Gewicht zurück und auf dem hinteren Bein drehen, sondern vorwärts links rum auf dem vorderen Bein drehen, man geht also mit dem Schwerpunkt weiter nach außen. Dennoch steht man sie gehabt rechts vor in Gedan Barei - nur einen Schritt weiter hinten. jetzt wieder einen Schritt vor in ZK mit Tsuki. Jetzt auch nicht wieder das linke Bein nach hinten belasten und auf dem linken Bein zur Shomen Seite drehen, sondern das rechte Bein um 90 Grad nach rechts umsetzen. Dreimal vor mit Tsuki. Die Große Drehung ist am schwierigsten: mit dem vorderen Bein nach vorne und schräg links umsetzen, so dass man wieder links vor steht wie in der ursprünglichen Kata. Einen Schritt vor und rechtes Bein nach rechts hinten umsetzen, dreimal vorgehen, rechtes (vorderes Bein) schräg nach links versetzen, Gedan Barei, einen Schritt vor, vorderes Bein versetzen, letzte Technik.

Im weiteren Verlauf kann man die Bewegung fließender und mit Gewichtsverlagerung ausführen, so dass man eine prima Vorbereitung für das Jiyu Ippon Kumite hat! Dann macht man z. B. die Rückwärtsbewegung zu Beginn mit Suri Ashi und die anschließende Vorwärtsbewegung im Oi Tsuki möglichst schnell hintereinander.

3. Variante - mit Mawashi Geri / Gyaku Tsuki
Wie 2. aber nach jeder Technik Kizami Mawshi Geri / Gyaku Tsuki

Diese Übungsform zeigt, dass man auch aus einer recht einfach strukturierten Basis-Kata ein breites Spektrum an Trainingsimpulsen generieren kann.

Freitag, 24. Juli 2015

Ein Leben lang kämpfen - es lebe der Wettkampf!

In den letzten Wochen beschäftigte mich das Thema "Wettbewerb im Kinder- und Jugendalter" sehr stark. Ausgelöst wurde dies durch die aktuelle Debatte um die mögliche Abschaffung der Bundesjugendspiele und z. B. auch die ewige Diskussion darüber, ob denn nun die Leistungen von Grundschülern benotet werden sollten oder nicht. Meiner Meinung nach wäre sowohl die Abschaffung der Bundesjugendspiele, als auch der Benotung im Grundschulalter eine fatale Entwicklung. 

Warum diskutieren wir solche Themen überhaupt? Sind die Kinder heute weniger leistungsfähig oder -bereit, als früher? Ich denke nicht. Setzen Kinder sich durch frühes Vergleichen miteinander gegenseitig unter Druck? Ich glaube kaum - denn meine Erfahrung ist, dass grade Kinder noch ganz intuitiv den gegenseitigen Vergleich lieben! Sind es vielleicht eher die Eltern, die hier Vergleiche scheuen und möglicherweise Angst haben, das eigene Kind sei "schlechter" als das der anderen Eltern? Vielleicht. Aber es wäre sehr schade, wenn Kindern durch diese mit Sicherheit ganz wohl gemeinte (Über-)Fürsorge der Eltern die Möglichkeit genommen wird, Reize zu erfahren und Grenzen in ihrem Alltag zu erleben. Denn eine übertriebene Fürsorge schadet m. E. genauso wie übertriebener Druck. 

Gewinnen und Verlieren lernen 
Als mein Sohn etwa zwei Jahre alt war, begann die Zeit der Verabredungen. Anfangs trafen sich vermutlich eher die Mütter zum Kaffeetrinken und die Kleinkinder waren mit dabei. Zunehmend wurden dann auch die Kinder im Spiel angeleitet. Ich erinnere mich noch gut an eine Situation, in der mein Sohn und ein anderes Kind unter Anleitung ein Brettspiel spielen sollten. Als die Spielentscheidung anstand, also die Frage, wer Gewinner oder Verlierer ist, griff die andere Mutter besorgt ein und behauptete, es gäbe jetzt zwei erste Plätze! Ich war schockiert! Wo war da denn der Reiz am Spiel, die Freude am Gewinnen? Wie sollen Kinder so lernen,  Ehrgeiz zu haben um ein Spiel zu gewinnen oder allgemein ein Ziel zu erreichen? Wie sollen sie eine Frustrationstoleranz im Leben entwickeln? Ich persönlich bin der Meinung, dass Spiele und kleine Wettkämpfe sehr wichtig sind für die Persönlichkeitsentwicklung. Wie schön ist es doch, ein Leben lang Freude am Spiel zu haben - oder heißt es nicht auch häufig: "Diese Aufgabe hat er oder sie spielerisch gemeistert"? Das kann man nur lernen, wenn man auch wirklich spielt - unter Einhaltung von Regeln und Grenzen und mit allen positiven und negativen Konsequenzen!

