Mittwoch, 28. Mai 2008

Leserbrief WN Bäderschließung in Münster

Mit Schrecken erinnere ich mich an einen Besuch im Maxi-Mare in Hamm: Adipöse 10-jährige mit Schwimmflügeln ließen sich im Solebecken treiben, während ihre Mütter perfekt pedikürt in der Unterwasserliege weilten. Anschließend ließ man sich in einem Sprudelbecken von der Strömung um die Kurve tragen. Das einzige Becken, in dem gähnende Leere herrschte, war das 50-Meter Schwimmbecken. Aber wenigstens gibt es in Hamm ein ordentliches 50-Meter Schwimmbecken!

Wie genau die Planung des Ostbades aussieht, entzieht sich derzeit meiner Kenntnis. Tatsache ist, dass bereits jetzt, seit der durchgeführten Bäderschließung, ein wirkliches Schwimmen kaum mehr möglich ist. Künftig soll auch das Bad Stapelskotten nur noch über zwei, bestenfalls drei Schwimmerbahnen verfügen. Da wird nicht nur bei schönem Wetter der Schwimm-Platz eng! Wenn sich jetzt auch noch im Ostbad der Wandel von der Sportstätte zum Wellnesstempel vollzieht, kann man die Chlorbrille wohl demnächst gleich zu Hause lassen.

Heute entnehme ich der Presse, dass 15 % der Kinder übergewichtig sind und 6,3 % adipös. Kein Wunder – der Trend geht offenbar zum Bewegen-Lassen, statt zur Bewegung!
Es ist wirklich zu begrüßen, dass Münsters Bäderlandschaft attraktiver gestaltet werden soll. Fraglich ist allerdings, ob damit tatsächlich mehr Badegäste angelockt werden. Denn wer schon zu bequem ist zum Schwimmen, der bleibt doch wohl lieber gleich daheim.

Freitag, 16. Mai 2008

Entwurf Artikel für Rengas, Zeitung der deutsch-finnischen Gemeinde

„Es heißt die leere Hand und nicht der leere Kopf!“
Der finnische „Karate-Professor“ Risto Kiiskilä in Frankfurt/Main


Im Jahr 1985 entdeckte ich für mich die Kampfkunst Karate. Schnell konnte ich mich als 16-jährige mit jugendlichem Enthusiasmus für Karate begeistern und war dankbar für eine Freizeitbeschäftigung in einem geselligen Verein, die mich so richtig auspowerte.

Karate oder Karate-do, was direkt übersetzt "leere Hand" bzw. "der Weg der leeren Hand" bedeutet, ist eine grundsätzlich waffenlose Kampfkunst. Man lernt Abwehr- und Angriffsmethoden und stärkt den Körper durch ausgiebiges Training mit vielen Gymnastik- und Krafttraining-Elementen. Karate dient jedoch auch der Charakterbildung: Die Karate-Philosophie lehrt Respekt, Disziplin und Verständnis. Irgendwann auf dem Weg zum „schwarzen Gürtel“ wurde dann auch für mich Karate zu einem wichtigen Lebensinhalt, den ich mir heute gar nicht mehr wegdenken kann. Und dann lernte ich Risto Kiiskilä kennen!

Ich hatte grade eine „Babypause“ hinter mir, als ich im Jahr 2002 einen Karatelehrgang in meiner Heimatstadt Münster/Westfalen besuchte. Der Name des Trainers war mir bekannt, schließlich war Risto auch damals schon einer der wichtigsten Karate-Trainer Deutschlands. Trainiert hatte ich bei ihm allerdings bislang noch nicht. Ich sah mich um und bemerkte viele bekannte Gesichter. Männer und Frauen, jung und alt. „Schön, dass sich auch noch ältere Herrschaften hier hertrauen“, dachte ich bei mir. Denn einer der Karateka war sichtlich angegraut, mit Schnäuzer und bestimmt über 50 Jahre alt.

Ich staunte nicht schlecht, als dieser Herr sich dann vor dem Training nicht bei uns einreihte, sondern für die Kurz-Meditation uns gegenüber abkniete: es war Risto Kiskilä! Dass ein fortgeschrittenes Alter keinen Verlust von Ausstrahlung, Kampfgeist oder Fitness bedeuten muss, merkte ich dann sehr schnell! Der Lehrgang bestand aus drei Trainingseinheiten á 90 Minuten und ca. 260 Minuten lang hatte ich nicht viel mehr als lauter Fragezeichen im Kopf! Was will mir dieser Trainer sagen? Anfangs war ich recht frustriert – wieso versteh´ ich, immerhin als Trägerin des „braunen Gürtels“ keine Anfängerin mehr, nur „Bahnhof“? Zehn Minuten vor Schluss des Lehrgangs purzelten dann die Erkenntnis-Münzen bei mir und es stellte sich ein großes AHA-Erlebnis ein!

Häufig noch war ich zunächst ratlos zu Beginn eines Lehrgangs oder einer Trainingseinheit. Dann aber wurde ich von Risto aufgeklärt: "Das ist alles ganz einfach - da steckt ein System hinter". Und es stimmt - richtig betrachtet werden alle Übungen, die Risto in seinem Training verwendet, nach einem bestimmten System entwickelt.

Seitdem versuche ich, möglichst oft bei Risto zu trainieren. Sei es bei einem Lehrgang hier in Münster, bei meinen Karatefreunden in Berlin, in Ristos eigenem Verein in Frankfurt oder aber auch bei seinen Sommer- und Winterlehrgängen in Finnland. Zwar lehrt Risto traditionelles Shotokan-Karate, er hat jedoch seine eigene Herangehensweise.

Wer dieses System einmal entschlüsselt hat, der kann fast alle Techniken und Bewegungen für sich selber daraus ableiten. "Das System ist einfach, die Entwicklung war es nicht." Das glaube ich gerne. Denn die Logik, die dahinter steckt, beruht nicht nur auf dem Ableiten von Theorien aus bekannten Lehrbüchern. Es ist vielmehr eine Art System-Baukasten, mit dem man sich selber sein eigenes Karate "konstruieren" kann. Und „Professor“ Risto ist der Karate-Ingenieur. Alles ist auf wissenschaftlichem Niveau durchdacht. „Das heißt die leere Hand und nicht der leere Kopf!“, rief Risto dann auch einmal im Training, als wir eine Übung so gar nicht verstehen wollten. Zudem werden alle Techniken und Theorien auch von Risto persönlich „qualitätsgesichert“ – am eigenen Sandsack im Karate-Dojo. Denn: „Im Sandsack liegt die Wahrheit.“ Funktioniert hier die Technik mit der richtigen Kraftübertragung und allen anderen wichtigen Einzelheiten, so ist sie auch im Freikampf effektiv.

Wer also Karate nur als Ausgleichssport betreibt, der ist bei Risto falsch. Bei Risto wird „trainiert, worauf es ankommt“ – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Karate ist hier nicht nur für den Körper anstrengend, sondern erfordert auch echtes Mitdenken.

Eine japanische Kampfkunst in Deutschland mit einem finnischen Trainer – Risto zeigt, dass sich dies durchaus verbinden lässt. So hat er unter anderem auch eine eigene Kata entwickelt, eine Art Form oder „Kampfkunst-Choreografie“. Er nannte sie Hokkyokuo. Das ist japanisch und bedeutet Polarlicht!

Risto wurde am 04.05.1047 im südfinnischen Lahti geboren. Er begann sein Karatetraining 1970 während seines Studiums in Frankfurt/M. Sein erster Trainer, Shinzuke Takano, war ein Perfektionist und selten mit seinen Schülern zufrieden. Kihon (Grundschule) war am Anfang der Schwerpunkt des Trainings und wurde monatelang geschliffen. Ein Bambustock war damals als wichtiger Bestandteil zur Motivation bei jedem Training mit dabei. 1973 wurde Risto vom Karate-Bundestrainer Shihan Ochi in den Nationalkader berufen und krönte seine siebenjährige Wettkampfkarriere mit dem Vize-Weltmeistertitel (Tokio 1977). In den Jahren 1977 bis –79 war er Deutscher Meister. Schließlich machte Risto Karate zu seinem Beruf. Es folgten Trainingsaufenthalte in Japan, in der berühmten Takushoku Universität und in Süd-Afrika (Johannesburg und Kapstadt). Der Austausch mit weltbesten Karatekas ergänzten seine Ansichten über Karate und bestimmte seinen zukünftigen Weg. Er war tätig als Landestrainer in West-Berlin, Technischer Berater für Karate in der damaligen DDR, Honorar- und Jugendtrainer im Deutschen Karate Verband und Trainer des Stützpunktes Ost.
Heute ist er als Verbands-Trainer und Instructor des Deutsch-Japanischen-Karatebundes (JKA) unter Bundestrainer Shihan Hideo Ochi tätig. Er ist ständig bundesweit als Trainer unterwegs, aber auch in Estland und natürlich in Finnland. Von montags bis freitags unterrichtet er in seiner eigenen Karateschule Dojo Ippon Frankfurt/Main, Alt Nied 6, 65934 Frankfurt/M., Tel: 0171-4212428.
Erwachsene Anfänger trainieren montags um 19.00 Uhr. Kinder können dienstags und freitags um 16 Uhr vorbeikommen. Weitere Informationen gibt’s unter www.kd-ippon.de