Manche Eltern möchten nicht, dass ihre Kinder ein Spiel verlieren, weil sie fürchten, ihre Kinder durch die negative Erfahrungen zu enttäuschen. Sie möchten ihnen die Erfahrung ersparen, traurig zu werden. Dabei sagt das Wort es schon deutlich: Eine Ent-Täuschung verhindert eine Täuschung, deckt wahre Tatsachen auf (z. B. verloren zu haben). Durch eine ersparte Ent-Täuschung findet daher im Umkehrschluss eine Täuschung statt - dem Kind wird die Auseinandersetzung mit der Realität erspart, mit der Tatsache, dass es diesmal verloren hat. Das kann sicherlich von Fall zu Fall einmal sinnvoll sein - auf Dauer führt dies jedoch zu einer verzerrten Wahrnehmung der Umwelt und zu einer falschen Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. 

Interessant ist hier eine Entwicklung, die sich aktuell offenbar im Kinder- und Jugendfußball zeigt: Hier soll es am Rande der Spielfelder bei mutmaßlichen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter oder generell bei einem unerwünschten Spielergebnis zu Unmutsbekundungen bis hin zu Gewaltausbrüchen gekommen sein - auf Seiten der zusehenden Eltern! Hier sind m. E. in erster Linie die Eitelkeiten der Eltern verletzt und die Kinder bekommen den Eindruck, Verlieren sei etwas ganz Dramatisches! Dabei gehört Verlieren einfach zum Spiel dazu - einer gewinnt, einer verliert. So einfach ist das. Gewinnen ist ein schönes Gefühl, Verlieren ein doofes. Aber eins, mit dem ich leben kann. Und wenn ich mich mehr anstrenge, gewinne ich vielleicht auch mal. Oder ich bin vielleicht immer schlecht beim Fußball, dafür kann ich aber gut Schach spielen. Oder vielleicht bin ich auch in keiner Disziplin der oder die Beste, dafür halte ich aber die Mannschaft bei Laune und sorge für einen guten Teamgeist. 

Umgang mit Regelverstößen
Wie bereits weiter oben beschrieben ist es m. E. wichtig, dass Kinder Grenzen kennen lernen. Das gilt z. B. beim Überschreiten fremder Grenzen durch Fehlverhalten. Im Spiel ist dies z. B. ein Regelverstoß, ein Schummeln oder der Versuch, sich vorzudrängeln. Hier sollten in den Spielregeln klare Konsequenzen vorgesehen sein, die dann auch durchgezogen werden. Später kann dies dann auf generelles Fehlverhalten gegenüber anderen Personen übertragen werden: beim Ärgern anderer Kinder, Unfreundlichkeiten gegenüber Erwachsenen, Sachbeschädigung etc. Auch hier sollten Kinder früh angemessene und spürbare Konsequenzen erfahren, wie sie es ja bereits aus den "Spielregeln" kennen. Mit spürbar meine ich nicht physisch spürbar, also etwa in Form von Schlägen oder Hausarrest, sondern eine Wiedergutmachung, die "weh" tut. Wenn man beim Brettspiel etwa "vier Felder zurück gehen" musste, kann es im realen Leben z. B. eine offizielle Entschuldigung sein oder die Reparatur der beschädigten Sache bzw. Anschaffung einer neuen vom eigenen Taschengeld und dergleichen. 