Ristorismen:
o Man kann die Dinge auch gleich richtig machen - es ist die gleiche Arbeit
o Den Weg zu gehen, ist das Ziel
o Wer tritt ist langsam, wer trifft ist schnell
o Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein

Andrea Haeusler, Münster

Mittwoch, 14. Mai 2008

Karneval der Kulturen - Suomi meets Nippon

Pfingstlehrgang in Berlin
10.-12. Mai 2008

Bericht von Sensei Jürgen Mosler, 3. Dan, Bushido Dojo Berlin

Wieder einmal hatte das Bushido-Dojo zum interkulturellen Tsukiaustausch nach Berlin geladen. Während im Herzen der City der Karneval der Kulturen tobte, lieferten sich in einer Marzahner Sporthalle Karate-Enthusiasten aus 7 Bundesländern über die Pfingsttage einen Wettstreit der Kulturen. Der Preis für die weiteste Anreise ging an unsere 5 Karatefreunde aus Estland. Als Trainer durften wir auch dieses Jahr wieder Sensei Kiiskilä vom Frankfurter Ippon Dojo sowie Sensei Akita aus England begrüßen. Obwohl man bei genauer Betrachtungsweise große Unterschiede in der Lehrauffassung dieser Trainer feststellen konnte, hat dies der eigenen Horizonterweiterung und dem Hinterfragen manch heiliger Gebote überhaupt nicht geschadet. Ganz im Gegenteil.

Während Sensei Akita sein Augenmerk auf eine korrekte Ausführung der Grundtechniken, einen festen und ausbalancierten Stand legte, erweckte Risto in bekannter Manier die Grundschule zum Leben. 30 minütige Aufwärmgymnastik und Stretching meets Hüft- und Koordinationsbewegungen mit Suri Ashi bis die Sohle qualmt. Standübungen zur Festigung der Körperbalance vs. dynamische Schwerpunktverlagerung mit Ganzkörpereinsatz. Rotation und Haraspannung contra Belasten und Abdrücken, Beschleunigung aus den verlängerten Hüften mit den 5 Zehen dran. Zwei konträre Ansatzpunkte möchte man meinen. Doch eigentlich ist Letzterer nur die konsequente Umsetzung der von allen gleich erlernten Grundschule.

Was nutzt die schönste Kata oder die sauberste Grundschule, wenn sie zum Kämpfen nichts taugt? Wozu all diese Übungen, wenn sie beim Kumite nicht funktionieren oder ich keine Schlagkraft entwickeln kann? Laut Ristos Auffassung sollten Kata und Grundschule den eigenen Kampfstil schulen, prägen und vor allem voran bringen. Dazu gehört meines Erachtens auch, mal unkonventionelle Wege oder Methoden zu benutzen, auszuprobieren und eben auch zu lehren. Aber der Weg in den Siebten Karatehimmel ist ja bekanntlich steil und steinig und wahrscheinlich auch mit dem einen oder anderen Irrweg verbunden. Getreu dem Motto das Ziel bestimmt den Weg sollten wir daher alle den einen oder anderen Stein aus dem Weg räumen, um unserem Ziel ein Stück näher zu kommen und die Tradition unseres Shotokan mit Leben zu füllen. In diesem Sinne war dieser Kulturaustausch sehr produktiv und inspirierend.

Auch die kulturellen, sinnlichen und kulinarischen Genüsse kamen an diesem Wochenende nicht zu kurz. Der Anspruch der sonnabendlichen Freizeitgestaltung pendelte zwischen Saunaaufgusskelle, flüssiger, zart gegrillter und variantenreich angerichteter Gaumenverführungen sowie visueller Videoanimation am großen Flat Screen. Der Sonntag war einem Ausflug ins Berliner Umland vorbehalten. Nach dem letzten Training verteilten wir unsere Gäste auf mehrere Autos und ab ging die Post an die Woltersdorfer Schleuse. Der kurze, steile Aufstieg durch üppige Vegetation hinauf zum Aussichtsturm auf dem Kranichsberg wurde mit einer fantastischen Sicht auf die umliegenden Seen und Wälder bis hinein nach Berlin belohnt.

Das anschließende Abendbrot im Biergarten an der Schleuse war auch für die unzähligen Mücken ein geselliges Beisammensein. Die phonetisch, linguistische Vielfalt der illusteren Runde bescherte uns am Abend so manch tränendes Auge. So wollten unsere estnischen Freunde Forelle „Müllerin Art“ probieren und bestellten glatt die Müllerin (vielleicht danach noch was zum Essen…). Auf eine Anfrage unserer Freunde aus Leipsch, ob se Ihr Rumstääk dorsch ham könn, gab die Kellnerin zu verstehen, daß Dorsch nicht auf der Speisekarte sei. Tja, wie man sieht, auch hier im normalen Leben gibt es Wirrungen und Missverstände. Aber wie gesagt, es irrt der Mensch so lang er strebt und wer aufgehört hat Fehler zu machen der hat aufgehört zu streben.