Die eigenen Grenzen ausloten
Viele Kinder (und Erwachsene) kennen aber auch die eigenen Grenzen gar nicht mehr. Dies ist m. E. vermutlich die Entwicklung mit der weitreichendsten negativen Tragweite und m. E. einer der Gründe, warum Depressionen, Ängste und Burn Out heute bereits im Kinder- und Jugendalter weit verbreitet sind. Ich las neulich ein Buch, in dem die These aufgestellt wurde, dass viele Menschen heute ein (vielleicht im doppelten Sinne) so "reizloses" Leben führen, dass sie jede Adrenalinausschüttung für Angst halten! Ohne jetzt biologisch in die Tiefe gehen zu wollen oder können ist Adrenalin zunächst einmal ein Hormon, das in Stresssituationen ausgeschüttet wird. Dieser Stress kann verschiedene Ursachen haben und z. B. auch eine durch einen Wettkampf ausgelöste Aufregung oder Spannung sein, die nicht zwingend negativ oder schädlich ist! Adrenalin setzt im Körper Vorgänge in Gang, die uns dazu befähigen können, über uns selbst hinaus zu wachsen und m. E. ist es sehr vorteilhaft, wenn bereits Kinder lernen, damit umzugehen. Stress kann auch lähmen und vielleicht ist es auch gut, einmal diese Erfahrung zu machen - bestenfalls auch dies bereits im Kinder- und Jugendalter. Dann fällt uns vielleicht auch eine Lösung ein, um aus der Stressfalle herauszukommen und die Lähmung abzuschütteln, in den "fight-or-flight"-Modus zu wechseln. Ich denke, dass es zwangsläufig zu einer Adrenalinausschüttung kommt, wenn wir an unsere persönlichen Leistungsgrenzen kommen, also in Leistungsbereiche, die wir nicht alltäglich erleben. Diese Grenzen des Machbaren sollten m. E. gelegentlich ausgetestet werden, um ein Gespür dafür zu bekommen, was wir (grade noch) schaffen und welche Kraftanstrengungen tatsächlich über unsere Fähigkeiten gehen. Positiver Nebeneffekt ist zwangsläufig, dass wir mit jedem neuen Herantasten unsere persönliche Grenze meist immer noch ein Stück weit weiter nach hinten verschieben können und unsere Leistung bis zu einem gewissen Punkt steigern können. Wo lässt sich dies gefahrloser austesten und auch üben als in einem Spiel oder Wettkampf? 

"Ein Leben lang kämpfen" - Helden des Alltags werden! 
Die Heldinnen und Helden in Actionfilmen oder auch in unserem Alltag beeindrucken uns meistens dadurch, dass sie in scheinbar ausweglosen Situationen offenbar übermenschliche Kräfte mobilisieren: Sie sind beinahe eine Klippe hinabgestürzt, hängen nur noch mit den Fingern an der Felskante - und ziehen sich doch noch wieder hinauf. Sie retten jemanden unter Einsatz des eigenen Lebens, indem sie alleine einen schweren Gegenstand zur Seite schieben, für den man sonst die Kraft von zwei oder drei Personen benötigt hätte. Eine Voraussetzung für ein "starkes Verhalten" kann natürlich körperliche Stärke und Fitness sein. Meine Vermutung ist aber, dass solche Höchstleistungen auch bei einer guten körperlichen Verfassung nur dann möglich sind, wenn ein Mensch - möglichst bereits in jungen Jahren - erfahren hat, was auch mental alles in ihm steckt. Und wenn diese Fähigkeiten auch geschult werden. Hierbei kann es natürlich auch passieren, sich zweitweise mit Versagensängsten herumplagen zu müssen, mit der Frage: "Pack ich das?" Bestenfalls führt dies irgendwann dazu, dass sich ein Mensch vor einer Aufgabe sagen kann: "Ich schaff das jetzt!" Und die Aufgabe dann auch bestmöglich löst. 

Neben einer positiven Verstärkung, die (nicht nur) Kinder ganz unbestritten immer wieder brauchen, müssen Menschen daher meiner Meinung nach auch ab dem Kindergartenalter immer wieder Situationen geboten werden, in denen sie sich ausprobieren und auch mit anderen Personen messen können. Uns allen sollten möglichst ein Leben lang immer wieder Möglichkeiten geboten werden, Reize zu erfahren, die wir wahrnehmen und für uns als angenehm und unangenehm einordnen können, als erträglich und unerträglich. Nur so lernen wir meiner Meinung nach, auf eine vernünftige Art und Weise mit Stress und Druck im Alltag umzugehen. Ein lebenslanges Schonen und In-Watte-Packen ist m. E. fatal - es lebe der Wettkampf! 