Oss, der Jürschen

Senseis, Sightseeing und Sanssouci - Pfingsten 2008 in Berlin

Montag, 28. April 2008

Das also war des Pudels Kern!

Wenn ein Karateka ins Theater geht, welches Stück empfiehlt sich da? Natürlich Goethes Faust! ;-))
Ich konnte doch tatsächlich meinen Mann überreden, mit mir der Tragödie ersten Teil auf Münsters Städtischen Bühnen anzusschauen. Vor rund einem Monat beschloss ich, mich um Karten an einem Wochenende zu kümmern - und stellte fest, dass die nächsten Vorstellungen bereits ausverkauft waren! So wurde es erst am 26.4. etwas mit Doktor Faust, seinem Gretchen und Mephistopheles. Selbst zu diesem Termin gab es nur noch Karten "auf den billigen Plätzen" - ganz oben, seitlich auf dem Balkon, für ganze 5 Euro die Karte. Nun, so billig kommt man nicht mal ins Kino und ich hatte auch zuvor schonmal dort oben gesessen. Sicher ists unten oder mitten drin schöner, aber wenn wir den Faust in absehbarer Zeit nochmal zu zweit sehen wollten, hatten wir keine Wahl. Allen Unkenrufen, Münster sei kulturelle Provinz, weil die breite Bürgerschaft ja die Errichtung einer Musikhalle mit finanziellen Mitteln der Stadt ablehne, zum Trotz: Kulturbegeisterte scheint es ja noch genug zu geben.

Als wir dann kurz vor knapp (und recht außer Atem vom Treppensteigen - ächz!) unsere Plätze einnahmen, staunten wir nicht schlecht darüber, noch soviele freie Sitze zu sehen. Das Geheimnis war aber schnell gelüftet: Durch die Art der Inszenierung waren einige Reihen gesperrt - der Hauptteil des Schauspiels fand nämlich nicht auf der Theaterbühne statt, sondern mitten im unteren Zuschauerraum. Die vorderen Zuschauersitze, also mit Blick zur regulären Bühne, waren daher umgedreht und wer in der Mitte zu sitzen glaubte, war mittendrin, statt nur dabei. Seitlich von der Ersatz-Bühne saßen keine Zusschauer, sondern Statisten, die dann während des Spiels schnell auf die Bühne gelangen konnten. Auf der regulären Bühne befanden sich ein Chorleiter und eine Band, die schon optisch rockige Klänge erahnen ließ, da sie mit Schlagzeug und E-Gitarre ausgestattet war. Über der Band sowie links und rechts seitlich der ersten Reihen vom Publikum waren große Leinwände angebracht, auf die während einiger Phasen Videosequenzen projeziert wurden.

Zu Beginn des Stückes mischten sich als Engel verkleide Kinder - vermutlich wieder Mitglieder des Domchors? - mit Kerzen in den Händen unter die Zuschauer der unteren Balkone. Es folgte der Prolog im Himmel, den der "Leibhaftige", Mephistopheles, mit Gott führt. Mephisto wird sehr nett dargestellt von Johann Schibli. Wer hier Teufelshörnchen und den Huf erwartete, wurde enttäuscht: Mephisto sah aus wie "einer von uns" - "cool" gewandet in einen hippen Gothik-Look mit langem Mantel und Leder(?)hose. War es Zufall, dass er durch sein schwarzes Kopftuch zweilen an Jack Sparrow erinnerte, den Piraten aus "Fluch der Karibik"? Dieser "Geist, der stets verneint" ist nun auf der Bühne präsent, während die Stimme Gottes aus dem Off tönt. Warum nur wurde Gott durch so eine kindliche Stimme dargestellt, während Mephisto mit einem vollen Bass durch das Theater dröhnte? Irgendwie hatte man schon hier das Gefühl, dass das Böse stärker ist und die dunkle Seite siegen wird. Gott und Teufel schließen eine Wette ab über die Seele des Doktor Faust. Gott meint, in ihm einen gläubigen, treuen Mann gefunden zu haben, der trotz aller Zweifel am Glauben nicht vom Pfad der Tugend abzubringen sei. Mephisto wettet, ihn verführen zu können. Sollte Mephisto siegen, könnte er die Seele Faustens haben.

Doktor Faust wurde dargestellt von Wolf-Dieter Kabler und wirkte vor allem glaubwürdig in der Rolle des zweifelnden und verzweifelten Professors. Weniger gut kaufte man ihm die Rolle des schmachtenden Liebhabers ab. Die Verjüngungskur durch Hexenzauberei wurde durch einen mintfarbenen Anzug (warum nur muss ich an den "hellgrünen Jerseyanzug aus "Es gibt Reis" denken?) und - igitt - weiße Slipper angedeutet. Das wars aber auch schon, was ihn jünger machen sollte. Vom Wesen her war keine Veränderung festzustellen. Überzeugender dagegen sein Famulus Wagner (Matthias Caspari). Dieser wirkte unbefangen wissbegierig und trotz umfangreichen Studiums an allen Fakultäten herrlich naiv.

Es liegt in der Natur des Stückes, dass in der Regel nur eine verkürzte Fassung dargeboten werden kann (Ausnahme: ungekürzte Fernsehfassung mit Bruno Ganz anlässlich der Expo 2000 in Hannover). Einige Szenen wurden daher zusammengefasst oder über musikalische Einspielungen dargestellt, so etwa die Szene in Auerbachs Keller oder die Walpurgisnacht. Für meine Begriffe war die Musik zwar peppig und die ausgesuchten Stücke auch ganz witzig ("Sympathy for the Devil" von den Stones, "Highway to Hell" von ACDC...) aber ich persönlich fand die Musik zu aufdringlich im Verhältnis zur Dramaturgie. Das eigentliche Theaterstück drohte dagegen zu verblassen, zur Nebensache zu verkommen. Auch die Videosequenzen haben das Stück optisch m. E. überfrachtet, statt es zu untermalen. Ein wenig hadere ich mit mir noch - was sollte ich z. B. von den Hexen halten, besonders von der grellen Hexe mit den rot-blond gefärbten Haaren halten? War sie jetzt übertrieben grell mit ihrer verzerrten Stimme? Oder passte das? Nein, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, hätte eine Hexe ruhig verrucht wirken dürfen, aber Hexen sind ja auch irgendwie Heilerinnen und so hätte ruhig dieser etwas alberne Unterton fehlen können. Auch Mephisto übrigens hatte seine komischen Momente: etwa in der Pudelszene, als sich der Teufel als "des Pudels Kern" entpuppt. Hier stülpte sich der Schauspieler eine schwarze Pudelperücke über und lief bellend über die Bühne. Das war sehr unterhaltsam, drohte aber auch schon fast wieder in den Klamauk abzudriften.

Und nun das Gretchen. Sie ist wohl die tragischste Figur des ganzen Stückes, da sie zufällig in die teuflische Wette mit einbezogen wird und grade ihrer Unschuld wegen einen besonderen Reiz auf Dr. Faust ausübt. Fromm, artig, schüchtern, naiv und natürlich unschuldig - so soll es sein, das Gretchen. Ich weiß nicht warum, aber ich hab sie mir irgendwie auch blond vorgestellt (vielleicht wegen ihrer Naivität? Sorry an dieser Stelle an alle Blondinen ;-)) Das Gretchen, welches uns hier jedoch präsentiert wurde, war eher keck, frisch, fröhlich frei - und die Unschuld nahm man ihr irgendwie auch nicht so recht ab. Für mich, als Fan des Stücks "Gretchen 89 ff", läßt sich daher mehr aus der Rolle machen. Erst nachdem Margarete ihre Unschuld verloren hatte und mit ihrem Schicksal haderte, bis sie schließlich halb von Sinnen als Doppelmörderin ihrem Tod entgegenblickt, war sie richtig glaubwürdig. Die dramatische Seite konnte hier also viel besser verkörpert werden als die unschuldige.
Frank und ich mussten dann auch kurz überlegen, was denn nun die Gretchenfrage gewesen sei, aber mir fiel dann auch wieder ein, dass es diese war: "Nun sag, wie hast Du's mit der Religion?" Eine Gretchenfrage ist also stets die direkte, an den Kern eines Problems herangehende Frage.

Mir am Besten gefallen hat allerdings die Darstellung der Nebenrolle Mathe Schwerdtlein, der Nachbarin von Gretchen. Herrlich verrucht und einen Hauch vulgär macht sie sich an den Teufel heran! Hier fehlte die Ironie und der Klamauk, war echte Leidenschaft im Spiel und in all ihrer geheuchelten Trauer und unterdrückten Libido war sie die authentischste Figur von allen!

Es gibt so viele Bilder und Redewendungen im Faust! Des Pudels Kern, die Gretchenfrage, aber auch "Die Kunst ist lang doch kurz ist unser Leben", "Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein", "Denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen", "Zum Golde drängt, am Golde hängt doch alles" - es kommt mir vor, als gehörten all diese Verse zum täglichen Sprachgebrauch meiner Kindheit, so oft hat mein Vater sie im täglichen Leben gerne zitiert. Auch die Frage, wie denn nun Dr. Faust mit Vornamen hieße, könnte ich bei Günter Jauch nun auch wieder beantworten, ist doch des Gretchens (fast) letzter Hauch: "Heinrich, mir graut vor Dir!" Ich glaube, das ist auch die einzige Stelle im Stück wo der Vorname überhaupt erwähnt wird.