Sonntag, 5. Juli 2015

Czech Gasshuku - ein Sommermärchen in Prachatice

Erlebt und geschrieben von Andrea Haeusler und Torsten Uhlemann

Andrea: Sommer, Sonne, Ferienzeit – halb Deutschland fährt zum Sonnenbaden in südliche Gefilde und wir zum Karate nach Tschechien! Nicht nur die Römer spinnen, könnte man meinen! Für Torsten und mich gibt es allerdings nichts Schöneres, als bei weltbesten Karate-Instructoren und mit netten Freunden dreimal täglich zu trainieren: Morgens um 8 ein Stündchen Kata, kurz vor Mittag und am Nachmittag dann noch mal je eineinhalb Stunden Kihon, Kata Kumite. Unsere tschechischen Nachbarn hatten bereits zum 10. Mal zu diesem Sommerevent eingeladen – jedes Mal mit hochkarätigen Instructoren, wie Shihan Ochi, Shihan Sugimura und Naka Sensei – oder einige Male auch die Instructorin Sensei Yuko Takahashi. In diesem Jahr wurde das Training wieder von einer absoluten Trainingselite geleitet: Naka Sensei, seinem Schüler Okuma Sensei und dem Newcomer am Instructorenhimmel, den 1987 geborenen Chubachi Sensei, der in 2014 einen Weltmeistertitel im Kumite erkämpfte (und dabei seine Vorderzähne einbüßte). Nur drei Ton angebende Senseis (unterstützt von den besten Karatekas des Gastgeberlandes) – dafür aber Karate aus „einem Guss“.Wenn man bei anderen Gasshukus mit einer umfassenderen Trainerriege von der Vielfalt der Eindrücke profitiert, liegt der Reiz bei dem – auch hinsichtlich der Anzahl der Trainierenden – erheblich kleineren, tschechischen Pendant grade darin, dass die Einheiten inhaltlich stark aufeinander abgestimmt sind. Ich persönlich ziehe aktuell einen besonders großen Nutzen, wenn ich mir bekannte Trainingselemente erweitern und vertiefen kann. Und da fühle ich mich beim Czech Gasshukku sehr gut aufgehoben!Die Anreise war diesmal – trotz der Gesellschaft unserer charmanten Reisegefährtin Margot – eine ziemliche Tortur! So schön das Städtchen Prachatice auch ist – idyllisch gelegen im Böhmerwald und so .... aber es ist mit knapp 800 km schon echt eine Strecke bis dahin! Das war aber eigentlich schon der einzige Aspekt, der ein kurzes Jammern rechtfertigt – denn sonst passte einfach alles: Das schöne Hotel Albatros Sport hielt mit seiner Nähe zu der Sporthalle (ca. 300 m Fußweg – einmal über den Sportplatz), was der Name verspricht! Das Personal war mehr als bemüht, uns alle Wünsche von den Lippen abzulesen. Die Preise für Essen und Getränke waren für uns ein „Witz“ und selbst über die hochsommerlichen Temperaturen konnten wir nicht klagen – denn während zu Hause fast die 40 Grad-Marke erreicht wurde, pendelte sich das Thermometer bei uns im Anfang-30-er-Bereich ein. Und das allerbeste war die Air-Condition in der Halle: Etwa alle 20 Minuten erhob sich ein ohrenbetäubendes Getöse und die Temperatur in der Halle sank um gefühlte 10 Grad! Vermutlich wurde hierfür so viel Energie benötigt, dass im Ort in dieser Zeit alle Lampen ausgingen – aber war uns in diesem Moment egal – wir hatten die besten Trainingsvoraussetzungen!  