Fazit: Die Inszenierung "Faust, der Tragödie erster Teil" der Städtischen Bühnen Münster in der Spielzeit 2007/2008 ist mitreißend und modern, laut und lustig, bunt und burlesk, unbeschwert und unterhaltsam. Sie wirkt wie ein buntes Feuerwerk voller spritziger, innovativer Ideen. Wie bei einem ausgiebigen Feuerwerk ist man aber auch hier hin und wieder geneigt, sich die Ohren zuzuhalten. Häufig ist die Darstellung durch optische und akustische Reize überfrachtet - weniger wäre hier wohl mehr gewesen. Für Einsteiger in klassische Stücke, Deutsch-Leistungskurs-Beleger und Theater-Abo-Pflichtbesucher war es sicher ein sehr unterhaltsamer Abend. Für uns auch. Aber eben "fast nur" unterhaltsam - wie ein guter, gefälliger Kinofilm eben. Ganz losgelassen hat aber vor allem Frank die Thematik nicht und er hat eben doch etwas länger von dem Theaterstück gezehrt, als von einem Besuch im Zelluloid. Ein Besuch des Stücks lohnt sich trotz der Leichtigkeit in jedem Fall - und sei es auch nur, um einen schönen Abend im Theater zu verbringen.

Freitag, 25. April 2008

Projekt Selbstverteidigung Theresienschule 23. und 24.04.2008

Meine beiden Töchter besuchen derzeit die Theresien-Grundschule in Münster. Beim letzten Elternabend erfuhren wir, dass eine Projektwoche zum Thema "Olympia" stattfinden würde und wurden gebeten, uns eventuell als Projektleiter oder Helfer zur Verfügung zu stellen. Als Projekt-Themen gab es z. B. Griechenland, Leben und Essen in China (da ja die diesjährige Olympiade dort stattfindet), Theresien-Marathon, Leichtathletik, Mosaik, Tempelbau, Ringen und Raufen und - Selbstverteidigung! Spontan dachte ich: warum nicht? Da kann man doch sicher etwas Tolles veranstalten. Also meldete ich mich als Leiterin für dieses Projekt.

Je näher die Projektwoche rückte, desto mulmiger wurde mir alledings...schließlich hatte ich bisher nur als Co-Trainerin an SV-Kursen mitgewirkt und noch nie einen geleitet und - wie würde dies mit einer Horde von Kids funktionieren? Ich habe daheim ja mit meinen eigenen meist schon genug "zu kämpfen"! Zudem hatte ich auch nicht wirklich den Kopf frei, um den Kurs vorzubereiten, da ich ja mitten in den Vorbereitungen zur Dan-Prüfung steckte.

Dennoch fielen mir nach und nach ein paar schöne und kindgerechte Ideen ein und was die tatsächliche Selbstverteidigung anging, orientierte ich mich an dem Konzept meines Vereinskameraden Thorsten Rabeneck (4. Dan), der die bisherigen Kurse, an denen ich mitgewirkt hatte, leitete.

Etwa eine Woche vor Projektbeginn kam meine Tochter Franziska, die sich schon auf das Mama-Tochter-Projekt gefreut hatte und die ich im Stillen schon als "Assistentin" eingeplant hatte, schluchzend nach Hause: Laut Planung des Schulleiters wäre sie gar nicht in meiner Gruppe! Schnell war dies aber telefonisch grade gerückt und bei der Gelegenheit verriet mir der Schulleiter auch, dass "mein" Projekt das mit den meisten Nennungen als Erstwunsch war. Wow! Nun war ich erst Recht im Zugzwang, einen schönen Kurs anzubieten.

Nach und nach fielen mir auch einige schöne Ideen ein. So hatte ich einen spontanen Einfall, als Einstieg "Wer wird Millonär" zu spielen: die Kids in zwei Gruppen aufteilen und je 10 Fragen stellen, die Gewinnergruppe bekommt eine Tüte Gummibärchen. Die Fragen lauteten dann z. B. "Was bedeutet der Begriff Karate?" A: Der Begriff ist aus einem Schreibfehler entstanden und heißt eigentlich Rakete. B: Es ist die Abkürzung für Kanalratte. C: der leere Kopf oder D: die leere Hand. Andere Fragen lauteten: "Was macht Kim Possible unschlagbar?" (Antwort für alle über 14: Judo) oder aber auch: "Was ist ein Kiai?". Die Kids sollten wie bei Jauch pro Gruppe vier Joker bekommen.

Da ich zwei Vormittage mit Programm zu füllen hatte, plante ich nicht nur Theorie mit ein ("Wie gerate ich gar nicht erst in gefährliche Situationen?" oder "Wie verhalte ich mich, wenn jemand mich auffordert, mit ins Auto zu steigen?"), sondern auch ausgiebige Funktionsgymnastik und Kraftübungen, (Budo-)Spiele und Zirkeltraining. Für alle Fälle, falls am Ende meines Kurses noch ganz viel Vormittag übrig wäre, hatte ich ja noch ein paar klassische Karate-Techniken in petto, die ich vermitteln konnte.

Aber soweit kam es gar nicht. Ich kam mit meiner Zeit nämlich auf den Punkt aus! Eine Sportlehrerin hatte sich bereit erklärt, für alle Fälle dabei zu bleiben, falls eines der "Schäfchen" mal über die Stränge schlüge und pädagogischer Anweisungen bedürfte. Letztlich hatte ich zwar ein gutes Gefühl, sie in der Nähe zu wissen, eingreifen musste sie jedoch nicht: Selbst die von mir gefürchteten "Rabauken" ließen sich schnell zähmen und fühlten sich besonders bei den handfesteren Übungen augenscheinlich gut!

Am Anfang also "Wer wird Millionär?". Zum Glück ging es nach Verbrauch aller Joker unentschieden aus, so dass ich mir keine Gedanken über enttäuschte Gesichter machen musste. Die Gummibären wurden redlich geteilt und hochmotiviert ging es mit Funktionsgymnastik und Krafttraining los. Der Ton, den ich anschlug, war sicherlich nicht üblich für eine schulische Veranstaltung, aber vielleicht haben die Kids von mir auch keine Samthandschuhe erwartet?!?!?

Als alle warm waren, ging es weiter mit Schlag- und Trittübungen im "Trockenen", also im Stand und in die Luft "geboxt" und "getreten". Hierbei erzählte ich dann ein wenig über Atmung und Körperspannung und auch wie es zum Kiai kommt und dass man dabei das Wort "Kiai" nicht aussprechen muss (was dann aber doch viele der Kids machten - aber immerhin schöööön laut ;-)

Alle Kinder führten die Übungen sehr konzentriert durch, aber so richtig "Feuer" fingen sie erst, als ich sie aufforderte, mal ein richtig böses "Karate-Gesicht" aufzusetzen. Jetzt war der Kampfgeist geweckt und voller Begeisterung wurden auch anschließend dieselben Übungen an Pratzen durchgeführt. Meine Tochter bestand darauf, nicht an den Übungen teilzunehmen, sondern selber eine Pratze für andere Kinder zu halten. So konnten wir in zwei Gruppen á ca. 10 Kindern üben und es traten schnell die ersten Fortschritte zu Tage.

Zwischendurch sollten die Kinder dann zur Stimmbildung einmal laut schreiend durch die Halle laufen, bis ihnen der Atem ausging - eigentlich gar nicht nötig, denn der Kampfschrei gelang von Anfang an. Um den Kids die Scheu vor gegenseitigem Körperkontakt zu nehmen, hatte ich einige Kontaktspiele ausgesucht. Aber auch hier überraschten mich die sechs- bis 10-jährigen: Bodycheck war kein Problem und das beliebteste Spiel war "Möhrenziehen", bei dem selbst mir Bedenken kamen, ob denn wohl alle Arme und Beine dran bleiben würden!

Am ersten Tag verließen mich "meine" Schüler dann glücklich und recht erschöpft und mit ziemlich roten Wangen! Ob ichs am zweiten Tag genauso gut hinbekommen würde?

Wir starteten "karatemäßig" mit dem Aufstellen in einer Reihe und wie selbstverständlich wurde angegrüßt, abgekniet und kurz mit geschlossenen Augen meditiert. Kein Kind fand das komisch oder "doof" und selbst die wildesten Kerle hatten artig die Augen geschlossen (ich hab natürlich geblinzelt, sonst wüsste ich das ja nicht;-)

Beim ersten Reaktionsspiel (Abklatschen erst am Oberarm, dann am Oberschenkel und in der dritten Runde sowohl-als-auch) bekam ein Kind wohl eine "Ohrfeige" und es galt, ein paar Tränchen zu trocknen. Aber anschließend war die Begeisterung wie am Vortag ungebrochen, vielleicht sogar noch etwas gesteigert, da jetzt Hintergründe und auch einige Übungen schon bekannt waren. Das Karategesicht gehörte schon zur "Grundausstattung" und auch das Durchhalten bei Gymnastik- und Kraftübungen war kein Thema mehr. Ich machte deutlich, dass eine gute Grundfitness eine unabdingbare Voraussetzung für effektive Selbstverteidigung sei. Die beste Technik heißt schließlich immer noch: Weglaufen! und ein modernes, chipsfutterndes "Computer-Kid" hat da keine guten Chancen. Das sahen alle ein und so gaben sie auch alles, was ich von ihnen abverlangte - wanden sich in der Gymnastik, stöhnten bei Situps und Liegestützen, brüllten füchterlich bei kraftvollen Schlägen gegen die Pratzen und waren dann auch dankbar für die Pausen und ruhig, wenn ich etwas zu erzählen hatte.