Torsten: Am ersten Tag starteten wir mit Katatraining bei einem unserer tschechischen Freunde, Sensei Richard Ruzicka. Nach einem Aufwärmen mit Fokus auf die Hüftarbeit gab es die Kata Bassai Dai. Auch hier gab es natürlich einen Fokus auf die Hüftarbeit, aber Richard hatte auch noch andere  Besonderheiten für uns auf Lager: so z.B. bei Technik sechs, dem Umsetzen um 90 Grad von Migi Uchi Uke zu Migi Soto Uke. Wichtig ist hier, dass kein Stopp in Heisoku Dachi mit Gedan Nagashi Uke gemacht, sondern fließend am Standbein vorbei direkt in Zenkutsu Dachi mit Soto Uke gewechselt wird. Ebenso verzichtete er vollständig auf die Ausholbewegung mit dem linken Arm. Die nächste Korrektur betraf dann die Folgetechnik nach dem Gedan Nukite. Diese sollte nur mit sehr kurzer Kimephase ausgeführt werden und unmittelbar danach der Manji Uke in Heisoku Dachi schnell begonnen und langsam auslaufen gelassen werden. Sehr gute und interessante Hinweise, deren Umsetzung sich als deutlich schwieriger gestaltete, als deren Beschreibung. Insgesamt ein sehr lehrreiches Training und toller Auftakt fürs diesjährige Czech-Gasshuku! Sehr spannend ging es dann weiter in Einheit 2 bei Okuma Sensei. Wir begannen recht unspektakulär mit der Anfänger-Kata Taikyoku Shodan, die der Sensei nach und nach mit uns zu einer Vorbereitung auf das Kumite ausarbeitete: Varianten mit Tai Sabaki, Suri Ashi, Uraken/Gyaku Tsuki, Kizami Maeashi Geri und so weiter. Der Sensei bat uns, auf drei Komponenten zu achten, die unsere Techniken stark machen: Atmung, Bewegung der Körperachse und Gewichtsverlagerung. Wirklich erstaunlich, was man alles aus so einer doch recht schlichten Kata machen kann!

Andrea: Ich hatte in dieser Einheit das spezielle Vergnügen, mich genau zwischen den beiden Top-Karatekas Giovanni Macchitella und Emanuele Bisceglie zu befinden, die diese Übung ausführten, als hätten sie die letzten 20 Jahre nichts anderes gemacht und - sich gegenseitig anfeuernd - mit einem sichtlichen Spaß zur Sache gingen! Es war fantastisch anzusehen – auch wenn ich zwischen den beiden etwas hilflos hin und her stolperte J

Torsten: Nachmittags gab es dann Training bei Naka Sensei. Wir machten eine Vorübung im Stand mit Choku Tsuki, bei der es um den richtigen Einsatz von Atmung und Hüfte ging – unter anderem auch mit Fokus auf den Naka-typischen Double-Twist. Diesen sollten wir auch bei schneller Ausführung der Tsukis umsetzen – 1 Tsuki, 2 Tsukis, 3 Tsukis, jeweils so schnell wie möglich hintereinander. Das Tempo war enorm und wer noch nicht warm war, der wurde es jetzt! Als nächstes ließ uns auch Naka Sensei die Taikyoku Shodan laufen – erst normal, dann in einer Variante, bei der wir üben sollten, den Körper auch auf einem Bein stehend fest und stabil zu haben. Im Anschluss setzten wir dieses Prinzip (Risto nennt es „auf einem Bein landen“) im Kumite um: Wir bildeten eine „japanische Reihe“: Gruppen zu acht Personen, bei denen vier hintereinander im Zenkutsu Dachi stehen und die vier anderen nacheinander mit Kizami Tsuki angreifen. Danach ging es weiter in 12er Gruppen, hier griffen sechs Karateka an, die anderen standen als Ziel in der Reihe. Hier wurde abwechselnd mit Kizami Tsuki und Gyaku Tsuki angegriffen, jeweils Fokus auf Belastung des vorderen Beins („landen“). Zum Abschluss der Einheit gab es die Kata Jion.

Andrea: Am nächsten Morgen gabs Kata bei dem Kumite-Weltmeister Chubaci Sensei – und zwar ganz nach meinem Geschmack – Sochin! Das war für mich der perfekte Start in den Tag! Und gleich darauf ging es weiter mit Naka Sensei, der an die Inhalte des Vortags anknüpfte und diese ausbaute, bis wir auch in einem finalen Kumite-Rausch endeten! Einfach klasse!

Torsten: Am Nachmittag gab es Tekki Shodan und Nidan. Die Katas haben für Okuma Sensei je verschiedene Schwerpunkte: Bei der Tekki Shodan soll der Fokus auf die Hüftbewegung gelegt werden. Tekki Nidan dient der Schulung der Gewichtsverlagerung im Kiba Dachi (und die Tekki Sandan „is for speed“)!

Andrea: Tag 3 - hach, ein Traum – Chinte bei Naka Sensei zum Frühstück! Aber was war das? Das erste Kiai verschoben? Dafür Kiai auf dem letzten Tate Tsuki? Nun, diese Variante ist offenbar nicht neu, sondern bereits seit einiger Zeit JKA-Standard. Das bekommt man aber nur mit, wenn man auch mal aus dem heimischen Dojo raus geht. Bei uns werden wir jedoch auch weiter die Variante von Ochi Sensei trainieren!
In der zweiten Einheit hatten wir Chubachi Sensei. Ich mag sein Training sehr, auch wenn ihm offenbar noch ein bisschen die Übung beim Training größerer Gruppen fehlt. So ließ er uns z. B. bei längeren Erläuterungen nicht zusammen nach vorne kommen, sondern erklärte, während wir noch alle an der Stelle standen. Leider dachten nicht alle Karateka daran, sich abzusetzen, so dass von hinten manchmal kaum etwas zu sehen und zu hören war. Ein oder zweimal erklärte er auch Feinheiten, während wir ihm grade alle übungsbedingt mit dem Rücken zugewandt waren. Abgesehen davon war es aber ein super Training. Chubachi Sensei startete mit Kihon-Übungen zur Gewichtsverlagerung als Vorbereitung zur Kanku Dai. Und anschließend gab es dann die Kata noch in „Scheibchen“ und schließlich auch am Stück.
Nachmittags machte Okuma Sensei mit uns alle drei Tekkis – die Sandan führten wir mit Partner aus – einer „normal“, der andere gegenüberstehend und spiegelverkehrt. Torsten und ich bekamen das schon ganz prima hin! Zudem gab es noch Bunkai aus Tekki Shodan und Nidan – wir hatten einen Mords-Spaß!

Torsten: Der vierte Tag startete mit Hangetsu bei Okuma Sensei mit vielen Feinheiten! Und auch am Nachmittag stand Kata auf dem Programm: Gankaku bei Chubachi Sensei! Die Gankaku übernahm dann auch Naka Sensei am Nachmittag – allerdings gab es vorher noch eine Wiederholung der Inhalte vom Vortag: Tsukis mit Double-Twist und Taikyoku Shodan mit zahlreichen Variationen. Auch einige knackige Partnerübungen standen auf dem Programm, die unsere Reaktionsfähigkeit schulten und unser Distanzgefühl.
Der fünfte Tag war ebenfalls sehr Kata-fokussiert: Morgens starteten wir mit Nijushiho bei Richard Sensei. In Einheit zwei legte Chubachi Sensei den Fokus auf Gojushiho Sho und am Nachmittag erschöpfte uns Naka Sensei mit den seiner Meinung nach „18 wichtigsten Katas des Shotokan Karate“: Er überraschte viele von uns mit den Taikyoku-Varianten Nidan und Sandan. Die Heian Katas und alle drei Tekkis ließ er uns vor den Sentei Katas ausführen und schließlich nahm er noch Gankaku und Jitte mit in die Einheit auf. Als „Bonus“ gab es dann sogar noch die Ji’in. Alle Katas waren zweimal zu absolvieren, so dass wir ziemlich platt zum Hotel gingen.

Andrea: Den letzten Abend ließen wir – wie die anderen Abende auch – mit unseren Karatefreunden in der hübschen Stadt und am Hotel ausklingen. An diesem Abend genossen wir die Gesellschaft von Chubachi Sensei, der auch noch bei uns blieb, nachdem Naka Sensei und Okuma Sensei schon gegangen waren. Chubachi Sensei war für jeden Spaß zu haben und erklärte uns in aller Offenheit, warum ihm Europa und das Training hier so gefällt.
Am nächsten Morgen genossen wir noch das Kata Training mit Meikyo bei Naka Sensei, der wieder auf einige JKA-Spezialitäten hinwies: nur noch ein Kiai (beim Sprung) in der Kata, Ausholbewegung am Anfang nur bis Kinnhöhe, Bo Uke im Kokotsu Dachi langsam, Blick beim „Entreißen des Bo“ nach vorne, Absetzen mit Doppelblock nach Mikazuki Geri langsam und den linken Arm nicht zur Seite, sondern über dem vorderen Bein. Sehr interessant, das alles und gut, es mal im „Hinterstübchen“ abzuspeichern.
Nach zahlreichen Fotos mit allen Senseis traten wir dann den Heimweg an. Für das nächste Czech Gasshuku haben wir schon Zimmer reserviert – es findet in 2016 nicht ganz so weit entfernt statt: im Örtchen Kadan, für uns knapp 100 km näher. Nun, eigentlich egal – für dieses Karate-Event der Spitzenklasse nehmen wir wohl auch wieder einmal diese Reisestrapazen auf uns, denn es lohnt sich in jedem Fall!