Nachdem wir einige "gefährliche" Situationen besprochen hatten und wie man sich in diesem oder jenem Fall zu verhalten hätte, wo man auf seinem Schulwege mögliche "Rettungsinseln" habe oder welche Telefonnummern immer parat sein müssten, wurde die Zeit dann doch ziemlich knapp, um noch die eigentliche Partner-Selbstverteidigung auszuprobieren und ein kurzes Programm für die Vorstellung des Projekts am Abschlusstag einzuüben.

Vielleicht sollte ich die Partnerübungen beim nächsten Mal etwas eher ansetzen, denn um kurz vor 11 waren die Kinder nicht mehr so konzentriert wie z. B. gleich nach der großen Pause. Aber auch jetzt konnten sie gut umsetzen, was ich von ihnen verlangte: Z. B. einer umklammert den anderen von hinten - Reaktionsmöglichkeit A: Finger zu fassen kriegen und zu brechhen versuchen. B (Wenn Arme auch mit umklammert sind): Auf den Fuß treten, Schrecksekunde nutzen und unten/seitlich wegtauchen, dem Angreifer dabei noch mit der Handkante in die Genitalien schlagen. Aber auch den Daumen-Druck auf die Luftröhre habe ich gezeigt und ausprobieren lassen, auch wenn weder mir, noch der Lehrerin ganz wohl bei der Geschichte war. Aber die Kinder probierten diese Technik mit genausoviel Respekt und Rücksicht aus wie die Übung, bei der mit der offenen Hand über das Gesicht des Gegners gefahren wird, um ein oder zwei Augen zu "erwischen". Ganz schön brutal! Aber effektiv.

Damit all dies nicht gleich auf dem Schulhof in die Praxis umgesetzt würde, stellte ich u. a. die Karatephilosophie von Meister Funakoshi vor: Karate ni sente nashi - Karate kennt keinen ersten Angriff. Auch das Dojokun wurde vorgetragen, besprochen und hinterher an die Kinder als Bestandteil einer Kursmappe ausgeteilt. Einen ganz kleinen Exkurs ins Strafrecht habe ich mir dann auch erlaubt, ohne allerdings zu erwähnen, dass die Kinder ja noch nicht strafmündig sind ;-) Ob ich die Grundschüler mit einer Kurzfassung der Entwicklungsgeschichte des Karate langweilen würde, hatte ich kurz überlegt. Dann ergab es sich aber in einer Verschnaufpause, dass ich von Okinawa, und vom Waffenverbot erzählte. Irgendwo hatte ich gelesen, dass in einem Dorf sogar nur noch ein einziges Küchenmesser erlaubt war -weiß nicht obs stimmt, aber es hörte sich gut an. Ich berichtete von der Umwandlung von Handwerksgeräten zu Waffen (Kobudo), vom Üben waffenloser Kampfkunst im Geheimen und schließlich von Gichin Funakoshi, der Karate bekannt machte und zu der Kampfkunst entwickelte, die wir heute kennen. Ich war mehr als überrascht, denn alle lauschten so gebannnt meinen Worten, man hätte eine Stecknadel fallen hören können!

Am Freitag fand dann die Präsentation aller Projekte vor der Schulgemeinde und der Elternschaft statt. Wir waren gleich als zweites dran. Alle Kinder stürmten mit lautem Kampfschrei auf die für die Aufführungen freigehaltene Schulhoffläche. Eine Reihe, Publikum angrüßen. Dann trat jedes zweite Kind einen Schritt vor und wir stellten uns alle in den Kiba-Dachi. Die nun folgenden zehn Faustschläge mit Kiai erregten auch die Aufmerksamkeit des letzten Zuschauers! Einige Faustschläge und Tritte zum "Aufwärmen" in die Luft - alles konzentriert und energisch! Ich war richtig stolz auf die "Zwerge"! Als nächstes berichtete ich kurz vom Inhalt des Kurses. Schließlich führten die Kinder noch die eingeübten Befreiungstechniken vor. Ich sah die ein oder andere besorgte Mutter im Zuschauerraum erschrocken den Kopf schütteln. Dies blieben aber wenige Ausnahmen - bei den meisten Eltern kam aber das gesamte SV-Projekt sehr gut an! Von vielen Kindern und Eltern wurde ich gefragt, wann der nächste Schnupperkurs begänne und fast alle meiner Kinder waren sich einig: Karate und Selbstverteidigung sind spitze!