Samstag, 4. Juli 2015

Tag 4 Czech Gasshuku 2015

Kata Hangetsu bei Okuma Sensei - in der JKA-Version ohne Zenkutsu Dachi, nur Hangetsu Dachi, Kokotsu Dachi und Neko Achi Dachi am Ende der Kata; die Anfangstechniken sollten schnell beginnen und dann langsamer auslaufen. Okuma Sensei erklärte, dass es mehrere Methoden gibt, die Starttechniken zu beatmen. Eine Version sei, beim Uchi Uke einzuatmen und beim Gyaku Tsuki auszuatmen. Seine persönlich bevorzugte Variante war aber die, die wir auch praktizieren: kurz einatmen, dann beim Uchi Uke ausatmen, kurz einatmen, beim Gyaku Tsuki ausatmen. Überraschend war für die meisten von uns, dass die Hände beim ersten Kiai im Ippon-Nukite gehalten werden sollten, anschließend mit der oberen Hand "Koko" - Tigermaul. Anschließend wurde der erste Uchi Uke zur Seite ohne Yori Ashi ausgeführt, die nachfolgenden jeweils mit Yori Ashi und alle drei Kombinationen - wie schon erwähnt - im ZK. Der Gedan Barei in den Kombinationen mit Mae Geri, Gyaku Tsuki und Age Uke wurde eher als Gedan Uke geschlagen und ohne Ausholbewegung ausgeführt. Der Gyaku Tsuki am Ende der Kata wurde Chudan geschlagen, nicht Gedan. 

Die zweite Einheit hatten wir bei Chubachi Sensei und wir starteten mit ziemlich erschöpfenden Kizami Tsuki / Gyaku Tsuki Kombinationen, um die Hüfte zu aktivieren. Beide Tsukis wurden Chudan geschlagen. Anschließend gabs was für die Beine: Mae Geri, Knie oben halten, auf Zeit zwei hinten kurz absetzen, sofort wieder treten, absetzen, kicken, treten, halten.....endlose Wiederholungen, dann das andere Bein. Endlich war es mal richtig anstrengend! 

Die Vorübungen waren eine tolle Vorbereitung auf die nun folgende Gankaku, die der Sensei etappenweise mit uns durch ging! Bei der Kata an sich gab es jetzt keine großen Überraschungen. Für mich hieß es eigentlich nur "durchhalten", weil schon die Vorübungen nicht grade kniefreundlich waren und die Kata mit ihren Einbein-Drehungen und -Ständen natürlich hier auch kein Wellnessprogramm bot. Es war schön anzuschauen, wie Giovanni, Emanuele, Stefan Effler und Melissa Rathmann um uns herum ziemlich geniale Ausführungen der Kata demonstrierten. Ist schon super, dass man auf so einem Jedermann-Lehrgang die Gelegenheit hat, neben so erstklassigen Leuten zu stehen und sich inspirieren und motivieren zu lassen! Gegen Ende der Einheit gab es Bunkai zur Anfangs-Sequenz und Kombination mit Shuto Uke, Age Empi, Koshi Kamae und der Drehung. Das waren für uns bekannte Übungen, die wir auch im eigenen Dojo schon so gemacht haben. Wir probierten darum auch ein bisschen mit Varianten herum, mal einen Tsuki mehr im Angriff und eine Variante bei der Sequenz mit der Drehung, die so, wie der Sensei sie uns gezeigt hat, bei uns nicht funktionierte (der Arm des Tori, den Uke bei der Drehung über seiner Schulter im Ellenbogengelenk blockiert, war bei der gezeigten Variante "verkehrt" rum, also in Beuge-Position, so dass das Blockieren nicht klappte. 



Im Anschluss führten wir die Kata noch einige Male auf zählen und auf eigene Zeit aus.